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Full text of "Süd-Deutschland"

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SÜD-DEUTSCHLAND 



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MEYERS REISEBÜCHER. 

bCh WGIZ , Führer von Berlepsch. A u s g a b e I , mit 1 6 Kar- 
ten, 5 Plänen, 30 Panoramen , 28 Ansichten. Sechste Aufl. 
(1871.) Geb. . 2V6Thlr. 

Dasselbe, Ausgabe II, mit 9 Karten, 5 Plänen, 21 Panoramen. 

Sechste Aufl. (1871.) Geb 1% - 

SUlSSe, Guide par Berlepsch et ßambert. Edition I, avec 

23 Cartes et Plans, 69 Illustrations. 3me Edition (rev. 1871), rel. 3 
Dasselbe,Ed.II, avecSöCartesetlliustr. 3meEd. (rev. 1871), rel. iVg - 

Paris und Nord-Frankreich, FührervonBeriepsch. 

Zweite Aufl. (In Vorbereitung.) Geb 27, - 

Süd "Frankreich, Führer von OseU-Fels u. Berlepsch. 

Mitl7Karten,21P]änen, 5 Panoramen, 25 Ansichten.(1869.) Geb. 3 

Rom und Mittel-Italien, Führer vonGseu-Feis. Mit 5 

Karten,55Plänen,l Panorama, 79 Ansichten. 2 Bde. (1872.) Geb. 6 

Ober -Italien, Führer von GrSell-FelS. Mit 10 Karten, 

31 Plänen, 89 Ansichten und 1 Panorama. (1872.) Geb. . . SV» - 

London, Führer von E. G. EaTenstein. Mit 9 Karten, 35 Plä- 
nen, 41 Ansichten. Zweite Aufl. (1871.) Geb 2 

Rheinlande, Führer von Hey'l und Berlepsch. Aus- 
gabe I, mit 25 Karten und 16 Plänen, 8 Panoramen, 49 Ansichten. 
Zweite Aufl. von , West -Deutschland'. (1872.) Geb. . . 2% - 

Dasselbe, Ausgabe II, mit 17 Karten und 9 Plänen und 15 An- 
sichten. Zweite Aufl. (1872.) Geb IV2 - 

Nord -Deutschland, FührervonBeriepsch. Ausg.I, 

mit 27 Karten, 30 Plänen, 5 Panoramen, 88 Ansichten. (1870.) 27^ - 

Dasselbe, Ausgabe II, mit 13 Karten, 26 Plänen, 2 Pano- 
ramen, 26 Ansichten. (1870.) Geb IV2 - 

Süd -Deutschland, Führer v. Berlepsch. Ausgabe I, 
mit 21 Karten, 10 Plänen, 5 Panoramen, 48 Ansichten. 
(1871.) Geb 2V2 - 

Dasselbe, Ausgabe II, mit 16 Karten, 10 Plänen, 1 Panorama, 

21 Ansichten. (1871.) Geb IV3 - 

Thüringen, F ü h r e r von Schwerdt u. Zieg-ler. Mit 1 1 Karten, 

3 Plänen, 4 Panoramen u. 19Illustr. Zweite Aufl. (1871.) Geb. 2 

Schweiz, Wegweiser von ßerlepscll. Mit 2 Ueber- 

sichts- und 5 Routenkarten. Zweite Aufl. (1871.) Cart. V^ - 

Thüringen, Wegweiser von Anding u. Radefeld. Mit 

1 Uebersichts - u. 6 Routenkarten. Fünfte Aufl. (1871.) Cart. Vg - 
Harz , Wegweiser von Berlepscll. Mit 1 Panorama, 1 Ueber- 
sichts- und 15 Routenkarten. Vierte Aufl. (1870.) Cart. . ^3 " 
Riesengebirge, Wegweiser von Letzner. Mit 5 Karten 

und 1 Panorama. Zweite Aufl. (1871.) Cart V« * 



MEYERS REISEBÜCHER. 



SÜD-DEÜTSCHLAe 



VON 



H. A. BERLEPSCH. 



Ausgabe II. 



MIT 16 KARTEN UND 10 PLANEN YON L. BATENSTEIN, 

8 ANSICHTEN IN STAHLSTICH VON PLATO AHRENS UND 13 ANSICHTEN 

IN HOLZSCHNITT. 



HILDBURGHAUSEN, 

BIBLIOGRAPHISCHES INSTITUT. 
1871. 







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Alle Rechte \om Verle;?er vorbehalten» 



Vorwort. 



Das vorliegende Buch bildet den dritten Band der auf vier Theile 
berechneten „Reiseb üch er für Deutschland", von denen die Abtheilungen 
,, Nord -Deutschland'' und ,,West- Deutschland'' bereits erschienen sind. 

Die Gliederung jedes einzelnen Bandes ist derart angelegt, dass das 
gesamrate Routen -Netz ein für sich bestehendes Ganze bildet, doch aber zum 
Anschluss an die Nachbar- Bände in das Gebiet derselben übergreift. Diese 
vermittelnden Wiederholungen, wurden im vorliegenden Buche theils in der Form 
von Eintritts -Eouten (S. 1 bis 36) gegeben, theils bringen dieselben Eouten- 
Beschreibungen im Auszuge (R. 71 bis 74), welche bereits ausführlicher im 
Bande „West -Deutschland" (Schwarzwald - Gebiet) behandelt waren. 

Die jeweiligen politischen Grenzen und die , folge derselben, zeitweise 
verschiedenen Begriffe von Nord- und Süd - Deutschland, können für ein 
praktisches Reise -Handbuch nie massgebend sein, und so wurde denn auch ein 
namhafter Theil der zum Kaiserthum Oesterreich gehörenden Kronländer Salz- 
burg, Salzkaramergut und Tyrol mit in den Rahmen des Buches für „Süd- 
Deutschland" aufgenommen , weil man seit einem halben Jahrhundert gewöhnt 
war, dieselben dem Kollektiv -Begriffe einzuschliessen und weil die Reise -Praxis 
durch die ephemeren Erfolge der Staatskuust sich nicht beirren lässt. 

Das Buch ist, namentlich in den, die bayerischen und österreichischen 
Gebirge behandelnden Abschnitten, weniger für d^n Bravour - Touristen und 
passionirten Alpengänger, als vielmehr für solche Reisende berechnet, die ihre 
Genüsse vorherrschend auf den nicht allzuschwer zugänglichen Aussichts-Punkten 
suchen. Ein dieses Gebiet mit umfassendes und ergänzendes „Reisebueh für 
die Deutschen Alpen", auf welches der Text mehrfach Beziehung nimmt, 
wird den Anforderungen vollkräftiger Montanisten auch Rechnung tragen. 

Die ganze, das Salzkammergut und das Salzburger Land umfassende, 
Routen -Gruppe (R. 45 bis 52) entstammt der Feder unseres vortrefflichen 
Mitarbeiters, des gründlichen Kenners der Deutschen Alpen, Herrn Franz Keil. 



VI Vorwort. 

Die Eouten 34 bis 41 des Bayerischen Oberlandes hatte Herr Th. Trautwein, 
Verfasser des in mehren Auflagen erschienenen, als äusserst zuverlässig bekannten 
„Wegweisers durch Süd -Bayern, Nord-Tyrol und die angrenzenden Theile von 
Salzburg", zu revidiren und zu ergänzen die Gefälligkeit. Sämmtliche, das 
Königreich Würtemberg umfassende Routen 53 bis 70 haben Herrn Seminarlehrer 
Kümmerle in Blaubeuern zum Verfasser. Für einzelne Special -Routen gelang 
es mir, sehr ortskundige Leute Zugewinnen, wie z. B. für das Fichtelgebirgc 
(R. 11) Herrn Seminarlehrer Anding in Hildburghausen, für die Fränkische 
Schweiz (R. 13), den Bayerischen Wald (R. 20), viele Partien der Stadt- 
Beschreibung von München (R. 33) jenen Gegenden angehörende Mitarbeiter, 
welche ihre Namen nicht genannt wissen wollen. Allen spreche ich hierdurcli 
meinen verbindlichsten Dank für ihre Bereitwilligkeit und aufopfernde Mühe aus. 

Die beigegebenen Panoramen (Grünten, Hohe Salve, Gaisberg, Peissen- 
berg und München aus der Vogelschau) wurden theils von Herrn Kupferstecher 
Huber in Zürich an Ort und Stelle gezeichnet und dann von ihm gestochen, theils 
rühren dieselben, sowie die meisten der dem Buche beigegebenen Ansichten, 
vom Griffel und Stichel des Herrn Plato Ahrens hier. 

Die Gebirgs- Karten entstammen der geographischen Anstalt des Herrn 
Ludwig Bavenstein. 

Berichtigungen, welche Freunde der Meyerschen Reisebücher mir eir> 
zusenden die Gefälligkeit haben wollen , werde ich gern für eine spätere Auflage 
benutzen. 

Hildburghausen, im Juni 1870. 



Berlepsch, 

Hottingerhof bei Zürich. 



Inhalts - Verzeichniss. 



Seite 

Allgemeines XIII— XXVUI 

Keiseplan (S. XIII). — Keisekosten (S. XIX). — Transportmittel 
(S. XIX). — Führer (S. XXU). — Gasthofswesen (S. XXUI). — 
Fussreisen im Gebirge (S. XXTV). — Wanderregeln (S. XXVI). 
— Eeise-Literatur und Landkarten (S. XXVII). 

Haupt-Eintritts-Linien nach Süd-Deutschland (ß. 1—9) . . i— 36 

E. 1. Rheinische Eisenbahn (S. 1). — E. 2. Kassel — Giessen — 
Frankfurt a. M. (S. 7). — E. 3. Kassel — Fulda — Würzburg 
(S. 14). — E. 4. Eisenach — Lichtenfels — Bamberg (S. 15). — 
E. 5. Leipzig — Hof — Bamberg (S. 18). — E. 6. Leipzig — 
Eger — Schwandorf (S. 23). — E. 7. Dresden — Chemnitz — 
Eeichenbach (S. 27). — E. 8. Prag — Fürth — Schwandorf 
(S. 30). — E. 9. Wien — Linz — Wels (S. 34). 

Das Königreich Bayern (statistische Skizze) 38 — 44 

Die Bayerische Ludwigs-Süd-Nord-Balm (E. 10) 45—54 

Bamberg — Augsburg — München. 

Das Fichtelgebirge (E. 11) 55— 74 

Baireuth und Umgebung. 

Bamberg und Umgebung (E. 12) 74— 70 

Die Fränkische Schweiz (E. 13) 79— 94 

Streitberg und Muggendorf. 

Nürnberg und Umgebung (E. 14) 94—138 

Augsburg (E. 15) 138— l'iO 



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^ 



vitl Inhalts -Yerzeiclmiss, 

Seite 

Die Bayerische Ost -Bahn (K. 16. 17) I5i— 160 

E. 16. (Leipzig) Eger — Kegensburg — München. — R. 17. Nürn- 
berg — Regensburg. 

Regensburg" und die Walhalla (R. 18) . . 160—174 

Jfiederbayern (R. 19) 174—180 

Eisenbahn von Regensburg nach Linz. 

Der Bayerische Wald (R. 20) .... 182—194 

ünterfranken (R. 21) 194—203 

Ludwigs- West-Bahn von (Darmstadt) Aschaffenburg nach Bamberg. 

Die Bhön. — Kissingen. — Brückenau (R. 22) 203—214 

Würzburg". Eisenbahn Ton Würzburg — (xunzenhausen 

(München) (R. 23) 214—226 

Eisenbahn Yon Würzburg* nach Nürnberg (R. 24) 227—228 

Eisenbahn von Würzburg nach Heidelberg und die Zweig- 
bahnen (R. 25) 227—232 

Die Donau (R. 26) 231—242 

Dampfboot-Fahrt von Donauwörth nach Linz. 

Das Bayerische Schwabenland (R. 27) 243—244 

Eisenbahn von München nach Ulm. 

Die Bayerische Hochebene (R. 28) . . 243—251 

Die Ludwigs- Süd- Nordbahn von Augsburg nach Lindau. 

DieIllerthal-Bahn(R. 29) 251—254 

Von Ulm nach Kempten. 

Füssen und Hohenscliwangau (R. 30) .... , 254—264 

Von München ins Obere Lech - Thal. 

Das Algäu (R. 31) 263—276 

Von Immenstadt ins Hier - Thal. 

Der Bodensee und seine Ufer (R. 32) . . . 275—300 

Bregenz — Lindau — Friedrichshafen — Constanz. 

München und Umgebung (R. 33) ^ . 599—424 



Inhalts - Verzeiclmiss. IX 

Saite 

Das Bayerische Oberland (E. 34—42) 423—546 

Statistische Skizze (S. 423). — R. 34. Der Starnberger oderWürm- 
See (S. 435). — R. 35. Der Kochel- und Walchensee (S. 446). — 
R. 36. Peissenberg — Ammersee — Oberammergau (S. 454). — 
R. 37. Loisach - Thal und Wetterstein - Gebirge (Partenkirchen) 
(S. 470). — R. 38. Der Plansee (S. 487). — R. 39. Das Isar-Thal 
(S. 494). — R. 40. Der Tegernsee und der Achensee (S. 507). — 
R. 41. Der Schliersee und Umgebung (S. 519).— R. 42. Der Chi em- 
see und seine Umgebungen. Eisenbahn von München nach Salz- 
burg (S. 531). 

Dasinn-Thal (R. 43) 547—564 

Das Ziller ■ Thal — Die Brenner - Bahn — Das Oetz - Thal 

(R. 44) 563—574 

Salzburg — Reichenhall — Berchtesgaden (R. 45—47) . . . 575—634 

R. 45. Salzburg und Umgebung (S. 575). — R. 45a. Von Salzburg 
nach Hallein und Golling (S. 602). — R. 46. Reicheuhall (S. 611). 

— R. 47. Berchtesgadner Hochland (Königsee) (S. 618). 

Eaiserin Elisabeth-Westbahn (R. 48) G35— 642 

Von Salzburg nach Linz. 

Das Salzkanimerg-ut (R. 49— 52) 643-690 

Statistische Skizze (S. 642). — R. 49. Traunsee und Gmuiiden 
(S. 650). — R. 50. Ischl — Hallstadter See — Gosauseen (S. 659). 

— R. 51. Mondsee — Schafberg — Attersee (S. 678). — R. 52. 
Das Thalgau (S. 687). 

Das Königreich Würtemberg (R. 53—70) 090-807 

Statistische Skizze (S. 690). — R. 53. Stuttgart und Umgebungen 
(S. 695). — R. 54. Würtembergische Staats -Hauptbahn: Stuttgart 

— Friedrichshafen (S. 726). — R. 55. Hohenstaufen und Hohen- 
rechberg (S. 739). — R. 56. Ulm — Blaubeuren — Ehingen 
(S. 742). — R. 57. Stuttgart — Tübingen — Rottweil — Tuttlingen 
(S. 746). — R. 58. Das Neidlinger und Lenninger Thal (S 755). 

— R. 59. Das Uracher Thal (S. 759). — R. 60. Lichtenstein und 
die Nebelhöhle (S. 762). — R. 61. Hohenzollern (S. 766). — 
E. 62. Stuttgart — Nördlingen (S. 774). — R. 63. Aalen — Ell- 
wangen — Crailsheim — Lauda (S. 778). — R. 64. Aalen — 
Heidenheim (S. 778). — R. 65. Stuttgart — Heilbronn — Hall — 
Crailsheim — Mergentheim (S. 779). — R. 66. Das Neckar- Tli.il: 



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1 



X. Inhalts - Yerzeichniss. 

Seit© 
Heilbronn — Heidelberg (S. 788). — R. 67. Stuttgart — Bruchsal 
(S. 794). — 68. Mühlacker — Pforzheim — Karlsruhe (S. 795).— 
K. 69. Pforzheim nach Wildbad (S. 798). — R. 70. Wildbad 
(S. 799). 

Der Obere Schwarzwald (R. 71) 807—812 

lieber den EnieMs (R. 72) 8ii— 818 

Badische Süd -Bahn (R. 73) 819—826 

Constanz — Basel. 

Das Höhgäu und der südliche Schwarzwald (R. 74> . . . . 826—832 



Illustrationen - Verzeichniss. 



I. Karten. | 

Seito I 

Uebersicht der Eisenbahnen Mittel- | 

Europa's .... vor dem Titel \ 

Reisekarte von Süd -Deutschland, ] 

am Ende des Buches 

Routen -Netz für Süd-Deutschland, 

am hinteren Deckel 
Hof — Nürnberg (Fichtel- Gebirge, 

Fränkische Schweiz) .... 44 
Umgebung von Kissingen, ün Text 211 
Karte vom Algäu, im Text . . . 265 
Ulm — Friedrichshafen — Boden- 
see 275 

Umgebung von München, im Text 418 
"Walchensee — Tegernsee — Achen- 

see 446 

Eintritts -Route nach Oberammer- 
gau, im Text 462 

Reutte — Partenkirchen — Wetter- 
stein-Gebirge (Zugspitz) . . . 470 
Umgebung von Partenkirchen, im 

Text 475 

Umgebung von Salzburg, im Text. 591 
Salzburg — Berchtesgaden . . . 602 

Salzkammergut 648 

Umgebung von Stuttgart, im Text . 711 



II. Pläne. 

Seite 

Nürnberg 95 

Augsburg 137 

Würzburg 215 

München, Stadtplan 300 

- Plan der königl. Residenz, 

im Text 319 

- Plan vom Hof- Theater, im 

Text 327 

- Grundriss der Glyptothek , im 

Text 383 

- Grundriss vom National - Mu- 

seum, im Text .... 399 

Salzburg 576 

Stuttgart 696 

III. Aiisieliteii. 

Plassenburg bei Kulmbach, auf der 

Karte 44 

Waldstein im Fichtel-Gebirge, auf 

der Karte 44 

Vierzehnheiligen und Stafifclsteiu, 

atif der Karte 44 

Dom zu Bamberg, auf der Karte . 44 
Tüchersfelde in der Fränkischen 

Schweiz, atif der Karte . . .44 



r 



XII 



Illustrationen - Verzeichniss. 



Seite 
[Nürnberg, Burg und Johannes- 

kirchliof, auf der Karte . 44 

- Portal der Frauenkirche . . 108 

- Gänsemännchen 112 

- Chörlein an der Sebaldus- 

kirche 120 

- Heiden thurm 125 

- Albrecht Dürer -Haus . . . 132 
Hegensburg , Kathhaus • . . . 164 



Seite 
München, Siegesthor 335 

- Glyptothek 340 

- Bavaria mit der Ruhmeshalle 345 

- Neue Pinakothek . . . .375 
Stuttgart, Eosenstein, auf dem Plan 696 

- NiWdi., auf dem Plan . . . 696 
Ulm, Rathhausbrunnen .... 736 

Schloss Lichtenstein 763 

Burg Hohenzollern 767 



Allgemeines. 



Reiseplan. 

Reisezeit. Heise nach Süd -Deutschland, sofern sie Kur- und Bade- 
orten (Kreut, Eeichenhall, Kissingen, Wildbad, Friedrichshafen etc.) gelten 
oder Wanderungen in das Hochgebirge einschliessen, sind zwischen den Monaten 
Juni und Ende September zu unternehmen; um diese Zeit sind die Alpen und 
Passwege am schneefreiesten , die Sennhütten bewohnt und die Hotels der Kur- 
orte geöffnet. Wer blos Thalwanderungen (Fränkische Schweiz, Schwarzwald, 
oberbayerische Seen, nächste Umgebung von Salzburg etc.) oder Touren im 
Voralpenlande be«bsichtiget, kann schon den Mai dazu benutzen. Der Früh- 
ling und Frühsommer hatEeize, welche die späteren Monate nicht bieten: die 
unteren Heuberge prangen im Blüthenschmuck, von allen Hohen und Hängen 
des Gebirges rinnen und rauschen Sturzbäche geschmolzenen Schneewassers, die 
in späteren Monaten versiegen und die ganze Landschaft ist von einer Beweg- 
lichkeit und Lebensfrische durchdrungen , die in vielen Beziehungen dem Hoch- 
sommer fehlen. 

Ausrüstung. Die Equipirung richtet sich nach Dem. was man vor bat. 
Wer blos Allerweltstouren zu machen gedenkt, Wagen und Bergpferde be- 
nutzen und kaum zu Fusse gehen will, braucht seine gewohnte Garderobe nicht 
zu ändern und hat sich nur mit warmer Kleidung zu versehen. Etwas Sorg- 
lichere Vorkehrungen verlangen Wanderungen ins Gebirge, die vorherrschend zu 
Fuss unternommen werden müssen; bei diesen soll man sich zu Schutz und 
Trutz rüsten, weil Hitze und kalte Luftströmung (oft dicht nebeneinander), 
scharfes Felsengeröll , und rasch eintretender Witterungswechsel solide, prak- 
tische, zum Theil derbe Kleidung bedingen. Nähere Anleitung S. XXL 

Die Verpackung der Keispgarderobe richtet sich nach Zeit und Umfang- 
des Reiseplanes, auch nach den Komfort -Bedürfnissen des Reisenden und nach 
seiner Reise -Art, ob vorherrschend zu Fuss oder alle Beqnemlichkeitsmittel 
benutzend. Wer Wagen und Bergpferde requirirt, mag Gepäck mitnehmen, was 
und so viel ihm beliebt. Der für längere Zeit in das Gebirge zu Fuss wandernde, 
rüstige Bergsteiger bedarf, wenn er nicht gar zu ökonomisch in Wäsche und Klei- 
dung sich einrichten will, eines kleinen Lederkoffers (Garderobe- Hauptmagazin)» 
den er von einer Hauptstation zur andern, per Eisenbahn oder per Post untfr 
Lösung eines Empfangscheines, wohlverschlossen und mit seiner Adresse versehen» 
an den Gasthof, wo er zu logiren gedenkt, voraussendet ; für das tägliche Be- 
dürfuiss jedoch hat er eine Seitentasche, die nach Bedürfniss auch auf deii» 
Rücken getragen werden kann. 



XIV 



Geld. 



Reisepass wird nirgends in ganz Süd -Deutschland abverlangt, jetzt 
selbst nicht einmal mehr in Oesterreich (wo noch vor wenig Jahren die Pass- 
Kontrole mit einer ans Lächerliche grenzenden Wichtigkeit behandelt wurde), 
und würde fast unnöthig sein mitzunehmen, wenn nicht zum eigenen Schutze des 
^eisenden eine Passkarte anzurathen wäre , um für alle Fälle sich legitimiren zu 
können. Es wird nicht selten auf Industrieritter gefahndet, mit denen der 
Reisende vielleicht dem Signalement nach Aehnlichkeit hat, und um in solchen 
Fällen sofort aus allen Weitläufigkeiten zu sein, ist die Präsentation einer amt- 
lichen Legitimation das beste Mittel. Aber auch um Postrestante- Briefe oder 
Geldsendungen auf den Postbureaus in Empfang nehmen zu können, bedarf es 
in vielen Städten der Vorzeigung eines Passes oder einer Passkarte. 

Geld. In ganz Süd- Deutschland wird nach dem rheinischen Guldenfuss 
gerechnet, der Gulden zu 60 Kreuzer. Die am meisten gebräuchlichen ausge- 
prägten Münzen sind 1- und 2 -Guldenstücke, halbe Gulden, 6 - und 3 -Kreuzer- 
stücke (letztere oft blinde Blechkappen) und winzig - kleine 1- Kreuzerchen. 
Bayerische, würtemb ergische , badische und hessische Münzen dieses Gulden- 
fusses haben gleichen Werth und kursiren. Der holländische und belgische 
Gulden wird hie und da zu nehmen beanstandet, namentlich an den Eisen- 
bahnen, — Der preussische und sächsische (Vereins-) Thaler in Silber gilt 
1 fl. 45 kr. Ebenso tarifirt ist das preussische Papiergeld , welches jedoch im 
Gebirge nicht allenthalben bekannt ist; man wechsele deshalb in München baye- 
risches Papiergeld (Banknoten der Hypotheken- und Wechselbank) dafür ein. 
Der Napoleonsd'or (20 -Frankstück) gilt 9 fl. 20 bis 30 kr. — Friedrichsd'or 
9 fl. 48 kr. bis 50 kr. — An den bayerischen Bahnkassen wird der Napoleon blos 
zu 9 fl. 16 kr. angenommen. Das in Silber ausgeprägte Frankengeld wird in 
den süddeutschen Städten ohne alles Bedenken zu 28 kr. pr. Franken an- 
genommen. 

Reduktions - Tabelle. 



Courant 


Kheinische Gulden 


Rheinische Gulden 


Courant 


Thlr. 


Ngr. Sgr. 


fl. 


kr. 


fl. 


kr. 


Thlr. 


Sgr. 


Pfen. 


— 


1 


_ 


31/0 


— 


3 


— 




103/10 





2 


— 


7 


— 


6 


— 


1 


83/5 





3 





IOV2 


— 


10 




2 


10 1/3 





7 


— 


241/2 


— 


12 


_ 


3 


51/6 





10 





35 





15 


— 


4 


31/2 


__ 


20 


1 


10 


_ 


30 


_ 


8 


7 


1 





1 


45 


1 


— 


— 


17 


2 


2 


_ 


3 


30 


2 


_ 


1 


4 


4 


3 





5 


15 


3 





1 


21 


5 


4 


_ 


7 


_ 


4 


_ 


2 


8 


7 


5 





8 


45 


5 


— 


2 


25 


9 


7 


_ 


12 


15 


7 


_ 


4 


— 


— 


9 


_ 


15 


45 


10 





5 


21 


5 


10 


- 


17 


30 


25 


- 


14 


8 


9 



In den Oesterreichischen Alpen (Vorarlberg, Tyrol , Salzkammergut) sind 
die Geldverhältnisse für den Ausländer des österreichischen Papiergeldes und 
des ewig wechselnden Silber -Agios halber etwas komplicirt. Bei grösseren 
Zahlungen hat man deshalb immer zu unterscheiden, ob dieselben in „Silber- 
Währung" oder in Papiergeld zu leisten sind. Geprägtes, kursirendes Geld ist: 
Der Kaiicrgulden in Silber mit dem Brustbild Franz Josephs, von 1857 an ge- 
prägt, im Werth von 20 Sgr. oder 1 fl. 10 kr. süddeutsch (rhein.) oder 2 Fr. 45 C. 
Dem Österreichischen Papiergulden gegenüber gilt der österreichische Silber- 
gulden, je nach dem Agio 1 fl. 10 kr. bis 1 fl. 30 kr. Gewöhnlich wollen aber 
Wirthe und Kellner nichts davon wissen und behaupten, es sei gleich, ob der 



Geld. 



XV 



Fremde in Silber oder Papier zahle. Daher ist es immer vortheilhafter, sich 
bei irgend einem Kaufmann benöthigte Reisebaarschaft in österreichischen Bank- 
noten und Scheidemünze einzuwechseln. Der Gulden hat 100 Neukreuzer. In 
höherem Betrage sind nach gleichem Miinzfusse ausgeprägt: IV2 (= 1 Vereins- 
Thaler), 2 (= 1\^ Thlr. Cour.) und S%(= 2 Thlr.) Guldenstücke, die jedoch 
weniger im Verkehr vorkommen. 

Viertel- Kaiser gülden in Silber 25 Nkr. :^ 5 Sgr. ::= 17^ 2 ^^' rhein., dann 
10- und 20- Neukreuzerstücke österr. Währung. 

Die bayerischen und würtembergischen 6 -Kreuzerstücke werden im Oester- 
reichischen nur zu 9 Neukreuzer angenommen. 

Kupferne 4 -Neukreuzerstücke, einzelne und halbe (Vjf^) Neukreuzer, 
sämmtlich schönes neues Gepräge. Die alten Kupferkreuzer gelten V-/^ Neu- 
kreuzer. 

Oesierreichisches Gold: Kronen (etwa 14 fl. österr. Silber) und halbe 
Kronen (7 fl. österr.), sowie Dukaten, sämmtlich mit dem Bildniss des Kaisers. 
Gold muss beim Wechsler nach dem Kurszettel changirt werden. 

Papiergeld, von der privilegirten österreichischen Nationalbank aus- 
gegeben, existirt in 1-, 5- und 10 -Guldenscheinen, sowie in Scheinen bis zu 
1000 Gulden. Dieses ist im österreichischen Inland das couranteste Geld. Jede 
Kellnerin hnt ihre Brieftasche voll Banknoten in der Tasche. Das alte, völlig 
zerlumpte Scheingeld (Papier 10 Nkr. Zettel) früherer Zeit ist verschwanden. 
Obgleich es das bequemste und leichteste Zahlungsmittel ist, so verhüte man 
jedoch, falls man nicht längere Zeit in den Kaiserstaaten verweilt, sein Porte- 
feuille mit österreichischen Banknoten zu überhäufen; beim Wieder -Umsatz 
desselben im Auslande verliert man bedeutend. 

Für den Norddeutschen ists am Vorth eilhaftesten , preussisches Papier- 
(;eld mit nach Innsbruck, Salzburg oder Linz zu bringen und dort den Thaler 
nach jeweiligem Cours umzusetzen. Die eigentliche Valuta ist 1 fl. 50 Nkr. 
Silberwerth. Im Gebirge kennt Niemand preussisches Papiergeld, — also Vor- 
sorge, schon in den Städten das Nöthige einzuwechseln. 

Gewöhnlich gelten: 1 Kronen-Thaler 2 fl. 30 Nkr., — 1 Konventions- 
Thaler 2 fl. 10 Nkr., 1 preussischer Thaler 1 fl. 50 Nkr., — 1 Füuffranken-Thaler 
2 fl., — 1 Frankenstück 40 kr., 1 bayerisches Zweiguldenstück 1 fl. 72 Nkr., — 
— der süddeutsche Gulden = 85V2 ^^^- > ^^^ Halbguldenstück r= 43 Nkr., der 
Zwanziger alter Prägung n: 34 Nkr., der Zwölfer = 17 Nkr. NB! Alles in 
Silber - Währung. 

Reduktions-Tabelle. 



Oester- 
reich. 


Sud- 
deutsch 


Courant 


Courant 


Oester- 
reich. 


Süd- 
deutsch 


Süd- Oester. 
deutsch' reich. 


Courant 


d. 


kr. 


fl. 


kr. 


Thlr. 


Sgr. 


Thlr. 


Sgr. 


fl. 


kr. 


fl. 


kr. 


fl. 


kr. 


fl. 


kr. 


Thlr. 


Sgr. 


Pf. 


— 


5 


— 


31/2 


— 


1 


— 


1 


— 


5 


— 


31/2 


— 





— 


— 


— 







— 


10 


_ 


7 





2 





5 


_ 


25 


— 


171/2 


— 























20 


_ 


14 





4 


_ 


15 





75 


_ 


521,2 


_ 




















— 


50 


— 


35 


— 


10 


— 


22Va 


1 


12Va 


1 


I8I/0 


— 


_ 


— 


_ 


_ 


_ 


_ 


1 


— 


1 


10 


— 


20 


1 


— 


1 


50 


1 


4.S 


1 





_ 


80 





17 


2 


2 


— 


2 


20 


1 


10 


2 


_ 


3 


_ 


3 


30 


2 





1 


72 


1 


4 


4 


3 


— 


3 


30 


2 


_ 


3 


_ 


4 


50 


5 


15 


3 





2 


57 


1 


21 


5 


4 


— 


4 


40 


2 


20 


4 





6 





7 


_ 


4 


_ 


3 


43 


2 


8 


7 


5 


— 


5 


50 


3 


10 


b 





7 


50 


8 


45 


5 





4 


•^'^ 


2 


25 


n 


6 


— 


7 


— 


4 





6 





9 





10 


30 


6 





5 


15 


3 


12 


10 


7 


— 


8 


10 


4 


20 


7 


_ 


10 


50 


12 


15 







6 




4 






8 


— 


9 


20 


5 


10 


>s 




12 


_ 


M 


_ 


8 





6 


86 


4 


17 


2 


9 


- 


10 


30 


6 


— 


f) 


- 


13 


50 


15 


45 


9 


- 


7 


72 


5 


4 


4 



XYi Keiseplaii. 

Bei Fusswanderungen im Gebirge beobachte man die Vorsicht, sich ge- 
nügend mit Silbergeld oder österreichischen Banknoten zu versehen ; es gibt abge- 
legene Thäler, in denen sie dem Gold nicht recht trauen. 

Zoll. Kontrole der Effekten findet blos beim Eintritt in die öster- 
reichischen Staaten und beim Wiederaustritt aus denselben, oder wenn man aus 
der Schweiz kommt, an der deutschen Grenze statt. Dieselbe ist jedoch an den 
meisten Grenzorten so nachsichtsvoll, dass man durchaus nicht mehr klagen 
kann. Oft genügt die einfache Versicherung, dass man keine zollpflichtigen 
Gegenstände bei sich führe, um sofort expedirt zu werden. Betreffs der 
Cigarren bedarf es einiger Vorsicht; gewöhnlich lässt man etwa 12 bis 25 Stück 
passiren ; grössere Quantitäten wird man wohl thun vorzuzeigen , um dem Ver- . 
dacht des Defraudations- Versuches zu entgehen. Was bei der Fahrt aus Sachsen 
durch Böhmen nach Bayern auf der Bayerischen Ostbahn zu beobachten ist, 
steht S. 23 verzeichnet. 

Einen Reiseplan für ganz Süd-Deutschland zu entwerfen, würde ein über- 
flüssiges Unternehmen sein, weil wohl kaum Jemand eine solche Eeise im Zu- 
sammenhange machen wird. Da, wo Special -Keisepläne nothwendig sind, wie 
im Salzburger und Berchtesgadener Lande und im Salzkammergut, wurden 
solche auf Seite 602 und 647 empfohlen. Wünscht dennoch Jemand irgend 
einen Anhalt für die Reihefolge der besuchtesten und besuchenswerthesten Städte 
und Gegenden Süd -Deutschlands zubekommen, so möchten vielleicht nach- 
stehende Vorschläge dienen können. 



A. Ganz Süd - Deutschland in vier Wochen. 

1. Tag: Bis Heidelberg (Eintritts - Route 1, event. in Verbindung mit R. 2 

und 3). 

2. Tag: Eisenbahn (S. 232) über Heilhronn (R. 66) nach Stuttgart (R. 67). 

3. Tag: Vorm. in Stxdtgart (R. 53); Nachm. mit Wagen nach Mosenstein 

(S. 715), öannstadt (S. 713). Abds, Bahn nach Ulm (S. 725 bis 730). 

4. Tag: Vorm. Ulmer Münster (S. 731). — 11 Uhr nach Kempten (S. 251 bis 

254) und Immenstadt (S. 248 und 249). 

5. Tag: Früh nach (S. 264 bis 268) Ober stdorf \xndi Partien (S. 268 bis 272). 

g^ Hier eventuell Schalttag. 

6. Tag: Mit Wagen oder zu Fuss (9V2 St.) über Sonthqfen (S. 274 bis 276) 

nach Beutte (S. 490). 

7. Tag: Zu Fuss oder mit Wagen (S. 264) nach Füssen (S. 255), Kalvarien- 

herg (S. 256), *Hohenschwangau (S. 257 und ff.), Marienbrücke 
(S. 262) etc. 

8. Tag: Ganz früh (3 Uhr) Post nach (S. 255) Kempten {8^/4 Uhr Vorm.). Bahn 

Mittags in Augsburg (S. 138). Abds. nach München. 

9. und 10. Tag: In München (S. 299 und ff.). 

11. Tag: Eisenbahn erster Zug nach Weilheim (S. 468). — Post (9V4 Uhr 

Vorm.) nach (S. 474) Garmisch (Nachm. 4 Uhr). 

12. Tag: Partien in der Umgebung (S. 475 bis 486). 

13. Tag: Mit Miethwagen oder zu Fuss über Mittenwald (S. 487) und Scharnitz 

(S. 503 bis 506) nach Innsbruck. 

14. Tag: In Innsbruck (&. 564: und ff.). 



Reiseplan. XVIi 

15. T ag: Eisenbahn über Kufstein (S. 554 bis 548) \xiidi Rosenheim nach (S. 553 

bis 537) Salzburg. 

16. Tag: In Salzburg (S. 617 und ff.) und Umgebung (S. 575). 

17. Tag: Mit Wagen u&ch Berchtesgaden {ß. 590 und ff.) und Königssee (S. 625 '. 

üebernachten in Berchtesgaden. 

18. Tao-: Zu Fuss oder mit Wagen Wimmbach- Klamm (S. 630), iJamsa« (S. 630), 

Reichenhall (S. 611). Eisenbahn nach Salzburg. 

19. Tag: Eisenbahn von Salzburg früh 7 Uhr nach Lambach (S. 635 bis 637) 

und Gmunden (S. 649). Ueber den Traunsee (S. 655) nach Ischt 
(S, 658). Kachm. gegen 5 Uhr. 

20. Tag: Zu den Gosauseen (S. 674). 

21. Tag: Hallstadter See (S. 671), Aussee (S. 668) und über St. Agatha zurück 

nach Ischl. 

22. Tag: Nach St. Wolfgang (S. 677) und auf den Schafberg (S. 679). 

23. Tag: Hinab nach Weissbach (S. G86). Längs des Attersee hinaus nach 

VöcJclabruch (S. 637). Eisenbahn über Wels (S. 638 und 180) nach 
Passau (S. 177). 

24. Tag: Regensburg und Walhalla (S. 159 bis 174). 

25. Tag: Eisenbahn nach Nürnberg (S. 160 und 155). 

26. Tag: In Nürnberg (S. 94 bis 138). Nachm. Bahn nach Bamberg. 

27. Tag: Vorm. in Bamberg (S. 74). Dann Eisenbahn nach Würzburg (S. 204 

bis 202). 
23. Tag: Heimreise. 



B. Viepzehntägige Toup. 
Salzburg — Inn-Thal — München. 

Leipzig bis Regensburg (S. 23 bis 27, dann 151 bis 153 und 159). 
Walhalla (169 und ff.).— Nachm. Bahn nach Passau (S. 175 bis 177). 
Abds. Bahn nach Wels (S. 180). 

Morgens 5 Uhr Eisenbahn nach Salzburg (R. 48). — In Salzburg 
(S. 575 bis 590). 

Mit Wagen nach Hallein und Golling (S. 602 bis 608) und zurück 
nach Salzburg. 

Mit Wfigen oder zu Fuss nach Berchtesgaden (S. 617), Königssce 
(S. 625), Ramsau (S. 630), Reichenhall (S. 611). 

Mit Wagen (sonst braucht man für den 6. und 7. Tag drei Marsch - 
tage) über den Kniepas s , Lofer (S. 551) und St. Johann (S. 551), 
in Summa 13 St. 

7. Tag: Kitzbüchel (S. 551), *Hohe Salve (S. 549) und Wörgl (S. 549) 8 St. 

Bahn nach (S. 551 bis 554) Innsbruck. 

8. Tag: in Innsbruclc (S. 554 und ff.). 

9. Tag: Mit Wagen über Zirl (S. 561), hinauf über Scharnitz (S. 503) , Mitten- 

wald (S. 502) nach Partenhirchen (S. 472). 

10. Ta^: Partien im Wetter st ein -Gebirge (S. 475 bis 480). 

11. Tag: Durch das Loisach- Thal (S. 472) \\h&r Mnrnau (S. 470) und den 

Starnberger See (in Seeshaupt, S. 441, einsteigen, in Starnberg aus- 
steigen), Eisenbahn (S' 435) nach München (S. 299 und flf.). 

12. und 13. Tag: In München. 

14. Tag: Ueber Nürnberg (S. 94 und ff.) Heimweg. 

Hörlepsch' Süd- Deutschland. II 



1. 

2. 


Tag: 
Tag: 


3. 


Tag: 


4. 


Tag: 


5 


Tag: 


6 


Tag: 



xviil Reiseplan, 



C. Vierzehntägige Tour. 
Innsbruck — Salzburg — Salzkammergut. 

1. Tag: Bis Nürnberg (S. 45 bis 48). 

2. Tag: In Nürnberg (S. 93 und ff.). Nachm. nach München (S. 48 bis 54). 

3. Tag: In München (S. 299 und ff.). 

4. Tag: Wie Route A, 11. Tag. 

5. Tag: Wie Route A, 12. Tag. * 

6. Tag: Wie Route A, 13. Tag. 

7. Tag: In Innsbruck {S. 554), Eisenbahn über Rosenheim (S. 554 bis 547) 

nach Salzburg (S. 533 bis 537). 

8. Tag: In und um Salzburg (S 575 bis 590 und ff.). 

9. Tag: Wagen nach Berchtesgaden (S. 617), Königssee (S. 625) und Reichen- 

hall (S. 611). 

10. Tag: Omnibus Morgens über Fuschel und St. Wolf gang (S. 689) nach 

IscU (S. 659). 

11. Tag: Zum Hallstadter See (S. 671 bis 672). 

12. Tag: Bamsau und die Gosauseen (S. 674 bis 675). Zurück nach Ischl. 

13. Tag: Von Ischl früh 5 Uhr (?) über den Traunsee (S. 655), nach Gmunden 

(S. 650) und Bahn über (S. 649) Lambach (IOV2 Uhr Vorm.) nach 
Wels und (S. 638) Passau (S. 180). 

14. Tag: Von Passau Vorm. (5^/^ oder 10 Uhr) Eisenbahn nach Regensburg 

(S. 177 bis 175) und Walhalla (S. 159). Eventuell noch Abends An- 
tritt der Heimreise. 



D. Dreiwöchentliche Fuss-Tour. 
Algäuer Alpen — Bayerisches Oberland. 

WinirMi'.Yon Leipzig über fio/" und Bamberg (S. 18 bis 24), direkt durch 
Nürnberg und Augsburg (S. 45 bis 52) bis Immenstadt (S. 246 bis 249). 
Oder: 
Ueber Stuttgart (R. 53) und Ulm (R. 54) nach (S 251 bis 254) Kempten und 
(S. 248 und 249) Immenstadt (die Tage 2 bis 4 des Reiseplanes A, 
S. XII). 
I.Tag: Auf den (9rMnie» (S. 267). Hinab und über Sonthofen (^niQS, Bier) 
nach Oberstdorf (ß. 268). 

2. Tag: In die Spielmannsau (S. 270), Freibergsee und Walser - Schanze 

(S. 269). 

3. Tag: Von Oberstdorf rait Führer übers Nebelhorn (S. 273), und durch das 

Hinter Steiner Thal (S. 274) nach Ilindelang (S. 274). 

4. Tag: Durchs Thannheimer Thal nach Beulte (S. 274 bis 276). 

5. Tag: Umgebung von Beulte (S. 490). — Nach Füssen (S. 264) und Um- 

gebung (S. 256 und 257) und nach Hohenschwangau (S. 257 und ff.). 

6. Tag : Mit Führer (im Vorbeigehen) Pöllatschlucht und Ma7ienbrücke (S. 262). 

— Durch das einsame Pöllat- und Graswang - Thal (S. 468) nach 
^ttal (S. 458). ^ 

7. Tag; (Eventuell Rasttag und Gang nach Oberammergau S. 463). Hinab 

über Oberau (S. 470) nach Garmisch (S. 473). Nachm. zum *Eibsee 
(S. 475) und zurück nach Garmisch. 



Reisekosten. Xix 

8. Tag: Irgend eine der auf S. 475 bis 481 beschriebenen Exkursionen. 

9. Tag: Ueber Ellmau (S. 477) nach Mittemoald (S. 478) und Scharnitz 

(S. 503). 

10. Tag: Hinab nach Zirl (S. 505) und nach Innsbruck (S. 506). 

11. Tag: In Innsbruck (S. 554 bis 5G1). 

12. Tag: Eisenbahn bis Jenbach (S. 552). Hinauf an den Achensee zur Per- 

tisau (8. 512). Exkursion in die Hinter -Biss (S. 500) und zurück 
nach Pertisau. 

13. Tag: Zur Scholastika (S. 518) durchs Achen-Thal und Pass Ächen (S. 517) 

nach Kreut (S. 514). 

14. Tag: Eine der Bergtouren auf S. 515 bis 516. 

15. Tag: Hinaus nach Tegernsee (S. 514 und 509) und Schliersee (S. 522) und 

Eisenbahn nach München (S. 532 bis 531). 

16. bis 18. Tag: In München (S. 299 und ff.). 
19. Tag: Nach Nürnberg und Heimreise. 

Reisekosten. 

Die Reisekosten richten sich selbstverständlich nach den Gegenden, 
•welche man berührt und nach den Ansprüchen , welche man an Komfort und 
Lebensweise macht. Wer alle bequemen Transportmittel benutzt, überall Führer 
oder Träger nimmt und in den ersten Hotels wohnt, wird durchschnittlich täglich 
unter 12 bis 14 Gulden nicht auskommen. Fussgäuger bei bescheidenen An- 
sprüchen an Küche und Keller können durchschnittlich (Führerlohn nicht ein- 
gerechnet) mit 4 bis 5 Gulden ausreichen. Die Kosten im Allgemeinen sind un- 
geheuer verschieden. In den bayerischen Städten und auch in den meisten 
Würtembergs lebt man verhältnissmässig billig; noch billiger im Ba^'crischen 
Gebirge, am billigsten in den Algäuer Alpen. Etwas theuerer ists am Starn- 
berger See (R. 34), in Tegernsee (R. 40) und Partenkirchen; im Allgemeinen 
theuerer, sowie man ins Oesterreichische kommt, und die höchsten Ansätze findet 
man im berchtesgadener Ländchen und ganz besonders im Salzkaramergut , sehr 
oft ohne nur einigermassen entsprechenden Komfort. 



Transportmittel. 



Eisenbahnen. Die Entwickelung des Eisenbahnwesens hat in Süd- 
Deutschland gleichen Schritt mit demjenigen Nord -Deutschlands gehalten und 
alle Städte von nur einiger Bedeutung sind bereits durch Schienen verbunden. 
Dadurch, dass die drei Staaten, Baden und NVürtemberg ausschliesslich, und Bayern 
grösstentheils den Bau und Betrieb der Bahnen als Staats - Angelegenheit an- 
.-ahen und nur BayXjrn für den östlichen Theil seines Landes einer grossen 
Aktien -Gesellschaft (Ostbahn: Eger — Regensburg — Passau — München resp. 
Nürnberg, vergl. K. 6, 8, 16, 17 und 19) Koncession ertheilte, wurde die Mög- 
lichkeit einheitlicherer Anlage bewahrt, die namentlich in Würtemberg und 
Baden als den Bedingungen des inneren Verkehrs zur Hebung des Landbaues 
und der Industrie dienend, neben ihrer Hauptaufgabe: vermittelnde Glieder zum 
jrrossen central - europäischen Netze zu erstellen , ihre Adern belebend in alle 
Gegenden des Landes erstreckt. Seit dem Betriebe der südlichen bayerischen 
Bahnen ist den Freunden der Natur die Gelegenheit geboten, mittels der 
München -Salzburgcr (R. 42), der München- Starnberger (R. 34) und der nach 
Lindau gehenden Bahn (R. 28) dem Gebirge auf diesem bequemen Beförderungs- 

II* 



XX Eeisekosten. 

wege sehr nahe zu kommen. In allen drei Ländern gibt es nur 3 Wagenklassen, 
deren Taxen durchschnittlich pr. Meile I. Kl. 18 kr., II. Kl. 12 kr., III. Kl. 8 kr. 
ist. — In Bayern besteht für alle Schnell- und Courier -Züge eine Tax-Erhöhung 
Ton 2Q Procent Zuschlag zu den gewöhnlichen Preisen. In Würtemberg gibt es 
nur auf den Linien, welche den grossen Verkehr mit den angrenzenden Systemen 
vermitteln, Schnellzüge mit erhöhten Taxen. — In Bayern und Baden sind die 
Waggons nach dem Coupe -System gebaut, welches für weite Strecken und 
Nacht -Reisen unbedingte Vorzüge hat, jedoch dadurch wieder verliert, dass 
alle, einem Ziele zufahrenden Passagiere in ein Coupe gewiesen werden und 
so dem Reisenden die Möglichkeit abgeschnitten wird, mit einem zufällig unter- 
wegs angetroffenen Bekannten oder G-eschäftsfreunde, der einem näher oder 
ferner gelegenen Ziel auf der gleichen Linie zureist, während der Fahi-t ver- 
kehren zu können. — In Würtemberg sind die Waggons nach amerikanischem 
System gebaut, so dass dem Passagier die Wahl des Sitzes und der Verkehr mit 
anderen Fahrgästen gleicher Klasse freisteht. Die Wagen I. und II. Klasse der 
Bayerischen Staatsbahnen haben für den Winter auf den grossen Linien bei den 
Schnellzügen durch Einführung von Dampfbeizungs -Röhren am Boden der 
Waggons unter den Sitzen eine wesentliche Verbesserung erfahren. 

Auf den österreichischen Bahnen besteht, während das landesübliche 
Zahlungsmittel Papiergeld (vergl. S. XI) ist, der Zwang an den Kassen, in 
Silbergeld zu zahlen, oder bei Papierzahlung einen Agio -Zuschlag von 20 Pro- 
cent und eine Stempelgebühr von 2 Procent auf die Normal -Taxe legen zu 
müssen, so dass die publicirten Taxen- Tarife in den Coursbüchern nur illu- 
sorisch sind. 

Die Dampfschifffahrt ist in Süd-Deutchland bis jetzt (mit Ausnahme 
des deutschen Antheils am Bodensee, R. 32, S. 281 bis 296) kaum über beschei- 
dene Versuche hinaus gekommen. Trotz dem Seen-Reichthume des Bayerischen 
Oberlandes und des Salzkammergutes ist die flächenhafte Entwickelung eines 
jeden dieser Binnengewässer eine zu unbedeutende und ihreLage für den grossen 
Verkehr zu ungünstig, als dass hier wie am Rhein und in der Schweiz lebhafte 
Thätigkeit sich entwickeln könnte. Stunden so reichen und wechselnden Ge- 
nusses wie jene, die bei einer vom Wetter begünstigten Schweizerreise während 
einer Dampfbootfahrt über den Vierwaldstätter- , Thuner-, Brienzer- und Genfer- 
See sich entfalten und die schweigendsten Erinnerungen hervorrufen, kann kein 
Gewässer Süd -Deutschlands und Salzburgs bieten. So äusserst lohnend bei 
günstiger Beleuchtung eine Kahnfahrt über den grossartig eingerahmten Königs- 
see (S. 625) ist, im Anblick der ihn umstehenden Felsenkolosse, und so sehr diese 
sanftere, langsamere Beförderungsform Gelegenheit gibt, ein lang und ruhig an- 
geschautes Bild zu Studiren und nachhaltiger in sich aufzunehmen, so ermüdet 
den weitaus grössten Theil der Reisenden^ die nun eben durch die gewonnenen 
Resultate unseres Jahrhunderts an rascheren , unterhaltenderen Wechsel der 
Bilder gewöhnt sind, diese zum prächtigen Einerlei werdende Kahnfahrt. — Bis 
jetzt besteht Dampfschifffahrt blos auf den drei Binnengewässern des Chiemsee 
(S. 537, von der grossen Reisewelt wenig benutzt), des Starnberger Sees (S. 439), 
des Attersees (S. 686) und des Hallstadter Sees (S. 672) — und eine täglich ein- 
malige Fahrt auf der Donau von Regensburg nach Linz (S. 239 bis 242), Die 
Befahrung der Strecke Donauwörth-Regensburg wird bei niedrigem Wasserstande 
oft unterbrochen. — Die Kahnfahrten auf den kleinen Seen sind meist in sofern 
geregelt, als ihre Leitung unter einem Schiffs- oder Seemeister steht und die 
Taxen für bestimmte Strecken fixirt sind; sie wurden jeweilen am betreffenden 
Orte des Buches verzeichnet. 



Transportmittel. XXI 

Postwesen. Seit die Eisenbahnen in günstig gelegenen Ländern das 
dominirende Verbindungs - und Beförderungsmittel geworden sind, ist die Per- 
sonen-Fahrpost in sehr vielen Gegenden zu einer ärmlichen ünbedeutendheit 
herabgesunken und thut nur noch Handlanger- Dienste zur Herbeischaffung des 
Transport -Materials aus Neben- Gegenden für die mächtigen Bahnen. Einen 
grossen, stolzen, selbstständigen Postverkehr, wie er zur Zeit in der Schweiz mit 
täglich mehrmaligen Kursen noch besteht, wo man über die 6000 und 70 'Ü F. 
iiohen Welt- Verbindungsstrassen eines Simplon, Gotthard, Bernhardin, Spiügen, 
Julier, Albula etc. noch keine Eisenschienen legen konnte, — kennt eigentlich Süd- 
Deutschland nicht mehr. Salzburg hat noch einige derartige Eilwagen -Kurse 
nach Gastein , Ischl und Radstadt, ebenso Kempten mit Innsbruck, der Kurs 
über Mittenwald (S. 502) nach Innsbruck und einige andere, die mehr dem kom- 
merziellen Verkehr dienen. Die kleinen Linien werden von Postomnibus be- 
befahren, die je nach der Individualität der Hefren Posthalter und des Publi- 
kums, welches auf diesen Strassen verkehrt, in vielen Gegenden Bayerns viel zu 
ivünschen übrig lassen. Die dem Fürsten von Thurn und Taxis einst als erb- 
liches Reichslehen übertragene Berechtigung , den Postverkehr in ganz Süd- 
Deutschland gegen eine jähi-liche Abgabe auszuüben , hat seit etwa 20 Jahren 
aufgehört zu bestehen. — Bayern, Würtemberg und Baden gehören dem 1850 
gegründeten deutsch -österreichischen Postverein an. — Ausser den von den 
Postanstalten besorgten Kursen fahren, namentlich auch zwischen den im 
Sommer stark besuchten Badeorten, sogen. ,, Stellwagen", d. h. täglich oder 
wöchentlich an bestimmten Tagen, zu festgesetzter Stunde, nach einem bestimmten 
Ziel abgehende Privatomnibus , die bei sehr bescheidenen Taxen aber auch un- 
endlich wenig bieten und etwa von männlichen Touristen benutzt werden können, 
die sich in sehr gemischter Gesellschaft vorübergehend zurechtfinden, in den 
meisten Fällen aber für Damen unanwendbar sind. Diese Stellwagenkutscher 
halten und füttern wo sie wollen und so lange es ihnen beliebt , stopfen so viel 
Passagiere und Frachtstücke in den Hohlraum ihres Fuhrwerkes als sich über- 
haupt nur hineinpferchen lässt und sind während der Fahrdauer unumschränkte 
Machthaber. 

Lohnkutscher. Das Reisen mit gemiethetem Wagen ist unbedingt dem 
mit der Post vorzuziehen; man ist Herr seiner Zeit, seines Willens, kann an- 
halten, so oft und wo man will, den Wagen öffnen und schliessen lassen, wie es Zeit, 
Ort und Umstände wünschbar machen. Wenn 4 Personen einen Wagen nehmen, 
stellt sich in der Regel der Preis nicht höher als die Post- Taxe. Bei dem Lohn- 
kutscherwesen ist man aber auch manchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt. Auf 
den grossen Routen ist die Lohnkutscherei zu einem raffinirten Erweibszweig 
ausgeartet, bei welchem der Reisende nicht selten stark geschröpft wird. 

Im Allgemeinen ist folgende Vorsicht zu empfehlen : Man unterhandele 
lieber mit dem Wirth des Gasthofes, in welchem man zur Zufriedenheit bedient 
M'urde, als mit unbekannten Lohnkutschern über die Weiterreise. Mit dem 
Wagenverleiher oder Kutscher rede man ganz bestimmt den runden Preis pr. Tag 
oder für die ganze Reise in Gegenwart des Wirthesab und verständige sich ebenso 
unumwunden über das Trinkgeld, über die Ankunftszeit, sobald es sich darum 
handelt, zu einer bestimmten Stunde Eisenbahn oder Dampfschiff zu erreichen. 

Zu beachten ist auch noch, dass in den streng katholischen Ländern die 
Kutscher während des sonntägigen Vormittags -Gottesdienstes abzureisen in der 
Regel sich weigern. 

Will mau ganz sicher gehen, so eutwerfe man mit 2 bis 3 Zeileu eine Art Kon- 
trakt, der Preis, Trinkgeld, Zahl der mitfivhreuden Personen und Zeit der Aukuuft ent- 
hält, und lasse dies vom Kutscher unterzeichnen. 



XXII Pührer. 

Aber man gebe auch den Kutschern keine Gelegenheit, durch verzögerte 
Abreise oder unnützen Aufenthalt sich entschuldigen zu können. Den Gasthofs- 
Empfehlungen der Kutscher traue man nicht zu sehr; nicht selten sind sie von 
den Wirthen bestochen. — Man verständige sich mit dem Kutscher ferner 
darüber, ob und was man ihm für den Rückweg zu bezahlen habe, falls er keine 
Rückpassagiere bekomme. Dies gilt indessen nur von minder bereisten Gegen- 
den. In den frequenten Thalschaften muss der Reisende eine solche Zumuthung 
des Kutschers zurückweisen. Für Touren in den weniger bereisten Gegenden 
gibt es gewöhnlich keine bedeckten Wagen, sondern nur ganz leichte , offene, die 
freilich bei ungünstiger Witterung durchaus keinen Schutz verleihen. Zwölf bis 
vierzehn Wegstunden gelten gewöhnlich als Tagestour, wobei eine Mittagrast 
von einigen Stunden nicht zurückgewiesen werden darf. Die üblichen Preise 
für ein- und zweispännige Wage» pr. Tag variiren nach den Gegenden ausser- 
ordentlich ; an den Hauptpunkte^! wurden die fixirten Droschken - und Fiaker- 
Taxen nach den besuchtesten Orten in diesem Buche verzeichnet. — Das in der 
Schweiz in so hohem Grade ausgebildete Beförderungsmittel durch B€rgpferde 
ist in den Bayerischen und Oesterreichischen Alpen erst ganz sporadisch im Ent- 
stehen begriffen; an den Kurorten gibts Esel für kleine Spazierritte ins Gebirge. 
Ebenso verhält es sich mit dem Institut der Sesselträger; würde man diesen und 
ähnlichen Bequemlichkeitsmitteln mehr Sorgfalt widmen , so würde der Besuch 
der Süddeutschen Alpen in anderem Grade zunehmen als bisher. 



Führer. 

Ein guter Führer im Gebirge, wenn er das ist, was er sein soll, erhöht 
den Genuss der Reise ausserordentlich. Aber auch in dieser Hinsicht stehen 
in den Süddeutschen Alpen die Leute , welche dieses Geschäft betreiben , den- 
jenigen der Schweiz und selbst des Thüringer Waldes bedeutend nach. Sie 
sind zwar ehrliche vollkräftige Männer, die Weg und Steg kennen, gute Hand- 
hülfe bei schwierigen Stellen leisten, unverdrossen und gutmüthig die ihnen 
aufgebürdeten Reise - Effekten tragen und in den meisten Gegenden ganz be- 
scheidene Forderungen stellen , — aber das ist auch die Summe alles dessen, 
was man von ihnen erwarten darf. Leute, so geschult und instruirt wie z. B. 
im Berner Oberlande der Schweiz, wo die Meisten neben ihrer ins Schrift- 
deutsche übertragenen Muttersprache noch Französisch, oft etwas Englisch oder 
Italienisch sprechen, sodann gute orographische Kenntnisse, oft ziemlich weit 
über ihren Heimath -Distrikt hinaus besitzen, nicht selten sogar etwas von Bo- 
tanik, Meteorologie und Physik verstehen und dabei von der Behörde gegen 
hinterlegte Bürgschaft patentirt und für ihre Dienstleistung einer festen Taxe 
unterstellt sind, — solche Führer gibts in Bayern, Tyrol und dem Salzkammer- 
gute überhaupt nicht, beziehungsweise wenig. Dies liegt zum Theil darin: dass 
die Süddeutschen Alpen noch nicht in dem Maasse von Fremden besucht werden 
wie die Schweizerischen , so dass an den meisten Orten, von denen aus man 
Touren ins Gebirge macht, es nicht der Mühe lohnen würde, während des Som- 
mers ausschliesslich aufs Führerwesen sich zu verlegen und speciell dafür vor- 
zubereiten , — zum Theil liegts aber auch in der Erziehung und Bildung des 
Volkes selbst, das, einfacher und ursprünglicher in seinen Sitten, sich weniger 
den Forderungen der Fremden anzubequemen versteht, Anregungen, auch in 
diesem Gebiete voranzugehen, haben die Alpenvereine gegeben, jedoch noch 
ohne wesentliche Resultate. 



Gasthofswesen. xxiil 

Für viele der besuchtesten Partien bedarf Derjenige, der nicht Etwas zu 
tragen hat, keines Führers. Es ist keine unzeitige Oekonomie, wenn man auf 
solchen Wegen sich anderen Reisenden anschliesst; aber das Sparsystem ist 
durchaus irrig angewendet, wenn man ohne Beistand eines zuverlässigen Führers 
sich in wenig betretene Hochgebirgsgegenden oder Gletscher-Reviere wagt. Wer 
noch nicht in den Alpen war, kennt die unendliche Einsamkeit solcher Gegenden 
nicht und hat keinen Begriff von der hülflosen Lage , in welche der Reisende 
kommt, wenn ihm, dem Alleingehenden, irgend ein Unfall znstossen sollte. 

In manchen der Bade- und Luxus -orte, wie z. B, in Reichenhall, Salz- 
burg etc. leisten die Dienstmänner Führer- Dienste auch in der Umgebung, nur 
hüte man sich , den ersten besten kräftigen Burschen für Partien wie auf den 
Untersberg (S. 598) zu engagiren. 

Gasthofswesen. 

Die Gasthöfe eines jeden Landes sind mehr oder minder ein Abklatsch 
der lokalen Zustände und Sitten. Aus diesem Grunde gibt es in Süd- 
Deutschland viele Gasthäuser, in denen es sich ganz gemüthlich weilen lässt, 
wenn man es mit einzelnen Anforderungen nicht zu genau nimmt. Legt man 
jedoch den Maasstab des modernen Hotels an, so ist Süd -Deutschland mit 
sehr wenigen Ausnahmen noch ziemlich weit hinter dem zurück , was Nord- 
Deutschland, die Rheinlande und ganz besonders die Schweiz bereits in hohem 
Grade erreicht haben und von Jahr zu Jahr noch vervollkommnend ergänzen. 
Gasthöfe, in denen Zweckmässigkeit der Anlage, Komfort und Eleganz der Ein- 
richtung, Takt und Sicherheit der Leitung, Exaktität des Dienstes, Pracht der 
Aussicht und Güte der Konsum -Gegenstände , ein so harmonisch -zusammen- 
stimmendes Ganze bilden, wie dies z. B. bei den als Muster -Hotels der Schweiz 
bekannten ßaur au Lac in Zürich , Schweizerhof in Luzern und am Rheinfall, 
Bernerhof'm Bern , Drei Könige in B&sel und vielen anderen der Fall ist, hat 
Süd -Deutschland, etwa mit einzelnen Ausnahmen in Salzburg, Heidelberg und 
Baden-Baden keine aufzuweisen, auch dann nicht, wenn man jenen Faktoren 
dabei in Abzug bringt, der durch die „Gunst der Lage" so mächtig unterstützend 
mitwirkt. Selbst viele Häuser der Schweiz, die gar nicht anstreben, Hotel 
ersten Ranges sein zu wollen, sondern ihren Stolz darin suchen, ein Gasthof 
zweiten Ranges comme il faut zu sein, übertreffen im Facit ihrer zusammen- 
wirkenden Eigenschaften viele Gasthäuser süddeutscher grösserer Städte, welche 
glauben, selbstversändlich in die erste Linie mit eintreten zu dürfen. 

Allgemeines lässt sich im Weiteren über Preise und Bedienung nicht viel 
sagen. Verhältnissmässig am Besten sind die ihrer ländlichen Originalität treu 
gebliebenen Mitfelgasthöfe des Bayerischen Oberlandes und Würtembergs; bei 
ihnen steht die Rechnung, welche der Fremde bezahlen muss, gewöhnlich in 
einem richtigen Verhältniss zu dem, was für die Leistungen angesetzt wurde; 
verfeinerte, gaumenkitzelnde Kochkunst muss man freilich in solchen Etablisse- 
menten nicht suchen, — aber wer an eine gesunde, kräftige, bürgerliche Küche 
gewöhnt ist, wird in den meisten Fällen befriedigt werden, ja sogar im Gebiete 
der Fastenspeisen (Fische und Mehlspeisen) Platten vorgesetzt bekommen, die 
jeder grossen Table d'höte zur Ehre gereichen würden. In den meisten diese)- 
Häuser ists auch mit den Zimmern ganz ordentlich, etwa die Betten abgerechnet, 
die oft des Guten an Federn zu viel haben. Ziemlich gebräuchlich ist die Be- 
dienung durch Kellnerinnen, unter deren Fürsorge man in der Regel besser ver- 
sehen ist als unter der jener arroganten Bürschchen , welche glauben, der 



XXIV Fussreisen im Crebirge. 

schwarze Frack und der schwungvolle Tellerwechsel mache schon den Kellner 
aus, — Viel schlimmer stehts mit den meisten derjenigen Häuser, die von dem 
Wahne befangen sind: durch einige auf den Treppen angebrachte Bastteppiche 
und durch Oelfarben - Anstrich imitirte Parquet-Fussböden ihr altes Haus den 
Anforderungen der verwöhnten Reisewelt entsprechend eingerichtet zu haben und 
nun auch Preise ersten Ranges verlangen zu dürfen ; unter diese llubrik gehören 
namentlich mehre Gasthöfe an den vielbesuchten Seen des Bayerischen Ober- 
landes und namentlich denen des Salzkammergutes. 

Zu einem Vorzuge der viel bereisten Gebirgsgegenden des nördlichen 
Tyrol gehört die ungemein löbliche Einrichtung, dass die Orts -Pfarrer verein- 
Srimter in den hintersten Winkeln der Alpen gelegener Dörfer während des 
Sommers ihr „Widdum" oder Pfarrhaus für 6 bis 8 Gäste eingerichtet haben 
und solche gegen sehr bescheidene Vergütung gut beherbergen und mit einfacher 
Kost laben. 

Als allgemein gültige Gasthofs -Regeln mögen hier noch folgende 
Raum finden: 

In allen guten Hotels erhält der Reisende specificirte schriftliche Rech- 
nung; dieser Modus ist unter allen Umständen zu verlangen, um allfalsigen 
Prellereien der Oberkellner zu entgehen. Wo man gerechten Verdacht gegen die 
Aecbtheit einer Rechnung zu haben glaubt, lasse man dieselbe vom Wirthe selbst 
prüfen. Glaubt man, überfordert zu sein, so verlange man quittirte Nota. Solche 
Rechnungen erbittet sich der Herausgeber vorliegenden Buches zur Benutzung. 
Zu erinnern ist jedoch, dass es zur Praxis gewisser Oberkellner gehört, Rech- 
nungen absichtlich fsilsch zuaddiren, so dass die Ansätze einzeln wohl richtig 
sind, die Summe aber um 30 kr. bis 1 fl. zu hoch herauskommt. Ein solcher 
„Irrthum" rettet vom Schein der Prellerei, während der Reisende faktisch doch 
geprellt wird. 

Dass man kurz vor der gemeinsamen Table d'hote aus unverständiger 
Oekonomie nicht ein bescheidenes Gabelfrühstück verlange, für welches in der 
Regel dann fast ebenso viel zu zahlen ist, als wie für vollständige Mittagstafel, 
— dass man mit der Bezahlung der Rechnung nicht bis zum letzten Augenblick 
zögere , sondern dieselbe (namentlich wenn man am andern Morgen früh weiter 
wandern oder mit der Bahn fahren will) schon am Abend berichtige, sind alte 
lleiseregeln. 



Fussreisen im Gebirge. 



Alle jene weltbekannten Vortheile und Eigenthümlichkeiten , welche das 
Fussreisen überhaupt darbietet, zeigen sich auch bei Alpenwanderungen; nur 
bedingen Klima und Natur des Landes noch einige Modifikationen. 

Zeiteintheilung. „Morgenstunde hat Gold im Munde" gilt ganz be- 
sonders für Alpentouren. Zeitiges Ausmarschiren gewährt den Vortheil , mit 
vollen, frischen Kräften frühzeitig schon eine gute Strecke vorwärts zu kommen. 

— Wer mit den Forderungen seines Magens sich so verständigen kann , dass er 
erst nach einigen Wanderstunden sein Frühstück (Kafi'ee) einnimmt, wird sich 
sehr wohl dabei befinden. — Das Marschiren in der Mittagswärme ist überall un- 
angenehm, in den engen Alpenthälern aber oft unerträglich, weil die Sonnen- 
Reflexe von den Felsen mitunter afrikanische Gluth ausströmen. Eine etwa 
4stÜDdige Rast (11 bis 3 Uhr) konservirt die Kräfte ungemein. Wem die Füsse 
stark brennen, nehme vor der Mittagsrast ein Fussbad im sonnenwarmen Wasser. 

— Allzu spätes Wandern ist zu vermeiden; der Spätanlangende muss im Gast- 



Fussreisen im Gebirge, XXV 

hof mit dem Zimmer vorlieb nehmen, welches eben noch übrig ist, erhält nicht 
selten den Abhub von der gemeinschaftlichen Nachttafel und hat seine Kräfte 
auf Kosten des folgenden Tages überanstrengt, jener Fährlichkeiten nicht zu 
gedenken, welche im Gebirgslande dem mit der Gegend nicht genau vertrauten 
Fussgänger bei eintretender Dunkelheit drohen. 

Bekleidung und Reise-Utensilien. Der Anzug sei bequem, solia 
und derart eingerichtet, dass er in Wärme und Kälte gute Dienste leistet. Der 
vortrefflichste Reisebegleiter in dieser Beziehung ist ein dickwollener Plaid, der, 
zusammengerollt und über der Schulter getragen, ein ebenso praktisches als be- 
quemes Gepäck ausmacht. Was an Wäsche und Kleidern mitzunehmen ist, 
wird Jeder nach seinen Bedürfnissen selbst am besten ermessen. Im Allgemeinen 
ist vor überflüssiger Bagage zu warnen. Sehr empfehlenswerth sind farbige 
wollene Hemden mit Achselklappen und weiche wollene Strumpfsocken. 

Wer zwei wollene Hemden bei sich führt, reicht dann mit zwei weissen aus. 
Die grösste Aufmerksamkeit ist der Fussbekleidung zuzuwenden. Für unbeschwer- 
liche Bergpartien genügen gewöhnliche, bequeme, solid gesohlte Schuhe mit Ga- 
maschen oder Stiefel. Für Bergpartien zweiten Eanges, wie wirkliche Hoch- 
pässe etc., sind feste, dicksohlige, stark mit Nägeln beschlagene, aber bequem 
sitzende Bergschuhe unbedingt nothwendig. Die kleine Unbequemlichkeit, etwas 
schwere Schuhe tragen zu müssen, wird tausendfach durch den damit den Füssen 
erwiesenen Dienst, durch freieren, frischeren , sicheren Tritt aufgewogen; man 
kann das Auge unbesorgter umherschweifen lassen und braucht nicht auf jedes 
Steincheu im Wege zu achten. Nur mit gewöhnlichem, leichtem Schuhwerk in 
das Gebirge zu gehen, ist dringend abzurathen, wenn der Tourist nicht am Abend 
des ersten strengen Wandertages schon zerfetzte Stiefel und wunde Füsse haben 
will. Bergschuhe werden von gutem Juchten- oder recht starkem Kalbleder ge- 
macht, derNarb nach innen, dick-doppelsohlig, die Kante der Sohlen mit um- 
£;ebogenen Kappennägeln geschützt, die Fläche der Sohle mit festen Spitzköpfen 
benagelt. Der Absatz muss ganz niedrig, aber gleichfalls stark benagelt sein. 
Wenn man die Form des Bundschuhes, d. h. über die Knöchel heraufgehend, 
wählt, also mit starken Riemen zum Schnüren, so sorge man dafür, dass über 
die Knöchel und über der Ferse im Gelenk das Leder nicht dicke, ungeschickte 
Palten schlage, die wund reiben. Bequemer ist der niedere, unter den Knöcheln 
abschneidende Schuh, welcher von derben Gamaschen gedeckt wird. Letztere 
dürfen keine zu dünnen Sous-pieds oder Stegriemen haben; diese müssen von 
derbem Rindleder geschnitten sein. Neue Bergschuhe sind einige Wochen vor 
Beginn der Alpenreise, bei nassem Wetter zu tragen, um Fuss und Schuh mit 
einander vertraut zu machen. Als Kopfbedeckung Stroh- oder Filzhut mit 
Sturmband; ausserdem ein leichtes Käppchen in der Tasche. 

Für Bergpartien ist ein Alpenstock nothwendig. Bei unbedeutei^den 
Höhen von 4000 bis 5000 Fuss thut es ein leichter Bergstock, wie man ihn 
allenthalben an den Ausgangs -Punkten kaufen kann. Bei grösseren Wande- 
rungen und solchen, wo genagelte Bergschuhe erforderlich sind, bedarf der Tourist 
eines festen Alpenstockes, der die Körperlast eines Mannes zutragen vermag. 
Der Alpenstotk soll eine derbe eiserne Zwinge und kurzen kantigen Stachel 
haben, soll von gespaltenem Eschenholz und nicht länger sein, als dass er bis zur 
Achsel reicht , und keine durchgehenden Aeste enthalten. Um ihn mit Nutzen 
gebrauchen zu können, muss man ihn zu handhaben verstehen; er wird stets mit 
beiden Händen gefasst , beim Hinaufsteigen quer vor dem Oberkörper getragen, 
die Spitze immer gegen den Berg eingestossen, nie nach der Seite der Ab- 
d.ichung zu, — beim Bergabgehen zur rechten oder linken Seite des Körpers, 



XXVI Einige Wander -Itegeln. 

die Spitze nach hinten, einen natürlichen Hemmschuh bildend. Dem Neuling 
soll der Führer Anleitung geben, wie der Stock zu gebrauchen ist. 

Sodann ist für Fusswanderungen auch noch eine gute Feldflasche von 
Blech (nicht Glas) zu empfehlen, welche mit kräftigem Wein zu füllen ist. Man 
grebrauche sie sparsam, wenn sie ihre vortreffliche Wirkung nicht verfehlen soll. 
Ein Schluck guten alten Weines mit einem Bissen Brod, -wenn man momentan 
<jrschöpft ist, leistet ausgezeichnete Dienste, während öfteres, nicht dringend er- 
forderliches Geniessen von Spirituosen die Körperkräfte erschlafft. — Gletscher- 
wasser zu trinken, schadet durchaus nicht, sobald die Lunge beruhigt ist; um 
jedoch die Einwirkungen der eisigen Kälte auf den Magen etwas zu paralysiren, 
setze man im Lederbecher ein wenig Zucker und altes , fuselfreies Kirschwasser, 
das farblos wie Wasser ist, hinzu. Wer Schneewanderungen im Reiseplane hat 
oder leicht an den Augen leidet , nehme eine graue , blaue oder grüne Brille mit. 

Zur Vervollständigung des Reise- Apparates gehört ferner noch ein gutes -Fern- 
rohr. Da nur wenige Führer mit einem guten Okular -Instrument versehen sind, so 
möge der Reisende sich selbst (und wäre es nur mit einem scharfen Opernglas) versorgen. 

Endlich gehören uoch als uueutbelirliche Instrumente iu die Tasclie : ein gutes derbes 
Brodmesser mit Pfropfenzieher , eine Büchse mit guten Zündhölzchen, eiu Stückchen 
Wachs- oder Stearinkerze, ein Stückchen Handseife in kleinem Wachstuchtäschchen, 
Kamm und etwas Bindfaden. Die Uhr wird an starker Seideuschnur getragen und ein 
kleiner Kompass an der Uhrkette ist gar oft sehr dienlich. — Wer an Magen- Indispo- 
sitionen leidet oder leicht Unterleibs -Beschwerden (Kolik, Diarrhöe) bekommt, nehme 
gegen ersteres Uebel ein Fläschchen mit Hoffmannschen Tropfen, gegen letzteres etwas 
Opium - Tinktur mit (von jedem, wenn nöthig, etwa 12 bis 16 Tropfen auf Zucker). Das 
Reise -Notizbuch sei nicht zu dick, in Wachstuch gebunden und mit gutem Faberstift versehen. 

Wegen Cigarren und Taback s. S. XVI. — Als Proviant für Bergtouren dienen 
gebratenes Fleisch, Schinken etc. am besten; das in Gebirgsgegenden bis zum Ueber- 
druss aufgetischte Schaffleisch schmeckt kalt ungemein fade. 

Als stärkendes Getränk pflegt man Rothweine anzuempfehlen ; 'so vortrefflich die- 
selben im Gasthause nach beendeter Tagestour dienen, so wenig sind sie während des 
Marsches selbst anzurathen, weil der darin enthaltene Gerbstoff nur den Hals austrocknet. 
Lieber nehme man einen kräftigen weissen Wein. Vortreffliche Dienste leistet dem Fuss- 
gänger auch trockene Chokolade. 



Einige Wander -Regeln. 



Vor dem Baden in Hochgebirgs - Seen ist dringend zu warnen. Wer starkem Blut- 
andrang nach dem Kopfe ausgesetzt ist, der beim Bergaufgehen und in der Sonnenhitze 
sich noch steigei't, möge eine vierfach zusammengelegte Serviette, von Zeit zu Zeit in 
frisches Quo>ll- oder Bachwasser eingetaucht, über den Kopf legen. Bei starker Sonnen- 
hitze ist allzu freies Entblössen des Halses zu vermeiden; Verbrennen der Haut und 
empfindlicher Schmerz wäre direkteste Folge. Ist es indessen geschehen, so mache man 
nasse Aufschläge über Nacht und auch während des folgenden Tagmarsches. Wer 
gebräunte Hände scheut, trage leinene Handschuhe. Ich erinnere hier wiederholt an das 
Tragen wollener Hemden auf dem Marsche, selbst während starker Sonnenhitze; der 
Flanell saugt den Schweiss viel leichter auf und verdunstet ihn wieder rascher als Baum- 
wolle und Leinen; man hat deshalb nie, wenn man den Rock auszieht, das erkältende 
Gefühl eines nassen Hemdes. Der Verfasser marschirt seit Jahren den grössten Theil des 
Tages über (wenn das Wetter nicht unfreundlich ist) ohne Rock und Weste , den Ober- 
körper blos mit dem Wollenhemd bekleidet, ohne je Rheumatismen sich geholt zu haben. 
— Bergan steige man gleichmässig, ruhig, im langsamen Tempo, so dass Puls und Lunge 
nicht in übermässige Aufregung gerathen. Sitzend auszuruhen ist nicht empfehl enswerth ; 
geschieht es dennoch, so ziehe man den Rock an, wenn man sich desselben entledigt 
hatte. Zwei bis drei Schluck frischen Wassers direkt aus der Brunnenröhre schaden 
nichts, wenn jeder Schluck einige Sekunden im Munde erwärmt wird, ehe er in den 
Magen fliesst; vieles Trinken schwächt. Wer difficil beim Kaltwassertrinken ist, vermische 
das Wasser im Lederbecher mit etwas Zucker und Cognac oder Rum aus der Feldflasche; 
dieser Zusatz neutralisirt einigermassen die störenden Einwirkungen des kalten Wassers 
auf den Magen. Vernünftige Diät konservirt den Körper ungemein; die Kost sei kräftig- 
nahrhaft, aber nicht allzu reichlich. Käse und Milchspeisen verursachen manchem Touristen 
Verdauungsbeschwerden; man prüfe sich deshalb und vermeide das nicht Behagende. Für 
längere anstrengende Wanderungen ist als vortreffliches stomachisch-konservirendes und 
anregendes Getränk kalter Kaffee oder Thee in der Flasche zu empfehlen. Auf einer Höhe 



Reiseliteratur und Landkarten. XX vir 

angelangt, wirdder Rockfest zugeknöpftund der Plaidumgchangen: ist ein Gasthaus oder eine 
Hütte droben, so wechsele man, falls der Körper sehr stark transpirirte, die Wäsche (kann mau 
sich leicht waschen am ganzen Körper, um so angenehmer) und pausire V* »St., ehe man 
wieder hinausgeht; die sich geltend machende Reaktion geht nicht selten aus der grossen 
iirhitzung in fieberfröstelnde Kälte über. — Auf einem Stationspunkte angelangt, überlasse 
sich derFusswanderer nicht sofort der unbedingtesten Ruhe; noch etwas Bewegung bewahrt 
vor dem unbehaglichen Steifwerden der Füsse. Wer bedeutende Ermattung in den 
Schenkeln und Waden spürt, wasche dieselben sorgfältig erst mit überschlagenem Wasser, 
um Staub und Schweiss zu entfei-nen, und dann mit Spiritus oder ordinärem Branntwein. 
Ueberhaupt trägt regelmässige Hautpflege unglaublich viel zum Wohlbefinden auf Fuss- 
reisen bei. Gegen Blasen an den Füssen, Wundsein und Wolf soll folgende Salbe gut 
sein: 1 Loth Talg, 1 Loth weisses Wachs, IVa Loth Baumöl und IV2 Quentchen Bleiessig, 
— Gegen Ermüdung der Beine und Schmerz in den Knien: Einreiben einer Mischung 
von Kirschlorbeerwasser und Lavendelgeist. 

Bezüglich der Meisegesellschaft geht sichs zu Zweien oder Dreien am besten; eine 
grössere Anzahl kommt langsamer vorwärts, weil in der Regel schon die Bedürfnisse zu 
verschiedenartige werden. Unterwegs sei man etwas wählerisch und schliesse sich ala 
Allein-Reisender nicht gleich dem ersten Begegnenden an ; ea ziehen im grossen Schwärme 
auch Industrieritter mit herum. 



Reiseliteratur und Landkarten. 

Zu einlässlicherer Information über Bayern im Allgemeinen ist als um- 
fassendstes und zuverlässigstes Werk zu empfehlen: ,,Bavaria; Landes- und 
Volkskunde des Königreichs Bayern, bearbeitet (auf Veranlassung und mit Unter- 
stützung König Maximilian II. , unter Redaktion von W. H. Riehl) von einem 
Kreise bayerischer Gelehrter". 5 Bände (die jedoch einzeln abgegeben werden 
und je einen Kreis oder Landestheil selbstständig behandelt umfassen) ; München 
1860 bis 1869. Literar. artist. Anstalt. — Aehnlich, nur zusammengedrängter, 
erschien: „Das Königreich Würtemberg. Eine Beschreibung von Land, Volk 
und Staat. Herausgegeben von dem statistisch - topographischen Bureau". 
Stuttgart 1853, Nitzschke. — Für weitere Studien über Partien aus den 
Deutschen Alpen gehören hierher: ,^SchaubacJi, Nordtirol, Vorarlberg und Ober- 
baiern", II. Aufl., Jena 1866, Frommann; und des gleichen Verfassers „Salzburg, 
Obersteiermark und das Salzkammergut", Jena, 1865, Frommann. — Als Unter- 
haltungslektüre auf wissenschaftlicher Basis stehen obenan die vortrefflichen, 
mit einem urgesunden Humor geschriebenen Werke von Ludwig Steuh, und zwar: 
„Das bayerische Hochland", München 1860, — dessen „Wanderungen iA baye- 
rischen Gebirge", München 1862, — Dessen, „Drei Sommer in Tyrol" (im Buch- 
handel leide#vergriffen), — Dessen, „Herbsttage in Tyrol", München 1867, — und 
«lessen, „Altbayerische Kulturbilder", Leipzig 1869. — Sodann No'e , H., Baye- 
jisches Seebuch, München 1865 ; und desselben, „Oesterreichisches Seebuch, Dar- 
stellungen aus dem Leben an den See -Ufern des Salzkammergutes", München 
1867. — Schliesslich noch Hermann Schmidt Gesammelte Schriften (bekannte Er- 
zählungen aus dem Bayerischen Gebirge), 19 Bde. ä Y^ Thlr. — Als speciellere 
Wegweiser für einzelne Gegenden sind in nachstehendem Buche an Ort und Stelle 
die empfehlenswerthesten Werkchen angegeben worden. Hervorzuheben als 
bedeutendstes ist für das Gebirgsland: Trautwein, Wegweiser durch Süd -Bayern, 
Nord -Tyrol und die angrenzenden Theile von Salzburg. 3. Aufl. München, 
Lindauersche Buchhandlung. 

Die diesem Buche beigegebenen, sehr genau gezeichneten Kärtchen 
werden für Touren in den besuchtesten Gegenden ausreichen. Wer eine 
grössere, speciellere Uebersichtskarte von Bayern überhaupt verlangt, bediene 
sich der Specialkarte im Maasstabe von 1:950,000, bearbeitet vom Älajor 
Jiadefeld, Hildburghausen 1869, Bibliographisches Institut. — Für das Gebirge 
ist die „Topographische Special- Karte derAlpon Bayerns und Nord-Tyrols von 



xxvni Keiseliteratur und Landkarten. 

J. Ileyberger" , München, bei Mey und Widmayer, besonders zu empfehlen. — 
Als Specialkarten leisten vortreffliche Dienste zunächst die Reymannschen 
(Verlag von Flemming in Glogau) , und zwar fürs Algäu und Bregenzer Wald 
Nr. 297, — für den Bodensee die Nr. 284 und 285, — für den Starnberger 
und Walchensee, sowie Ammergau Nr. 286, — für Garmisch, Parten- 
kirchen, Wetterstein -Gebirge und Ober-Innthal Nr. 298, — für Tölz, Tegernsee, 
Schliersee etc. Nr. 287, und für Achensee, Ziller -Thal Nr. 299. — Dann ferner 
fürs Oetz-Thal die vortreffliche Uebersichtskarte nach den Aufnahmen des 
Oberstlieutenant Edl. v. BonTdar , Verlag von Justus Perthes in Gotha, — für 
Salzburg und Berchtesgaden die ausgezeichnete Specialkarte (1:72,000) 
von Franz Keil, Verlag von Glonner in Salzburg, — für Reich enhall speciell 
die vom Oberlieutenant 5üÄZer (im Maassstab 1 : 25,000) gezeichnete, Verlag von 
Brunnquell in Reichenhall, — und endlich für das Salzkammergut, die nach 
den Militär- Aufnahms- Sektionen von J. J. Fauliny reducirte, Verlag von Ru- 
dolph Lechner in Wien. 



Haupt -Eintritts -Linien 



für 



Süd - Deutschland. 



Rheinische Eisenbahn. 
I. Eintritts -Route: Köln — Mainz — Darmstadt — Heidelberg, 



373/10 Meil. Freigepäck 50 Pfd. gegen 
2 Sgr. Einschreibegeld. Tägl. 5 durch- 
gehende Züge; davon 1 Schoellzug nur 

I. Klasse ohne Wagenwechsel Vorm. 
9 Uhr in 71/3 St. 1 Schnellzug I. und 

II. Kl., Nachm. öV* Uhr, in 81/4 St. — 
1 Schnellzug aller 3 Kl. früh 6 Uhr in 
eVa St. — Ausserdem 2 Züge aller 3 Kl. zu 
gewöhnlichen Preisen in IOV2 St. — Bis 
Heidelberg Schnellzug-Taxe: I. 7 Thlr. 201/2 
S-r. II. 5 Thlr. 14 Sgr. — Platz 1. im 
Waggon. 

Die Reise strom-aufwärts mit dem Schiff 
zu machen, ist von Köln bis Koblenz ganz 
entschieden abzurathen , von Koblenz bis 
Mainz nur dann zu empfehlen, wenn man 
überflüssig viel Zeit hat und nicht ermüdet, 
7 St. Fahrzeit an eine 121/2 Meil. lange 
Stromstrecke zu wenden. 

Von KÖlu durch flache Gegend. — 
Stat. Brühl und durch den Park des 
königl. Schlosses. — -Stat. Sechtem und 
Boisdorf mit Mineral - Brunnen. 

(4V,oMeil.) Bonn (^ Stern. ~~ * Hotel 
Royal.— * Hotel KleijJ. Stadt am Rhein 
(der hier ca. 1420 F. breit ist) mit 23,800 
meist kathol. Einvr. und der rhein. 
Frfedrich - Wilhelms - Universität (im 
ehemals kurfürstl. Schlosse), gestiftet 
1818. — Die Münstericirche im roma- 
nisch-goth. Uebergangsstyl mit schönem 
Kreuzgang und sehenswerther Krypta. 
— Standbilder Ludwigs van Beethocen, 
der 1770 hier geboren wurde, — und 
Ernst Moritz Arndts, der 1860 hier 
starb. — Berühmte naturwissenschaftl. 

Borlepsch' Süd- Deutschland. 



Sammlungen. — Poppelsdorfer Allee 
und Schloss. 

Die Gegend wird rasch interessanter. 

— Stat. GofZesSergf^ bevorzugter Sommer- 
aufenthaltsort der reichen Kölner, mit 
vielen Villen und r. der malerischen 
Schlossruine gl. N. — Bei der Weiter- 
fahrt steigen 1. die Gipfel des Sieben- 
gebirges auf. — Stat. Mehlem, Aussteige- 
Punkt für das jenseits des Rheines 
liegende Städtchen Eönigsiointer. Hin- 
ter demselben steigen die imposanten 
Bergkuppen des Draclienfels mit der 
Ruine gl. N. , der Wolhenburg und 
weiter drin der Löwenburg (1413 F. 
üb. M.) auf. 

(6V5 Meil.) Stat. Rolandseck 

(grosse Balmkof-Restauration. — Hotel 
RolandsechJ. R. oben auf steiler Höhe 
der Rolandsbogen; 1. im Rhein die Insel 
Nonnenwerth mit ehemal. Frauenkloster. 

— Die Bahn läuft immer in Nähe des 
Rheines. — Obertcinter ; drüben 1. UnTcel 
mit seinen Basalt-Brüchen. — Berg- 
durchstich am Marievfels und dann r. 
oben die neue goihhschc St. Apollinaris- 
Kirche, vor 30 Jahren erbaut und mit 
Fresken geschmückt. — Dann 

Stat. Remagen (Hotel Fürstenberg. 

— König v. Preussen). Ausgangs-Punkt 
für Exkurse ins Ahrthnl. Die Balin, 

1 



1. Eintritts - Route : Rheinische Eisenbahn. 



welche sich wieder von den Ufern des 
Stromes entfernt, durchschneidet die 
erweiterte Thalebene der sogen. ^ ^Gol- 
denen Meile''. — Ueber die Ahr und 
Einblick ins gleichnamige Thal. 

Stat. Sinzig. — Das Thal verengt 
sich allmählig wieder. R. Villa Helena- 
herg, 1. Schloss Ahrenfels und Hönnin- 
gen. Dann Stat. Niederbreisig und 

(8V5 Meil.) Stat. Brohl, Aussteige- 
Punkt für Partien ins Brohlthal , nach 
Kloster Laach und dem Laacher See. 
L. drüben die umfangreichen Ruinen 
der Burg Hammerstein. Jähe felsige 
Berge steigen zu beiden Seiten an. 

OYg Meil.) Andernach, mittel- 
alterlich bewehrte Stadt mit Thürmen 
«nrl der spätromanischen Genofeva- 
Xirche; Ruine der erzbischöflichen 
Burg. — R. die Irrenheilanstalt St. 
Thomas. Hier weitet sich das Rhein- 
thal wieder beckenartig aus; Blick r. 
auf das gebügelte Mayenfeld, 1. der 
Eng er sg au. 

(lO'/io Meil.) Stat. Neuwied; das 

gleichnamige freundliche Städtchen, 
einst fürstlich Wiedsche Residenz, mit 
8500 Einw., liegt 1. überm Rhein. — R. 
Weissenthurm mit dem Denkmal des 
französischen Generals Hoche. Die 
Bahn entfernt sich vom Rhein. L. 
Schloss Monrepos, dann Engers und 
Ruine Sayn, alle jenseits des Flusses. 
R. Fort Franz , 1. breit und massig die 
Feste Ehrenhreitenstein. Die Bahn 
passirt die neue Mosel -Gitterbrücke; 1. 
Mündung der Mosel in den Rhein. 

(12V,o M:eil.) Stat. Koblenz (grosse 
gute Bahnhof - Restauration. — Hotel 
Bellevue. — Riese. — Trierscher Hof. — 
Anker. Droschke pr. Stunde 15 Sgr.). 
Sehenswürdigkeiten: Castorhirche, 
romanisch aus dem Jahre 1208, restau- 
rirt, Chor mit Fresken; — die alte 
Moselbrüche der Aussicht wegen. Der 
Clemens -Platz und das königliche ^e- 
sidenzschloss , häufig von der Königin 
von Preussen bewohnt. — Die *neuen 
Rhein- Anlagen mit dem Max v. Schen- 
ÄerKZor/"- Denkmal. Prächtige Gitter- 
brüclce über den Rhein zur Verbindung 



mit der Lahnthal- und der ehemaligen 
Nassauischen Staats-Bahn. Auf der 
Schiffbrücke hübsche Strom - Ansicht. 
Schön gelegener Friedhof. 

Die Bahn durchschneidet die Fe- 
stungswerke und tritt dicht an das linke 
Rhein -Ufer, dasselbe bis Bingen nicht 
mehr verlassend. Hier beginnt der 
schönste Theil der Rhein-Reise. L. 
Dorf Horchheim und bald darauf Mün- 
dung des Lahnthaies mit der alten 
restaurirten Johannishirche Ober-Lahn- 
stein und Burg Lahneck (ausgebaut). 

Stat. Capellen; Aussteigen für den 
Besuch des Schlosses *Stolzenfels 
(2 St. Zeit, Trinkg. 127^ Sgr.) , restau- 
rirte Ritterburg, Eigenthum des Königs 
von Preussen, reich mit Fresken geziert. 
— Der Zug streift den Königsstuhl bei 
Rhense. L. Dorf Braubach mit der auf 
steilem Felsen gelegenen Marksburg, 
Nieder- und Ober-Spay; grosse Krüm- 
mung des Rheinbetfes, westl. ; 1. Oster- 
Spay. Abermals Thalwendung. 

Stat. Boppard, altes Städtchen mit 
der darüber gelegenen Kaltwasser-Heil- 
anstalt Marienberg . L. Kloster Born- 
hofen mit den *Ruinen Sternberg und 
Liebenstein. Das Thal wird felsig-enger. 
Durch Dorf Salzig; drüben 1. Nieder- 
kestert. Im Vorblicke 1. Wellmich mit 
der Ruine der Beurenburg (oder,, Maus'' J 
und gleich darauf St. Goarshausen mit 
der Ruine KatzeneUenbogen (oder der 
y^Katz"). 

(ley^ Meil.) Stat. St. Goar, Städt- 
chen mit malerischen Befestigungs- 
mauern. Oberhalb, von der Bahn aus 
wenig sichtbar: Die stattliche Ruine der 
Festung Rheinfels (1797 zerstört). — 
Tunnel. — Drüben am anderen Ufer 
der in den Rhein vorspringende Felsen- 
Koloss der *Lurlei; der Rhein ist 
hier schmal, aber tief und zwängt sich 
durch die klippenreiche Thalenge hin- 
durch. Im Vorblick das mit zinnen- 
gezackten Wartthürmen mittelalterlich 
längs des Ufers sich hinziehende Städt- 
chen Oberwesel mit den Ruinen von 
Schönbsrg. Im Vorblicke 1. jenseits 
des Rheines das Städtchen <7aM6 mit den 
darüber auf hohen Felsen liegenden 



1. Eintritts -Route: Köln — Mainz — Darmstadt — Heidelberg. 



Ruinen von Gutenfels. In Mitte des 
Stromes der aus Sandfetein-Quadern im 
Burgenstyl erbaute sechseckige Trutz- 
thurm der Pfalz. Hier ging Blücher 
in der Neujahrsnacht 1813 auf 1814 mit 
dem ersten preussischen Armeekorps 
und einer russischen Abtheilung über 
den Rhein. Ein Klippengewirr im 
Flussbett heisst das Wilde Gefährt. — 
Insel Wörth. 

(I8V2 Meil.) Bacharacll, lang- 
gestrecktes Städtchen mit-der pittoresken 
Ruine der Werner shir che und der höher 
liegenden Burg Stahlech. Nun folgt am 
linken Ufer ein altes Sehloss auf das 
andere; zunächst drüben Nollich am 
Eingange ins Wisperthal, und der Ort 
Lorch; dann r. das alterthümliche 
Niederheimhach mit der restaurirten 
Heimburg y nächst welcher sofort das 
stattliche Sehloss Soonech , vom König 
von Preussen restaurirt, kommt. Auf 
vorspringender Landzunge Dorf Trec/ii- 
lingshausen, beherrscht von der Falken- 
burg. L. von der Bahn die historisch 
bekannte Clemens-Kapelle. Nur wenige 
Augenblicke kann man r. die stolze, 
epheuumwachsene, den Strom domini- 
rende*Burgi?Äeznsie{w (1825 restaurirt, 
den Prinzen Alexander und Georg von 
Preussen gehörend) sehen. L. überm 
Rhein das mit kostbarem Rebenblut 
gesegnete Ässmannshausen , oberhalb 
welchem der Aussicht - reiche, vielbe- 
suchte Höhenzug des *Niedericaldes 
sich erhebt. Von hier an ist fast jede 
Rebberg- Lage eine durch ihre vortreff- 
lichen Weine weltbekannte. Im Rhein 
das ehedem durch seine Klippen und 
Stromschnellen berüchtigte Bingerloch 
und der Mäusethurm; droben 1. über 
den Reben - Terrassen Ruine Ehrenfels 
und im Vorblick 

(20V5 Meil.) Stat. Bingen an der 
Mündung der Nahe (Eisenbahnbrücke 
darüber) in den Rhein. Hinterm Städt- 
chen die Ruine der Burg Klopp und der 
Scharlachhcrg (famoser Wein). Drüben 
Rüdeslieim mit seinen Nektar-Spenden, 
die längs der ganzen Bergeshalde wach- 
sen. Die breite al ersgraueRuineamEnde 
des Ortes ist die Brömserbiirg . Die 



landschaftlich schönen Thalklausen sind 
überwunden ; frei, heiter und von massig 
gehobenen Hügelzügen begrenzt , dehnt 
nun in östl. Richtung der Rheingau 
sich aus, die Wiege der feinsten und 
kostbarsten Weine. Diese Strecke zwi- 
schen Bingen und Mainz ist schön un- 
mittelbar in Ufergeländen des Stromes. 
Da, wo die Bahn landeinwärts durch- 
läuft, ists ziemlich einförmig. Sie passirt 
die Stationen Gaulsheim (drüben überm 
Rhein Geisenheim und Johannisberg), 
Gaualgesheim, Nieder - Ingelheim (wo 
Karl d. Gr. Palast stand) , Heides- 
heim, Budenheim, Mombach (l.^überm 
Rheine Sehloss und OrtBiebrich, die 
griechische Kapelle und das Jagdschloss 
Platte bei Wiesbaden), und Einfahrt in 
die Festungswerke der 

(247,0 Meil.) Stat. Mainz. 

Gasthöfe : Englischer Bof. — Holländischer 
und Rheinischer Hof. — Landsberg. — Stadt 
Koblenz. 

Die Stadt mit 45,000 Einw. (ein- 
schliesslich Garnison) ist hessisch, die 
Festung preussisch ; sie liegt gegenüber 
der Mündung des Main in den Rhein, 
der hier 2200 F. breit ist. Eine Schiff- 
brücke verbindet sie mit dem jenseits 
gelegenen Städtchen Castel. Sehens- 
werth sind : Der Dom, in seinen ältesten 
Theilen romanisch, oft restaurirt, mit 
Fresken geziert, ungemein reich an 
historisch-interessanten Grabdenkmalen 
(darunter das des Dichters Heinrich 
Frauenlob), Bronzethür mit eingegra- 
benem Freiheitsbrief von 1135 und 
altem Taufbecken. Schöner Kreuz- 
gang. — Vor dem Theater Gutenberg- 
Denkmal von Thorwaldsen (seit 1837). 
— Schiller-Monument. — * Museum für 
rheinische Geschichte und Alterthümer 
im Sehloss, 18 kr. Eintritt. — Ausser- 
halb der Stadt der Eichel stein , ein 
römisches Monument. — Die neuen 
Anlagen und die kolossale Gitterbrücke 
über dem Rhein. 

Exkursion nach Wiesbaden, tägl. 6 Züge 
von Castel (jenseits des Kheiues) ab io 
25 Miu. 

Von Mainz nach Darmstadt 10 

Meil., tägl. 10 Züge in 37 bis 55 Min, 



2. Eintritt s-Boute: Kassel — Giessen — Frankfurt a/M. 



8 



I. 1 fl. 12 kr. II. 1 fl. III. 39 kr., land- 
schaftlich ohne alles Interesse über die 
Stationen Gustavsburg , Bischqfsheim 
und Nauheim nach 

Barmstadt (Traube. — Darm- 
städter Hof. — Prinz Karl) ^ Haupt- 
u. Residenzstadt des Grossherzogthums 
Hessen mit 31,400 Einw. Die be- 
deutendsten Sehenswürdigkeiten sind 
die Gemälde- Gallerie im Schloss mit 
sehr werth vollen Bildern, das Hof- 
theater und die hatholische Kirche. 
Auf dem Louisenplatz, von der Bahn 
aus im Vorüberfahren sichtbar die 134 F. 
hohe Monument- Säule mit der Bronze- 
Statue Grossherzog Ludwig I. (f 1830) 
nach Schwanthalers Modell. In der 
nächsten Umgebung sehr schöne Wald- 
Spaziergänge, namentlich die Fasanerie 
und die Ludtoigshöhe. 

Von Darmstadt nach Aschaffenburg und 
Würzburg vergl. R. 21. 

Von Darmstadt nach Heidelberg 

llVeMeil., tägl. 8 Züge in 1 bis lV4St. 
I. 2 fl. 27 kr. II. 1 fl. 39 kr. III. 1 fl. 
6 kr. 

Bei Stat. Eberstadt zeigen sich die 
ersten Bergzüge des Odenwaldes. 

(1% Meil.) Stat. Bichenhach , Aus- 
steige -Punkt für Touren in den Oden- 
wald, namentlich nach Jugenheim, Fels- 
berg , Felsenmeer etc. Hier beginnt 1. 
von der Bahn die früher so berühmte 
Bergstrasse ; die Aussicht nach r., in 
die breite Rhein- Ebene, ist fast ohne 
alle Genugthuung. — L. auf waldiger 
Anhöhe das Aisbacher Schloss, hinter 



dem im Vorblick der Meli^ocus (ein 
1611 F. hoher bewaldeter Berg mit 
Aussichts-Thurm) aufsteigt. Bei Stat. 
Zwingenberg steigt man für die Partie 
auf den Melibocus (man kann hinauf 
fahren, 4 fl.) aus. — Weiter 1. auf be- 
waldetem Hügel das *Auerbacher 
Schloss, unten das Dorf gl. N., das einen 
vortrefiflichen feurigen Wein producirt. 

(3 Meil.) Stat. Bensheim, ireundliches 
hessisches Städtchen mit 4800 Einw., 
von dem aus man das Auerbacher 
Schloss besucht. — Folgt Stat. Heppen- 
heim mit der malerisch hoch droben ge- 
legenen Ruine der StarJcenburg (20 Min 
hinauf). Die Bahn tritt in das Gross- 
herzogthum Baden ein. An der Berg- 
strasse Dor£ Laudenbach mit gerühmtem 
Wein. 

(5 Meil.) Weinheim (Pfälzer Hof), 
badisches Städtchen am Eingange in 
das Birkenauer Thal; oben Ruine 
WindecTi. — lieber Stat. Ladenburg 
nach Friedrichsfeld, den Gabelpunkt 
der Main-Neckarbahn : r. geht die Linie 
nach Mannheim und in die Pfalz, — 

1. nach 

(6% Meil.) Heidelberg CHotel 

de VEuro'ge. — *Brinz Karl in der 
Stadt). 

Stadtbeschreibung sehe man R. 2.5. 

Von Heidelberg nach Würzburg, R. 25. 

Von Heidelberg über Bruchsal nacl» 
Stuttgart, -vergl. R. 67. 

Ausführlicheres über Heidelberg 
und die Badische Bisenbahn bis Basel in 
Berlepsch' Reisebucb für Westdeutschland, 

2. Aufl. 



2. Eintritts -Route: Kassel — Giessen — Frankfurt a/M. 



27 Meil. (ehemalige) Main-Weser- 
Bahn (jetzt unter preussischer Staatsver- 
waltung) mit ziemlich direkten Anschlüssen 
nach Süiicieutschland (V4 bis 1 St. Aufenthalt 
in Frankfurt a/CH.). Tägl. 6 durchgehende 
Züge, von denen 2 Schnellzüge mit 4^/4 St. 
Fahrzeit. Für I. Kl. keine erhöhte Taxe; 
Schnellzug: IL 4 Thlr. 2 Sgr. III. 2 Thlr. 
21 Sgr. — Die Personenzüge aller 3 Kl. 
haben 6 bis 73/4 St. Fahrzeit. — Gewöhnliche 
Taxen: I. 5 Thlr. 12 Sgr. II. 3 Thlr. 18 Sgr. 
III. 2 Tlilr. 8 Sgr. 

In Kassel, im Bahnhof -Gebäude 
rechter/Flügel; im Waggon Platz r. zu 



nehmen. — Im Vorblick r. die Höhen- 
züge des Habichtwaldes mit dem weit- 
hin sichtbaren Ohtogon (Riesenschloss 
mit der 31 F. hohen Statue des farne- 
sischen Herkules) des Lustschlosses 
Wilhelmshöhe. 

Stat. Wilhelmshöhe. Bis zu den 

berühmten *Anlagen (auf Kosten des 
depossedirten Kurfürsten vortrefflich 
unterhalten) V2 St. Wagen des sehr 
guten * Hotel Schombardt an der Station j 



9 



2. Eintritts -Route: Kassel — Giessen — Frankfurt a/M. 



10 



7% Sgr. Die Wasserkünste springen 
während des Sommers jeden Sonntag 
und Mittw. Nachm. 3 Uhr, gratis. 

Stat. Guntershausen {*HötelBeiie- 

vue. — Gute Bahnhof - Restauration) , 
Bahn - Knotenpunkt der Hessischen 
Nordbahu ; hier zweigt die Main-Weser- 
bahn r. ab. L. drüben grosser Viadukt 
über die Fulda (1000 F. lang, 13 Bogen). 
Brücke über die Ecler; im Thale der- 
selben aufwärts. — Stat. Gensungen , r. 
die Kuinen von Altenburg und Felsberg. 

— Stat. Wabern (Aussteigen nach Bad 
Wildungen). Durch das anmuthige 
Schwalm - Thal nach Stat. Treysa. 
Weiter über Neustadt und Kirchhayn 
(1. auf einem Basaltfelsen das Städtchen 
Amönehurg mit Schlossruine) ins Thal 
der (r.) Lahn nach 

Marburg (Hotel Pfeiffer. — Gute 
Bahnhof- Restauration) , früher kur- 
hessische, jetzt preussische Universitäts- 
stadt mit 8600 Einw., schönem altgothi- 
schen Schloss (in welchem das sogen, 
marburger Religionsgespräch 1529 statt- 
fand) und der prächtigen gothischen 
Elisabethenkirche. Bedeutende Indu- 
strie in irdenem Geschirr. Hübsche 
Umgebung. 

Mehrmals Brücken über die Lahn. 
Bei Stat. Lollar, 1. Schloss Stauffenberg . 
Weiter r. die Ruinen Gleiberg und 
Vetzberg. 

GrieSSen (Hotel Kühne. — Einhorn. 

— Rappe)., hessen- darmstädtische Uni- 
versitätsstadt (ca. 400 Studenten) mit 
10,200 Einw. und bedeutenden Samm- 
lungen. R. zweigt die Lahnthal - Bahn 
nach Wetzlar und Koblenz ab. — 
Weiter über Langgönsundi Butzbach na.ch 

Nauheim (Hotel Bellevue. — Hotel 
de l'Europe. — Altes Kurhaus), renom- 
mirter Soolbade-und Spielort. Thermen 
von 26° R. , berühmt durch die Reich- 
lialtigkeit ihrer Chlorverbindungen. 
Jährlich ca. 3500 Kurgäste. Brillante 
Einrichtungen. 

Ueber einen 70 F. hohen Viadukt 
und die Stat. .Friedberg (Städtchen mit 
GOOO Einw. Blinden- und Taubstum- 
men-Institut. Prediger- und Lehrer- 
Seminar), Niederioöllstadt (r. Blick auf 



das Taunus -Gebirge), Gross - Karben, 
Dorteltoeil , Vilbel (Brücke über die 
Nidda) , Bonames., Bochenheim (jetzt 
preussisches Städtchen mit 6700 Einw.) 
nach 

Frankfurt a. M. 

Gasthöfe I. Ranges: "^-EngUncher Hof. 

— '^Hölel de Biissie. — '■'Römischer Kai.ter.— 
■f Weisser Schwan. — Westendhall. — Hö'.el de 
ri/nion (früher VVeideubuscli). — II, Ran ges: 
Hof von Holland. — Brüsseler Hof. — Pariser 
Hof. — * Landsberg. — Hölel Drexel. — Hotel 
Victoria. — Würtemberger Hof. 

Restaurants: Eyssen , neben dem Main- 
Weser-Bahnhof. — Böhm., am Kornmarkt. 

— Jouy, Grosse Gallus-Strasse. 

Ehemalige souveräne, freie Reichs- 
stadt, seit 1866 preussisch, einst Sitz 
des Deutschen Bundes, Hauptort des 
südwestdeutschen Handels mit 80,000 
Einw. 

Sehenswürdigkeiten: Das 
Guttenberg - Monument auf dem Ross- 
markt, modellirt von Ed. v. d. Launitz, 
1840 inaugurirt. — Das GoethehciUS 
am grossen Hirschgraben, Geburtsstätte 
(28. Aug. 1794) des deutschen Dich- 
ters Johann Wolfgang Goethe, jetzt 
Eigenthum des freien , deutschen Hoch- 
stiftes ; Besichtigung tägl., 36 kr. — 
Die Paulshirche (evangel. Kathedrale), 
neuer römischer Rotundenbau, in wel- 
cher 1848 bis 49 das erste deutsche 
Parlament tagte. — Die Börse an der 
Neuen Krame, tägl. 1 bis 3 Uhr Börsen- 
stunde (hier auch das Telegraphen- 
Bureau). — Der * Römer, altdeutsches 
Rathhaus der Stadt, mit dem *Kaiser- 
saaZ (gratis an Sonnt., Mont., Mittw. 
und Freit. 11 bis lUhr, für Fremde zu 
jeder anderen Zeit gegen 30 kr.), in 
welchem die Festbankete bei jeder 
Kaiserwahl stattfanden, und von dessen 
Balkon das neu erwählte Oberhaupt des 
deutschen Reiches in Mitte der Kur- 
fürsten zuerst dem Volke sich zeigte. 
In demselben seit 1840 die 52 Bildnisse 
der deutschen Kaiser, von Karl d. Gr. 
an. Daneben das Wahlzimmer. — 
Auf dem davor befindlichen Römerberge 
fanden im Mittelalter die Volksbelusti- 
gungen und ritterlichen Kampfspiele 
statt. — Die gothische Nikola.ikirche, 
durch Rudolf v. Habsburg erbaut. — 



11 



2. Eintritts -Route: Kassel — Giessen — Frankfart a/M. 



12 



Im Saalhof die Sammlungen des Frank- 
furter Alterthums - Vereins (für Fremde 
nach gemachter Meldung tägl. Vorm. 
zugängig) ; im gleichen Gebäude , die 
städtische Gemäldesammlung (mit dem 
Dämsschen Kabinet), geöffnet Mont., 
Mittw. und Freit, von 11 bis 2 Uhr; 
hauptsächlich vertreten sind die frank- 
furter Maler. — In der St. Leonhards- 
hirche mit gothischem Chor , G-lasmale- 
reien, und ein Gemälde (Abendmahl) 
von Hans Holbeins Vater. — Auf der 
aliQn Mainhrüehe (im 14. Jahrh. erbaut) 
Standbild Kaiser Karl d. Qr. Jenseits 
derselben der am linken Mainufer 

liegende Stadttheii Sachsenhaiisen 

(Ausgangs desselben der stark besuchte 
Felsenkeller mit guter Aussicht). — 
Ueber die Brücke zurück längs dem 
Main-Quai zur Stadthihliothek (Dienst., 
Donnerst, von 10 bis 12, Mont. , Mittw, 
und Freit, von 2 bis 4 Uhr gratis) mit 
der lebensgrossen Marmor statue Goethes 
von Marchesi, u. vielerlei Alterthümern. 
— In den Parkanla gen in Nähe des Fried- 
berger Thores, der * Kursaal Milani, 
feines Restaurant mit Morgen - u. Abend- 
Koncerten. Nahebei das Bethmann- 
Denhmal (Bronzebüste von Ed. v. d. 
Launitz. -^ Vor dem Friedherger Thor, 
das Hessen - Denkmal , von Friedrich 
Wilhelm II. von Preussen den Hessen, 
welche am 2. Dez. 1792 kämpfend hier 
fielen, zum Andenken errichtet. Nahe- 
bei das Bethmannsche Museum (geöffnet 
tägl. von 10 bis 1 Uhr, 12 kr.), in 
welchem "^JDannecJcevs Ariadne 
aufgestellt ist. In den Anlagen fort, 
bis zum Eschenheimer Thurm, und zum 
Senckenbergschen natur geschichtlichen 
Museum (Mittw. , Sonnt, und Freit, in 
den Mittagstunden gratis, ausserdem 
gegen Trinkgeld), enthält zugleich ein 
ethnographisches Museum. Durch die 
Eschenheimer Strasse stadteinwärts am 
Thurn und Taxis-Palast (bis zum Krieg 
1866 Sitz der ehemaligen Deutschen 
Bundesversammlung) vorbei auf die 
Zeil f Hauptstrasse der Stadt. An 
deren Ende ein Schiller - Monument von 
Dielmann. — Ueber die ganze Zeil bis 
zur Konstablerwache , dann r. in die 



Fahrgasse und aus dieser 1. in die 
Bornheimer Gasse; hier die in orienta- 
lischem Styl erhaiUtQ Hauptsynagoge und 
die alte Judengasse , mit dem Stamm- 
hause der Rothschild (Nr. 148). Wenig 
Schritte davon (Nr. 118) Geburtshaus 
Börne' s. — Zum ^D07n (katholisch ; 
Mittags zwischen 12 und 3 Uhr zu be- 
sichtigen, während des Gottesdienstes 
verboten; dem Küster 12kr. , Gesell- 
schaften 30 kr.). 1315 bis 1338 erbaut, 
durch einen Brand am 15. Aug. 1867 
in seinem Dach und Fachwerk beinalie 
total zerstört. Im Inneren Grabstein 
Günthers V. Schwarzburg, des in Folge 
einer Vergiftung 1349 in Frankfurt 
verstorbenen deutschen Kaisers ; da- 
neben die Sakristei, einst Wahlkapelle, 
in welcher die Kaiser zur Krönung ge- 
schmückt wurden. — Vom Domplatz 
über den Liehfrauenberg und Kathari- 
nenpforte zurück auf den Rossmarkt und 
Goetheplatz , wo Schwanthalers Goethe- 
statue aufgestellt ist. Nahebei das 
früher berühmte, jetzt sehr mittelmässige 
Theater. Durch die Junghofstrasse 
(Kunstvereinu.Saalbau) zum * Stadel- 
sehen Institut (sehenswerthe Ge- 
mäldesammlung-, tägl. geöffnet von 10 Y2 
bis 1 Uhr, Nachm. gegen 30 kr.). 

Bedeutend sind Nr. 353, Farbenskizze 
von Cornelius zu seinem „jüngsten Gericht" 
(Ludwigskirche, München). — II. Saal: 
Nr. 24 Moretto, Maria mit dem Christuskinde. 

— Nr. 25 Moretto, Die vier Hauptkirchenväter. 

— Nr. 28 Tintoretto, Bildniss des Dogen Marc- 
Antonio Memo. — III. Saal: Nr. 326 Lessing, 
*Hus im Verhör zu Konstanz. — Nr. 332 
Lessing, Ezzelin III. im Kerker nach der 
Schlacht bei Cassano. — Nr. 337 J. BecTcer, 
Ein vom Blitz erschlagener Hirt mit Gruppe. 

— Nr. 350 L. Gallait, Abdankung Karls V. 
zu Brüssel. — Nr. 352 Galante, Schweizer 
Alpengegend bei Sonnenuntergang. — IV. 
Saal: Nr. 324 Overbeck, *Triniiiph der Re- 
ligion in den Künsten. — Nr. 432 Äe»re')rand<, 
Das Gleichniss von Arbeitern im Weinberge 
des Herrn. 

Ausserhalb der Stadt: Zoolo- 
gischer Garten, 30 kr. Entree; Mittw., 
Sonnabds. und Sonnt. Koncert. — Der 
* Palmengarten in der Nähe von Bocken- 
heim (mit Benutzung der ehemaligen 
Biebericher Wintergärten des Herzogs 
von Nassau). — Der neue Friedhof , an 
der Eckenheimer Landstrasse mit dem 



13 



S. Eintritts -Eoute: Kassel — Fulda — Würzl)urg. 



J4 



Familienbegräbniss des Bethmannschen 
Hauses (Thorwaldsensche Relief). — 
Das neue Irrenhaus , Eschenheimer- 
Landstrasse, 20 Min. von der Stadt, 
eines der grossartigsten Gebäude dieser 
Bestimmung in ganz Deutschland. 



Von Frankfurt nach Aschaffenburg 

tägl. 9 Züge, darunter 4 Courierzüge mit 
55 Min. Falirzeit. Die Postzüge aller 3 Kl. 
haben IV3 St. Fahrzeit. 

Taxe: Nach Hanau I. 45 kr. II. 30 kr. 
III. 21 kr. - Courierzugl. 54 kr. IL 36 kr. 
— Aschaffenbnrg , gewöhnlicher Zug, I. 1 fl. 
54 kl-, n. 1 fl. 18 kr. III. 54 kr. — Courier- 
zug I. 2 fl. 18 kr. II. 1 fl. 36 kr. 

Vom Hanauer Bahnhof in Frank- 
furt (vor dem Allerheiligenthor) über 
die Stat. Hochstadt- Dörnigheim und 
Wilhelmshad (früher besuchter, von 
Parkanlagen umgebener Badeort) nach 

(27^ Meil.) Hanau (Gasth. Earls- 
herg. — Riese J , früher kurhessische, 
jetzt preussische Stadt mit 19,200 Einw., 
in fruchtbarer Gegend der Wetterau; 
Haupterwerbszweige Bijouterie (1200 
Arbeiter) und Tabaksverarbeitung. — 
Weiter über die Stat. Gross- Äiüieim, 
Kahl, Bettingen y über das Schlachtfeld 



des Kampfes vom 27. Juni 1743, in 
welchem im österreichischen Erbfolge- 
kriege die Franzosen unter Noailles 
von den verbündeten Kaiserlichen und 
Engländern unter dem Kommando 
Georgs H. geschlagen wurden. Ueber 
Klein - Ostheim nach 

(5 V2 Meil.) Ascliaffenburg. Wei- 
terreise s. R. 21. 



Von Frankfurt über Darmstadt nach 
Heidelberg. 

llf'6 Meil. Main-Neckar-Bahn tägl- 
8 Züge, von denen 3 Schnellzüge mit 2 St. 
Fahrzeit; die Postzüge brauchen 3 St. 

Taxe: Nach Darmstadt, gewöhnlicher 
Zug, I. 1 fl. 6 kr. n. 42 kr. III. 30 kr. — 
Schnellzug I. 1 fl. 18 kr. IL 51 kr. — 
Heidelberg , gewöhnl. Zug, I. 3 fl. 33 kr. II. 
2 fl. 21 kr. III. 1 fl. 33 kr. —Schnellzug 
I. 4 fl. 15 kr. n. 2 fl. 51 kr. 

Vom Main-Neckar-Bahnhof 
über die neue Mainhrüclce, und in ebener, 
interesseloser Gegend über die Stat. 
Isenhurg (durch Wald), Langen, Ar- 
heiligen nach 

(3^,5 Meil.) Darmstadt. Weiter- 
reise nach Heidelberg (ß. 25). 



3. Eintritts- Route: Kassel — Fulda — Würzburg. 



30 Meil. Hessische Nordbahn, Bebra- 
Ilanauer und Ludwigswestbahn. 6Va — 8 
Stunden Fahrzeit. 

Seit der im Mai 1872 erfolgten Er- 
öffnung der Elm -Geniüiidener Bahn kann 
in.Tu , ohno Frankfurt zu berühren, nach 
Würzburg gelangen. 

In Kassel^ Flügel 1. am Bahnhof ; 
Sitz im Waggon r. zu nehmen. Im 
Vorblick r. die Höhen des Habicht- 
waldes mit dem weithin sichtbaren Ok- 
togon (Riesenschloss , Ursprung der be- 
rühmten Wasserkünste) bei Wilhelms- 
höhe. Die Station ist von dem Lustschloss 
und seinen prächtigen Anlagen (fort- 
während auf Kosten des depossedirten 



Kurfürsten vortrefflich unterhalten) 
y^ St. entfernt. Die Wasserkünste 
springen im Sommer jeden Sonnt, und 
Mittw. Nachm. 3 Uhr gratis, 

^tat.Gnutershsiusen f* Hotel Beiie- 

vue. — Gttte Bahnhof s- Restauration J . 
Bahn-Kuoteupunkt der Hessischen Nord- 
bahn ; hier zweigt r. die JMain-Weserbahu 
(vergl. Eintritts-Routo 2) ab. Ueber den 
1000 F. langen, grossen Fulda-Viadukt. 
— Folgen die Stat. Guxhagen, JUel- 
sungen (preussisches Städtchen, 3600 
Einw.), hübsch gelegcni in engem Thal- 
kessel. Bei Bciseförth über dio Fulda, 
die immer r. neben der Bahn fliosst, au 



15 



4. Eintritts -Route: Eisenacli — LicMenfels — Bamberg. 



16 



Rothenburg (einst Residenz der Land- 
grafen von Hessen - Rothenburg) vor- 
bei, nach 

Bebra^ Bifurkation der Bahn. 
Aussteigen! Wagenwechsel! (der 
Zug fahrt nach Eisenach und Thü- 
ringen). 

Einsteigen in den bereit- 
stehenden Zug rechts! 

Die Bahn läuft im Thale der Fulda 
aufwärts über die Stat. Hersfeld (kur- 
hessisch - neupreussisches Städtchen, 
6000 Einw. ; grosse Kirchen - Ruine), 
Neuhirchen^ Burghaun, Hünfeld nach 

Fulda f Kurfürst. — PostJ , neu- 
preussische Stadt mit 10,100 meist ka- 
tholischen Einw., vom heil. Bonifazius, 
dem Apostel der Deutschen (dessen Ge- 
beine im hiesigen Dome ruhen) , im 
8. Jahrb. gegründet; Bischofssitz. Statt- 
liches Bcliloss, im Palaststyl des vor. 
Jahrb., mit grossem öffentlichen Garten. 
Davor 'Kolossal- Bronzestatue des heil. 
Bonifazius (von Henschel in Kassel). — 
Kleine alte 8t. Michaelis- Kirche aus dem 
11. Jahrb. — Auf dem Berge das Fran- 
ziskaner-Kloster Frauenberg (aussicht- 
reich). 

Durch einförmige Gegend über die 
Stat. Neuhof \m^ Flieden, bei plötzlich 
r. sich öffnender, schöner, weiter Aus- 
sicht auf das Rhöngebirge nach 



Stat. Elm, tief in den Bergen lie- 
gender Bahn - Knotenpunkt. 

1^ Aussteigen! Abzweigung 
der Linie nach Gemünden. 

Hier geht die Bahn über Gelnhausen, 
Hanau n&ch Frankfurt rechts ab; die dort- 
hin Reisenden bleiben im Wagen sitzen. 

Die Elm-Gemündener Verbindungs- 
bahn gebt nun in starken "Windungen 
immer zwischen Bergen entlang über 
die Stat. Vollmerz, Sterbfritz, Jossa, 
überschreitet hier die bayerische Grenze 
und gelangt über Mittelsinn, Burg sinn 
und Rieneclc in 1^/^ St. nach 

Gremünden, Station der Ludwigs- 
westbahn , malerisch gelegenes altes 
Städtchen (s. S. 201). 

Post: Nach Bad Brückenau in 7V2 St. 
für 1 fl. 54 kr. ; — nach Kissingen in 51/2 St. 
für 1 fl. 33 kT. 

Nun auf der Ludwigswestbahn 
weiter (s. S. 201). Prächtiger Blick 
auf den Main. Das Thal erweitert sich, 
man tritt in das Gebiet der Franken- 
weine. Drüben überm Maine erscheint 
die Ruine der Karlburg, eines der ältesten 
deutschen Bergschlösser. 

Stat. Karlstadt mit schöner gothi- 
scher Kirche — Retzbach, Thüngersheim 
und Veitshöchheim mit schönem Park. 
Jenseits des Mains Kloster Oberzell, wo 
die berühmte Buchdruckpressen -Fabrik 
etablirt ist. Am Fusse des weltbekaiiu- 
ten Steinberges hin in den Bahnhof von 

Würzbur^ (s. R. 23, S. 213). 



4. Eintritts -Route: Eisenach — 'Lichtenfels — Bamberg. 



20 Moil. Werrabahn. Anschlugs an 
die Thüringer Balm in Eisenach (tägl. 
2 Personenzüge in 41/4 St. Fahrzeit mft An- 
schlüssen [1/2 bis 21/4 St. Aufenthalt] au die 
Eayi-risclie Staatsbahn). 

Taxen: 'E\sqx\»-c\\ - Lichten f eis I. 5 Thlr. 
11 Sgr. II. 3 Thlr. III. 2 Thlr. 10 Sgr. 
50 Pfd. Gepäck frei. 

In Eisenach gehe, wer mit der 
Thüringer Bahn kam, dui-ch das Bahn- 
hof-Gebäude auf den Perron der Werra- 
bahn. — Vom Bahnhofe aus sieht man 
die Wartburg (die in ^/^ St. zu er- 
reichen ist). 



Die Bahn steigt in dem selten vor- 
kommenden Verhältniss von 1 zu 50 
durch Waldung und einen 1733 F. 
langen Tunnel zur Stat. 3farhsuhl; das 
gleichnamige Städtchen liegt r. unten, 
V2 St. von der Bahn. Weiterhin 1. 
drüben Möhra, der Stammort der Eltern 
Luthers. — Stat. Salzungen, meininger 
Städtchen mit 3200 Einw. , grossen Sa- 
linen (jährlich 75,000 Ctnr. Salz) und 
frequentirten Soolbädern. Im breiten, 
freundlichen Thal der Werra, 1. stets 



17 



5. Eintritts- Boute: Leipzig — Hof — Bamberg. 



18 



Aussicht auf den Thüringer Wald nach 
Immclhorn. Aussteige -Punkt für die 
sehr besuchten Favoritorte Liebenstein 
und Altenstein (Wagen an der Station). 
— Stat. Wernshausen, ein Hauptstapel- 
platz des Thüringer Holzhandels. 
1 Meile 1. seitwärts liegt Schmalhalden, 
bekannt aus der Reformationsgeschichte 
(Schmalkaldener Bund). — Stat, Wa- 
■simgen , malerisch gelegen am Fusse 
eines Berges, auf dem eine henneberger 
Burg stand. R. im Vorblick das neu, 
im mittelalterlichen Burgenstyl erbaute, 
auf spitzem Bergkegel liegende Schloss 
Landsberg, Eigenthum des Herzogs von 
Meiningen. — Stat. Walldorf. 

Melnlng'eil (Sachs. Hof. — Hirsch), 
Haupt- und Residenzstadt des gleich- 
namigen Herzogthums mit 70üO Einw., 
in hübscher Lage. Unweit davon liegt 
Bauerbach, wo Schiller auf dem Gute 
der Frau v. Wolzogen seinen ,,Fiesko" 
beendete und einen Theil seines Dra- 
ma's „Kabale und Liebe" schrieb. 

Im Sommer tägl. Post nach Kissingen 
71/4 Meil. in 7 St. (Weiteres in ß. 22.) 

Ueber Stat. Grimmenthal, an steilen 
Bergen hin, 1. oben im Walde Ruinen 
der Osterhurg, nach Themar , thurm- 
und mauer - befestigtes Städtchen und 

Hildburg'hausen (Englischer Hof. 
— Rautenkranz) , ehemalige Residenz 
<les eingegangenen Herzogthums gl. N., 
jetzt meininger Garnisonstadt mit 
4500 Einw. Verlagsort der Meyer- 
schen Reisehandbücher (Bibliogra- 
})liisches Institut). Die r. oben auf 
dem Berge liegende Ruine ist eine 



künstliche. — An 1. Hessberg mit 
Schloss und Kloster Veilsdorf (Porzel- 
lanfabrik) vorüber nach Stat. Eisfeld, 
meininger Städtchen mit 3000 Einw. 
und durch waldiges Terrain hinab nach 
Koburgr (Hotel Leuthäuser. — Belle- 
vue. — Grüner Baum. — Gute Bahn- 
hof-Restauration). Haupt- und Resi- 
denzstadt des Herzogthums Koburg- 
Gotha mit 11,400 Einw., in höchst 
anmuthiger Gegend, ilberragt von»der 
stattlichen ^Veste, letztere nach Heide- 
lofFs Plänen mittelalterlich restaurirt, 
reich an Sehenswürdigkeiten. Luther 
dichtete hier oben sein Kernlied ,,Eine 
veste Burg ist unser Gott*'. In der 
Stadt das Residenzschloss Ehrenburg, 
im gothischen Styl neu erbaut; davor 
Bronze- Statue Herzog Ernst I. , nach 
Schwanthalers Modell ; auf dem Markt- 
platz Standbild des Prinzen Albert (Ge- 
mahls der Königin Victoria von Eng- 
land) nach Theeds Modell , 1865 inau- 
gurirt. Molken -Kuranstalt von Dr. 
Florschütz. 

In der Umgebung die Lustschlösser 
*Kallenberg und Eosenau. — Dorf Neiixe$, 
einst Wohnort des Dichters Friedrich 
Rückert {j 1866), mit Kolossalbüste dessel- 
ben. — Hier zweigt die über den Thürinüer 
Wald weiter zu führende Eisenbahn nach 
Sonneberg ab. 

Ueber Niederfüllbach und Ebers- 
dorf nach 

Stat. Lichtenfels auf die Bayerische 
Staatsbahn. 

W agenwechsei! Alle aus- 
steigen! 

Weiterfahrt nach Hof oder Bam- 
berg (s. Eintritts -Route 5, S. 23). 



5. Eintritts -Route: Leipzig — Hof — Bamberg. 



391/2 Meil . Sächsisch se und Baye- 
rische Staatshahnen. Tägl. 5 Züge, von 
denen 2 Schnellzi'ige mit 7^/4 St. und 3 Post- 
ziigc mit 11-15 St. Fahrzeit. 

Taxe. Post Züge: Leipzig- Bamberg 
I. 7 Thlr. 22 Ngr., II. 5 Thlr. 8 Ngr. , III. 
3 Thlr. 26 Ngr. 

Schnellzüge: Leipzig - Bamberg : I. 
9 Thlr. 14 Ngr., II. 6 Thlr. 13 Ngr. — Leipzig- 
Nürnberg: I. 11 Thlr. 9 Ngr., II. 7 Thlr. 22 



Ngr. — Leipzig ' München :1. 18 Thlr. 12 Ngr., 
IL 12 Tlilr. 18 Ngr. — Leipzig - AvgMmrg : 
I. IG Thlr. 15 Ngr., II. 11 Thlr. 9 Ngr. - 
Leipzig -Lindau: 1. 22 Thlr. 9 Ngr., n. 
15 Thlr. 11 Ngr. 

Von Leipzig' (Bayerischer Bahn- 
hof) durch vorzüglich bebaute Acker- 
gegend über Kieritzsch (Zweigbahn nach 
Borna) nach ^^ 



19 



5. Eintritts -Boute: Leipzig — Hof — Bamberg. 



20 



(5% Meil.) Altenburg (Hotel de 
Russie. — Stadt GothaJ , HsiUipt - und 
Residenzstadt des Herzogthums gl. N. 
mit 18,500 Einw. — Auf einem 
Porphyrfelsen das Schloss, bekannt 
durch den von Kuüz v. Kaufungen 1455 
hier begangenen sächsischen Prinzen- 
raub. — Lindenau's Museum ca. 250 
Gemälde (tägl. 2 bis 4 Uhr gratis). Die 
Tracht der altenburger Landbevölke- 
rung, namentlich des weiblichen Theiles, 
ist im höchsten Grade auffallend. Da 
Altenburg eine Kopfstation ist, so wird 
bei der Weiterfahrt die Maschine ans 
bisherige Ende des Zuges gekoppelt. 

(ly^ Meil.)Stat. Gössnitzmit starker 
Weberei. Schon vorher zweigt r. die 
nach Gera laufende Bahn , — auf der 
Station selbst 1. die nach Chemnitz füh- 
rende Linie ab. — Stat. CrimmitzscTiau^ 
blühende Fabrikstadt, 13,670 Einw., 
neue gothische Kirche. Durch den 
fruchtbaren von sehr viel Dörfern be- 
lebten Pleissegrund nach Stat. Werdau, 
eben so thätige Fabrikstadt mit 10,300 
Einw. — Oestl. zweigt die Bahn nach 
den Kohlendistrikten von Zwickau ab. 
Letztere sind die mittelbare Ursache 
der hier so stark entwickelte!» Industrie. 
L. auf einer Anhöhe Schloss Schönfels. 
— Stat. Neumarhj westl. zweigt eine 
Bahn nach Greiz ab. 

a2yio Meil.) Stat. Reichenbach, 

Bahn - Knotenpunkt. 

Aussteigen! Wagen Wechsel für Reisende 
über Eger nach Regenstourg (S. 24). 

Die freundliche^ 1833 halb abge- 
brannte Stadt gehört zu den hervor- 
ragendsten Fabrikorten (wollene und 
halbwollene AVaaren) Sachsens. Man 
suche jetzt Platz auf der linken Seite 
des Waggons einzunehmen, um den 
grossartigen Göltzschthal- "Viadukt gut 
sehen zu können. Mit weitausbuchten- 
der Kurve nähert sich die Bahn dem i\&i- 
Q\x\^&%chn'\iiQwQnGöltzschthal, in dessen 
Grunde das Städtchen Mylau mit einem 
alterthümlichen Schlosse liegt. Die 
gegen 300 Fuss tiefe Schlucht wird von 
einem der grossartigsten Eisenbahnbau- 
w^e, dem 2046 F. langen *GrÖltzch- 
tMR -Viadukt überbrückt. 



Er besteht aus 4 Etagen übereinander 
gestellter Bogenwölbungen, welche durch 
einen starken Mittelbau von nur 2 grösseren 
Bogen (von je 108 F. lichter Weite) unter- 
brochen werden. Das Ganze kostete 2^/2 Mill. 
Thlr. und man brauchte 5 Jahre zur Voll- 
endung desselben. 

Durch allmäblig bergiger werdende, 
aber immer mit Häusern sehr belebte 
Gegend, über die Stat. Netsclikau (mit 
altem Schloss) und Herlasgrün (wo 
dann die bereits erwähnte Bahn nacli 
Eger östl. abzweigt) nach Stat, Buppers- 
grün und Stat. JoJceta. Unmittelbar 
hinter letzterer wird das Terrain vom 
Elsterthale durchschnitten , welche» 
gleich dem Göltzschthal von einem 
kühnen Bauwerk, dem 984 F. langen 
und 241 F. hohen Elster-Viaduht über- 
brückt wird. Easch darauf erreicht der 
Zug die 

(16 Meil.) Stat. Planen (TheiU 
Hotel. — Blauer Engel), den 1844 
fast zur Hälfte abgebrannten Hauptort 
des sächsischen Voigtlandes, jetzt regel- 
mässige , behäbig aussehende Stadt an 
der Elster mit 20,500 Einw. — Sie 
wird vom hochgelegenen Hradschin, 
einst Residenz der Vögte, beherrscht. 
Hauptsächlich hierher hat sich die 
Mousselin- Weberei und Weisswaaren- 
Fabrikation durch eingewanderte 
Schweizer -Familien verpflanzt. — Die 
Bahn windet sich nun über eine wenig 
interessante, meist bewaldete Hoch- 
ebene über die Stationen Mehltheuer, 
Schönberg, Reuth und Gutenfirst, die 
sächsisch -bayerische Grenze passirend 
nach 

(22y,o Meil.) Hof, 14,400 Einw. 

Gasthöfe: Goldener Hirsch. — Branden- 
burger Hof. — Lamm. 

Post: Nach (43/4 Meil.) T^obensfcin, in 4V3 
St., 1 fl. 40 kr. — Nach (2i/4 Meil.) Naila, in 
21/4 St., 45 kr. - Schleiz pr. Gfell (41/2 Meil.), 
in 41/2 St., 1 fl. 35 kr. 

Die bayerische Bezirksstadt, 1823 
grösstentheils abgebrannt, in sehr win- 
terlicher Lage (1698 F. üb. M.) mit 
ziemlich bedeutender Fabrikation und 
lebhaftem Handel bietet dem Ver- 
gnügungsreisenden keine Veranlassung 
zum Aufenthalte. 

Exkursion nach Bad Stelben, 6 St., 1 fl. 
6 kr., eiuern neuerer Zeit wegen seine« 



21 



5. Eintritts -Route: Leipzig — Hof — ßainl)prg. 



22 



Stahlwassers und seiner Moorbäder sehr be- 
suchtem Kurort, mit guten Gasthäusern, 
in sehr schöner Lage, grossem Kurge- 
bäude, Park, protestantischer u. katholischer 
Kirche etc. 

Zweigbahn nach Franzensbad und Egrer 
in Böhmen, zum Anschluss an Eintritts- 
Route 6 (S. 25), 9 Meil., tägl. 3 Züge: I. 
2 fl. 33 kr. II. 1 fl. 42 kr. Ul. 1 fl. 9 kr. 
Die Linie zweigt erst in Siat. Oberkotzau 
ab, aber der Zug formirt sich schon in Hof. 
— Weitere Stationen sind Behau, Selb, Asch 
(österreichische Grenz - Visitation) und 
Franzenshad, wo mau die aus Sachsen kom- 
mende Balin (R. 6) erreicht. 

Die Bahn steigt nun gegen den Lauf 
der Saale durch hügeliges Land an, 
überbrückt dieselbe vor Stat. Oher- 
liotzau (wo die Bahn nach Eger 1. ab- 
zweigt), passirt einen geognostisch in- 
teressanten Berganschnitt durch Chlorit- 
schiefer und erreicht den Marktfleck 
Schiaarzenbach ; Flachs- und Baum- 
wollenspinnerei, Weberei. 

Post: Nach (31/2 Meil.) Wunsiedel tägl. 
2mal, in 41/4 St., 1 fl. 8 kr. — Siehe S. 65. 

Stat. MÜnchberg", protestantisches 
Städtchen mit 2300 Einw. , vielen 
Leinen- und Baumwollen-Webern , star- 
ker Brauerei. Alle Häuser mit schwar- 
zem Schiefer gedeckt. 

Exkursion nach dem Waldstein und 
Weisscnstadt im Fichtelgebirge, S. 71 bis 72. 

lieber Stat. Stammbach, mit alter 
Burg; dann 1. überraschende Fernsicht 
auf das Fichtelgebirge, den Schneeberg 
und Ochsenkopf und weiterhin über 
dunkeler Tannenwaldung die alters- 
graue Ruine von Berneck (S. 62) zum 
Beginn derherühmten^, Schief enEbene^^, 
über welche die Bahn mit einem Gefäll 
von 1:40 und spater von 1:71 über 
540 F. bis Neuenmarkt fällt. 

(283/5 Meil.) Stat. Marktsclior^ast, 

am forellen- und perlenreichen Schor- 
gastbache, mit 900 Einw. 

Post: Tägl. 2mal nach (1 St.) Berneck 
(vergl. S. 62). — Ueber Gefrees nach Weis- 
senstadt (vergl. S. 71 und 74). — Nacli 
(41/4 Meil.) Wunsiedel, in 41/3 St., 1 fl. 16 kr. 

Bei der Weiterfahrt eröffnet sich 1. 
eine malerische Aussicht über das 
Weissmainthal , namentlich auf die An- 
höhen von Trebgast und Kloster Him- 
mehkron. 

Letzteres, eine 1280 durch Graf Otto L 
gestiftete Gisterzienser - Abtei, dann vou 



1569 bis Ende des 16. Jahrb. Erziehung.«- 
anstalt für adelige Töchter, zu Anfang des 
18. Jahrh. Sommerresideuz der Markgrafen 
von Baireuth, ist beachtenswerth wegen 
der in seiner gothischen Stiftskirche beer- 
digten Personen. Hier liegen der Burggraf 
von Nüriiiierg, Albrecht der Schöne und 
jene Gräfin von Orhimünde, die zu ihm in 
einem geheimen Liebesverhältnisse stand, 
begraben. Um die einer Verbindung mit 
ilim entgegenstehenden Hindernisse aus dem 
Wege zu räumen, ermordete sie ihre beiden 
Kinder. Nach dem Volksglauben muss sie 
nun als ,, weisse Fran", zur Sühnung ihrer 
ünthat in verschiedenen Sclilössern des 
HohenzoUern -ßrandenburgischen Hauses 
(bekanntlich auch im Schloss in Berlin) 
umgehen, 

(29% Meil.) Stat. Neuenmarkt 

(5 Min. Aufenthalt). 

Zweigbahn nach {1% Meil.) Baireuth, 
tägl. 4 Züge für 51, 33 und 24 kr. 1 bi. 
Fahrzeit. Näheres S. 57 bis 61. 

Die Bahn läuft nun, immer fallend, 
in ein enges Wiesenthal; r. zwischen 
schönen bewaldeten Bergen das pro- 
testantische Pfarrdorf Guttenberg mit 
schönem Schloss, Ruine und Park. — 
Ueber Untersteinach nach 

Stat. Kulmbach (4750 meist pro- 
testantische Einw.), dem Eldorado der 
schweren bayerischen Export-Biere, das 
bereits seine Absatz -Plätze in Kali- 
fornien, Australien, Japan etc. gefunden 
hatte (10 Brauereien), aber vieler Orts 
durch die neuen Wiener Biere ver- 
drängt wird. Dicht über der Stadt er- 
hebt sich auf einem Felsen (1368 F. 
üb. M.) die im Jahre 1808 von den 
Franzosen geschleifte Bergfestung Plas- 
sen5?n*^^ jetzt Strafanstalt. — Im Main- 
thale weiter fort über die Stationen 
Mainleus und Burgkunstadt (Brücke 
über den Main) nach 

(34I/10 Meil.) Hochstadt, Bahn- 
Knotenpunkt, 

Zweigbahn nach (31/2 Meil.) Stocklieini, 
tägl. 3 Zuge. Taxe nach Kionach 45, 3U 
und 21 kr.; — nach ütocJcheim 1 fl. 6 kr., 
45 und 30 kr. Wichtige Koliienbahn. An- 
fangs mit der Hauptbahn eine Strecke 
parallel, dann, in grosser Kurve das Main- 
thal durchschneidend, ins liodachthal , fast 
immer am Fiisse des Thüringer Waldes an- 
steigend, üher Eedwilz mit altem Schlosse 
und btriihmter Korbflechterei, deren Pro- 
dukte nach allen Ländern versandt werden. 
Hinter dem Orte das wildromantische Slfi- 
. nach-Tlial. Bei einem gro.<sen Felsen keller 
I reizende Aussicht in 3 Thälor. L. Unt<r- 



23 6. Eintritts- Route: Leipzig — Eger (— Regensburg — München). 24 



langenstadt mit dem Schlosse der Freilierren 
vr>n Künzberg. — Oberlang enstadt und Stat. 
Küpa in freundlicher Lage; Porzellanfabri- 
ken, Brauereien, Flossholz -Handel; präcli- 
tiges Schloss d(-r Familie von Redwitz. — 
Srat. Kronach, Städtchen, am Zusammenfluss 
dar Kronach, Hasslach uud Rodach, mit 38Ü0 
Einvv. , auf Felsen galegeu ; darüber erhebt 
sich die nie bezwungene stolze Bergveste 
Mosenherg (nocli 50G F. höher), jetzt Aufenl- 
lialtsort für Staatsgefangene. Die Bewohner 
dieses Städtchens wehrten sich im Süjälirigen 
Kriege wie Spartaner gegen die Scliweden 
und schlugen 3mal die mit grossen Truppen- 
massen vorsuchten Stürme glorreich ab ; 
die Schildhalter ihres Wappens erscheinen 
deshalb als geschundene Männer, die ihre 
Haut über den Arm gehangen tragen. Ueber 
Gundelsdorf nach Stockheim, wo grosse 
Kohlenlager erschlossen sind. 

(3574 M:eil.) Lichtenfels, Bahn- 
Knotenpunkt (872 F. üb. M.). 

Hier mündet die von Eisenach über 
Meiningen und Koburg kommende 
Werrabahn (vgl. Eintritts -Route 4, 
S. 18). 

Von hier aus besucht man das vom 
Bahnhofe aus sichtbare, IV4 St. entfernte 
Kloster, jetzt Schloss Banz, dem Herzog 
Max in Bayern gehörend. Das Kloster 



wurde 1801 säkularisirt. Es liegt 1354 par. 
F. üb. M. auf hohem Bergrücken; in der 
doppolt gothürmton Kirche Grabmal des 
französischen Marschalls Bertliier, Fürsten 
von Neuchä,tel und Wagram. Von sehr 
grossem Wertli ist die im Schlosse geordnet 
ausgelegte grosse *Petrefakten- Sammlung. 

Die Bahn läuft nun im Mainthal 
südl. ß. Schloss Banz (s. oben), — 1. 
der besuchte Wallfahrtsort Kloster 
Vierzehnheiligen , mit grosser doppel- 
thürmiger Kirche , an dessen Fusse das 
Dörfchen Schönbrunn. — L. Stat. 
Staffelst ein , am Fusse des Staffelherges, 
auf dessen Plateau eine Kirche steht; 
berühmt als Fundort vieler Petrefakten, 
namentlich riesig grosser Ammoniten. 
— Ueber die Stat. Ebensfeld, Zapfen- 
dorf und Breitengüssbach nach 

(39V2 Meil.) Bamberg". Grosse, 
gute Bahnhof- Restauration. Stadt- 
Beschreibung von Bamberg s. R. 12. 

Von Bamberg nach Würzburg, 

Eisenbahn R. 21. Wagenwechsel 

Von Bamberg nach Nürnberg und 

Augsburg, Eisenbahn R. 10, S. 45. 



6. Eintritts -Route: Leipzig— Eger (—Regensburg — München). 



Bis Schwandorf 416/10 Meil. Königlich 
Sächsi seh eStaatsbahnu. Bayerische 
Ostbahn. Tägl. 3 direkte Züge, von denen 
2 Courierzüge (in 13V4 St.) und 1 Postzug 
(in 15 St.) direkt nach 3Iünchen gehen. 

Taxe der Courierzüge von Leipzig nach 
Sger: 1. 6 Thlr. 28 Ngr., IL 4 Thlr. 19 Ngr. 
— Nach Regensburg: I. 11 Thlr. 13 Ngr., H. 
7 Thlr. 23 Ngr. — Nach München: I. 15 Thlr. 
28 Ngr. , IL 10 Thlr. 26 Ngr. 

Nß. Die als Passagiergepäck di- 
rekt aufgegebenen Effekten transitiren durch 
das österreichische Gebiet in zollamtlich 
verschlossenen Gepäckwagen und werden 
nicht revidirt, wogegen das in den Coup6's 
befindliche Handgepäck der Reisenden beim 
Eintritt in Oesterreich und beim Wieder- 
eintritt in die Zollvereins - Staaten revi- 
dirt wird. Man kann diese Revision 
jodocli vermeiden, wenn man das 
verschliessb are Handgepäck vor 
Erreichung der österreichischen 
Grenze demKondukteui- gegen eine 
(gratis) Marke behändigt, und nach- 
dem man aus Oesterreicli wieder hinaus 
ist, gegen Rückgabe der Marke zurückfor- 
dert. Handgepäck mit zollpflichtigen Gegen- 
ständen (Cigarren, neue Zeugstoflfe, mehrere 



Bouteillen Wein etc.) müssen unter allen 
Umständen entweder 2mal verzollt, oder 
au den Kondukteur für den plombirten Wagen 
(dann ohne alle Kosten) abgegeben werden. 

Von Leipzig bis Reiche» bach 

(Wagenwechsel) resp. HerlasgrÜU 
(vgl. S. 18 bis 20). Von da verfolgt 
die Bahn einen zwischen der Göltzsch, 
Elster und Trieb sich hinziehenden 
Höhenrücken und berührt die Stat. (r.) 
Treuen, Städtchen mit 5400 Einw.; — 
Lengenfeld , Städtchen an der Göltzsch, 
mit 4600 Einw., Spinnereien und 
Fabriken (% St. von der Bahn entfernt) ; 
— Auerbach, gleichfalls Pabrikstadt 
(baumwollene Zeuge), mit 4300 Einw. 
(72 St. 1. von der Stat.), und Falkenstein, 
Stadt an der weissen Göltzsch, mit 4300 
Einw. Fabrik leichter Baumwollen- 
waaren. Hier hat die Bahn einen ihrer 
Höhepunkte (1564 F. üb. demElb -Null- 
punkt) erreicht, senkt sich nach dem 



25 6. Eintritts -Route: Leipzig — Eger — Schwandorf (— ßegensburg). 2G 



Thale der Trieb, überschreitet dasselbe, 
Haltstelle Bergen, steigt wieder zu dem 
die Trieb von der Elster scheidenden 
Höhenrücken hinan , erreicht diesen bei 
der Haltstelle Lottengrün und fällt wie- 
der über Untermarxgrün nach dem 
Elsterthal zu, überschreitet dasselbe und 
erreicht 

(21 Vs Meil.) Stat. Oelsnitz, Stadt 
mit 4700 Einw. Kattunfabriken, 
Weberei , Strumpfwirkerei und Perlen- 
fischerei, Landschaftlich bietet die 
Bahn bis hierher Nichts, was zu be- 
tonen wäre. Sie bleibt nun im Thale 
der Elster, erst am linken, dann am 
rechten Ufer. — Ueber Adorf, Städtchen 
mit 3100 Einw., Weber und Instru- 
mentenmacher, nach 

(24yio Meil.) Elster, einem im 
Aufblühen begriflfenen, anmuthig ge- 
legenen und bereits ziemlich weit be- 
kannten Mineralbad_, etwa 20 Min. r. 
vom Stationsgebäude. — Die Linie 
verlässt nun das Elsterthal, steigt aber- 
mals etwa 750 F. zu der Wasserscheide 
zwischen der Elster und Eger hinan, 
fällt dann wieder nach Stat. Brambach 
ab , am Eappellenherg vorbei , dem ter- 
restrischen Laboratorium aller in der 
Umgegend zu Tage tretenden Mineral- 
brunnen und erreicht bei Stat. Schön- 
berg den südlichsten Punkt des König- 
reichs Sachsen. 

(277^ Meil.) Toitersreuth, öster- 
reichische Grenzstation. Visitation der 
Reise -Effekten (ausgenommen dessen, 
was in den Gepäckwagen als Transit- 
gut plombirt wird, falls man nicht in 
Franzensbad bleiben will). Man vgl. 
das oben S. 23 Gesagte. — Weiter 
unten mündet r. die von Hof nach Eger 
abzweigende Verbindungsbahn (S. 21) 
und beide vereint laufen nach 

(28 Vs Meil.) Fraiizensbad ("Gaat- 

hof Kaiser von Oesterreich . — Post), 
irü\\Qv EgerbrunnengQna,nnt, ein kohlen- 
sauer-salinisches Stahlwasser, zum 
Badeort durch Kaiser Franz I. erhoben, 
welchem dafür ein Monument (Erzstatue 
nach Schwanthaler) errichtet wurde. 
Von hier noch 1 Meile bis 



Stat. Eg-ermit 13,000 Einw. 

Gasthöfe : Post oder Die Prinzen. — Erz- 
herzog Stephan. — Sonne. 

Post: Nach (6i/4 Meil.) Karlsbad tä{,'l. 
2mal, in 51/2 St., 3 fl. 50 kr. österreichiscli. 
— (4 Meil.) I\farienbad {iin Sommer) tägl. 3mal, 
iD3V2St.,2fl.24kr. österreichisch. — (14 Meil.) 
Pilsen tägl. 2mal, in 14 St., 7 fl. 84 kr. 

Böhmische, einstig freie Reichsstadt 
(tschechisch Ohre oder Cheb) an den 
östl. Ausläufern des Fichtelgebirges, 
mit (1809) demolirter Befestigung. 
Hier wurde am 25 Febr. 1634 im 
Hause des damaligen Bürgermeisters, 
am Ring , der ehemalige kaiserliche 
Generalissimus W^allenstein , Herzog 
von Friedland, in seinem Schlafgemache 
von kaiserlichen Soldaten überfallen 
und vom Hauptmann derselben , Deve- 
roux (einem geborenen Irländer), mit 
einer Hellebarde niedergestochen. Man 
zeigt das Original-Mordiustrument und 
das Zimmer. — Auf dem 1733 erbauten 
Rathhause ein Porträt Wallensteins 
und einige grosse (kunstwerthlose) 
Bilder, welche den Akt des Meuchel- 
mordes und die „Exekution" an den 
vom kaiserlichen Heere abgefallenen 
General Graf Terzky, Feldmarschall 
Illo, Oberst Kinsky u. A. darstellen; 
auch Wallensteins Schwert und einige 
Fahnen werden gezeigt. Dem Führer 
(Amtsdiener) 20 kr. Besuchenswertb, 
als historisch -interessanter und land- 
schaftlich gute Aussicht entfaltender 
Punkt ist die in Ruinen zerfallene, nach 
ihrer ältesten Bauanlage aus den Zeiten 
Kaiser Friedrich Barbarossa's (1180) 
herrührende kaiserliche Burg, auf steilem 
Felsen über dem Egerfluss gelegen, 
Jahrhunderte lang vorübergehend Resi- 
denz der deutschen Könige und Kaiser, 
seit 1634 verlassen. Hier wurden, 
wenige Stunden vor dem Attentat auf 
Wallensteins Leben, dessen Anhänger 
im Bankettsaale (nur noch wenig Reste 
desselben übrig) niedergemacht. Auch 
einearchitektonisch interessante Doppel- 
kapelle, ähnlich der auf der Burg bei 
Nürnberg (R. 14), unten romanischen 
(1183), oben gothischen (1295) Styles, 
ist der Besichtigung zu empfehlen. Gar- 
tenanlagen im Schlosshof; lohnende 



27 7. Eintritts- Boute: Dresden — Chemnitz — Reiclxenbacli (—Bayern). 28 



Aussicht von der Terrasse. — In der 
Stadt die 1111 bis 1272 erbaute NiJco- 
lausTcirche mit alten Wandmalereien. 



Von Eger über Sclnrandorf nach 
Regensburg und München siehe R. 16. 

Von Eger über Schwandorf nach Nürn- 
berg s. K. 16 und 17, 



7. Eintritts -Route: Dresden — Chemnitz — Reichenbach 
(— Bayern). 



Königlich Sächsische östl. Staat s- 
bahn; l.is Hof 294/5 Meli, Tägl. 6 Züge 
nach Hof, voD deuen 1 Schnellzug in öi/aSt. 
Fahrzeit mit direktem Auschluss (Schnell- 
züge) nach Bamberg, Nürnberg, Stuttgart, 
Augsburg, Müncben und Lindau. — 'I ägl. 
4 Züge nach Eger, von denen 1 Schnellzug 
(früh 41/4 Uhr von Dresden) in 8V4St. Fahr- 
zeit mit direktem Auschluss über Regens- 
burg nach München (Abds. 8 Uhr] in I53/4 St. 
Palirzeit. 

Taxen: Dresden -^'^er: I. 7Thlr. 2 Ngr. 
II. 4 Thlr. 22Ngr. — Dresden-ITo/; I. 5 Thlr. 
28 Ngr. IL 3 Thlr. 29 Ngr. 

Wegen des unrevidirten Transites 
des auf der Linie Eger, das österreichische 
Gebiet passirenden Gepäcks sehe man die 
Mittheilung bei Eintritts- Route 6 (S. 23). 

Von Dresden -Altstadt durch den 
Plauenschen Grund, sehr romantische 
Gegend. Bei Stat. Potschappel rauchts 
an allen Ecken und Enden; überall 
Steinkohlen-Gruben, Eisen- und Hütten- 
werke, Gussstahlwaaren- Fabriken und 
andere industrielle Unternehmungen. 
Hier kamen am 2. Aug. 1869 in den 
,,Segen-Gottes"- u. ,,Hofnungs- Schach- 
ten"214: Bergleute durch Explosion der 
schlagenden Wetter jämmerlich ums 
Leben. 

(2 Meil.) Tharandt {Deutsches 
Haus. — BadJ, Städtchen, malerisch an 
der Ineinander -Mündung dreier Thäler 
gelegen, mit Ruine eines ehemaligen 
Jagdschlosses und den ParTcanlagen des 
vom (t 1846) Oberforstrathe Heinrich 
Cotta angelegten Forstgartens. Die 
,, Heiligen Hallen'' sind ein Stück ab- 
schüssigen Waldes mit schönen schlan- 
ken Buchenstämmen, wie man sie an- 
derswo auch findet. Ueber Stat. HöcTcen- 
dorf mit der Silbergrube Edle Krone, 
schöne Waldgegend, ins Thal des See- 
renhaches , immer steigend, mit male- 
rischer Scenerie. Ueber Bobritzsch und 
Hilbersdorf, auf einer 78 F. hohen 
Biücke über die Freiburger Mulde, r. 



unten das königliche Schmelzwerk 
Muldenhütte und ringsum rauchende 
Berg- und Hüttenwerke nach 

(5V2 Meil.) Freiber^, 1146 F. 

üb. M. 

Gasthöfe: ■■•Hotel de Saxe. — Schwarzes 
Boss. — Hirsch. 

Sächsische Bergstadt mit 20^000 
Einw. Centralpunkt des gesammten 
sächsischen Mineral -Bergbaues. Der 
Werth des durch die hiesigen Gruben 
jährlich geförderten Silbers wird auf 
IV2 Mill. Thlr. angeschlagen; das aber, 
was man überhaupt schon bisher ge- 
wann, schätzt man 228 Mill. Thlr. Hier 
besteht eine berühmte 1765 gestiftete 
Bergakademie, an welcher der (f 1817) 
Geognost Werner lehrte. Die Summe 
der Studirenden gleichzeitig je etwa 70. 
— In der 1826restaurirten i>OMl-oder 
31arienkirch€ f die von Herzog 
Heinrich dem Frommen errichtete fürst- 
liche 5eyrä5n^ssÄ;a2)cZZe mit dem schönen 
Marmordenkmal des Kurfürsten Moritz. 
Kanzel in Form einer Tulpe. Silber- 
mannsche Orgel. — Stattliches Alter- 
thums- Museum im Kaufhause (geöffnet 
Mittw. und Sonnabd. , sowie Sonn- und 
Feiertags Nachm.). Auf dem Ober- 
markt vor dem Rathhause (von 1410) 
bezeichnete eine mit einem Kreuze ver- 
sehene Platte den Punkt, auf welchem 
der sächsische Prinzenräuber Kunz 
V. Kaufungen (vgl. S. 19) hingerichtet 
wurde. — Hinter Freiberg wird die 
Gegend ziemlich eintönig. Bei ;Stat. 
Oederan guter Ausblick auf das Städt- 
chen Schellenherg und das darüber- 
liegende Schloss Augustenburg. Ins 
Thal der Flöha , dann ins Zschoppau- 
thal über Stat. Flöha nach 

(10V5 Meil.) Chemnitz, 977 F. 

üb. M. 



19 8. Eintritts -Bo-ute: Prag — Fürth — Schwandorf (u. Nürnberg). 



30 



Gasthöfe: *Bömücher Kaiser — ^Blauer 
Engel. — Stadt Gotha. — ^Krone. — «Stadt 
yürnberg. 

Chemnitz mit 59,000 Einw. ist eine 
der ersten Fabrikstädte Deutschlands 
und wird nicht ohne Berechtigung das 
, .Deutsche Manchester" genannt. Der 
Schwerpunkt ihrer Thätigkeit liegt in 
der Baumwollen -Industrie und in den 
bedeutenden Maschinen-Fabriken, unter 
welch letzteren die im Sommer 1860 
beinahe gänzlich abgebrannte Hart- 
mannsche ca. 2500 Arbeiter beschäftigt. 
Ein grossartiges G-ebäude ist da^ Ähticn- 
Spinnerei am Schiller-Platze (nahe beim 
Bahnhofe) mit 56,000 Spindeln. Ein 
wahrer Wald hoher Feuer -Essen über- 
ragt die Stadt und die Masse des hie- 
sigen Steinkohlen- Verbrauches gibt den 
meisten Häusern ein geschwärztes 
russiges Ansehen. — Findeissens per- 
manente Ausstellung (Entree 7V2 Sgr.) 
von Maschinen und Gewerbs- Erzeug- 
nissen. — Elosterhirchevcnt phantastisch 
skulptirten Portal aus dem 16. Jahrh. 

Die Bahn umgeht die Stadt, passirt 
die Stat. Siegmar, Grüna und Wüsten- 
hrand, die in dem Würschnitzer Stein- 
hohlenbezirke liegen , der gegenwärtig 
von 8 Vereinen ausgebeutet wird (jähr- 
lich ca. 4 Mill. Ctnr.). In der Nähe 
die Lugauer Schachten , in welchen 1867 
im Juli 102 Menschen elend umkamen. 
— Stat. Eohenstein, 5600 Einw., starke 
Baumwollen - Fabrikation , Kattun- 
druckerei und Strumpfwirkerei ; gegen- 
über das Städtchen Ernstthal mit 3800 
Einw. und gleichen Industriezweigen. 

(löVj, Meil.) Olauchau, 20,000 

Einw.^ an der Zwickauer Mulde, einer 
der Hauptorte sächsischer Industrie, 



jährlich für 12 bis 13 Mill. Thlr. ganz- 
und halbwollene Stoffe; bedeutende 
Portefeuille - Fabriken. 

Zweigbahn überMeerane nach Gossnitz 

zum Anscliluss an die grosse Linie Hof- 
L eipzi g und an die Geraer Bah n, welche 
bei Weiäsenfels in die Thüringer Bahn 
mündet. 

(i7%o Meil.) Zwickau, 23,500 
Einw. 

Gasthöfe: Post. — Goldener Anker. 

Die im Thal der Mulde gelegene 
Stadt verdankt ihren bedeutenden 
Wohlstand dem Boden, auf welchem 
sie steht , dem bekannten Zwickau er 
St einkohlen -Bassin, welches jähr- 
lich etwa 12 Mill. Ctnr. Kohlen liefert. 

— In der 1451 bis 1536 erbauten 
gothischen *JIanenJcirche (protestan- 
tisch) ein geschätztes Altarwerk. (8 Bil- 
der) von Michael WoJgemut, ein Altar 
mit Schnitzarbeiten von Adam Krafft 
und Ln der Taufkapelle ein L. Cranach- 
sches Bild ,, Lasset die Kindlein zu mir 
kommen". — An der Katharinenhirche 
(auch Cranachsche Bilder) war Thomas 
Münzer, der fanatische Eädelsführer in 
den Bauernkriegen, Prediger. — Im 
Schloss Oberstein jetzt Landes -Straf- 
Anstalt für ca. 800 Mannspersonen. — 
In Nähe des Bahnhofes Fischers Por- 
zellanfahriTc und die Fichentschersche 
Steingutw.T aren-Fabrik besuchenswerth. 

— Ueber Stat. Neumarh nach 

(20% Meil.) Reiclienbach zum 

Anschluss an E i ntri t ts - Rout e 5 

(S. 19) über Hof nach Bamberg 
oder an Eintritts- Route 6 (S. 24) 
über Eger nach Regensburg und 
MUucheu. 



8. Eintritts -Route: Von Prag über Fürth nach Schwandorf 
(und Nürnberg). 

Böhmische West- und Bayerische 72 kr. — Prag-Aümberg I. 15 fl. 63 kr. 11. 
Ost-Bahn. Tägl. 2 Züge aller 3 Klassen 11 fl. 45 kr. HI. 7 fl. 87 kr. 
in lOVa bis 13 St. Fahrzeit. j In Prag aus dem Schmichower 

Taxen (in österreichischer Währung): Bahnhof ins Moldauthal über die 
Prtig- H>'uensl>urg I. 13 fl. 62 kr. II. 10 fl. I «. . ir r 71, , n 7 ,- ,, , 

•.^ kr. III G fl. 84 kr. - Prng - AftiurZ-e« I S^«*- J^-^'-helbad , Radottn , Mokropetz 
I. 1» fl. 33 kr. II. U fl. 3 kr. HI. 9 fl. I (bereits im BeraunthalJ über eine lange 



31 8. Eintritts -Boute: Prag — Furth — Schwandorf (n. Nürnberg). 32: 



Eisengittei'brücke , Dohrichoioitz ^ Raw- 
nitz nach Karlstein ^ überragt von dem 
auf jähem Felsen gelegenen gleich- 
namigen Schloss, welches Kaiser 
Karl IV. im Jahr 1348 bis 1352 er- 
baute. Hier wurde die böhmische 
Königskrone aufbewahrt. Sehr alte 
Wandmalereien und reich geschmückte 
Kapelle. — Das Thal verengt sich, 
Felsenklippen steigen zu beiden Seiten 
empor. 

(5 Meil.) Beraun, Städtchen mit 
4100 Einw. — Folgen die Stat. Zditz 
und Horoioitz mit einem Schlosse des 
Kurfürsten von Hessen. Die Bahn 
passirt waldige Distrikte; in Mitte der- 
selben das Städtchen Zbirow mit seiner 
alten Königsburg und Stat. Holuhlcau. 
Der Wald öffnet sich ; freiere Gegend. 

(IIV2 Meil.) RoTcitzan und Chrast, 
wo r. (nördl.) eine Seitenlinie nach den 
Badnitzer Kohlenbergwerken abzweigt. 
— Nun wieder ins Beraunthal und über 
die ihrer Konstruktion wegen bedeu- 
tende Uslavabrücike nach 

(14 V2 Meil.) Pilsen (Adler), ehedem 
befestigte böhmische Kreis - Hauptstadt 
mit 15,000 Einw., welche in der Ent- 
wickelung des Wallensteinschen Hoch- 
verraths -Prozesses bedeutend in den 
Vordergrund tritt. Auf dem Markt- 
platze wurden 24 seiner Mitverschwo- 
renen (1634) hingerichtet. Ihrem 1854 
verstorbenen Bürgermeister KopecTcy 
hat die brauberechtigte Bürgerschaft 
auf dem Stephansplatze ein Standbild 
errichten lassen. Bedeutender Export- 
artikel der Stadt ist das hier gebraute 
weingelbe Bier. Besuchenswerth ist 
die schöne gothische Erzdechanei- 
Kirche. 

Zweigbahn nach Budweis (Kaiser-Franz- 
Joseph-Bahn) , 18 Meil., tägl. 2 Züge aller 
4 Klassen in 5 bis 6 St. I. 6 fl. 48 kr. 
IL 4 fl. 86 kr. III. 3 fl. 24 kr. IV. 1 fl. 
62 kr. nebst ca. 20 o/o Agio -Aufschlag. 

Der Zug passirt die Stat. Nürschan 
(Kohlengruben, Eisenwerke), Staab, 
Stanhau , Wostratzin , Miloioetz (in der 
Ferne 1. die Ruinen der Riesenburg) und 
Tauss. Hier beginnt der Böhmertaald. 

Der Böhmerwald ist ein mehr seinem 
Namen als seinem Wesen nach bekanntes 



sehr rauhes, wildes, durch sumpfigeSfrecken 
zumTheil unwegsames, mit dichten Tannen- 
wäldern überwachsenes Gebirge, durchweg 
aus krystallinischem massigen Gestein be- 
stehend, welches im Westen und Süden 
Böhmens vom Fichtelgebirge (R. 11) bis 
zum österreichischen Lande ob der Enns 
hinzieht und durch seineu 27 geogr. Meil. 
langen Kamm (der zugleich Wasserscheide 
zwischen dem Moldau- und Donaugebiete 
ist) die Grenze von Bayern und Böhmen 
abgibt. Als Vorläufer desselben sind auf 
der Westseite der Passauer und der Baye- 
rische Wald (R. 20) anzusehen, in welch 
letzterem zugleich die bedeutendste Erhe- 
bung, die Arbergruppe (4570 F.) liegt. Das 
ihn bewohnende Volk lebt grösstentheils 
von Holzarbeit, ist kräftig, kühn, aber auch 
roh und starr am Alten hangend. Berüch- 
tigt bis in die jüngsten Zeiten war der 
Böhmerwald durch die in demselben sich 
aufhaltenden und aus diesem sicheren 
Versteck ihre Razzias unternehmenden 
Räuberbanden, wie denn auch Schiller 
einen Theil seines Karl Moor -Dramas in 
diese Gegend verlegte. 

Die Bahn durchbricht denselben an 
einer seiner niedrigsten Stellen. Zwischen 
Böhmisch- und Deutsch - Chubitzen ist 
politische und Sprachgrenze. R. und 
1. Blick auf die beiden bedeutendsten 
Berge der Landschaft: Bogen und 
Arber. — Ins Thal der Warmen 
Pastritz und auf einem 555 F. hohen 
und über 2000 F. langen Damm über 
dasselbe. Tunnel durch den Dieberg nach 

(25 V^ Meil.) Fürth, Städtchen mit 
3800 Einw. in anmuthiger Weitung des 
Cham- Thaies , bayerischer Grenzzollort, 
Revision der Reise -Effekten. Der Ort 
brannte im Juni 1863 beinahe zur 
Hälfte ab. Schönes Bahnhof -Gebäude. 
— Weiter über Ährenschwang und 
Kothmaissling , 1. (östl.) Blick auf den 
Bayerischen Wald, namentlich den 
Hohenbogen (3334 F. üb. M.). 

(28Vio Meil.) Cham, 10 Min. 

entfernt. 

Gasthöfe: Scherhauer. — ^Post.—Luckner, 
Aeltestes Städtchen des Waldes, am 
Regen, Hauptstapelplatz der Produkte 
des Bayerischen Waldes, mit 3000 
Einw. — Rathhaus aus dem 15. Jahrh. 
Im Jahre 1742 wurde das Städtchen 
von dem berüchtigten Panduren Oberst 
Trenk 9 Tage lang der Plünderung 
preisgegeben und dann verbrannt. 



33 



9. EintHtts- Baute: Wien — Linz — Wels (— Salzbnrg). 



34 



Besuchenswerth ist der Kalvarienberg 
(Weiteres in R. 20). 

Aus freundlichem Wiesengelände 
tritt nun die Bahn, r. das alte Schloss 
Kühberg, über Stat. Pösing in Waldung, 
welche, alle Aussicht verschliessend, 
bis in die Nähe von Schwandorf an- 
dauert. Man passirt die Stat. Roding, 
Neubau, Bodemoöhr und Ältenschioand 



und verlässt endlich bei dem Wallfahrts- 
orte Kreuzberg die monotonen Kiefern- 
wälder, um in den Bahnhof von 

(34% Meil.) Schwaudorf, Bahn- 
Knotenpunkt. 

Von Schwandorf nach Eger vergl. R. 16. 

Von Schwandorf nach Regensburg' vergL 
R. 16. 

Von Schwandorl nach Nürnberg vergl. 
R. 17. 



9. Eintritts -Route: Wien — Linz — Wels (— Salzburg). 



281/2 Mail, bis Wels, oder 411/2 Meil. bis 
Salzburg doppelgeleisige Kaiserin-Elisa- 
beth-Westbahn, tägl. 5 Züge, in öVa St. 
bis Wels und 8 bis 8V2 St. bis Salzburg. 
Die Personenzüge brauchen bis Salzburg 
111/2 bis 12 St, Fahrzeit. 

Taxen der Schnellzüge: Von Wien 
nach Linz I. 10 fl. 80 kr. II. 8 fl. 10 kr. — 
Wels I. 12 fl. 31 kr. IL 9 fl. 23 kr, — Salz- 
burg I. 17 fl. 93 kr. II. 13 fl. 45 kr. 

Taxe der gewöhnlichen Züge: 
Von Wien nach Linz I. 9 fl. 11. 6 fl. 75 kr. 
III. 4 fl. 50 kr. - Wels I. 10 fl, 26 kr. II. 
7 fl. 70 kr. III. 5 fl. 13 kr. — Salzburg I. 
14 fl. 94 kr. II. 11 fl. 21 kr. HI. 7 fl. 47 kr. 

Die Zahlung ist in österreichischem Silber- 
geld zu leisten ; geschieht dieselbe in Papler- 
preld , so hat man den nach den Valuta- 
Verhältnissen geregelten Agiozuschlag dar- 
auf zu legen , dessen jeweilige Höhe durch 
einen Anschlagzettel an der Kasse ersicht- 
lich gemacht ist. Die Courier- und Schnell- 
züge haben direkte Anschlüsse nach Mün- 
chen, der Schweiz, Stuttgart, Paris, Frank- 
furt, Leipzig etc. 

Omnibus zum Westbahnhof 10 kr. 

Fiaker (zweispännig) aus der inneren 
Stadt zum Westbahnhof 1 fl. 12 kr. Ein- 
spänner 65 kr., während des Tages von 
Morg. 7 ühr bis 10 Uhr Abds.; Nachts die 
Hälfte mfhr und 3 kr. Laternengeld. Ge- 
päck 10 bis 35 kr. 

Aus dem Westbahnhof (von der 
Mariahilfer Linie) in Wien läuft die 
Bahn am linken Ufer des Wienflusses 
hin. R. die Höhen des Kahlen- und 
Leopoldsberges , 1. Schönbrunn mit der 
Gloriette. — Durch freundliche Gar- 
tenanlagen nach Stat. Tenzing. L. 
Hietzing, gegenwärtig Residenz des de- 
possedirten Königs von Hannover. Da- 
hinter der kaiserliche Thiergarten mit 
mehr als 400 Slück Hochwild. Weiter 
über die Stat. Hütteldorf (berühmtes 
Brauhaus), Weidlingau (r. und 1. die 
Höhen des Wiener Walde:«) nach Pur- 

Berlcpsch' Süd -Deutschland. 



hersdorf, am Fusse des 1696 F. hohea 
Troppberges. Das Thal nimmt nun 
den Charakter eines stillen, frischen 
Waldgrundes an. — Stat. Tressbaum, in 
fa&t alpenhafter Gegend, die noch 
ernster wird bei Stat. Bakawinkel. Nach 
einander zwei Tunnel ; wechselnde 
Landschaftsbilder. — Viadukte über 
den Eichgraben und über das Lauben- 
thal. — Stat. Neulenghach; auf bewal- 
detem Berge malerisch das Schloss 
gleichen Namens. — Durch freundlich 
hügelige Gegend über die Stat. Kirch- 
stätten, BöheimJcirchen und Pottenbrunn 
(Schloss mit englischem Park, Geschirr- 
fabrik) in das Thal der Traisan nach 

(8 Meil.) Stat. PÖlteu (^Löwe. — 
Lamm), Stadt mit 7300 Einw., Bisthum- 
sitz mit Domkapitel ; Dom mit Decken- 
gemälden von Altomonte; Stift der 
englischen Fräulein; theologische Lehr- 
anstalt. 

Nebenroute nach lUariazell 10 Meil.; 
Falutaxe 3 fl. 

Weiter durch einen langen tiefen 
Einschnitt über Prinzer sdorf wndL Loos- 
dorf (r. die malerische Osterburg, 1. die 
stolze Schailaburg) durch einen 918 F. 
langen Tunnel zu einer der schönsten 
Gegenden dieser Bahnlinie. 

(11 72 Meil.) Stat. Melk in reizender 
Lage, stattlicher Marktflecken von 
alten Mauern umgeben (Gasthaus zum 
Ochsen). 

Auf einem 180 F. hohen Granitfelsen 

liegt, die ganze Gegend beherrschend, 

stolz und prächtig, die weit berühmte 

Benediktiner - Abtei, im italienischen 

2 



35 



9. Eintritts -Route: Wien — Linz — Wels (— Salzburg). 



Style 1719 bis 1736 erbaut, eine der 
reichsten Prälaturen Europa's. Des 
früheren Klosters wird schon im Nibe- 
lungenliede gedacht. 

Die Bahn tritt nun an das recht- 
seitige Ufer der Donau heran; herrliche 
Landschaftsbilder. Am linken Ufer 
sanftes , wohlangebautes Hügelland, 
übersäet mit Flecken, Dörfern und 
Schlössern. Stat. Pöchlarn, gleichfalls 
im Nibelungenliede genannt, kleines 
Städtchen mit alten Mauern. — Ueber 
die Erlaf nach Stat. Krummnusshawm , 
Dorf mit alterthümlichem Schloss; jen- 
seits des Stromes Dorf Marhach und die 
hoch gelegene Wallfahrtskirche Maria 
Taferl. — Die Bahn, dicht am Ufer des 
hier sehr eingeengten Stromes, be- 
schreibt einen Bogen gen Süden. L. 
auf einem Serpentinfelsen malerisch ge- 
legen Schloss Säusentein, ehemals 
Cisterzienser-Stift. Weiter jenseits der 
Donau das kaiserliche Schloss Persen- 
heug. Nun verlässt die Bahn die 
Donau und steigt im Thal der Ips hinan 
über Kemmelhach und Blindenmarht 
nach Stat. Ämstetten , -wohlgebauter 
Marktflecken. — Das Thal der Ips ver- 
lässend, steigt die Bahn zu der waldigen 
Forstheide (Sieg Murats am 5. Nov. 
1805 über die Russen) hinan über Stat. 
Aschbach nach 

(19V2 Meii.) Sanct Peter in der 

Au^ Marktflecken mit mittelalterlichem 
Schloss. 

Post tägl. 2mal nach (2V2 Meli.) Steyer, 
in 21/3 St. 1 fl. 40 kr. 

Folgen die Stat. Haag (einförmige 
Gegend) und Sanct Valentin. 

Zweigbahn (Kronprinz Rudolfs - Bahn): 
Nach (3 Meil.) Steyer, tägl. 3 Züge in 40 
Min. für I. 1 fl. 8 kr. II. 81 kr. III. 54 kr. 

Ueber die Enns; G-renze zwischen 
Nieder- und Oberösterreich. 



Stat. Enns, uralte Römerkolonie^ 
Laureacum,einstStandpunkt der zweiten 
Legion, wo im Jahre 304 der Tribun Flo- 
rian den Märtyrertod erlitt. Ancreblich 
soll die jetzige Stadt (3800 Einw.) aus 
dem Lösegeld erbaut worden sein, wel- 
ches Richard Löwenherz erlegen musste. 
Reichste Pfarrei Oberösterreichs ; Glas- 
maiereien in der Kapelle neben der 
Kirche. — Nun nähert sich die Bahn 
der Donau wieder, die hier zwischen 
zahllosen Inseln und Auen langsam da- 
hinfliesst. 

Stat. Asten. 

1/2 St. südweatl. liegt das Benediktiner- 
Kloster St. Florian, das älteste Stift Oester- 
reichs, im Jahr 455 durch den heil. Severin 
gegründet und in seiner jetzigen wahrhaft 
prachtvollen Gestalt 1713 unter Karl VI. 
erbaut. Unter der Kirche die Krypta, an- 
geblicher Zufluchtsort der ersten Christen 
dieser Gegend während ihrer Verfolgungen. 
In der Gruft liegt der heil. Florian beerdigt. 
— Bedeutendes Münzkabinet. — Ringsum 
grosse Wohlhabenheit der Bauern, die nicht 
selten zwölf der besten Pferde besitzen; 
auffallende Gastfreundschaft derselben gegen 
Fremde. In der Nähe die Tilhj-Burg, ein 
Geschenk Kaiser Ferdinand II. an den be- 
kannten General. 

Unweit des von einem stattlichen 
Schlosse überragten Marktfleckens Ebels- 
berg ist das Schlachtfeld, auf welchem 
am 3. Mai 1809 die Oesterreicher unter 
General Hiller sich heldenmüthig gegen 
die Uebermacht der Franzosen unter 
Massena (welch letztere 6000 Mann 
verloren) verlheidigten. Nun auf einer 
460 F. langen Brücke über die mäch- 
tige krystallreine, dunkelgrüne Traun 
nach Stat. Kleinmünchen und 

(25 Meil.) Stat. Linz (Ausführ- 
licheres sehe man R. 48). 

Hier mündet die nördlich von Pra? über 
Pilsen und Budweis kommende Böhmische 
Bahn. 

Fortsetzung der Bahn über Weis 
nach Salzburg s. R. 48. 



37 



Das Königreich Bayern. 



38 



Das Königreich Bayern 



ist (nach dem 1866 erfolgten Ausschei- 
den Oesterreichs aus dem ehemaligen 
deutschen Staatenbunde) mit 138172 
Q.-Meil. der zweitgrösste deutsche Staat 
und besteht aus 2 geographisch getrenn- 
ten Gebietstheilen : dem grösseren, östl. 
gelegenen , eigentlichen Bayern im 
engern Begriffe, — und aus der Pfalz 
oder Kheinbayern. Seiner Bodenge- 
staltung nach gehört das Land im Süden 
durch die Algäuer (R. 30 und 31), die 
bayerischen Oberländer (R. 34 bis 42) 
und nördlichsten Salzburger Alpen (R. 
46 und 47), den alpinen Erhebungen 
an und diese sind diejenigen Theile, 
welche von Fremden des Vergnügens, 
der Erholung oder wissenschaftlicher 
Studien halber am meisten bereist wer- 
den. Vor diesem gebirgigen süd- 
lichsten Theile dehnt sich zwischen 
Hier und Inn , bei einem mittleren Ni- 
veau von 1560 F. üb. M. die Schtaä- 
bisch - bayerische Hochebene (R. 15, 27 
bis 29 und 33) aus, ein landschaftlich 
kaum Interesse darbietendes Areal, das 
nächst dem kastilischen Tafellande in 
Spanien die höchst gelegene Hochebene 
Europa's ist. Diesem schliesst sich der 
mittlere Theil des centralen Bayern 
zwischen der Donau und dem Main als 
fränhisches Plateau (R. 12, 14, 17, 23 
und 24) an. Im Osten steigen diese, 
grösstentheils ausserordentlich frucht- 
baren Ebenen, wieder zu mittelhohem, 
bewaldeten Berglande an, welches als 
Mchtelgebirge (R. 11) und sogen. Frän- 
kische Schweiz (R. 13), hauptsächlich 
aber als der Bayerische Wald (R. 20) 
bereisenswerthe, aber verhältnissmässig 
schwach besuchte Wanderziele abgeben. 
— Der nördlichste Theil des Landes ist 
ebenfalls gebügeltes Mittelgebirge und 
wird von der Bauhen Rhön (R. 13) und 
dem Spessart (R. 21) eingenommen. — 
Die bedeutendsten Bodenerhebungen 
finden sich natürlich in den alpinen 
Theilen und hier wieder in dem kom- 
pakten Stocke des Wetterstein- Gebirges, 
das mittels der Zugspitze (R. 37) bis zu 



9153 F. üb. M., — in den Algäuer Al- 
pen durch die Mädeler Gabel (R. 31) 
bis zu 8117 F. und in den Berchtes- 
gadener Alpen im Watzmann (R. 47) 
bis zu 8434 F. sieb ei'hebt. Dieser al- 
pine Theil Bayerns nimmt einen 
Flächenraum von 80 Q.-Meil. ein. — 
Mitten durchs Land streicht der Frän- 
kische Jura, die letzten Ausläufer des 
grossen aus der Schweiz herüberkom- 
menden Juragebirges. 

Seinen hydrographischen Verhält- 
nissen nach gehört Bayern fast nur dem 
Rhein- und Donau-System an. Die be- 
deutendsten Flüsse sind die Donau 
(R. 26 und 18), die der Befreiungshalle 
bei Kelheim und der prachtvollen 
Walhalla bei Regensburg halber viel 
besucht wird, — der Inn, welcher in 
Bayern breit und flach verlaufend kaum 
noch Spuren jener herrlichen Ufer- 
Scenerien sieht, welche seine Geburts- 
stätte und die erste Hälfte seines Weges 
umgeben, — die Isar (R. 39), ein ur- 
bayerischer, prächtig grüner, lebendiger 
Gebirgs - Strom , — die Hier (R. 29) 
und der Lech (R. 15) im südl. und östl. 
Theile des Landes , — und der 3Iain 
(R. 21) im nördlichen. Ausschliess- 
lich dem Rhein-Gebiet gehört die Pfalz 
an. — Charakteristisch für das ober- 
bayerische Land sind die zahlreichen 
Wasser - Stagnationen , die sich zu 
den landschaftlich entgegengesetztesten 
Antipoden ausbilden, einerseits zu den 
prachtvollen, mit allen Reizen der 
Hochlands - Dekoration ausgestatteten 
Gebirgs-Seen, wie der lebensvoll- 
heitere Starnberger (R. 34), der Kochel- 
und der tief - ernste Walchensee 
(R. 35) , der poetische Tegernsee und 
der Achensee (R. 40), der idyllische 
Schliersee (R. 41) und der Diamant 
aller, der grossartige Königssee (R. 47), 
— anderseits zu den flächenhaft enorm 
ausgedehntenMooren oder Moosen (auch 
Filze genannt), unter denen das 
Dachauer und Erdinger Neos im Isar- 
Gebiet und das Ulmerricd und Donau- 



39 



Das Königreicli Bayern. 



40 



Moos im Bereich der Donau die bedeu- 
tendsten sind. 

Günstige Bo denbeschaffenb eit 
bei entsprechenden klimatischen Ver- 
hältnissen sind Ursache, dass Bayern 
als ein ungemein fruchtbares Land weit 
mehr an direkten und mittelbaren Bo- 
denprodukten erzeugt, als es für seinen 
inneren Bedarf verbraucht. Alle mittel- 
europäischen Getreidearten wachsen in 
Fülle, sein Hopfen ist der vortrefflichste 
in ganz Deutschland, ausgedehnte 
Forsten überdecken ein Drittel seines 
Areals und geben Veranlassung zu be- 
deutendem Holzhandel mit dem Aus- 
lande und einige seiner wein-gesegneten 
Gaue gehören zu den respektirtesten 
jeder rebensaft-schlürfenden Zunge. 

Vom Boden kommen 6OV2 Proc. auf 
landwirthschaftlich benutzte Fläche, 333/4 
Proc. auf Waldungen (von denen s/^ dem 
Staate gehören) und nur b% auf unbebautes 
Laad. Der Jahres- Ertrag des Getreid e- 
baues (auf öV* Mill. Tagwerk, fast 7 Mill. 
preussische Morgen Äckerlandes) beziffert 
sich durchschnittlich mit 15 Mill. bayerische 
Scheffel, und die Kartoffel kultur liefert ca. 
103/4 Mill. Scheffel jährlich. Auf 863,000 
Tagwerk erzeugt der Futterbau jährlich 
über 15 Mill. Ctnr. und auf 31/2 Mill. Tag- 
werk Wiesenland werden 51 Mill. Ctnr. Heu 
erzielt. — Die Pfalz und Unterfranken lie- 
fern in mittleren Jahres - Ernten zwischen 
8 und 900,000 Eimer Wein, unter denen 
die Deidesheimer, Forster, Ruppertsberger, 
Dürkheimer und die zahlreichen Würzburger 
mit ihren Leisten-, Stein- und Bocksbeutel- 
Weinen (vergl. R. 21, 23 u. 24) die bekann- 
testen sind. 

Die Viehzucht ist blühend und 
am bedeutendsten in den Alpengegenden 
(vergl. R. 31): Schafzucht wird in 
Mittelfranken, Ober- und Niederbayern 
am besten gepflegt. — Die Gewinnung 
an Werth- Mineralien durch den Berg- 
bau wird nur zum kleineren Theile 
vom Staate betrieben; die grössere 
Ausbeutung erfolgt durch Privat-Gesell- 
schaften. 

Durchschnittlich gewinnt man jährlich 
7 Mill. Ctnr, Braun- und Steinkohlen im 
Wertbe von mehr als 1% Mill. fl. ; der Ge- 
winn an Roheisen wird jährlich «uf l^/j 
Mill. fl., an Gusswaaren aus Eisen auf IV3 
Mill. fl., an Stab- und gewalztem Eisen auf 
fast 42/3 Mill. fl, tJixirt. 

Die Bevölkerung, bayerischen, 
fränkischen und alemannischen Stam- 



mes, summirte nach der letzten Zählung 
(von 1867) auf 4,824,421 Seelen, von 
denen Tiy^ Proc. der römisch-katho- 
lischen und 2iy^ Proc. der protestan- 
tischen Konfession angehören. 

Die grösste V ol k s di c htigkeit vr.n 
9330 bis 9891 Köpfen auf die Q,-Meile findet 
man um die Haardt herum, in der Pfalz; die 
schwächste begreiflich im Gebirge , im 
Algäu, Loisachthal, Berchtesgaden etc. mit 
675 bis 1828 pr. Q. - Meile. 

Von der Landwirthschaft leben über 
3 Mill., — von Industrie, Gewerbe und 
Handel etwas über 1 Mill. Menschen. 
Die besitzlose Menge bildet nur V^^ der 
Gesammt -Bevölkerung. Aus diesen 
Zahlen geht hervor, dass Bayern ein 
vorherrschendAckerbautreibendesLand 
ist, — in der technischen Kultur da- 
gegen manchen anderen Nachbarstaaten, 
namentlich in Norddeutschland nach- 
steht. Dies aber ist auch der Grund, 
weshalb in Bayern mehr mittlere Wohl- 
habenheit herrscht als in manchen an- 
deren industriellen Ländern und wes- 
halb es zugleich dasjenige Land ist, 
in welchem man am billigsten lebt 
und reist. 

Die Hauptthätigkeit der Industrie 
koncentrirt sich auf wenige Städte und 
Gegenden. Spinnereien und Fabriken baum- 
wollener Stoffe haben besonders in Augs- 
burg, Kempten, Baireuth, Hof u. Schwein- 
fürt sich angesiedelt. — Die Wollenweberef 
beschäftigt Hände in Augsburg, München, 
Hof und Nördlingen. — Nürnberg (R. 14), 
schon im Mittelalter der berühmteste Kr- 
findungsort Deutschlands, ist, mit dem fast 
unmittelbar angrenzenden Fürth, industriell 
die Hauptstadt Bayerns, in der eine Menge 
von Gegenständen (Färb- und Drechsler- 
waaren, Instrumente, Gegenstände der Klein- 
Mechanik etc.) verfertigt werden, die in der 
ganzen Welt als „Nürnberger Waaren" be- 
kannt sind. In einem Artikel beherrscht 
Nürnberg fast ganz Europa, in dem üw 
Bleistifte; die Firma Faber ist weltbekannt. 

— Im Zunehmen begriffen ist die Fabri- 
kation von Eisen- und Stahlwaaren, Be- 
sonders hervorragend sind die grossen 
Maschinenbau -Anstalten von Cramer-KIett 
in Nürnberg, Maffei und das Kraus'sche 
Etablissement in München. — Altes Re- 
nommö haben die Glasprodukte des Baye- 
rischen Waldes (R. 20) und von europäisclier 
Berühmtheit sind die Graphit- Geschirre und 
die Schmelztiegel aus der Gegend von Passau, 

— Eine spricliwörtlich hervorragende Stel- 
lung nimmt die Bierproduktion ein; sie 
liefert jährlich gegen 9 Mill. Eimer in» 
Werthe von etwa 55 Mill. fl. Die renom- 



41 



Das Königreicli Bayern. 



42 



iniitesteii Exportbrauereien befinden sich 
iu München, Nürnberg, Erlangen. Kitzingen 
und Kulnibach. 

Betreffs der Volks-Charakte- 
ristik ist der Ältbaijer (im südöstl. 
Theile des Landes), von kräftigem, 
derbem Körperbau, mittlerer Statur 
(mit Ausnahme der Gebirgsbewohner, 
Avelche grösser sind), natürlich und an- 
spruchslos, zuverlässig und offen in sei- 
nem Wesen, aber schwer beweglich und 
von derb -sinnlicher Natur; dabei im 
Vollgefühl seiner bedeutenden phy- 
sischen Kraft händelsüchtig und zur 
Selbsthülfe bereit. Sein Dialekt ist dem 
österreichischen verwandt , aber rauher 
und oft schwer verständlich. In seiner 
kleidsamen Tracht, sowie in seinen 
Sitten , Gebräuchen und in seinem 
Glauben hält er fest am Ueberlieferten 
(man vgl. den Abschnitt ,, Bayerisches 
Oberland", vor E. 34). — Genügsamer, 
gutmüthiger, aber geistig -beweglicher 
sind die bayerischen Schioaben (gegen 
Würtemberg zu); ihr Dialekt, der sofort 
als schwäbischer sich kennzeichnet, 
weicht vom altbayerischen bedeutend 
ab, ebenso wie ihre Tracht, die bei den 
Männern in langen Oberröcken , kurzen 
Hosen mit Zwickelstriimpfen und pa- 
triarchalischen dreieckigen Hüten ihren 
bedeutsamsten Ausdruck erhält. Beide 
Stämme sind specifisch süddeutschen 
Elementes und können sich mit nord- 
deutschem Wesen nicht wohl befreun- 
den. — Die gebildetsten, geistig- 
fähigsten , industriell- Spekulantesten 
sind die Franken, die in ihrem Naturell 
sich der mitteldeutschen und nament- 
lich der thüringer Bevölkerung ziemlich 
anschliessen und dabei heiteren und 
hellen Geistes und von deutscher Ge- 
sinnung erfüllt sind. 

Dem Unterrichts-Wesen wird 
zwar bedeutende Aufmerksamkeit ge- 
schenkt, doch ist dasselbe noch nicht 
frei von klerikalen Einflüssen, welche 
die staatlichen Anstrebungen hemmen. 
— Von den im letzten Decennium aus- 
gehobenen Rekruten konnten durch- 
schnittlich 10 Proc. nicht ordentlich 
lesen und schreiben. — Als höhere 



Lehranstalten bestehen 3 Landes -Uni- 
versitäten zu München, Erlangen und 
Würzburg; ferner ein Polytechnikum 
in München, eine Central-Forstkhr- An- 
stalt in Aschaffenburg, eine landwirth- 
schaftliche Central- Schule zu Weihen- 
stephan, eine Bergschule zu Amberg, 
eine Central - Thierarzneischule in 
München und eine Militärbildungs- An- 
stalt ebendaselbst. Hervorragende Stel- 
lung nehmen die Akademie der Wissen- 
schaften und die Sammlungen des 
Staates in München ein. Die Hof- und 
Staats - Bibliothek ist die grösste in 
Deutschland. — Mehr als jede andere 
geistige Schöpfung gedieh die Kunst 
zu hoher Blüthe. Durch die grossen 
Aufgaben, welche König Ludwig I. 
während fast seines ganzen Lebens den 
ersten Künstlern seiner Zeit stellte, 
wurde seine Residenz zum Sitz und 
Central -Punkte der herrlichsten Be- 
strebungen und grossartigsten Kunst- 
schöpfungen. 

Bayern ist eine konstitutionelle 
Monarchie und hat den Ruhm , das dem 
deutschen Volke in dem berüchtigten 
Artikel 13 der Bundesakte gegebene 
Versprechen der Verleihung hmdstän- 
discher Verfassungen (nächst dem Gross- 
herzog von Weimar) zuerst und in 
gi'össerem Umfange freiwillig durch das 
Grundgesetz vom 26. Mai 1818 erfüllt 
zu haben als alle anderen deutschen 
Staaten. — Der Landtag ist aus der 
Kammer der Reichsräthe und aus der 
Kammer der Abgeordneten zusammen- 
gesetzt; letztere werden nach dem Ver- 
hältniss von 1:31,500 Bewohner auf 
6 Jahre durch das Mittel von Wahl- 
männern (1:500 Seelen) gewählt. 

Seiner staatlichen Ein theilung 
nach besteht Bayern aus 8 Regierungs- 
Bezirken (früher Kreise genannt), und 
zwar: 

Q.-Meil. Hauptstadt 



Oberbayern mit 311, 



München 



Niederbayern . 196,24 Landshut 
Oberpfalz u. Re- 
gensburg . . 176, j4 Regensburg 



43 



Das Königreicli Bayern. 



44 



Q,-Meil. Hauptstadt 
Mittelfranken . 137,-2 Ansbach 
Unterfranken u. 

Aschaffenburg 15 2,^1 Würzburg 
Schwaben 



und 



Neuburg 
Pfalz . . 



171, 

108, 



Augsburg 



',22 Speyer 
Die grössten Städte sind : Müuchen mit 
169,612 Einw., — Nürnberg mit 82,929 Einw., 
— Augsburg 50,451 Eiuw., — Würzburg 
42,200 Einw., — Regensbnrg 30,400 Einw., — 
Bamberg 26,000 Einw.,— Fürth 22,500 Einw., 
Baireuth 19,500 Einw., — Ingolstadt 17,700 
Einw., — Kaiserslautern 15,300 Einw., — 
Speyer 14,800 Einw., — Landshut 14,600 
Einw., — Hof 14,400 Einw., — Passau 13,900 
Einw., — Ansbach 13,000 Einw,, — Arnberg 
12,300 Einw., dann Erlangen, Straubing, 
Landau , Kempten etc. 

Regent ist König Ludwig IL, geb. 
25. Aug. 1845 , Sohn des am 10. März 
1864verstorbenen Königs Maximilian IL 
und der Königin Maria (Tochter des 
verstorbenen Prinzen Wilhelm von 
Preussen), noch unvermählt, residirt 
während des Winters in Müuchen, 
während des Sommers abwechselnd auf 
Schloss Berg am Starnberger See 
(R. 34) und auf Hohenschwangau 
(K. 30). Seine Civilliste 27^ Mill. 
Gulden. Jüngerer Bruder ist Prinz 
Otto, geb. 27. April 1848. 

Budget. Die Finanzen des Staates 
sind wohl geordnet. Nach dem Voran- 
schlag für 1869 betrug die Staats-Brutto- 
Einnahme 87 Mill. Gulden (darunter 
10 V3 Mill. direkte und 2774 Mill. in- 
direkte Steuern, 287, ^^ül- Staats- 
regalien, 1775 Mill. Staatsdomänen). — 
Verwaltungs - Ausgaben 2873 Mill., 
Staats-Ausgaben 58 '/g Mill. (darunter 
167^ Mill. Staats -Schuldentilgung, 3V7 
Mill. Civilliste und Apanagen, fast 5 
Mill. Justiz, 573 Mill. Ministerium des 
Innern, 474 Mill. Kultusministerium, 



4 Mill. Ministerium des Handels und 
der öffentlichen Arbeiten , fast 15 Mill. 
Mill. Militär etc. Staatsschulden Ende 
1868: Alte Schuld 67 7 ^ Mill., neuere 
Schuld 367j Mill. , Militärscliuld 637^ 
Mill., Eisenbahnschuld I4873 Mill., 
Grundrenten -Schuld 9675 Mill. 

Die Armee bildet nach dem Ver- 
trag vom 23. Nov. 1870 einen in sich 
geschlossenen Bestandtheil des deut- 
schen Reich sheeres und besteht aus 2 
Armeecorps mit 16 Linien - Infanterie- 
Regimentern, 10 Jägerbataillonen, 10 
Regimentern Kavallerie, 32 Batterien 
Artillerie und 1 Genie-Regiment. Frie- 
densstärke ca. 44,000 Mann. — Drei 
wirkliche Festungen: Ingolstadt, Ger- 
mersheim und Landau, und mehrere be- 
festigte Punkte, wie Marienberg bei 
Würzburg (R. 23). — Die Landes- 
farben sind blau und weiss. 

Orden: Des heil. Hubertus (ältester 
HausoTden, von 1444), — Ritterorden vom 
heil. Georg, — Militär-Max- Josephs-Orden, 
— Verdienstorden der bayerischen Krone 
(von 1808), — Verdienstorden vom heil. 
Michael, — Maximiliansorden, für Wissen- 
schaft und Kunst (von 1853), — Ludwigs- 
orden (von 1827) und Theresien-Orden, für 
Frauen. 

Als Hauptverkehrswege existiren 
zwei Eisenbahn - Systeme : a) das der 
königlichen StaRtsb^.hnen (R. 10, 21, 23, 
24 und 27 bis 29) mit einer Gesammt- 
längevon 223 Meil. (im Frühjahr 187U) 
und b) der privilegirten Ostbahn -Ge- 
sellschaft (R. 16, 17 und 19) mit einer 
Gesammtlänge von 83 Meil. 

Maasse und Gewichte werden 
vom Jahre 1872 an nach französischem 
Decimal- System umgeändert, mit ein- 
ziger (vorläufiger) Ausnahme der den 
Katastern zu Grunde liegenden Maasse 
des Grundbesitzes. 




.^w^^"- 



A 




X4 i-^n/j^up.^ 71 p,ciqx. 



45 10. Route: Bamberg — Augsburg (— Ingolstadt) — München. 46 



10. Route: Bamberg — Augsburg — München. 
Bamberg — Treuchtlingen — Ingolstadt — München. 

(Vergl. beikommendos Kärtchen: Hof -Nürnberg.) 



Die Lud wigs- Süd-Nordbahn um- 
fasst die 76 Meilen lange Linie von der sächs. 
Grenze bei Hof bis Lindau am Bodensee 
(R. 28). Anfänglicli (lfe36) war die Strecke 
Nürnberg bis Hof einer Privatgesellschaft 
koncessionirt; als diese aber von der Bau- 
Ausführung abstand, übernaKm die Eegie- 
ruDg die Linie und bewilligte für dieselbe 
51 V2 Mill. fl. Die streckenweise Eröffnung 
fällt in die Jahre 1844 bis 1853. Landschaft- 
lich bietet die Bahn nur sporadisch inter- 
essante Partien; der grösste Theil derselben 
durchschneidet fruchtbnre agrikole Gebiete 
flachen, mitunter scliwach gebügelten Lan- 
des, in welche bisweilen kleine Holzbe- 
stände eingestreut sich zeigen. Von Bam- 
berg bis Donauwörth fS. 51) steigt die 
Bahn 540 F. ^ 

Tägl. 5 Züge; davon (im Sommer) 2 
Courier-, resp. Schnell-Züge in 61/2 bis 7 
St. Fahrzeit von Bamberg bis München. 

Taxe der gewöhnlichen Züge: 
Von Bamberg nach Forchheim (zum Eintritt 
in die Fränkische Schweiz) I. 1 fl. II. 39kr. 
in. 27 kr. — Erlangen L 1 fl. 36 kr. II. 1 fl. 

3 kr. IIL 42 kr. — Jsürnberg I. 2 fl. 24 kr. 
n. 1 fl. 36 kr. ni. 1 fl. 6 kr. — Nördlingen 
(Abzweig, nach Stuttgart) l. 6 fl. 28 kr. 11. 

4 fl. 18 kr. ni. 2 fl. 51 kr. — Avgslvrg 1. 
9 fl. 18 kr. n. 6 fl. 12 kr. m. 4 fl. 9 kr. 
— München (via Ingolstadt) L 10 fl. 30 kr. 
n. 7 fl. III. 4. fl. 42 kr. 

Taxe der Schnellzüge: Von Bam- 
berg nach Nürnberg I. 2 fl. 54 kr. 11. 1 fl. 
57 kr. — Augsburg I. 11 fl. 12 kr. II. 7 fl. 
27 kr. — München (via Ingolstadt) I. 12 fl. 
36 kr. n. 8 fl. 24 ki«. 

Von Bamberg (S. 73 bis 80) bei 

Ausfahrt aus dem Bahnhofe 1. Schloss 
Giech, auf einer Anhöhe, r. Blick auf 
die Altenburg, den Michelsberg und die 
reich-gethürmte Stadt, — Dann Kiefern- 
wald und die Stat. Hirschaid und Eg- 
golsheim. Weiter 1. Schloss J ägershurg , 
dem berühmten Reisenden und Natur- 
forscher V. Schlagintwcit gehörend. 

(SVa MeiU) Forclllieim mit 4600 
Einw. 

Hotels: Bayerischer Hof. — Schwan. — 
Gasthaus zur Eisenbahn. 

Uralte Veste, früher den Bischöfen 
von Bamberg gehörend, jetzt todtes 
Landstädtcheu mit kleiner Kavallerie- 
Garnison. In der alten Martins- oder 



StiftsTcirche zwölf Passionsbilder, als 
deren Meister Mich. Wolgemut ge- 
nannt wird. Oestl. von Forchheim öff- 
net sich das breite Thal der Wiesent, 
des Forellenbaches der Fränkischen 
Schweiz. 

f^^ PorcWieiin ist Eingangs- Punkt für 
Reisende in die Fränkische Schv. oiz, 
deren Berge blau herüberschimmem. Nach 
jedem Eilzug direkte Post-Verbindung 
mit Streitberg. Privatfuhren jederzeit 
am Bahnhof und im Gasthaus zur Eisen- 
bahn zu erfragen. Man braucht nicht 
erst in die 15 Min. entfernte Stadt. — 
Weiteres Route 13. 

Stat. Baier sdoi'f mit der Euine 
Scharf enech. Dann der hoch st unnöthige 
Tunnel vor Erlangen, 1050 F. lang, wel- 
cher unter herrlichen Obstgärten (na- 
mentlich berühmte Kirschenzucht) 
durchläuft. Beim Austritt aus demselben 
sieht man Erlangen vor sich. Am Berge 
das Schwanthalersche Ludioigs- Kanal- 
DenJcmal mit der stolzen Inschrift: ,,Bo' 
nau und Main für die Schiffahrt ver- 
bunden. Ein Werh , von Karl d. Gr. 
versucht, durch Ludioig I. , König von 
Bayern, neu begonnen und vollendet' . 
Man denkt jetzt lebhaft daran, dieses 
Werk, das demLande jährlich schweres 
Geld kostet und den Gegenden, die es 
durchfliesst, das Wasser entzieht, wieder 
einzuwerfen und event. zu einer Eisen- 
bahn zu benützen. 

Der Ludwigs -Kanal ist von Kelheim 
(R. 26) bis zn seinem Ausfluss in die Reg- 
uitz bei Bamberg (S. 77) 23V2 Meil. laug, 
durchgängig 54 Fuss breit und 5 Fuss 
tief. Er setzt mittelst 104 SclUeusen über 
eine Höhe von 630 F.; ferner über- 
brückt er mittelst steinerner Aquädukte 
12 Flüsse und über ihn selbst führen 150 
Brücken. Seine Herstellungskosten betru- 
gen mehr als 10 Mill. fl. 

(5 V, Meil.) Erlang-en, 11,600 Einw. 
Gasthöfe: WaUfisch. — Blaue Glocke. — 
Schtvan. 

Bekannte Universitäts- Stadt (400 
Studenten), neuerdings auch durch In- 
dustrie belebt. Die Hochschule, 1743 



47 10. Route: Bamberg — Augsburg (— Ingolstadt) — München. 43 



gegründet (Denkmal des Stifters Mark- 
graf Friedrichs von Brandenburg -Bai- 
reuth vor dem Universitätsgebäude, 
nach Seh wanthalers Entwürfen), ist na- 
mentlich bekannt durch ihre der luthe- 
rischen Orthodoxie zugethane theolo- 
gische B'akultät; sie besitzt werthvolle 
wissenschaftliche Sammlungen, eine 
reiche Bibliothek (140,000 Bde.) und 
eine vorzügliche Kupferstich-Sammlung. 
Die gegen Ende des 17. Jahrh. hierher 
geflüchteten französischen Protestanten 
brachten zuerst durch ihren Gewerbe- 
fleiss Erlangen in Flor; von ihnen 
stammt namentlich das hier blühende 
Strumpfwirker - Gewerbe. Neuerdings 
entstanden viele grosse, erfolgreich ar- 
beitende Fabriken (für Spiegel, Spinne- 
reien), namentlich auch berühmte Bier- 
brauereien , die ihre ausgezeichneten 
schweren Biere weithin exportiren. Im 
Uebrigen birgt die Stadt keine Elemente, 
die den Vergnügungsreisenden veran- 
lassen könnten, hier Halt zu machen. 

Hinter Erlangen beginnt schon die 
trostlos-langweilige Gegend, welche bis 
Nürnberg und darüber hinaus andauert, 
welcher zwar derFleiss ihrer Bewohner 
alles Mögliche abringt, deren steriler 
Charakter aber überall durchleuchtet. 
Hier, wie auf dem ganzen Wege zwischen 
Nürnberg und Bamberg, laufen Eisen- 
bahn, Chaussee, Fluss und Kanal gleich- 
berechtigt neben einander her; hinter 
dem Anhalte-Punkt Poppenreuth setzen 
sogar Eisenbahn und Kanal, beide mit- 
telst Via- und Aquädukt über die Peg- 
nitz, die oberhalb Fürth mit derEednitz 
sich vereiniget, und die Regnitz bildet. 
Oberhalb Bamberg mündet sie in den 
Main. R. die Thürme von Fürth, 1. die 
alte Burg von Nürnberg; dann Stat. 
Fürther Kreuzung. 

8^= Reisende nach Pärth und Würz- 
burg aussteigen. Fürth s. R. 24. 

An der Station vorbei läuft die äl- 
teste Eisenbahn Deutschlands, iiiQFürth- 
Nürnberger Verbindmigs-Bahn, deren 
Dienst noch heute theilweise mit den 
ursprürglichen Waggons und den klei- 
n< n Lokomotiven von früher betrieben 



wird. E. , am grossen Kanal - Hafen 
vorbei, erreicht derZug in grosser Kurve 

(8 Meii.) INürnberg" (S. 93). 

Aussteigen für die östlich abzweigende 
Bayerische Ostbahn (R. 17) nach Re- 
gensburg, Linz, Wien, Prag und die 
nordwestlich nach Würzburg (R. 24) 
laufende Linie der Bayerischen Staats- 
bahn. 
'•'Bahnhof-Restauraiion gut. — Nürnberger 
Lebkuchen zu haben. — Aufenthalt: 
Schnell -Zug 5 Min. Personenzüge 25 bis 
30 Min. 

Der Weiterreisende fährt wieder eine 
kurze Strecke zurück, weil Nürnberg 
Kopfstation ist, und sieht jetzt r. zuerst 
das Krankenhaus, dann die Zeltnersche 
Ultramarin-Fabrik. Ueber den Donau- 
Main -Kanal, der von hier ab gegen 
Südosten geht, um bei Kelheim die 
Donau zu erreichen. Diese beiden Ver- 
kehrswege, die von Bamberg her neben 
einander liefen, kommen nun nicht mehr 
zusammen. Die Bahn setzt über die 
Rednitz, passirt den mitten im Walde 
liegenden Anhalte -Punkt Reichelsdorf, 
und bald darauf 

Stat. Schwabach, 7000 Einw., alte 
Stadt mit blühender Gewerbthätigkeit; 
die hier fabricirten Nähnadeln sind 
weltbekannt. In der aus der letzten 
Hälfte des 15. Jahrh. stammendenPfarr- 
kirche vorzügliche Altargemälde von 
Mich. Wolgemut und ein prächtiges 
Sakramentshäuschen von Adam KrafFt 
(1505). Die Bahn tritt bei Stat. Roth 
in das berühmte Hopfengebiet, das erste 
Hopfenland der Erde; r. liegt Spalt, 
dieser durch sein ausgezeichnetes Ge- 
wächs (Spalter Gut) überall , wo man 
Bier trinkt, rühmlichst bekannte Ort. 

Von den 260,000 Ctnr. Hopfen, welche 
Bayern 1867 producirte (ganz Europa baut 
circa 540,000 Ctnr.), entfallen allein 130,000 
Ctnr. auf Mittelfranken, resp. auf diese 
Gegend. 

L. und r. von der Bahn sieht man 
jetzt häufig die hochaufschiessenden 
Pflanzen, die namentlich da , wo sie an 
Drähten gezogen werden, der Gegend 
ein ganz eigenthümliches südliches Ge- 
prägegeben. Folgt Georgensgemünd. Auf 
der Höhe 1. Schloss Sandsee, dem 
Fürsten Wrede gehörig. 



49 10. iio-ute: Bamberg — Augsburg (— Ingolstadt) — München. 



iO 



Pleinfeld^ Abzweigung der Bahn 
über Ingolstadt nach München. 



Pleinfeld — Ingolstadt — München. 

Die Bahn geht von Pleinfeld über die 
Stat. Elliiigen, Weissenhurg , Grönhard nach 
Treuchtiingen (wo die lialm von Würzburg 
her tinmüudet) und tritt hier in das reizende 
-■■'Altmühlthal ein, in welchem sie bis Eich- 
Ktädt bleibt. Folgt Stat. Pappenheim (Schloss 
mit prächtigen Gärten, sciiöne Bergruine), 
sSolenhofen, wo die berühmten Brüche für 
Lithographie-Steine sich befinden, Dolln>tein 
und das alterthümliche Städtchen Eichstädt 
(S. 235) mit interessantem Bahnhof auf 
mächtiger Felsenplatte. Weiter über die 
Stationen Adelschlag, Gaimersheim nach 
Ingolstadt (S. 234). 

Von Ingolstadt nach München s. S. 235. 



Von Pleinfeld geht die Bahn Avest- 
lich nach Gunzenhausen (berühmte 
Bratwurststation), wo sie sich mit der 
Würzburg -Münchner Linie kreuzt. 

Folgt Gronheim und Wassertrü- 
dingen, r. der Hesseiberg, dann Oettingen 
an der Wörnitz, Residenz der Fürsten 
von Oettingen -Spielberg. Die Land- 
schaft ist ihrem malerischen Effekte 
nach unbedeutend, aber durch ihre 
Fruchtbarkeit weit bekannt unter dem 
Namen das Ries, auch poetisch verherr- 
licht durch die iv&fHichQn , ^Erzählungen 
aus dem Ries'' von Melchior Ileyr. Der 
r. bei Bopfingen schon im Würtember- 
gischen liegende Berg mit auffallender 
Form ist der ip/(2100 F.), die ßömer 
sollen einst zu Befestigungszwecken 
seine Kuppe abgedeckt haben (?). Folgt 
Dürrenziinviern und die Einmündung 
der Würtemhergischen Remsthal-Bahn 
(K. 62). 



Hotel Wüst nächst der Bahn. — Krone. 
-- Sonne. — Deutsches Haus. 

Alte ehemalige Reichsstadt, deren 
Mauern und Thürme schon vom Bahn- 
hof auffallen. Der ebenfalls schon 
vom Bahnhof sichtbare stattliche 
Kirehthurm (350 F. hoch) streitet mit 
dem Landshuter (R. 7) um den Ruhm, 
der höchste in Bayern zu sein. In der 
dazu gehörigen dreischiffigen gothischen 
Haupt- oder Magdalenenhirche (1505 



vollendet) befinden sich mehre Bilder 
von Hans 8chäuffelin (einem Schüler 
Dürers) und von Friedr. Herlin (beide 
waren Bürger von Kördlingen); auch 
gute Orgel und das Grabmal des 1546 
im schmalkaldischen Kriege hier gefal- 
lenen Herzogs Albert von Braunschweig. 
— In diQY Georgenhirche{l^21 bis 14 90) 
eine Kreuzabnahme von SchäuflFelin, 
schönes Tabernakel und skulptirte Kan- 
zel. — Im Rathhause ein grosses Wand- 
gemälde von Schäuffelin (von 1515), die 
Belagerung von Bethulien darstellend. 
Ueberhaupt hat Nördlingen im Mittel- 
alter sich durch reges künstlerisches 
Streben seiner Bürger rühmlich ausge- 
zeichnet; nachgewiesen ist, dass es da- 
selbst „Briftrucker" schon in vorgutten- 
bergischer Zeit gab. — Jetzt floriren 
Leimsiederei und Gänsezucht. 

Am 6. Sept. 1634 umtobte die Mauern 
von Nördlingen jene furchtbare Religioiis- 
schlacbt, in welcher die Schweden unter 
Herzog Bernhard von Weimar von den 
Oesterreichern unter Ferdinand vou Ungarn 
geschlagen wurden. 12,000 Todte bedeckten 
das Schlachtfeld und General Hörn ge- 
rieth in Gefangenschaft. 

1/2 St. nach Maitingen, mit der grossen 
Fideikommiss- Bibliothek und Kunstsamm- 
lungen der Fürsten von Oettingen- Waller- 
stein. 1 St. nach Wallerstein mit Schloss 
des Fürsten von Oettingen-Wallerstein und 
einem originellen grossen Fels, der sich 
isolirt aus der Ebene erhebt. 

Mit dem Austritt aus dem neuen, 
grossangelegten Bahnhof nimmt die 
Bahn eine entschieden südöstl. Richtung 
an und bildet mit der Strecke Gunzen- 
hausen fast einen rechten Winkel. Hinter 
Möttingen mit Schloss Äzer/icm verlässt 
sie das Ries und tritt in das Bereich der 
Dolomitbüdungen, welche der Umge- 
bung von Harburg einen so malerischen 
Reiz verleihen. Schon hier hat die 
Bahn mit der in Windungen sich 
schlängelnden Wörnitz zu kämpfen und 
übersetzt dieselbe mehrmals auf schnell 
sich folgenden Brücken. 

R. Harburg", Marktflecken mit 
altem grossen. Schloss. 

Im Scblosshof ein 437 F. tiefer Brunnen; 
Burgverlies mit schaueiiichen Gcfängiiissou 
(z. B. das .sogen. UuholdtMiloch). In der 
St. Anna- Kapelle die Finstongruft derer 
von Oettingen. Etwa ein Viertel der 1200 
Einvv. sind Israeliten. 



51 10. Route: Baml)erg — Aiigsl)urg (— Ingolstadt) — München. 52 



Donauwörth, 4000 Einw. 

Gasthöfe: Krebs. — Becherer. — Post. 

Ehemalige Reichsstadt (1359 F. 
üb. M.), lebhaft durch die hier begin- 
nende Donau - DampfschifFfahrt (R. 26). 
Der Bahnhof ist für den Güterverkehr 
mit dem Hafen verbunden, so dass un- 
mittelbar vom Waggon ins Dampfschiff 
verladen werden kann. Ursprünglich 
Römerkolonie Confluentia Bermitiae 
(d. h.Einfinss der Wörnitz in die Donau) 
auf einer Insel (Wörth genannt), ent- 
wickelte diese sich im 12. Jahrh. zur 
Stadt ,, Schwäbisch- Wörth'^ mit einem 
Schlosse ilfa?ipfoZcZs^ez» (Gas trum Wörth), 
welch letzteres traurige Berühmtheit 
durch die ungerechte Hinrichtung der 
Maria von Brabant erhielt. 

Ludwig der Strenge, Herzog in Bayern, 
war mit dieser Tochter Heinrichs des Gross- 
müthigen von Brabant vermählt. In blinder 
Eifersucht hatte er Hen Schlossvogt und 
das Kamriierfiäulein Helika ermordet und 
die Oberhofmeisterin vom Schlossthurme 
stürzen lassen, in der Meinung sie seien 
Vertraute einer geheimen Liebschaft seiner 
Gattin, und letztere fiel endlich selbst auf 
seinen Befehl 1256 unter dem Henkerbeil. 
Bald nach der Schreckensthat erwies sich 
die Unschuld aller Hingemordeten und zur 
Sühne stiftete der Herzog das Kloster Für- 
stenfeld (1266), woselbst er begraben wurde. 

Der Sarkophag des unschuldigen 
Opfers ist noch in der Klosterkirche der 
ehemaligen Benediktiner - Abtei zum 
heil. Kreuz zu sehen. Das Schloss 
wurde auf Befehl Kaiser Albrechts 
(1300) zerstört. 

Der Zug passirt die hier schon ganz 
stattliche Donau ; unmittelbar an der 
Brücke 1. liegen gewöhnlich die kleinen 
Donau -Dampfer. Die Bahn geht jetzt 
parallel dem Lech , den man aber nicht 
sieht, so nahe man ihm auch ist, direkt 
gegen Süden. L., jenseits des Lech der 
Kirchthurm von Hain, woTilly bei Ver- 
theidigung des Lechüberganges gegen 
Gustav Adolf am 5. April 1632 die 
Wunde empfing (eine Falkonetkugel 
hatte ihm den rechten Schenkel zer- 
schmettert), der er am 20. April zu 
Ingolstadt erlag. Ueberhaupt ist das 
Donau! hal voll kriegerischer Erinne- 
rungen. R. hinter der Brücke in mehr- 
stündiger Entfernung» die Thürme von 



Blindheim und Höchstädt am Donau- 
Ried, wo 1083 Kaiser Heinrich IV. 
Weif L von Bayern schlug, 1703 Kur- 
fürst Max Emanuel die Kaiserlichen 
besiegte und 1704 von Marlborough 
wiederum geschlagen wurde. 

Die Niederlage des französisch - bayeri- 
schen Heeres war damals eine vollständige, 
ein Verlust von mehr als 30,000 Mann an 
Gefangenen und Todten. 

Folgen Stat. Mertingen, Nordendorf, 
Meitingen (Stahlfabrik), Gersthof en — 
von da kommt die Ulmer Bahn herein 
— dann über die Wertacb und in den 
Bahnhof von 

Augsburg (R. 15). 

50=" Unangenehmer Bahnhof, auf 

welchem, da hier Zusammenfluss der Pas- 
sagiere von Lindau, München, Ulm und 
Bamberg, viel Lärm und Verwirrung, üebri- 
gens werden die Passagiere zu ihren betref- 
fenden Zügen zweimal aus den Warte- 
zimmern abgerufen. Die Restauration der 
zweiten Klasse ist seit lange als die unan- . 
genehmste in ganz Bayern bekannt und 
gemieden. In dieser Muster-Restauration 
kann man im Bierlande kein Glas Bier be- 
kommen, sondern muss eine Flasche (meist 
schaal und schlecht) trinken, hier erhält 
der eilige Reisende ungeschälte Kar- 
toffeln 3 Stück zu 6 kr. vorgesetzt. Ueber- 
dies bei Beschwerden grobe Bedienung. 
Alle Klagen helfen nichts; dagegen im Ne- 
benzimmer (Restauration 3. Klasse), leider 
meist überfüllt, gutes nahrhaftes Essen zu 
angemessenen Preisen, freundliche Bedie- 
nung und frisches Bier, schäumend im Glas. 

Unmittelbar hinter dem Bahnhof 
zweigt das Lindauer Geleiser, ab. Nach- 
dem der Münchner Schienen -Strang 
mittelst einer schönen Gitterbrückeden 
Lech passirt hat, tritt die Bahn in das 
berüchtigte Moos (Moor) ein, welches 
sich zwischen Augsburg und München 
schier unabsehbar ausdehnt. Die zwi- 
schen den beiden grossen Städten lie- 
genden 9 Stationen haben gar keine 
Bedeutung, es sei denn für die TorC- 
fabrikation, die namentlich in Haspel- 
moor grossartig betrieben wird. Bei 
Mannhof en, Schloss des Freiherrn von 
Lotzbeck. 

Schloss Weyern, 2 St. von hier, gleicl»- 
falls dem Reichsrath von Lotzbeck gehö- 
rend, bekannt durch die kleine aber aus- 
gezeichnete (Fideicon)miss-) *Gemälde-Gal- 
lerie neuerer Meister, unter denen namentl. 
Riedel durch seine Sakotala und Medea, — 
Ary Scheffer, Meysonnier, Paul Delaroche, 



53 



11. Route: Baireath und seine Umgebnug. 



54 



Hornce Vernet ii. A. würdig vertreten sind; 
ferner befinden sich die berühmten Overbeck- 
schen Zeichnungen hier und Meister wertce 
der Plastik, wie Venus und Hautreliefs von 
Thorwaldsen , das schlafende Mädchen von 
Troschel, Psyche von Tenerari u. a. m. 

Bei Olehing überschreitet die Bahn 
die Ampet-, Ausfluss des schönen Ammer- 
sees (K. 36), bei Pasing die Wurm, 
Ausfluss des Starnberger Sees (R. 34), 
und vereinigt sich hier mit der r. von 
Starnberg kommenden München- Peissen- 
bergerBahn, dann 1. mit der von Dachau 
kommenden München - Ingolstädter 
Bahn. L. der grosse Nymphenhurger 



Parh, r. kommt Hqy München-Salzhurger 
Bahnstrang, dann 1. das grosse Mars- 
feld, von welchem her die von Regens- 
burg kommende Ostbahn einmündet, und 
endlich der lange, grossartige Bahnhof 

München (s. R. 33). 

^^3^ FiJr Reisende, die nach Salzburg 
ohne Aufenthalt weifer reisen und deshalb 
den Bahnhof nicht verlassen wollen, bieten 
die Restaurationen des Staatsbahnhofes u. 
der Ostbahn, die bei beiden nicht mit den 
Wartesälen vereinigt sind, alle Er- 
frischungen dar. Reisende, die etwa» 
längeren Aufenthalt haben, können im 
nahen Slerngarten jederzeit treffliches Bier 
trinken. 



Das Fichtelgebirge. 
11. Route: Baireuth und seine Umgebung 

(Vergl. das Kärtchen Hof -Nürnberg S. 44). 
Zu der nordöstl 



Den Namei) Fichtelgebirge (mons pini- 
ferus) führt das Land von seiner einst dicli- 
ten Fichtenwalduiig. In alten Zeiten war 
es der Mittelpunkt des hercynisclien Wnldes ; 
jetzt ist es wichtig, weniger durch seine 
Uöhe (Schneeberg 3272 F. üb. M.), als durch 
seine Stellung zwischen dem Böhmer Wald 
im SO., mit dem es in der Natur nur eine 
Berührung, aber Areine Verbindung hat, dem 
Franken- und Thüringerwalde in NW. und 
dem Erzgebiigo in SO. — Die einzelnen 
Berge erhielten nach und nach verschiedene 
Namen, und die neuere Zeit erst dehnte 
den Namen ,.Ficljtelgebirg" auf den ganzen 
Gebirgszi g aus, df'ssen t;?-enzew jedoch sehr 
verschieden festgestellt werden. Betrnclitet 
man es als ein Viereck, dessen Grenzlinien 
Wwldeck im S. , Eger im 0., Markt Neu- 
kirchen im N. und Stadt Steinach im W. 
schneiden, so nimmt es einen Flächenraum 
von ca. 55 Q. Meil. ein. Auf nachstehenden 
Seiten sollen jedoch nur die bereisten Theile 
aus der Centralgruppe, der Waldstein- und 
Wiissensteiner Kette mit dem davon einge- 
schlossenen Eger- Hochlande beschrieben 
werden, die einen Umfang von etw;i nur 
14 Q Mfil. einnehmen. — Die höchsten Er- 
hebungen bilden zugleich die grössten Berg- 
massen. Diese höchsten Punkte u. grössten 
Massen-Anhäufungen liegen jedoch keines- 
wegs in der Mitte des Gebirgs , sondern 
weit ab nach SVV. ; es bezieht sich daher 
die Bezeichi.ung „Centralgruppe" nicht auf 
die örtliche Lage, sondern auf die orogra- 
phische Bedeutung. 

Zur Centralgrvppe gehören: Rudolfstein, 
Schneeberg, Ochsinkopf, Nnssbart, Fiirn- 
leite, hohe Platte, Todtenkopf, hohe Mätze, 
Kös.seine, Habersteine, Burgatein und Lui- 
senburg. 



der sog. Waldsteiner 
Kette, gehören: Grosser und Kleiner Wald- 
stein, Epprechtstein , Kleiner und Grosser 
Koruberg, der Selber Forst, Hengstberg u. 
der Liebensteiner Forst. 

Der Südost -Höhenzug, die sog. Weissen- 
steiner Kette {„Steinwald"), die ihre Grenzen 
von Eger und Waldsassen an bis Neustadt 
am Kulm findet, besteht aus vielen einzel- 
nen, theilweise steilen Erhöhungen u. aus 
einer bedeutenden Anzahl Kegelberge (Ba- 
saltdurchbrüche). Zu dieser Kette gehören 
namentlich der Steinwald, Büchelberg, 
Gulcli, Gummel, Kammerbühl und St. Anna- 
lierg bei Eger, der Armanns-, Anzen- 
und Waldecker Berg, der Rauhe und Faule 
Kulm etc. 

Die beiden höchsten Erhebungen, 
Schneeberg und Ochsenl-opf mit ihren weniger 
bedeutenden Felsspitzeu auf desto breiterem, 
abgerundetem und hochgewölbtem Gebirgs- 
stocke, bilden den inneisteu Kern der Mit- 
telgruppe, an welche sich die Reihen dei* 
übrigen kuppenförniigen Berge anscliliesscn, 
die mit ihren vielgerühmten pittoresken 
Felsenpartien geziert sind. Hochseiegene, 
weite Thaleinschnitte oder flache Einsatte- 
lungen bewirken eine weitere Gliederung 
des Centralsiocks. 

Das Gebirge liegt ziemlich in der Mitte 
Deutschlands. Es wird als eine der wich- 
tigsten Gegenden desselben ang. sehen, und 
zwar in Bezug auf die Verkettung der Ge- 
birgszüge und auf die Scheidung des Wfts- 
serlaules. 

Von Hof kommend hat man den schön- 
sten Anblick des Geh\rfi3 bei Tivoli, zwisclien 
Kiichenlamitz undJIarktleuthen; den groxs- 
artigsten gewähren im Süden die .«anft go- 
weliten Anhöhen zwischen Heinersborg und 



55 



11. Boute: Das Fichtelgebirge. 



56 



Heinersreuth, auf dem Wege von Kreussen 
nach Tliuinbach, und die angrenzende Ebene 
am Südfusse. 

Geognostisch treten als eigentliclier 
Kern des Gebirges ausser Urkalk vorzugs- 
weise Feldspatligesteiue , wie Granit (das 
hervorragendste Glied), Syenit, Gneis, ür- 
tlion- und Glimtncrschiefer auf. An diese 
Gesteine leimen sich mit der Grauwacke 
ältere und jüngere Thonschiefer, Trias und 
Jura, welche die äussere Umgebung bilden, 
während Basalte, Augit, Porphyr u. Grün- 
stein, dann Quarz, Serpentin und Horufels 
(auch Phosphorit) selten auftreten. — In 
den drei obengenannten Gebirgsgruppen 
domiuirt Granit, inselartig u. vorzugsweise 
den Urthonschiefer durchbrechend u. durch- 
aus geschichtet; er drückt vor allen andei-en 
Gesteinen durch seine massenhafte Ent- 
wickelung und seine charakteristischen Bei g- 
u. Feisformen dem Gebirge den ihm eigen- 
thümlichen Stempel auf. — Für bauliche 
Zwecke wird er namentlich in Weissenstadt 
verwendet. 

Vier grössere Flüsse entspringen auf 
demFichteigebirg: Main, Eger, Nah n. Saale. 
Alle vier verlassen als schwache Gebiigs- 
bäche ihre Goburtsstätte, nach den vier 
llauptrichtungen der Windrose, um endlich 
— Saale und Eger in der Eibe vereinigt — 
in gewaltigen Wassermassen zwei verschie- 
denen Meeren zuzuströmen: der Nordsee u. 
dem Schwarzen Meere. 

Der Main (Weisse) entspringt 2427 F. 
üb. M. am See- oder Zinnhause, zwischen 
Nusshart und Farnleite, vereinigt sich mit 
dem von Kreussen herabkommeuden Äo</ien 
Main bei Steinhauseu (905 F. üb. M._), und 
jiiündet 256 F. üb. M. unter Mainz in den 
llhein. Die Länge seines Laufes beträgt 
cirka 80 Meilen, während die wirkliche Ent- 
fernung nur 34 beträgt. Richtung im AU- 
geipeinen westlich. 

Die Eger hat ihren Ursprung cirka 2300 
F. üb. M in dem Walddistrikt Wasserbrun- 
nen, IV2 St. von Weissenstadt. Sie ergiesst 
sich 385 F. üb. M. zwischen Leitmeritz und 
Theresienstadt in die Elbe. Die Länge ihres 
Laufes beträgt in gerader Linie 23 geogr. 
Meilen, welche Zahl sich wegen der Fluss- 
krümmungen bedeutend erhöht. — Ihre 
Kichtung ist im Allgemeinen östlich. 

Die Nab hat vier Hauptquellenfäden: die 
fichtelberger Waldnab (Fichtelnab), böhm. 
Waldnab, die Schwein- und Ilaidenab. Sie 
ergiesst sich bei llegensburg in die Donau. 
Die Länge ihres Laufs wird zu I83/4 Meilen 
angegeben. — Richtung südlich. 

Die Saale (Thüringer) entspringt 2240 
F. üb, M. am südwestl. Abhänge des Grossen 
Waldsteins. Sie verlässt bald die von uns 
gezogene Gebirgsgrenze und mündet, 282 F. 
üb. M., 3/4 St. unter Barby in die Elbe. Die 
Länge ihres Laufes beträgt 39 Meilen. — 
Richtung nördlich. 

An stellenden Gewässern war sonst 
das Gebirge reicher als gegenwärtig. Von 
dem grossen Fichlelsee ist nur noch ein 
kleiner Theil — die Seelohe — übrig, der 



andere Theil ist Torfgrube; auch der grosse 
Weissensiadter und der Zeidelmoos-See, sind 
trocken gelegt. Wiese und Torfbruch. Die 
grösste Wassermasse bildet jetzt der Weiher 
bei Meierhof, 421/2 bayr. Tagwerke gross u. 
mit Fischen besetzt. An kleineren Weihern 
ist kein Mangel. Von den hoben Aussiciits- 
Punkten sind diese vielen „Spiegel" ein 
wahrer Schmuck der Landschaftsbilder. 

Erwähnenswerth sind auch no<h die 
eisenhaltigen Säuerlinge (Sauerbrunnen), welche 
in Alexanders- und Ottobad, Konderau, 
Grossschlattengrün etc. zu Tage treten. 

Die Flora des Gebirgs gibt reiche Aus- 
beute; die Waldungen der Höhen und des 
Hochlandes bestehen aus Fichten, Föhren 
(Piuus sylvestris), Edeltannen (P. picea), 
und Mooskiefer (P. pumilio), auch die Buche, 
Vogelbeere, Birke, Erle kommen vor. — Als 
forstbotanisches Kuriosum hat man beob- 
achtet, dass auf dem Schueeberg und am 
Nusshart, wo wegen des rauhen Klimas 
Samenbildung unmöglich ist, die Stämm- 
chen der Fichten, die alle als Krüppel dort 
stehen und gewöhnlich nur an der Ostseite 
einige Aestchen haben, in eigenthümlicher 
Richtung vom Westwind gen Ost niederge- 
bogen sind, so dass die untersten Aeste 
das Moos berühren, in dasselbe Wurzel 
treiben, und dadurch neue Pflänzchen bil- 
den. Trotzdem diese Stämmchen ein Alter 
von 100 und mehr Jahren erreichen, so 
werden sie doch nur 6 bis 8 F. hoch und 
am untersten Durchmesser nur einige Zoll 
stark. 

Das Klima ist auf dem Hochlande mehr 
rauh als mild. Reife stellen sich schon 
Ende August ein, und Ende Oktober, wenn 
noch die letzten Herbstpflanzen blühen, fällt 
schon Schnee, der gewöhnlich bis Ende 
Mai liegen bleibt. Von Ende Juli bis Ende 
September geniesst das Gebirge eines kurzen, 
aber desto heisseren Sommers, doch bleiben 
die Nächte kühl, oft kalt. Die im Gebirge 
häufigeren Nebel veranlassen dort mehr 
Regen, als im flachen Lande, doch sind 
Gewitter weder häufiger noch gefährlicher. 
— Kartoffeln und Hafer sind fast die einzi- 
gen landwirthschaftlicheu Erzeugnisse, und 
oft muss die Ernte unter dem Schnee her- 
vorgeholt werden. Etwas günstiger ge- 
stalten sich die Verhältnisse auf der durch 
Berge geschützten Hochebene von Wunsie- 
del ; hier gibt es noch Flachs, einige Rüben- 
und Kohlarten, etwas Roggen etc. 

Die beste Reisezeit ist Juli bis Mitte 
September. Im Ganzen genommen reist man 
auf dem Fichtelgebirge billig, muss jedoch 
auch an vielen Orten seine Anforderungen 
sehr massigen; Eier sind oft das Einzige, 
was man haben kann; Forellen häufig. In 
Städten und Marktflecken ist es besser; 
Baireuth, Hof und einige andere Städte 
haben Gasthöfe mit Komfort und entspre- 
chenden Preisen. In vielen Wirthshäusern 
u. manclien Gasthöfen vermisst man jedoch 
norddeutsche Reinlichkeit. — Fussgänger mit 
bescheidenen Ansprüchen kommen mit 2V2 



57 



11. Route: Baireuth und seine Umgebung. 



58 



bis 3 fl. pr. Tag vollkommen aus (Führer- 
oder Trägei-lohn nicht mitgerechnet!). 

Die Transportmittel sind in befrie- 
digendem Zustande, jedoch gehören sowohl 
Staats- wie Dislrikts- Strassen und Kommnni- 
kationswege nicht zu den besten Deutsch- 
lands; nur manche neuerbaute Strassen- 
strecke im Gebirge verdient Anerkennung 
in Anlage und Ausführung. Die Fussivege 
im Hochgebirge sind öfter in einem grau- 
sigen Zustande. Eine höchst rühmliche 
Ausnahme machen die näheren Umgebungen 
von Wunsiedel mit Alexandersbad und die 
von Berneck. — Das Führenuesen liegt noch 
im Argen. Die sogenannten Führer sind 
oft nichts weiter als Gepäckträger; 2 bis 3 
St. von ihrem Wohnorte entfernte Punkte 
wissen sie entweder gar nicht oder nicht 
mehr sicher zu bezeichnen. Feste Taxen 
gibt es nicht, man muss mit ihnen akkor- 
diren, am besten im Beisein der Wirthe u. 
zwar so, dass sie sich selbst beköstigen 
müssen. Durch Vermittelung der Gastwirthe 
erhält man Führer in Wunsiedel, Weissen- 
stadt, Bischoffsgrün etc. Sich ein und den- 
selben gleich auf mehrere Tage zu dingen, 
war bisher nicht zu empfehlen. 

Zu den sehensirertbesten Punkten im 
nördlichen Theile des Gebirgs gehören 
Bemeck, Ochsenkopf, Kösseine, Wunsiedel, 
Alexandersbad, Luisenburg, Epprecht, 
Grosse Waldstein , Weissenstadt, Schneeberg 
und Nusshart; im Süden: der rauhe Kulm 
bei Neustadt. 



I. Neuenmarkt — Baireuth. 

Eisenbahn: Tägl. 4ma] gemischteZüge; 
I. 51 kr. II. 33 kr. III. 24 kr. Fahrzeit: 
55 Min. 

Von Neuenmarkt (S. 22) führt die 
Bahn zu den Stations-Orten Trebgast(r.) 
und Harsdorf(l.) und erreicht he'i Sanct 
Georgen den Bahnhof von Baireuth, 
1062 F. üb. M. — Beim Bahnhof eine 
grosse Aktien - Baumwollen Spinnerei. — 
Omnibus zur Stadt: 15 kr. a, Pers. 

Baireuth, 19,464 Finw. 

Gasthöfe: Sonne.— '"''^ Reichsadler , gelobt. 
— Goldener Anker. — Schwarzes Boss. — Deut- 
sches Baus etc. 

Weinstuben : Sonne. — Bei den Kauf- 
lenten Benher und Grünewald. 

KafFeehäuserzIm^eicÄsadZer.— BeiHe?oM. 

Restaurants : Bahnhof. — Bei Arnold. — 
Popp. — Sammei etc. 

Bier- u. Gesellschaftsgärten: Harmonie, 
Frohsinn, Bärgerressource , Erheiterung. — 
Bajjerleim Brauerei ,,auf dem Herzog" (an der 
kulmbacher Strasse) mit einem Sclienklokal 
,, Bierhalle" in der Stadt, dem Reichsadler 
gegenüber.— Schmidtsche Garten. — Keller- 
wirthschaften vor der Stadt bei Kiesser, 
Oeiter etc.; dann führen fast alle Bäcker 
Bierwirthschaft. 



Eisenbahn: 



■sa 


nach 


Personen -Zug. 


Schnell 


-Z. 








w e 




I. II. III. 


I. 11. 






fl. 


k. fl. 


k.i 


fl. 


k. 


fl 


k. 


n 


k. 


20,5 


Fürth . . 


6 


3 4 


3 


2 


45 


7 


15 


4 


51 


10,5 


Hof . . . 


3 


6:! 2 


3 


1 


24 


3 


42 


2 


30 


8,5 


Lichtenfels 


2 


33 1 


42| 


1 


9 


3 


6 


2 


3 




Eegeüsburg 


6 


-|l4 




2 


42 


_ 


_ 




— 


52,5 


München . 


12 


-■•Ü 




5 


21 





— 


_ 


— 


21,0 


Nürnberg . 


6 


15 '4 


9 


2 


4S 


7 


30 


5 


— 


— 


Eger. . . 


4 


48'1 3 


12 


2 


9 


— 


— 




— 


26,5 


Würzburg . 


7 


54|!5 


15 


3 


30 


9 


27 


6 


18 




Frankfurt . 


13 


12:1 8 


48, 


5 


54ll5 


54 


10 


3(> 



Post: Tägl. Imal frühmorgens über 
Waischenfeld (in 3^/4 St.) und 3Iuggendorf (in 
51/2 St.). — Streitberg (in 6 St.). ~ Weiden- 
berg 3 St. (in 2 St.) Nachm. 27 kr. 

Teiegraphenanrit. 

Dienstmann von und nach dem Bahnhof 
3 kr., pr. St. 9 kr. 

Vergnügungsorte ausserhalb der Stadt: 
Bürgerreuth, Eremitage, Fantasie. 

Mineralwasser für die Sommermonat© 
in der Nähe der Harmoniebrücke. 

Badeanstalten: Für warme Bäder, im 
Sommer auch Fluss- und Wellenbäder, Bad 
Rosenau; das Müllersche Bad (warm und 
kalt), das öffentliche Flussbad am Flöss- 
anger. 

Historisches: Der Ursprung der Stadt ist 
unbekannt, 1194 ihre erste Erwähnung. 
1265 war sie schon mit Mauern umgeben 
u. fiel 1248 an den Burggrafen Friedrich II. 
von Nürnberg als Hauptort einer Herrschaft 
gleichen Namens. Im 14. Jahrh. wurde sie 
auf ihre jetzige Stelle erbaut. Die husiti- 
sche Verheerung und darauf folgende Pest 
entvölkerte die alte Stadt gänzlich. Auch 
das neue Baireuth traf der Sturm derHusi- 
ten, der zu Anfang des 15. Jahrb. einen 
grossen Theil Deutschlands verheerte. 
Luthers Reformation wurde vom Markgra- 
fen Kasimir im baireutber Lande mit Gewalt 
unterdrückt und erst nach seinem Tode ge- 
wann der Protestantismus die Oberhand. Iin 
sog. albertinischen Kriege wurde die Stadt 
1553 vom Burggrafen von Plauen, Heinrich 
Reuss, hart belagert, eingenommen u. fast 
gänzlich durch Brand zerstört. Was nicht 
dem Schwerte erlag, starb darauf an der 
Pest. Von 1604 an wurde Baireuth Resi- 
denz, welche Markgraf Christian von Knlm- 
bach hierher verlegt hatte. Viele Drang- 
sale im 3Cjährigen Krieg. Einzelne Fürsten 
und Fürstinnen verschönerten Baireuth auf 
grossartige Weise. Unter dem Markgrafen 
Friedrich (1735 bis 1763) stieg die Stadt zu 
ihrem höchsten Glänze; die prächtige 
Friedrichsstrasse führt von ihm den Namen. 
Seine Gemahlin Wilhelmine, Schwester 
Friedrichs d. Gr., Hess mehrere grosse Ge- 
bäude nach Potsdamer Massstab errichten, 
unter ihnen dasallzugrosse prächtige Opern- 
haus. — Als die Linie Brandenburg- Bai- 
reuth 1769 ausgestorben war, fiel Stadt und 
Land an Ansbach, dessen Markgraf Alexaji- 



69 



11. Route: Das FicMelgeMrge. 



60 



der jedoch 1791 zu Gunsten seines Lehns- 
erben , des Königs Friedr. Wilhelm von 
Preussen, der Regierung beider Länder ent- 
sagte, die nuQ an die Krone Preussen 
kamen und bei ihr blieben bis Friedr. Wil- 
helm IIL 1806 zuerst Ansbach an Frank- 
reich abtreten musste, das es gegen Jülich 
und Berg an Bayern überlieas, 1807 aber 
— nach dem Frieden von Tilsit — auch 
Baireuth, das 1810 gleichfalls an Bayern 
kam. Jetzt ist Baireuth bedeutender In- 
dustrie-Ort, Sitz der Kreisregierung, des 
historischen "V ereins für Oberfranken, Kunst- 
vereins, Vereins für wissenschaftliche Samm- 
lungen etc. 

Vom Bahnhof in die Jägerstrasse, 
in ihr 1. das königl. Bezirks- und Rent- 
amt, daneben Infanteriekaserne; Brücke 
über den Rothen Main, r. Palais des 
Herzogs Alexander von Würtemberg ; 
abermals Brücke; dann Opernstrasse, 
]. das Opernhaus , unten die Eingänge, 
oben freistehende Kolonnade von guter 
Wirkung, 1748 im Rococostyl vollen- 
det, innen prächtig vergoldet. Erbauer 
der Italiener Bibiena. Am Ende der 
Strasse der Maximilians - Platz. 

Auf demselben — den Rücken der 
Opernstrasse zugekehrt — r. die Maxi- 
müiansstrasse , welche durch die Erlanger 
Strasse nach SchJoss Fantasie (S. 61) etc. 
führt; geradeaus die ZMdw/(7ssfrasse, die zum 
neuen Schlosse führt u. auf dem Gyninasiums- 
platze in die Friedrichsstrasse mündet; 1. der 
liennweg , zur RoUwenzelei, Eremitage (S. 
61) etc. führend. 

Maxiviiliansstrasse : das alte Schloss, 
ein Komplex von Gebäuden, früher Re- 
sidenz des Markgrafen, jetzt Sitz der 
königl. Behörden ; die Schlosskirche ist 
jetzt den Katholiken eingeräumt. Vom 
dicken achteckigen Thurme gute Aus- 
sicht (Schlüssel beim kathol. Küster, 
Trinkg. 12 kr.) ; im eigentlichen Schloss- 
hofe das Bronze - Standbild Max II. von 
Bayern (von Brugger). 

Das Scliloss wufde vom Markgrafen 
Georg Friedr. zwischen 1564 bis 1588 im Re- 
naissancestyl am grossen Marktplatz erbaut. 
Als Architekt desselben wird Karl Philipp 
Diesart genannt. 

In die anstossende Kanzleistrasse: 
1. Stadtkommissariat , dann Regierungs- 
gebäude (aus 2 zusammenhängenden, 
aus Quadern erbauten Gebäuden, über 
jedem Portale Symbole der Gerechtig- 
keit); r. Protest. HauptJcirche , spat- 
gothischer Styl, dreischiffig, mit einge- 



zogenem Chore versehen, schöne Streben 
und Strebebögen; im Westen 2Thürme, 
durch Rosette verbunden. Die Kirche, 
im Bau 1438 begonnen, brannte 1605 
ab, wurde vom Mnrkgrafen Christian 
wieder auferbaut, 1614 vollendet. Im 
Innern mehrere Grabraäler; das Ge- 
mälde am Hochaltare (seit 1829) vob 
dem hier geborenen Maler Aug. Riedel 
in Rom ; noch einige andere von Heinr. 
Polland (1577 bis 16.15), ein Abend- 
mahl von Fr. Schuhmacher ; in der Sa- 
kristei ein angeblicher CarZo Z>oZce; Kan- 
zel (Simson trägt sie) und Taufstein mit 
Reliefs aus dem alten und neuen Bunde 
von Hans Werner (1615). Die Kirche 
wurde 1816 renovirt, aber nicht zu 
ihrem Vortheil. — Hinter derselben 
Mädchenschule. — Von der Kirche ab 
bald 1, in die Friedrichsstrasse: 1. Jean- 
Pauls- Haus (Nr. 384) mit Gedenktafel 
(Johann Paul Friedr. Richter, 1763 den 
21. März in Wunsiedel geboren, f hier 
1825 den 14. Nov. und liegt auf dem 
Friedhofe an der Erlanger Strasse be- 
graben. Neben ihm sein Sohn Max 
Emanuel. Das Grab beider deckt ein 
Granitblock mit bezeichnenderlnschrift). 
Gymnasiums- Platz mit dem Jean-Paul- 
DenTcmal, modellirt von Schwanthaler, 
in Erz gegossen von Stiglmayr, von 
König Ludwig I. von Bayern 1841 er- 
richtet. Gegenüber r. das Gymnasium, 
1664 von Markgraf Christian Ernst ge- 
stiftet; an dessen Seite r. die Chevaux- 
legers- Kaserne und Geioerbeschule ; der 
Kaserne gegenüber die Bank (Eckhaus), 
daran stossend u. bereits zur Ludwigs- 
strasse gehörig: das grosse Reithaus, 
dann r. das neue Schloss mit seiner Um- 
gebung. Auf dem Platze das Denhmal 
mit der Statue des Markgrafen Christ. 
Ernst (t 1712), von Elias Ranz. 

Der unterliegende Türke deutet auf den 
Antheil, den der Markgraf alskaiseil. Feld- 
niarschall an den Türkenkriegen nahm; 
neben ilmi sein Leibzwerg. Aus dem darun- 
ter befindlichen Schlossbrunnen springt das 
Wasser aus 4 Röhren, nach den 4 Himmels- 
gegenden geiiclitet, Bezug nehmend ai.f die 
4 Flüsse, welche im Fichtelgebirg ihren 
Ursprung haben. 

Das Schloss, 1753 im Rococostyl 
von Markgraf Friedrich erbaut, ein ein- 



61 



11. Route: Bairenth nnd seine Umgebung. 



G2 



facher langgestreckter Bau mit schöner 
Gliederung. Dahinter der Hofgarten 
im französischen Style mit Grottenhof 
und vielen zopfigen Gartenfiguren 
von einer der bedeutendsten Künstler- 
familien der Stadt, den Bildhauern 
Banz. 

In der Vorstadt St. Greor^en, wo 
Flachs- und Baumwollen -Fabriken und 
eine Zuckersiederei sich etablirt haben, 
wo die Gefangen -Anstalten (theilweise 
mit Einzelhaft) u. das Irrenhaus stehen, 
befindet sich auch das, ursprünglich als 
Sommerpalais von Markgraf Georg Wil- 
helm erbaute, jetzt zum 31ilitärhospital 
eingerichtete, ehemalige Kapitelhaus, 
in welchem 1712 der preuss. rothe Ad- 
lerorden gestiftet wurde; die Kirche 
zeigt noch die Wappenschilder dama- 
liger Ordens -Mitglieder. 

Exkursionen: 1) Nach Schloss Fantasie. 
IV2 St. (Eiuspännei- 1 bis II/2 &■) Durch die 
Erlanger Strasse, 1. reform. Kirche, r. Fried- 
liof (mit Jean Pauls Grab), nach Dorf Alten- 
stadt durch die schöne Linden -All6e. Das 
Schloss nebst Park ist jetzt Besitzthum Her- 
zog Alexanders von Würtemberg, der das 
Ganze zu dem reizenden Punkt erst umge- 
schaffen hat. Hinter dem Schloss der 
sehenswerthe botanische Garten, dessen 
Besuch anständigen Fremden nicht er- 
schwert wird. An den Bergabhängen Lau- 
ben, Pavillons, zum Theil auf hohen Fel- 
senmassen („Kanzel -Buchstein"). Zu den 
Füssen ein Weiber mit Gondel, von Wald 
und Bergen eingeschlossen. Sehenswerth 
auch die dazu gehörige Thalmühle und 
Schweizerei. — In der Schohertschen Brauerei 
hinter dem Schlosse gutes Bier; der 
Domeyersche Gasthof in dem anstossenden 
Donndorf empfehlenswerth. Unfern dessel- 
ben die bekannte Privatheüanstall für Geistes- 
kranke von St. Gilgenberg (Besitzer Dr. 
Falco). 

2) Nach der Eremitage. 1 St. — Von Bai- 
reuth durch den Rennweg zur CIiauss6e; bei 
deren Theilung 1. zur Linden-Al!6e an Kolm- 
dorf vorüber zur ,,Rollioe)izelei", einem 
kleinen Wirthshaus mit Marmortafel, einst 
im Besitz einer Frau Rollwenzel und der 
Lieblings- Aufi^nthalt Jean Pauls, der hier ein 
(noch erhaltenes) Arbeitszimmer hatte. In 
demselben All)Um zum Einschreiben der 
Besuchenden, Bildnisse Richters und der 
Frau Rollwenzel, mancherlei Skripturen 
des Ersteren etc. (Trinkgeld zur Erlialiung 
des Zimmers!) — Von hier 1. über den 
Viadukt eines Armes der „Ostbahn" zum 
Eremitonhofe und dann gleich in den Park 
der Eremitage, eitiem Urbild des llococo- 
styls, zu der 1718 vom Markgrafen Gt-org 
Wilhelm der Grund gelegt wurde. Von 1711) 



bis 1733 wurde noch der Grotlenthurm , der 
phantastische Parnass und das steinerne 
Theater erbaut. Von seinem Nachfolger, 
dem baulustigen Markgrafen i'riedrich und 
dessen Gemahlin Sophie Wilhelmine, der 
Schwester Friedrich d. Gr., die liier ihre 
Memoiren schrieb, bedeutend erweitert und 
vollendet. Die eigentliche Eremitage ist ein 
Schloss mit 2 Flügeln und 24 Zellen. Das 
Ganze mit seinen Gebäuden, der von Wil- 
helmine erbaute Sonnentempel mit seineu 
musivischen Säulen (der allein die Bau- 
summe von 94,000 Thlr. verschlang), die 
Eremitenhäuschen etc., die Bassins, in denen 
eine Menge wasserspeiender ümgethüineihre 
missgestalteten Köpfe und Schweife empor- 
strecken, die Grotten, welche mit bunten 
Steinen , Perlen und Muscheln ausgelegt 
sind, Alles — obwohl herabgekomnien — 
führt den Beschauer um ein Jalirhundert 
in die Perückenzeit zurück. — Die Wasser- 
werke M>erden in den Sommermonaten ge- 
wöhnlich alle Sonntage gegen 5 Uhr Nach- 
mittags in Gang gesetzt, was fiir Fremde 
gegen festgestellte Taxe auch an andern 
Tagen geschieht. Schlüssel zum Schlosse 
und der Wassergrotte bei dem Kastellan 
(Trinkgeld ä Pers, 24 kr.). Neben dem 
Wasserthurm unter schönen Bäumen die 
Kastellanwohnung mit guter Restauration. 
— Den Rückweg zur Stadt kann man über 
St. Johannis und St. Georgen nehmen. 



2. Baireuth oderMarktschorgast — 
Berneck — Bischoffsgrün. 

Die Strasse von Baireuth führt 
über St. Georgen nach Bindlach (1766 
erbaute schöne Kirche), Benh , Neudorf 
zum Drahthammer und Bernech (3 St.). 
— Vom Bahnhof in Marktschoi'gast 
(S. 21 Kariolpost täglich) dagegen in 
südostlicher Kichtung auf der Bezirks- 
strasse fort, die grosse Bahnkurve 1. 
und dann den Kolhenhofv. lassend, nach 
WasserJcnoden , hinter demselben bei 
Hohenknoden auf die Baireuth -Egerer 
Landstrasse, auf ihr r. nach Bernech 
(1% St.). 

gCS^ Wer gleich zur Ruine Stein bei 
Berneck will, geht eine kurze Strecke 1. 
auf genannter Landstrasse nach Gefrees zu, 
beim zweiten Feldweg r. ab ins Oelznitzthal, 
in ihm abwärts über Stein nach Berneck 
(i/a St. Umweg). 

Berneck, 1209 F. üb. M., freund- 
liches Städtchen mit 12.50 Einw., liegt 
wildromantisch in zwei enge Schluchten 
zwischen schön bewaldete, malerisch 
geformte Berge eingezwängt, ,, zwischen 
7 Bergen und 7 F.üssen", von denen die 



63 



11. Route : Das Fichtelgebirge. 



64 



Oelsnitz, welche hier in den Weissen 
Main mündet, Perlen führt. 

Gasthöfe: Krone (Poat). — Goldener Low C' 
— Hirsch. Alle billig und gut. 

1854 wurde hier eine stark besuchte 
Badeanstalt errichtet, mit Molkenkur, Kräu- 
tersafte , Mineralwasser aller Art, Fiohten- 
nadel-Dampfbäderetc.,die sich durch freund- 
liehen Aufenthalt, milde und gesunde Ge- 
birgsluft und billige Preise empfiehlt. 

Drei Burgruinen oberhalb des Städt- 
chens eröffnen reizende Blicke in das 
Thal und die umliegende Landschaft. 
Die Lage des Ortes ist für Kurzwecke 
eine ungemein günstige, weil gegen die 
kalten Nord - und scharfen Ostwinde ge- 
schützt. — Zu den Ruinen, so wie zu 
allen sehenswerthen Punkten der Um- 
gebung des Städtchens sind Parkwege 
angelegt, 

Exkursionen: a) Zn den Burgruinen, ihren 
Anlagen und Umgebungen, b) Zu dem Dorf 
Stein mit seiner Ruine, von der noch ein 
Theil zur Kirche dient, und wegen ihrer 
Aussicht besuchenswerth ist. c) Nach Him- 
melskron (IV2 St.). Nach vielem Wechsel 
der Besitzer von Graf Otto von Orlamünde 
in ein Cisterzienser -Nonnenkloster adeligen 
Geschlechts verwandelt, nach drei Jahrh. 
(1545) säkularisirt, diente es dann als Som- 
meraufenthaltsort der Markgrafen. — Nach 
dem Anfall an Preussen wurde das Schloss 
an dia Bauern des Orts verkauft und von 
diesen auf wahrhaft vandalische Weise ver- 
nichtet, so dass nur noch die im altdeut- 
schen Style erbaute Kirche mit sehenswer- 
them Kreuzgangeu. interessanten Grabdenk- 
mälern aus der glänzenden Vergangenheit 
übriggeblieben sind (vgl. S. 21 u. 22). — Ent- 
ferntere Punkte: Wil/ersreuth , das Goldmühl- 
thal, der Köslarer Berg, das Waldhaus etc. 

Von Berneck führt Chaussee nach 
Bernreuth u. über den Zausenherg nach 
Wil/ersreuth (1179 üb. M.), (mit schöner 
Aussicht und guter ländlicher Wirth- 
schaft), weiter nsich Neuhaus ^ zur Glas- 
müÄZe(am WeissenMain) u. aufwärts nach 

(2'/2 St.) Bischoff sgrün, 2105 F. 

üb. M., am Fusse des Ochsenkopfs. 

Gasthof: Löwe bei Schmidt, viel van 
Touristen besucht. 

Der Ort, ein altes brandenburg- 
baireuther Kirchdorf, dem die hohen 
umliegenden Berge und Wiesen freund- 
liches Ansehen verleihen , liegt sehr zer- 
streut. Die hiesige Glashütte ist schon 
über 800 Jahre im Betrieb. — In der 
Kirche ein altes Altarblatt. 



3. BischoffsgrQn — Ochsenkopf — 
Wunsiedel. 

f3= Proviant und Führer auf 1/2 Tag 
mitzunehmen ! 

Der Weg führt beim Forsthause 
vorüber, sofort am Berge hinan; zuletzt 
über steinerne Stufen am Schnee- oder 
Bergloche vorbei, einem cirka 24 F. 
tiefen Gesenke, scheinbar ein alter ver- 
fallener Schacht, in dem oft im Hoch- 
sommer Schnee gefunden wird, zum 
* Berglochfelsen mit schöner Aussicht 
nach Westen. In diesen Felsen ist auch 
das in Hinsicht auf Kunst so beschei- 
dene Symbol des Berges, ein Ochsen- 
kopf, eingehauen (l St.). Unfern das 

Ochseukopf- Signal j um das sich 

Niemand zu hümmern scheint (auch die 
sogen. Führer nicht) , da öfter ein oder 
mehrere Sprossen der Leiter fehlen !! — 

Wenn dieses besteigbar ist, dann hat 
man folgende Aussicht vom Signale: In 
nordöstlicher Richtung den Schneeberg ins 
Auge nehmend und sich stets rechts wen- 
dend: Habersteine, Nusshart, Farnleite mit 
dem See- oder Zechenhause; im Osten: Kös- 
seine, Steinwald mit der Ruine Weissen- 
stein. Basaltkuppe Armannsberg; im Süden: 
Rauhe Kulm; im Westen: die Höhen der 
Fränkischen Schweiz, Sophienherg, Bai- 
reuth, Königshaide, Goldberg, Jura hinter 
Baireuth, die kahle Neubürg (Berg), die Ge- 
gend bei Kulmbach und Bamberg, Schloss 
Banz, Veste Koburg, die beiden Gleich- 
berge bei Hildburghausen, östliche Theüe 
des Thüringer Waldes (aber nicht den 
Inselsberg, wie fälschlich angegeben wird), 
Weissenstein, Hohe Haide, Döbraberg; im 
Norden: Schloss Schauenstein, Haideberg, 
Grosser Wald- u. Epprechtstein , Kornberg. 
Ausserdem schweift der Blick nach Norden 
nach reussichen und sächsischen Land- 
schaften, nach Osten in böhmische, nach 
Süd-Westenin oberpfälzische. (Einige wollen 
Regensburg und die Thürme von Nürnberg 
gesehen haben!) 

Ist das Signal nicht zu ersteigen, so 
geht man vom Berglochfelsen zu dem 
Drei- Adler -Felsen (Aussicht auf Bai- 
reuth, den Rauhen Kulm etc.), und zu- 
letzt zur oberen HolzecTce (Aussicht auf 
die einzelnen Glieder der Gebirgs- 
kette etc.). — Abwärts am Mainbrunnen 
(2726 F.) vorüber nach Weissmains- 
Hochofen (auch Karges genannt). (Bier- 
schenke und Flössteich). tS^ Sier oder 
am Silberhaus Tcann der Führer ent- 
lassen werden! — Von Karges auf der 



65 



11. Boute: Wunsiedel und seine Umgebung. 



66 



Distiiktsstrasse im Mainthal aufwärts 
bis zu den Torfgruben des ehemaligen 
Fichtelsees , von dem nur noch ein klei- 
ner Theil übrig ist. Vorher schon 
zweigt ein Strassenarm r. ab, der 
nach Fichtelber.g und im Nabthale ab- 
wärts führt ; deshalb linhs bleiben. Nach 
Ueberschreitung des nächsten Baches 
(„Gregnitzbaches") führt 1. ein kürzerer 
Richtweg empor zum Silberhaus (Wald- 
u. Wirthshaus!) u. wieder zur Strasse. 
Auf ihr I. weiter durch Wald bis an 
Tröstau; dann folgen noch die Orte: 
Gröstchenrevth, Furthammer (mit ,, Pa- 
terleshütte' ', in der Pater - noster - Kügel- 
chen etc. gefertigt werden), Schönbrunn 
(Gastwirthschäft) und 

Wunsiedel, 1650 F. üb. M. 

Gasthöfe: ''''Kron;prinz. — Einhorn. 

Post: Tägl. nach Kemnat (Brand) 1 fl. 
8 kr. — Marktschorgast (VVeissenstadt) 1 fl. 
19 kr. ; — Mitterteich (Redwitz) 57 kr Red- 
witz 21 kr. — Schwarzenhach a. d. Saale 
(Kirchenlamitz) 1 fl. 3 kr.; — Selb 1 fl. 3 kr. 

Führer: Bios zur Luisenburg 30 kr., 
über diese aber zur Kösseine 1 fl., von da 
über die Farnleite, den Nusshart, Schnee- 
berg, Rudolfstein nach Weissenstadt noch 
1 fl. 45 kr. Der Führer trägt Proviant und 
Handgepäck. 

Das freundliche Bezirksamts -Städt- 
chen an der Rösslau mit 3590 gewerbs- 
fieissigen Einw., die hauptsächlich der 
Spinnerei und Fabrikation von allerlei 
wollenen und baumwollenen Stoffen ob- 
liegen, ist nach dem grossen Brande 
von 1834 auf Grundlage eines geordne- 
ten Planes ganz neu wieder erbaut wor- 
den. — Hier wurde am 21. März 1763 
Joh. Paul Friedr. Richter (Jean Paul) 
geboren. Dessen Denkmal von Schwan- 
thaler. — DeralsNaturforscherbekannte 
Superintendent Joh. Friedr. Esper f 
1781 hier; ebenso der als Botaniker u. 
Mineralog bekannte Apotheker Friedr. 
Schmidt (f 1863), dessen Sammlung 
(über 5000 Nummern) als die bedeu- 
tendste Privatsammlung des Landes 
gilt. — Marmorbrüche und Speckstein- 
grube bei Göpfersgrün. — Wunsiedel 
ist wie Weissenstadt und Bischoflfsgrün 
ein Haupiknoten-Punkt für die Besucher 
des Fichtelgebirges. — V2 St. der Ka- 
tharinenberg mit prächtiger Aussicht. 

Berlepsch' Süd- Deutschland. 



(V^ St.) Alexandersbad. Mark- 
graf Alexander von Ansbach -Baireuth 
Hess 1783 das schöne *Kurhaus - Haupt- 
gebäude errichten. Die Mineralquelle 
ist ein Eisensäuerling. Das königl. 
Mineralbad wird jährlich von etwa 250 
Gästen besucht, wovon die Hälfte Pas- 
santen. Ein grosser Theil benutzt das 
Bad als Sommerfrische oder trinkt 
fremde Mineralwasser. — Seit 1834 
hier auch eine aufs Zwekmässigste ein- 
gerichtete Kaltioasser - Heilanstalt , seit 
1868 im Besitz des Dr. E. Cordes. 

Zur reizenden Umgebung des Bades 
gehört namentlich die *Luchs- oder 
Luisenburg-j welchen Namen ein aus 
chaotisch übereinander gehäuften Granit- 
Trümmern sich aufbauendes Felsen-La- 
byrinth trägt das Resultat Jahrtausende 
lang andauernder Verwitterung. Uep- 
pige Waldvegetation hat sich in den 
Klinsen und Klüften angesiedelt, bunt- 
farbig blühendes Kräuterwerk ist hinein- 
gewoben und die Alles bekleidenden, 
Alles beschönigenden Vermittlerinnen 
der Pflanzenwelt, geschäftig -überspin- 
nende Moosdecken, suchen auch hier die 
barokken und phantastisch -gespaltenen 
Gesteinsscherben ihrer märchenhaften 
Absonderlichkeit zu entrücken. Die 
ordnende Menschenhand hat nun noch 
bequeme Pfade angelegt zu den kühlen 
Grotten und dunkelen Gängen und 
allenthalben hat die Sentimentalität 
Denksprüche und Sinngedichte im Ge- 
schmacke des vorigen Jahrhunderts an- 
gebracht, welche theils Besucher dieser 
Höhen in die Felsen einhauen Hessen, 
theils jenen zu Ehren angefertigt wur- 
den. Zu den sehenswerthesten Punkten 
gehören: die Kellergrotte mit Leucht- 
oder Gold-Moos (Gymnostomum penna- 
tum), welches t^^der Schonung dringend 
empfohlen wird; der Gesellschaft s/dotz 
(2044 F. üb. M.); der Wasserfall; 
die Kling er shöhle (die Grotte 107 F. im 
Umfange, vorn 7, hinten 11 F. hoch, 
von einem einzigen Steine gedeckt, der 
54 F. hing, 44 F. breit und löV^ F. dick 
ist); Aqt Jean- Pauls- Platz ; die Burg- 
treppe; das alte Schloss mit Häuschen 
(2061 F.), reizende Umsicht mit noch 
3 



67 



11. Route: Das FiclitelgeT)irge. 



68 



einigen Mauern der alten Luxburg; 
die ßlariannenhöhe (drei Brüder), künst- 
liche Ruine mit herrlicher Aussicht ; der 
Bundesstein oder das Kreuz (2428 F.), 
von dessen Altan grossartige Aussicht; 
das Schiff (Bonapartes Hut) , ein Gra- 
nitblock, 20 F. lang_, 9 F. hoch und 
breit; Insel Helgoland ^ der Burgstein 
(2660 F.), mächtiger Felskoloss mit 
herrlicher Aussicht nach Böhmen , E.ed- 
■witz und der Oberpfalz. 

Vom Burgstein abwärts zum Fahr- 
weg nach der Kö sseine ; r. die Haher- 
steine, in neuerer Zeit zugänglich ge- 
machte Felsenmasse (2595 F.), -welche 
mit einem Altane versehen ist und nach 
der Kösseine hin die j,Felsenl:anzeV' 
bietet. DieAussicht ähnlich der vomBurg- 
steiu. — Bald folgt das mit Ruhebänken 
umgebene Brünnlein der Kösseine- 
quelle (2653 F.) mit köstlichem Wasser, 
und nun geht es 1. steil bergan zur zwei- 
gipflichen, mit Pavillon und Treppen 
versehenen KÖSSeilie (2900 F.), welche 
nach allen Seiten hin eine weite und 
reichlich lohnende Aussicht bietet. — 
(Panorama nach der Natur auf Stein 
gezeichnet von X. Winter. Wunsiedel, 
Baumannsche Buchhandlung.) 

Proviant und Führer! 

Die ganze von Wunsiedel aas zu unter- 
nehmende Exkursion beansprucht 5 bis 6 
Stunden Zeit. 



4. Schwarzenbach — Epprechtstein 
— Wunsiedel. 

Post -Omnibus: Mittags 12 Uhr und 
Abds. 5 ühr 55 Min., ä Pers. 1 fl. 3 kr., bis 
Kirchen lamitz 21 kr. 8^= Wer den sehens- 
werthen Epprechtstein bei Kirclienlamitz bestei- 
gen will, löst blos einen Platz bis dahin. 

Vom Bahnhof in Schwarzenbach 
(S. 21) führt die Strasse an Oberschieda 
vorbei zur Kalten Buche (Scheitelpunkt 
des Schiedapasses , 2076 F. üb. M.), den 
Kleinen und Grossen Kornherg 1. lassend, 
nach Kirchenlamitz , 1850 F. üb. M., 
von der forellenreichen Lam'.tz durch- 
flössen. 

Gasthof: Löwe (Post, bei Kuhn). 

Gute Tliongruben und Töpferwaa:"^n. 

Zum Epprechtstein, 2514 F. üb. 
M. (1 St.). — Er war einer von den 



ehemals als Raubschlösser gefürchteten 
,, Steinen" (Rudolfstein, Waldstein etc.) 
und wurde im Auftrag Karl IV. von 
den Burggrafen Job. und Albr. von 
Nürnberg erobert und in Besitz genom- 
men. 1553 am 2. Pfingstfeiertage wurde 
die Burg im albertinischeu Kriege von 
Heinr. v. Plauen, einem Gegner des 
Markgrafen Albrecht Alcibiades, sammt 
Kirchenlamitz zerstört. — Denhöchsten 
Punkt bildet eine 50 bis 60 F. hohe 
Felsenwand, welche 30 bis 50 F. breit 
und 250 Schritte lang sich von SO. nach 
NW. hinzieht. 

Aussicht von Süden stets rechts sich 
wendend: Glasanger (Berg), Lehestenberg; 
nach Westen: Grosser und Kleiner "NVald- 
stein, Zuchthausberg, Klein-Schwarzenbach, 
Helmbrechts , Döbraberg und Dorf Döbra, 
Schloss Schauenstein, zwei Berge — Kulm 
und Sieglitzberg — im Fürstenthum Eeuss. 
Im Korden: der Moosberg, Wallensteiner- 
und Schiedaer Berg, Schloss Förban, 
Schwarzenbach, Oberkotzau, Hof (dahinter 
Sachs, undreuss. Voigtland) ; Kleiner Korn- 
berg, Dörflaser Berg, Grosser Kornberg, 
Asch in Böhmen und das Erzgebirge, der 
Spielberg, Stadt Selb, Grosser Hengstberg, 
Marktleuthen, Teste Thierstein , Schloss 
Hohenberg, Franzensbad; Eger, Wallfahrts- 
kirche St. Anna (alle 3 in Böhmen), r. da- 
von der Bayerisch-Böhmer Wald, In südl. 
Richtung, sich immer r. wendend, folgen 
4 Berge, zur weisseusteiner Kette gehörig: 
Eosskopf, Plessberg, Weissenstein (Schloss- 
felsen) und. die Platte, in der Nähe der 
Buchberg, dahinter die Luisenburg, dann 
r. die zur Centralgruppe gehörigen Berge: 
Burg- und Haberstein, Kleine und Grosse 
Kösseine, Mätze, Todtenkopf, Silberanger, 
Platte, Farnleite, Schauberg, dahinter der 
Nusshart, Schneeberg, etwas näher der 
Rudolfstein, Weissenstadt , entfernter der 
Ochsenkopf, r. davon im Sij-d- Westen die 
Hohe Halde bei Bischoffsgrün. 

^2 St. von Kirchenlamitz der be- 
suchte Gesellschaftsort Tivoli, eine 
liebliche Aussicht auf Umgebung und 
Centralgruppe des Gebirges gewährend. 

Mit der 2. Tagespost (ä 39 kr.) 
kann man noch über MarJctleuthen 
(1673 F.), gewerbthätiger Ort an der 
Eger (Gasth. Eothes Boss), Neudes , Un- 
terrösslau, Dorf las (grosse Torfstiche) 
nach "Wunsiedel (S. 65) gelangen. 



5. Wunsiedel — Schneeberg — 
Weissenstadt. 

^^S=' Fiisstmir, 6 bis 7 Stunden. — 
Führer und Proviant! 



69 



11. lioute: Das Fichtelgebirge. 



70 



Von Wunsiedel führt die Strasse 
nach Göringsreutli, r. am Uildenhach vor- 
bei nach ForcZor/und dessen Mühle: hier 
über die Rössla und an der Farnleite 
empor zum See- oder Zeclienhause, 
2427 F. üb. M., dem Rest ehemaliger 
Zinnseifen werke. Gleich hinter dem 
Hause die ioirJcliche Quelle des Weissen 
Hains. (Das Haus kann zum Ruhen 
benutzt werden; sonst wenig zu 
haben!) — 

g:^^ Wer vom Zecheuhaus hinab- 
steigt, gelangt auf die Distriktsstrasse 
zwischen Bischoffsgrün und Wunsiedel , un- 
fern der Seelohe und Karges (S. 64). 

Vom Seehaus in nördl. Richtung 
auf der Höhe des Hauptrückens zum 
NuSShart (3004 F.). Zuerst eine höh- 
lenartige Kluft, 30 Schritt lang und 
oben 3 — 4 breit, die man durchkriechen 
kann. Granitplatten und -Blöcke be- 
decken sie so, dass noch Licht durch 
fällt. Je näher man dem Gipfel kommt, 
je wilder liegen die Granitmassen durch 
einander, ein mühsam zu ersteigendes 
Labyrinth bildend, durch welches der 
Berg zu einem der merkwürdigsten des 
Gebirges wird. So zeichnet sich auch 
eine 30 F. hohe, eben so breite und 4 F. 
dicke Granittafel aus, die mit ihrer 
schmälsten Seitenfläche senkrecht auf 
einem jähen Absturz, wie die Wand 
einer Ruine steht, so dass man jeden 
Augenblick ihren Fall zu erwarten ver- 
meint. Weiter aufwärts der höchste 
Punkt des Berges : Hier eine Stein- 
j)latte mit 9 regelmässigen, schlüssei- 
förmigen Vertiefungen, wovon die 
grösste die Mitte einnimmt, welche die 
übrigen im Kreise umgeben. Man 
nimmt an, dass dieser Fels in heid- 
nischer Vorzeit eine .Kultstätte war. 
(Vergl. die ^ßchüsseV' des Grossen 
Waldsteins S. 72.) Schwindelfreie Per- 
sonen können vermittelst einer Leiter 
die Fläche ersteigen; sie gewährt eine 
Aussicht auf das tiefe Thal des Fichtel- 
sees, gegen den Ochsenkopf, Schnee- 
berg und Rudolfstein. — Vom Nusshart 
in nordwestl. Richtung zum SclllieC- 
berg-, dessen höchste Spitze das ,,Back- 
öfele" heisst (3272 F. üb. M.), weil im 
oOjährigen Kriege die Anwohner hier 



,ihr Brod gebacken haben sollen, Ein 
Wartthurm, den die Markgrafen Kasi- 
mir und Georg im Bauernkriege 1525 
errichten Hessen , stand auch ehemals 
hier. — lieber ein hier vorkommendes 
forstbotanisches Kuriosum vgl. S. 56. 
— Wer den Felsen ,,Backöfele" be- 
steigen will, muss schwindelfrei sein. 
Er bietet die grösste Rund- , Um- und 
Fernsicht des Fichtelgebirges. Gross 
und erhaben, wie der Berg selbst, ist 
die Aussicht, welche er gewährt, die 
alles Einzelne anfänglich zu einem kaum 
zu fassenden Ganzen zusammenfliessen 
lässt. 

Man beginnt die Einzelmusterung der 
Aussicht am besten im Süd- Westen mit dem 
zweithöchsten Berg, dem Ochsenkopf; r. 
von ihm das obere Mainthal, die Gegend 
von Bischoffsgrün, Goldkronach, die Hohe 
Wart bei Baireuth, die Umgegend dieser 
Stadt und einzelne Häupter der Fränkischen 
Schweiz; nach Westen: zunächst die Hohe 
Haide, dann die Umgegend von Berneck, 
dahinter das sich von Baireuth nach Kulm- 
bach ziehende Kalkgebirge; weiter nach 
Nord- Westen: die Plassenburg bei Kulm- 
bach, Veste Koburg, Bamberger Gegend 
mit dem Staffelberg, Alteburg bei Bamberg, 
Scliloss Banz, beiden Gleichberge bei Hild- 
burghausen, Dolmar bei Meiningen, Cen- 
tralgruppe des Thüringer Waldes, vom 
Grossen Beerbergan ühex Norden nach Osten 
hin der Thüringer Wald mit dem Franken- 
wald bis zum Einschnitt der thüringer Saale 
bei Hirschberg. In der Sähe nordwestlich 
der Weissenstein bei Stammbach, nördlich 
der Haideberg bei Zell, dahinter der Döbra- 
berg, dann weiter r. der Grosse Waldstein, 
Weissenstadt, davor der Rudolfstein, dann 
r. der Epprechtstein, Kirchenlamitz und 
Marktleuthen, nordöstlich der Kleine und 
Grosse Kornberg, Thierstein, Wald von 
Selb; nach Osten: die Hochebene des Eper- 
und Rösslathales mit einer Menge von Orten 
und einzelnen Höfen, dahinter das sächs. 
Erzgebirge, die Gegend von Asch, Eger, 
Mariakulm etc.; nach Süd-Osten: Kohlwald 
u. Reichsforst, davor Luisenburg u. Kös- 
seine; nach Süden: Nusshart, Farnleite, 
Todtenkopf, Mätze, Nabthal, Weisscn- 
steiner liergUette, weiter hinaus Gegenden 
der Oberpfalz; tief im Süden: Berg u. Kuino 
Waldeck, llauhe Kulm etc. 

Ein Brand entblösste vor mehr 
als 100 Jahren den Berg. Die fast 
^2 St. im Umfang habende Fläche ist 
mit einem Geschütte von Granittafeln 
oder säulenförmigen Stücken bedeckt, 
die ein vorsichtiges Gehen erfordern. — 
Abwärts geht es in nordöstl. Richtung, 



71 



11. Boute: Das FichtelgeMrge. 



72 



theilwei8e auf schauerlich steinigem und 
steilem Wege zuerst zu den ,,Drei Brü- 
dern", drei sehenswerthen Granitfelsen, 
deren roittlerer der Gestalt eines Wolfes 
ähnelt, und dann zum Rudolf stein, 
(2708 F.), gegenwärtig aus einzelnen 
und auch zusammenhängenden Fels- 
kolossen bestehend, die früher durch 
Mauern zu einerBurg verbunden waren, 
welche später als ßaubburg an der 
Egever Strasse gedient haben und des- 
halb 1386 von Rath und Bürgerschaft 
in Eger erobert und zerstört worden 
sein soll. — Wer den grossen Felsen 
vermittelst der angebrachten Leiter er- 
steigen will, muss schwindelfrei sein. 
Die Aussicht ist im Allgemeinen be- 
schränkt, doch verleihen ihr die um- 
gebenden Waldberge ein grossartiges 
Gepräge. — Vom Rudolfstein sieht man 

schon Weissenstadt, 1910 F. üb. M., 

in hoher, ziemlich rauher Gegend an 
der Eger, die unweit davon entspringt. 
Die Stadt hat 2550 Einw. , die mancher- 
lei Gewerbe treiben. Sehenswerth die 
Steinschleiferei und Steinarheiten des 
Herrn Ehrh. Ackermann, aus dessen 
Werkstätten die Sockel etc. zu einer 
ganzen Reihe von Denkmälern und an- 
deren architektonischen Kunstwerken 
in Deutschland hervorgingen. Als Ma- 
terial dienen Granit, Syenit und Mar- 
mor des nahen Gebirges. 

Gasthöfe: Löwe, — Adler. — Das hiesige 
Bier ist berühmt und wird viel davon ver- 
sandt. 

1823 brannte fast der ganze Ort ab. 

— Weissenstadt wird viel von Touristen 
besucht, die von hier aus weitere Aus- 
flüge machen. — Postverbindung mit 
Wunsiedel, mit Marktschorgast (Bahn- 
station). 

Exkursipn nach Bischoifsgrün : Auf der 
Strasse nach Gefrees hin bis Voitsummra; 
hier 1. ab über die Eger zu der vom Walde 
herabknmmenden Distriktsstrasse, r. das 
Torfloch lassend. Auf der Strasse aufwärts; 
im Walde r. Wegweiser ,,Zur EgerqneUe". 

— Zur Linken hat man stets den Schnee- 
berg, r. die Hohe Haide. üeber die Höhe 
hinab zum Maintlial; liier Wegestheilung u. 
Wegweiser! 1. nach Karges (S. 64). r. über 
Biriistängel nach Büchoffsgrün, zwischen- 
durch kürzerer Fussweg über Fröbersham- 
mer und Dürrenhieb dahin (S. 63). 



6. Münchberg — Waldstein -- 
Weissenstadt. 

Vom Bahnhof zu Münchberg (S. 21) 
auf der Distriktsstrasse nach Mechlen- 
reuth; beim darauffolgenden Lehsten- 
bache Strassentheilung. R. weiter nach 
Grosslosnitz, zum. Schnahenhof 1, an dem 
kahlen Haideberg (2147 F., Serpentin 
mit Strahlenstein und Asbest) vorüber 
nach dem Marktflecken Zell (1985 F. 
üb. M.), an der thüringer Saale liegend. 
Der Ort nach den Bränden von 1831 
und 1836 neu äuferbaut. — Gasthof. — 
8:3^ Führer bis zum Waldstein! (l St.) 
— Bis zur Saalquelle Va St. (2240 F. 
üb. M.) Bei ihr ein auf Granitpfeilern 
ruhender Pavillon mit Bänken. — Von 
hier am Zeller Fels vorüber zum Bären- 
fang , in dem man bis in die Mitte des 
vorigen Jahrhunderts nicht selten Bären 
gefangen hat. Von ihm aus sieht mani 
schon das Hospiz des Grossen Wald- 
steines, das seit 1853 hier sich befindet 
und bescheidenen Ansprüchen genügt. 
In demselben ein Album zum Ein- 
schreiben der Besucher. — In der Neu- 
zeit durch Bohrversuche trinkbares 
Wasser. 

Der *Grrosse Waldstein (2739 F.), 

in der Bergskala des Fichtelgebirges 
der 4. , kann neben der Luisenburg als 
die grossartigste und schönste ruinen- 
tragende Felspartie desselben bezeich- 
net werden. Die kolossalen, bis zu 
150 F. hohen Granitmassen zeigen 
nämlich noch Spuren des früher weithin 
sichtbaren „rothen Schlosses". Wahr- 
scheinlich zum Schutze gegen die 
Slaven erbaut, war es im Besitz der 
Herren v. Sparneck, die leider zuletzt 
dem Stegreif- Ritterthum sich ergaben 
und durch Raub und Plünderung die 
Umgegend unsicher machten, weshalb 
der nahe Pass bei Kornbach heute noch 
die Hölle heisst. Der schwäbische 
Bund zerstörte 1523 die Burg. Im span. 
Erbfolgekriege (1701 — 1714) wurden 
vom Markgrafen hier Lärm- und 
Wachtfeuer unterhalten. — Der höchste 
Punkt, ,,cZie Schüssel" , hatihrenNamen 
von den auf seiner Spitze eingehauenen 



73 



12. Route: Bamberg und Umgebung. 



74 



Opferschalen , die in heidnischer Voi'zeit 
zu Kultzwecken dienten (s. Nusshart 
S. 69). Auf einem Felsen ein Häuschen 
von eisernem Gerippe mit starken Glas- 
fenstern zum Schutze der Besuchenden 
gegen Wind und Wetter errichtet und 
selbst mit einem Blitzableiter versehen. 
Aussicht nach allen Richtungen hin frei 
und weit. Ein angebrachter Ortszeiger 
gibt den genauesten Aufschluss. (In 
Verwahrung des Wirths : gegen ein 
Trinkgeld kann man denselben benutzen. 
Auch in einem hier käuflich zu erhal- 
tenden Schriftchen über den ,, Wald- 
stein" etc. des Revierförsters Buchner 
ist eine verwendbare lithogr. Abbildung 
desselben-, Preis 24 kr.) — Die Beob- 
achtung des Auf- und Niedergangs 
der Sonne gewährt in dieser Einsamkeit 
„von der Schüssel aus" dem Natur- 
freunde reichen Genuss. 

Vom Waldstein läuft der leicht zu 
findende Weg in östl. Richtung durch 
den Wald zur Strasse, die von Sparneck 
nach Weissenstadt führt, auf ihr r. ab- 
wärts zu der 1 St. entfernten Stadt 
(S. 71). 



7. Marktschorgast — Gefrees — 
Weissenstadt. 

Post: Tägl. früh über Weissenstadt bis 
Wunsiedel (1 fl. 16 kr.). 

Vom Bahnhofe Marktscliorgast 

(S. 21) hinab zur Strasse, um in nörd- 



die r. sich ausbiegende grosse Kurve 
der Bahn durch den ziemlich gerade 
aufwärts führenden Weg abzuschneiden 
und dann die Bahn zu überschreiten, 
das Dorf Falls 1. und später den Hof 
Kesselberg r. lassend, über Böseneck 
(an der Oelsnitz) zur Baireuth - Hofer 
Hauptstrasse. — Auf ihr 1. nach 

Gefrees (1580 F.), an der Mündung 
des Kornbaches in die Lubnitz. 

Gasthöfe: Löioe (bei Alb. Müller). — 
Grüne)- Baum (bei Georg KühnertJ. 

Der Marktflecken hat 1300 Einw., 
die vorzugsweise mit Oekonomie und 
Weberei sich beschäftigen. — Von den 
Husiten und später im albertinischen 
Kriege zerstört, hatte der Ort wegen 
seiner Lage auch in den Napoleouischen 
Kriegen schwere Drangsale zu erdulden. 
Am 5. Juli 1809 diente die Kirchhofs- 
mauer den Braunschweigern als Brust- 
wehr im Kampfe gegen die Franzosen. 
— Hier lebte als Apotheker der 1809 
verstorbene Naturforscher Heinrich 



Christian Funk. 
Ruine Grünstein. 



Ia St, davon die 



Exkursion : Zur Saalquelle und auf den 

Waldstein mit Führer! (S. 72). In Gefrees 
verlässt man die Hofer Landstrasse. Auf 
jiner anderen r. in östlicher Riclitung über 
Neureuth, den Knopfhammer zum Engpass 
Molle" (S. 72). In der Nähe jetzt ein 
Forsthaus, einige andere Gebäude und be- 
deutende Torflager. — Wasserscheide zwi- 
schen Rhein- und Eibgebiet. — Der fernere 
Weg führt üher Voitsummra nach dem 
Neuenhammer , überschreitet (1851 V. üb. M.) 
die Eger und erreicht das schon lange 
lieber Richtung auf chaussirtem Wege j sichtbare Weissenstadt (S. 71). 



Bamberg. 
12. Route: Die Stadt und ihre Umgebung. 



Gasihöfe: "^Bamberger Hof, in der St/idt. 
— * Deutsches Haus, bei der Kettenbrücke. 
T. d'h. m. W. 1 fl. 12 kr. - Erlanger Hof. 
unmittelbar am Bahnhof (10 Min. v. d. Stadt 
entfernt). — Drei Kronen. — Goldener Adler 
(Königsstrapse), unweit der Kettenbrücke. 
T. d'h. m. W. .^4 kr. Zimmer 30 bis 36 kr. 



Bier ehedem berühmt, jetzt fast allent- 
halben mittelniässig. 

Droschke vom Bahnhof in die Sladt 24 kr. 
- Pr. Tag 5 bis 6 fl. 

Omnibus, der bei allen Hotels vorfährt, 
12 kr. 



75 



12. Route: Bamberg nnd Umgebung. 

Eisenbahn-Taxen: 



SS 

w.S 



Von Bamlberg nach 



Personenzüge 



In Gulden u. Kreuzern 



I. Kl. j H- Kl. I III. Kl 



Schnellzüge 



In Gulden u. Kreuzern 



I. Kl. I II. Kl. j III. Kl. 



13,0 
17,5 
48,0 
54,0 
4,5 
57,0 
61,0 
42,5 

iy,5 

31,0 
35,6 
60,3 



Baireutli . . 

Hof . . . . 

Immenstadt , 

Kufstein . . 

Lichtenfei ö . 

Lindau . . . 

Salzburg . . 

Ulm . . . . 

Würzburg . . 
Frankfurt a/3I 

Mainz . . . 

Köln . . . . 

Stuttgart , . 
Heidelberg 

Leipzig . . . 

Dresden . . 

Berlin . . . 

Hannover . . 



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— 


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8 


17 


- 














- 



Die uralteBischofsstadt (beim Bahn- 
hof 775 F. üb. M.) an der Regnitz, die 
wie RoE» auf sieben Hügeln erbaut ist, 
liegt in einer der anmuthigsten Gegenden 
Deutschlands, bevorzugt von der Natur, 
befördert und gehoben durch mensch- 
lichen Fleiss. Die ganze Umgehung 
gleicht einem Garten, in welchem neben 
markigen Gemüsen auch Handels- und 
Arzneipflanzen, besonders guter Hopfen, 
mit Sorgfalt gezogen werden. Die 
bamberger Gärtner sind (wie die Sach- 
senhäuser für Frankfurt) ein Urtypus 
eigenthümlicher Lebensart. Die 26,ÜO0 
Einw. gehören (mit Ausschluss von 
etwa 1000 Protestanten) der katholi- 
schen Konfession an. 

Hisforisches: Zur Zeit der Karolinger 
war Bamberg Sitz der Babenberger, jenes 
alten berühmten deutschen Fürstenge- 
schieclits, die die eigentlichen Begründer 
des österreichischen Staates wurden. Nach 
dem Sturze derselben kam die Stadt an 
das Reich und später durch Schenkung an 
den Bayernherzog Heinrich II., dessen 
Sohn, Kaiser Heiurich II., Bamberg hesou- 
sonders begünstigte und es zu seinem Lieb- 
lingssitze erkor. Er gründete den herr- 
lichen Dom (in welchem er und seine Ge- 
mahlin Kunignnde begraben liegen) und 
errichtete hier einen Bischofssitz, den er 
so reich ausstattete, dass er alle anderen 
in Deutschland an Glanz und Pracht über- 
traf. "Während des 15. u. 16. Jahrh. tobten 
blutige Fehden zwischen den Bischöfen u. 
Bürgern und K«päter mit den Markgrafen 



von Brandenburg, namentlich mit Albrecht 
Alcibiades. Die Bischöfe vom Schlüsse des 
16. und Anfang 17. Jahrh. zeichneten sich 
durch fanatische Protestanten-Verfolgungen 
aus. Im 30jährigen Kriege litt die Siadt 
sehr unter den Schweden, im 7jährigen 
Kriege durch die Preussen und endlich in 
diesem Jahrh. durch französische Truppen. 
In Folge des Lüneviller Frit-dens erlosch 
das 800jährige bischöfliche Regiment (es 
waren von 1007 bis 1803 an 61 Bischöfe) und 
Bamberg fiel an die Krone Bayern. In 
neuester Zeit (Mai 1854) hielten die 8 deut- 
schen Mittelstaaten hier Konferenzen in 
Betrefi" ihrer Stellung zu den Grossmächten 
Pieussen und Oesterreich. 

Vom Bahnhof durch die neuen 
schönen Anlagen der Sophien-Brücke u. 
Strasse gleich ins Herz der Stadt auf 
den Marktplatz , r. das grosse Priester- 
Seminar. Unweit davon auf denr\ grünen 
Markt die Martinskirche, 1686 bis 1720 
von den Jesuiten erbaut, an welche die 
weitläufigen Gebäude des Lyceums für 
katholische Theologie und Philosophie 
(Reste der 1585 gegründeten Univer- 
sität, aufgelöst 1803) stossen. Hier 
die bedeutende * Bibliothek mit 
2600 Handschriften , meist Pergament- 
Codices) und kostbaren Incunabeln (ca. 
5000). Bibliothekar Dr. Stenglein. 

Darunter '■■'Gebetbücher Kaiser Heinrich IT. 
und seiner Gemahlin Kuniguncle , prächtige 
Handschrift auf Pergament, mit kostbaren 
Elfenbein -Dyptichen aus dem 6. Jahrb. in 
byzantinischem Styl; — die sehr interes- 
sante ''"Bibel Karl d. Gr. von Alciiin (des 



77 



12. Boute: Bamberg und TJmgebang. 



78 



Kaisers Freund und vertrauter Rathgeber) 
geschrieben, wie das Titelblatt sagt, im 
grössten Folioformat, aus deni 9. Jahrb. — 
Psalterium in 4 Sprachen (Gallico — Romano 

— Hebraico — Gräco) 909 im Kloster St. 
Gallen auf Geheiss Abt Salonio III. ge- 
schrieben. — Dann die prachtvolle Heller- 
sche Sammlung alter und wertlivoller Holz- 
schnitte, Handzeichnungen und Kupfer- 
stiche. 

üeber den Ludioigshanal (vergl. 
S. 46 und R. 26), der oberhalb Bamberg 
mit der Regnitz sich vereinigt, dann 
aber sich wieder trennt , um unterhalb 
der Stadt nochmals wieder in dieselbe 
zu münden (r. unten die schöne neue 
Fleischhalle) , auf die Insel, auf welcher 
das alte liathhaus (mit verblichenen 
Freskomalereien von Anwander) steht, 

— geradeaus hinauf zum 

*I)om (geöffnet Vorm. bis 11 Uhr 
und Nachm. von 2 bis 4 Uhr). Eins 
der grossen Meisterwerke spätroma- 
nischer Architektur, welches schon eine 
eigenthümliche Vermischung von Rund- 
und Spitzbogen zeigt. 

Er wurde von Kaiser Heinrich II. um 
1004 gegründet und 1012 vom Patriarchen 
von Aquileja eingeweiht, brannte indessen 
1081 grösstentheils ab und Bischof Otto der 
Heilige stellte ihn 1110 wieder her. Aus 
dieser Zeit stammt der östliche Peters-Chor 
mit den beiden Thürmen (die Seite von 
welcher man, aus der Stadt kommend, den 
Dom gewöhnlich betritt); der westliche 
Georgen- Chor mag nach 1270 erbaut worden 
sein, — er hat Spitzbogen-Fenster. Der 
ganze Bau ist 335 F. laug, 97 F. breit. 

Aeusseres: Am Portal der rechten Ab- 
seite das jüngste Gericht, eine symbolische 
Darstellung des Juden- und Chiistenthums. 
Am Portal 1. am Georgen -Chor die Statuen 
Kaiser Heinrichs und der heil. Kunigunde, 
des Königs Stephan, Adams, der Eva und 
des heil. Petrus. Aussen die beiden uralten 
steinernen Löwen, augeblich Symbole des 
slavischen Ozernebop'j/- Götzendienstes. 

fnneres: Im Georgen- Chor die beiden 
ßrudersäulen (Jachin und Boas, die Salo- 
nion vor dem Tempel setzen Hess, vergl. 
I. Buch der Könige 7, 21); im Altar herrl. 
Statuen von Schönlaub (vergl. Aukirche in 
München, R. 33, — auf demselben das 500 
Pfd. schwere bronzene Krucifix nach Schjvaii- 
thaler; — ferner daselbst die sargähnliclien 
Grabdenkmale der Bischöfe Gimlher (f 10G5, 
Kanzler Heinrich III.) und Olto II. von An- 
dechs (t 1196), Georg II., Marschalk von 
Ebnet, skulptirt von Peter Vischer. — Sehr 
schöne Chorstühle aus dem 15. Jahrh. — 
Unter diesem Chor die grössere ^Krypta 
(einige Säulen mit koriuth. Kapitalen), der 



Ziehbrunnen u. der Sarkophag des Hohen- 
staufen- Kaisers Konrad HI. — Auf dem 
Fussboden die Namen der zahlreichen lüer 
ruhenden Bischöfe. — Im Schiff das ■■■Grab- 
mal Kaiser Heinrich II. und seiner Gemahlin 
Kunigunde, — von Tillmann Rienischneider 
1513 aus weissem Salzburger Marmor skulp- 
tirt, die Figuren auf dem Sarkophag; an 
den Seiten Scenen aus den Legenden dieser 
beiden Heiligen; es ist das dritte Grabmal, 
welches denselben gesetzt wurde. 

Biographische Notiz: Heinrich IL, der 
Heilige, der Vater der Mönche, auch Ilüf- 
felliolz oder der Hinkende genannt, war ver- 
mählt mit Kunigunde, des Grafen von 
Luxemburg Tochter, und lebte mit ihr an- 
geblich in einer sogen. Engelehe. Indessen 
soll der Kaiser seine Gemahlin auf einem 
Reichstage zu Frankfurt nicht nur der Un- 
fruchtbarkeit angeklagt, sondern sogar ver- 
brecherischen Umganges mit Geistlichen 
beschuldigt haben, weshalb sie sich 1025 
dem Gottesurtheil : über eine glühende 
Pflugschar zu gehen, unterwarf. Sie wurde 
um 1200 von InnocenzIII. kanonisirt. Beide 
starben kinderlos. 

An dem Pfeiler r. neben dem Altar 
die gleichzeitige schön gearbeitete Reiter- 
statue Konrad III. von Hohenstaufeu 
(t 1152). Ausserdem mehrere Grabmäler 
aus dem 13. und 14. Jahrh. — Im Pelers- 
Chor die Grabmale des Bischofs Suidger 
von Mayendorf (f 1047, des nachmaligen 
Papstes Clemens II.), ausgezeichneto 
italienische Bildhauerarbeit, das älteste 
Monument des Domes ; die Heinrich s III. von 
Trockau (f 1501) und seines Nachfolgers 
Veit, Truclisess von Pommersfelden (f 1503), 
beide von Peter Vischer gegossen. — Im 
Querschiff 1. über dem Marien- Altar ein 1;> 
Pfd. schweres, prachtvolles Elfenbein- Kru- 
cifix , angeblich von einem griechischen 
Künstler im 4 Jahrh. gefertigt und von Kaiser 
Heinrich II. dem Dome geschenkt. — In der 
Gertruden -Kapelle auf dem Altar der Rosen- 
kranz, gemalt von H. Bnrgkmair. — Inder 
Begräbniss - Kapelle die metallenen Denktafelu 
der Domherren, dieselben meist lebensgross 
im Ornat darstellend. Der Schatz enthält 
werthvolle Reliquien, namentlicli von Kaiser 
Heinrich und seiner Gemahlin , z. B. seinen 
Schädel, seine Krone, Schwert, Triukhorn 
und Messer, der Kaiserin Kamm etc. 

Vor dem Dome lohnende Aussicht 
auf die Stadt. — L. gegen die Residenz 
zu : das Denhmal desFürstbischof es Franz 
von Erthal (f 1795), dessen Andenken 
als eines Verbesserers des Unterrichts- 
wesens, der Rechtsanstalten etc. heute 
noch gesegnet wird. Errichtet 1865 
durch König Ludwig I. — Daneben die 

umfangreiche alte Hofhaltung (mit 

Renaissance - Portal), von deren ur- 
sprünglichem Bau noch ein Stück steht; 
in diesem uralten Sitze der Babenberger 



79 



13. Route: Die Fränkische Schweiz. 



80 



wurde 1208 Kaiser Philipp von Schwa- 
ben durch Otto VII. von Witteisbach er- 
mordet und 966 soll hier der sagenhafte 
lombardische KönigBerengar gestorben 
sein; jetzt Stallungen und Dienerschafts- 
Wohnungen. — R. die Fürstbischof- 
liehe Mesidenz (der Bischof wohnt 
in einem Palais hinter der alten Hof- 
haltung), neuerer Zeit von König Otto 
von Griechenland bis zu seinem Tode 
1867 bewohnt. Aus einem Fenster 
derselben stürzte sich Marschall Ber- 
thier, Herzog von Wagram, am 1. Juni 
1815, geistesverwirrt, als russische 
Truppen durch Bamberg zogen, um in 
Frankreich einzurücken. Der Stein, an 
welchem sein Körper zerschmetterte, 
ist heute noch mit einem rothen Kreuz 
bezeichnet. Sein Leichnam wurde im 
benachbarten Kloster Banz (S. 23) bei- 
gesetzt. 

Nördlich höher die Abtei Michels- 
Tberg", 1009 durch Kaiser Heinrich H. 
gestiftetes, 1803 säkularisirtes Benedik- 
tiner-Kloster, jetzt Bürgerspital und 
öffentliche Leihanstalt. In der Kirche 
Grabmal ihres Neu -Erbauers des heil. 
Otto (t 1139, der achte Bischof von 
Bamberg). 

In der Sakristei werden Reliquien von 
ihm gezeigt, darunter sein VVanderstock 
mit den eingegrabenen Worten: „Gracia. 
Dei . som . it . guot . som". 



Ein Seitenflügel ist der renommirteu 
Wildbergerschen orthopädischen Heil- 
anstalt &\ngQysL\imi. — Die Bildergallerie 
im oberen Stockwerk bietet nichts be- 
sonders Bemerkenswerthes. — Vom 
Klostergarten, jetzt frequente Bier- 
wirthschaft, guter Rundblick auf die 
Umgegend. 

Das gut katholische, einst so kloster- 
gesegnete Bamberg hat gegenwärtig nur 
noch ein Stift der englischen Fräulein und 
ein neugebautes Franziskaner- Kloster. — 
Von den übrigen Kirchen ist nur noch bo- 
merkenswerth die obere Pfarrkirche im 
reinsten deutschen Spitzbogenstyl. 

Spaziergang: Auf die Altenburg (Va St.), 
schattiger Weg. Ruine der einstigen gräf- 
lich babenbergischenVeste, welche 1553 von 
Albrecht von Brandenburg-Baireuth zerstört 
wurde. Kleine Alterthümer - Sammlung. 
Hübsche Kapelle. Ordentliche Wirthschaft. 
Der Thurm (126 Stufen, 6 kr. Trinkg.) gewährt 
eine der umfassendsten Rundsichten im 
östlichen Frankeulande; hier lässt sich das 
alte Sprüchwort begreifen: „Besässe ich 
Nürnberg, ich würde es in Bamberg ver- 
zehren". — Der Theresienhain , am südlichen 
Ende der Stadt, schöne Spaziergänge am 
Ufer der Regnitz, in deren Wassern sehr be- 
suchte Bäder. 

Exkursionen: Nach Schloss Banz (7 St. 
Entfernung) und Yierzehnheillgen, beide 
an der Eisenbahn (S. 23 u. 24). — Schloss 
Ponimersfelden, ehemals wegen seiner 
hochberühmten Bildergallerie viel von Bam- 
berg aus besucht, hat seinen Reiz verloren. 
Der Besitzer der Herrschaft, Graf Schön- 
born, Hess die in ihrer Art einzige Privat- 
Gallerie 1867 in Paris versteigern. 



Die Fränkische Scliweiz. 
13. Route: Streitberg und Muggendorf. 



Mit diesem brillanten Namen be- 
zeichnet man das etwa 12 Q.-Meil. um- 
fassende, ca. 1800 F. üb. M. sich 
erhebende Hochplateau, welches in 
Mitte der Städte Bamberg, Erlangen 
und Baireuth liegt und sowohl durch 
seine Naturmerkwürdigkeiten, sowie 
durch das Phantastisch - Malerische 
vieler seiner Thalbilder schon früh- 
zeitig die Aufmerksamkeit der gebilde- 
ten Wanderwelt auf sich zog. 

Die G ebirgsformation dieses 
höchst interessanten Hochländchens ist 



Jurakalk, der sich von der französischen 
Schweiz bis an den Fuss des Fichtel- 
gebirges (S. 55) erstreckt und hier aus 
massigen Tafeln besteht, die sich gen 
Norden etwas senken. Die Thäler sind 
Jäh abfallend und tief eingeschnitten 
und die fast senkrecht emporstrebenden 
Felsenwände sind von verschiedener 
Färbung, bald bläulich-grau, bald braun- 
gelb. Der Jurakalk ist mit grauen 
Dolomit-Gesteinen von seltsam-bizarren 
Gestaltungen überlagert, die namentlich 
dazu beitragen, der Thallandschaft das 



81 



13. Route: Streitl)erg und Muggendorf. 



82 



ihr eigene Gepräge des Märchenhaft- 
Abenteuerlichen zu geben. Allüberall 
findet der Geognost reiche Ausbeute an 
Petrefakten. Brauner Jura bildet die 
Hauptmasse der zu beiden Seiten der 
Wiesent (Fluss) bis Ebermannstadt hin- 
laufenden Bergzüge. — Eine Unzahl 
Quellen führen herrliches, viel kohlen- 
sauren Kalk enthaltendes Trinkwasser 
den grösseren Bächen zu , die mit ihren 
dunkelgrünen Wellen die Grundfelsen 
der zahlreichen malerischen Burgruinen 
bespülen. Das Plateau ist steriles, wasser- 
armes Land von einförmiger Natur, 
hin und wieder mit guten Fernsichten. 

Zu den Hauptsehenswürdigkeiten 
gehören die vielen Höhlen (man kennt 
bis jetzt deren 45), die theils durch 
Einstürzen der verwitternden Gesteins- 
lagen gebildet wurden , theils durch 
Jahrtausend lange Auswaschungen ent- 
standen sein mögen. Gehoben wird 
das Interesse an denselben besonders 
durch wunderbare Tropfsteinbildungen, 
die bald als gewaltige Säulen sich zeigen, 
welche die Felsengewölbe zu stützen 
scheinen, bald als hangende Gebilde 
durch ihre mehr oder minder zutreffer/de 
Aehnlichkeit in der Form mit gewissen 
Gegenständen die Aufmerksamkeit 
fesseln. Der Umstand, dass vorzugs- 
weise jene Höhlen , deren Ausgang gen 
Süden gekehrt ist, fossile Ueberreste 
sogen, vorsündfluthlicher Thiere ent- 
halten (Schädel, Zähne und Knochen 
aller Art von Bären, Wölfen, Hunden, 
ja sogar Löwen, Tiger und Hyänen, die 
in keinen anderen Höhlen so vortrefflich 
erhalten gefunden werden als in diesen), 
unterstützen die Ansicht, dass eine von 
Süden gen Norden strömende einstige 
grosse Fluth die Leichen dieser Thiere 
eingeschwemmt habe. 

Die Flora bietet dem Botaniker 
reichen Sammelstofif, darunter das 
Mondveilchen (Lunaria rediviva) , der 
Frauenschuh (Cypripedium calceolus), 
die Judenschlutte (Physalis Alkekengi) 
und Andere. 

Das Land ist nicht stark bevölkert, 
meist katholiscli (mit Ausnahme der 
früher zu Brandenburg gehört habenden 



Orte, wie Streitberg, Muggendorf und 
Heiligenstadt), dem Ackerbau obliegend, 
dem Fremden gegenüber freundlich, 
aber betreffs gegebener Versprechen 
nicht zuverlässig. Der Aberglaube 
wurzelt noch tief, zähes Festhalten am 
hergebrachten Alten ist allgemein, und 
von Intelligenz, wie sie in anderen be- 
nachbarten Gegenden Bayerns unver- 
kennbar im Volke wurzelt, ist hier nicht 
eine Spur. Dies Alles sind Faktoren, 
die dazu beitragen, dass die sogen. 
Fränkische Schweiz nicht zu den wohl- 
habenden Landstrichen zählt. Die 
Tracht der Männer zeichnet diese nicht 
aus ; die Frauen und Mädchen dagegen 
tragen rothe oder auch blau und roth 
gestreifte (an Sonn- und Festtagen auch 
weisse) Kopftücher, die sie auf ge- 
schmackvolle Weise zu binden verstehen. 

Zu den schönsten und lohnendsten 
Punkten zählen: das Püttlach-, Göss- 
weinsteiner u. Rabenecker Thal, ersteres 
durchströmt von dem gleichnamigen 
forellenreichen Bache, die letztei-en von 
der Wiesent bewässert; —r die Ruinen 
NeudecTc , Streitburg , Rabenstein und 
Wolfsberg ; — die Schlösser Burggailen- 
reuth , Egloffstein , Gössweinstein , Grei- 
fenstein und Rabeneck; — die Rosen- 
müllers-, Sophien-, Zoolithen-, Oswalds-, 
Witzen- , Försters- u. Moggaster -Höhle; 
— das Teufelsloch, die Wassergrotte, 
das Klingloch; — die Ortschaften 
Muggendorf , Streitberg , Gössweinstein, 
Pottenstein (der schönst -gelegene Ort), 
Egloffstein, Waischenfeld ; — die Lenz- 
dorfer Schlucht, die Schluchten bei dem 
Adlerstein und bei Wölen; — die 
Muschelquelle bei Muggendorf ; — die 
Felsenpartien der Riesenburg und der 
Espershöhle. 

Transportmiitel: Mit Postgelegcnheit 
Touren zu luacheu ist nicht zu ratlien. — 
Die Kutscher von Forchheim (S. 45, Eisen- 
hahnstation) und aucii die von Streitherg 
stehen drei Tlieil mit spekulativen, nlier 
keinesweges sehr empfelilenswertheu \\ ir- 
then zum Nachtheil der Reisenden im Ein- 
verständniss und suclien den Fremden zu 
üherreden, da einzukeliren, w > sie (die Kut- 
scher) freigeliahen werden. Man vertraue 
diesen Anpreisuigen nicht, sondern I «-IitT- 
zige die in diesem Kcisebucho geuplioncn 
■\Vinke. Durclischnittstaxeu sind; Einspän- 



83 



13. Route: Die Fränkische Schweiz. 



84 



ner pro Tag 31/2 A., lialber Tag 2 fl. — Zwei- 
spänner tägl. 5 fl., halbtäglich 3 fl. Gesell- 
schaftswagen für 8 Pers. tägl. 6 fl., halb- 
täglich 31/2 fl-, Alles ohne Trinkg., das etwa 
auf36 kr. resp. 24 kr. anzusetzen ist. In Streit- 
berg sind die Preise wohl noch etwas höher. 

Führer sind nur zu wenigen Partien 
aöthig; sie erhalten, exclus. der Verkösti- 
gung, pr. Tag 1 fl. bis 1 fl. 12 kr., pr. hal- 
ben Tag 3f) bis 48 kr, — Die Taxen der Führer 
zu den Höhlen sind amtlich festgestellt. 

Forchheim (S. 45) ist der frequen- 
teste Eintritts-Punkt für die Fränkische 
Schweiz. 

Postomnibus: Mai bis Ende Sept. tägl. 
Früh 71/4 und Nm. 33/4 Uhr; nach Streitberg 
in 21/4 St. 39 kr., Coup6 45 kr.; — nach 
Muggendorf in 3 St. 48 kr., Coupe 54 kr. — 
20 Pfd. Gepäck frei. — Beiwagen werden 
nicht gegeben. Man suche einen Platz 
1. im Wagen zu bekommen. 

Wagen: Zweispäunig 5 bis 7 fl. , ein- 
spännig 2 fl. 42 kr. bis 4 fl. gö^ Die Forch- 
heimer Kutscher sind durch ihre Zudring- 
lichkeit und ihre un-verschämten Forde- 
rungen verrufen ; eine gewöhnliche Praktik 
derselben ist durch zähes Hin- und Her- 
Haniieln den Fremden so lange aufzxihalten 
bis die Post abgefahren ist. Nun stellen sie 
die exorbitantesten Forderungen , welche 
der Eeisende, wenn er nicht in Forchheim 
übernachten will, geduldig acceptiren muss! 
Also Vorsicht! — Bei der Bahnhof- Restau- 
ration stehen oftRetour-Wagen zu billigeren 
Preisen. — Zu Fuss direkt nach Muggen- 
dorf 41/4 Gehstunden, — über die Streit- 
burg, Guckhüll und das Lange Thal öVa 
Gehstunden. 

Bier sehr gut in den in einem Eichen- 
walde liegenden Sommer -Kellern. 

Ins Wiesenthal, am rechten Ufer 
durch Beut ; hier über den Bach nach 
Kirchehrenbach am Fusse des Walbur- 
gisberges oder Ehrenbürg (Kapelle auf 
dem sattelartigen Gipfel, der zum Theil 
mit Dolomitfelsen gekrönt ist), — 
Pretsfeld (1. die weisse sogen. Vexir- 
kapelle), Ebermannsstaclt (primitive 
Wirthshäuser), Breitenbach, Gasseidorf 
an der Mündung des Leinleiter Thaies 
nach Streitberg. 

Die Lohnkutscher bleiben gewöhnlich 
am rechten Ufer (neuer Weg) über Reut, 
Weilersbach, Russenbach, Breitenbach etc. 

Streitherg-, i500 F. üb. M. 

Hotels: ■■'Goldener Bär od^r Post (Hafner), 
36 Zim. pr. 31/2 bis 7 fl. , erste T. d'h. 42 kr., 
keine Bougies -Berechnung; empfohlen. — 
^•■Kreuz oder Kurhaus, Molkenkur -Anstalt 
des Dr. Weber, 3 Gebäude mit 75 Zim., ä 3 
bis 7 fl. Wochen tl , elegant, sehr gute Bet- 
ten, T. d")). 48 kr, Bedienung tägl. 12 kr., 
Pn^iso hoch, grosser Ton, aber gut. — 
liellevue. — Sckivar::er Adler. 



Post : Tägl, 3n.al nach Muggendorf 

1 St. in 40 Min. 12 kr. — Zweispänner 2 fl. 

Das Pfarrdorf istterrassirt, zwischen 
Obstbäumen am Berge hinaufgebaut, 
dessen innerer Felsenkörper massig- 
entblösst zu Tage tritt; in diese Natur- 
Bollwerke haben Menschenhände gleich 
riesige künstliche Mauern eingebaut, 
jetzt die Euinen der Streitburg. Schon 
hier zeigen sich jene höchst seltsamen 
Gesteins-Verwitterungen, welche thurm- 
ähnlich , isolirt wie mächtige Pilze aus 
dem Boden hervorschiessen. Die Lage 
des Ortes ist geschützt und deshalb als 
Molkenkurort geeignet. Touristen lo- 
giren sich meist in Muggendorf ein, weil 
dieser Ort mehr in Mitte der Exkursions- 
ziele liegt. 

Die Streitburg (10 Min.) wurde von 
den Schlüsselbergein erbaut, die vom 12. 
bis 14. Jahrh. den grössten Theil der Frän- 
kischen Schweiz beherrschten und in weit 
verzweigter Verwandtschaft zit den mäch- 
tigsten Burggrafen -Familien standen. Die 
Streitberge erloschen 1490. Im Juni 1553 
wurde das Schloss, nun dem Markgrafen 
von Baireuth gehörig, von den Nürnbergern 
berannt und niedergebrannt, später aber 
wieder ausgebaut. Die gegenwärtige Rui- 
nirung desselben ist Werk eines gewissen- 
losen Beamteten , der es 1811 zum Abbrucl» 
auf Versteigerung brachte. — L. von der 
Burg eine 80 F. hohe, isolirte Felsennadel, 
der Grosse Marktstein; unter der Ruine der 
Hangende Stein. — Der *üuckhüll, die 
höchste Bergkuppe in der Nähe von Streit- 
berg (2/4 St.), mit sehr lohnender Rundsicht. 
— Das Lange Thal und die Schönsteinhöhle, 

2 bis 3 St. Zeit. Für letztere ist in Streitberg 
ein Führer (1 Pers. 36 kr., 2 Pers. 48 kr. , 3 
Pers. 1 fl.) zu requiriren. Das ,,Lange Thal" 
ist kurz aber lieblich; unweit Wörth (auf 
der Strasse nach Muggendorf) öffnet sich 
dasselbe 1. bei einem Turtsteinbruche. Man 
bleibt etwa 10 Min, auf der linken Thal- 
seite , dann aufs rechte Ufer. Die Schön- 
steinhöhJe, jetzt mit erweitertem Eingange, 
ist 350 F. lang und hat herrliche Tropf- 
steingebilde, woher der Name. Die letzte 
Abtheilung ist nur mit Gefahr zu begehen. 
Nahe dabei d\e Brunnensteinhöhle, weniger 
besuchenswerth. — Bracks Anlagen, ein 
Laubholzschlag mit prächtig angelegten 
Spaziergängen. — Eunnenstein mit Fiihrer 
(18 kr.) in ^k St., lohnende Aussicht. — 
-Ruine Neudeck mit den Grotten (jenseits 
der Wiesent, zu Fuss 3/4 St. Licht für die 
Grotten mitzunehmen). Es ist eine der um- 
fangreichsten Ruinen der Gegend , cirkalOOF. 
über der Thalsohle, auf vorspringenden) 
Felsen; der höchste, kecfc wie ein Adler- 
nest herausgeschobene Thurm, war nur durch 
eine Zugbrücke zugängig. Seit 1553 liegt 
das Schloss in Trüninicru. Sehr lohnendo 



IS. Route: Streitberg und Mu<?j?enclorf. 



86 



Niederblicke in die Tliäler von Muggendorf 
und Ebermannstadt. 

Auf der Fahrstrasse weiter an der 
Mündung des (1.) Langen Thaies vorbei, 
r. immer die Wiesent, darüber oben 
Ruine Neudeck (s. oben) , durch Wörth 
nach 

(1 St.) Muggendorf. 

Gasthöfe: Hölel Schüler, am Marktplatz 
mit schöner Aussicht, hübschem Garten 
(300 F. langer Laiiliengang von wildem 
Wein), 18 Zimmer komfoitabel, reinlich, 
vortreffliche Betten. Küche und Keller gut. 
T. d'h. 121/2 Uhr, 42 kr. Exquisites Ex- 
portbier. Zugleich Molken - Anstalt mit 
kalten und warmen Bädern aller Art. — Ku7- 
und GanÜmus zur FränJdschen Schweiz, grösser, 
40 Zimmer, ä 3 bis 6fl. pr. Woche, aber leichter 
gebaut und darum im Sommer sehr hoiss. 
T. d'h. 36 kr., gut aber spärlich. — 
Stern, ländliches Gasthaus, ungenügend, — 
Noch 5 andere höchst primitive Wirtlis- 
häuser. 

Postomnibus tägl. 2mal zur Eisenbahn- 
Station Forchheim (S. 45) in 31/4 St. Fahrzeit 
48 kr. Coup6 54 kr. 

Cariolpost nach Gössweinsteiu oder 
Wai8c)>enfeld 24 kr., Pottenstein Vorm. 39 kr., 
Baireuth Nachm. 1 fl. 33 kr. 

Zweispänner: Wagen nach Baireuth 12 fl. 
und Trinkgeld. — Egloffstein, oder Forch- 
heim (S. 45), oder Greifenstein, oder Potten- 
stein (S. 89) 5 fl. und Trinkgeld. — Burg- 
gailenreuth (S. 87), Doos (S. 92), Göss- 
weinstein (S. 89), ßabeneck (S. 90), oder 
Waischeufeld (S. 91) 3 fl. und Trinkgeld. — 
Streilberg (S. 83) 2 fl. und Trinkgeld. 

j::^ Muggendorf ist Hauptstations-Punkt 
für sämmtliche Ausflüge in die Fränkische 
Schweiz. 

Der Marktflecken mit etwa 350 Einw. 
ist rings von bewaldeten Höhen (bis 
400 F.) umgeben, liegt in Obstgärten 
sehr freundlich und geschützt gegen 
rauhe Winde. Die ganze Umgebung 
ist überreich an sehenswerthen Punkten. 

Exkursionen, welche als Spaziergänge in 
kurzer Zeit, stets mit Rückkehrnach Muggen- 
dorf sich ausführen lassen, sind: Baum- 
furier Mühle ^ji St. gegen Gossvvoin.stein 
zu. — * Ilohenslein ^U St. mit lohnender 
Aussicht vom Felsen. — '■•'■ Kupfeuhurg V2 8t. 
hin, 1/4 St. retour; mit derselben lässt sich 
der Besuch der Eosenmüller Höhle (S. 8G) 
zweckmässig verbinden. — Zur *Muschtl- 
quelle auf der Strasse nach Streilberg, 1/4 ^t^- 

— Die *0$walds- (S. 86), Wunders- (8. 86) 
und ^WilsenhöMe mit der Hohen Wacht zu- 
sammen in 2 St. — Burggailen>euth 1 St. — 
ZoolUhen- Hohle IV4 St. — Jiieseiiburg IV4 St. 

— Adlerstein IV4 St. — Quackenschloss IV4 
St. etc. 



Die *Roseninüllers Höhle C/^ St. 

nördl.) kMnn nur unter Leiiung eines 
Führers (Lohn 1 bis 6 Pers. 1 fl. 12 kr., 
jede Pers. mehr 12 kr.) besucht werden. 
Sie wurde 1793 von Professor Rosen- 
müller (Prosector in \<eipzig) entdeckt 
und von ihm zuerst wegen der darin 
gefundenen Ueberreste des Höhlenbären 
beschrieben. Nach wenigen Schritten 
durch einen engen Eingang steht man 
bald in einem domähnlichen Gewölbe. 
Die ausserordentlich verschiedenformi- 
^en Tropfstein - Gebilde sind durch- 
schimmernd und von hellem Klange. 
Am Ende der Höhle in einem kleinen 
Gemache befinden sich die schönsten 
Stalaktiten ; es wird das ,,Allerheiligste" 
oder die „Wachskammer" genannt. 
Das Ganze wird erleuchtet. — NB. 
Man kühle sich, wer vom Gehen erhitzt 
ist, erst ruhig ab, ehe man die Höhle 
betritt. 

Die*Oswaldshölile (VaSt.). Feuer- 
zeug und Holzfackeln sind aus dem 
Hotel mitzunehmen. 

Weg: An der Kirche vorüber zu einem 
Lindenbaum, diesen r. lassend gerade fort 
aufwärts durch die Linden- AI l§e : wo diese 
endet (V4 St.) r. ab auf den Feldfahrweg 
von dem nach 8 Blin. ein Fusspfad r. ab- 
zweigt, der zur Höhle führt. 

Die Höhle ist 80 Schritt lang, sehr 
leicht zu besuchen und das Eintritts- 
portal ist schon von Weitem sichtbar. 
Von Tropfstein-Gebilden ist wenig mehr 
vorhanden. In der ersten, grössten Ab- 
theilung ]. zwei Becken mit schönem 
krystallhellen Tropfsteinwasser. Durch 
zwei andere Abtheilungen und dann 
überraschender Austritt ins Freie; r. 
der durch seine Felsenbildung auf- 
fallende Wichsenstein; Aussicht ins 
Gössweinsteiner Thal und nach Burg- 
gaileiireuth. 

Weiterweg. Vom Austritt aus der Os- 
waldshöhle 1. an der Felsenwand hin 37 
Schritt; hier eine kleitie Vorhöhle, in der 
man eine runde Oeffuung erblickt, den Ein- 
gang zur 

Wunder Shöllle, 1772 entdeckt. 
Der 7 F. lange Eindrang kann nur 
kriechend passirt werden; dann freies 
Plätzchen, von dem aus eine kleine 
Leiter in die schönen Gänge der 150 



13. Route: Die Fränkische Schweiz. 



Schritt langen Hohle führt. Auch hier 
sind die Stalaktiten grösstentheils ab- 
geschlagen. Gegen das Ende gross- 
artige Verhältnisse. 

Weiterweg. Von der vorigen den schma- 
len , ziemlich steilen Fusspfad nach der 
Höhe, bis der Weg bei einem Wegweiser 
gabelt; nun r. eine ganz kurze Strecke 
etwas aufwärts, dann steil abwärts 7 Min. 
lang, wo eine Biegung des Weges r. als- 
bald in 

die *WitzenhÖhle führt. Sie be- 
ginnt mit einem imposanten Domraume, 
zieht sich etwas aufwärts und ist am 
Boden mit vielen Felsenblöcken, zum 
Theil von beträchtlichen Dimensionen, 
übersäet, die hie und da die Passage 
ein wenig beengen. Am Ende dieses 
grossartigen Hohlraumes erhebt sich 
ein Hügel, auf dessen Gipfel ein Felsen- 
block liegt, der als Opferaltar für den 
Götzendienst der früher hier hausenden 
Wenden angesehen wird. 

Es soll auf demselben dem Rachegott 
ffWit" (der zugleich als Gott der Gerechtig- 
keit galt, weil Rache ein Recht war) geopfert 
worden sein, und daher der Name Witzen- 
höhlestammen. Bei Ausbreitung des Christen- 
thums mussten die am alten Glauben hangen- 
den Völker mit ihren Opferstätten sich in 
entlegene Klüfte flüchten, 

Rückweg ebenso wie man kam. 
Dringend zu warnen ist vor dem Ver- 
suche, von der Witzenhöhle direkt hinab 
ins Thal zu steigen. 

Nach Burg-g-ailenreiith und in die 
Zoolithen- Höhle. 

Fusstour von Muggendorf hin und zu- 
rück Summa 4 St. Essen und Trinken mit- 
zunehmen. Fahren kann mau nur bis an 
den Fuss von Gailenreuth. Führer un- 
nöthig. 

Von Muggendorf auf der Poststrasse 
Yg St. nach Baumfurt., eine allein- 
stehende, romantisch gelegene Mühle 
jenseits des Tl-^zescni - Baches , über den 
eine Brücke führt. Hier ist höchstens 
Milch und Brod zu bekommen. — 130 
Schritt oberhalb der Mühle schönes 
Felsenthor; daran vorüber auf dem dem 
Wiesentufer zunächst laufenden Fahr- 
wege in den Wald (7 Min.), wo dieser 
bei einer Wegkreuzung (Säule mit Kaiser 
Heinrich H.) in einen Fusspfad sich 
verwandelt, der durch schönes hohes 
Holz bis an den Fuss des Schlosses 



j Gailenreuth (Yg St. von Baumfurt) führt. 
1312 gehörte es den Schlüsselbergern, 
jetzt dem Baron Horneck. 

Der im Schlosse wohnende Förster ge- 
leitet gegen ein Honorar von 48 kr. pr. 
Pers. — 1 fl. 2 Pers. — 1 fl. 12 kr. 3 Pers. 
nach der Zoolithen -Höhle, ca. 10 Min. 
entfernt 

Die * Zoolithen -Höhle ist durch 
eine Thür geschlossen. Man tritt in einen 
weiten Baum, dessen Decke stellen- 
weise hochgewölbt, stellenweise aber 
auch so niedrig ist, dass man gebückt 
gehen muss. In die verschiedenen Ab- 
theilungen, die sich schneckenförmig in 
die Tiefe ziehen , gelangt man mittelst 
dreier Leitern, von denen die erste die 
längste ist. Der ungeheuere Reichthum 
an fossilen Knochen , die theils lose am 
Boden herumliegend gefunden werden, 
theils in den Kalksinter fest eingebacken 
sind, machen diese Höhle zu einer der 
interessantesten. Alle Naturalien -Ka- 
binette Europa's haben Thierüberreste 
aus diesen Räumen. Nicht minder 
interessant sind die prächtigen Tropf- 
steinfiguren, namentlich eine Stalaktiten- 
säule von ausserge wohnlich er Stärke. 
Auch Menschenknochen und Scherben 
von Urnen hat man hier gefunden , was 
darauf deutet, dass hier eine Begräbniss- 
stätte war. 

Zwei gute Aussichts -Punkte in der 
nächsten Umgebung von Muggendorf sind 
noch der Hohenstein, 3/* St., und die 
-• Kupfenburg , V2 St., deren Besuch sich 
gut mit dem der Rosenmüllers -Höhle (S. 
86) verbinden lässt. 



Zweitägige Tour zu den bedeutend- 
sten Punkten. 

I.Tag: 7Y2 Marschstunden. Auf- 
bruch früh 6 Uhr. — Jui Gössweinsteiner 
Thal an dem r. liegenden (1 St.) Schlosse 
Burggailenreuth (S. 87} vorüber nach 
der Stämpfermühle mit den (1 St.) Drei 
Quellen. Letztere ergiessen sich in 
solcher Mächtigkeit wenige Schritte 
von der Mühle, dass sie deren Werke 
in Bewegung setzen (man nennt sie des- 
halb auch die Dreiquellen -Mühle). In 
derselben ein Saug- und Druckwerk 
(aus der Gramer - Klettschen Fabrik in 



89 



13. Route: Streitberg und Muggendorf. 



90 



Nürnberg), welches das ausgezeichnete 
Trinkwasser nach Gössweinstein empor- 
treibt. 

Trinkgeld fürBesichtigung 3 kr. pr. Pers. 

Durch geschmackvoll angelegte Pro- 
menaden, die fälschlich „königliche An- 
lagen" genannt werden, empor. Schöne 
Aussichten. 

{% St.) Grössweinstein. 

Gasthaus: Die Belzersche Badeanstalt 
zur Fränkischen Schiveiz. 

Bier sehr gut im Franziskaner-Kloster. 

Der freundlich gelegene Marktflecken 
ist ringsum von einzelnstehenden Felsen 
umgeben, auf deren einem das *Schloss 
(1523 F. üb. M.) hoch oben thront; es 
wurde wahrscheinlich von den Schlüssel- 
bergern (S. 84) gegründet, jetzt Rent- 
amtssitz. 144 hölzerne Stufen in einem 
gedeckten Gange führen zu ihm empor; 
der nach der Thalseite hin fast senk- 
recht abfallende Felsen erhebt sich gegen 
400 F. über den Ort. Vom Balkon 
reizende Aussicht auf den Böhmer 
Wald, das Fichtelgebirge, den Franken- 
iind Thüringer Wald. Im Ort das ehe- 
malige Kapuziner- , jetzt Franziskaner- 
Kloster und eine grosse Wallfahrtskirche 
mit einem „wunderthätigen Gnaden- 
bilde"; 

am 1. Sonntag nach Pfingsten grosse 
Wallfahrt, durch welche nach einem Breve 
Papst Benedikt Xin. von 1729 vollkommener 
Ablass gewährt wird. 

Weiter auf dem Pottensteiner Fahr- 
wege (% St.) bis zu einem Wäldchen ; 
hier Wegweiser, 1. ab , Fussweg zur 

(% St.) Pottensteiner Kapelle, 

prachtvoller Blick über das reizend 
hingelagerte Städtchen: 1. ist das 
Untere-Püttlach oder Tüchersfelder Thal 
(S. 90) hinab nach 

(y4St.)Pottenstein, 1552 F. üb. M. 

Gasthaus bei Distler, sehr gute Forellen, 
aber meist schlechtes Bier. 

Altes Städtchen in romantischer 
Lage, im Innern weniger einladend. 
Das Schloss, zu dem 365 Stufen hinauf- 
führen, ist von beträchtlichem Umfang 
und imponirt durch seine Lage. 

Es wurde vom Pfalzgraf Bodo dem 
Starken im 12. Jalirh, erbaut, 1430 von 
den Husiten scharf berannt und im 30jäh- 
rigen Kriege von den Schweden zerstört. 



Geburtsort des zu Esslingen 1607 
gestorbenen Professor der griechischen 
Sprache Martin Crusius. 

Exkursion in das '■•'Weiliersthal und zu»i> 
Teufelsloch ^Ia, St. Feuerzeug und Holz- 
fackeln sind mitzunehmen. Auf der Strasse 
nach Pegnitz im Thale fort. Nach Va St. 
steigt der Weg; man halte sich r. nach dem 
kleinen Bache zu, durch Laubgebüsch, Auf 
Schrittsteiaen durch den Bach. Wo da.> 
Gel)üsch zu Ende, geht man wieder auf dir 
andern Seite dc^s Baches. Prachtvolle Blicke 
auf kolossale Felsengebilde. Auf der Wiese 
nur noch wenig Schritte zum Teufelsloch, 
das r. im Felsen liegt. Nachmittags erzeugt 
die von der Sonne beschienene Wiese einen 
solchen Reflex im Inuern der Hölile, das.-; 
diese ganz transparent grün erscheint. — 
Weiter hinaus bietet das Thal nichts Sehens- 
werthes. 

Hier beginnt das als die grösste 
landschaftliche Schönheit gepriesene 

*Tüchersfelder Thal. Es ist nur 

Vg St. lang, aber die senkrecht zu 
schwindelnder Höhe emporsteigenden 
Felsenwände treten oft so nahe zusam- 
men , dass in der Thalsohle nur Raum 
für den Forellen -reichen Püttlachbach 
und einen schmalen Fusssteg übrig 
bleibt. — Das Dorf *TÜcliersfeld ge- 
hört unbedingt zu den seltsamsten, die 
es überhaupt in Europa gibt. Die 
Häuser sind auf und unter die Felsen 
gebaut oder werden von wirklich gno- 
menhaften Gestalten dieser obelisken- 
ähnlich - isolirt aufsteigenden Kalk- 
gebilde überragt, dass man eher wähnt 
Traumbilder als Wirklichkeit zu sehen. 
Der wahrscheinlich von Bodo dem 
Starken erbaute Ort hatte zwei feste Burgeii, 
die im Mittelalter durch eine von dicken 
Ledergurten getragene Hängebrücke ver- 
bunden waren. Die Schnallen, an denen 
die Riemen befestigt waren, hat man in 
späten Zeiten noch am Gemäuer sehen 
können. 

(f:^ Wer hier seine Tour abbrechen 
und (wenn er einen Wagen genommen) 
nach Muggendorf zurückkehren will, fährt 
über Beringersmiihle in das Gösswein- 
steiner Thal und längs der Wiesent hinab; 
Summa 2i/4 St. 
Fusstouristen setzen den Weg weiter 
fort über den Berg nach 

(1V4 St.) *Rabensteiii. 

Wirihshaus zu Neuniühle, wo man zur 
Noth etwas bekommen kann, vielleicht auch 
übernachten. 

Auf die sehr umfangreiche , auf 
Felsen gelegene Burg (7 Min); einfache 



Dl 



13. Boute: Die Fräükisclie Scliweiz. 



92 



aber schöne Anlagen umschliessen die 
Gebäuliclikeiten und gegliederte Pelsen- 
ünger und andere höchst groteske Ge- 
steinsfiguren ragen überall empor. Das 
Schloss beherrscht aus einer Höhe von 
150 F. das Äilshachthal. 

Die Eabensteiuer kommen schon im 
13. Jahrh. vor. 1349 fiel die Veste an die 
Burggrafen Ton Nürnberg, um 1400 an die 
Aufsess; 1635 zerstörten sie die Katholiken, 
lind erst nach dem westphälisclien Frieden 
■wurde «las jetzt dem Grafen Scliöiiborn ge- 
hörende Schloss wieder tbeilweise aufgebaut. 

Im Schlosse werthvolle Petrefalcten- 
Sammlung. Der Kastellan, welcher die- 
selbe zeigt, ist zugleich Führer zur 

(7 Min.) *Sophieüliölile. 

Taxe: 1 bis 4 Personen mit 5 Lichtern 
11/4 fl. — Ebensoviel Personen mit 12 bis .30 
Lichtern 2^2 A. — 4' bis 10 Personen, denen 
man 50 bis 100 Lichter anzündet, 6fl. 40 kr. 
— Mehr als 10 Personen dürfen zu gleicher 
Zeit die Höhle nicht besuchen. 

Die Sophienhöhle, erst 1833 auf- 
gefunden, ist die Fortsetzung der schon 
seit 1778 bekannten Klaussteiner Höhle 
(von der ober ihr stehenden St. Nikolaus- 
Kapelleso genannt), welche gleichsam die 
Vorhalle zu jener bildet, jedoch keine 
Tropfstein-Impromptus enthält, sondern 
nur durch ihre Grösse und Felsenmassen 
imponirt. Ein mit Gras bewachsener, 
von überhangenden Gesteinsmassen 
beschatteter Platz dient dazu, sich ge- 
nügend abzukühlen. — Die Sophienhöhle 
selbst besteht aus 3 Abtheilungen, 
ist sehr bequem zu begehen und 
enthält viel Sehenswerthes. Die Sta- 
laktiten und Stalagmiten sind ungemein 
reich in ihrer Formen -Verschiedenheit 
und die zum Theil übersinterten, in 
grosser Menge vorhandenen Knochen 
von Höhlenbären und Wiederkäuern 
erhöhen das Interesse bedeutend. Der 
ganze, von mächtigen Wölbungen über- 
spannte Hohlraum ist etwa 1400 F. 
lang und erzeugt bei reichlicher Be- 
leuchtung feenhafte Eindrücke. Man 
braucht % St. Zeit. 

Die gegenüberliegenden Ludwigshöhle 
nnd das sogen. Kuhloch sind zu ui. inter- 
essant, um zu einem Besuche anzulocken 

Pahrstrasse direkt von der Höhle 
über (25 Min ) Langenlohe nach 

(45 Min.) Waischeiifeld. 



Wirthshäuser bei Kranss und Boffmann, 
einfache Zimmer zum Uebernachteii , gute 
Kost, meist auch ordentliches Bier, billig, 

Post -Omnibus nach Baireutli 48 kr. 

Das alte, im Thale der Wiesent ge- 
legene Städtchen ist rundum von Felsen 
eingeschlossen und die Trümmer ehe- 
maliger Schlösser erhöhen die Romantik 
der Lage. Der auf einem Felsen isolirt 
stehende Thurm hat einen einzigen Zu- 
gang mittelst einer oben dicht unterm 
Dache angebrachten Thür, er mag viel- 
leicht als Gefängniss gedient haben und 
traurige Geheimnisse des faustrecht- 
lichen Mittelalters bewahren. Oas 
Schloss wurde 1647 von den Schweden 
niedergebrannt. 

Exkursion zur «Försters -Höhle, 1/4 St. 

Wirth Kraus hat den Schlüssel, 1 Fers. 
48 kr., 2 Pers, 1 fl., 3 Pors. 1 fl. 12 kr, 
Sie hat einen bequemen Eingang, ein mnje- 
stätisches gegen 60 F, hohes Hauptgewölbe 
und viele Seitengrotten mit interessanten 
Tropfstein -Gebilden. Unbedingt zählt sie 
zu den grossartigsten Naturspielen dieser 
Art. Auch hier wurden viele Knochen- 
Ueberreste gefunden. 

2. Tag: Durch das ßabenecker 

Thal (von der Wiesent durchflössen), 
1. die Hammermühle, nach 

(% St.) Rabeiieck, Dorf mit gleich- 
namiger, auf jähaufsteigender Felsen- 
Pyramide, wie ein Adlernest liegender 
Burg , dem Grafen von Schönborn ge- 
hörig. 

Um die Mitte des 16. Jahrh, war das 
Schloss Eigenthum des Daniel Stibar, eines 
der bedeutendsten Männer jener Zeit, Freund 
des Joachim Camerarius (der mit Melauch- 
thon die Augsburger Konfession abfasste) 
und Erzieher des Erasmus von Rotterdam, 
Im Dome zu Würzburg sein Denkmal. 

Das Schloss wurde 1632 von den 
Waischenfelder Bürgern zerstört. Keck 
auf einen überhangenden Felsen h'naus- 
gebaut steht die Bartholomäus-Kapelle. 
Besuchenswerth ist die Burg nicht. 

(% St.) DOOS 9 einzelnes sehr schön 
gelegenes Wirthshaus mit höchst mittel- 
mässiger Wirthschaft am Vereinigungs- 
Punkte der Aufsess und Wiesent. — 
R. hinein das Schotterthal. Auf gerader 
Strasse ists von hier bis Muggendorf 
1 St. Wir folgen derselben aber nicht; 
man engagire einen Führer zur 



93 



7i. Houte: Nürnberg Und Umgebung. 



94 



(V4 St.) *Riesenburg. 

Führer für 1 Pers. 15 kr., 2 Pers. 24 kr., 
3 Pers. 30 kr. 

Es ist ein grossartiger Dolomit- 
Naturbau, ähnlich den Ruinen einer von 
Cyklopen erbauten Veste. Des Effektes 
halber thut man wohl , sie vom Thale 
aus zu besuchen; der Hinaufweg ist 
ziemlich steil. Zwischen und in den 
Felsenkolossen sind steinerne Treppen 
mit Holzgeländern angebracht. 

Die Sage schreibt die Erbauung einer 
JliesenfamilieRuodo zu, welcbedie Burg gegen 
die verwüstenden Hunnen errichtet habe. 

Der Hinabblick ins Schotterthal ist 
ungemein lieblich. — Zur oberen Thür 
hinaus auf schönem Fusswege 

(V2 St.) Engelhardsberg (dürftiges 
Wirthshaus) und zum 

(10 Min.) Adlerstein, eine impo- 
sante Felsennadel, die durch ihre Form 
schon von Weitem auffällt. Es ist der 
dritthöchste Punkt der -Gegend, auf 
dessen Gipfel ein Yermessungs- Signal 
steht. Ersteigung nicht sehr lohnend. 

Am Fasse des Adlersteins findet sich ein 
kleines Laser geschichteten dichten Jura- 
Kalkes zwischen dem massigen, körnigen 
Dolomit. 

Die südwestlich liegende, zerrissene 
und durchlöcherte nahe Felsenmasse 
(Rauhwacke) führt den Namen Quaclcen- 
schloss. — Hinab auf die Gösswein- 
steiner Strasse. Im Vorübergehen kann 



man auch noch die Schlucht besuchen. 
Zurück in % St. nach Muggendorf. 



Von Engelhardsberg (S. 93) kann man 
auch einen Abstecher, an der C/U St.) 
Kirchenruine de>/zeiZ. Bühl zu. St. Georg 
vorüber, durch das Dorf (V4 St.) Wölm 
nach (20 Min.) Dort Moritz und auf den 

(10 Min.) Moritzfelsen, den zweit- 
höchsten Punkt der Fränkischen Schweiz 
(mit bedeutender Rundsicht), machen. 



Nachmittags -Exkursion (von Muggen- 
dorf aus) zur •■'Espershöhle, Summa 4 St. 
Zeit beanspruchend. Man geht oder fährt 
bis an die Gailenreuther Brücke (S. 87), von 
dort zu Fuss. Die Espershölile ist nächst 
der Eiesenburg die schönste Felsenpartie 
der Gegend, die, aus mehren Gewölben 
bestehend, ihr Licht von oben und von den 
Seiten erhält. Bescheint die Sonne die obeu- 
stehenden Laubbäume, so durchstreift die 
ganzen Hohlräume ein grüner Schmelzton 
von wunderbar schönem EEfekt. Eine Spalte 
führt ins Elingloch, durch welche einge- 
worfene Steine bis auf den Grund fallen 
und klingend heraufschallen. ^ In der Nähe 
die Leuzdorfer Schlucht und die Wasser-Grotte. 



Die Tour in den südlichen Theil der 
Fränkischen Schweiz: auf Wichsenstein 
(dem höchsten Punkt der Gegend) und 
über Egloffstein nach Wolfsberg kann 
man zu Wagen machen, wenn man von 
da über Gräfenberg nach Nürnberg den 
Hinausweg nehmen will. 



Nürnberg. 
14. Route: Die Stadt und ihre Umgebung. 



(Vergl. beikommenden Stadtplan.) 



Gasthöfe: Rothes lioss am Weinmarkt 
(PI. C, 2), nahe der Sebalduskirche, Zimmer 
48 kr. bis 2 fl., T. d'h. ohue Wein 1 fl. 12 kr., 
Service incl. Hausknecht 24 kr., gelobte 
Küche. — ^Bayerischer Hof, viel Engländer, 
englische Preise, — Strauss bei Renner, 
Kaiolinenstrasse (PI. C, 3), T. d'h. mit Wein 
1 fl. 24 kr., Service 18 kr.. Bong. 24 kr. - 
Rother Hahn bei Dirsch, Königsstrasse, Zim- 
mer 36 bis 48 kr., T. d'h. mit Wein 1 fl. 
12 kr., Omnibus 18 kr. — Würtemberger Hof 
neben dem Bahnhof (PI. D, 4). — Goldener 
Adler, Adlerstrasse. — Deutscher Hof (Wiesel) 
beitTi Zeughaus, Omnibus. — Europäischer 
Hof in der neuen Mariea-Vorstadt, nicht 



weit vom Bahnhof, 
dem Bahnhof. 



WitteUhacher Hof , nahe 



Caf^s : C. Noris, an der Museums-Brücke. 

— C. Lotter. — C. Segitz, bei der Lorenr- 
kirchc. — Ostendhalle. — Europäischer Ho/. 

— Ca/4 national, bei der Frauenkirclie. 

Restaurants und Bierhäuser: nimmeis- 
hiter in der Karolinenstrasse (PI. C, 3). — 
'>Mohrenl-eller, Königsstrasse, in der Regel 
vortreff"liches Bier. — Leistlein, Karlsstrasse 
(PI. C, 2). — Pfau. — *^V,'olfsschhtchi, enorm 
besucht, und Peter Vischer, alle drei in Nähe 
des Theaters. — Brattrnrstglocllein an der 
Moritzkapello (PI.C,2) und das Blaue Glöck- 



95 



14. Route: Nürnlt)erg und UmgeTbung. 



96 



lein, -unweit der Frauenkirche (PI. C, 2), 
in beiden Bratwürste mit Sauerkraut und 
Bier. — Goldenes Boss, Hirsclielgasse, gegen- 
über von Tuchers Haus. 



Konditorei: Msenbeiss an der Museums- 
Brücke. 

Eisenbahn. Die Staatsbahnen (Augsburg- 
München, Würzburg -Frankfurt, Bamberg- 
Hof) und die Ostbahnen (Regensburg- 
Eisenbahn -Taxen: 



München , Eger - Leipzig , Passau - Wien , 
Weiden-Baireuth und Furth-Prag) benutzen 
gemeinschaftlich den grossen vor den» 
Frauenthor gelegenen Bahnhof (Kopfstation); 
— der Bahnhof der Ludwigsbahn (älteste 
Privatbahn in Deutschland, seit 1835) nach 
Fürth (S. 228), die früher abwechselnd 
Pferdebahn war, jetzt aber nur mit Dampf 
betrieben wird, ist vor dem Spittler-Thor 
(PI. A, 3, 4). 



Entfern. 

in 
Meilen 



Von Nürnberg nach 





Personenzüge 




S 


chnellzüge 


In Guld 


en und Kreuzern 


In Guld. 


u. Krz 


I. Kl. 1 


n. 


Kl. 1 III. Kl. 1 


I.Kl. 1 


11. 


K. 


6 


54 


4 


36 


3 


6 


8 


18 


5 


33 


2 


24 


1 


36 


1 


3 


2 


54 


1 


57 


6 


18 


4 


12 


2 


48 


7 


36 


5 


3 


26 





19 


4 


14 


12 


27 


50 


19 


33 


20 


8 


35 


1« 


_ 




25 


9 


17 


20 


9 


27 


6 


18 


4 


15 


11 


24 


7 


36 


11 


15 


8 


42 


7 




12 


48 


9 


45 





— 





_ 








14 


57 


9 


51 


24 


3 


17 











23 


45 


16 


42 


16 


2 


12 


11 


9 


10 


19 


48 


13 


33 


14 


42 


9 


48 


6 


33 


17 


40 


11 


48 


9 


57 


7 


24 


5 


42 


11 


30 


8 


27. 


9 


24 


6 


15 


4 


12 


11 


21 


7 


3« 


18 


15 


13 


24 


9 


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19 


36 


14 


18 


5 


33 


3 


42 


2 


30 





_ 





— 


15 


54 


10 


36 


7 


6 


19 


6 


12 


45 


8 


45 


5 


48 


3 


51 


10 


33 


7 


— 


10 


21 


6 


54 


4 


36 


12 


27 


8 


18 


28 


42 


21 




14 


30 


34 


9 


24 


57 


4 


12 


2 


48 


1 


54 


5 


3 


3 


24 



ßl,5 



49 
31,5 



18,5 
53,0 



34,5 
14 



Augsburg 

Bamberg . . 

Baireuth . . 

Berlin . . ; 

Dresden . . 
Frankfurt a/M. 

Karlsbad. . 

Karlsrulie . 

Köln . . . 

Leipzig . . 

Lindau . . 

Marienbad . 

München . . 

Prag . . . 
Regensburg . 

Salzburg . . 

Stuttgart . . 

Ulm . . . 

Wien . . . 

Würzburg . 



Posi: (Stadtpostamt hinterm Bathhaus, 
PI. Nr. 12) nach Gräfehberg (Frän lasche 
Schweiz) Nachm. iu 41/2 St. 39 kr. Bestände 
Briefe im Haupt-Postamt im Bahnhof. 

Telegraphen - Bureau im Bahnhof und 
Stadtpost. 

Droschken von und zum Bahnhof nach 
der Fiakerzeit (im Sommer von 6 früh bis 
8 Uhr Abds., im Wintervon 7 bis 7 Uhr) 1 Pers. 
18 kr., 2 Pers. 24 kr., 3 Pers. 30 kr., 4 Pers. 
36 kr. Zeitfahrt pr. 1/4 St. 1 Pers. 12 kr., 
2 Pers. 18 kr., 3 Pers. 24 kr., 4 Pers, 30 kr. 
Pr. Stunde 48 kr., 1 fl., 1 fl. 12 kr. und 
1 fl. 24 kr. Jede folgende 1/4 St. zahlt 12 kr. 
mehr. Gepäck über 10 Pfd. 6 kr. Koffer über 
40 Pfd. 12 kr. Kinder halbe Taxe. 

Omnibus von und zum Bahnhof, IPers. 
6 kr., mit Gepäck 12 kr. 

Lohndiener und Fremdenführer pr. Tag 
(Morg. 6 bis Abds. 10 Uhr) 2 fl., halber Tag 
1 fl., pr. St. 12 kr. 

Dienstmänner, jeder Gang 3 kr., pr. 
St. 9 kr. 

Nürnberger Waaren in umfassender 
Auswahl jeglichen Genres bei ''f Wahnschaffe 
am Joseplisplatz, der sich schnell grosses 
Renomni6e als Spielwaarenhändler erwarb. 
Sein Mngazin ist zugleich geeignet, einen 
Ueberblick von der Nürnberger Industrie 
und deren Vielseitigkeit zu geben. 



8:3=* Warnung! Den drängenden Em- 
pfehlungen der Lohnbedienten ist zu miss- 
trauen; letztere beziehen in manchen 
Läden 10 Proz. Provision von dem, w 
der Fremde kaufte. Wer also nicht do 
pelt bezahlen will, nehme keinen Lohn 
diener zu seinen Einkäufen mit. 
Effenbeinschnitzereien bei Behl, Kaiser- 
strasse Nr. 198. — Ziener & Ellenberger, 
Winklerstrasse Nr. 36. 

Papiermache in der vorzüglichen Fleisch- 
mannschen Fabrik (S. 129). 

Lebkuchen: Metzger, hinterm Rathhaus ; 
— Häberlein, hinter der Sebalduskirche. — 
Funk, Alhrecht Dürer -Platz. 

Photographien und Abbildungen von 
Nürnberger Gebäuden in den Buch- nud 
Kunsthandlungen von Ebner, Schräg und 
Stein. 

Bäder, kalte, in der Pegnitz taugeii 
nicht viel; warme, auch Dampfbäder bei 
Bromig, Schutt- Insel. 

Bankiers: J. 0. Cnopf , Karolinenstrasso 
Nr. 351. — Kalb, hinter der Lorenzkirche. 
Bei gemessener Zeit zu besichtigen: 
Durchs Frauenthor hinein, geradeaus durch 
die Königsstrasse zur Lorenzkirche , Königs- 
strasse weiter über die Königsbrücke gerade- 
aus auf den Markt zur Frauenkirche und 



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2. Älhvecht DUrirs Haiis. C l. 10. Wohnhmis d. h 

3. StJlorifxkMpeile. C8, 11 Museums Gesel 

F pH ÄTini ö*<' * -'^t.Sehalcliis Kirche C2. 12. Stadl-Tost 

li I K-i d I u 11 g.<^ 5. BaWiMus m. Gemälde Saml. C2. 13. St.LoreiixkJra 

^.Si.Aeaidien Kirche DI. U. TIieMler 

7. Kirnst- ßewerhe Scluile Dl. 15. ^«tj/ 

t.Schiiner Brunnen, TU. V^.Hamioide Gesi, 

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97 



H. Route: Nürnberg. 



98 



zum Schönen Brunnen; welter iMmUathhaus , Se- 
bahlskirche (event. Moritzkapelle S. 117), Burg- 
stias-e hinauf zur Burg. Dann die Beig- 
strasse herab zum Dürer- Denkmal, Pickerische 
Sammlung, durch die Stadt zum Germanischen 
Museum und wieder hinaus zum Bahnhof. 

Literatur. Wer sich etwas einlässlicher 
mit der Geschichte und den Kunstschätzen 
dieser höchst interessanten Stadt beschäf- 
tigen will, dem mögen empfohlen sein: 
R. V. Reitberg, Nürnbergs Kunstleben in 
seinen Denkmalen dargestellt; Stuttg. 1854. 
— Lochner, Nürnberg und seine Merk- 
würdigkeiten; mit 32 Ansichten. 3- Aufl. 
1 fl. 30 kr., Niirnb. bei Schräg. — Nürnberg, 
ein vollständiger Führer durch die Stadt. 
2. Aufl. 36 kr. Ebnersche Buchhandlung 
in Nürnberg. — Der Verlags -Katalog von H. 
ScÄragr (Hof buch -und Kunsthandlung) enthält 
eine Menge der interessantesten Norica; 
man verlange denselben zur Durchsicht. 



Stadtgeschichtliches. Die 
Chronik -Sage eröffnet, wie bei allen 
alten Städten, so auch in Nürnberg den 
Reigen der Aufzeichnungen. Nach ihr 
soll Tibertus Nero, des römischen Kaiser 
Augustus Stiefsohn, nait seinen Legionen 
im Kampfe gegen die Markomanen da, 
wo jetzt die Burg steht, ein festes 
Castrum j^specula Neronis'' erbaut 
haben, um das sich Unterworfene ange- 
siedelt und so den Grund zur Stadt ge- 
legt hätten. Diese sei verwüstet, wieder 
aufgebaut, von Norihern, die aus den 
Donauländern vertrieben , bevölkert 
worden, woher der Name ,,Norimberga" 
stamme; dann habe um 723 der heil. 
Bonifazius das Christenthum gebracht, 
und der heil. Sebaldus (S. 116) habe 
dasselbe befestiget durch Wunder und 
seinen Tod. — Von alle Dem kennt die 
!Uif Beweisgründe basirte Geschichte 
nichts ; denn es werden weder Römer 
fundamente, noch andere Gegenstände 
römischen Ursprunges gefunden, noch 
erwähnen die Annalen aus den Zeiten 
der Karolinger irgend eines Ortes dieser 
Gegend und verwandten Namens. Erst 
um 1050, unter Heinrich III. wird ur- 
kundlich des Ortes Noremberc erwähnt, 
der, begünstiget durch seine Lage an 
der alten Handelsstrasse zwischen Ita- 
lien und Norddeutschhmd, rasch empor- 
wuchs, unter den fränkischen Kaisern 
eine Burg mit Vögten erhielt, ."^tadt- 
und Marktrechte erlangte und alsWall- 

Berlepsch' Süd -Deutschland. 



fahrtsort (zum Grabe St.Sebalfli S. 11.5) 
volkreich sich vergrösserte. Besonders 
begünstiget wurde Nürnberg durch 'die 
Hohenstaufen - Kaiser, welche (namentl. 
Friedrich Barbarossa) aller Vermuthung 
nach der Burg (S. 123) jenen Umfang 
gaben, den sie heute noch einnimmt. 
Mit grosser Vorliebe weilten sie hier 
und beschenkten die Stadt mit ausser- 
ordentlichen Rechten und Freiheiten. 
Der Fremde steht also droben auf klas- 
sischem Boden einer der stolzesten 
Perioden deutscher Geschichte. — Nach 
dem Aussterben dieses mächtigen Kaiser- 
hauses ward Rudolf von Habshurg 
Nürnbergs Freund und Wohlthäter, 
brachte die Stadt >jber dadurch in eine 
gewisse Abhängigkeit, dass er dem 
Grafen Friedrich v. Zollern die Burg- 
grafen - Gewalt zu Nürnberg verlieh, 
woraus in den nächsten Jahrhunderten 
(wie überall) harte und erfolgschwere 
Kämpfe erwuchsen. Noch heute nennt 
der König von Preussen in seinem 
grossen Titel sich Burggraf von Nürn- 
berg. — Als Ludwig der Bayer (dessen 
Grabmonument in der Frauenkirche zu 
München steht, R. 33) seine Kämpfe 
mit Oesterreich ausfocht, half Nürnberg 
ihm getreulich und hielt trotz des 
Papstes Bannfluch fest zu ihm, was 
dieser Kaiser der Stadt auch reichlich 
lohnte. Noch weiter entwickelte sich 
ihr Glanz, als Karl IV. hier 1356 die 
,,g o 1 d e n e Bulle", und durch dieselbe 
das Gesetz gab: dass jeder Kaiser seinen 
ersten Reichstag zu Nürnberg abhalten 
solle. Da wuchsen Handel und Ge- 
werbe, Besitz und Reichthum wurden 
gross und Nürnberg eine der stolzesten 
Städte des Mittelalters, die prachtvolle 
Kirchenbauten (noch heute Zierden der 
Stadt) unternehmen, Keichsämter kaufen 
und durch Anlage mächtiger Befesti- 
gungen gegen das Raubritterthum sich 
schützen konnte. In Deutschland galt 
sie damals so hoch, dass sie von 1424 
an zur Aufbewahrung der deutschen 
Reichskleinodien erkoren wurde und im 
Bewusstsein ihres gegründeten Stolzes 
stellte sie diese Insignien höchster 
irdischer Würde alljährlich bis zur Zeit 
4 



99 



14. Route: JNtirnl)erg. 



100 



der Reformation öffentlich zur Schau 
aus. Schon zu jener Zeit reichte Nürn- 
bergs ETandel in alle damals bekannte 
Länder und von der Mitte des 15. bis 
zur Mitte des 16. Jahrh. entwickelte 
sich jene Glanzperiode, aus welcher das 
gefeierte Kunstleben Nürnbergs 
in unsere Tage herüberstrahlt. Hier ist 
die Geburtsstätte einer Menge der wich- 
tigsten und gemeinnützlichsten Erfin- 
dungen ; ein Nürnberger machte um 
1482 die ersten Brillen und um 1500 
erfand Peter Hele oder Henlein die 
,, lebendigen Nürnberger Eier"', die Ur- 
form unserer jetzigen Taschenuhren. 
1517 knallte hier die erste Büchse durch 
das Feuerstein - (Ead -) Schloss entzün- 
det; — Hans Lobsinger war ein Wind- 
künstler, der den Blasbalg erdachte 
und zuerst die Gewalt derkomprimirten 
Luft in der Konstruirung der Wind- 
büchse anwandte-, — Georg Hartmann 
erfand den Kaliberstab und entdeckte 
die Abweichung der Magnetnadel, folge 
deren er den Kompass verbesserte ; — 
Hans Lambrecht machte die erste Pro- 
birwaage ; — Hermann Drassdorf die 
Pedalorgel ; — Erasmus Ebner mischte 
zuerst KupfermitOfengalmei und erfand 
das Messing ; — ein Bürger Rudolph zog 
den ersten Draht und eine Menge an- 
derer Entdeckungen im Gebiete der da- 
maligen Industrie datiren aus den Werk- 
stätten dieser Mauern. — Dieser offene, 
spekulative Sinn aber wurde geweckt, 
gehoben und getragen durch eine An- 
zahl geistig und künstlerisch hochbe- 
gabter Männer, die in Nürnberg geboren 
waren oder daselbst lebten. Noch heute 
begegnet der Gebildete bei seiner Wan- 
derung durch diese höchst merkwürdige 
Stadt auf Schritt und Tritt den Namen 
eines Regiomontanus und Martm Be- 
haim^ Hartmann Schedel, Joachim Cam- 
merarius und Willibald Pirhheimer , 
eines Veit Hirschvogel, Michael Wol- 
gemut und des grossen Albrecht Dürer, 
sowie denen seiner vSchiJler Hansv. Kulm- 
bach und Hans Schäuffelin^ wie sind 
Nürnbergs Kunstschätze zu besehen, 
ohne gleich dem Künstler - Triumvirat 
Peter Visüher, Adam Krofft und Veit 



Stoss zu begegnen sammt dem älteren 
8ebald Schonhover (S. 109) und dem 
prächtigen Wenzel Jamnitzer? Und wer 
kennt nicht den dichtenden Schuster 
Hans Sachs und seinen noch älteren 
Kollegen Hans Rosenplüt, sowie die 
ganze Schule der Meistersänger? gar 
nicht zu gedenken der Menge anderer 
berühmter Männer jener Zeit, eines 
Eoban Hesse, Christoph Scheurl , Hiero- 
nymus Paum.gärtner , Melchior Pfinzing 
(Dichter des Theurdank u. A.). Es 
gibt wenig Städte in Deutschland, die 
im Mittelalter solche Verdienste um 
Förderung deutscher Kultur und 
deutscher Ehre sich erworben haben 
wie Nürnberg. 

Für Freunde der Literatur- und Kunst- 
geschichte mögen nachstehendeBiographische 
Notizen über die bedeutendsten nürnberger 
Meister einige Anhalts -Punkte geben: 

Michael Wolgemut, von 1434 bis, 
1519, der älteste bekannte nürnberger Maler, 
Lehrer Dürers. Sein bedeutendstes Werk 
sind die 4 Flügel des Peringsdorferschen 
Hochaltars in der Sammlung der Moritz- 
kapelle (S. 118). Ferner die Altarflügel in 
der Kreuzkirche; in der Sebalduskirche 
die Tuchersche Kreuztragung (8. 115). 

Alb recht Dürer, geb. 24. Mai 1471 
zu Nürnberg, lernte die Goldschmiedekunst 
bei seinem Vater, trat dann bei Michael 
Wolgemut als Maler in die Lehre, wanderte 
1490 bis 1494, heirathete darauf sein zänki- 
sches Weib Agnes Frey und wurde Meister 
in Nürnberg. 1505 ging er nach Venedig, 
um bei Titian u. Palma Vecchio zu studiren 
und wirkte von da an rastlos, aber vom 
Rathe seiner Vaterstadt kaum beachtet, 
während seine Reise durch die Niederlande 
1520 und 1521 ein wahrer Triumphzug ge- 
nannt werden muss. „Kaum ist ein Zweig 
der bildenden Künste zu nennen, auf den 
Dürer nicht entschiedenen Einfluss geübt 
hätte. [Jeberall, in Maler-, Holzschnitt- 
und Kupferwerken, in denen Dürer jeden- 
falls der deutschen Stecherkunst und dem 
Formschnittwesen bestimmte Bahn und 
Richtung gab, — in der Verzierungsart der 
Baukunst, — in grösseren und kleineren 
Bildwerken, seien sie von Holz , Stein oder 
Metall, — überall griff er unmittelbar ein 
und — bei der rührendsten Einfachheit und 
Bescheidenheit — mit so überwiegender 
Thatkraft, dass selbst die künstlerischen 
Kräfte eines Veit Stoss und Peter Vischer 
davon nicht unberührt bleiben konnten. 
Kein Künstler war so deutsch wie Dürer, 
kein Kunstwerk spricht das Wesen deutscher 
Kunst im Gegensatz zu anderen Kunstweisen 
so entschieden aus, wie die seinigen, und 
bei keinem Meister wird es uns so klar 
wie bei ihn», dass weniger die sinnliche 



101 



14. Route: "Nürnberg. 



102 



Erscheinung als vielmehr die sittliche Würde ' 
das Wesentliche der deutscheu Kunst ist." 
(v. Reltberg). — Er t »^ Jahre alt am 
6. April 1528. — Sein Monument S. 118. 
Seine bedeutendsten Bilder in Nürnberg 
sind : in der Moritzkapelle (S. 118) Nr. 64 
Grablegung Christi; — im städtischen Mu- 
seum Nr. 85 und 86 die grossartigen Bild- 
nisse von Kaiser Karl d. Gr. und Kaiser 
Sigmund (S. 122) ; im Rathhause (S. 122) im 
grossen Saal der Triumphwagen des Kaiser 
Max ; — das Holzschuhersche Porträt im 
Privatbesitz. 

Adam Kr äfft, geb. 1430 (in Ulm ?), 
Nürnbergs Hauptbildner in Stein, Freund 
Peter Vischers, gestorben im Spital in 
Schwabach 1507, schuf höchst charak- 
teristische und malerische Werke (nur neu- 
testamenthchen Inhalts), die stets peinlich 
sorgfältig ausgeführt sind und mitunter an 
Schärfe und Härte leiden. Seine Haupt- 
werke in Nürnberg sind an der Sebaldus- 
kirche über der Schauthür (S. 115) das 
jüngste Gericht, und gegenüber vom Rath- 
hause die sogen. Schreyersche Grablegung 
(S. 115); — in der Lorenzkirche das Weih- 
brodgehäuse (S. 106); — in der Frauen- 
kirche das Pergen storfersche HochbiJd 
(S. 110); — an der Seilergasse vom Tliier- 
gartnerthor bis zum Johanniskirchhof die 
sieben Stationsbilder (älteste bekannte Ar- 
beit dieses Meisters) (S. 1.30) ; — auf dem 
Kirchhofe selbst die Holzschuhersche Be- 
gräbnissUapelle (S. 133). Ueber der Thür 
der Stadtwaage ein Relief von 1497 und in 
der Handelsgewerbschule ein vortreffliches 
Holzschnitzwerk, einen Richter mit den 
beiden Parteien darstellend. 

Veit Stoss, geb. 1447 in Polen, wo 
viele seiner Hauptwerke in dortigen Kirchen 
sich befinden, siedelte um 1495 nach Nürnberg 
über , wo er sich verheirathete und 95 Jahre 
alt 1542 starb. Er war Bildhauer u. Kupfer- 
stecher; sein bedeutendstes Werk ist der 
sogen. „Englische Gruss" in der Lorenz- 
kirche (S. 106). 

Peter Vi seh er, geb. in Nürnberg 
1455, eines Rothgiessers Sohn, gilt als der 
grösste deutsche Meister des Mittelalters in 
der Erzgiesskunst. Die schlichte Figur 
dieses einfachen bescheidenen Künstlers im 
Lederschurzfell möchte kaum einem Deut- 
schen, der sich in der Kunstgeschichte sei- 
nes Vaterlandes nur ganz flüchtig umgesehen 
hat, unbekannt sein. Mau nimmt an , dass 
die schönen Figuren seiner Bildwerke ent- 
weder von Veit Stoss oder von seinem Zweit- 
ältesten Sohne Hermann modellirt wurden, 
während er selbst die Anordnung des Gan- 
zen, die Ornamente, den Guss und das 
Ciseliren besorgte. Bis an sein Lebensende 
1529 arbeitete er gemeinschaftlich mit seineu 
5 Söhnen. Ausser dem Sebaldusgrabe (S. 115) 
sind noch Hatiptvverke von ihm das Denk- 
mal für Kurfürst Friedrich den Weisen, 
die Tuchersche Gedenktafel in der Ulrichs- 
kirche in Regensburg (S. 166); das Grab- 
denkmal für Albert von Brandenburg, Kur- 
fürst von Mainz in der Stiftskirche zu 



Aschaffenburg (R. 21). andere Grabplatten 
in Lübeck, Schwerin, Halberstadt, Erfurt etc. 
Auch mehrere der Statuen am Maximilans- 
Grabmonumente zu Innsbruck werden 
seiner Werkstätte zugeschrieben. 

Wenzel Jam n i tzer, 1508inWiengeb., 
einer der berühmtesten Silberarbeifer, wurde 
1534 Meister in Nürnberg und f 1585. Das 
bedeutendste Werk von ihm ist der be- 
rühmte Tafelaufsatz in der Merkeischen 
Privat-Sammlung in Nürnberg. Er ruht auf 
dem Johanniskirchhofe unter einer selbst- 
verfertigten Grabplatte. 

Veit Hirschvoge], geb. 1461, starb 
1525, einer der besten Glasmaler seiner Zeit. 
Man betra chte das Maximiliansfenster (S. 117) 
in der Sebalduskirche. 

Martin Behaim, um 1459 zu Nürn- 
berg geb., berühmter Kosmograph, Schüler 
des Regiomontanus, verkehrte in Lissabon 
mit Kolumbus, machte im Auftrage König- 
Johann II. von Portugal eine Entdeckungs- 
reise nach den Westküsten Afrika's, ent- 
deckte 1485 Brasilien und die Strasse von 
Patagonien , die billigerweise nach ihm und 
nicht nach dem 34 Jahre später dahin- 
gekommenen Magelhaen genannt werden 
sollte, verfertigte den ersten (?) Erdglobus, 
eiu Meisterwerk damaliger Zeit, und f 1507 
in Lissabon. 

WilibaldPirkheimer, 1470 bis 1530, 
gleich ausgezeichnet als Staats- wie Ge- 
schäftsmann, Vaterlandsfreund, gründlicher 
Gelehrter (übersetzte griechische und rö- 
mische Klassiker), ein aufgeklärter und ge- 
wandter Denker und Redner, Dürers innig- 
ster Jugendfreund und kräftiger Förderer 
bis ans Ende. 

Hans Sachs, der berühmte Meister- 
sänger, am 5. Nov. 1494 geb., Sohn eines 
Schneiders, ergriff, nachdem er die Latein- 
schule besucht, das Schusterhandwerk, ging 
auf die Wanderschaft und trat zu Wels in 
Oesteireich als Waidmann in das Gefolge 
Kaiser Max I. Hier fasste er den Entschluss, 
sich nur dem Meistergesänge zu widmen. 
1515 nach Nürnberg zurückgekehrt, ver- 
ehelichte er sich 1519 mitKunigunde Gren- 
zer aus Wendelstein. Während seines Lebens 
dichtete er über 6000 Stücke verschieden- 
sten Inhaltes. Er starb, fast 82 Jahre alt, 
am 20. Jan. 1576. Sein Grab auf dem 
Johannis -Friedhofe ist noch wohl erhalten. 

Wie kaum irgendwo fand die Refor- 
mation in Nürnberg rasche und freudige 
Aufnahme; der bedeutende Handels- 
verkehr und die umfassende Pflege der 
Buchdruckerkunst (namentlich Anton 
Koberger , der die erste deutsehe Bibel 
druckte) hatten bereits früher freiere 
Anschauungen vermittelt, so dass der 
Boden für Verbesserungen im Gebiete 
des Kirchenlebens schon für die Saat 
gelockert war. als Luther auftrat. 



103 



14. Route: Nürnberg. 



104 



Mit dieser grossartigen geistigen 
und materiellen Entwickelung geht Hand 
in Hand die staatliche. Durch Ausfüh- 
rung der Reichsacht gegen den Pfalz- 
grafen Ruprecht gewann Nürnberg, das 
einen Theil der Pfalz eroberte und dies 
Land dann zur Entschädigung für die 
Kriegskosten innebehielt, bedeutend an 
Ländergebiet, so dass es zu Anfang des 
16. Jahrh. über eine politische Herr- 
schaft verfügte, wie damals keine andere 
Reichsstadt. — Mit dem .30jährigen 
Kriege beginnt der Glücksstern zu er- 
bleichen; zwar blieb die Stadt durch 
Grustav Adolfs von Schweden Schutz, 
der sie mit weitausgreifenden, wohl- 
berechneten Befestigungen umgeben 
hatte, sowohl gegen Wallensteins als 
Tilly's Angriffe gesichert; aber die er- 
schlaffenden, Handel und Gewerbe dar- 
niederlegenden Polgen dieses entsetz- 
lichen Krieges , pestartige Krankheiten 
und Verfall des Reiches unterwühlten 
auch Nürnbergs einstige Grösse. 

Interessant und bezeichnend ist aus jener 
Zeit die Gründung einer humanistischen 
Gesellschaft, angeblich zur Reinigung und 
Fortbildung der deutschen Sprache, des 
sogen. ,, Blumenordens der Hirten an der 
Pegnitz", die sich bis heute erhalten hat, 
jeden Winter noch öffentliche Vorträge ver- 
anstaltet und jedenfalls einer der ältesten 
Vereine Deutschlands ist. 

Das Absterben veralteter, unhaltbar 
gewordener Verhältnisse und dieUeber- 
gänge durch die verschiedenen Phasen 
in den modernen Staat, machte Nürn- 
berg gleichmässig mit ganz Deutschland 
durch. 1806 verlor durch die Rhein- 
bunds - Akte die einstige Reichsstadt 
den letzten Rest ihrer durch den Frieden 
von Lüneville (1801) noch geretteten 
Selbstständigkeit, kam unter Bayerns 
vorsorgliche Regierung und erblühte 
unter diesem Schutze zu einer Höhe 
gewerblicher Thätigkeit, welche mate- 
riell jene des Mittelalters weit überragt. 

Nürnberg, 934 bis 1081 F. üb. M. 
gelegen, ist mit 77,895 Einw. (davon 
13,900 Katholiken und 1254 Juden) 
die zwcitgrösste Stadt Bayerns, ihrer 
industriellen und Verkehrs -Bedeutung 
nach aber unbestritten die erste Handels- 
stadt Süddeutschlands und wird , eben 



ihrer regsamen, blühenden und kräftigen 
Gewerbethätigkeit , sowie ihres freien 
Geistes und tüchtigen Strebens wegen, 
das sich immer auf der Höhe der 
Situation erhält, sogar auf Kosten 
Münchens die ,, moralische Hauptstadt 
Bayerns" genannt. Sie liegt ganz flach 
in einer ursprünglich unfruchtbaren, 
sandigen Ebene, die indessen durch un- 
verdrossenen Fleiss zu ergiebigem 
Boden (Getreide-, Gemüse- und Obst- 
bau, Tabak, Hopfen) umgewandelt 
wurde, auf beiden Seiten der Pegnitz, 
welche die Stadt in zwei ziemlich gleich 
grosse Hälften theilt, von denen die 
südl. (nach dem Bahnhofe zu) die 
LorenzerSei te (nach der in derselben 
belegenen Lorenzkirche) , die nördliche 
die Sebalder Seite (wegen der Se- 
balduskirche) genannt wird. 

Zur Unterscheidung dieser beidengrossen 
Stadtquartiere ist auch vor den Hausr 
nummern je ein L. oder S. angebracht. 

Ringsum schliessen tiefe trockene 
Gräben und alte hohe Stadtmauern mit 
kolossalen, speziell für Nürnberg charak- 
teristischen Thor - Rundthürmen (1555 
bis 1568 von G. Unger, angeblich nach 
Plänen Albrecht Dürers erbaut) die 
Stadt ein und bilden einen Theil jener 
Elemente, aus denen die mittelalterliche 
Physiognomie sich entwickelt. Der 
Häuserkern , Strassen und Märkte, 
Plätze und Brücken haben in so aus- 
gesprochenem Masse ihren früheren, 
freireichsstädtischen Habitus bewahrt 
und bei Neubauten bestrebt man sich, 
diesen traditionellen Formen möglichst 
so zu entsprechen , dass Nürnberg par 
excellence mit Recht die mittelalterlich 
schönste Stadt Deutschlands genannt 
werden darf. 



Kirchen. 

Unter allen steht obenan die St, Lo- 
renzkirche (PI. C, 3) am gleich- 
namigen Platz und der Königsstrasse. 

Der Küster wohnt im Pfarrgässchen 
Nr. 49; gewöhnlich ist aber während des 
ganzen Sommers Jemand in der Kirche; 
wenn man klopft, wird geöffnet. Trink- 
geld 12 kr. 



105 



/4. Route: Nürnberg (Lorenzkirche). 



106 



Dieser stolze Bau, dessen Langschifif 
und Thurmfa^ade aus dem Ende des 
13. Jahrh. , — dessen hoher Chor da- 
gegen aus der zweiten Hälfte des 
15. Jahi-h. stammt, ist ein höchst 
sehenswerthes Beispiel der späteren, 
reich ausgebildeten gothischen Archi- 
tektur. Das im hochsteilen Spitzbogen 
durchgeführte Hauptportal befindet 
sich zwischen den beiden Thürmen und 
ist nach Art der französischen Kathe- 
dralen mit Skulpturen im Uebermasse 
bedeckt-, als Vollendungszeit wird das 
Jahr 1332 angegeben. Darüber befindet 
sich ein mächtiges Rosenfeuster , eben- 
falls nach französischen Motiven, aber 
ohne die strahlende Kraft der Sti'ass- 
burger Münster - Rose. Beide Thürme 
wurden neuester Zeit gründlich restau- 
rirt. üeber der Rose ein mit zierlichen 
Fensterreihen, Fialen und einem in der 
Mitte vortretenden Thürmchen ge- 
schmückter Giebelbau , etwa dem 
Schlüsse des 14. Jahrh. angehörend. 
Dieser Mittelbau wird von 2 schlanken, 
242 F. hohen TJiürmen flankirt, von 
denen der nördl. , ältere (1288 erbaute) 
am 6. Jan. 1865, Mittags durch einen 
Blitzeinschlagentzündet,bis zum Mauer- 
werk niederbrannte. Ein Jahr später 
war derThurmhelm schon wieder durch 
einen neuen aus der v. Gramer -Klett- 
schen Maschinenwerkstätte gelieferten 
ersetzt. — Am Aeusseren ist noch zu 
erwähnen: an der nördl. Seite die sogen. 
Brautthiir von 1520; daneben ein sehr 
altes Skulpturwerk, den Oelberg dar- 
stellend, und die von Stabms 1502 kon- 
struirte Sonnenuhr. 

Im Innern imponiren die einheit- 
lichen grossen Verhältnisse, deren freier 
Anblick nicht wie in der Sebaldskirche 
(S. 113) verkümmern wii'd. 

Die Pfeiler sind ungemein schlank; sie 
erbeben sich, bei verliältnissmässig sehr 
geringem Durchmesser, bis zu mehr ;ils 60 F. 
Höhe und erhalten ausserdem dadurch ein 
noch leichteres Ansehen, d<ass sie keine 
Kapitale liahen , sondern die Rippen des 
ungemein künstlich und schwierig kom- 
ponirten Oowölbes unnnttelbar aus der 
Prnfilpiiederung des Pfeilers selbst sich ent- 
wickeln (Guld.) 



Das künstlerisch gebildete Auge 
erfreut sich an den ausgezeichnet 
schönen Gallerien, die längs des Chores 
in grossem Bogen ziehen. Der beste 
Standpunkt ist unter der Orgel im Blick 
gegen den Altar zu und wiederum die 
Perspektive von diesem gegen die Orgel, 
wo namentlich die Glasgemälde der 
Rose eine vortrefiliche Wirkung hervor- 
bringen. — Das Hauptkunstwerk der 
Kirche ist das *Sahraments- Häuschen 
(Weihbrodgehäuse) von Adam Kr äfft 
(S. 101) 1496 bis 1506 gearbeitet, neben 
dem Altar. 

Es ist eine der vorzüglichsten Proben 
der bis zu einer fast nie wieder erreichten 
Meisterschaft gediehenen Technik der Stein- 
metzkunst. Dieser zierliche gothische Taber- 
nakelbau, an einer der Säuleu des Chores 
bis zu einer Höhe von 64 F. emporgeführt, 
ist mit einer solchen Feinheit in der künst- 
lich durchbrochenen Säulen - und Bogen- 
Architektur gearbeitet, dass man in der 
That lange gezweifelt, ob das Werk wirk- 
lich aus Stein bestände, ja dem Künstler 
die Erfindung zugeschrieben bat, den Stein 
in Formen zu giessen. Die 3 knienden 
Träger - Figuren am Boden stellen (die 
mittelste) den Meister selbst und zwei seiner 
Gebülfen iu Porträt-Aehnlichkeit dar. 

Unweit davon zwischen Schiff und 
Chor,in der Höhe hängend, der Englische 
Gruss (S. 101), eine der vortrefflichsten 
Holz- Skulpturen von Veit Stoss , 1518 
von Anton Tucher gestiftet, eine Ver- 
kündigung Maria darstellend (über 
leben sgross) , welche rahmenartig ein 
ebenfalls frei herausgeschnitzter Rosen- 
kranz umspannt, in den einzelnen Rund- 
bildern die sieben Freuden Maria reprä- 
sentirend; darüber Gott Vater zwischen 
zwei Engeln. 300 Jahre nach Stiftung 
dieses Kunstwerkes stürzte dasselbe 
herunter und lag lange unbeachtet und 
zertrümmert, bis es 1826 durch die Ge- 
brüder Rotermund (S. 123) gut restau- 
rii*t wurde. — Bemerkenswerth ist 
ferner im Schiff auf der Imhofschen 
Empore das * Imhof sehe Altane erk , eine 
Krönung Mariens durch Christus , auf 
Goldgrund, zwischen 1418 und 1422 
gemalt. 

Zu diesem Altarwerke gehört ferner 
(auf der Burg, befindlich) als ehemalige 
Rückseite ein „Leichnam Christi" im Orabe 
aufgerichtet und von Marien und Johannes 
gehalten. 




Fortal der Franenkirche in Nürsberg. 



109 



14. Route: Nürnberg (Frauenkirche). 



110 



Der Hauptaltar ist neu , er wurde 
1840 von Rotermund aufgestellt. Die 
sechs Engel (Lichtträger) stammen aus 
der Erzgiesserei \on Burgschmiet . Ueber 
dem Altar ein Christus von Veit Stoss. 
— Hinter dem Hauptaltar der Krellsche 
Altar f eine Jmgfrau mit dem Kinde, 
1483 von IIa%s Wolgemut gemalt. — 
Unter den Glasmalereien ist beson- 
ders das Volhamersche Fenster mit 
Christi Stammbaum, welcher aus dem 
liegenden Erzvater Jesse hervorwächst 
(1493 gemal,) und das Tuchersche 
Fenster, voi dem Schweizer Jakob 
Springlin genalt, hervorzuheben. Das 
Fenster mit den vier Aposteln nach 
Dürer ist nei , von Kellner gemalt. — 
Schliesslich sind noch schöne Holz- 
schnitzereier und Gemälde von Hans 
V. Kulmbacl an den kleineren Seiten- 
altären zu biachten. 

Die Könysstrasse hinab und über die 
Königsbi'üch (r. das Heilig g eist- Spital^ 
unter dessenDurchlassbogen die Pegnitz 
fiiesst) nachdem Hauptmarkt, auf dem 
die Frainnkirche (PI. C, 2) steht. 
Sie wurde 355 bis 1361 von den Ge- 
brüdern G^.und Fr. Rupprecht auf der 
Stelle einei niedergerissenen Synagoge 
in gothischmStyl erbaut, und Karl IV. 
bestimmte ie zur Kaiserkapelle. 

Sie ist fir.den katholischen Gottesdienst 
bestimmt, jeen Tag früh von 7 bis 10 Uhr 
geöffnet, SoiQt. bis Nachm. 3 Uhr. 

Aus deiMitte der Schauseite springt 
eine reich verzierte *Vorhalle heraus, 
während da übrigen Seiten des Baues 
ziemlich shmucklos blieben und die 
Kapellen -iestimmung dadurch noch 
mehr ausgsprochen wird, dass eine 
eigentliche Thurmanlage fehlt. Die 
Frontseiteies Giebelbaues, ein Meister- 
werk sinnrichster Formenentwickelung, 
wird nach Art der Wohnhäuser von 
Zinnenwer gekrönt und von Fenster- 
blenden gdillt, welche in Stockwerke 
wagrecht agetheilt sind. Diese ganze 
Seite schmckte Sebald Schonhovcr mit 
herrlichen Bildwerken, unter denen 
namentlicl Maria als Himmelskönigin 
am Mittelpiler der Hauptpforte thro- 
nend, die Sindbilder der Kirchenstifter, 



sowie die beiden Ortsheiligen Lorenz 
und Sebaldus hervorzuheben sind. Eine 
Menge anderer biblischer Gestalten, die 
sich auf den Marienkultus beziehen, 
füllen die schönen Spitzbogen. 

Oben ein dem Adam Krafft zugeschrie- 
benes Chörlein, in welchem ein berühmtes, 
künstliches Uhrwerk, das sogen. „Männ- 
lein -Laufen" vom Schlosser und Mecha- 
niker Geo. Beuss, mit 21/2 F. hohen Figuren 
vom Kupferschmied Seb. Lindenast (1509 ver- 
fertigt) sich befindet, eine ächt-mitteJalter- 
liche, volksthümliche Spielerei, die indessen 
schon lange still steht. 

Im Inneren, das architektonisch 
dürftig gegen den Glanz der Aussenseite 
erscheint, zieht der Tuchersche Hoch- 
altar^ ein Hauptwerk der nürnberger 
Malerschule aus dem Ende des 14. Jahrh. 
(Verkündigung, Kreuzigung und Aufer- 
stehung auf gemustertem Goldgrund) 
zuerst die Blicke auf sich. — L. , oben 
an der nördl. Seitenwand eine bemalte 
Maria mit dem Kinde, kolossale Holz- 
skulptur von Veit Stoss, einUeberbleibsel 
des ehemaligen Welserschen Hochaltars 
dieser Kirche. — Im Frauenschiff das 
sogen. Pergenstorf er sehe Hochbild , eine 
von Engeln gekrönte Maria von Adam 
Krafft, 6 bis 7 F. hoch (von 1499), das 
Ganze mit einem reich durchbrochenen 
Spitzgiebel überdeckt. Ausserdem noch 
mehre dem Michael Wolgemut und 
H. V. Kulmhach zugeschriebene Bilder. 

Hinter der Frauenkirche kann man (der 
Nähe halber) gleich das bekannte Günse- 
niännchen, eine bronzene Brunnenfigur 
von Pankraz Labemvolf (1492 bis 1563) an- 
sehen; und nicht weit davon bezeichnet 
eine Tafel das Haus (jedoch nicht mehr das 
alte Origitialhaus), in welchem der Schuster 
und Meistersänger Hans Sachs (vergl. S. 102) 
wohnte. 

Den Marktplatz verunzieren nach 
drei Seiten lange, bodenfest gemachte 
Budenreihen, eins der minder schönen, 
gegenüber anderen Städten einen klein- 
lichen Eindruck hervorbringenden 
Ueberkommnisse aus den Zeiten des 
alten Nürnberg. Hinter diesen Krämer- 
barrikaden gegenüber der Frauenkirche 
steht der, auszeichnungsweise vor allen 
anderen Wasserspendern Deutschlands 
mit Recht so genannte *SchÖlW 
Brunnen f gleichzeitig (1355 bis 
1361) von dem Architekten und dem 



113 



14. Route: Nürnberg (Sebalduskirche). 



114 



Bildhauer (Schonhover) der Frauen- 
kirche en-ichtet, eine 60 F. hohe, in 
gothi scher Thurmform reich verzierte 
Spitzsäule auf achtkantiger Grundfläche, 
mit durchbrochener, wunderbar lieb- 
licher Arbeit , die einst, als ihre hprr- 
lichen Standbilder bemalt und vergoldet 
waren, einen strahlend - stolzen Eindruck 
gemacht haben muss. In allen Chro- 
niken wird er und sein Wasser gerühmt. 

Die unterste und reichste Stufe des in 
drei Aufsätzen sich emporgipfelndon Werkes 
schmücken paarweise , unter zierlichen 
Schirmdächern an den 8 Pfeilern aufge- 
richtet, 16, je 4 F. hohe Standbilder der 
sieben Kurfürsten und neun verschiedener 
Helden der heidnischen (Cäsar, Alexander, 
Hektor), jüdischen (Judas Makkabäus, Josua 
und David) und christlichen (Gottfr. v. Bouil- 
lon , Klodwig und Karl d. Gr.) Vorzeit. 
Darüber im zweiten Aufsatz unter Spitz- 
bogenwölbungen die Figuren von Moses und 
den siel>en Propheten, mit einem enormen 
Reichthum der manuigfaltigsten Zierwerke 
zwischen den Vialen und Gliederungen. 
„Diese Figuren können als die schönsten 
' Muster mitteldeutschen Bildnerstyles in 
Nürnberg gelten; überall dieselbe beschei- 
dene Mässigung in Bezug auf das vor- 
stehende Bauliche, und doch innerhalb 
dieser Grenzen eine reiche Fülle acht poeti- 
scher Gestaltung und eine wahrhaft künst- 
lerische Anordnung und Ausführung; und 
in dieser Ausführung wieder ein edler, fein- 
gebildeter Geschmack und durchgreifender, 
grossartiger Sinn für schöne Linien und 
Formbildung überhaupt und für lebendigen 
mannigfaltigsten Ausdruck im würdigsten 
Styl.« {v. Reitberg.) 

Der Brunnen musste verschiedene 
Male (1587, 1820), zuletzt von Reindel 
und Burgschmiet restaurirt werden. 
An dem das Ganze umgebenden hohen 
eisernen Gitter befindet sich ein einge- 
schmiedeter Ring, der sich drehen lässt, 
weiland eins der Handwerksburschen- 
Wahrzeichen von Nürnberg. 

Beim Brunnen um die Ecke, nach 
dem Rathhausplatz, auf dem die *Se- 
halduskirche (PI. C, 2) steht. 
Sie ist ein charakteristisches Beispiel 
für die anschauliche Selbstbelehrung 
über die Fortbildung der Baustyle vom 
12. bis ins 15. Jahrh. 

Einlass. Man klopfe an der Seitenthür, 
nahe der Hauptwache ; während des Som- 
mers ist immer Jemand von der Familie 
des Küsters in der Kirche anwesend. Trink- 
geld 12 kr. 

Die Sebalduskirche ist, wie sie heute 



dasteht, das Resultat einer fast SOOjäh- 
rigen Bauthätigkeit. Der älteste Theil 
aus der Uebergangsperiode des roma- 
nischen Styles ist die sogen. L'öffel- 
holzsclie Kapelle zwischen den beiden 
Thürmen, und von letzteren die unteren 
Stockwerke sammt den beiden Portalen; 
diese zeigen noch den unberührten 
Rundbogen, während die ursprünglichen 
kleinen , romanischen Fenster der Kapelle 
durchbrochen und zu Spitzbogenfenstern 
umgestaltet wurden. Der übrige Auf- 
bau derThürme, die beiden Seitenschiffe 
und der Chor gehören der gothischen 
Zeit an. 

Auch hier kehrt im Grundriss die mehr- 
fach vorkommende, bis jetzt noch nie ge- 
nügend aufgeklärte Erscheinung wieder, 
dass der später angebaute Chor nicht mit 
dem älteren Mittelschiff in einer Achse 
liegt, sondern in auffallender Weise gegen 
Norden abweicht. Man hat versucht, dieser 
architektonischen Unregelmässigkeit eine 
symbolische Bedeutung (dass Christus am 
Kreuze das Haupt zur Rechten geneigt 
habe) beilegen zu wollen, die jedoch wenig 
Beifall fand. 

An denAussenseiten der Kirche sind 
zunächst einer aufmerksamex-en Besich- 
tigung werth: Zwischen den beiden 
Thürmen vor dem Mittelfenster derLöf- 
felholzschen Kapelle ein herkulischer 
Cliristus crucifixiLS, Metallguss von 1482, 
nach einer Sage ursprüuglich von Silber. 

Um im 30jährigen Kriege die Auf- 
merksamkeit der plündernden Soldateska 
von diesem Kunstwerke abzulenken, befahl 
ein wohlweiser Rath das Krucifix schwarz 
anzustreichen, so dass es nichts gleich sah. 
Der Volks Witz taufte daher die Nürnberger 
mit dem Spottnamen ,,Uerrgottsschwärzer" . 

An der nördl. Langseite die An' 
schreihthür (an welcher man die Namen 
der in jeder verflossenen Woche Ge- 
storbenen der Gemeinde anzuzeigen 
pflegte) mit Figuren reichverziertem 
Bogenfelde : Tod Maria und deren Be- 
erdigung; darüber Maria Krönung. — 
Weiter nach dem Chore zu die , eine 
weit hervortretende Halle bildende, 
mit künstlich durchbrochener gothi- 
scher Steinmetzarbeit geschmückte 
Brautthür , in den Nischen die klugen 
und die thörichten Jungfrauen. 

Da die Brautpaare nach katliolischem 
Ritus vor der Kirche eingesegnet zu wordon 
pflegten, so wölbte mau diesen Eingang 



115 



14. Route: :Nürnberg (Sebalduskirche). 



116 



tief, um die heilige Handlung vor allfälli- 
geu Unbilden missgünstiger Witterung zu 
scViützen. 

An der Aussenmauer des Chores 
(dem Eathhause gegenüber) die sogen. 
* Sehr ey er sehe Grablegung ^ eine der be- 
wundernswürdigsten Arbeiten des Adam 
Kr äfft von 1492, hinter eisernem Gitter 
unter kupferner Bedachung 5 der ganze 
zusammengehörende Cyklus , Kreuz- 
tragung, Kreuzigung, Grablegung und 
Auferstehung, ist 27 F. lang, 8V2 F. 
hoch. — An der Südseite des Lang- 
hauses die sogen. Schauthür mit einem 
darüber angebrachten , ungemein sorg- 
fältig und subtil gearbeiteten Relief von 
Adam Krafft, das * jüngste Gericht dar- 
stellend. 

Im Inneren birgt die Löffel- 
holzsche Kapelle ein ehernes, 
kelchartiges TaufbecTien , unzweifelhaft 
eins der ältesten nürnberger Guss- 
werke, 

Chronik-Nachrichten zufolge wurde 
Kaiser Wenzel 1361 über demselben getauft, 
und soll bei dieser Gelegenheit hinein „ge- 
pfercht" haben. 

Sodann die Tuchersche Kreuztra- 
gung , ein Altargemälde von H. Wol- 
gemut, und schönes Chorgestühl. — 
Unter dieser Kapelle die PetersJcapelle 
(eine romanische Krypta) mit dem 
Grabsteine Konrads von Neumarkt, f 
1296. — Oben im Seitenschiff r. eine 
Menge von Gedächtnisstafeln alter 
Nürnberger Geschlechter. In der Mitte 
der Kirche , gegenüber den beiden Sa- 
kristeien, steht, ,, das höchste Heiligthum 
der deutschen Kunst", wie Kugler es 
nennt, das **St. Sebaldus - Grab 
von Peter Vischer und seinen Söhnen 
1506 bis 1519 gefertigt. Unter einem, 
von vier doppelten und ebensoviel ein- 
fachen Pfeilern getragenen, verschwen- 
derisch-reich verzierten, gothischen Ge- 
wölbe-Baldachin (das Ganze, ciselirter 
Erzguss von 15 F. Höhe, 8Y2 F. Länge 
und 4% F. Breite, im Gewicht von 120 
Ctnr.) , ruht auf einem länglich - vier- 
seitigen Postamente der mit Gold - und 
Silberblech überzogene, schon 1397 ge- 
fertigte Eichenholz-Sarkophag, welcher 
die Gebeine des heil. Sebald umschliesst. 



Dieser Untersatz ist ringsum mitScenen 
(in halb erhabener Arbeit) aus dem Leben 
des Heiligen geschmückt. 

St. Sebaldus war ein Königssohn aus 
Dänemark, der (zu Kaiser Konstantins 
Zeiten) , — durch welchen Umstand bevor- 
zugt, weiss man nicht, — die Gabe besass, 
Wunder zu verrichten. Er füllte z. B. blos 
durch ein Wort leere Krüge mit Wein, ver- 
hinderte durch ein Gebet, dass ein Lästerer 
des Christenthumes von der vor ihm sich 
öffnenden Erde verschlungen wurde, — 
heizte im Winter mit Eiszapfen und machte 
einen geblendeten Mann lediglich durch 
die Berührung mit der Hand wieder sehend. 
Auf seinen Wunderreiseu war er auch in 
die damals noch nicht existirende Stadt 
Nürnberg gekommen, und beschloss in dem 
benachbarten Reichswalde seine irdische 
Laufbahn. Da kamen Ochsen, spannten 
sich selbst vor einen Wagen und fuhren 
den Leichnam des heil. Mannes in die Pe- 
terskapelle. Nachdem seine Gebeine mehr 
als ein Jahrtausend unbeachtet geruht hat- 
ten, legte man sie in den noch jetzt vor- 
handenen Silbersarg, sprach deren ehema- 
ligen Inhaber heilig und baute darüber die 
Sebalduskirche. 

Vor den tragenden Pfeilern auf eige- 
nen Säulchen stehen die 12 Apostel, 
Rundfiguren von ganz besonderer Schön- 
heit, die zum Bedeutendsten ge- 
hören, was deutsche Bildner- und 
Giesserkunst überhaupt geleistet haben. 
Ueber den Pfeilern sind die 12 kleinen 
Propheten angebracht. Man nimmt in- 
dessen neuerer Zeit vielfach an, dass 
die Modelle dazu nicht von Peter 
Vischer, sondern von einem unter 
italienischem Einflüsse ausgebildeten, 
unbekannten Künstler geliefert wurden. 

Unbedenklich darf das Ganze für eines 
der schönsten Werke altdeutscher Erzgiesse- 
rei , ja vielmehr für eine der vollendetsten 
Kunstschöpfungen aller Zeiten erklärt wer- 
den. Der Styl des Monuments ist nur in 
der Hauptform dem altdeutschen sich an- 
nähernd. Die Figuren sind im reinsten, 
edelsten Geiste der vorzüglichsten italieni- 
schen Bildhauer und mit einer Würde, 
Grossartigkeit und Einfachheit durchge- 
führt, dass sie den besten Werken eines 
Ghiberti etc. unbedenklich an die Seite ge- 
stellt werden können. Es ist der Typus 
einer ganzen, in ihrer Uebergangsstellung 
doppelt merkwürdigen historischen Epoche, 
die dem Beschauer hier entgegentritt All 
das träumende, verlockende, dämonische 
Phantasieleben des Mittelalters bricht hier 
auf, aber verschwistert mit den heitern 
Klängen, mit den sinnlich - sinuigen Sym- 
bolen, welche die wiederaufwachende Welt 
des klassischen Alterthums an die Hand 



117 14. Route: Nürnberg (Profan - Gebäude und Sammlungen). 



18 



gab. Es ist viel Seltsames und Launen- 
haftes in diesen Gebilden, und dennoch im 
Einzelnen, in den Kandelaber-Kompositionen 
und in ihrerGliederung, in den dekorativen 
Füllungen etc. zugleich ein künstlerischer 
Reiz, dessen Berechtigung wir nicht ver- 
leugnen, dessen graziöser Wirkung wir uns 
nicht entziehen können. F. Kiigler. 

An der einen Schmalseite des Mo- 
numentes hat der schlichte Erzgiesser 
seine eigene Statue, an der anderen die 
des Heiligen selbst angebracht. 

An der Kanzelsäule (Kanzel neu, 
nach Heideloffs Zeichnungen von Roter- 
mund in Eichenholz geschnitzt) ein 
Dürer-Bild (Grablegung) — am Heller- 
schen Altar ein L. Cranachscher Chri- 
stus crucifixus. — In der Rundung des 
Chores verschiedene * Reliefarbeiten 
von Kraflft (Abendmahl, Oelberg und 
Judaskuss). — Der Hochaltar ist zum 
Theil neu von Rotermund geschnitzt, 
— alt sind daran nur die drei oberen 
Figuren von Veit Stoss. — Mehre 
gute alte von Hirschvogel gemalte Fen- 
ster, namentlich das Maximilians- und 
Markgrafen - Fenster. 



Profan -Gebäude und Sammlungen. 

Gegenüber vom nördl. Thurme der 
Sebalder Pfcirrhof, aus dem 

Anfange des 14. Jahrb., beachtenswerth 
durch das daran gebaute, auf einer acht- 
eckigen Säule ruhende, gothisch- reich- 
verzierte Chörlein (ein Erker) (vergl. 
Abbildung auf umstehender Seite) mit 
Reliefbildern. 

In diesem Hause schrieb Melchior Pfin- 
zing (welcher von 1513 bis 1522 als Propst 
von St. Sebald hier wohnte) das historisch- 
allegorische Gedicht: „Der Teurdank", 
in welchem die Abenteuer beschrieben wer- 
deu, welche Kaiser Maximilian I. (der den 
Plan zu dem Gedichte selbst entworfen 
haben soll) zu bestehen hatte, ehe er zum 
Besitz der schöuen und reichen Prinzessin 
Maria von Burgund gelangen konnte. Die 
•^Holzschnitte zu diesem schwülstigen Ge- 
dicht lieferte H. Schäuflölein. 

Gegenüber der nördl. Langseite der 
Sebalduskirche steht die Moritz- 
kcipelle (seit der Reformation zu 
profanen Zwecken verwendet) , in wel- 



j eher ein Theil der in Nürnberg befind- 
lichen königlichen Bildergalleri e 

j auf König Ludwig I. Befehl aufgestellt 
wurde. Ihre 140 Bilder gehören aus- 
schliesslich der nieder- und oberdeut- 
schen Schule an und ihr Besuch ist 
deshalb nur Personen zu empfehlen, 
welche Interesse und Verständniss für 
Gemälde des 15. und 16. Jahrh. haben. 

Geöffnet: Mittw. und Sonnt, von 11 bis 
12 Uhr gratis, 

Kaialog: 36 kr. 

Besonders beachtenswerth sind Nr. la 
undlb, Niederrheinische Schule, Heil. Katha- 
rina und heil. Elisabeth. — Nr. 2, von einem 
Schüler des Meisler Wilhelm, üer heW- Gereon. 

— Nr. 3 Derselbe, Der heil. Mauritius mit 
seinen Gesellen. — Nr. 8 dem Meister Wil- 
helm selbst zugeschrieben, Jungfrau mit 
dem Jesuskinde, das eine Erbsenblüthe 
hält. — Nr. 13 Schule van Eychs, Aufer- 
stehung Christi. — Nr. 22 '■Jan van Eyck, 
Porträt des Kardinals v, Bourbon. — Nr. 23 
Hans Blemling , Auferstehung. — Nr. 45 
Michael Wolgemut, Der heil. Georg und heil. 
Sebald, ein Theil des Peringsdorferschen 
Hochaltares, zu dem auch die Nr. 53 Heil. 
Katharina und Barbara. — Nr. 74 Sta. Ro- 
salia und Margaretha und Nr. 80 Johannes 
der Täufer und St. Nikolaus gehören. — 
Nr. 46 B. Holbein der Aeltere, Märtyrertod 
des Apostels Thomas und Nr. 49 Derselbe, 
Märtyrertod des heil. Jakobus. — Nr. 57 
Hans V. Kuhnbach, Zacharias und Elisabeth. 

— Nr. 58 Zeitblom , H.e\l. 'Margaretha. — 
Nr. 64 * Dürer , Abnahme des Leichnams 
Christi vom Kreuz. — Nr. 65 Zeitblom, Sta. 
Ursula. — Nr. 69 L. Cranach, Porträt König* 
Christian 11. von Dänemark. — Nr. 73 Der- 
selbe, Ehebrecherin vor Christo. — Nr. 75 
a. Schai'ffelin , Heil. Jungfrau von den 
Aposteln begraben. — Nr. 76 ■Pencz, Heil. 
Hierouymus. — Nr. 77 Schäuffelin, Befreiung 
Petri aus dem Kerker. — Nr. 89 H. Holbein 
jun., Porträt.— Nr. 90 Altdorf er, Der Leich- 
nam des heil. Quirinus aus dem Wasser 
gehoben (vergl. R. 40). — Nr. 136 und 140 
Porträts von Hans Grimmer. 

Hinter der Moritzkapelle angebaut 
ist das sogen. Bratwurst-Glöcklein, eine 
kleine Küche mit enger Zechstube, in 
welcher man sehr mittelmässige Brat- 
würste mit dicker Haut bekommt, eine 
Kuriosität Nürnbergs, berühmter als sie 
es verdient. — Wenige Schritte berg- 
auf, nördl., führen zum Statlff bilde 

Albrecht Dürers, des grossen 

deutschen TVIeisters, nach einem ^Modell 
Rauchs von Burgschmiet in Nürnberg 
gegossen, 1840 aufgestellt. Die Nach- 




Chörlein des Sebalder Pfarrhofes in Nürnherg. 



121 14. Route: Nürnberg (Profan- Gebäude und Sammlnngen). 122 



weit suchte unter Beihülfe des kunst- 
sinnigen König Ludwig I. die Schmach 
zu sühnen, welche die Zeitgenossen und 
vor allen Dingen der damalige plump- 
aristokratische Rath der Stadt Nürnberg 
durch Nichtbeachtung der unschätz- 
baren Verdienste auf den grossen Mann 
gehäuft hatten. 

Aus Venedig schrieb einst Dürer nach 
Hause : „0 wy wirt mich noch der sunen 
friren; hy bin ich ein Herr, doheim ein 
Schmarotzer". — In einem Schreiben von 
1515 sagt er mit aller Ehrerbietung dennoch 
seinem Stadtrathe gehörig die Wahrheit: 
,,ewer Weisheit wissen wy gehorsam, WiJlig 
vnd geflissn ich mich bis her in allen ower 
Weisheit vnd gemeinen Stadt Sachen i'lle 
mal ertzeigt vnd vor andern filn pschouen 
(Personen) des ratz (Raths) vnd in der 
gemeine allhig, wo sij meiner hilff, kunst 
vnd arbeit bedürft, mer vm sunst dann vm 
gelt gedient hab, auch wij Ich mit Worheit 
schreiben mag di treissig Jor so ich zw 
haws gesessen bin In diser stat nit vmb 
fünfhundert Gulden arbeit (das je ein ge- 
rings vnd schimpflichs) gemacht, sunder 
alle mein armutb , dij mir weis Gott sawer 
ist wordn, vm Fürstenhern vnd ander 
frembdepsonen verdint vnd erarnt (geerntet 
habe). Also dass Ich allein dij selben mein 
gewinvng von den Frembden in diser stat 
fertzer (verzehre) etc". Im Weiteren hält 
er seinem Rathe vor, wie Kaiser Maximilian 
ihn habe „frey setzen wölln", wie die Herr- 
schaft zu Venedig ihm jährlich zweihundert 
Dukaten „Provision" (Gehalt) und der Rath 
zu Antvrerpen ihm jährlich „treyhundert 
Filibs gülden besoldung" geboten habe, 
wenn er in diese Städte übersiedeln wolle, 
wie er aber das Alles abgelehnt und lieber 
erwählt habe, in seinem „Vatterland in 
einem ziemlichen Wesen (bescheiden) zw 
leben dan an anderen ortn reich Vnd gros 
ghalten zwerden". Und diese Goldnatur, 
diesen Begründer der deutschen Kunst, 
Hess der „Edle Rath" von Nürnberg ver- 
kümmern. 

Wenige Schritte abwärts von der 
Sebalder Kirche führen in die Winkler- 
sirasse zu dem Hause, welches früher 
der Buchhändler Palm bewohnte , den 
Napoleon I. seiner deutschen Gesinnung 
halber am 26. August 1806 ermorden 
Hess. Das Haus trägt eine von König 
Ludwig L verfasste Inschrift. 

Gegenüber vom Chor der Sebalder 
Kirche steht das in itiilie»iischeni Styl 
1616 bis 1619 erbaute Ttathliaus, 
ein Fremdling in der altdeutschen Stadt, 
hinter welchem sich noch ein Flügel des 
alten aus dem 14. Jahrh. stammenden 



Rathhauses erhalten hat. Es birgt viel 
sehenswerthe Gegenstände und Lokali- 
täten : den grossen Sa al, 130 F. lang, 
40 F. breit, die Höhe von zwei Stock- 
werken einnehmend, mit gemalten Fen- 
stern von Veit Hirschvogel und Wand- 
gemälden von Albrecht Dürer, den 
Triumphzug Kaiser Maximilians mit 
einer köstlichen Gruppe von Spielleuten 
auf einem Balkon und eine sinnbild- 
liche Gerichtsscene voll derben Humors 
darstellend. Andere Wandbilder sind 
von minderer Bedeutung. Der kleine 
Saal hat eine sehr verschnörkelte holz- 
getäfelte Decke. — Den Korridor des 
zweiten Stockwerkes ziert ein Plafond 
in Reliefstukko , das Gesellenstechen 
von 1446 abbildend, 1621 von Hans 
Kern gefertigt. Hier ist auch in ver- 
schiedenen Zimmern das Städtische 
Museum aufgestellt. 

Geöffnet: Gratis Sonnt, und Mittw. von 
10 bis 1 Uhr. Ausserdem Meldung im Par- 
terre beim Hausmeister. Eintritt pr. Pers. 
12 kr. 

1. Zimmer: Wechselnde Kupferstich- 
Ausstellung. 

2. Zimmer: Nr. 1 ''•'Hans Burgkmair, 
Thronende Madonna. — Nr. 2 Luc. Cranach, 
Die drei Reformations- Kurfürsten. — Nr. 3 
Ribera, Heil. Hieronymus, — Nr. 9 Pieter de 
Hooghe , Ritter und Frau. — Nr. 11 Jan 
hoth , Landschaft. — Nr. 19. Rembrandl, 
Jugendlicher Kopf. — Nr. 39. ''-'Rubens, Ver- 
mählung der heil. Katharina mit dem Jesus- 
kinde. — Nr. 24. Everdinqen , Wasserfall. — 
Nr. 25. Geo. Pencz , Porträt des österreichi- 
schen Generals Sebald Schirmer im Harnisch. 

— Nr. 31 Äoos. Schafheerde. — Nr. 31 Ku- 
petzky, Flöteubläser. — Nr. 40 Schalken, 
Nachtstück. — Nr. 45 * Wolgemvi. 

3. Zimmer: Kopien der Dürerseben 
4 Apostel (deren Originale in der alten 
Glyptothek in München sich befinden). — 
Sundrart, Das grosse Friedensmahl, welches 
1649 Pfalzgraf Karl Gustav im Saale des 
Rathhauses zu Nürnberg nach dem abge- 
schlossenen Präliminar Recess den kaiser- 
lichen und königlich schwedischeu Bevoll- 
mächtigten, sowie den Reichsstämlen gab; 
dreissig der Figuren haben Porträtähiilich- 
keit. — Nr. 61 G. Pencz, Porträt des Erasnius 
von Rotterdam. 

4. Zimmer: Einer der grössten existi- 
renden Holzschnitte von Hans Burgkmair. 

— Nr. 85 '"^ Dürer, Lebeiisgrosses Bildniss 
Karl d. Gr. im kaiserlichen Ornat und da- 
neben Nr. 86, Bildniss von Kaiser Sigis- 
mund, ebenfalls von Diirer. — Nr. 83 und 
84 Hans v. Kulmbach, Heil. Crtsnias und Da- 
inian. — Nr. 126 Altdorf er , Heil. Familie. 



123 jf4. /?0M«e: Nürnberg (Profan -Gebäude und Sammlungen). 124 



5. Zimmer: *Der Rosenkranz, grosses 
Holzschnitzwerk, von Veit Stoss , früher 
bunt bemalt.— Daneben eine *Holzschnitz- 
arbeit von Peter Flötner. — '^Krönung Maria, 
berühmte Holzskulptur von Veit Stoss. — 
*HolzschDitzwerk von Adam Krafft: der 
Recht sprechende Richter in Mitte zwischen 
einem Armen und einem Reichen , früher 
im Geschäftszimmer des zweiten Bürger- 
meisters aufgestellt. — Daneben die Perle 
dieses Zimmers: *Eine betende Maria, von 
einem unbekannten Meister. — Ausserdem 
noch Jamnitzersche silberne Becher, Meister- 
sängertafel, Glasgemälde etc. 

Am Ende des Ganges steht ein Apollo, 
die letzte Arbeit Peter Vischers, und eine 
Altareinfassung aus dem Landauer Bruder- 
hause. 

Im Hofe des Kathhauses ein bronze- 
nes Brunnenwerk von Panhraz Laben- 
wolf (von 1556), dem Bildner des 
Gänsemännchens (S. 110). 

Steigt man die Burgstrasse hinan, 
so ist zunächst r. das Prediger - Kloster , 
in welchem der Bildhauer Eotermund 
seine Ateliers und das Maximilians- 
Museum (tägl. gratis zu sehen) aufge- 
schlagen hat. In letzterem sind gute 
Gypsabgüsse fast aller plastischen Ar- 
beiten von Nürnberg aufgestellt, nament- 
lich auch im schönen Kreuzgange, 
welche käuflich zu haben sind. — Etwas 
weiter hinauf das ^ecÄscÄe und *>S'c/ieMrZ- 
sche Haus, in welchem neben verschie- 
denen älteren Gemächern, namentlich 
das Kaiser stüh chen , sehenswerth ist. 
In diesem Hause wohnte 1547 Herzog 
Alba (dem Diener ein Trinkgeld). 

In den oberen Räumen die Stadt- 
&i&Zio«/ieA:( Dienst., Donst. u. Samst. von 10 
bis 12 Uhr geöffnet) mit einer Lex salica aus 
dem 12. Jahrb., einem hebräischen Codex 
des alten Testaments von 1291, — das 
jüdische Gebetbuch , der grosse Machsor, eine 
Postille von Job. Hus, Autographa der 
Reformatoren, seltene Wiegendrucke, ein 
schwarzseidenes Käppchen Luthers, ein 
Trinkglas desselben, vortreffliche norische 
Sammlungen , Porträts alter Nürnberger etc. 

Am Ende der steil ansteigenden 
Strasse und zugleich als dominirender 
Schlusspunkt der Stadt gen Norden 
liegt breit auf Sandsteinfelsen die alte 
*Kaiserburgf höchst wahrscheinlich 
Nürnbergs historischer Kern, um den 
dann im Laufe der Zeit die Stadt kry- 
stallisirte. Man hält König Konrad II. 
(den ersten deutschen Kaiser aus dem 
Hause der Salier) für den Gründer und 



Friedrich Barbarossa für den Erweiterer 
der Burg. Dass Theile derselben aus 
dem 12. Jahrb. stammen, beweist die 
Architektur der Kapellenbauten. Lange 
war sie Lieblingssitz der deutscheu 
Kaiser, von denen nachweislich Hein- 
rich IV., Heinrich V., Konrad IIL, 
Friedrich I. Barbarossa (der 13mal 
hier Hoflager hielt), Heinrich VI. , Phi- 
lipp von Schwaben, Otto IV., Fried- 
rich II. , Konrad IV. , Rudolf von 
Habsburg, Adolf von Nassau, Ludwig 
der Bayer, Karl IV. , Wenzel I., Rupp- 
recht von der Pfalz , Sigmund , Fried- 
rich III. und Maximilian I. zeitweise 
hier residirten. Seit Anfang des 16. 
Jahrb. verblich der Glanz der Burg; 
sie wurde Sitz des jeweiligen Stadt- 
schultheissen , der als , kaiserlicher 
Kastellan" hier wohnte. — Erst unter 
König Maximilian II. von Bayern be- 
gann die Restauration des altehrwür- 
digen Gebäudes. Man betritt den 
vorderen Burghof durch das Himmels- 
thor^ von dem r. einige Steinstufen zu 
dem zweiten äusseren Hof führen, an 
welchem der runde Vestner-Thorthurm, 
der höchste Punkt Nürnbergs, steht und 
wo man in einem angebauten Hause 
den sehr tiefen Brunnen zeigt. Gerade- 
aus der viereckige sogen. Heidenthurvi; 
in Wahrheit der älteste Thurm für 
christliche Kirchenzwecke, in welchem 
die beiden Burgkapellen (S. 127) über- 
einander angebracht sind. Neben die 
sem Thurm betritt man durch das 
eigentliche, mit dem riesigen deutschen 
Reichsadler bemalte Burgthor den 
inneren Schlosshof ^ in dessen Mitte eine 
sehr alte Linde steht, von welcher die 
Sage geht, dass Kaiserin Kunigunde sie 
etwa im Jahre 1020 gepflanzt habe. 
Hier beginnt die Führung (30 kr.) durch 
das restaurirte Schloss. Man betritt 
zunächst den im mittelalterlichen Styl 
renovirten Bankettsaal, jetzt Bil- 
dergallerie. 

Nr 159 Holhein jun., Porträt der Katha- 
rina von Bora, Luthers Gattin. — Nr. 158 
Aldegrever , Lukretia. — Nr. 296 unbekannter 
Meister, Rosenkranz mit den 14 Heiligen. — 
Nr. 184 Holbein Sigm. , Krönung Maria. — 
Nr. 156 Aldegrever, Drei Männer im feurigen 




Der Heidenthurm und das Innere Thor auf der Burg in w um borg. 



127 



14. Route: Nürnberg (Kaiserbürg). 



128 



Ofen. — Nr. 164 Schävffelin, Geschichte 
der Judith, — Nr. 353 --Derselbe, Farbiger 
Karton in tempera, zu einer Ausstellung 
Christi. — Nr. 347 Derselbe. St. Onophrius. 

— Nr. 319 Amberger, Sta. Brigitta. — Nr. 172 
Hans V. Kulmbach , Verkündigung Maria. - 
Mart. Scliaffner, Brustbild. — Nr. 179 Ält- 
dorfer, Kreuzabnahme. — Ausserdem ist in 
diesem Saale ein Modell der Burg (Papier- 
mache) ausgestellt, mit Hülfe dessen man 
sich gut Orientiren kann. 

Ueber eine kleine Treppe zur Kai- 
ser- (Ottmars-) Kapelle, welche 
über der 8t. Margarethenhapelle liegt, 
deren Chor das Erdgeschoss des sogen. 
Heidenthurmes bildet. Beide sind 
romanischen Styls und gehören zu den 
ältesten Theilen der Burg. 

Da man auf solchen Bergschlössern 
wenig Plächenraum hotte, so baute man oft 
zwei Kapellen übereinander, die obere, in 
welcher die Messe celebrirt wurde, für die 
Herrschaft, die untere für das Hofgesinde; 
ein Loch im Fussboden der oberen ver- 
mittelte es, dass man des Priesters Worte 
unten vernehmen konnte. — In der Kaiser- 
kapelle gute Holzschnitzereien: auf dem 
rechten Seitenaltar Kaiser Heinrich und 
Kunigunde (die Gründer des Bamberger 
Domes S. 78) aus der Zeit des Veit Stoss, 

— auf dem linken Seitenaltar Kaiser Kon- 
stantin und Helena. Fiügelthüren des Altars 
von Mich. Wolgeinut. — Interessante Mar- 
morreliefs. 

Ueber eine kleine steinerne Treppe 
ins Oratorium und aus diesem in den 
Speisesaal mit Ofen aus der ßenais- 
sancezeit. — Im Adjutantenzimmer Ver- 
zeichniss der Kaiser, welche die Burg 
bewohnten. — Durch ein Kabinet in das 
Empfangszimmer mit Plafond und Fries 
aus Dürers Zeit, Prächtige Aussicht 
über die Stadt, zu Füssen Dürers Wohn- 
haus. — Daneben Arbeitszimmer des 
Königs mit einem den ganzen Plafond 
einnehmenden Reichsadler aus dem 14. 
Jahrb. — Schlafzimmer. — Auf dem 
Altan, neu in romanischem Styl erbaut, 
köstliche weite *Rundsicht, weit über 
Fürth hinaus. Nun eine Reihe von 
Zimmern für die Königin eingerichtet 
und durch den Korridor ^ in welchem 
der Kastellan , Glasmaler Kellner , eine 
Kollektion Glasbilder zum Verkaufe 
ausgestellt hat. — Hinab ; hinaus in den 
Vorhof. 

In einer ehemaligen Burghut die 
AUerthümer - Sammlung des Oberst 



Gemmin g. — Auf der Freiung beim 
sogQn. fünf eckigen Thurme gute Aussicht 
ins sogen. Knoblauchsland, die nördl. 
von Nürnberg gelegene fruchtbare Ge- 
gend bis zu den Bergen der Fränkischen 
Schweiz (S. 79). An der Mauer in 
der dem Graben zugewendeten Seite 
sind mehrere Hufeisen eingemeisselt, 
welche miteinerSage zusammenhängen. 

Bppelin von Gailingen, ein toller 
Raubritter, der die Nürnberger oft und viel 
geschädiget hatte, war eingefangen und in 
den fünfeckigen Thurm gesetzt worden. Einst 
erbat er sich , sein Ross auf der Freiung, 
welche geschlossen war, tummeln zu dürfen. 
Man gestattete es ihm, und während alles 
Burggesinde dem kühnen Reiter gaffend 
zusah, nahm dieser mit dem Pferde einen 
Anlauf und setzte über die Brustwehr und 
den Wallgraben, so dass er entkam. Nach 
einer anderen Ueberlieferung soll er des 
Burgamtmannes Veit v. Stark Tochter bei 
dem Riesensprung entführt haben. Später 
wieder eingefangen, wurde er in Postbauer 
hingerichtet. 

In der früheren Burgamtswohnung 
eine sehenswerthe Sammlung von 
Rechts - Alterthümern und Folterwerh- 
zeugen. — Weiter hinaus , nächst dem 
Lug-ins-Land, befindet sich die einstige 
Kaiserstallung, welche 1494 auf 
der Stelle errichtet wurde, wo einst die 
Burggrafenwohnung gestanden hatte, in 
der die Ahnen des preussischen Königs- 
hauses, die Burggrafen von Zollern, ge- 
wohnt hatten. 

Als dieser Burggrafensitz in einer Fehde 
1420 vom pfalz-bayerischen Pfleger zerstört 
und Ruine geworden war, kauften die Nürn- 
berger alles was an Ortschaften, Wäldern 
und Gerechtsamen dazu gehörte dem Mark- 
grafen von Brandenburg um 120,000 fl. ab, 
und bauten ein Kernhaus dahin. Es fiel 
darum auf, dass im Friedensschlüsse von 
1866 der König von Preussen privatbesitz- 
rechtliche Ansprüche an die Burg von 
Nürnberg erhob und solche ihm auch zu- 
gestanden wurden. 

Von der Burg hinab auf denPawier- 
platz (PI. C, D, 1), wo einige schöne 
Häuser des alten Nürnberg, namentlich 
das Toplersche (jetzt dem Kupferstecher 
Herrn Petersen gehörig) mit überein- 
ander durch alle Stockwerke fortsetzen- 
dem Mittelchörlein (worin das Fisch- 
blasen-Muster vorherrscht), und gegen- 
über der Ilertelshof (jetzt Kartenfabrik). 
Hier auch im Hause Nr. 709 die be- 
deutende naturwissenschaftliche Samm- 



129 



14. Route: Nürnberg und Umgebung. 



130 



lung (namentlich Koleopteren) der 
Gebrüder Sturm. — Weiter durch die 
Wolfsgasse auf die Siebenzeilen ^ in die 
Hirscheigasse zum Tucherschen Jagd- 
haus (jetzt Fleischmannsche Papiei*- 
mache-Fabrik), 1533 bis 1544 erbaut, in 
welchem namentlich der Familiensaal 
mit Täfelwerk, Glasmalereien und 
Teppichen, schöne Schlosserarbeit an 
den Thüren und das Stiegenhaus be- 
achtenswerth sind. 

Zurück auf den Äegy dienplatz zur 
Aegydienkirche , I7li bis 1718 
im gemässigten Zopf-Italienisch erbaut, 
die ein werthvoUes Altarblatt von van 
DycTc , den von Gläubigen umgebenen 
Leichnam* Christi darstellend , besitzt. 
Für den Architekturfreund sehenswerth 
ist die anstossende Euchariuslcapelle, 
der älteste romanische Bau Nürnbergs. 
In der Tetzelschen Kapelle eine in 
Stein skulptirte Krönung Mariens von 
Adam Kr äfft , leider stark beschädigt. 
Grabplatte des Bischofs von Stadion, 
1543, — und eine Grablegung, beide 
den Söhnen Peter Vischers zuge- 
schrieben. 

Gegenüber das Pellersche Haus im 
Styl der italienischen Renaissance mit 
ausserordentlich belebter Fa9ade, schö- 
nem Hofraum und künstlich konstruir- 
ter Treppe, 1605 erbaut; Besichtigung 
erlaubt. 

Durch die Theresienstrasse ; in der- 
selben das Krafftsche (früherMuffelsche) 
Haus, aus dem Anfang des 16. Jahrh., 
mit schönen steinernen Geländern an 
Gängen und Treppen und sehens- 
werthem Hof. 

lieber den Dürerplatz (PI. C, 1), au 
welchem sich die umfangreiche Antiqui- 
täten-Sammlung des Antiquars Pichert 
befindet (tägl. gegen das Entree von 
24 kr. zu sehen) , — durch die Dürer- 
strasse zu Dürers Wohnhaus 
(PI. Nr, 2, C, 1). Es ist ein Fachwerk- 
bau, 1826 von der Stadt angekauft und 
dem Dürer - Verein zur Verwaltung 
übergeben; seitdem wieder in alter 
Weise eingerichtet, so dass es wenig- 
stens einen ähnlichen Eindruck hinter- 
lässt, wie es etwa zu Dürers Zeiten 

Borlepscir Süd -Deutschland. 



gewesen sein mag, nur mit dem Unter- 
schiede, dass die „Rechenmeisterin" 
nicht mehr darin herumzankt und 
zuchtmeistert und dass kein Meister 
drin zu finden ist. Nur noch die Küche 
und ein kleines Zimmer sind acht. 
Gegenüber das sogen. Pilatushaus, 
dessen Ecke mit einem blechüberzogenen 
geharnischten Ritter versehen ist. 

Wer noch einzelne Ueberreste alter 
nürnberger Häuser aus dem 15. Jahrh. und 
deren landschaftliche Scenerie kennen lernen 
will, muss sich den Weg zum Henkersteg 
zeigen lassen. 

Nun zum Thiergärtner Thor hinaus 
und durch die Seilergasse (PI. B, 1), in 
welcher bis zum Johannis- Kirchhofe die 

berühmten Stationen von Adafn 

Krajft sich befinden , sieben sand- 
steinerne Wegpfeiler, deren Obertheil 
zu freiliegenden Hochbildern ausge- 
hauen ist; leider sind letztere im Laufe 
der Zeit stark beschädiget und mehr- 
mals übertüncht worden. Sie stellen 
die sieben Fälle Christi auf seinem 
Kreuztragungswege nach Golgatha vor 
und sind die ältesten Arbeiten Adam 
Kraffts. 

Martin Ketzel, ein frommer Mann, war 
mit Herzog Albrecht von Sachsen 1468 in 
Jerusalem gewesen, iind hatte mit grosser 
Sorgfalt die einzelnen Entfernungen in 
Schritten abgemessen, welche je zwischen 
den Stationen vom Hause des Pilatus bis 
zur Schädelstätte lagen. Zurückgekehrt 
nach Nürnberg, hatte er unglücklicherweise 
seine Notizen verloren, und giug deshalb 
vier Jahre später nochmals ins gelobte Land, 
um die Messung von Neuem vorzunehmen. 
Die gewonnenen Zahlen wendete er nun 
an, indem er von seinem Wohnhause (wel- 
ches deshalb Pilatushaus genannt wurde) in 
den gleichen Entfernungen, die auf seine 
Kosten von Adam Krafft gearbeiteten bild- 
lichen Darstellungen der Kreuztragung auf- 
stellen liess. Nahe beim Kirchliofe steht 
Christus am Kreuz zwischen den beiden 
Schachern, einst auch Kraflfts Arbeit, Anfangs 
dieses Jahrhunderts aber so zerstört, dass 
die Gruppe durch eine neue ersetzt werdou 
musste. 

Der tToJianiiis-KircJiJiof m&cht 

dadurch , dass er keine vertikal stehen- 
den Grabmale , sondern nur platt hori- 
zontal liegende Grabsteine (zum Theil 
mit guten Erzguss -Arbeiten) hat, einen 
etwas nüchternen Eindruck; nur das 
Miinzcrsche Monument ragt hoch (24 F.') 
über alle anderen empor. Die Gräber 
5 




Albrecht Dürers Woliuhaus in Nürnberg. 



133 



U. Route: Nürnberg (Germanisches Mnsenm). 



134 



Dürers, Pirkheimers , des Veit Stoss, 
Wenzel Jamnitzers etc. aufzusuchen, 
kostet Zeit, ohne die Mühe zu lohnen. — 
In ^%x Heiligkreuzkapelle am Hauptaltar 
ein Bild von Wolgemut und Holzstatuen 
(angeblich) von Veit Stoss ; dem Pfört- 
ner 12 kr. Trinkgeld. — Unweit die 
Holzschuhersche Begräbnisskapelle, ent- 
hält Kraffts letzte Arbeit (von 1507), 
eine aus 15 lebensgrossen Sandstein- 
Figuren bestehende Grablegung. Der 
Joseph von Arimathia ist des Meisters 
eigenes Porträt. — Neu angelegte Ar- 
kaden mit Erbbegräbnissen umgeben 
den neuen erweiterten Friedhof. 

Es lohnt von hier aus (besonders 
wer mit einem Wagen herausfuhr) einen 
Weg um die Stadt am Haller-, Mohren- 
und Ludwigsthor (Vorstadt Gostenhof) 
bis zum Färberthor zu machen , um ein 
Bild von der wehrhaften , thurmreichen 
Befestigung Nürnbergs zu bekommen. 
Leider strebt eine Umsturzpartei (die 
wenig Sinn dafür zu haben scheint, 
das ,,alte Nürnberg" zu erhalten) 
die Schleifung dieser Mauern an, um 
Spaziergänge an deren Stelle zu 
etabliren. 

Das * Gernianische National- 
Museum (PI. Nr. 17, C, 4). 

Geöffnei: Tägl. von 9 bis 1 Uhr und 
Nachm. von 2 bis 4 Uhr. — Besitzer von 
Ehrenkarten haben unentgeltlich Zutritt; 
ausserdem bezahlt die einzelne Pers. 30 kr. 
— Gesellschaftskarten für 3 bis 5 Pers. 1 fl, 
20 kr. — Den Dienern ist untersagt, Trink- 
gelder anzunehmen. AusKÜnfte verlange 
man nur von den Beamten; die Diener 
können solche nicht geben. 

Diese Schöpfung des um die Er- 
forschung und Erhaltung deutscher 
Alterthümer hochverdienten Freiherrn 
Hans V. Änfsess, ein Eigenthum deut- 
scher Nation , wurde 1853 ins Leben 
gerufen und nachdem sie Anfangs in 
kleineren Lokalen untergebracht worden 
war, später in die grossen Räume des 
Karthäuserklosters übergesiedelt, wel- 
ches die bayerische Regierung gegen 
einen geringen Kaufpreis zu dem Zwecke 
überliess, während die Stadt Nürnberg 
den ihr gehörigen Theil schenkte. 

Die Aufgabe des Museums ist, eine 
Uebersicht über den gesammten Ent- 



wickelungsgang der deutschen Kultur in 
allen Zweigen zu geben; Kunst, Wissen- 
schaft, Gewerbe, öffentliches und häus- 
liches Leben, Krieg und Frieden, Kirche 
und Staat soll vor Augen geführt werden. 
In erster Linie sollen für die Gelehrten 
allesfür das Studium nöthigeMaterial ge- 
sammelt, — in zweiter durch übersicht- 
liche Aufstellung der Abtheilun^en, die 
dazu geeignet sind, dem grossen Publi- 
kum Belehrung und Anregung geboten 
werden. 

Die Anstalt wird ausschliesslich 
durch freiwillige Beiträge der ganzen 
Nation erhalten und erweitert. Man 
kann sich durch einmalige Geldge- 
schenke oder Leistung regelmässiger 
jährlicher Beiträge selbst im geringsten 
Maassstabe (1 fl. bis 1 Thlr.) betheiligen. 
Die Betheiligten erhalten zufreiemEin- 
tritte Ehrenkarten. 

Die Aufgabe ist noch nicht gelöst, 
daher auch fortwährend Aenderungen 
der Aufstellung und Erweiterung der 
Lokalitäten. Im Sommer 1870 ist der 
Stand folgender. 

Der grosse Kreuzgang enthält vor- 
zugsweise Abgüsse interessanter Grab- 
denkmale , so des heil. Bernward von 
Hildesheim, der fränkischen Plectrudis, 
Heinrich des Löwen und seiner Ge- 
mahlin, Rudolfs von Habsburg, Ludwig 
des Bayern, Günthers von Schwarz- 
burg,. Eitel Friedrichs von Hobenzol- 
lern etc. Ausserdem Abgüsse architekto- 
nischer Ornamente ; dann (zum Theil in 
den ehemaligen Zellen der Mönche) 
Oefen, Schlosserarbeiten, Fussboden- 
Belegplatten (Fliesse), Thüren u. A. 

In der Wilhelmshalle das vom König 
von Preussen gestiftete grosse *Glas- 
gemälde: Die Grundsteinlegung der 
Karthause, Karton von Kreling , Aus- 
führung durch das königl. Institut für 
Glasmalerei in Berlin. In derselben 
Halle : die Gefangennahme Franz I. bei 
Paris von Lindenschmitt. 

Aus dem Kreuzgange tritt man in 
die ehemalige Kirche des alten 
Karthäuserklosters , deren architekto- 
nisch schöne Verhältnisse auffallen. 
5* 



135 



14:. Boute: Mrnl)erg (Gernianisclies Museum). 



136 



Hier das berühmte * Kaulhachsche Ge- 
mälde „Kaiser Otto öffnet die Gruft 
Karl d. Gr.". Ein Bild, welches der 
Meister in sechs Wochen malte und dem 
Museum zum Geschenk machte, in dem- 
selben die Bestrebungen des Museums 
die Schätze von Kunst und Wissenschaft 
aus den Tiefen vergangener Jahrhun- 
derte hervorzuziehen , symbolisirend. 
Die Figur Karl d. Gr. von überwälti- 
gender Majestät. 

8;3=* Photographien des Bildes sind hier 
in allen Formaten zu haben. 

In diesem Lokale hat man begonnen, 
eine Uebersicht über den Entwickelungs- 
gang der deutschen Skulptur von den 
ältesten Zeiten bis zum Schluss des 
Mittelalters in Originalien und Abgüssen 
aufzustellen. Das Material ist jetzt noch 
nicht vollständig, aber einige sehr schöne 
Werke bereits vorhanden, besonders 
einige Altarschreine des 15. Jahrh. 

An der Ostseite der Kirche zwei 
Kapellen mit vielen Geräthen und Ge- 
fässen zum Gottesdienste ; hier werden 
der silberbeschlagene ^Schrein, der 
einst die Reichskleinodien barg, und 
eine leider sehr zerstörte Fahne, 
von Albr. Dürer gemalt, aufbewahrt. 
Daneben ein Saal, in welchem eine 
kostbare *Sammlung von Bruchstücken 
alter Seidenstickereien , Teppiche etc., 
die erste ihrer Art, Platz gefunden hat. 
Sie zeigt den Entwickelungsgang der 
Gewebe von der römischen Periode bis 
zum Schlüsse des 18. Jahrh. Einzelne 
sehr merkwürdige und seltene Bruch- 
stücke; besonders interessant die grosse 
Zahl mittelalterlicher Teppiche (Gobe- 
lins). Im 7t;Zez?2e/iirreMs;g'aw(/ Waffen Samm- 
lung, provisorisch aufgestellt. Dazu ge- 
hören auch die vor dem Eingange liegen- 
den mittelalterlichen grossen Geschütze, 
welche die Johanniter bei der Eroberung 
von Ehodus durch die Türken dort zu- 
rückgelassen haben, und welche als 
Geschenke Sultans Abd-el-Aziz in 
das Museum gekommen sind; da- 
selbst auch sehr interessante Modelle 
von Kriegswerkzeugen aus dem 17. 
Jahrh. Höllenmaschinen, Hinterlader 
u. a. Auch ein Sprachrohr von der 



Hartburg, wahrscheinlich früher im 
Besitz von Götz v. Berlichingen. An- 
stossend Räume mit Ausgrabungen, 
zwei merkwürdigen alemannischen 
Todtenbäumen (Särgen), Pfahlbauten- 
Ueberresten und noch weiter ein Gemach 
mit Folterioerhzeugen. Im ehemaligen 
Befehtorium alte Mobilien aller Art, 
kostbare Schreine, gemalte Fayence- 
(Majolike-) Krüge, Silberpokale, Messer 
und Gabeln, Gläser, Küchengeschirre, 
Spiele, Uhren etc. Im oberen Stock- 
werke ein Saal mit chirurgischen, ma- 
thematischen und astronomischen In- 
strumenten, Kalendern, Landkarten, 
Städteansichten, sonstige interessante 
kulturgeschichtliche Darstellungen. In 
einem andern Saale, aus den reichen 
Sammlungen im Kupferstichkabinet und 
der Bibliothek ausgewählt, eine Anzahl 
Uebersichten über den Entwickelungs- 
gang der Schrift, der Miniaturmalerei, 
des Kupferstichs, Holzschnitts, Buch- 
drucks, der Büchereinbände etc. Da- 
neben das * Scheurlsche Zimmer mit der 
Bibliothek des berühmten Professors 
Christoph Scheurl, der zur Zeit der Refor- 
mation an der Universität Wittenberg 
lehrte. Das Zimmer gibt schon durch 
die originelle Bücheraufstellung, ge- 
treu in der Weise damaliger Zeit, 
ein äusserst charakteristisches Bild. 
Das folgende Zimmer ist ein Musih- 
8alon mit einer Sammlung fremd- 
artiger Instrumente, welche die Ge- 
schichte der Musik illustriren; darunter 
ein Klavier aus dem Jahre 1587. Ein 
Zimmer enthält Kostümbilder, sowie 
Kostüm- Gegenstände, Hüte, Hauben, 
Schuhe, Jacken, Gürtel, Schmuckgegen- 
stände aller Art, Amulette u. A. ; dann 
folgt die eigentliche Gemäldesammlung; 
noch nicht gross, enthält sie aber werth- 
volle Bilder von Wolgemut, Zeit- 
blom u. A. ; dann eines der kostbarsten 
Gemälde aus der altkölnischen Schule: 
Christus am Kreuze mit sechs Heiligen, 
von Meister Stephan (Geschenk des 
Königs Ludwig II. von Bayern). Hier 
auch das Porträt Kaiser Maximilians 
von A. Dürer. Wer sich dafür interes- 
sirt, besuche auch die BibliotheTc^ 



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13. Boute: Die Stadt Angsburg. 



138 



in -welcher die BüchersammluDg des ' nabeln und das Archiv. Endlich ist 
deutschen Parlamentes vom Jahre 1S4S ! noch zu empfehlen, den alten Kloster- 
besonders aufgestellt ist; daselbst auch i garten mit dem Brunnen in Augeuscheiu 
eine Handbibel Luthers und Inku- j zu nehmen. 



15. Route: Die Stadt Augsburg. 

(Tergl. beikommenden Plan.i 



Gasihöfe: ^'Drei Mohren (PI. Nr. 16), \licarv,m, welche als der Stadt Anfang zu 
Hotel TOD altem historischen ß^^f . «ifM b j^^ j^ ^ ^^^^^ ^^^^ -^^^ 

schon in einer Urkunae des lo. Jahrh. er- | 
wähnt wird. Hier bewinhete Graf Anton 1 IN ame (Augustusburg stammt). 



Fugger Kaiser Karl Y. ; der Saal, in dem 
dies geschah, benndet sich noch ziemlich in 
gleichem Znstande, wie damals. In diesem 
Saale hielt auch die deutsche Bundes -Ter- 
sammlung 1S66 ihre letzte Siezung. Inter- 
essantes Fremdenbuch mit den Autographen 
vieler Celebritäten. Eenommirte Weinkarte. 
Tisch und Bedienung werden gerühmt. 
Zimmer von i8 kr. an aufwärts. Frühst. 
30 kr. Service 2i kr. — BayeriscJier Hof, 
an der ELsenbahnstrasse. — Goldene, Traube, 
3Iasimilians3trasse; Zimmer 42 kr.. Frühst. 



[ Im Xational-Iiluseum in Jlünchen befindet 
I sich ein naives Gemälde , welches die Grün- 
' düng der Stadt durch Tiberius und Drusus 
; darstellt. 

j Nachdem die Kolonie fast fünf Jahr- 
! hunderte unter Eömerherrschaft existirt 

hatte, Tvurde sie von den Sueven (um 
i -iTT"! eingenommen, theilweise zerstört, 

wieder aufgebaut, kam dann in den Be- 
1 sitz der fränkischen Könige und später 



34 kr.; viel Geschäftsreisende. — Grüner i , „ c, , ,„„ -c -, ^• 

Hof. - Weis^^es Lamm, Ludwigsstrasse, alt- | aer Herzoge von Schwaben. Konradin, 
renomniirt. Zimmer von 2i bis 42 kr., | der letzte Hohenstaufe, verpfändete die 
T. d'h. mit Wein 1 fl-, Frühst. IS kr.; g« 
lobt. — Deutsches Haus , billig. — Eisenhu 



Cafes-Restaurants: *CareM!(^u5<ci,Fugger- 
strasse, neu, sehr gute Küche, vortreö'- 
liches Bier . stark besucht. — Cafe St'ötUr. 
neben dem vorigen, viel Militär. — Caj'e 
JftiAsfcecX-, Maximiliansstrasse, von Kanfleuten 
besacht. — C:\f^ Lutz, Maximiliansstrasse, 
gegenüber dem Merkur - Brunnen , viel 
Israeliten. — Cafe Bosch, am Obsrmarkt. 

Bier: Eohlei»,2tm Sau-Bergle, gute Winh- 
schaft, auch warmes Essen. — Kahn, Gasth. 
Lgold.Ross am Königsplatz.— Jte(ifer,KelIer. 

Konditoreien; Eoth, Ecke der Steingasse. 
— Burkhardt, Karolinenstrasse, Abends 
besucht. 

Delikatessen: Bdumler, Karolinenstrasse, 
nahe beim Ochseumarkt.—Gracco. — fli^/injM^s. 

Cigarren: Jä'jer, Maximiliansstrasse. 

Droschken: 1 oder 2 Pers. pr. 1/4 St. 
15 kr. : - vom und zum Bahnhof IS kr. 

Weinhäuser: Alte - Weiberschule , ältestes 
Etablisseinent. — Grünes Hans, bei Sleizler, 
feines Frühstück. — Bathskeller, unterhalb 
des Sathhauses. 

Bäder: <M'sche Anstalt vor dem rothen 
Thor. — Jfatterhad. beide Winter u. Sommer 
geöffnet. — Bosch' Badeanstalt, nur im 
Sommer, — JiliUtär- •^chicimmschule. 

Bei beschränkter Zeit sind nur zu 
besichtigen : Dom , Kathhaus, Fuggerhaus 
und Gemälde -Gallerte. 

Nach Tacitus'Aufzeichnungen grün- 
dete , nach Besiegung der Vindelicier, 
Kaiser Augustus, 13 Jahre v. Chr. Geb., 
eine römische Kolonie : Aitrfvsta Vinde- 



schon ziemlich ansehnlich gewordene 
Stadt an die Herzoge von Bayern 5 aber 
schon 1268 erhob sie Kudolf von 
Habsburg zur freien Reichsstadt. Von 
diesem Zeitpunkte an datirt ihre grosse 
Blüthe. Im 15. und 16. Jahrh. Haupt- 
stapelplatz für den Handel zwischen 
Nordeuropa und dem Orient , galt sie 
für eine der mächtigsten , vornehmsten 
und stolzesten Städte des Mittelalters, 
der namentlich der märchenhafte Reich- 
thum einzelner Bürger Weltruf gab. So 
rüstete z. B. Bartholomäus Welser allein 
eine ganze Flotte aus , um das ihm von 
Kaiser Karl V. verpfändete Tenezuela 
in Besitz zu nehmen, und die Fugger 
ivgl. S. 145). welche sich von armen 
Webern zu Grafen und Fürsten empor- 
geschwungen hatten, konnten den Kai- 
sern Darlehen machen und die darüber 
ausgestellten Schuldscheine verbrennen. 
Zu jener Zeit, namentlich als die 
deutschen Reichstage hier gehalten 
wurden, mag Glanz , Pracht und frohes 
Leben in Augsburg geherrscht haben, 
das auch seine romantische Seite hatte; 
dies tritt uns namentlich aus den Schick- 
salen verschiedener augsburger Bürger- 



139 



15. Route: Die Stadt Augs'burg. 



140 



töchter entgegen , welche in Folge ihrer 
Schönheit von Fürsten und Fürsten- 
söhnen auserlesen wurden, als deren Ge- 
mahlinnen Kronen zu tragen. Notorisch 
war dies der Fall bei Philippine Welser 
(S. 144) , der Gemahlin des Erzherzogs 
Ferdinand von Oesterreich, und bei 
Clara v. Betten^ der Gemahlin des 
Kurfürsten Friedrich des Siegreichen 
von der Pfalz. — Um die Ehre der 
Ortsangehörigkeit jener schönen aber 
unglücklichen Baderstochter Agnes Ber- 
nauer (vgl. S. 175), welche Herzog 
Albrecht III. von Bayern heimlich als 
seine Gattin sich hatte antrauen lassen, 
streitet Augsburg mit dem würtember- 
gischen Städtchen Biberach. Aber auch 
in der Religions- und Kirchen- 
geschichte nimmt Augsburg eine 
hervorragende Stellung ein. Die später 
heilig gesprochene Afra erlitt hier im 
Jahre 304 den Märtyrertod; — der 
Apostel der Deutschen, Bonifazius, pre- 
digte, wirkte und installirte wiederholt 
hierselbst während der Jahre 739 bis 
743 ; — in den Jahren 923 bis 973 war 
der heil, Ulrich Bischof zu Augsburg, 
wirkte Wunder und komraandirte mit 
in jener furchtbaren Ungarnschlacht auf 
dem Lechfelde (R. 28), welche für die 
Geschicke Deutschlands von grossen 
Folgen war. — In der Reformations- 
geschichte aber ist Augsburg deshalb 
von Bedeutung, weil auf dem 1530 da- 
selbst abgehaltenen berühmten Reichs- 
tage am 25. Juni von den protestan- 
tischen Fürsten die von Melanchthon aus- 
gearbeitete ,,Augsh%(,rger Konfession" 
verlesen und Kaiser Karl V. überreicht 
wurde. 

Der Saal , in der ehemaligen bischöf- 
lichen Pfalz (gegenwärtig Begierungsge- 
bäude), in welchem dieser denkwürdige Akt 
vor sich ging, wurde verbaut und ist somit 
nicht mehr sichtbar. 

Auch jener Reichstag von 1555, 
welcher den Religionsfrieden einiger- 
massen wieder herstellte, war zu Augs- 
burg gehalten worden. Zur Zeit ihrer 
höchsten Blüthe zählte die Stadt über 
90,000 Einw. , welche Summe jedoch 
nach den Stürmen des 30jährigen 
Krieges durch Pest, Hungersnoth und 



Belagerungen auf ein Drittel herabge- 
sunken war. Neue Decimationen erlitt 
Augsburg in den napoleonischen Kriegen 
(namentlich im Jahre 1800), bis es mit 
vielen anderen Städten der Krone 
Bayern anheimfiel , unter deren Re- 
gierung es sich zur zweiten Handels- 
und Fabrikstadt des Königreichs wieder 
emporarbeiten konnte. Spuren ehe- 
maliger Pracht erblickt man noch an 
den Fa9aden der Häuser und Paläste in 
den Ueberresten von Fresken und an- 
deren Bildwerken, ähnlich wie in dem 
herabgekommenen Venedig. Mit einer 
italienischen Stadt lässt sich Augsburg 
um so eher vergleichen, als Styl und 
Bauart seiner Häuser nicht etwa die 
des deutschen, späteren Mittelalters 
sind , sondern die Formen italienischer 
Weise des 16. und 17. Jahrh. tragen, 
was in den damaligen Handelsverbin- 
dungen seinen Grund hat. 

Gegenwärtig zählt Augsburg wieder 
über 50,000 Einw. (von denen 33,560 
Katholiken, 16,000 Protestanten und 
450 fast ausschliesslich reiche Juden, 
— die ärmeren Juden wohnen ausser- 
halb der Stadt in Kriegshaber, 
Pfersee etc.) ; grossartige Baumwollen- 
Spinnereien und Webereien, die bedeu- 
tendsten in Bayern, — Indienne- 
Druckerei (das Forstersche Etablisse- 
ment), Kammgarn - Spinnerei und 
Maschinen -Fabriken, bilden den in- 
dustriellen Schwerpunkt. Zugleich ist 
Augsburg bedeutender Wechselplatz. 

Die hauptsächlichsten Sehens- 
würdigkeiten lassen sich im Grunde 
genommen auf einem Wege abmachen. 

Vom Bahnhof geradeaus auf die 
Stadt zu, dann 1. durch die neue Fugger~ 
Strasse nach der königlichen Residenz 
und auf den Paradeplatz zum JDont 
(PI. B, 2), eine jüngst restaurirte, ur- 
sprünglich romanische Pfeiler - Basilika 
mit zwei Chören aus dem Jahre 106o. 
Der äussere Anblick zeigt sofort , dass 
die Kirche, wie sie heute dasteht, das 
Resultat vieler, verschiedener Bau- 
perioden und Style ist. An der Aussen- 
seite sind die beiden überreich mit 
Skulpturen geschmückten Hauptportale 



141 



i5. Route: Die Stadt Augsburg. 



i42 



beachtenswevth , von denen das am 
Paradeplatz zwai* übeiiadnere (im 
Giebelfelde eine Menge plump kompo- 
nirtei' Scenen aus dem Leben Maria), 
aber seinem Kunstwerth nach minder 
bedeutende, — jenes an der Nordseite 
der Kirche , gegen das Frauenthor zu, 
das besser durchgeführte ist. 

Letzteres hat iu seinem Spitzbogenfelde 
über der Thür in drei Ileliefstreifen gleich- 
falls Marien -Scenen: (Geburt Christi, An- 
betung der Könige, Tod Maria und Ki'önung 
derselben) und eingefasst ist dieses Feld 
durch ein sonderbares symbolisches Orna- 
ment: Fünf in den Hohlkehlen befindliche 
ineinar-der verbissene Löwenpaare. Das 
daneben stehende neue Gebäude ist die 
Wohnung des Dompfarrers. 

Von weit grösserer kunstgeschicbt- 
licher Bedeutung sind die mit Bronze- 
Platten belegten ins südliche Seiten- 
schiff führenden T h ü r f 1 ü g e 1 , am 
Mittelportal gegen den Paradeplatz zu. 

Sie sind Denkmale des frühest -mittel- 
alterlichen Erzgusses, einzelne Figuren in 
33 Feldern, von denen man annimmt, dass 
der Grundgedanke dieser symbolischen Dar- 
stellung das Dogma von dem durch die 
Erbsünde in die Welt gekommenen Tod und 
dessen üeberwindung durch Christus bildet. 

Styl und Auffassung deuten darauf 
hin, dass sie dem 11. Jahrb., also der 
Zeit des ersten Kirchenbaues an- 
gehören. 

Im Inneren fesselt den Blick zu- 
nächst die Anordnung des westl. höher 
gelegenen Chores über der Krypta, ein 
Ueberbleibsel der ersten romanischen 
Anlage. 

Die Kirche ist 249 F. lang, 132 F. 
breit, und im Mittelschiff 93 F. hoch; letz- 
teres war ursprünglich nach Art der roma- 
nischen Basiliken flach gedeckt und wurde 
erst 1346 eingewölbt. Die beiden äussersten 
Seitenschiffe stammen aus der zweiten Hälffe 
des 15. Jahrli. 

An den vier Pfeilern des Mittel- 
schiffes, gegenüber vom erhöhten Chor, 
vier grosse Bilder, von Hans Holbein 
dem Vater. — Im Kapellenkranze, 
welcher den östl. Chor umgibt , ist na- 
mentlich der mittelste (Gertruden-) 
Altar durch seine Bildhauerarbeit (Ge- 
misch von Gothik und Renaissance), 
darüber ein altes gemaltes Glasfenster 
mit Passions -Darstellungen aus dem 
13. Jahrh, und über diesem ein neues 



Fenster mit Malereien nach Schrau- 
dolphs Zeichnung (Krönung Maria) be- 
merkenswerth ; bedeutend ist ferner ein 
anderes grosses Altarwerk von Chri- 
stoph Amberger (Maria mit dem segnen- 
den Kinde, umgeben von vier musi- 
cirenden Engeln); — ausserdem noch 
Bilder, welche dem Hans Burghmayr 
und anderen alten Meistern zugeschrie- 
ben werden. An der Rückwand des 
nördl. Schiffes eine Forträtsammlung 
von 72 augsburger Bischöfen, von Sosi- 
mus II. (596) bis auf Ignaz v. Riegg. 
Schliesslich wird noch ein steinerner 
Bischofsstuhl gezeigt, welcher alten Tra- 
ditionen zu Folge der Sessel jenes 
römischen Prätors (Landpfleger) Cajus 
gewesen sein soll, vor welchem im 
Forum die heil. Afra zum Tode verur- 
theilt wurde. 

Die heil. Afra, Ortsheilige, soll der 
Legende zu Folge königlichem Geblüt ent- 
sprossen und mit ihren Eltern etwa um das 
Jahr 300 nach Christi aus Cypern nach 
Augusta Vindelicorum gekommen sein. Hier 
führte sie ein höchst ausschweifendes lieder- 
liches Leben, wurde jedoch durch den from- 
men Bischof Narcissus, dessen inbrünstigen 
Gebeten sie einigemal beigewohnt hatte, 
ihrem bisherigen Wandel entrissen und eine 
der muthigsten Bekennerinnen desChristen- 
thumes. Deshalb vor dem Richterstuhl 
des römischen Landpflegers beschieden, 
weigerte sie sich zu widerrufen und erlitt 
den Märtyrertod auf dem Scheiterhaufen. 

Durchwandernswerth ist auch noch 
der dem Dome angebaute prächtige 
Ereuzpang. 

Gegenüber vom Dom das Erzhischöf' 
liehe Palais. 

Nicht weit hinter dem Dom in der 
Karmelitergasse, die früher durch ihre 
kolossale Schnellpresse berühmte Cotta'sche 
Buchdruckerei, in welcher jetzt noch die 
über den ganzen Erdball verbreitete Aiigs- 
burger Allgemeine Zeitung gedruckt wird. 

Durch die Karolinenstrasse hinauf, 
r. das grosse Biedingersche Palais (dem 
bekannten Gaseinrichtungen - Fabri- 
kanten gleichen Namens gehörig) zum 
LudivigsplatZj an welchem 1. der o2G F. 
hohe Perlachthurm steht, dessen Wind- 
fahne die alte heidnische Schutzgöttin 
Augsburgs, ,Cisa" darstellt. — In Mitte 
des Platzes der Augustus - Brunnen, 
modellirt und 1594 gegossen von 
dem Niederländer Hubert Gerhard. — 



143 



15. Honte : Die Stadt Augsburg. 



144 



Hinter demselben r. dieBörse, in welcher \ 
aucli das Telegraphen- Bureau sich be- 
findet. Gegenüber das *ItathhailS 

(PI. Nr. 3) , eins der elegantesten Ge- 
bäude im Renaissance -Styl, welche 
Augsburg besitzt, 1615 bis 1620 von 
Elias Hol! erbaut. 

Das Verhältniss der Länge zur Höhe 
(147 zu 175) ist ein ungewöhnliches ; nichts 
desto weniger bringt die Eintheilung der 
Fa^ade eine durchaus günstige Wirkung 
hervor. Im Innern wird namentlich der 
Goldene Saal besucht. 

Anmeldung beim Hausmeister, im 
Parterr- Vestibüle, Glocke r, von dem 
Bronze -Adler; man warte ein paar Minuten 
bis Jemand kommt. Trinkgeld 24 kr. 

Eine Treppe hoch schön mit Holz- 
decke getäfelter, von acht rothen Mar- 
morsäulen getragener Korridorsaal. 
Statue des Jugendschriftstellers Chri- 
stoph V. Schmidt, , Verfassers der Oster- 
eier. Eine Treppe höher der sogen. 
Goldene Saal (52 F. hoch, 58 F. breit, 
110 F. lang), der, da seine Decke durch 
ein Hängwerk getragen wird, seiner be- 
deutend räumlichen Verhältnisse wegen 
imponirt. Der Fussboden ist mit Marmor- 
platten belegt; die meisten darin be- 
findlichen Gemälde fertigte zu Anfang 
des 17. Jahrh. der augsburger Maler 
Matthias Kager. Die vier kleineren 
bemerkenswerthen Thüren führen in 
die nach gleichem Style ausgestatteten 
sogen. Fürstenzimmer, so genannt, weil 
die Kurfürsten 1653 hier den Kaiser 
Ferdinand IV. wählten. — Noch eine 
Treppe hoher die ModelUcammer (an 
Wochentagen von 8 bis 12 und 2 bis 
6 Uhr, Sonnt, von 10 bis 12 Uhr ge- 
öffnet). 

Nun die Maximiliansstrasse hinauf 
zum MerTcurius - Brunnen ^ von Adrian 
de Vries , einem Schüler des Giovanni 
de Bologna, 1599 modellirt, mit einer 
Bronze - Merkurstatue, dem Amor die 
Flügel am Heroldstabe befestiget. 
Gegenüber davon die St. Moritzkirche 
in verdorbenem italienischen Ge- 
schmacke. 

Biegt man r, von der Maximilians- 
strasse ab , so gelangt man in die 
Philippine- Welserstrasse ^ wo die Erz- 
stattie des berühmten augsburger Bür- 



gers Joh. Jalc. Fugger seit 1857 (ein 
Geschenk König Ludwig I.) steht. 
Gegenüber das (in seiner jetzigen Form 
wohl aus dem 18. Jahrh. stammende) 
Geburtshaus der Philippine Welser mit 
Gedenktafel in der Wand. 

Philippine Welser, geboren 1530, 
Nichte Bartholomäus Welsers, Geheimrath 
Kaiser Karls V., stammte aus der gleich- 
namigen Patrizier- Familie zu Augsburg. 
Phjlippine, schön und gebildet, ward von 
Erzherzog Ferdinand I. geliebt, und da sie 
jede andere Verbindung abwies, 1550 ins 
Geheime mit ihm vermählt. Darüber er- 
zürnt, verbannte der Kaiser seinen Sohn aus 
seiner Nähe; versöhnte sich jedoch 8 Jahre 
später wieder mit demselben. Phiiippiue 
selbst überreichte ihm 1558 zu Prag, ver- 
kleidet und unter fremdem Namen, eine 
Bittschrift, und ihr Benehmen dabei, wie 
ihre Schönheit , entwaffneten den erzürnten 
Vater. Er verzieh dem Sohne, erklärte die 
Kinder für legitim und erhob Phiiippiue 
zur Markgräfin von Burgau, wonach die 
Söhne den Namen führten. Philippine 
•j- 1580 am 28. April zu Innsbruck und ward 
in der Hofkirche daselbst (R. 43) beigesetzt. 
Ihr Bildniss wird im Schloss von Schön- 
brunn bei Wien gezeigt. 

Wieder wenige Schritte zurück über 
den Moritzplatz zu dem ZeugJiailS 
(1501 erbaut, 1602 durch den Archi- 
tekten des Rathhauses verzopft) mit 
einer 16 F. hohen Bronze-Statue des im 
Kampfe mit dem Satan begriffenen Erz- 
engels Michael; vor demselben eine 
Reihe alter, riesig grosser bronzener 
Kanonenrohre, grösstenthells mit gut 
ciselirter Arbeit. 

Die beiden schwersten Rohre, vom 
Volke „Adam" und „Eva" genannt, 1524 von 
Sebold Hirder zu Neupurg gegossen, tragen 
folgende Reimsprüche: 

Das Geschütz mit dem Wildmann (9690 
Pfd. Gewicht): 

Ich pin ein man von raucher art 
Vnd hais der scharpf schir den part 
Den Gesellen die wider die Pfalczdon wellen. 

Das Geschütz des Wildweibes (9395 Pfd. 
Gewicht) : 

Lieber Man hab festen mvt 
Vnd pis mit deinem scheren gvt 
Ich will dir helfen 
Dirn und meyr niderwerfen. 

Durch das gegenüberliegende Apo- 
thekergässchen wieder in die Maxi- 
miliansstrasse. Hier das prächtige alte 
FtiggerhaUS (PI. 14), seit Jahrhun- 
derten Wohnsitz des mächtigen , heute 
noch blühenden Geschlechtes gleichen 



145 



15. 'Route : Die Stadt Augsburg. 



Ii6 



Namens, gegenwärtig Eigenthum des 
Fürsten Leopold von Fugger- Baben- 
hausen ; die sämmtlichen Wandflächeu 
des grossen Gebäudes sind mit neuen 
von Ferdinand Wagner 1860 bis 1863 
gemalten Fresken überdeckt, 

lieber dem Hauptportal eine von Engeln 
umgebene Madonna. Die Räume zwischen 
den Fenstern des ersten Stockes zieren 
Wappenschilder der edelsten Geschlechter 
Augsburgs (z. B. der Langenmantel, Stolz- 
hirsch, Welser, Ilsung, Peutinger, Imhof, 
Stetten u. A.). Das er s te grosse historische 
Bild 1. stellt Rudolph von Habsburg 
dar, wie er am T.März 1276 die Huldigung 
des Rathes und der Bürgerschaft entgegen- 
nimmt, und deren Rechte und Freiheiten 
bestätigt. — Die Arabesken sind eine Glori- 
ficirung des Fugger -Wappens, die mit dem 
Weberzeichen beginnen und mit der Fürsteu- 
krone endigen. Die darunter befindlichen 
Kindergestalten des Frieses zeigen dieEnt- 
wickelung der Industrie, des Handels, der 
Schifffahrt und des Bergwerkes. — Das 
zweite historische Bild ist der Zeit ent- 
lehnt, in welcher die Kämpfe zwischen 
Ludwig dem Bayer und Friedrich dem Schö- 
nen (1315) entbrannt waren ; die Bürger von 
Augsburg geben dem flüchtig gewordenen 
Kaiser Schutz und Schirm in ihren Mauern. 
Drittes Bild: Gründung der Fuggerei 
(1519). Der Baumeister legt Jakob Fugger, 
um den seine Neffen sich versammelt haben, 
den Plan des Gebäudes vor, seine Gemahlin 
theiltBrod unter die Armen aus. — Viertes 
Bild, Kaiser Maximilian in Augsburg, 
dessen Bürger (Peutinger an der Spitze) 
ihm ihre Huldigung und Kunstprodukte 
darbringen, r. vom Thron Anton Fugger 
und seine Gemahlin (Porträts der jetzigen 
Besitzer des Palais). Fünftes Bild, An- 
ton Fuggor bittet Kaiser Karl V. um Gnade 
für die bedrohte Stadt (1547); neben dem 
Kaiser Kardinal Granvella, Herzog Alba, 
Kanzler Navius und Krieges- Obristen. Die 
Kindergruppen, welche darunter fort- 
laufen, stellen in humoristischen Scenen 
das Aufblühen der Geschlechter und die 
Ausübung des Münzrechtes, die Waffen- 
schmiede- und Goldarbeiterkunst, die Ge- 
schützbohrerei, dann Scenen öffentlicher 
Vergnügungen jener Zeiten, Turnier und 
Scheibensciiiessen, Tanz und Zechgelage dar. 

Die Fugger entstammeu einer armen 
Weberfamilie, welche in Graben (R. 2S), 
vier Stunden von Augsburg wohnte. 13U7 
in die Stadt übersiedelte, durch Leinwand- 
und anderen Handel sich Vermögen, dann 
Reichtbümer erwarben und deren Besitz zu 
Zeiten Maximilian 1. bereits so bedeutend 
war, dass sie diesen Kaiser grosse Summen 
als Hülfsgolder für seine Kriogesfülirungon 
leihen konnten, also die Rotlischildo ilirer 
Zeit. Als Jakob Fugger 1503 zu Hall in 
Tyrol (wo ergrosse Bergwerks-Unternehmuu- 
gen leitete) gestorben war, folgte der Kaiser 
seiner Leiche iu eigener Person. Zwei 



andere Fugger (Raimund und Joh. Jakob) 
standen bei Karl V. in so hoher Gunst, 
dass dieser während des Reichstages von 
1530 bei ihnen im eben beschriebenen Hause 
wohnte und sie in den Grafenstand erhob. 
Als man dem oben genannten Kaiser in 
Paris einst den königlichen Schatz zeigte, 
erwiderte er : .,In Augsburg wohnt ein Weber, 
der kann das Alles mit eigenem Gelde be- 
zahlen". Dieser ,, Weber" hinterliess bei 
seinem Tode ü Mill. Goldkronen baar (nach 
unserem heutigen Werthe des Geldes viel- 
leicht 80 Mill. Thlr.), ohne die Kostbarkeiten, 
Juwelen und Güter in allen Theilen Europa's 
und jenseits der Meere. In den Fürsten- 
stand wurde die Jakobsche Linie im Jahre 
1803 erhoben und ihre Gesammtbesitzungen 
umfassten den Raum von 21 Q.-Meil. und 
47,000 Einw. 

Nicht weit davon der HerJcules- 
Brunnerij 1596 von Adrian de Vries er- 
stellt; die Herkules -Statue, 15 F. hoch 
(18 Ctnr. Gewicht), ist ein Meisterstück 
manirirter Gespreiztheit und verschro- 
bener Stellung. — Die meisten Häuser, 
welche jetzt an der sehr stillen grossen 
Strasse folgen, sind Bankierhäuser be- 
kannter Firmen. Fast am Ende, jenes 
braune Haus r. mit den Karyatiden, ge- 
hört Herrn v. Kisow , dem Verferttger 
der bekannten Lebensessenz. Am Ende 
der Strasse die beiden St. Ulrichs- 
hirchcn (VI. Nr. 15), von denen die vor- 
dere, kleinere, protestantisch, die hin- 
tere,schönegrosse, katholisch ist. Erstere 
wurde 1457 durch einen Orkan voll- 
ständig zerstört, wobei der Pfarrer, 
sein Vikar und viele andächtige Leute 
ums Leben kamen. In der Sakristei 
ein Porträt Luthers von Lucas Cranach. 
Die katholische St, Ulrichs- lind 
AfVa-Klrche, ein spätgothischer Bau 
von 1467 bis 1499, hat ein prächtighoch 
gewölbtes Mittelschiff und sehr niedrige 
Seitenschiffe. Der 320 F. hohe statt- 
liche Thurm endet in einem sehr ge- 
schmacklosen Abschluss. Die Kirche 
wurde auf dem Platze erbaut, wo die 
ersten Christen hiesiger Gegend den 
Märtyrertod erlitten und wo man über 
der Gruft der heil. Atra bereits im 6. 
Jahrli. eine Kapelle errichtet hatte. 
Ihre Einweihung erfolgte iu Gegenwart 
Kaiser Maximilian L Altäre und Bil- 
der sind künstlerisch ohne Bedeutung. 
In der Kapelle des heil. Ulrich ein 



147 



15. Route: Die Stadt Aiigs])ur^. 



148 



elfenbeinerner Eeliquienkasten ; auch 
die Sahristeij welche bei den Wahlen 
Kaiser Ferdinand IV. (1650) und Jo- 
seph I. (1690) zum Konklave diente, 
birgt viele Reliquien. 

Durch die Maximiliansstrasse zu- 
rück bis zum Herkules-Brunnen, hier 1. 
in die Strasse einbiegend zur Ge- 
mälde- Galler ie (PI. Nr. 7). 

Geöffnet: An Sonn- und Feiertagen von 
10 bis 12 Uhr gratis , sonst gegen 24 kr. 
Entröe. Meldung beim Galleriediener im 
Gebäude, eine Treppe hoch. 

Katalog von Prof. Marggraff 24 kr. 

Die königliche (nicht städtische) Ge- 
mälde-Gallerie besteht seit 1836, in welchem 
Jahre sie aus Theilen der alten Münchner, 
Düsseldorfer und Schleissheimer Sammlung, 
sowie aus den die Lokal -Kunstgeschichte 
illustrirenden Gemälden der aufgehobenen 
schwäbischen Klöster zusammengestellt 
wurde. Sie befindet sich in der zu diesem 
Zwecke eigens hergerichteten Kirche des 
ehemaligen Katharinenklosters, aus welchem 
zugleich die für die Augsburger Kunst- 
geschichte wichtigsten Gemälde stammen. 
In der zweiten Hälfte des 15. und ersten 
Hälfte des 16. Jahrb. blühte in Augsburg 
die bedeutendste der schwäbischen Maler- 
schulen und die berühmten Künstlerfamilien 
der Holbein (welche 1516 nach Basel über- 
siedelten) und Burgkmaie r standen im 
Anfange des 16. Jahrb. zugleich mit ihrer 
reichen und patrizierstolzen Vaterstadt in 
voller Blüthe. Sowohl die ihnen voraus- 
gehende Kunstweise, als die durch ihre 
Schule bedingte folgende sind nebst der 
verwandten ülmer Schule in sehr instruk- 
tiven Beispielen in der Augsburger Gallerie 
vertreten. 

Bingangs-Kabine t: Nr. 2 Albrecht 
Alldorf er (aus Regensburg), Die Geburt 
Maria. — Nr. 6 Bans Burgkmaier (1472—1531), 
Christus und Maria, von Engeln und Hei- 
ligen verehrt. Hierzu gehören die beiden 
Elügelbildor Nr. 7, Eine Versammlung von 
Patriarchen, Propheten, Aposteln und Hei- 
ligen; und Nr. 8, eine gleiche Darstellung. — 
Nr. 15 Lucas Cranach (aus Sachsen) , Das 
Opfer des Abraham. Von nicht oberdeutschen 
Meistern beachte man in diesem Zimmer 
Nr. 705 A. Carracci, Der heil. Rochus theilt 
Almosen aus. 

Erster Saal: Die berühmten Haupt- 
bilder dieses Saales von den Holbeins, Burgk- 
maiers 11. ihrenSchülern herrührend, stammen 
aus dem Katharinenkloster, wo sie als sym- 
bolische Repräsentationen der sieben alten 
Hauptkirchen Roms dienten, an welchen 
sich die Klosterfrauen durch besondere 
Gunst des Papstes den im Jahre 1486 aus- 
geschriebenen, für Laien durch den wirk- 
lichen Besuch dieser sieben Kirchen be- 
dingten Ablass erwerben konnten. Sie 
stellen die Geschichte derjenigen Heiligen 
vor, denen diese Kirchen geweiht waren.— 



Nr. 16—18 ■■'■ Hans Holbein d. Aelt. {lim— lb24:), 
Sancta Maria Maggiore, gemalt 1599; wegen 
seinerAlterthümlichkeitfrüher einem Gross- 
vater Holbein zugeschrieben; enthält Dar- 
stellungen aus dem Leben Maria, auf dem 
linken Flügel das Martyrium der heil. 
Dorothea. — Nr. 19 '■'Hans Burgkmaier j Die 
Basilika Sancti Petri (1501). — Nr. 20—22 
'■••Derselbe, Die Basilika San Giovanni in 
Laterano (1502). — Nr. 23 Meister L. F., ein 
Schüler Burgkmaiers, Die Basiliken St. 
Lorenzo und St. Sebastian (1502). — Nr. 
24 Hans Burgkmaier, Die Basilika Santa 
Croce (1504), — Nr. 25-27 ■'■'Hans Holbein der 
Aeltere, Die Basilika von St. Paul , das 
schönste und reichste dieser Bilder. Von dem- 
selben Meister sieht man noch das schöne 
VotivbildNr. 84—86, Die Verklärung Christi, 
Die Speisung der Viertausend und Die Hei- 
lung eines Besessenen (1502). Von den vielen 
schönen oberdeutschen Bildei'n aller Schulen, 
die in diesem Saale aufgestellt sind, bemerke 
man vorzüglich folgende: Nr. 44, 45, 46 
Hans Burgkmaier, Kreuzigung, — Nr. 47, 
48, 49 * Albrecht Altdorf er , Kreuzigung; mit 
einer Verkündigung Maria auf der Rück- 
seite der Flügel (Nr, 50, 51). — Nr. 58 
Augsburger Schule des 15. Jahrh,, Krönung 
Maria. — Nr. 59 G. Giltlinger aus Augsburg, 
Anbetung der Könige. — Nr. 63 und 64 
B. Zeitblom aus Ulm, St. Alexander, St. 
Eventius und Theodulus. — Nr. 65 Lucas 
Cranach, Kreuzabnahme. — Nr. 66—69 
M. Schaffner ans Ulm, Darstellungen aus der 
Leidensgeschichte Christi. — Nr. 79—82 
'^B. Zeitblom, Darstellungen aus der Legende 
des heil. Valentin. — Nr. 87 ■■' Holbein der 
Aeltere, Die Passion Christi. 

Zweiter Saal (enthält meistens nieder- 
ländische Werke): Nr. 99 ■' A. van Gelder, 
Ein Fruchtgehänge. — Nr. 100 J. van Goyen, 
Landschaft. — Nr. 104 A. van Dyck , Ein 
Reiter, vom Rücken gesehen; Studie. — 
Nr. 108 H. M. Zorg , Ein Trinkgelage. — 
Nr. 118 A. van Dyck, Bildnis des Seemalers 
A. van Artveldt. - Nr. 119 * F. P. Rubens 
und Jan Breughel, Diana, welche zur Jagd 
auszieht. — Nr. 120 Jan Steen, Der gekrönte 
Dorfpoet. — Nr. 121 *A. Ouyp, Eine Heerde 
in abendlicher Landschaft. — Nr. 160—163 
* Herrliche Landschaften von G. Huysmans. 

— Nr. 164 Rubens (Atelierbild), Kampf von 
Arabern mit einem Nilpferde und Krokodile. 

— Nr. 167 Jan Lievensz , Diogenes. — Nr. 
169 G. Kneller, Königin Henriette von Eng- 
land. — Nr, 182 ■••Salv. Rosa, Landschaft, 

— Nr. 183 Balth. van der Bässen und J. Fran- 
ken, Herodias mit dem Haupte des Johannes 
beim Gastmahle des Herodes. 

Dritter Saal (hauptsächlich italie- 
nische Werke): Nr, 233 ■■•Gasp. Poussin 
(Dughet), Heroische Landschaft; ein Haupt- 
werk dos Meisters. — Nr, 238 ''•'Salv. Rosa, 
Landschaft. — Nr. 249 J. Bassano, Grab- 
legung. — Nr. 255 ''••Tizian, Die heil. Mag- 
dalena. — Nr. 268 ''-'Salv. Rosa, Landschaft. 

— Nr. 273 Fr. Millet, Landschaft. — Nr. 274 
Moroni, Bildniss der Isabella von Portugal, 
Gemahlin Karls V. — Nr. 275 *SaJv. Rosa, 



149 



15. Route : Die Stadt Au^sbnrg. 



150 



Landschaft. — Nr. 188 ''-'Kicol. Poussin, 
Landschaft. — Nr. 293 Gasp. Poussin, Land- 
schaft. — Nr. 296 "^Fr. Zurbaran, Der heil. 
Franziskus. — Nr. 309 Stradanns, Beweinung 
Christi. — Nr. 313 und 314 Salv. Rosa, Ein 
Schlachtfeld und ein Reiteigefeclit. — Nr. 
321 Lanfranco, Himmelfahrt Maria; ein Bild 
von ungewöhnlicher Höhe. — Nr. 322 
Carracci- Schule, St. Johannes Bapt, —Nr. 362 
Ann. Carracci, Maria mit dem Ivinde. 

Erstes Kabinet (iiauptsächlich ita- 
lienische Bilder): Nr. 382 ■•■Jacques de Bar- 
hanj, Ein Stillleben. Ein Paar Eisenhand- 
schuhe , ein Bolzen' und ein Rebhuhn , an 
einem Nagel hängend. Für die Zeit der 
Entstehung (1504) eine grosse Merkwürdig- 
keit. — Dahinter Nr. 383 ^Leonardo da Vinci, 
Ein weibliches Brustbild von ergreifend 
melancholischem Ausdrucke und wunder- 
barer Durchführung. — Nr. 388 Parmegianino, 
Maria mit dem Kinde und einem Mönche. — 
Nr. 424 Nicol. Poussin, Eine Gartenidj'lle. 

Z weitesKabinet: enthält ausschliess- 
lich Bilder des vorigen Janrhunderts von 
Dietrich, Bugendas, Beich, Qnerfurt, Kobelln.K,, 
und der neudeutschen Schule, wie Wagen- 
hauer, 3fannlich etc. 

Drittes Kabinet (hauptsächlich 
hoUändisclie Gemälde) : Nr. 547 ■•'Rembrandf, 
Die Auferstehung Christi, ein Meisterwerk. 

— Nr. 548 *Js. van Oslade, Das Innere einer 
Bauernhütte, mit einem geschlachteten 
Schwein in der Mitte ; ganz vorzüglich. — 
Nr. 549 *Ad. Brouwer, Bauern in einer 
Schenke; vorzüglich. — Nr. 557 Jayi Wildens, 
Landschaft. — Nr. 564 ^Sim. de Vlieger, 
Küstenlandschaft; ein ausgezeichnetes Bild- 
chen. — Nr. 565 A. Pynacker, Landschaft. 

— Nr. 569 J. van Goyen, Abendlandsohaft. 

Viertes R abinet (gleichfalls hollän- 
dische Meister): Nr. 582 J. Momper, Land- 
schaft. — Nr. 584 u. 586 ='-'Landschaften von 
J. van Goyen. — Nr. 601 ■■'][I. Hobbeina, Land- 
schaft; aus des Meisters früherer Periode. 

— Nr. 620 J. Wynant, Landschaft; aus der 
späteren Zeit des Meisters. — Nr. 603 W. van 
de Velde, Marine. — Nr. 615, 616, 617 Land- 
schaften von Eglon van der Neer. — Nr. 625 
''•■Jak. Euysdael, Landschaft. — Nr. 627 und 
628 Landschaften von C. Poelemburg. — Nr. 
631 J. van Os, Blumenstück. 

Fünftes Kabinet (oberdeutsche 
Schulen): Nr. 652 '"Bildniss eines augsburger 
Patriziers von einem unbekannten, aber 
trefflichen schwäbischen Maler (1523). — 
ür.eGO^AlbyechtDürer, Die betende Maria. — 
Nr. 672 ■'•'Haus Holbein der Jüngere (?), Bild- 
niss einer jungen Frau (klein). — Nr, «■■673, 
*674, '••'675, ■•'676 Hans Holbein der Jüngere {Udll 
bis 1543?), Die Flügel eines grossen Altares 
aus der Katharinenkirche, welche dcrMeister 
noch im Atelier und unter der Aufsiclit 
seines Vaters ausgeführt haben nniss. Sie 
stellen vor: Maria und Anna mit dem Kinde; 
St. Ulrich und Wolfgang; die Marter des 



heil. Petrus; und die Enthauptung der heil. 
Katharina. — Nr. 683 bis 685 Flügelaltar 
von Holbein dem Vater, Kreuzigung , Kreuz- 
abnahme und Grablegung vorstellend. — 
Nr.^ 693 Holbein der Jüngere (?), Brustbild 
Ulrichs von Würtemberg, Herzogs von 
Schwaben, — Nr. 694 -illarf. Schaff ner, Ma.Tia. 
mit dem Kinde. — Nr. 695 ■••Flandrische 
Schule des 15. Jahrh-, St. Hieronymus mit 
dem Löwen. Zwei Theresienordens-Nonnen 
und ein bayerischer Herzog als Donator be- 
finden sich auf dem Bilde. 



Im 3Iaxhnilians - 3Tuseiiui 

(PI. Nr. 17) in der Welserstrasse die nicht 
sehr bedeutende Samvilung des histo- 
rischen Vereines, des naturhistorischen 
Vereines und der Gewerhehalle. Ein- 
tritt tägl. von 10 bis 1 Uhr und 2 bis 
5 Uhr Nachm. (Sonnt, und Sonnabds. 
Nachm. ausgenommen). Karten zu 
24 kl-, für jede Sammlung \x Person bei 
Konditor Braun, D Nr. 32. 

In der (protestantischen) St. Anna- 
hirche (PI. Nr. 6) Bildnisse von Luther 
und Johann Friedrich von Sachsen von 
Lucas Cranach, — die Auferweckung der 
Todten vonBurgkmaier. DieFuggersche 
Kapelle hat viele Monumente. — Im 
Kreuzgang das Grabmal des protestan- 
tisch-russischen Gesandten v. Peterson 
(f 1789 in München, dessen Leichnam 
damals dortselbst nicht beerdigt werden 
durfte, sondern hierher gebracht wurde. 
Im anstossenden St. Annahof die Stadt- 
hihliothelc mit 150,000 Bänden. 

Interessant sind noch der 

Da Hinab, kleine Gasse beim Stephinger- 
thor, durch welche Martin Lutber 1518 mit 
Hülfe des Rathsherrn Christ v. Langen- 
mantel floh (vgl. Hohenschwangau R. 30). 

Die Fur/get-ei (PI. Nr. 13). Grossartige, 
wohlthätige Stiftung der Fugger einen eige- 
nen kleinen Stadttheil bildend mit eigener 
Kirche, 6 Strassen, Brunnen und 53 Häu- 
sern mit 106 Wohnungen , welclie letztere 
an katholische Arme jälirlich ä 2 tl, Mieth- 
zins abgelassen werden. — Wer sich speciell 
dafür interessirt, besuche nocli die vorzüg- 
lichen Wasseviverke mit 3 Thürmen, deren 
Älaschinen stündlich 3000 Eimer Wasser 
geben und fast jedes Haus damit versorgen. 
Auf der Promenade zwischen dem Klinker- 
und W'ertachbrucker-l'hor der Gesundbrunnen 
mit trotYHchem Wasser und alter luscbrift 
von 1547. 



151 



16. Route: Die Bayerische üstl)aliii. 



152 



Die Bayerische Ostbahn. 
16. Route: Von (Leipzig) Eger über Regensbupg nach IViünchen. 

tj^^ Man vergl. Eintritts -Route 6, S. 23. Von Leipzig nach Eger. 

zienser-Klosters das Vermögen desselben 
nur an Gold, Silber und Kleinodien auf 
11 Mill. Gulden taxirt wurde. — Dann 
Mitterteich (Bergkrystalle) ; Wasser- 
scheide zwischen Elbe und Donau. — 



Tägl. 4 Züge, davon 1 Courierzug (nur 
I u. II. Kl. in 71/2 St.) und 1 Personenzug (in 
9 St.) im direkten Aoschluss von Leipzig 
nach München; — ferner 1 Personenzug 
im Anschluss von Kai-lsbad und Marienbad 
nach "Wien (vergl. R. 10) und 1 Güterzug 
mit II. und III. Kl. in 13 St. (Eger-München). 

Zoll -Revision vergl. S. 23. 

Taxen der Pers. -Züge: Von Eger nach 
Baireuth 1. 4 fl. 48 kr. II. 3 fl. 12 kr. III. 2 fl. 
9 kr. — Nach Nürnberg I. 7 fl. 39 kr. IT. 5fl. 6 kr. 
III. 3 fl. 24 kr. — Nach Regensburg I. 6 fl. 
II. 4 fl. III. 2 fl. 42 kr. — Nach München I. 
12 fl. II. 8 fl. in. 5 fl. 21 kr. 

Courierzug-Taxen: 'Eigev-Nürnberg I. 9fl. 
12 kr. II. 6 fl. 9kr. — 'Eger-München I. 14 fl. 
24 kr. IL 9fl. 36 kr. 

Die Bayerische Ostbahn (privilegirte 
Gesellschaft), welche mit ihren Linien 
das ganze östliche Bayern, speciell die 
Kreise Oberpfalz und Regensburg, 
sowie Niederbayern beherrscht und 
durch gute Verwaltung, sowie durch 
äusserst glückliche Anlage für ihre 
Aktionäre sehr befriedigende Eesultate 
erzielt (Aktien stehen Anfang 1868 auf 
119), vermittelt von Norden nach Süden 
den Verkehr zwischen Norddeutschland 
und der Schweiz , resp. Italien und in 
der Richtung von Osten nach Westen 
die Beziehungen zwischen Wien und 
Nürnberg, resp. die zwischen Prag und 
Bayern. 

Gleich hinter Eger (S. 26) tritt die 
Bahn in Bayerisches Gebiet und durch- 
läuft das sogen. Bayerische Sibirien, 
jene rauhe Hochebene, die sich zwischen 
dem Böhmerwalde und dem Fichtel- 
gebirge ausdehnt. R. immer Blicke 
auf die Kuppen des Fichtelgebirges. — 
Folgen die Stationen. 

Waldsassen, Marktflecken mit be- 
rühmter Papierfabrik, ehemals uralte 
Abtei, welche schon seit 1147 die 
Reichs-Unmittelbarkeit u. solche Reich- 
thümer besass, dass ihr Abt Konrad II. 
zum Koncil nach Konstanz mit einem 
Gefolge von 300 Ministerialen zog, und 
dass bei Auflösung ("1803) dieses Cister- 



Wiesau ^ kräftige Stahlquelle , der Pyr- 
monter gleichgeschätzt; Eisenhammer. 

— Beutli. — Windisch- Eschenbach mit 
sehenswerthem Schloss. — Neustadt 
a. d. Waldnah, angeblich Geburtsort 
des Komponisten Gluck (?), Quarz-, 
Zinnober- und Frauenglasbrüche. Hier 
tritt die Bahn in das Thal der Waldnab, 
in welchem sie bis Schwandorf bleibt. 
Der auffallende Felsen r. ist der Basalt- 
kegel von ParJcstein (Schlossruine). — 
Weiden, kleines lebhaftes Städtchen 
(2500 Einw.) in Mitte weiter, grüner 
Auen , woher der Name ; Salpetersiede- 
reien, Jaspisgruben. 

Hier Abzweigung (nordwestlich der 
Osthahn nach Baireuth; Fahrzeit 2 St., 
tägl. 3 Züge. Durch den Parksteiner Wald 
Stat. Parhsteinhütten , r. der merkwürdige 
Basaltkegel des Parhsteins ; — Pressath ; — Tra- 
hitz ; — Kemnath-Neusladt; das Städtchen 
Kemnatk (1500 Einw.), mit Eisengruben, 
Schmelzwerken, Eisenhämmern, Drahtfabri- 
ken und Polirwerken, liegt 1/2 St. nördlich. 

— Kirchenlaibach. — Seibothenreulh , wo im 
Sommer 1866 jenes für Bayern so traurige 
Gefecht in Folge eines Missverständnisses (!!) 
stattfand. Den Bayern war nämlich ein 
Friedens&chluss telegraphirt worden, der je- 
doch thatsächlich nicht stattgefunden hatte; 
in Folge dieser falschen Nachricht wurde 
ein Bataillon, das wenig Tage vorher 
München frisch und vollzählig verlassen 
hatte, fast ganz aufgerieben. — Baireut]i 
S. 57 bis 62. 

Von Weiden aus bleibt die Bahn 
fortwährend im Thale der Waldnab, 
welche sich vor der nächsten Stat. Luhe 
mit der Heidenab vereinigt und von 
nun an die Nab heisst, die oberhalb 
Regensburg in die Donau fliesst. — 
Wernberg mit Serpentinbrüchen. — 
Pfreimt, im Franziskaner - Hospital die 
Gruft der Landgrafen von Leuchtenberg, 
Schloss. — Nabburg mit Flussspath- 
bruch. — Schioarzenfeld, Hammerwerk, 



153 16. Route : Von (Leipzig) Eger über Regensburg nach München. 154 



Spiegelglas-Fabrik, Bleiglanzgruben. — 
Irrenlohe, Bifurkation der Bahn nord- 
westlich über Amberg nach Nürnberg 
(S. 160 bis 156). 

Schwandorf ^Pos«>, aufblühendes 
Städtchen am Knotenpunkt der Baye- 
rischen Ostbahn. Wallfahrtskirche. 

Von hier über Fürth nach Prag, Ein- 
tritts -Ronte S. 34 bis 30. 

Hinter Stat. Klardorf verlässt die 
Bahn das Thal der Nab und tritt bei 
Begenstmif., sowie sie den Regen übei'- 
schreitet, in das Thal desselben, in 
welchem sie bis Eegensburg bleibt. — 
Vorher Stat. Ilaidhof, Bahnhof für 

1/2 St. westl. Burglengenfeld, Städtchen 
mit 2000 Einw., ausgezeichnet schöner 
Schiossruine, Eisenschienen-Fabrikation und 
Braunkohlengruben, 

Tonholz; — Begenstavf , Brücke 
über den stattlichen Regen ; bald darauf 
wird r. Regensburg und das Thürmepaar 
des Domes sichtbar. — Wutzlhofen. — 
L. in einiger Ferne Donaustauf und die 
Walhalla (S. 169 bis 173). Hinter Stat. 
Walhallastrasse geht die Bahn mittelst 
schöner Brücke (aus den MafFei'schen 
Eisenwerken in Regensburg) hoch über 
die Donau und in grossem Bogen in den 
Bahnhof von 

Regenshiirg' (s. 159 und ff.). 

Eisenbahn nach München 20V& Meil., 
tägl. 4 Züge, Courierzug in 4 St., Personen- 
zug in 5 St. Taxen nach München: Per- 
sonenzüge T. 6 fl. 3 kr. II. 4 fl. 3 kr. 
Schnellzüge I. 7 fl. 18 kr. II. 4 fl. 54 kr. 

Da Regensburg Kopfstation ist, so 
fährt man nach 5 bis 7 Min. Aufenthalt 
denselben Weg, den man gekommen, 
eine Strecke zurück, bis die Bahn nach 
München südöstlich abzweigt. L. noch 
immer Blick auf die Walhalla. Folgen 
die Stat. Obertrauhling , Mangolding, 
Moosham, Taimering , Sünching und 
Cfeiselhöring", Knotenpunkt für die 
Bahnlinie Passau - Wien (R. 19). Die 
Bahn nimmt nun entschieden südwestl. 
Richtung an, bleibt bis ISCAifahrn im 
Thal der Kleinen Laber und geht von 
dort in entschieden südl. Richtung über 
Ergoldshach und ßfirsJcofcn nach 

Landshnt anderlsar, 13,000 Einw. 

H6tols: II. Ber)dochner. — Kronprinz. — 
n, I>rexelmaier. — Fost. — Beim litoscrbrän. 



Post: Nach Altötling S^i Meil. in 81/2 St. 
tägl. Abds., 2 fl. 33 kr.; — nach Ingolstadt 
101/2 Meil. in IOV2 St., Mittags, 3 fl. 9 kr. 

Von Herzog Otto, dem ersten Witteis- 
bacher, ,,an dem einzigsten und lustig- 
sten Orr, fast mitten in Bayern als des 
Landes Wart, Schutz und Huth" er- 
baut, entzückt es heute wie damals 
durch seine reizende Lage, welche die 
Bewohner gern mitdervonHeidelberg(!) 
vergleichen. Die Stadt erinnert durch 
ihre Giebelbauten und durch alterthüm- 
liches Gepräge vielfach an die nord- 
deutschen Hansestädte. Von den zehn 
Kirchen sind beachtenswerth : St. Jodo- 
cus (Mittelschiff und Thurmuntevbau 
von 1338 bis 13eS), — äie Heilige- Geist- 
oder SpitalJcirche (14:07 bis 1461, schlich- 
ter Hallenbau) und die *St. Martins- 
Jcirche, ein Meisterwerk von 1407 bis 
1477, deren Pfeiler von nur 3 F. Durch- 
messer in kühner Schlankheit ohne 
Gleichen emporsteigen; vom Bahnhofe 
aus sichtbarer Thurm (bei 454 F.), der 
derhöchstein Bayern ist und gegenwärtig 
überhaupt nur vom Strassburger Mün- 
ster (480 F.) und der St. Peterskirche 
in Rom (487 F.) übertroffen wird. 

Vergleiche: Die Thürme des Kölner 
Domes, wenn sie einst fertig sein werden, 
messen 486 F., der Stephausthurm in Wien 
435 F., Antwerpener Dom 406 F., Freiburger 
Münsterthurm 396 F., Magdeburger 334 F., 
Frauenkirche in München 336 F. 

Die Kirche, 315 F. laug, 83 F. breit, 
gegen 100 F. hoch, wird von Pfeilern ge- 
tragen, die nur 3 F. Durchmesser haben; 
diese steigen also in einer kühnen Schlank- 
heit ohne Gleichen empor, die der Inncn- 
wirkuug, in Verbindung mit dem leichten 
Netzgewölbe, welches sie spielend über- 
spannt, einen wundersam phantastischen 
Reiz giebt. Kugler, Baukunst. 

Stattliches Portal; *Kanzel und 
Hochaltar von 1422. Alle drei Kirchen 
sind Backsteinbauten. Am Oberpost- 
Amte alte, jetzt erneuerte Fresken, 
Bildnisse bayerischer Regenten, von 
Otto I. bis Maximilian I. — 1803 wurde 
die Ingolstadter Universität nach Lands- 
hut, 1826 von hier nach ^München ver- 
legt ; dem Stifter derselben, Ludwig dem 
Reichen (f 1479) , errichtete König 
Ludwig L ein Denkmal in Landshut. — 
Die uralte Burg *Transnitz überragt 
die Stadt und verleiht der ganzen 



155 



n. Boute: Eisenbahn von Würnlberg nach Regenshtirg. 



156 



Gegend einen malerischen Charakter. 
Otto d. G-r. erbaute sie 1180, und glän- 
zende historische Erinnerungen haften 
an ihr; hier wurde der letzte Hohen- 
staufe Konradin (1272) geboren, von 
hier trat er über Hohenschwangau 
(R, 30) seinen unglücklichen Feld- 
zug nach Italien an; hier sass, von 
seinem eigenen Sohne Ludwig VIII., 
dem Höckerigen, gefangen gehalten, 
Ludwig der Bärtige bis zu seinem Ende. 
Die Trausnitz war Residenz der reichen 
und lebensfrohen Herzoge von Bayern- 
Landshut bis zum letzten Georg, 1503 ; 
auf der Trausnitz endlich wurde auch 
Kurfürst Maximilian I. geboren. In den 
ehemaligen Wohnzimmern des statt- 
lichen Fürstensitzes viele interessante 
allegorische Fresken aus dem Ende des 
16. und Anfang des 17. Jahrh. Schöne 
Ausblicke ins Isarthal. Jenseits der 
Isar das Nonnenkloster Seligenthal mit 
derfrühgothischenAfrakapelle;Pürsten- 
gruft der Herzoge von Niederbayern 
1259 bis 1579. 

Landshut ist wie Regensburg Kopf- 
station und man fährt auf demselben 
Wege hinaus, wie man hineinkam. Die 
Bahn bleibt nun in der Ebene der Isar, 
welch letztere jedoch selten zu sehen 
ist. — Stat. Brucliberg , Grenze von 
Ober- und Niederbayern. 640 P. lange 
Gitterbrücke über die Amper (Abfluss 
des Ammer-Sees, R. 36). Kurz vorher 
r. Schloss /sarcc/c (gehört Graf la Rossee). 
Starker Hopfenbau ; sehr wohlhabende 
Gegend. — Stat. Mooshurg , Städtchen 
von 2000 Einw. — Langenhach. 

Nördlich ilas Schlachtfeld von Gammels- 
dorf, wo 1313 Ludwig der Bayer (nach- 
maliger deutscher Kaiser) den glänzenden 
Sieg über Friedrich den Schönen von Oester- 
reich erfocht. Als man nach der Schlacht 
im königlichen Zelte sich an Speise und 



Trank laben wollte , waren nur Eier vor- 
handen, und zwar eins mehr, als Gäste da 
waren; Ludwig vertheilte dieselben, indem 
er für sich nur ein Ei nahm , aber seinen. 
Feldherrn Schweppermann auszeichnete und 
ihm deren zwei gab. 

Freising-j 7000 Einw. (Hotel Spor- 
rer. — Pflug), uralte römische Ansiede- 
lung (soll um. 444 schon eine Kirche 
gehabt haben) mit reicher Geschichte 
des einst so glänzenden Fürst -Bisthu- 
mes gleichen Namens, das Münchens 
Entfaltung so energisch zu hindern 
wusste (vergl. R. 33), jetzt stilles Städt- 
chen, am Fusse des Domberges. Der 
*Dom, romanischer Bau, 1160 begonnen, 
mit zierlichem Portal und sehr ansehn- 
licher Krypta. 

Eine der merkwürdigsten und eigen- 
thümlichsten Anlagen dieser Art, von 3mal 
8 freistehenden Säulen getragen; eine der- 
selben ist völlig mit bildnerischer Arbeit 
überdeckt , einen Kampf von Männern mit 
krokodilartigen Ungeheuern darstellend, 
ein dichterisches Phantasiespiel. — Chor- 
Altarblatt von Rubens (?). — Grabstein des 
Thorwarts Otto Seemoser, des Brodspenders. 

Auf dem nahen Berge die ehemalige 
Benediktiner - Abtei , jetzt berühmte 
landwirthschaftl. Lehranstalt Weihen- 
stephan (1803 säkularisirt). Am Wege 
bezeichnet eine Gedenktafel den Ort, 
wo St. Corbinian (der Apostel dieser 
Gegend), erster Bischof von Preising, 
724 seine erste Zelle erbaute. — Folgen 
die Stationen Neufahrn , Lohhof und 
*SchleiSSlieim5 königliches Lust- 
schlossmit berühmter Gemälde-Gallerie 
(Näheres : Umgebung von München 
R. 33), auch landwirthschaftliche Lehr- 
anstalt. R. das Dachauer Moos mit den 
Kolonien Augusten- und Karlsfeld. — 
Stat. Feldmoching. In der weiten Ebene 
tauchen München und das königliche 
Lustschloss Nymphenburg auf. Weiteres 
R. 33. 



17. Route: Eisenbahn von Nürnberg nach Regensburg. 



181/2 Meil. Bayerische Ostbahn. 
Tägl. 4 Züge; davon 1 Courierzug mit 32/3 St. 
Fahrzeit. — Dio Personenzüge mit 42/3 bis 
5 St. Fahrzeit. 

Taxe: L 5 fl. 33 kr., II. 3 fl. 42 kr., 
IIL 2 fl. 30 kr. — Courierzug 20 0/0 theuerer. 
— 50 Pfd. Freigepäck blos im Verkehr mit 



den österreichischen, sächsischen und der 
rheinischen Bahn. 

Diese Bahn bietet während der 
Fahrt manche landschaftlich -genuss- 
reiche Strecke dar 5 namentlich durch- 
schneidet man einen Theil des so reich- 






157 



n. Eotite: Eisenbahn von Nürnberg nach Eegenshnrg. 



158 



ergiebigen bayerischen Hopfenlandes, 
dessen Produkte in manchen Jahren 
bedeutenden Gewinn abwerfen. In 
Nürnberg befindet sich im grossen 
Staatsbahnhof 1. der Ostbahnhof. So 
wie der Zug denselben verlässt, tauchen 
1, im Rückblick nochmals die Kaiser- 
burg (S. 123) und die altersgrauen 
Thürme der Stadt auf, dann 1. die Vor- 
stadt Wöhrd mit den v. Gramer - Klett- 
schen Eisen - "Werkstätten und r. das 
dem Ultramarin - Fabrikanten Zeltner 
gehörige Schloss Gleishammer. Weiter, 
im Vorblick r. der grünbewaldete 
SchmausenhucTc y auch Licdiaigshöhe ge- 
nannt, ein Lieblings -Spaziergang der 
Nürnberger. ■ — Hinter Stat. Mögeldorf 
tritt die Bahn in den früher der Stadt 
Nürnberg gehörenden, jetzt königlichen 
Laureniiüoaldj der 1., jenseits der Peg- 
nitz (deren Lauf die Bahn folgt) an den 
Schulder Wald grenzt. — L. Schlösschen 
Unterhurg. — Schon bei Stat. Böthen- 
hach zeigt sich 1. im Vorblick die zur 
Ruine zerfallende ehemalige Bergveste 
Bothenberg j einst Besitzung der Grafen 
V. Zollern, 1703 geschleift, 1740 wieder 
restaurirt und seit 1839 dem Verfall 
preisgegeben. — Folgt das Städtchen 

(2V5 Meil.) Lauf mit 3250 Einw., 
die starken Hopfenbau und Handel trei- 
ben ; ausserdem Eisenhämmer u. Spiegel- 
glas-Schleifereien. Für eine Strecke 
läuft die Bahn meist durch Waldung, 
welche die Aussicht verdeckt. — Bei 
Stat. Ottensoos erhebt sich r. der 3foritz- 
herg , 1811 F. üb. M., mit Kapelle, ein 
besuchter Aussichts - Punkt. L. die 
schon genannte Ruine Rothenlerg und 
näher der Ilansgörgelberg (1770 F. üb. 
M.), von Botanikern besucht. Hier 
betritt man das mittelfränkische Hopfen- 
Paradies, denn ein wahrer Wald von 
Hopfengärten folgt in ununterbrochenem 
Anschluss. Das Produkt derselben 
wird in 

(3Vj„ Meil.) Hcrshruck (Gasth.zur 
Po&t) , einem malerisch zwischen schön 
bewaldeten Hügeln gelegenen wohl- 
habenden Städtchen, dem Hauptmarkt- 



plntzo des mittelfränkischen Hopf( 
handeis, verwerthet. In der Kirche 



ein Altarblatt, angeblich von Michael 
Wolgemut, L. der schöne Mickeisberg 
mit Schlösschen, jetzt Feuerwache. — 
Die Bahn steigt durch den schönen 
Thalgrund der Pegnitz aufwärts, wo 1. 
(nördl.) der Eingang in das obere Peg- 
nitzthal zur sogen. Nürnberger 
Schweiz sich öffnet, 

Exkursion nach der Ruine Höllenstein, 
oder über Velden, Beizenstein und Pollensteiu 
(S. 8!)) in die Fränkische Schweiz 
nach Tüchersfeld (S, 90) und Gössweinstein 
(S. 89). 

R, der Hohbürg mit alten Schanzen, 
1. die hochgelegene Ruine Lichtenstein. 
Von Schritt zu Schritt wird die Gegend 
malerischer und die Bahn dringt all- 
mählig tiefer in die Berggruppen ein. 
Bei Stat. Hartmannsdorf verlässt die- 
selbe Mittelfranken und tritt in die 
Oberpfalz ein. — Nachdem die Linie 
mehrmals den forellenreichen Eiesbach 
überbrückt hat, kommen malerische 
Felsenpartien zu beiden Seiten, durch 
welche die Bahn in grossen Kurven 
sich hindurchwindet. — Bei '$>isit.Etzel- 
u-ang thronen auf steiler Anhöhe die 
Schlösser Etipprechtstein und Neidstein, 
schmückende Episoden der Gegend, ge- 
hoben durch prächtige Laubwaldungen. 
Allmählig steigt die Bahn zur Stat. 
Keiüdrchen und erreicht die Wasser- 
scheide zwischen Main und Donau. • — 
Spärlich bewaldete Gebirgsgegend, 

(72 5 Meil.) Snlzbach (Gasthaus 
zur Krone) , Städtchen mit 5300 Einw. 
und grossem Schlosse, einst Residenz 
der gleichnamigen Herzoge, jetzt Straf- 
anstalt für weibliche Züchtlinge, In 
dem alten schönen Rathhause aus dem 
Anfange des 15. Jahrh. ein sehr altes 
Bild des heil, Magnus, Patrons der 
Bergleute. In der Umgegend Eisen- 
steingruben der Maxhütte bei Regens- 
burg. Gute Aussicht vom hochgelegenen 
Lochgarten (Restauration), 

In grossem Bogen umzieht nun die 
Bahn den 1. liegenden felsigen Eoscn- 
berg; plötzlich zeigt .sich Sulzbach 
nochmals mit dem St. Annaberge, einen 
recht freundlichen Anblick gewahrend. 
Bei Stat, Bosenherg zwei grosse Höh- 



159 



18. Route: Regensl3urg und die Walhalla, 



160 



Öfen der Maxhütte, üeber Ältinanns- 
hof nach 

(9 Meil.) Amberg, 12,300 Einw. 

Gasthöfe: Wilder Mann. — Ffälzer Hof. 
— Goldener Löwe, 

Hier ist die grosse Gewehrfabrik 
etablirt, in welcher Bayern seine vor- 
trefflichen Militär - Gewehre fertigen 
lässt. In der St. MartinsTcirclie einige 
gute Altarblätter (Crayer) und inter- 
essante Grabmale, unter denen nament- 
lich das Mausoleum des Kurfürsten und 
Pfalzgrafen Rupert II. (f 1396) Beach- 
tung verdient. Im gothischen, 1490 
erbauten Bathhause ein steinerner Tisch, 
Geschenk der Nürnberger vom Jahre 
1596. — In der Kirche St. Georg (1359) 
ein Altarblatt, Kreuzabnahme aus 
Eubens Schule. — Von der hoch oben 
am Berge gelegenen Wallfahrtskirche 
Mariahilf (mit Wirthschaft) umfassende 
Aussicht. — Hier wird die Vils schiff- 
bar; früher, in voreisenbahnlichen 



Zeiten, war der Verkehr auf derselben 
mit Regensburg ziemlich bedeutend. 

Blutiges Treffen am 24. Aug. 1796 auf 
der Witzelhofer Saide und Sprengung meh- 
rerer französischer Quarre'e unter General 
Jourdan durch die Kürassiere des Erzherzogs 
Karl von esterreich. 

Auf der Bahn weiter; r. unten die 
Strafanstalt und Gewehrfabrik. Ueber 
das Vilsthal , durch Wald , an der Stat. 
Freihöls vorbei nach 

(12 Meil.) Irrenlohe, wo nördl. die 
Bahn nach Eger (S. 153) und (mittels 
der Stat. Weiden) nach ßaireuth(S. 152) 
abzweigt. L. der Marktflecken Schioar- 
zevfeld mit der hochgelegenen Wall- 
fahrtskirche Mirsherg. Auf einer 540 F. 
langen GitterbrücUe über die Nah zur 

(12V2Meil.) Hauptstation Schwan- 
dorf (S. 153). 

Nach Eger (S. 153 bis 151) und Leipzig-. 
Eintritts -Route 6 (S. 26 bis 24). 

Nach Prag: Eintritts -Route 8, S. 34 
bis .'50. 

Nach Kegensburg S. 153. 



18. Route: Regensburg und die Walhalla. 



Gasthöfe : *■ Goldenes Kreuz, Zimmer 48 kr., 
T. d'h. 1 fl., Frühstück 21 kr., Service 18 kr. 
(vergl. auch S. 161). — * Weisser Hahn, un- 
weit der Donaubrücke am Landeplatz der 
Linzer Dampf boote, Zimmer 48 kr., T. d'h. 
42 kr., Frühstück 24 kr. — Kronprinz, gleiche 
Preise. — IL Klasse: Zu den drei Helmen. 
— ■■'Grüner Kranz. — Nürnberger Hof, zu- 
nächst am Bahnhof. — JPost. 

Regensburger Wurslküche, originelle Re- 
stauration unweit der grossen Donau- 
brücke, in welcher nur "Würste, diese aber 
vorzüglich, verabreicht werden. 

Bäder: Schwimmschule 6 kr. 

Stellwagen nach Kelheim und Walhalla. 

Fiaker (Zweispänner) 1 oder 2 Pers. pr. 
1/4 St. 18 kr.; 1 St. 1 fl. ~ 3 oder 4 Pers. 
1/4 St. 24 kr. ; 1 St. 1 fl. 12 kr. Nach Karthause 
Prüll 2 Pers. 24 kr., 4 Pers. 36 kr. — Nach 
der Walhalla 2 Pers. 2 fl., 4 Pers. 2 fl. 12 kr. 

Droschken: (Einspänner) nur für 2 Pers. 
pr. 1/4 St. 12 kr., 1 St. 42 kr. Nach Wal- 
halla 1 fl. 30 Icr. — Vom Landungsplatz der 
Dampfschiffe nach der Stadt 15 kr. Koff'er 
über 20 Pfd. G kr. 

Regenslblir^ (30,357 Einw., 1042 
F.üb.M.), in einer schönen Thalerweite- 
rung an der hier schon mächtigen Donau, 
welche den Regen aufnimmt, ist nächst 



Nürnberg inlokal-historischerBeziehung 
eine der interessantesten Städte Süd- 
deutschlands und repräsentirt in seiner 
Architektur das frühere Mittelalter, wie 
Nürnberg das spätere und den TJeber- 
gang zur Renaissance. Uralte Römer- 
ansiedelung (Castra Regina); von hier 
gingen die ersten Strahlen des Chidsten- 
thums über Süddeutschland auf. Seit 
dem 8. Jahrh. Sitz des vom heil. Boni- 
fazius gestifteten Bisthumes, hat sich 
wohl nirgends mehr so die Spur des 
Krummstabes erhalten, wie gerade hier. 
Durch den Donauhandel schwang sich 
Regensburg rasch zu hoher Blüthe 
empor ; als freie Reichsstadt seit dem 
13. Jahrh. wurde hier 1663 bis 1806 
ständig die Reichsversammlung abge- 
halten. Im Frieden von Luneville kam 
es an den Fürst- Primas Karl von 
Dalberg. — 1809 blutige Schlacht zwi- 
schen Franzosen und Oesterreichern ; 
1810 fiel es au Bayern. Heute noch resi- 
dirthier der Ex -Krön - Oberpostmeister 



161 



18. Route: Regensbnr^. 



162 



Fürst Thurn und Taxis, der sich ebenso 
wie seine Ahnen manche Verdienste um 
die Stadt erworben hat und durch seine 
Hofhaltung, wie durch das grosse Be- 
amtenpersonal viel zur Belebung der 
Stadt beiträgt. 

Regensburg bietet dem oberfläch- 
lich Neugierigen wenig Sehenswerthes: 
enge, alte, krumme Strassen, unbe- 
deutende Plätze, wenig auffallend schöne 
Häuser, viel Kirchen, unter denen jedoch 
nur der Dom als imponirende Merk- 
würdigkeit für Jedermann hervorragt 
und damit Punktum. Für Denjenigen 
jedoch , der deutsches Städteweseu und 
Bürger thum des Mittelalters studiren 
und belebende Illustrationen zu manchem 
wichtigen Stück deutscher Kultur- und 
Staatengeschichte haben will, wer in 
der Urkundensprache alter Mauern und 
Bildwerke zu lesen versteht, dem öffnet 
sich hier, wie in nicht gar vielen anderen 
Städten, ein reichliches Material. 

Der Fremde hat Mühe, sich in den 
winkligen und ziemlich unsauberen 
Strassen zurecht zu finden; Lohndiener 
sind deshalb unentbehi*lich. Eine auf- 
fallende Eigenthümlichkeit der Archi- 
tektur, die der ganzen Stadt Charakter 
gibt, sind die alten Wartthürme, welche 
an vielen alten Häusern aufsteigen. 

Beim Goldenen Kreuz, alter 
Gasthof, historisch interessant als 
Schauplatz der romantischen Liebe 
zwischen der schönen Wirthin Barbara 
Blomberg und Kaiser Karl V., welcher 
der berühmte Kriegsheld Don Juan 
d'Austria entspross (man sehe die In- 
schrift am Gasthof), steht man auf 
historischem Boden. Hier auf dem 
Haidpiatz fand der berühmte Kampf 
zwischen Hans Dollinger und dem heid- 
nischen Ritter Krako statt (man sehe 
weiter unten), ebenso die Enthauptung 
des kaiserlichen Generals Schaflgotscli 
wegen Antheil an der Wallensteinschen 
Verrätherei. 

Im Thon- Dittmer sehen Hause auf 
demselben Platze die Sammlungen des 
historischen Vereines, desgleichen der 
zoologischen, mineralogischen und bota- 
nischen Vereine. In der ehemaligen 

Eerlepsch' Süd -Deutschland . 



Stadtwaage daselbst die Bihliotheh mit 
60,000 Bänden und manchen Selten- 
heiten. Dann weiter gegen Osten zum 
JRathhcttlS ; interessant der grosse 
*Reichssaal, in welchem die Reichstage 
von 1663 bis 1806 stattfanden; alter, 
schmuckloser Raum, aber durch grosse 
schöne Verhältnisse imponirend. Die 
Kurfürsten- Zimmer haben hübsche Ge- 
täfel und gestickte Tapeten aus dem 14. 
Jahrh. In einem Zimmer neben der Tri- 
büne des Reichssaales eine * Sammlung 
von Modellen berü^imter Regensburger 
Bauten, unter denen namentlich die der 
Kirchen (architektonisch interessant 
der Dachstuhl der Dreieinigkeits-Kirche, 
in welcher ein ganzer Wald stecken 
soll, was man hier sieht und glaubt), 
der Brücke in ihrer ersten Gestalt mit 
ihren Thürmen u. a. m. — Gezeigt 
werden im Rathhaus noch die unter- 
irdischen Gefängnisse, r. die an 
Marterwerkzeugen reiche FolterTcammer 
(18 kr. Trinkgeld). — Gegenüber das 
Dollingerhaus , in welchem ein schöner 
Saal mit Erinnerungen an den Kampf 
zwischen Dollinger und Krako; die 
Lanze, mit der der heidnische Riese 
durchbohrt wurde, zeigt man noch. Die 
freundlichen Besitzer des Hauses ge- 
statten gern auf vorherige Anfrage die 
Besichtigung des Saales. 

Weiter östl. das Haus zum Goliath, 
kenntlich an dem auf die äussere Wand 
gemalten Freskobilde ; dann am Bischofs- 
hof vorbei (hier starb Kaiser Max II. 
1576) zum herrlichsten Kirchenbau, 
dem weltberühmten *Doin ZU St, 
JPeter. Dies Meisterwerk deutscher 
Architektur wurde 1275 angefangen, 
aber erst 1634 vollendet. 1838 gab 
König Ludwig I. den Befehl zur Re- 
stauration des Domes und wies die 
dazu nöthigen Geldmittel an. Die 
prachtvollen gemalten Glasfenster waren 
stellenweise defekt geworden; man 
nahm sie heraus (gegenwärtig sind sie 
eine der Hauptzierden in der gothischen 
Abtheilung des National- Äluseuras zu 
München) und ersetzte sie durch neue, 
welche in der königlichen Anstalt zu 
München gefertigt wurden. Das be- 
6 



165 



18. Boute: Regeiisburg. 



IGG 



deutendste Moment der Restauration 
war der vollständige Ausbau der un- 
vollendet gebliebenen prächtigen gothi- 
schen Thürme unter Denzingers Lei- 
tung. — Im Inneren zeichnet sich der 
Bau durch seltene Einfachheit und 
einheitliche Durchführung des Grund- 
gedankens aus. Von grosser schmücken- 
der Wirkung sind die steinernen Altäre, 
namentlich der auffallend schöne Hiero- 
nymusaltar unweit des alten Schöpf- 
brunnens, der eine seltsame Zierde 
dieses Gotteshauses ist. Von hervor- 
ragender Schönheit und zierlichster 
Ausführung sind die Steinhauerarbeiten 
an diesem Altar, sowie am Brunnen 
und an der fortlaufenden Gallerie. Unter 
den zahlreichen Grabmälern sind 
besonders die der Bischöfe Johann 
Michael Sailer (t 1832), Wittmann (f 
1833) und Schwäbel (f 1841) vom Bild- 
hauer Konrad Eberhard, — des Fürst- 
Primas Karl Theodor von Dalberg (des 
letzten Kurfürsten von Mainz, späteren 
Grossherzogs von Frankfurt , des ver- 
trauten Freundes von Goethe, Herder 
und Schiller, 11817), — derMargaretha 
Tucher, eine schöne Erzgussplatte von 
Peter Vischer, — u. des Bischofes Heinr. 
V. Absberg. — Der Hochaltar, eine 
Fuggersche Stiftung, ist ganz von Sil- 
ber überdeckt; 1. davon gipfelt sich das 
zierliche Sakramentshäuschen. In der 
Sakristei r. derDomschatz mitReliquien 
und Kostbarkeiten. — Der prachtvolle 
*Kreuzgang schliesst den alten 
Dom von St. Stephan und die Aller- 
heiligen-Kapelle ein. In ersterem, aus 
dem 8. Jahrh, stammenden Bau (von 
höchstem Interesse für die Kunstge- 
schichte), ein *Altar, ursprünglich heid- 
nischer Opferstein, der schon im 6. 
Jahrh. für den christlichen Gottesdienst 
benutzt worden sein soll; eines der 
ältesten deutschen Skulpturwerke. 

H^Q Allerheiligen- Kapelle wurde ur- 
sprünglich als Mausoleum für Bischof 
Hartwich II. (1155 bis 1164) gebaut. 
Im Kreuzgang viel römische und deutsclie 
Alterthümer^ darunter ein merkwürdiges 
Astrolabium. 

Man versäume nicht, den Dom von ! 



Aussen zu umgehen, und namentlich 
das schöne , im Dreieck vorspringende 
^Portal, sowie den hohen Sockel zu be- 
trachten, beide in dieser Weise selten 
vorkommende architektonische Origina- 
litäten. — An der Südseite in einem 
Stein das gebrocheneKreuz, das Zeichen 
Meister Boritzers, des sagenhaften Dom- 
baumeisters. — Neben dem Dom, die 
durch ihre Architektur (Uebergang vom 
romanischen Styl zur Gothik) inter- 
essante, gegenwärtig in Restauration be- 
findliche Kirche St, Ulrich. — In der 

Kirche St. Diouys ZU Obei'- 

niünster ist ein vorzüglich schöner 
Altar, 1534 von der Aebtissin Wandula 
errichtet, sehenswerth. 

Zu Aeusserst am südl. Ende der 
Stadt liegt die ehemalige gefürstete 
Reichsabtei (Benediktiner - Kloster) 
St. Emeraiilf eines der ältesten 
geistlichen Stifte Deutschlands, der 
früheste kirchliche Mittelpunkt Bayerns^ 
schon um 652 gegründet und durch 
Karl d. Gr. in seinen Besitzungen be- 
deutend erweitert. Wie man den, aus 
zwei vor einander liegenden Kirchen 
und vielen anderen Gebäulichkeiten be- 
stehenden Komplex heute erblickt, kann 
man sich nicht wohl eine Vorstellung 
von dessen einstigerEinrichtuug machen; 
im Laufe der Jahrhunderte wurde so 
ausserordentlich viel um-, an- und 
hineingebaut, rekonstruirt und abge- 
tragen, dass man jetzt nur noch einzelne 
interessante Bruchstücke zu besichtigen 
hat. — Vom St. Emeramsplatz aus , auf 
welchem die Bronzestatue des Bischofes 
J^lichael Sailer steht, durch eine mit 
alten Fresken bemalte Mauer in den 
Kirchen-Vorhof. In der Vorhalle steht 
ein sehr alter steinerner Rundsessel und 
das Grabmal Johann Aventins , des be- 
rühmten Humanisten und Historikers 
im 16. Jahrh. (f 1534, sein Hauptwerk 
sind die Annales Bojorum). — Die vor- 
dere Kirche ist unbedeutend. Die un- 
mittelbar daran stossende grössere, 
ursprünglich eine rom.anischo Pfeiler- 
Basilika, ist durch die geschmack- 
losesten Äfalereien und Ornamente gänz- 
lich entstellt. 

6* 



167 



IS. Route: RegensMrg". 



1G8 



Von bedeutendem .kunsthistorischen 
Werth sind im Seitenschiff 1. der Stein- 
sai'Tcophag , welchen Heinrich der Hei- 
lige (vergl. Bamberg S. 78) schon bei 
Lebzeiten sich hatte machen lassen ; auf 
dem Deckel seine lebensgrosse Gestalt 
in Porträt-Aehnlichkeit. — Der auf vier 
ganz niedrigen Säulen flach, tischartig 
ruhende Grabstein der Aurelia, der 
Tochter Hugo Capets (1335 errichtet)^ 
von Weinlaub-Guirlanden umgeben. — 
Grabstein von Arnulvus I. Dux Bajuva- 
riorum aus dem Jahre 937. — Grabmal 
des Grafen Warnmundus von Wasser- 
burg aus dem Jahre 1010.^ — -Im Seiten- 
schiff r., die mit einem sargartigen Eisen- 
gitter überdeckte Tumba des heil. 
Emeram (mit der Figur). 

An die Kirche schliesst sich der 
Kreuzgang, der bezüglich seiner Schön- 
heit und vortrefflichen Erhaltung wohl 
nur von dem am Dome zu Trier befind- 
lichen übertroffen wird. Er umschliesst 
die Familiengruft und Grabkapelle des 
Fürsten von Thurn und Taxis, in den 
dreissiger Jahren vom Architekt Keim 
neu im romanischen Style erbaut; in 
derselben Glasmalereien von Sauter- 
leuthe in Nürnberg und in der Altar- 
nische eine marmorne Christus - Statue 
von Dannecker. 

Für Deutschland ist es eine seltene, 
jedoch in Regensburg merkwürdiger 
Weise zweimal vorkommende Erschei- 
nung, dass der GlocTcenthurm isolirt 
steht. — Die weitläufigen ehemaligen 
Klostergebäude wurden zurÜesidenZ 
des Fürsten von Thurn und 
Tctxis (weiland Oberpostmeister des 
heil, römischen Reiches) umgebaut. 

Gemälde -Gallerle in derselben mit 
italienischen Genre -Bildern von Riedel, 
Landscliaften von Karl Rotlmann (Gegend 
bei Puzzuoli), Rugendas (Urwald in Süd- 
Amerika), BürJcel (VVinterlandscliaft) , und 
anderen Bildern von Adam, Achenbach etc. 

Geöffnet tägl. von 11 bis 12 Uhr, ohne 
Trinkgeld. 

Nahebei die fürstliche * Eeitschule, 
ein Bau von schönen Verhältnissen im 
Styl der italienischen Landhäuser; im 
Inneren wie im Aeusseren geschmückt 
mit Schwanthalerschen Skulpturen. An- 
stossend, und sehenswerth für den Lieb- 



haber ist der fürstliche Marstall. — 
Hinter dem Palais die schönen , Jeder- 
mann zugänglichen Anlagen des Fürsten- 
gartens , von dem aus man auf die Pro- 
menaden (die früheren Wälle) gelangt. 
In letzteren mehre Denkmäler, 
namentlich ein Obelisk, ,,dem ersten 
Stifter der Anlagen, Karl Anselm, 
Fürsten von Thurn und Taxis, 1806'^ 
gewidmet, — dann Büste des Astro- 
nomen Kepler (der am 15. Nov. 1630 in 
Folge Anstrengung einer hierher zum 
Reichstag unternommenen Fussreise in 
Elend starb) unter einem tempelartigen 
Ueberbau, — ferner noch ein dem 
General v. Zoller (f 1821) errichtetes 
gusseisernes Denkmal ; — dann auch 
die sehr dliQ Predigersäule mit Fresken. 
Am Ende eines Baumganges perspek- 
tivischer Durchblick nach der Walhalla. 
In der Stadt sind ferner noch besuchens- 
werth : Die alte, enge Gesandtenstrasse , 
an deren Häusern man noch die heral- 
dischen Zeichen und Wappen derjenigen 
Länder erblickt, deren Reichsdeputirte 
einst hier wohnten, wie den Marcus- 
Löwen von Venedig, den deutschen 
Reichsadler u. a. mehr. Am Ende 
dieser Strasse über den Theaterplatz 
zur Jakobs- oder ScJiottenkirche, 
einer hochstrebenden Säulen - Basilika 
aus kelheimer Kalkstein, zwischen 1150 
und 1184 aufgeführt. Von den drei 
Portalen zeichnet sich das nördl. 
durch seinen wunderbaren Bilderreich- 
thum aus, ein kleiner Wald von Figuren, i_ 
und wahrhaft das Kreuz der Kunst- 
forscher. 

Thiei'ische Gestalten, Menschenformec 
und seltsam -phantastische Gebilde sind in 
drei Abtheilungen zu beiden Seiten des 
Portals und unter den Rundbogen -Arkaden 
angebracht. Ueber die Bedeutung des 
Ganzen steht so viel fest, dass man hier 
nicht Spielereien der Steinmetzen, sondern 
den plastischen Ausdruck eines Gedankens, 
einer Idee vor sich hat. Die einen Erklärer 
nehmen an, es seien durchaus Gebilde aus 
der alten nordischen Götterwelt, vielleicht 
den Untergang derselben in Folge der 
Predigt des Heilsboten darstellend, — An- 
dere wollen den Inhalt der christlichen 
Heilspredigt selbst in symbolischen Bildern 
hier ausgeprägt finden. 

Im BefeJctorium des unlängst erst 
aufgehobenen Schottenklosters (das sich 



169 



18. Route: Eegensburg und die Walhalla. 



170 



bis zur jüngsten Zeit nur durch Novizen 
aus England ergänzte) das Porträt der 
Maria Stuart, sechs Monate vor ihrem 
Tode gemalt. 

Ein höchst lohnender Spazier- 
gang auf den breiten, an Stelle der 
eingerissenen Mauern errichteten Donaic- 
quais zeigt auch die in gothischem Style 
erbaute königliche Villa. In der Donau 
selbst liegen zwei grössere, mit Häusern 
bebaute Inseln, der Obere u. der Untere 
Wörth. — Die 1135 erbaute, 1069 F. 
lange, 25 F. breite, äusserst feste, stei- 
nerne Brüche, welche durch die Enge 
ihrer Bogen und die Kolossal- Verhält- 
nisse der Pfeiler jeder Art der Schiff- 
fahrt fast unüberwindliche Hindernisse 
bereitet, verbindet Regensburg mit dem 
gegenüber liegenden Stadt am Hof, 
das 1809 von den Franzosen fast ganz 
niedergebrannt wurde. — Unterhalb 
dieses Stadttheiles mündet der aus dem 
Bayerischen Walde (R. 20) kommende 
stattliche Regen in die Donau. 



Von Re^ensbiir^ zur Walhalla 

(lohnende Partie für einen halben Tag). 

Fussgänger machen die Partie am an- 
genehmsten , wenn sie mit dem Vormittags- 
liahnzuge (welcher etwa 9^/4 Uhr in der Rich- 
tung nach Eger abgeht — Taxe: I. 18 kr., 
Tl. 12 kr., III. 9 kr.) nach der Stat. Wal- 
halla- Strasse (Fahrzeit 15 Min.) fahren, 
wodurch sie eine volle Wegstunde abschnei- 
den und von da in 2 Stunden bequem nacli 
Donaustauf hinübergehen. 

Stellwagen tägl. Nachm. 2Ulir in IV* St. 
nach Donaustauf; Abds. b Ulir zurück. 
Für beide Wege ä Pers, 36 kr.; nicht sehr 
empfehlen swerth. 

Droschken und Fiaker: Taxe siehe S. 1.^9; 
sie dürfen aber nicht ausspannen und höch- 
stens i/a St. sich aufhalten, weshalb der 
gleiche Wagen für die Rückfahrt nicht zu 
verwenden ist. — Wagen aus den Gasthöfen 
kosten für 2 Pers. hin und zurück 3 fl,, für 
3 oder 4 Pers. 4 fl. ohne Trinkgeld. 

Auf dem schönen Wege durch das 
breite Donauthal ist zunächst die präcli- 
tige Eisenhahnbrilche bemerkenswerth. 
Nördl. tritt eine Bergkette ziemlich 
dicht an den Strom heran, während 
südl. die grosse Ebene Niederbayerns 
sich ausdehnt. L. die Tegernheimer 
Felsenheller , bei denen die Kalkforma- 
tionen aufhören und granitisches Gestein I 



ansteht. Hier wird eine Sorte Wein 
gebaut , von der schon der alte Münster 
in seiner Kosmographie sagt : „Es wächst 
gut Wein da, wer gern Essig trinkt". 
Die Berge heben sich, man erreicht den 
Flecken DouaUStauf (Wirthshaus zur 
Walhalla), Sommerresiden'^ des Fürsten 
Taxis ; die zum Schloss gehörenden 
Marställe liegen höher am Berge. Auf 
demselben die Ruinen des durch Herzog 
Bernhard von Weimar 1634 zerstörten 
Schlosses Donaustauf. — Von hier zur 
Walhalla selbst 10 bis 15 Minuten. 

Empfehlenswert!! ist es, zum Hinauf- 
steigen den hinteren "Weg oben am Berge 
zu wählen, wo man an der Wohnung des 
Hausmeisters vorüber kommt, und sicli er- 
kundigen kann, ob die Walhalla geöffnet 
sei. Zugleich hat man bei diesem Wege 
den Vortheil, den Effekt der Aussicht über- 
raschend auf einmal zu geniessen, während 
auf dem anderen, vorderen Treppenwege der 
Fernblick sich nach und nach erschliesst. 

Die Walhalla, das stolze, derEhre 
und dem Andenken deutscher Grösse 
und deutschen Heldenthumes gewidmete 
Riesendenkmal , erhebt sich in Form 
eines prachtvollen griechischen Tempels 
auf dem Braunberge und ist die Krone 
aller jener grossen Bauwerke, mitdenen 
König Ludwig I. sein Bayernland 
schmückte. Schon im Jahre 1806, als 
Deutschland in den schmachvollsten 
Fesseln napoleonischer Zwingherrschaft 
schmachtete, fasste der damals 20jäh- 
rige Kronprinz den erhabenen Gedanken, 
die Befreiung seines Vaterlandes, wenn 
sie zur ersehnten That werden sollte, 
durch ein ausserordentliclies iNIonument 
für ewige Zeiten zu verherrlichen. Leo 
V. Klenze erhielt 1821, in Ausführung 
des gethanen Gelübdes, den Auftrag, 
Pläne zu entwerfen; nach 9jährigen 
Studien imd Vorarbeiten erfolgte am 
18. Oktober 1830 die Grundsteinlegung 
und am gleichen denkwürdigen Erinnc- 
rungstage, zwölf Jahre später, die Ein- 
weihung und Inauguration. 

DasGebäude stehtauf einem fast 100 
F. hohen, weit vortretenden Tcrrassen- 
und Treppen-Unterbau, der sich in drei 
Hauptmassen gliedert. Die unterste, 
breiteste ist eine pelasgische Polygon- 
mnuer, zu welcher die erste breite Vor- 



171 



18. Route: Regensbnrg und die Walhalla. 



172 



dertreppe führt, die sich in der Durch- 
brechupg der Mauer in zwei schmalere 
Seitentreppen theilt. Ueber diese er- 
reicht man die Plattform der ersten 
Terrasse und einen pyramidalen Vorbau 
an der zweiten Terrasse, zu dessen Seiten 
wieder Doppeltreppen zur dritten, 3mal 
abgestuften Terrasse emporleiten ; über 
Letztere führt eine zweite Vordertreppe 
zumPronaos, der Vorhalle des Tempels. 
Letzterer selbst, aus tyroler nnd unters- 
berger hellgrauem Marmor in rein do- 
rischem Style erbaut, wird von52kane- 
lirten Säulen (je von 31 F. Schafthöhe 
und 6 F. unterem Durchmesser) getra- 
gen. An beiden Frontseiten sind die 
Giebelfelder mit herrlichen Marmor- 
Statuen-Gruppen von kolossaler Grösse 
durch Schwanthalers Meisterhand ge- 
schmückt. Im vorderen Giebel 
(Eingangsseite) sieht man die thronende 
Germania , welcher von beiden Seiten 
junge Krieger huldigend sich nahen 
und ihr Frauen zuführen, welche die 
grössten deutschen Staaten repräsen- 
tiren. Genialer und grossartig -poeti- 
scher ist die Giebelgruppe der 
Rückseite, in 15 Figuren die *-Hcr- 
manns Schlacht darstellend. (Man vergl. 
das bei R. 33 , im Abschnitt „Schwan- 
thaler -Museum", über die Gruppe Ge- 
sagte.) 

Eine grosse Eingangspforte , deren 
Flügel aussen mit Erzplatten belegt 
sind , führt an der südl. , der Donau zu- 
gewandten Fa9ade aus dem Pronaos 
(Vorraum) in das Innere, oder die 
Cella (48 F. breit, 168 F. lang und 
5372 F. hoch). Sowohl der Fussboden 
als die inneren Umfassungsmauern sind 
mit bunten Marmorplatten ausgelegt, 
und erhöhen durch diesen farbigen 
Schmuck den prächtigen Eindruck. 

Um den spiegelglatten Fussboden, in 
welchem nmsivisch die Daten der Ent- 
stellung des Eatschlusses, der Grundstein- 
legung uud dei- Einweihung «'ingebracht 
sind, nicht zu beschädigen, muss man Filz- 
schuhe anziehen. 

An jeder Langseite stehen zur Glie- 
derung der grossen Fläche je vier Pfei- 
lergruppen, welche somit auf jeder Seite 
drei Wandfelder bilden; an diesen sind 



die Büsten grosser deutscher Männer 
und Frauen aufgestellt , in einer oberen 
Reihe auf weissen Marmorkonsolen, in 
der unteren auf Piedestalen. Die Mitte 
eines jeden Wandfeldes nimmt eine 
jener berühmten Victorien (Sieges- 
göttinnen) ein , die bekanntlich zu den 
vortrefflichsten und geistvollsten Ideal- 
schöpfungen Rauchs gehören. Ueber 
den Büstenreihen zieht ein 3V2P. hoher, 
in acht Felder abgetheilter klassischer 
Fries hin (von Martin Wagner zu 
Rom), in carrarischem Marmor ausge- 
führt, welcher Scenen aus dem Leben 
und der Geschichte der ältesten Ger- 
manen darstellt. 

1) Einwanderung der Germanen vom 
Kaukasus her (an der Eingangswand). — 
Vom Eingang 1. (Westseite): 2) Häus- 
liches Leben der Germanen ; 3) Ihre Volks- 
versammlung und ihr Handel; 4) Ueber- 
gang der Cimbern über die Alpen und Sieg 
bei Noreja (113 v. Chr.). — Vom Eingang 
r. (Ostseite): 6) Die Schlacht am I?heiu 
unter Claudius Civilis (G9 n, Chr.); 

6) Kampf der Hunnen, Teutonen und Alanen 
gegen die Römer bei Adrianopel (um 378); 

7) Eroberung Roms durch Alarich (410). 
— An der Rückwand (Nord Seite): 8) Boni- 
fazius bekehrt die Germanen zum Christen- 
thum. 

Ueber den acht Hauptpfeilermassen 
kommen die Emporen , welche mit 
Brüstungen von grauem Marmor einge- 
fasst sind, auf denen paarweise 14 
kolossale Walhyren als Karyatiden 
stehen (ebenfalls Bildwerke von Schwan- 
thaler), die das Obergebälk zu tragen 
scheinen. Ueber diesen im Gesimse 
goldbronzene Lorbeerkränze und zwi- 
schen denselben 64 Marmortafeln, auf 
denen die Namen derjenigen Walhalla- 
Genossen eingegraben wurden, deren 
Porträtbüsten nicht darzustellen waren. 
Dieselben fangen mit Hermann dem 
Römerbesieger an und hören mit Peter 
Hele, dem nürnberger Erfinder der 
Taschenuhren (S. 99), auf. Die Decke, 
welche nicht horizontal liegt , sondern 
der Dachschräge folgt, besteht aus ver- 
goldeten Erzplatten , — die Casetten 
himmelblau mit Sternen von Piatina. — 
Um dem Innenraume das nöthige Licht 
zu verschaffen , sind in der Decke drei 
grosse Fenster eingelassen. 



173 



19. Route Eisenl)ahn von Re<?ensl)urg nach Linz. 



174 



Die WalhcUla- Genossen wählte 

seiner Zeit König Ludwig selbst aus. Sie 
umfassen von Heinrich d. Finkler an die 
hervorragendsten Männer und Frauen 
deutschen Stammes, unter denen man 
auch den Niederländern Hugo G-rotius, 
Antony van Dyck, AdmiralTromp u.A. 
begegnet , was weniger befremdet (weil 
sie doch germanischen Stammes sind), 
als im Ruhmestempel deutscher Ehren 
einen Moritz von Sachsen (der General- 
marschall aller französischen Armeen 
und ein Feind Deutschlands war) zu 
finden. Luthers Büste war 15 Jahre 
lang fertig, bevor sie aufgestellt werden 
durfte. Die Büsten sind von ungleicher 
Grösse und von sehr verschiedenem 
künstlerischen Werthe. Die bedeu- 
tendsten skulptirten : Schadow{l%)^Tieclc 
(21), Bauch (S), Dannecher (^S>chiUev von 
1794, Gluck von 1812), Rietschel 
(Luther), Bandeln. A. Den Ständen 
nach sind es 76 Fürsten und Helden, 
11 Staatsmänner, 8 Glaubensstreiter, 
29 Gelehrte, 20Künstler, 9 Dichter und 
10 berühmte Frauen. — Der Zeitfolge 
nach beginnen sie 1. von der Eingangs- 
thüre. Letzterer gegenüber das Opis- 
thodomos (Hinterhaus) , in welches die 
Statue König Ludwigs kommen soll. 

Trinkgeld dem Hausmeister nach Be- 
lieben. 

Die Aussicht auf der Terrasse vor 
dem Gebäude umspannt einen weiten 
Halbkreis , den zu äusserst r. die male- 
risch gelegene Burg Stauf , bei klarem 
Himmel im Süden die Alpen und 1. die 
dunkeln Berge des Bayerischen Waldes 
schliessen; der Vordergrund dieses 
schönen Panoramas , welches von Re- 
gensburg bis Straubing reicht, würde 
noch bedeutend gewinnen, wenn die vor- 



überfliessende Donau etwas mehr belebt 
wäre. 

Den Hin ab weg nehme man über 
die grossen Stufenterrassen; schwindel- 
behaftete Leute soll indess der breite 
Treppenweg schon irritiri haben. 

Wer noch freie Zeit hat, ersteige den 
benachbarten Hügel , auf welchem die 
Ruinen der Burg Stauf liegen. Die 
*Aussicht von diesem Punkte ist weit 
schöner als von der Terrasse vor der 
Walhalla, namentlich schon deshalb, 
weil dieses Prachtgebäude selbst mit in 
das Bild gezogen wird und sich leuch- 
tend von dem dunkeln Hintergrunde 
der Wälder ablöst. Fürst Taxis hat 
die Rudera mit freundlichen Anlagen 
umgeben lassen. 



Von Eeg-ensburg nach Kelheim 

und zur Befreiuugslialle vergl.R. 26. 
Die Tour ist bequem in einem Tage zu 
machen, am besten mit besonders dafür 
gemiethetem Wagen. In den Hotels 
fordert man 6 fl. ohne das Trinkgeld. 

Das Dampfboot fährt im Sommer jeden 
Morgen 6 Uhr von Regenshurg. stromauf- 
wärts ; um 10 Uhr langt man in Kelheim an. 

Taxe: I. PI. 39 kr., II. 30 kr. — Wer 
sofort nach der Befreiungshalle hinauf- 
geht, dann ein gutes Mittagsmahl im 
Teutscheu Hause einnimmt, kann um 2 Uhr 
den stromabgellenden Dampfer bis Eegens- 
burg (Ankunft 41/2 Uhr, — Taxe: I. 1 fl. 
45 kr., II. 1 fl. 12 kr.) wieder benutzen. 
Der Eisenbahn -Anschluss nach JMünchen 
ist jedoch so unmittelbar, dass man sich 
einer Droschke zur Fahrt nach dem Bahn- 
hof bedienen muss. 



Von Regenshnrg nach München S. 153 
bis 156. 

Von Regensburg nach Nürnberg S. IGO 
bis 155. 

Von Kcgensburg nach Eger und Leipzi? 
S. 28 bis 24. 

Von Regensburg nach Prag S. 34 bis 30. 



Niederbayern. 
19. Route: Eisenbahn von Regensburg nach Linz. 



313/6 Meil. Bayerische Ost- und Kaiserin ; mit 71/4 St. Falnziit (letzterer mit IVa St. 
Elisabeth-Bahn. Tägl. 4 Züge, von denen Aufenthalt in Pas.san.^MittaRs). Der Porsoncn- 
1 Courierzug mit 53/4 St. und 1 Schnellzug I zug braucht »Va St. Taxe: Kcgensburg- 



175 



19. Boute: Niederbayern. 



176 



Passau gewöhnlicher Zug I. 5 fl. 9 kr. 
11, 3 fl. 27 kr. III, 2 fl. 18 kr. Courierzug 
I, 6 fl. 12 kr, II. 4 fl. 9 kr. österr. Währ. 
— Passau -Xi«z gewöhnlicher Zug I. 5 fl. 
22 kr. IL 3 fl. 92 kr. III, 2 fl. 61 kr. 
Courierzug I, 6 fl, 26 kr. II. 4 fl. 70 kr. 
österr. Währ. — Passau- PFien Courierzug 
I. 17 fl. 6 kr. IL 12 fl, 80 kr. 

Von Regensbur^ bis Geisel- 

llöring" (vergL E. 16, S. 153). 

Die Bahn verlässt die münchner 
Route und schlägt im Thal der Kleinen 
Laher nordöstl. Richtung ein über Stat. 
Filling ins Donau -Thal nach 

(eVio Meii.) StrauMn^, ii,400 

Einw. {Gasthof hei Wagner), Garnisons- 
stadt, mitten im fruchtbarsten Theile 
Bayerns gelegen, bekannt durch seine 
bedeutenden Kornmärkte (Schranne). 

Die Wohlhabenheit des bäuerlichen 
Standes dieser ganzen Gegend ist so- 
wohl an der Kleidung als namentlich 
auch an den Fuhrwerken und Pferden 
zu erkennen, mit denen die Landleute 
zur Schranne fahren. Die meisten 
Bauernhöfe haben einen Werth von 
40,000 bis 100,000 Gulden. Die Be- 
wohner sind ihrer kirchlich -politischen 
Richtung nach ultramontan-konservativ. 

Im Schlosse zu Straubing (urkund- 
lich Serviodurum) residirte 1435 Herzog 
Albrecht III. mit seiner Gemahlin , der 
schönen augsburger (?) Bürgerstochter 
Agnes Bernauerin (vergl, S. 139), 

Agnes Bern au er war die tugend- 
hafte Tochter Kaspar Bernauers zu Biberach 
(nach anderen Mittheilungen eine Augs- 
burgerin). Auf einem zu Ehren des Her- 
zogs Albrecht III, von Bayern (einziger 
Sohn des regierenden Herzog Ernst) gegebe- 
neu Turnier sah sie der Fürst und ward 
von ihrem Liebreize so entzückt, dass er 
sie zur Gattin begehrte. Anfangs wies 
Agnes seine Bewerbungen wegen des 
Standesunterschiedes bestimmt zurück, Hess 
sich dann aber doch überreden, eine heim- 
liche Ehe mit dem Herzoge einzugehen. 
So lange Albrechts Vater von dem Verhält- 
niss nichts kannte, lebte das glückliche 
Paar zufrieden auf Schloss Vohburg; als 
jedoch Herzog Ernst seinen Sohn mit Anna 
von Braunschweig vermählen wollte, erfuhr 
er die heimliche Verbindung und war ausser 
sich über seines Sohnes beharrlichen Wider- 
stand, die Missehe aufzulieben. Vergeblich 
bemühte er sich, alle erdenkliche Schmach 
über ilm zu häufen; Albrecht zog mit seiner 
Gattin nach Straubing und Hess sie hier 
öffentlich als Herzogin von Bayern ehren. 



Da griff der Vater zu einem gewaltsamen 
Mittel. Er Hess den Sohn auf ein Turnier 
locken, in dessen Abwesenheit Frau Agnes 
ergreifen, der Zauberei beschuldigt yer- 
urtheilen und an Händen und Füssen ge- 
bunden vom Henker am 12. Okt. 1435 in 
die Donau stürzen und ertränken. Als der 
junge Herzog die grässliche Kunde vernahm, 
war er trostlos vor Schmerz, und um Rache 
zu nehmen, verband er sich mit Ludwig 
dem Bärtigen zu Ingolstadt, überzog seines 
Vaters Lande mit Krieg und verwüstete 
dieselben aufs Grausamste. Nach zwei Jah- 
ren gelang es endlich der Vermittlung des 
Kaisers Sigismund, eine Aussöhnung herbei- 
zuführen, welcher dann schliesslich die 
Vermählung mit der Prinzessin von Braun- 
schweig folgte, üeber dem Grabe der un- 
glücklichen Frau wurde eine Kapelle errich- 
tet, und ihre Ruhestätte mit einem Denk- 
male versehen. 

In der PetersTcirche Marmorgrabmal 
der unglücklichen „ehrsamen Frawe 
Agnesen der Pernawerin". In der 
Kirche des Central - Karmeliten - Klosters 
Grabmal Herzog Albrecht II. Die 
PfarrJcirche enthält einige gute Bilder 
von Michael Wolgemut. Auf dem 
grossen MarTctplatz eine Dreifaltigkeits- 
Säule. Straubing ist Geburtsort des 
berühmten Optikers Fraunhofer; Ge- 
denktafel am Geburtshause. Auffallend 
ist der alte Stadtthurm mit fünfspitzigem 
Giebel, woher der Spruch kommt, 
„fünfe gerad". 

Die Bahn durchschneidet nun einen 
Theil der Kornkammer von Nieder- 
Bayem. R. das Elisabethen- Kloster 
zu Azelburg mit vier Kuppelthürmen; 
— 1, jenseits der Donau auf abgerun- 
detem Felshügel die berühmte Wall- 
fahrtskirche Mariens - Trost. — Durch 
ebene Gegend über die Stat. Amselfingt 
Strasskirchen , Stejphansposching (1. 
Schloss Ofenberg und weiterhin auf 
isolirtem Bergkegel die Schlossruinen 
von NatterbergJ nach 

Stat. Plattling, Marktflecken mit 
1700 Einw., gothischer Pfarrkirche (in 
welcher schöne Glasmalereien und ein 
kunstreiches Sakramentshäuschen aus 
dem 15. Jahrb.). Gute Aussicht vom 
Bahnhof, 

Zweigbahn nach Deggendorf, tägl. 
5 Züge iu 18 Min. für 15 resp. 9 kr. 

Deggendorf ist Ausgangs - Punkt für 
i Partien in den Bayerischen Wald (S. 187). 



177 



19. Boute: Eisenlbalin von Regenslbiirg nach Linz. 



178 



— Unweit die Kusel, besuchter Aussichts- 
punkt, 2660 F. üb. M., mit ziemlich primi- 
tivem Wirthshaus. 

Die Bahn setzt über die Isar auf 
hoher, eiserner Gitterbrücke , läuft über 
die Stat. Langenisarhofen , Osterhofen, 
Pleinting j wo die Bahn dicht an das 
rechte Ufer der Donau tritt und das 
Thal dieses Stromes plötzlich schlucht- 
artig sich verengt, nach Stat. Vils- 
Tiofen (Gasthaus zum Ochs), lebhaftes 
Städtchen an der Mündung der Vils in 
die Donau. Schöne Aussicht auf der 
Donaubrücke auf die Vorberge des Baye- 
rischen Waldes. 

Zwischen Vilshofen-a. Aidenbach Schlacht- 
feld des Treffens zwischen den aufständischen 
Bauern und Oesterreichern am 8. Jan. 1706, 
bei welchem erstere (7000 Todte) vollständig 
aufgerieben wurden. 

Die Bahn bleibt fortwährend un- 
mittelbar am rechten Ufer der Donau, 
passirt noch die beiden Stat. Sandbach 
und Schalding und erreicht 

(17V,„ Meii.) Passaii. 

Zollgrenze gegen Oesterreich im Bahn- 
hofe, deshalb für alle nach Oesterreich 
Eintretenden und von dorther Kommenden 
(bescheidene) Gepäckrevision. 

Gasthöfe: * Drei Mohren (zugleich erstes 
Caf6 der Stadt). - '-Hotel Flinsch. — Wilder 
Mann, inweit des Landeplatzes der Dampf- 
schiffe, bürgerlich gut. — Goldene Sonne, 
mit sclBner Aussicht auf den Mariahilf berg; 
gutes Eaus zweiten Ranges. — Hirsch. 

Wtnige grössere StädteDeutschlands 
könneil hinsichtlich ihres landschaftlich 
überrischenden Eindruckes mit Passau 
rivalfeiren. An der Vereinigung dreier 
Flüsse: des Inn und der Uz mit der 
Dorau, auf einer schmalen felsigen 
Lardzunge (von 810 Schritt Breite und 
19C0 Schritt Länge) gelegen, die Häuser 
mäst mit flachen Dächern gedeckt, 
riigsvon freundlichen belebten Anhöhen 
jmgeben, deren eine, der Georgsberg, 
mit der ernsten Veste Oberhaus gekrönt 
ist, bietet die Halbinselstadt eine grosse 
Menge stets verschieden sich ordnender 
Prospekte dar, so dass dieser Umstand 
allein schon genügt, den Vergnügungs- 
Reisenden für einen kurzen Aufenthalt 
zu bestimmen. Dazu kommt, dass der 
entfernte Hintergrund (bei hellem 
Wetter) durch- die Gebirge von Salzburg | 



und Steiermark (Watzmann und Unters- 
berg) im Süden, — und durch den 
Arber und Ossa des Bayerischen Waldes 
(S. 188) im Norden abgeschlossen wird. 
Es ist eigentlich nicht eine Stadt , son- 
dern es sind deren drei (Innstadt , Ilz- 
stadt und das eigentliche PassauJ, 
welche man mit ihren Strassen, Kirchen 
und Thürmen und all dem bunten Leben 
von Flossen, Schiffen und Nachen auf 
den Strömen überblickt. Passau zählt 
gegenwärtig 13,830 Einw. und war von 
jeher ein äusserst wichtiger strategischer 
Punkt. Schon die Römer hatten hier 
ein Bollwerk, die Castra Batavia, und 
eine Kolonie Bojodurum (die jetzige 
Innstadt) zu Anfang unserer christlichen 
Zeitrechnung etablirt. Später resi- 
dirten bayerische Herzoge und Bischöfe 
hierselbst und die Stadt -Geschichte des 
Mittelalters ist mit Aufzeichnungen von 
Pest, Brand und Hungersnoth, nament- 
lich aber auch mit Akten wahrhaft 
kannibalischer Judenverfolgungen an- 
gefüllt. 

Noch heute zeigt man den sogen. J^ude«- 
l-cller, in welchem während jener Zeiten «ies 
finsteren Fanatismus unglückliche Opfer 
dem grausamen Hungertode überliefert 
wurden. 

Bis 1803 war Passau Hauptstadt 
eines selbstständigen Bisthumes, kam 
dann an die Krone Bayern , hatte aber 
während der napoleouischen Kriege 
noch bitter zu leiden. Gegenwärtig ist 
es Haupt-Stapelplatz für den bayerischen 
Holzhandel. Zwei Brücken über den 
Inn und die Donau verbinden Passau 
südl. mit der Innstadt, nördl. mittels 
der Vorstadt Anger und durch das 
Felsenthor am Niederhaus mit der 
Ilzstadt. 

Im Dom, der nach verheerenden 
Bränden während der Jahre 1662 bis 
1680 im Geschmacke jener Zeit wieder 
aufgeführt wurde, ist wenig Bemerkens- 
werthes zu sehen. Auf dem Domplatzc 
die Erzstatuc des Gebers der baye- 
rischen Verfassung, Königs ?Ia.ri- 
viilian Joseph I., errichtet 1S24. Nulie- 
bei am Postgebäude eine Inschrift 
neben dem Thor, welche besagt, dass 
hier zwischen Kaiser Karl V. und dem 



179 



19. Route: ISiederbayerii. 



180 



Kurfürsten Moritz von Sachsen, sowie 
den Abgeordneten verschiedener Fürsten 
vom 22. Mai bis 7. Aug. 1552 der be- 
rühmte Passauer Vertrag verhandelt 
und abgeschlossen wurde, ,,der die 
Fackel des damals wüthenden Ee- 
ligionskrieges erstickte , und den ersten 
Grund zur christlichen Religionsdul- 
dung legte". — Die Veste * Ober- 
haus , gegenwärtig Straf- Anstalt für 
Staats- und Militär - Gefangene , be- 
herrscht von der Höhe des Georgs- 
berges (417 F. über der Donau) Stadt 
und Umgebung, was die Bürger schon 
oft bitter empfinden mussten. 

Der Weg dabin, entweder über die 
310 Schritt lange Donaubrücke und durch 
die Vorstadt Anger, — oder zweckmässiger 
vom Landeplatz der Dampfboote mit einem 
Kahn über die Donau (3 kr. Fahrgeld), oder 
über den neu erbauten Drahtsteg, dann 
über die Ilzbrücke in 15 Blin. hinauf zum 
Thor. Dort erhält man nach Angabe von 
Namen und Stand einen Begleiter zur Füh- 
rung (12 kr. Trinkgeld). 

Die Aussicht von der Bastion *Katz 
ist unumschränkt und lohnt die Mühe 
des Steigens reichlich. Von hier Blicke 
(über der Wallfahrtskirche Mariahilf 
S. 180) in die Steierschen und Salz- 
burger Alpen, sowie auf die Haupt- 
punkte des Bayerischen Waldes. ■ — Vor 
dem Laboratorium führt r. ein Fuss- 
pfad hinunter zur perlenreichen Hz. — 
Auffallend ist beim Niedei'blick der 
Farbenunterschied der drei ineinander 
mündenden Gewässer, von denen die 
Donau lehmig -gelb, die Hz tiefdunkel 
und der Inn hell weislich -grau ist. 
Oberhalb der Hzstadt (früher auch die 
Judenstadt genannt) liegt auf dem 
Klosterberge das Nonnengütle , Wirths- 
haus mit guter Aussicht. 

Sehr lohnend ist auch ein Spaziergang 
(3/4 St.) nach Hals, Marktflecken im Ilzthal, 
mit den Ruinen der Burgen Hals und 
lieschenstein und der Besuch des oberhalb 
Hals gelegenen Durchbruchs und Holztrift- 
Kechens. 

Ueber die 340 Schritt lange Inn- 
brüclce gelangt man in die südlich ge- 
legene InnStadtf welche nach den 
verheerenden Bränden von 1809 fast 



ganz neu aufgebaut wurde. Geradeaus 
hinter dem Stadtthor r. führt ein Weg 
bergan, in wenig Minuten zu der be- 
rühmten Wallfahrtskirche * Maria- 
hilf, Letztere bietet in ihrem Inneren 
wenig Interessantes. Die StationS" 
Bilder sind gemalteEelief- Skulpturen. 
Die bedeutendste Aussicht , welche das 
„Deutsche Venedig" in seiner Eigen- 
thümlichkeit am charakteristisch -um- 
fassendsten zeigt, hat man oben, vom 
Rondel, hinter der Kirche. Den Rück. 
weg kann man durch einen bedeckten 
Gang nehmen, welcher über 264 Stufen 
wieder hinab in die Innstadt führt. 

Exkursion nach dem Schaafberg (2 St.), 
dem Passauer Rigi, von dem aus ein um- 
fassendes Panorama des Bayerischen" Hoch- 
landes und der Steirischen und Salzburger 
Alpen sich entrollt. 

Nach Oesterreich Reisende wol- 
len nicht versäumen, in Passau 
österreichisches Papiergeld zum 
Tageskurse einzuwechseln. Man 
vergl. die Notizen in der Einleitung. 

Die Eisenbahn überschi-eitet nun 
auf einer 315 F. langen Gitterbrücke 
den Inn, dem Laufe desselben auf seinem 
rechten Ufer (österreichisches Gebiet) 
bis Stat. Scherding folgend ; dann tritt 
sie in das Prahm - Thal, steigt ü'jer Zell 
und Bidau-Bied über den Hiusruck 
und fällt über die Stat. Neuma:M und 
GriesJärchen in das Traun -Th%l, wo 
sie den Bahn -Knotenpunkt 

(28Vio Meil.) Wels (R. 48) m der 
österreichischen Kaiserin Elisabethen- 
Bahn erreicht. 

Von Wels nach Linz und Wien lergl. 
S. 36 bis 33. 

Von Wels nach Salzburg vergl. R.48. 

Wer irgend Zeit hat, sollte n'cht 
versäumen, die hoch interressante 
*Donaufahrt von Passau na?,h 
Linz zu machen, die eigenthümlich ir. 
ihrer Art, eine Reihe der merkwür- 
digsten , tief einsamen und grossartigen 
Wald-, Berg- und Strombilder gibt. 
Das Boot geht im Sommer jeden Nach- 
mittag um 2 Uhr ab und kommt nach 
5 Uhr in Linz an. Siehe Seite 240. 



181 



20. Route: Der Baj^erische Wald. 



182 



Der Bayerische Wald. 
20. Route: Von Regensbupg oder Passau ins Gebirge. 



Unter diesei* Bezeichnung begreift 
man denjenigen Theil des unter dem 
Gesammtnamen des Bölimerwaldes 
(Szumava) bekannten Waldgebirges, 
welches im Osten Bayerns von der 
böhmisch -österreichischen Grenze bis 
zur Donau sich erstreckt. Vor dem An- 
fang der sechziger Jahre gehörte der 
Bayerwald zu jenen unbekannten geo- 
graphischen Grössen, die nur in ziem- 
lich abenteuerlichen Vorstellungen in 
der Phantasie des lesenden Publikums 
existiren. Der Bau der Bayerischen 
Ostbahnen von Regensburg über Passau 
nach Straubing (R. 19) und über Cham 
und Fürth nach Prag (Eintritts-Route 8, 
S. 32) haben dieses abgelegene patriar- 
chalische Gebirgsland mit seinem wuch- 
tigen Holzreichthum nicht nur kommer- 
ciell in nähere Beziehung zum Weltmarkt 
gebracht, sondern auch seine wunder- 
baren Natur- Seltsamkeiten der Tou- 
ristenwelt erschlossen. 

Es ist ein Mittelgebirge, dessen 
höchste, meist bis zum Gipfel bewal- 
deten Kuppen wenig über 4500 par. F. 
sich erheben; seine grösste Länge -Aus- 
dehnung beträgt ca. 19 geographische 
Meilen, seine bedeutendste Breite etwa 
8 Meil., so dass der „Wald" (wie das 
Volk der Oberpfalz und in Nied er- 
Bayern kurzweg dieses Grenzland 
nennt) etwas über 90 Q.-Meil. deckt. 
Das Gestein, aus dem dieser inter- 
essante Erhebungskörper sich aufbaut, 
ist fast durchaus Granit, Gneis, Horn- 
blende, Glimmerschiefer, sowie Quarzit 
und Serpentin. Wie überall , wo diese 
krystallinischen Massen die eigent- 
lichen Knochen eines Gebirges aus- 
machen, die Verwitterung chaotische 
Trümmer -Gebilde geschaften hat, so 
gehören auch hier dieselben zu den 
abenteuerlichsten, landschaftlichen Er- 
scheinungen. Dieser Umstand allein 
würde aber nicht genügen, die Aufmerk- 
samkeit der Touristenwelt nach diesem 



Gebirgswinkel zu lenken, wenn nicht 
noch ein wesentlicher Faktor dazu 
käme, der den Bayerwald für eine 
kleine Anzahl von Jahren zu einer 
Sehenswürdigkeit ersten Ranges stem- 
pelte. Was in Deutschland seit dem 
Aufschwünge der althergebrachten Be- 
wirthschaftung und Abforstung der 
Wälder zur systematischen Forstkultur 
halb zur Sage, zur märchenhaften 
Ueberlieferung geworden ist und was 
weder der Harz noch der Thüringer 
Wald , weder das Riesengebirge noch 
das Bayerische Hochland mehr aufzu- 
weisen vermögen, die Existenz eines 
Urwaldes, das hat dieser ferne 
Winkel an der deutschen Sprachgrenze 
noch in einer ausgedehnten Gross- 
artigkeit, die den Naturfreund reichlich 
für die Entbehrungen und Strapazen 
belohnt, mit denen Wanderungen durch 
den Bayerwald verbunden sind. 

Aus dem soeben Gesagten geht 
wohl schon die warnende Notiz hervor, 
dass der Bayerwald vorläufig noch kein 
modernes Reiseziel für Bequemlichkeits- 
Enthusiasten und Komfort -Leute ist, 
sondern zunächst nur dem omnia sua 
secum portans wandernden Fuss- 
g ä n g e rempfohlen werden darf; diesem 
aber bietet sich reiche Ausbeute bei 
ausserordentlich bescheidenen Reise- 
kosten für guten Lebensunterhalt und 
ordentliche Leibes -Unterkunft. 

Mit IVa bis 13/^ fl. rhein. (also 24 Sgr. 
bis 1 Thlr.) kann der Tourist (ohne Führer) 
täglicli recht ordentlich auskommen, wobei 
zu bemerken ist, dass beim Mittags- oder 
Abendessen Forellen, Krebse, Waldgeflügel 
und derartige, sonst im Flachlando als 
Leckerbissen geltende Gerichte, als sich von 
selbst verstehende Schüsseln eingeschaltet 
zu werden pflegen. Zimmer und Betten 
sind in der Regel , wenn auch ein- 
fach , doch reinlich. Führer braucht man 
nicht allenthalben; wo solche nöthig sind, 
zahlt man pr. Tag (nach genau festzusetzen- 
der vorgängiger Abredet 1 bis IVa fl-, wofür 
derselbe sich selbst zu beköstigen hat; 
Forstleute sind die kundigsten und bereit- 
willigsten Auskunftgeber. Alle bei Oebirga- 



183 



20. Route: Der Bayerische Waldi 



184 



Wanderungen zu beobachtenden Rücksichten 
und Vorsichtsmassregeln gelten auch hier. 

Die Bevölkerung, durchaus ka- 
tholisch und etwa 250,000 Köpfe stark, 
ist nach Sprache und Lebensweise, 
Sitten und Gebräuchen, Tracht und 
Baustyl der Häuser ächter, alt boyo- 
warischer Abkunft, die von dem be- 
nachbarten Slaventhume Böhmens nicht 
das Mindeste angenommen hat. 

Dialekt - Probe. Amäil is ä Bischof 
umma tummä gräist, un da is ä denn sä-n- 
än Häitbäubm kemma , dea d'Sehäf g'bäit 
häd. Da Bau is nebma säne Schaf duätgwe'n 
und häd in an Bäichl flässi g'lean't. Des 
Ding had'n Bischof g'fain und ea häd mi 'n 
sein 's diacariän a gfangt. „Ha, Bäibl, san 
denn däne Schaf so räue, das du so flässi 
leana ka'st? I hä ä ä gräusse Hea'd Schaf, 
äbä de mächä mä vül z'schäffä." — „Ja", 
moint da Bau, „du hast hält eppä Sä ä 
druntä." 

Uebersetzung. Einmal ist ein Bischof 
rundum gereist und da ist er denn zu einem 
Hirtenbuben gekommen, der die Schafe ge- 
hütet hat. Der Bube ist neben seinen 
Schafen gewesen und hat in einen Büch- 
lein fleissig gelernt. Das Ding hat dem 
Bischof gefallen und er hat mit demselben 
zu diskuriren angefangen. „He ! Büblein, 
sind denn deine Schafe so rnhig, dass du 
so fleissig lernen kannst? Ich habe auch 
eine grosse Herde Schafe, aber die machen 
mir viel zu schaffen." „Ja!" meint der Bube, 
„du hast halt wohl auch Sau' darunter." 

Der eigentliche Wäldler ist arm, 
aber ehrlich, wenn gleich etwas roh. 
Mit vielen Gebirgs Völkern theilt er die 
innige Anhänglichkeit an seine Heimath 
und das eiserne Festhalten an alten 
Gewohnheiten, sowie eine gewisse 
Lässigkeit und Mangel an empor- 
raffender Willenskraft. Er schmuggelt, 
frevelt Holz, ist Wildschütz, aber — er 
stiehlt nicht ; der gemeine Dieb ist ihm 
verächtlich, während der Räuber, wenn 
er sein Handwerk kühn, nobel, mehr zu 
Nutzen des Armen und zum Schaden 
des Reichen zu treiben versteht, nicht 
selten vom Volke gegen die verfolgende 
Gerechtigkeit heimlich beschützt wird. 
Der Reisende hat nie das Mindeste zu 
fürchten. — Alle guten Eigenschaften 
des Wäldlers gipfeln sich in seiner 
Frömmigkeit; der katholischen Kirche 
ist er in unwandelbarer Treue zugethan, 
die Mutter Gottes und die Heiligen 
haben an ihm einen ihrer eifrigsten 



Verehrer. Begegnet er dem Wanderer, 
so ist sein Gi'uss: „Gelobt sei Jesus 
Christus" , worauf man , wie in Tyi'ol, 
antwortet : ,,In Ewigkeit ! Amen". — Die 
Lust an Raufereien bei festlichen Ge- 
legenheiten hat er mit dem Bewohner 
des Bayerischen Oberlandes gemein, 
ebenso wie dessen „Trutzg'sangeln" 
und „Schnadahüpfln"; aber letztere 
entbehren der frischen Originalität. 

Zu den besten gehören schon folgende: 
Vom Wald bin i aussa, vom Land der Kultur 
Da is3t ma d'Erdäpfel mit sammt der Montur. 

oder 
Warum soll i ti'auern, 's geht miär ja guat, 
I. trag jetzt auf d' Werktag mein Feiertagliuat. 

Im Uebrigen ist der Bewohner des 
Waldes wortkarg, unzugänglich und 
abgeschlossen wie seine Wälder, fleissig, 
an Entbehrungen gewöhnt, sparsam, 
seinem Könige in treuer Anhänglich- 
keit ergeben. — In manchen Gegenden 
ist ein grosser Kropf ein schmückendes 
Attribut der Weiber; auch der Kreti- 
nismus verunstaltet manche Ortschaft. 
— Aberglaube und Wunderdoktorei 
sind noch hoch im Schwünge, besonders 
bei Krankheiten und deren Heilung. — 
Unter den vielen höchst eigenthüm- 
lichen Sitten und Gebräuchen verdient 
namentlich eine als durchaus originell 
näher betont zu werden : Wenn ein be- 
güterter Bauer frühzeitig stirbt und 
seine trauernde Wittwe sich nicht! 
rüstig genug fühlt, das Gut bis zur] 
Grossjährigkeit ihrer Kinder zu bewirth- 1 
Schäften oder auch noch nicht gesonnen 
ist, ihre Tage einsam und traurig im 
Dahinbrüten zu verleben, so heirathet 
sie mitunter einen armen aber hübschen 
Gesellen auf eine bestimmte An- 
zahl von Jahren, bis eines ihrer 
unterdessen herangewachsenen Kinder 
das Gut übernehmen kann. Ihr zur 
Aushülfe angeheiratheter Mann muss 
nach dieser Zeit das Haus verlassen, um 
wieder in seine Unbedeutendheit zu- 
rückzusinken. — Der Bau styl der 
Häuser ist fast der gleiche wie im 
Bayerischen Oberland: Das aus Holz- 
stärnmen verstrickte Haus mit dem 
flachen, weitvorspringenden, steinbe- 
lasteten Schindeldach, mit Gallerien 



185 



20. Route: Von Regensbnrg oder Passau ins Gebirge. 



186 



und kleinen Fenstern , mehr oder min- 
der reich mit Schnitzwerk und bunt- 
farbigem Anstrich verziert. Der Stock 
zu ebener Erde ist Mauerwerli. Der 
Besitzer eines grossen Hofes mit 60 bis 
80 Tagwerk Landes nennt sich selbst- 
bewusst der ,, Bauer" und seine Frau 
die „Bäuerin", und wie der Edle des 
Mittelalters den Namen seiner Stamm- 
burg hinzufügte, so hängt auch hier der 
Dorfmagnat noch ein ihn als Besitzer 
eines bestimmten Hofes kennzeich- 
nendes Wort an seinen Standestitel und 
heisst par excellence ,,der Schmalz- 
bauer, der Wiesenbauer" etc. — Der 
Boden weist den Bewohner des Landes 
mehr auf Holz- und Viehzucht als auf 
Feldbau hin ; dennoch ist letzterer be- 
deutend. Weizen gedeiht nur an we- 
nigen Orten-, Roggen, Hafer und Kar- 
toffeln bilden die Hauptfrüchte. Die 
Wiesen sind der vielen Quellen wegen 
von grosser Fruchtbarkeit ; in den 
höheren Strichen des Waldes wird den 
Sommer über eine Art Alpenwirthschaft 
betrieben. Die Viehzucht ist haupt- 
sächlich auf Hornvieh gerichtet, welches 
gemästet und ausgeführt wird; die 
Milchwirthschaft ist untergeordnet. 
Schaf- und Schweinezucht ist unbe- 
deutend. Der bedeutendste Industrie- 
zweig ist der Betrieb der Glashütten 
und der damit verbundenen Beschäf- 
tigungen des Schleifens und Malens. 
Daneben steht die Leinenweberei in 
grosser Blüthe. Weitberühmt ist die 
Schmelztiegel -Fabrikation auf der an 
Graphit unerschöpflich reichen Gries- 
bacher Bergebene. 

Waldwirthschaft in den noch 
unermesslich grossen Forsten besteht 
nur da, wo das Holz Eigenthum des 
Staates, grosser Hüttenwerke oder Stif- 
tungen ist; in vielen Gegenden, beson- 
ders in den höchsten Lagen, regiert noch 
die alte Plänterwirthschaft, welche 
wachsen lässt, was wachsen mag und 
umkommen, was der Blitzschlag, die 
Schneewucht oder der Windbruch im 
Hochwalde zerstörte. Letzterer na- 
mentlich ist es, der die prachtvoll un- 
heimliche Scenerie der Urwälder her- 



stellen half. Seitdem jedoch die Neu- 
zeit zweckmässige Waldwege anlegte, 
wird auch in diesen grossartigen Wild- 
nissen aufgeräumt und der zunehmende 
Holzbedarf unserer Zeit, die ordnende 
Gesetzgebung und die Spekulation wer- 
den binnen wenigen Jahrzehnten auch die 
letzten Spuren des Urwaldes verschwin- 
den lassen. 



Haupt- Ausgangs- Punkte für K eisen in 
den Bayerwald sind: Fürth (S. 32), 
ßegeiisburg (S. 159), Deggendorf (S. 176) 
uud Passau (S. 177). 

Haupt -Standquartiere für Special- 
Touren sind: Lam (S. 188), Bodeninais 
(S. 189), Zwisel (S. 191) und St. Oswald 
(S. 192). 

SehenswerthestePunkte sind: der Hohen- 
bogen bei Fürth (S. 188); — der Ossa bei 
Lani (s. 188); — der Grosse Arber und 
Arber. See bei Bodenmais (S. 190); — der 
Falkenstein, der Bachel und Raclielsee 
bei Zwisel (S. 192); — und der Lusen bei 
St. Oswald. 

Da es nicht in der Aufgabe eines pro- 
tabelen Reisebuches für ganz Süd-Deutsch- 
land liegt, den Bayerischen Wald mit allen 
seinen Partien und Tonren -vollständig 
zu beschreiben, so müssen diejenigen 
Reisenden, welche längere Zeit an dieses 
Wanderziel wenden wollen, auf nach- 
stehende beiden Special -Führer verwiesen 
werden, welche dem Redakteur dieses 
Buches vortreffliche Dienste leisteten. 
Literatur: Reder, „Der Bayerwald, ge- 
schildert und illustrirt". ßegensburg, Verlag 
von Priedr. Pustet (sehr gut geschrieben). 
Mit 1 Karte. 

Hoffmann (Karl), „Führer durch den 
Bayerischen Wald". Mit 1 Reisekarte. 
Passau, bei Elsässer und Waldbauer 12Va 
Ngr. oder 42 kr. Kleiner, ganz gedrängt, 
praktisch. 



Eintritts- Routen: 

I. Von Nürnberg nach Scliwan- 
dorf Eisenbahn, R. 17 (S. IGO bis 156). 
— .Von Schwandorf Eisenbahn nach 
Fürth, Eintritts -Route 8 (S. 34 bis 
S. 32). 

n. Von Mliuclieu nach Regciis- 
blirg, R. 16 (S. 156 bis 153). Von 
Regensburg entweder 

a) Eisenbahn nach Schcandorf 
(S. 153) und von da Eisenbahn nach 
Fürth (S. 34 bis 32) — oder 



187 



20. Boute: Der Bayerisclie Wald (Lam — Ossa). 



188 



b) Von Ilegeusblirg mit dem 
Dampfboot nach Doyiaustauf (S. 170) 
und von da zu Fuss oder mit Mieth- 
wagen längs dem mit lieben bedeckten 
Scheichelberg (hier Wildpark) nach 
(2 St.) Fach, durch den Paclier Forst 
in 1% St. nach Frauenzeil , Kloster, 
V4 St. Hailsberg, alte Schlossruine und 
% St. nach Brennberg (Babels Brauhaus, 
gut, billig). Hier 2 Schlösser auf einem 
aus chaotischen Granittrümmern be- 
stehenden Berge mit lohnender Aus- 
sicht. Nahebei die *Hölle, wildroman- 
tische Felsen- und Wald -Partie 
(Führer 18 bis 24 kr.). Weiter (2V St.) 
nach Falhenstein (fürstliche Tavern- 
Wirthschaft), Marktflecken mit der 
prachtvollen Schloss -Ruine gl. N., 
eine der malerisch -imposantesten von 
ganz Deutschland. — Von da auf guter 
Strasse (Fahren empfohlen) über (2% St.) 
Neuhaus, Schloss in tiefer Waldschlucht 
(prächtige Waldpartie im, V4 St., heng- 
seugen - Holz), und Wilting (in 3 St.) 
nach Cham (S. 32). Von hier ent- 
weder mit Eisenbahn (S. 32) nach 
Fürth; — oder abermals Fuss Wan- 
derung (resp. Postomnibus, 48 kr.) 
nach Stat. Kötzting und über Benried (in 
Summa 77^ St.) auf den *HoheilbOgeil 
(S. 188). 

m. Von Eeg-ensburg Eisenbahn 
nach Deggendorf (S. 175 bis 176), 
resp. Stat, Plattling. Von da mit Post 
(Mittags) über Begen nach (074 Meil.) 
Zwisel in 6 St. Fahrzeit (1 fl. 33 kr.). 
Unterweges der prächtige Aussichts- 
Punkt der Busel und des Hausteines. 

IV. Von Passau (S. 177) über Titt- 
ling, Schloss Fürstenstein (prächtige 
Lage, Aussicht), Schloss Engelburg und 
Saldenburg (Summa 8 St.), weiter über 
Schönberg und Grafenau nach (5 St.) 

St. Oswald (S. 192). 



Wer nachstehend beschriebenen 
Wanderplan adoptirt, kann in 6 bis 8 
Tagen bei günstigem Wetter und gutem 
Marsch- Vermögen die interessantesten 
Punkte des Oberen Bayerwaldes be- 



reisen. Als Ausgangs-Punkt dient 
die Eisenbahnstat. Flirth (S. 32). Von 
hier in iVg St. über Schwa,rzenberg zur 
sogen. Diensthütte, von welcher (in 
Va St.) ein nicht zu fehlender Weg auf 
den *HoheilbOgen führt. Dies ist ein 
üppig bewaldeter, aus Hornblendfelsen 
und grünlich - schwarzem Serpentin be- 
stehender, einsam über den Thälern des 
Weissen Regen, des Freibaches und der 
Chamb thronender Bergstock mit einer 
Doppelkuppe, dem Hohenstein und dem 
*Burgstall (3340 F. üb. M.), von denen 
jedoch nur letzterer erstiegen wird. 
Droben umfassende Aussicht, nament- 
lich auf die Madatoren des Bayer- 
waldes, den gewaltigen Arber (S. 190) 
und den Ossa (S. 188), dann namentlich 
auch der Blick nach Böhmen hinüber. 
Um den Sonnen -Auf- oder Untergang 
zu sehen, kann man bei der Diensthütte 
in einem Nebengebäude übernachten. 

Vom Burgstall zurück zur Dienst- 
hütte und (in 1^/^ St.) auf guter Distrikt- 
strasse über Neukirchen nach 

(2V4 St.) Lam, grosses Pfarrdorf 
mit dem guten Wirthshause beim 
"^ Mühlbauer (Aussicht; — Forellen). 
Hier nimmt man einen Führer (Lohn 
1 Grulden), um in 2 kleinen Stunden den 
*Ossa (4002 F. üb. M.) zu ersteigen. 
Er erhebt sich (aus Glimmerschiefer 
testehend) Lam gegenüber, jäh zu zwei 
nackten durch schlechte Forstwirth- 
schaft entwaldeten Spitzen, deren 
grössere böhmisch ist. Bezüglich seines 
Lineamentes gehört er zu den schönsten 
Bergformen des Waldes. Die Aussicht 
nach Böhmen ist ungemein lohnend und 
ausgedehnt; gen S. und W. beschränken 
der Arber , der Enzian , der Mühlriegl, 
der Keitersberg (3267 F.) und der 
Hohenbogen die Aussicht. 

Exkursion von Lam über Sommerau 
(Wirtlishaus mit Forellen), über die Grosse 
und Kleine Scheibe mit Führer auf das zer- 
klüftete Zwergeck und zum Fistrizer See. 
Von da event. über Bayrisch- Eisenstein nach 
Zwisel (S. 191), ordentlicher Tagmarsch 
von ca. 9 St. Von Lam direkt auf den 
Grossen Arher (41/2 St.) zu gehen , ist nur 
dann anzurathen, wenn man wegen Zeit- 
mangel den Weg über die Scharreben auf- 
geben muss. 



189 



20. Boute: Der Bayerische Wald (Bodenmais — Arber), 



190 



Von Lain über die Scliarreben 

in 4V2 St. nach Bodeiimals; sehr 
empfohlen. — Führer 1 fl. 12 kr. — 
Bei der Biedermühle über den Weissen 
Kegen auf Fahrweg nach (% St.) Hinter- 
Waldech. In Vg St. auf die Wasser- 
scheide und in iVg St. nach der 
*Scharre|}eil. Hier hat man den 
eigentlichen sehenswerthen Theil des 
Bayerischen Waldes betreten, in seiner 
schauerlichen Grossartigkeit begleitet, 
umgeben vom tiefsten Schweigen einer 
unbelebten Felsen- und Waldnatur. 
,,Ueber Granit -Trümmer und kolossale 
Rannen (so werden hier die umge- 
stürzten, am Boden liegenden Bäume 
genannt), auf deren vermoderndem 
Kücken bereits eine neue Generation 
sich erhebt, und durch fast mannshohe 
Farrenkräuter führt der Fusspfad hinter 
dem Sckwarzech vorüber, dessen Felsen- 
rücken gleich einem Vulkane mächtige 
Blöcke aus dem Innern herausgeworfen 
zu haben scheint, so dass man an einem 
Gesteinsscherben -Meere vorüber wan- 
dert , welches von der stets schaffenden 
und bildenden Natur auf das Wunder- 
barste mit Bäumen in den kühnsten 
Stellungen bestockt wurde. Fels und 
Forst scheinen undurchdringlich zu 
sein und das Dunkel des dichtverwach- 
senen mächtigen Gehölzes, welches aus 
der Tiefe emporsteigt und dessen Durch- 
lichtung erst seit wenigen Jahrzehnten 
rationell betrieben wird, birgt Geheim- 
nisse und Wunder voll märchenhaften 
Wesens." (üoffmann.) Von hier gute 
Forststrasse nach der (1 St.) Schön- 
hßflier Glashütte, dann auf einem Fuss- 
wegc über Mais auf die Distrikts- 
strasse, und in 

(1 St.) Bodeiimais (Gasthof zur 
*Fost. — Königliches * Brauhaus), Pfarr- 
dorf, Sitz eines Berg- und Hütteuamtes, 
mit schönen Häusern in reizender Lage 
am Fusse des Arbers. 

Hauptbergwerk in dorn lotlien, 
wunderlich ausg;f,>zackten Silberberge , <itr 
eine BisclJofsmützo aufhat. Ans den Schwefel- 
kieslageru (Magnetkies) werden Eisonvitirol, 
Alaun und rolierroth (für Glasschleifereien) 
gewonnen, Ausserden» fiuden sich: Apatit, 
Vivianit, Molanchnr, Triplit, Triphyliu, 



Pecheisenstein etc. — Mineralien - Sammlung 
auf dem Hüttenamte. — Am Kronberg, 1 St. 
Anthophylit- Lager. 

Mit Führer (über den Arber bis 
Schachtenbach l'^/^ bis 2 Gulden) längs 
des Piiesbachs in das romantische * Ries- 
loch , einer Felsengruppe, Schlucht mit 
wildzerspaltenen Flühen und male- 
rischen Wasserfällen ; Ruhebänke, 
schützende Geländer und Wege zeigen, 
dass die Forstbehörde kultivirend ge- 
arbeitet hat, um den Reichthum wil- 
den Naturlebens bequem zugängig zu 
machen. In 2 St. erreicht man , über 
die Diensthütte gehend , die höchste 
Kuppe des *Arber, der mit 4558 F. 
üb. M. die bedeutendste Erhebung des 
ganzen Bayerwaldes ist. Droben spal- 
tet er in 2 Kuppen, den Grossen und 
den Kleinen Arber, und in ebenfalls 2 
Seen. Sein Gipfel, ein abgestumpfter 
Kegel, steigt von der Sceioand aus 
felsig - nackt auf. 

Das hier sich entrollende Panorama ist 
ein fast unennessliches; man kann bei 
hellem Wetter im Süden die Alpenkette 
vom Schneeberge bei Wien bis zur Säntis- 
Gruppe im schweizerischen Kanton Appen- 
zell vorfolgen. Im Norden erkennt man 
schwach erblauend noch das Fichtelgebirge 
und mit einem guten Fernrohr lässt sich 
der Hradschin und Wissehrad in Prag auf- 
finden. Der Bayerwald ist in allen seinen 
Theilen zu erblicken. 

Auf der breiten, mit Legföhren und 
isländischem Moos bedeckten Kuppe 
steht eine Kapelle und eine Sennhütte, 
welche bei Gelegenheit der ,, Almen- 
kirta" (Alp - Kirchweih) am 24. Aug. in 
eine fröhliche Schenke umgewandelt 
wird. Am Geigeuhach zu der wildzer- 
klüfteten mit Urwald bewachsenen Sce- 
ioand, von der aus man einen über- 
raschenden Niederblick auf den mehr 
als 1000 F. tiefen, in unheimlicher 
Ruhe daliegenden schwarzen *Arber- 
8ee gewinnt. Den Hinabweg würde 
man ohne Führer nicht wohl gut finden. 
Grossartige, urwüchsig- wilde Vege- 
tation umgibt denselben ; zu Hunderten 
liegen die entwurzelten, zerspalteten, ge- 
brochenen Stämme umher, durch- und 
übereinander geworfen und wehren mit 
den hinausstarrenden nackten Astarmeu 
und den gen die Wolken gokehrtcu 



191 



20. Route: Der Bayerische Wald (Zwisel — St. Oswald). 



192 



Wurzelkiiorren jeder Annäherung. Die 
Ufer des früher 56 Tagwerke grossen 
Sees sind rundum versumpft und die 
mit Urwald bewachsenen umstehenden 
Berge fallen steil in die widerspiegelnde 
Fluth ab. Ein lauter Ruf weckt an der 
Seewand ein dreifach repetirendes Echo. 

Wie beim Pilatus im Kanton Luzern in 
der Schweiz, so geht auch Ton diesem Ge- 
birgs-See die Sage, dass hineingeworfene 
Steine den Unmuth dämonischer Wesen 
wachriefen und furchtbare Gewitter herauf- 
zögen, die vernichtend sich entladen muss- 
ten. Ausserdem lässt der Volksglauben 
Fische von gediegenem Golde auf des Sees 
Grund existiren. 

Hinab in 2 St. nach Scliacllteil- 
bach^. wo eine berühmte Krystallglas- 
Fabrik von Steigerwald vortreffliche 
Gegenstände producirt, die unter allen 
konkurrirenden Schwester - Anstalten 
immer siegreich excellirte. — iV^ St. 
weiter Rahenstein (Wirthshaus) mit der 
reizenden Villa des Hrn. Steigerwald. 

Am benachbarten Hühnerkobel (3250 F. 
hoch) bricht berühmter rosarother Quarz 
(das Material für die Schachtenbacher Glas- 
hütte), dann Milch- und schöner Rauh- 
Quarz , Triphylin , Berylle von seltener 
Grösse, Tantalitkrystalle, Albit, Aqualit, 
Triplitund edle Granaten in ziemlich grossen 
Körnern. 

In einer letzten Wanderstunde nach 

Zwisel, freundlicher Marktflecken. 

Gasthöfe: ='=Pos«, gut und billig; gerühmte 
Ungarweine. — Teutscher Rhein; zahlreiche 
Bierkeller, unter denen der Postkeller der 
schönste ist. 

Zwisel ist einer der Hauptstations- 
Punkte für Ausflüge in die schönsten 
Gegenden des Bayerwaldes. Schon die 
nächste Umgebung ist reich an be- 
suchen swerthen Spaziergängen , wie 
z. B. die (V4 St.) Marienhöhe, (% St.) 
der Zwiselherg , Q-j^ St.) das Roihe Koth 
nnd eine Menge von Glashütten. 

Exkursionen: Nach dem Arber -See (S. 
190) 4 St. und auf den Arhev (S. 190). — 
Nach dem Zwergeck (S. 188) über Bayerisch 
Eisenstein und die Kleine ücueiben in 5 St. — 
Ueber die Schwelle und die Zivisler Gfäll- 
hütte nach dem Hochberg 3 St. mit Führer, 
zwar ohne Fernsicht, aber überreich an 
grossartigen Bildern aus der Waldwildniss; 
etwas mühsam, aber sehr lohnend. — Nach 
dem *Falkenstein (4460 F. üb. M.) mit 
Führer (3 fl. ohne Trinkgeld) 4 St., die 
grossartigste Urwaldpartie des ganzen Baye- 
rischen Waldes, in welcher man einen 
ganzen vollen Begriff vom Wesen dieser 



patriarchalischen Zustände bekommt. — 
Nach Weissenstein am Pfahl (2520 F. üb. 
M.) 21/2 St., alte, auf sonderbar zugespitzten 
Felsen erbaute Hochburgruine im Regen- 
Thal, deren gut unterhaltener Thurm zu 
ersteigen ist. Auch von diesem Schloss 
erzählt man die gleicheSage, wie von einer 
Menge anderer Burgen im Schwarzwalde, in 
der Pfalz iind andoi-en Gegenden, dass eine 
Gräfin in Abwesenheit ihres Gemahls sieben 
Knäblein auf einmal geboren habe und ent- 
setzt über diesen Himmelssegen deren sechs 
habe wollen ertränken lassen. Der aber 
zufällig heimkehrende Graf sei dem mit der 
Unthat beauftragten Diener begegnet, und 
habe ihn gefragt, was er da verborgen 
trage; „junge Hunde, die ersäuft werden 
sollen"; der Graf wollte sie sehen, entdeckte 
das Verbrechen und zwang dem Diener ein 
volles Geständniss ab. Darauf liess der 
Graf seine Kinder ins Geheim erziehen, 
und als sie gross waren, lud er eine Gesell- 
schaft, und legte derselben die Frage vor, 
welche Strafe einer Mutter gebühre, die 
ihre eigenen Kinder nach der Geburt habe 
ertränken lassen wollen. „Der Tod durchs 
Einmauern", war die einmüthige Antwort. 
Da liess der Graf die grossen schönen Kna- 
ben eintreten, zeigte sie seiner Gemahlin, 
und vollzog an letzterer den ürtheilsspruch. 
Die Nachkommen abernahmen seitdem einen 
Hund in ihr Wappen auf. 

Von Zwisel nach St. Oswald, est, 

über Flanitz , Dörfel und Unter- 
Fr auenau , längs der Flanitz nach der 
Glasfabrik Maierhütte und dann auf 
guter Fahrstrasse durch den schönen 
Kling enhrunner Forst nach (4 St.) Klin- 
genhrunn, in dessen Nähe der aussicht- 
reiche Ludwigsstein. Dann weiter über 
die schön gelegene Spiegelau (Glas- 
fabrik) und über die Riedlhütte oder 
direkt über Reifenberg nach 

(2 St.) St. Oswald (sehr gutes 1 
Wirthshaus im Bräuhaus, billig, em- j 
pfohlen, Forellen), ehemaliges Kloster. 
Yom Hohen Stein sehr umfassende Aus- I 
sieht. — Die bedeutendste Exkursion, 
welche man von hier aus unternimmt, 
ist die mit Führer (1 fl.) in SV, St. zu- 
rückzulegende nach dem *Rachelsee. 
Der Weg geht fast ununterbrochen 
durch den Wald über Siehenellen, Gug- 
lädunä, die Diensthütte, fahrbare Strasse. 

Hier steht noch ein Stück Urwald 
in seiner ganzen schauerlichen Pracht 
und Wildheit. Der Boden, auf welchem 
der Wanderer schreitet, ist elastischer 
schwammiger Moder, das Produkt 



193 21. Route: Die Ludwigs- Westbahn v. Aschaffenbnrg n. Bamberg. 194 



tausendjähriger vegetabilischer Ver- 
wesung; hätte die Regeneration der 
letzten Zeiten diesen lockeren Wald- 
humus nicht aufs Neue mit Wurzel- 
strängen durchflochten und verfestiget, 
man würde auf demselben nicht gehen 
kömien. Der ganze wirre und strup- 
pige Apparat, welcher den Urwald 
charakterisirt, die Zeugen und Zeug- 
nisse wild-revoltirenderNaturereignisse, 
welche Felsenbrocken vom Gesteins- 
körper ablösend herniederschleuderten, 
Riesenstämme durch Windbruch wie 
Halme umknickten oder durch den 
Blitzstrahl spaltend zu Boden warfen, 
das Alles starrt und zackt sich hinaus, 
ein wüster Verhau in Mitte parasitisch- 
wuchernden jungen Lebens, zwischen 
dem das Veteranenheer altehrwürdiger 
Fichten mit besenartig niederhangenden 
Zweigen und vollkräftiger, stammes- 
kerniger Riesenbuchen und Waldahorne 
steht, — das Urbild eines europäischen 
Urwaldes , wie ihn keine deutsche Ge- 
birgsgegend grossartiger aufweisen 
kann. In solcher Umgebung steigt man 
empor zu dem tiefschwarzen melancho- 
lischen Fluthenspiegel des sagen -um- 
klungenen, in träumerischer Einsamkeit 
ruhenden Sees , hinter welchem die 
oberste Kuppe des Rachel (4520 F. 
üb. M.) sich aufbaut. Letzterer bildet 
mit seinem durch den Rinacher Hoch- 
wald bis in den Sonnenwald sich fort- 
setzendem Rücken die Scheide zwischen 
dem Oberen und Unteren Bayerwalde. 
Die Fernsicht nach den Salzburger und 
Steyerischen Alpen ist herrlich. — 
Tüchtige Fussgänger mögen mit dem 



Zuschlag von zwei Extrastunden ihren 
Rückweg über das Rachelhaus nehmen, 
der eine neue Fülle ähnlicher Scenerien 
wie die oben beschriebene darbietet. 

Die letzte bedeutende Partie ist 
endlich noch die Besteigung des Luseil 
von St. Oswald aus, in 3 St. mit Führer 
(1 fl. Lohn). Der Weg führt, ähnlich 
wie der vorige, über Siebenellen ixnd 
Guglöd, dann aber r. abbiegend und 
der Forststrasse folgend zu deu unteren 
Waldhäusern^ den höchstgelegenen pe- 
rennirenden menschlichen Wohnungen 
des Bayerwaldes. Der Gipfel des Lusen 
(4259 F. üb. M.) ist ein aus riesigen 
Granitscherben gebildeter Trümmer- 
haufen , der durchaus Vegetation s - ent- 
blösst die Gegend überschaut. Man 
muss von da wieder nach St. Oswald 
zurück. 

Der Untere Bayerwald enthält 
noch eine Menge recht interessanter 
und malerischer Punkte, die jedoch 
weniger hervorragend oder durch be- 
deutende Eigenthümlichkeiten ausge- 
zeichnet sind, um hier empfohlen werden 
zu können. Wer sich speziell dafür 
iuteressirt, möge die oben angeführte 
Literatur zu Rathe ziehen. 

Den Hiuausweg wird man über 
Grafenau, Schönherg und Tittling (vgl. 
S. 187) oder über Jlohenau , Frcyung 
(*Post)^ freundlicher Marktflecken mit 
Hammerwerk, — und über eine Menge 
kleiner Dörfer, wie Kumrcut, Rohrhach, 
Gross - I'annenstfig , Lcoprcchting und 
Salziceg nach PaSSau (S. 177) nehmen ; 
beide Poststrassen. 



Unterfranken. 

21. Route: Die Ludwigs -Westbahn von (Darmstadt über) 
Aschaffenburg nach Bamberg. 



Sli'b Meil., davon 5'' lo Hessische 
L u d w i g s l) a h n von Darmstadt nach 
Ascliaffeuburg und 25Va Meil. Bayerische 
Staatsbahu. Tägl. 5, resp. GZüge, davon 
1 Courier- und 1 Schnellzug in 5 St, 

Berlepsch' Süd -Deutschland. 



(Aschatreuburg-Bamberg). 1. <> fl. 18 kr. II. 
(i fl. 12 kr. und ein Postzug mit 7Va St. 
Fahrzeit (Aschaffenburg -Bamberg). — Qe- 
wöhnh'che Taxe: Von Darmstndt nach 
Asdiajenbuig 1. 1 Ü. 51 kr. II. l a. kr. 
7 



199 



21. Route: Unterfranken. 



200 



Loggia, aus welcher eine Thür auf das 
Dach des grossen Tricliniums und von 
da eine Treppe auf das oberste Dach 
(volle Rundschau) führen, — Die Wand- 
malereien besorgte Nilson. 

Das Stadt-Innere Aschaffenburgs 
ist hügelig, die Strassen sind mit wenig 
Ausnahmen winkelig, eng und unschön. 
Auch die anderen Gebäude , wie Pfarr- 
hirche^ DreifaltigTceits- und SandTcirche^ 
Appellationsgerichts - Gebäude etc. , ent- 
behren des Interesses für Fremde. 

Sammlungen: 1) Für Jagdkunde und 
Porstprodukte (namentlich alle Holz- 
arten Bayerns in kolossalen Querdurch- 
schnitten) in der Forst -Lehranstalt (man 
wendet sich behufs Besichtigung an den 
Direktor oder einen der Herren Professoren). 

— 2) Städtische Sammlung im Lan- 
dings-Schulgebäude mit einer vortrefflicheo 
geognostischen Suite der in der Umgegend 
vorkommenden Schichten und einer Alter- 
thümer- Sammlung. 

Spaziergänge: 1) Das Schöne Thal, An- 
lagen fast um die ganze Stadt. — 2) Die 
i^asa)ierie,Hainbuchen-undFichten-Bestände. 

— 3) Der Gotteisberg , Herrn Buchhändler 
Krebs gehörend. — 4) Der *Schöne Busch, 
grosse Parkanlagen mit Seen , Irrgarten, 
Restauration (gut) und sonstigem Apparat, 
Lieblings-Wanderziel der Einwohner. — 5) 
Auf dem grösseren Friedhof e ruht der Dichter 
Clemens Brentano, — auf dem von St. Agatha 
der Verfasser des ,,Ardinghello", Wilhelm 
Heinse, einst Vorleser des Kurfürsten Karl 
Joseph von Erthal, für dessen Werke König 
Ludwig I. eine solche Vorliebe hatte, dass 
er ihm nicht nur hier ein Denkmal setzte, 
sondern seinen Namen auch unter die Wal- 
halla-Genossen (S. 173) aufnahm. 

Die Bahn nach WÜrzburg" (Sitze 
r. zu nehmen) folgt nun nicht, wie man 
vermuthen sollte, dem Laufe des Maines 
stromauf, sondern durchschneidet einen 
Theil des nördl. Spessart- Waldes und 
wird dadurch für eine geraume Strecke 
landschaftlich höchst unterhaltend. Von 
Lohr (Eisenbahn - Station , wo man den 
Main wieder erreicht) bis Aschaffenburg 
macht der Main nämlich gen Süden 
einen in unendlich vielen Krümmungen 
ausbuchtenden Bogen von etwa 40 
Stunden, während die Bahn den Spessart 
in 5 Meilen durchbricht. 

Jene Tour Main - aufwärts über Wörth, 
Miltenberg, Wertheim etc. bis Lohr, gehört 
zu den schönsten Süd -Deutschlands, reich 
an prachtvollen Ufer - Dekorationen , wird 



aber der mangelnden Verkehrsanstalten 
halber ausserordentlich wenig von Touristen 
besucht (vergl. unten). 

Bald nach der Ausfahrt kommt r. 
dicht an der Bahn das Monument für 
die in dem Kampfe vom 13. Juli 1866 
gefallenen Oesterreicher und kurz dar- 
auf das Schlachtfeld dieses Tages zwi- 
schen Frohnhqfen und Laufach (die 
Bundestruppen: Oesterreicher u. Darm- 
städter wurden von den Preussen , Di- 
vision Goeben, zurückgeworfen und 
2000 Oesterreiclaer gefangen; die Ent- 
scheidung war am 14. Juli beim Bahn- 
höfe in AschafPenburg). Die Bahn tritt 
nun in den Spessart ein, fortwährend 
prächtige Blicke in malerische Wald- 
wiesenthäler erschliessend, — Langer 
Tunnel (4 Min. Fahrzeit) durch den 
Schwarzkopf nach der Stat. Heigen- 
hrücTcen , renommirt durch die mit vor- 
trefflichem Bier ausgerüstete Heidersche 
Restauration (Wallfahrtsort der Porst- 
Eleven). Diese Gegenden waren im 
vorigen Jahrh. berüchtigt wegen ihres 
Raubgesindels. Bei der Weiterfahrt 
sieht man r. die Mechelsmühle , einst 
Schlupfwinkel des Räuberbanden - An- 
führers Schinderhannes. — Ueber das 
Auhachthal , r. die Ruine des Schlosses 
Eieneclc ^ in dessen Kellern, der Sage 
nach, der Wein ,,in seiner eigenen 
Haut" und sonst viel Schätze verborgen 
liegen sollen. Nie läuft die Bahn im 
Walde selbst, sondern immer am Rande 
desselben, so dass die Aussicht in das 
liebliche Wiesenthal des Lohrbaches 
stets frei bleibt. — Stat. Parten^tein 
und bald darauf erreicht man den 
Main und 

(5 Meil.) Stat. Lohr (Post. — Krone). 
Das Städtchen (6300 Einw.) liegt V4 St. 
weiter unten r. , hat bedeutenden Holz- 
handel, grosse Hammerwerke , Papier- 
mühlen und ausserordentlich viele 
Schuhmacher. 

Früher, in voreisenbahnlichen Zeiten, 
ging ein Dampfboot von hier auf dem Maine 
nach Aschaffenburg. Jetzt verlangen Nachen- 
führer, wenn man die schöne Main -Tour 
auf einem Kahne machen will, 14 fl. für 
die 14stündige Fahrt, und da selten Jemand 
so viel aufwendet, ist die Tour total ver- 
einsamt. 



201 21. Route: Die Ludwigs-Westbahn v. AsclialFeiil)urg n. Bamberg. 202 



Die Bahn tritt nun an das rechte 
Ufer des Maines, den sie, allen seinen 
Krümmungen folgend, bis Würzburg 
nicht mehr verlasst. Bald folgt am linken 
Ufer auf dichtbewaldetem hohen Berg- 
vorsprung die Ruine Schönram , einst 
Benediktiner-Probstei, schon seit 1246 
zerstört. Die Bahn läuft längs des 
Herrenberges durch hohe Felseinschnitte 
und unter dem Enyersherge im Main- 
flussbett auf stark versicherter Auf- 
däramung und erreicht das Ende des 
Spessart- Waldes. Dann auf einer 692 F. 
langen steinernen Brücke über die 
Fränkische Saale , welche mit der Sinn 
hier in den Main sich ergiesst. 

(7 Meil.) Stat. Gemündeu, sehr 
altes, malerisch gelegenes, von den Her- 
munduren gegründetes Städtchen, zum 
Theil noch mit mittelalterlichen Ring- 
mauern und grossen runden Thürmen 
umgeben. Oberhalb des Städtchens 
die Ruinen der Burg Florherg , im 
Bauernkriege 1525 zerstört. 

Zweigbahn : Ueber Rienech, Burgsinn, 
Mittelsinn, Jossa, das Sinn -Thal verlassend 
über Strebfritz in das Einzig - TJial, nach Vol- 
merz und Elm an der Hanau - Bebraer Bahn, 
Summa 91/7 Meil. 

Post: Nach (6 Meil.) Bad BrücJcenau 
(S. 205) in 71/3 St., 1 fl. 54 kr. - (3i/4Meil.) 
Hammelburg in 23/* St. — (5 Meil.) Rissingen 
(S. 208), in 51/2 St., 1 fl. 33 kr. 

Nun direkt südlich, grosser Bogen 
des Main, prächtiger perspektivischer 
Blick. Bei Stat. Wernfeld wieder ganz 
waldige Thaleinfassung. Das Thal er- 
weitert sich, der Weinbau beginnt; der 
Main fluthet in breitem Strombett. 
Man tritt in das Gebiet der Franken- 
weine, das bis über Würzburg liinaus- 
reicht. Drüben überm Main erscheinen 
die Rudera eines der ältesten Berg- 
schlösser Deutschlands, der von Karl 
Mjirtell (Grossvater Karl d. Gr.) 714 
bis 741 zum Schutze gegen die Einfälle 
der Thm-inger erbauten Karlburg , spä- 
ter Frauenkloster, und 1525 im Bauern- 
kriege zerstört. Der Rittersaal soll 
einer der schönsten jener Zeitin Deutsch- 
land gewesen sein. 

Stat. Karlstadt, lebhaftes Städtchen 
mit schöner gothischer Kirche, Kapu- 
zinerkloster und starkem Gemüse-, 



Obst- und Weinbau, Geburtsort des 
aus der Reformations - Geschichte be- 
kannten Andreas Bodenstein, Karlstadt 
genannt, der während Luthers Aufent- 
halt auf der Wartburg im übergrossen 
Eifer es unternahm, am Weihnachtsfeste 
1521 in der Schlosskirche die Messe in 
deutscher Sprache zu lesen, das Abend- 
mahl mit Weglassung der Beichte in 
beiderlei Gestalt auszutheilen und das 
Volk zur Zerstörung der Heiligenbilder 
aufzustacheln. 

Posi: Tägl. Abds. nach (3 Meil.) Ham- 
melburg, in 3 St., 1 fl. 6 kr. (S. 207). 

Nun folgen die Stat. Retzbach mit 
Ruine aus Karolingerzeit, — Thüngers- 
heini und Veitshöchheim, von den Würz- 
burgern viel besuchter Ausflug -Punkt 
mit königlichem Sehloss und schönem 
Park. 

Hier wurde 12'6 für den von Papst 
lunocenz IV. in Bauii gethanen und seiner 
Würde für verlustig erklärten Kaiser 
Friedrich II. von den versammelten Kur- 
fürsten und Bischöfen der Landgraf Hein- 
rich Raspe von Thüringen zum deutschen 
Könige gewählt. 

Gegenüber, jenseits des Maines, 
Kloster Oberzeil, wo die berühmte 
Buchdruckerpressen-Fabrik von König 
und Bauer etablirt ist. Am Fusse des 
durch seinen Reben - Nektar weltbekann- 
ten Steinberges hin in den grossen neuen 
Bahnhof von 

(12 Meil.) Würzbur^. — Stadt- 
beschreibung sehe man R. 23 (S. 213). 

Die Bahn , von der bald nach der 
Ausfahrt aus dem Bahnhof r., in grosser 
Kurve, die Badischc Staatshahn nach 
Heidelberg (R. 25) u. ^\% Bayerische Ans- 
bach - G^mzenshausen - Münchener Bahn 
(R. 23) abzweigen, geht anfangs östl. 
bis Stat. Rottendorf , wo die Würzburg- 
Nürnberger Bahn (R. 24) abzweigt, dann 
fast nördl. über Seligcnstadt (beträcht- 
liche Speditionsgeschäfte, namentlich 
in Wein), Bergthcim , Esshben, U'cigols- 
hansen und Bergrheinfdd (Aussicht 
über den TMaingrund) durch einen Tun- 
nel , unter eineni Theile der Stadt hin- 
durch in den Bahnhof von 

(IS' ., Meii.l Sclnveinfurt. 

Gasthöfe: Kioue, zunäclist beim Bahn- 
hof. — lUbe. — Wilder Mann. — Anker. 



203 



22. Route: Die Rhön. — Kissingen. — Brückenan. 



204 



Post: Nach (3V4Meil.) Kissin(jen (S. 208) 
tägl. 4mal, in 23/4 St., 1 fl. 44 kr. — (63/4 
Meil.) Bad Brüchenau, in 7V2 St., 3 fl. 44 kr. 
— (5 Meil.) Königshof en, in 43/^ St., 1 fl. — 
(93/4 Meil.) Meiningen, in 9 St., 5 fl. 4 kr. 

Wagen: 2spännig, 4sitzig nach Kissingen 
7 fl. und 1 fl. Trinkg. — Nach Bad Bocklet 
10 fl. und 1 fl. Trinkg. — Bod Brüchenau 
14 fl. und 2 fl. Trinkg., ohne Rücksicht auf 
Personenzahl und Tageszeit. 

Die Bahnzüge halten hier gewöhn- 
lich 7 bis 10 Min. 

Die industrielle Stadt mit grossen 
Zucker-, Tapeten- und Farbenfabriken 
(Schweinfurter Grün), so wie bedeuten- 
den Getreide - und Viehmärkten , zählt 
fast 10,000 Einw. — Erinnerungen an 
Gustav Adolph, der längere Zeit hier 
sich aufhielt und die damalige Reichs- 
stadt befestiget haben soll. — Hübsches 
ßathhaus aus dem Jahre 1570. Neue 
vorzügliche Wasserleitung. 

DieBahn, welche schon vor Schwein- 
furt wieder an das rechte Ufer des Main 
herangetreten ist, verlässt den Fluss 
nun bis kurz vor Bamberg nicht mehr. 
L. das stattliche Schloss Mainherg^ einst 
gräflich Hennebergisch , jetzt dem 
reichen Industriellen, Herrn Sattler, 
dem Erfinder des Schweinfurter Grün 
gehörig. Folgen die Stat. Schonungen^ 
Gädheim, Ohertheres mit einem vor 900 
Jahren von den Babenbergern gegrün- 
deten , jetzt völlig modern umgebauten 
Schloss Theres. — Stat. Hassfurt. Be- 
kanntes, viel besuchtes Bad. Vom 
Bahnhofe aus sieht man die nach Heide- 
loffs Plan enrestaurirte herrliche Marien- 



oder Ritterkapelle aus der Mitte des 
14. Jahrb., einst Kapitel -Eigenthum 
des fränkischen Adels und deshalb im 
Innern und an den Aussenwänden mit 
den farbigen Wappenschildern der Ge- 
schlechter geziert. — Die Landschaft 
wird stellenweise malerisch. -=— Stat. 
Zeil, Städtchen mit Schloss, über dem 
sich der Kapellenherg (bedeutende Aus- 
sicht) erhebt. Weiterhin auf Reben-um- 
rankter Hügelkette Burgruine Schmach- 
tenherg j 1552 von Markgraf Albrecht 
von Brandenburg zerstört. — R. überm 
Main das Städtchen Eltmann mit der 
Ruine der Wallburg , schon in den 
Zeiten des heil. Bonifazius eine mäch- 
tige Bergveste, deren Graf Hiddi II. die 
Christianisirung der Gegend sehr be- 
günstigte und einen Theil seiner Be- 
sitzungen dem Kloster Fulda schenkte. 
— Stat. Ebelsbach; dann Staffelbach, 
von wo aus schon die Thürme Bambergs 
und der Michelsberg im Vorblicke r. 
sichtbar werden. Bei Oberhaid über 
die stattliche Mainbrücke , r. die um- 
fangreichen Gebäude der Bamberger 
Baumwollenspinnerei, 1. Einmündung 
der Bahnlinie, welche von Hof und 
Lichtenfels (S. 23) kommt, in den 
Bahnhof von 

(25^2 Meil.) Bamberg (gute Re- 
stauration). 

Stadtbeschreibung (S. 73 bis 80). 
Von Bamberg nach Nürnberg 

R. 10 (S. 45). 



22. Route: Die Rhön. — Kissingen. — Brückenau. 



Beide Badeorte, Kissingen und 
Brückenau, liegen an keiner Eisenbahn. 
Nach ersterem ist eine Schienen- Linie 
im Bau. — Vorläufig muss man noch 
folgende Eintritts-Punkte als Post- 
Ausgangs-Stationen benutzen: 

1) ^Schlüchtern, Eisenbahn-Station 
(S. 16) der Bebra- Hanauer Bahn (Ein- 
tritts -Route 3). 

2) Meiningen, Eisenbahn -Station 
(S. 17) der Werra-Bahn (Eintritts- 
Route 4), — und 



3) Schweinfnrt (S. 202), oder 

(xemünden (S. 201), Bahnstationen der 
Bamberg- Würzburger Bahn (R. 21). 



Die Rhön ist eine basaltische Erhebungs- 
masse im nördlichsten Theile von Bayern, 
dem angrenzenden Herzogthum Meiningen 
und der neupreussischen Provinz Hessen. 
Nur Bad Brückenau liegt noch im Gebiet 
der eigentlichen Rhön; aber die Eintritts- 
wege, auch für die Bäder Kissingen und 
Bocklet von Norden her, passiren das Rhön- 
Gebirge. Der südliche Theil ist der wald- 
reiche, mit einzelnen durch ihre Vege- 



205 



22. Route: Die Rhön. — Kissingen. — Brückenan. 



206 



tation ausgezeichneten landschaftlichen 
Stellen; der höchste Punkt derselben ist der 
Kreuzherg (2844 F.) — An diesen grenzt 
nördlich die Lange und Hohe Rhön, 
•wiesenbedeckte waldige Plateaus, deren 
Rücken zum Theil mit ausgedehnten Torf- 
mooren bedeckt sind; der bedeutendste 
Erhebungs-Punkt ist die Wasserkuiype (2887 F. 
üb. M.). — Der westliche Theil wird die 
kuppenreiche Rhön genannt, deren 
malerisch -imposantester Berg die Milseburg 
ist. — Grösstentheils ist es ein armes Land, 
dessen Bewohner neben einigem Ackerbau 
und Rindvieh- sowie Schafzucht (die Rhön- 
Hammel werden bis nach Frankreich ver- 
sendet) meist von Leinenweberei und grober 
Holzschnitz- Arbeit leben. Ein sehr grosser 
Theil der Einwohner ist katholisch. Aus- 
führlicheres über die Rhön siehe Berlepsch 
„Reisehandbuch für Nord- Deutschland". 



I. Von Schlüchtern nach Brückenau 
und Kissingen. 

Posi: Tägl. von Schlüchtern (S. 16) nach 
(4 Meil.) Brückenau Vorm., in 33/4 St., 
24 Sgr., und weiter nach (noch 33/4 Meil.) 
Kissingen, in 81/2 St., für Summa 2 Thlr. 

Von Schlüchtern (S. 16) steigt 

die Strasse zwischen bewaldeten Höhen 
im Thal der Einzig über VoUmerz und 
Strebfritz an, tritt ins Thal der Simi bei 
Mottgers und bleibt in demselben bis 
Zeitloss. Im gleichen Thal wird eine 
Eisenbahn von Stat. Elvi aus erbaut 
(die nach Gemünden im Mainthal geht), 
welche man später bis Zeitloss benutzen 
wird. Von hier schwenkt die Strasse 
östl. ins Thal der Sinn ein und erreicht 
über Ruppoden 

Bad Brückenau, V2 St. vom gleich- 
namigen Städtchen gelegen. 

Gasthöfe: Kurhaus, gut gehalten. Zim- 
mer von 36 kr. bis 3 fl. tägl. (während der 
Saison). Die Weine werden aus der könig- 
lichen Hofkellerei in Würzhurg geliefert. 

Im Städtchen : Bayerischer Hof. — Stern. 
- Adler. 

Bäder: Ein brückeuauer Siahlbad, oder 
ein sinnberger oder wernarzer Wasserbad 
36 kr. — Ein Moorbad mit Reinigungsbad 
1 fl. 30 kr. 

Saison: Vom 1. Juni bis 15. Oktober. 

Brückenau war lange Jahre Sommer- 
aufenthalt des Königs Ludwig I. von 
Bayern , der viel für den Badeort ge- 
than hat. Eine stark kohlensäure- 
haltige Stahlquelle u. zwei minder eisen- 
haltige Säuerlinge (sinnberger und 
wernavzer), alle mit wenig festen Be- 



standtheilen , werden hauptsächlich 
gegen alle Krankheiten, welche auf 
Blutleere beruhen, angewendet. Beim 
Trinken werden sie mit Molken oder 
Milch gemischt. — Die Einrichtungen 
sind geschmackvoll und zweckmässig. 
Prächtiger Kursaal. — Der Fürstenbau. 

Spaziergänge: Die ringsumgebenden 
Buchenwalduugen sind reichlich von park- 
ähnlichen Wegenund Anlagen unterbrochen ; 
Ziele sind die Ludwigs- und Theresienmiese; 
der Schwarze Fels; die Mooshrücke ; Kloster 
Völkersberg ; der Dreistelzberg (2115 F. üb. M.), 
auf dem einst ein verfluchtes Schloss stand. 

Post : Tägl. früh nach (3i/o Meil.)HamineI- 
burg 1 fl. 6 kr. und Gemündeu (S. 201) 
1 fl. 54 kr. — Nach Schlüchtern Nachm., 
in 33/4 St. 

Nach Kissing-en (noch 3V2 Meil., 
Post- Abgang Mittags, in 4V4 St., 2 fl. 
6 kr.) geht die Strasse vom Städtchen 
Brüchenau aus anfangs noch eine 
Strecke im Sinnthal, biegt dann r. um 
den Pilsterberg in ein Seitenthälchen 
ein, in welchem die Ruine ScliildecTc 
liegt. Weiter über Geroda, Platz und 
Waldfenster hinab ins Thal der Frän- 
kischen Saale, bei der Saline Friedrichs- 
hall und nach Kissingen (S. 208). 



2. Von Meiningen nach Kissingen. 

Post: Im Sommer tägl. Vorm., in 62/4 St. 
(Eutferunug 71/4 Meil.), für 3 fl. 41 kr. 

Von Meining-en CS. 17) im Thal 

der Suiza massig ansteigend über 
Sülzfeld (1859 abgebrannt) nach Hcnne- 
herg mit den Ruinen der Stammburg, 
des einst mächtigen gleichnamigen 
Grafengeschlechtes. — Lieber Eusen- 
/ittMsejtnach Mcllrichstadt, bayerische 
Bezirks-Hauptstadt mit I8OU Einw. 
— Weiter über Ober- und Mittelstreu 
imThaledes Streubaches, UnslebenuAch 
Neustadt (Post. — Goldener MaiuiJ, 
freundliclies Städtchen, oberhalb dem 
östl. die Salzburg liegt, einst Herrscher- 
sitz Kaiser Karl d. Gr., wo er nach 
SOjährigem Kriege den Frieden mit dem 
Sachsen -Herzog Wittekiud schloss. 
König Ludwig 1. von Bayern liess hier 
1841 die Bonifazius-Kapelle auf dem- 
jenigen Platze erbauen, wo der Glau- 
bens -Apostel die ersten Bischöfe ein- 



207 



22. Route: Die Rhön. — Kissingen. 



208 



setzte. — Im Thal der Fränkischen Saale 
noch eine kurze Strecke, dann ins 
Seitenthal der Lauer , das Wiesenthal 
genannt, einbiegend über Münnerstadt 
unterm Sinnherye vorbei, hinab nach 
Kissingen (S. 208). 



3. Von Gemünden nach Kissingen. 

Post: Tägl. Nachm. über (3i/4 Meil.) 
Hammelburg, in 23/4 St., nach (13/4 Meil.) 
Kissingen, in Summa 51/2 St , für 1 fl. 33 kr. 

Von Geiiiünden (S. 201) aus läuft 

die Fahrstrasse der Fränkischen Saale 
entgegen (die hier in den Main sich er- 
giesst).; dann das Thal verlassend 1. 
Kloster Schönau über Seifriedshurg, 
Aschenrod und Ober-Aschenbach unter 
der Burg Saaleck vorbei, auf welcher 
einst die thüringische Königin Amal- 
berga wohnte, nach dem reizend ge- 
legenen, von Weinbergen timgebenen 
sehr alten Städtchen Hammelburg 
(SchtoanJ , einst Sommersitz der Fürst- 
Aebte von Fulda, 1854 grösstentheils 
abgebrannt. Der Saalecker Wein wird 
sehr geschätzt. — Weiter im Thale der 
Saale aufwärts durch Dorf Trimberg^ 
dem Geburtsort des altdeutschen Dich- 
ters Hugo V. Trimberg (schrieb Ende 
des 13. Jahrh. das Lehrgedicht ,,der 
Renner'O und des Minnesängers Süss- 
kind. Darüber die Ruinen des ehe- 
maligen Schlosses Tiimberg , Ex- 
kursionsziel der Badegäste von Kis- 
singen. Droben recht hübsche Aus- 
sicht. L. jenseits der Saale die Ruinen 
des Klosters Aura, in welchem zu An- 
fang des 12. Jahrh. der gelehrte Abt 
Ekhardus als Geschichtsschreiber lebte 
(nicht zu verwechseln mit dem St. Gal- 
lischen Mönch Ekkehard, den Vevfassei' 
des Walthari- Liedes, den Scheffel in 
seinem bekannten vortrefflichen Roman 
verherrlichte). Ueber Euerdorf nach 
Kissingen. 

4. Von Schweinfurt nach Kissingen. 

Post (so lange die Bahn noch nicht 
eröffnet ist): Tägl. mehremal, in 23/481., für 
1 fl. 44 kr. — Auch Omnibus und Mieth- 
wagen, letztere für einen Einspänner 41/2 
bis 5 fl., für einen Zweispänner 6 bis 8 ü. 



Die Strasse läuft, bald steigend, bald 
fallend, durch fruchtbare Gegend, die 
Dörfer Maibach, Poppenhausen , Erlen- 
bach passirend , dann zwischen bewal- 
deten Bergen an Arnshausen vorbei, 
hinab ins Saale - Thal , r. oben die Burg 
Bodenlaube , nach 

Kissingen , 604 F. üb. M. 

Gasthöfe: Kurhaus, sehr vornehm und 
theuer. — Ilussischer Hof, meist von reichen 
russischen Familien bewohnt, in der Kur- 
hausstrasse. — *H6tel Schlatter, in der Max- 
strasse , gelobte Küche. — Hotel de Baviere 
(früher Bellevue) , jenseits der Saale. — 
Hölel de Saxe (zugleich Post), in der Salinen- 
strasse. — Hölel de Frusse, Zimmer von 
36 kr. an. — Hotel Sanner, in der Kurhaus- 
strasse. — Witteisbacher Hof. — Die meisten 
Hotels sind nur während der Saison geöffnet. 

Privatwohnungen in reichlicher Menge 
zum Preise von 4 bis 12 11. wöchentl. und 
höher. Bei Vorausbestellung im Frühjahr 
wende man sich an das königliche Eade- 
Kommissariat. Bei Selbstwahl einer Woh- 
nung hüte man sich vor aufdringlichen 
Agenten, Schriftliche Miethsverträge sind 
zur Vermeidung vgu Missverständnissen zu 
empfehlen. Streiiigkeiten vermittelt am 
besten das'Bade-Komniissariat. In der Regel 
akkordirt man das Frühstück mit der Woh- 
nung zu 15 bis 24 kr. pr. Tag. Es gibt 
auch solche, in denen man Mittagstisch mit 
erhalten kann. 

Restaurationen: Federbeck, in Nähe der 
Post (gute Weine). - Neubert, Osteudstrasse 
bei der englischen Kirche. — Bchützenhalle. 
— Streit. 

Gartenwirthschaften: Schweizerhaus. — 
Schützenhalle, — Zajpf, am Wege nach Bbden- 
laube. — Seehof. — Brauerei von Goldmeier 
und Kolb. 

Kurtaxe zahlt jeder Fremde, der länger 
als eine Woche während der Kurzeit sich 
aufhält. ]^an unterscheidet zwei Klassen : 
Vornehme, von denen das Familienhaupt 
5 fl. und jedes Familienmitglied über 15 
Jahre alt 1 fl. 45 kr. zu entrichten hat, 
und Minder- Vornehme mit der Taxe von 
3 und 1 fl. — Kinder unter 15 Jahren zahlen 
30 kr. Hierfür hat man die Berechtigung, 
gratis die verschiedenen Mineralquellen zu 
trinken. — Die Kurkapelle (Musik) zieht 
ihre Beiträge (pr. Saison 2 fl.) extra ein. 

Bäder. Im Kurhause 45 kr., mit 
Douche 1 fl. 6 kr.; — ein Moorbad nebst 
ßeinigungsbad 1 fl. 45 kr. Von Nachm. 
3 Uhr ab wohlfeiler. — Auf der Saline: 
Soole- Wellenbad 1 fl; — Soole- Douchebad 
42 kr.; — Wannenbad 21 kr.; — Gasbad 
mit Salzdampf 33 kr.;— Salzdampf- Vollbad 
mit Kegendonche 1 fl. 6 kr. — Salzdampf- 
Eiuatbmnng 30 kr. — In irgend einem 
Badezimmer Kissingens: Ein Pandur- 
bad oder ein warmes Soolobad 36 kr. — Bin 
solches mit Scblammzusatz 42 kr. — Fnss- 
bad 6 kr. — Der Bademagd jedesmal 6 kr. 



209 



22.RöuU: Kissingen. 



210 



Droschken: Einspänner pr. St. 1 fl., 
Zweispänner 1 fl. 12 kr, — Ins Gasbad 
Einspänner 36 kr., Zweispänner 48 kr. — 
Schützenhalle 24 resp. 36 kr. — Nach Brückenau 
Einspänner 7 fl. , Zweispänner 10 fl. — 
Gemünden Einspänner 8 fl., Zweispänner 
12 fl. — Hammelburg hin und zurück 5 resp. 
7 fl. — Meiningen 12 resp. 15 fl. — Bei letz- 
teren Touren pr. Tag 1 fl. Trinkgeld, sowie 
Pflaster- und Brückengeld. 

Gottesdienst: Protestantischer: 
Sonnt. IOV2 Ohr Vorm. und 3 Uhr Nachm., 
auch Mittw. Abd. 6V2 Uhr. — K at h o 1 i s c li e r : 
Sonnt. 9 Uhr Vorm., in der Woche 6V2 Uhr 
Vorm. — Israelitischer und in der 
anglikanische n Kirche werden je weilen 
bekannt gemacht. 

Theater während der Saison täglich. 

Lesekabinei im Kurhause gratis. — In 
Jügels Buchhandlung, reichlicher ausge- 
stattet. 

Kissingen, Distriktsstadt mit 2600 
Einw., in einem freundlichen Thalkessel 
der Fränkischen Saale gelegen, rings 
von bewaldeten Hügeln umgeben, ist 
Bayerns bedeutendster Kurort, und als 
solcher schon seit Mitte des 16. Jahrb. 
bekannt. Die Stadt gehörte seit Ende 
des 14. Jahrb. zum Hochstift Würz- 
burg, und Fürstbischof Julius (der Er- 
bauer des Julius -Hospitals, S. 215) ist 
als Begründer der Bäder zu betrachten. 
Damals kannte man indessen nur den 
Kurbrunnen , welcher seit neuerer Zeit 
Max -Brunnen genannt wird. Die jetzt 
wichtigste Quelle , der ,,Rahoczy" , 
wurde erst 1737 entdeckt und dem 
gleiclmamigen Fürsten in Siebenbürgen 
zu Ehren so genannt, weil derselbe dem 
damaligen Fürstbischof Fr. Karl Graf 
V. Schönborn einen grossen Theil seiner 
umfassenden Besitzungen in Ungarn 
vermacht hatte. Zu gleicher Zeit er- 
hielt die Bade -Quelle _,^Pa7i(Z«?'^^ ihren 
Namen zum Gedächtniss der Dienste, 
welche die Grenzregimenter dem Fürsten 
in seinem Kampfe gegen Ocsterreich 
geleistet hatten. Anfangs dieses Jahr- 
hunderts war der Besuch noch ein 
höchst unbedeutender , der bis zu dem 
Jahre 1831 noch nicht die Zahl vcm 
1000 Kurgästen allsommei-lich erreichte. 
In neuerer Zeit hat sich derselbe stetig 
progressiv bis zur Höhe von 10,000 
Personen gesteigert, unter denen die 
russische und englische Aristokratie am 
bedeutendsten hervorragen. Hand in 



Hand mit diesem Aufschwünge ging die 
bauliche Ausstattung des ursprünglich 
ärmlichen Dorfes. Die Kur-Lokali- 
täten sind für die Ansprüche , welche 
man in jüngst- vergangener Zeit stellte, 
luxuriös ausgestattet, werden aber heut 
zu Tage von denjenigen vieler anderer, 
namentlich rheinischer Badeorte über- 
holt. — Der vornehmste Punkt der 
Stadt ist die 1800 F. lange, von stolzen 
Gebäuden besetzte Kurhausstrasse, 
welche zu dem 660 F. langen *Av- 
Uadenhau des Kurhauses führt, 

in dessen Mitte der glänzende Konver- 
sations - Baal etablirt ist. Der von 
Bäumen beschattete, dieses Gebäude 
umgebende Kurgarten ist Haupt- 
Vereinigungs- Punkt des sommerlichen 
Badelebens; an der Südseite desselben 
treten unter einer sehr eleganten eiser- 
nen Halle die beiden Haupt -Quellen 
zu Tage. 

Der Bakoczy- oder Kur -Brunnen, der 

berühmteste und am häufigsten benutzte 
(jährl. Versendung 300,000 Krüge), von 
-J- 90 B. konstanter Temperatur, entspringt 
unter Entwickelung grosser Gasblasen mit 
starkem Geräusch aus einem Sandsteiij- 
und Basalt- Gewölbe, ist wegen seiner star- 
ken Gasentwickeluiig nicht ganz durch- 
sichtig, leicht bläulich, yon säuerlich- 
salzigem, etwas adstringireudem Geschmack 
und prickelndem Geruch. Getrunken ist er 
von bedeutender Wirkung bei Leiden der 
Verdauungswerkzeuge, bei Stockungen, 
Auftreibungen und Verhärtungen der Assi- 
milations- Organe, bei Blutkongestionen, 
chronischen Nervenleiden und Uebeln der 
Harnwerkzeuge, die durch hämorhoidaliscüe 
oder gichtische Komplikationen veranlasst 
wurden und bei Leiden des Drüsen- und 
Lymphsystems. — Der Pandur- BruuiU'ii, 
34 Schritt vom vorigen quellend, ist ilim 
an Geschmack ähnlich, etwas salziger und 
unterscheidet sich hauptsächlich von jenem 
durch grösseren Gehalt an kohlensaueren 
Gasen und geringeren an festen Bestaud- 
theilen. Seine Ergiebigkeit ist so reich, 
dass man täglich bis 1(!00 Bä<ler mit ihm 
versorgen kann ; Temptuatur 8,37 R — 
Der Maxiininaus-BruiiiUMi entspringt dem 
Kurhause gegenüber unter starker Gas- 
blasen-Entwickelunsr, ist (frisch geschöpft) 
krystallhell, stark perlend, im Geschmack 
prickelnd, säuerlich • salzig, erfrischend, 
von 8^/40 R. Temperatur und wird vielfach 
gemeinschaftlich mit Molken getrunken, 
besonders von solchen Personen, denen die 
beiden vorigen Quellen zu stark sind. Er 
hat viel Aehnlichkeit mit dem Selterser 
Wasser. 



211 



22. Route: Kissingen. 



212 







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Umgebung von Bad Eissingen. 



213 



23. Route: Würzburg. 



214 



Wie in den meisten Kurorten, wo 
man Mineralwasser trinkt, sind die 
Morgenstunden von 6 bis 8 die beleb- 
testen, wo während der Musik -Pro- 
duktionen getrunken und promenirt 
wird. Dann ists still bis nach dem 
Mittagessen, wo man wieder den Kaffee 
im Kurgarten einnimmt, undAbds. von 
6 bis 8 ührrepetirt die Musik und Spa- 
ziergang. — Unter den übrigen Gebäu- 
den des Städtchens ist noch des aus 
dem 15. Jahrb. stammenden Rathhauses 
und der protestantischen Kirche (letztere 
in romanischem Styl von Gärtner er- 
baut) zu erwähnen. 

20 Min. nördl. liegen die Gradir- 
h aus er der Saline an der Saale. 
Nahebei quillt aus einem 307 F. tief 
getriebenen artesischen Brunnen der 
Soole-Sprudel, der im bunten Sand- 
stein entspringt und sich durch ein 
höchst merkwürdiges periodisches 
Steigen und Fallen, oft in einer Stunde 
um 12 F., durch grösseren Reichthum 
an festen Bestandtheilen und kohlen- 
saueremGas vor den anderen auszeichnet. 
Seine ziemlich konstante Temperatur 
ist 15° R. Ueber seiner Quelle ist ein 
Badehaus mit Glas -Kuppeldach erbaut, 
in welchem die Kabinette für kalte 
Soole - Bäder, so\yie für Gas - und Salz- 
Dampfbäder sich befinden, Alles um- 
geben von freundlichen Gartenanlagen. 

Im Kriege von 1866 fand hier am 
10. Juli ein blutiges Gefecht zwischen den 
Preussen (Division Goeben, BrigadeWrangel) 
und Bayern statt, das nach einer 2VaStün- 
digen Kanonade die bayerische Artillerie 



zum Schweigen brachte, dann aber in einen 
erbitterten Specialkampf überging, bei 
welchem in dem wohl verbarrikadirten 
Kissingen Strasse um Strasse und Haus 
um Haus genommen werden mussten. Die 
Bayern, obgleich besiegt, legten hier glän- 
zende Proben ihres persönlichen Muthes 
ab. Man hielt Abends 61/2 ühr den Kampf 
für beendet, als die Brigade Wrangel aufs 
Neue von bayerischen Bataillonen angegriffen 
und zum Weichen gebracht wurde, dann 
aber siegend wieder vorrückte und beim 
Anbruch der Nacht Herr des Platzes blieb. 

Die Umgebung Kissingens ist reich 
an schönen und interessanten 

Exkursionen: 1) Die Schönhorn - Quelle 
bei Hausen (1 St.), die in einem 5 Zoll 
dicken Strahl 60 F. hoch im Innern eines 
Thurmes fontainenähnlich emporgeschleu- 
dert wird und eine Masse koVilensaurer 
Gase entbindet. Dieses Emporstrahlen ist 
ein intermittirendes und kann von einer 
Gallerie gut beobachtet werden. In dem 
ehemaligen Kloster Eaiisen eine ßettungs- 
Anstalt für verwahrloste Mädchen. 1 St. 
weiter über Klein- und Grossen - Brach xi9,ch 
Aschacli, das seines Schlosses und seiner 
Lage halber viel von Kurgästen besucht wird. 

— 2) Bad Bocklet, 2 St. (von Aschach 1/4 St.), 
welches seines St^hlwassers wegen mit 
Franzensbad und Pyrmont gleichgeachtet 
wird. Die Quelle heisst der CTnistophs- 
Brtinnen; sie liefert täglich für 500 Bäder 
Wasser. Aufnahme-Eäumefürca. 100 Fremde. 

— Näher 3) Der Sinuberg mit lohnender 
Aussicht über den Thalkessel von Kissingen. 

— Südlich, sehr nahe, liegen die Lindes- 
mühle und 4) Rniue Bodenlaube (nur noch 
2 Tbürme) im Anfang des 13. Jahrb. von 
jenem Grafen Otto von Henneberg bewohnt, 
der als JMinnesänger berühmt, den Namen 
Otto von Bodenlaube annahm und in dich- 
terischer Abgeschiedenheit hier seine schön- 
sten Lieder schrieb. — In westlicher Rich- 
tung liegen der Aussichts- Punkt Maxruhe 
am Staffeis (1128 F. üb. M.) und die Hohe 
Eiche. — Bad Brückenau (S. 205). - 
Haraiuelbnrg (S. 207). — Schloss Trimberg 
(S. 207). - Klaushöhe IV* St. 



Würzburg. 
23. Route: Eisenbahn von Würzburg nach Gunzenhausen und 

München. 



(Vergl. beikom 

Gasthöfe: '^Hölel de Russie, ganz neu 1 
eingerichtet, sehr gut. — Kronprinz, am Re- 
sidi-nzplatz. — Hötcl Bügmer, beim Theater. 
- Sämmtlich mit Residenzpreiscu. —"TraH- | 
lascher Hof, an der Spiegelsjcasse, Zimmer | 
36 bis 42 kr., T. d'h. ohne Wein 48 kr., i 
Omnibus vom Bahnhof 1!) kr. — Witteis- ; 
hncher Hof, am Markt.— Würlemberger Hof, \ 
Markt, — * Adler , Marktgasse, — 'Schwan, I 



mendeu Plan.) 

Büttnersgasse. — P/eiiffers Hotel gami. — 
Alle diese Gasthöfe liegen in der grossen 
Stadt. Im Mainviertel jenseits der Brücke 
gibts blos Gastwirihschaften ohne T. d'h. 

Restaurants: Blaue Glocke, am Vierröh- 
rcubrunnon. - Caf6 Schmitt, Franziskaner- 
platz. — Siegert, Donistrasse. — Gaggel, eben- 
daselbst. — Hirsch (Landleute, aber gutes 
Bier). 



215 



23. Route: Wiirzl)urg. 



216 



Wein: *Haderlein, am Dominikanerplatz, 
mit Garten. — Rappert, im Kürschnerhof. 

— Goldenes Lamm, Marienkapelle. — Weil 
die Frankenweine sehr wenig Säuere be- 
sitzen, so entstand das Sprichwort : „Fran- 
kenweine, Krankenweine". — Die vorzüg- 
lichsten Würzburger sind : der -f Leistenwein 
(nur etwa 60 Morgen an der Oitadelle), sehr 
geschätzt und theuer bezahlt, der '■'• Stein- 
wein, feuerig, kräftig, in ,, Bocksbeuteln" ver- 
kauft, acht im Bürgerspital, aber nur bei 
Tage zu haben, — der Harfen- oder Heilig- 
geiüwein, — der Kalmuth (süsslich, dem 
üngarwein ähnlich) , der Schalksberger, sehr 
fein etc. 

Bier: Bei Taler in der OberwöUergasse, 
etwas schwer zu finden, aber gut. 

Eisenbahn: 5 Linien kreuzen auf dem 
grossen Bahnhofe (gute Restauration). Taxe 
gewöhnlicher Züge: Nach Berlin I. 25 fl. 
38 kr. II, 18 fl. III. 12 fl. 27 kr. — Köln 
I. 16 fl. 48 kr. II. 11 fl. 57 kr. - Dresden 
I. 22 fl. II. 15 fl. 4 kr. — Frankfurt ajM. I. 
5 fl, 21 kr, II. 3 fl. 33 kr. III. 2 fl. 24 kr. 

— Leipzig I. 17 fl. 35 kr. II. 11 fl. 55 kr. 
III. 8 fl. 5 kr. - Mains I. 7 fl. 18 kr. II. 
4 fl. 36 kr. III. 3 fl. 3 kr. - München I. 11 fl 
42 kr. II. 7 fl. 48 kr.' III. 5 fl. 12 kr. — 
Prag I. 22 fl. 57 kr. II. 16 fl. 40 kr. III. 
11 fl. 35 kr. — Begensburg I. 12 fl. II. 8 fl. 
III. 5 fl. 24 kr. — Wien I. 33 fl. 24 kr. II. 
24 fl. 18 kr. in. 16 fl. 45 kr. 

Historisches. Wie bei fast allen alten 
Bisthumssitzen, so hat auch für Würzburg 
die abenteuerliche Spekulation mittelalter- 
licher Chronisten die tollsten Behauptungen 
von der Gründung der Stadt aufgestellt. 
Nach dem Einen sollen die Trojaner nach 
dem Falle lliums hierher gekommen sein 
und die ersten Bausteine gelegt haben; 
Andere wollen das ptolemäische Segodu- 
uum hier suchen. urkundlich wird das 
Castellum Virteburh zuerst um 704 erwähnt; 
aber schon 630 herrschte hierRadulph, ein 
kriegerischer Vasall des Frankenkönigs 
Dagobert. Die eigentlichen Kulturanfänge 
datiren aus der Zeit, als der heil. Kilian 
(ein Gefährte des heil. Gallus) aus Schott- 
land hierher kan», das Christenthum zu pre- 
digen und heimlich auf Betreiben der rache- 
süchtigen Geilana, Gemahlin des Herzogs 
Gozbert, ermordet wurde. Dieses Martyrium 
ward der Morgenstern christlicher Kultur 
für Ostfrauken, und 742 stiftete der Apostel 
der Deutschen, Bonifazius, das Bisthum 
Würzburg und setzte Burkhard als ersten 
Bischof ein. Hier wie anderwärts läuft als 
rother Faden der Geschichte, das unausge- 
setzte Bestreben der Bischöfe hindurch, 
nach Aussen, gegen den Kaiser, sich so 
unabhängig als möglich zu machen, — nach 
Innen aber die MerrscliafD über die ver- 
brieften Rechte der Bürger zu gewinnen 
und die Macht der Zünfte zu brechen. 
Folge dessen lange Ketten von Verwicke- 
lungen, Parteikämpfen, Belagerungen, Ex- 
kommunikationen etc., wie in anderen 
Städten, die in ilireu Einzelnheiten den 
Fremden nicht interessiren. Bedeutsam 



tritt Würzburgs Stellung in den Bauern- 
kriegen (und zu Götz von Berlicbiugenj 
hervor, — Mit dem Fall der weltliciieu 
Macht der deutschen Bischöfe sinkt auch 
die des Fürstblsthums Wüi-zbui-g; der Frieden 
zu Luneville heftete zuerst das bayerische 
Wappen an die Mauern der bischöflichen 
Residenz (Nov. 1802), der Friede von Press- 
burg (1805) theilte jedoch die Stadt dem 
Erzherzog Ferdinand, früherem Grossherzog 
von Toskana, zu, der hier seine Residenz 
aufschlug. Als Grossherzogthum Würzburg 
spielte es im Rheinbünde eine Rolle, und 
mit dem Falle Napoleon I. kam Stadt und 
Land abermals an die Krone Bayern und 
verblieb derselben. In dem verhängniss- 
vollen Kriege von 1866 wurde die Festung 
am 27. Juli von den Pi-eussen in Brand ge- 
schossen. Die Befestigung der Stadt, nach 
Vaubanschen System, datirt aus den Jahren 
1656 bis 1686, ist jedoch an vielen Stellen 
(z. B. beim Bahnhofe) schon durchbrochen 
und völlig aufgegeben. 

Würzburg(HerbipoIis), 530 F. üb. M. 
zu beiden Seiten des Maines gelegen,^ 
von sorgsam gepflegten Rebbergen in 
grossem Halbkreise umgeben, bietet 
dem ankommenden Fremden mit seiner 
Menge stolz aufragender Kirchen und 
Thürme, dominirt von der, auf steil-ab- 
fallenden Felsen erbauten , umfang- 
reichen, mittelalterlich - aussehenden 
Festung Marienberg ^ landschaftlich ein 
höchst malerisches und wirkungsvolles 
Stadtbild dar. Nirgends mehr als hier 
wird man an den alten Volksspruch 
Main, Wein und Glockenklang 
Gehen durch ganz Frankenland, 

lebhaft erinnert. Mit 42,185 Einw. 
(davon 6870 Protestanten und 1100 
Juden) ist Würzburg Hauptstadt von 
ünterfranken , Sitz des 4. Armee - Divi- 
sions-Kommandos, einesBischofs, einer 
Universität und Residenz der Rococo- 
Arcbitektur in Süd -Deutschland. 

Beim Eintritt in die Stadt durch die 
Bahnhofstrasse, 1. die Taubstummen- 
Anstalt und daneben die Kreis-Blinden - 
Anstalt für Unterfranken und Aschatfen- 
burg. Auf dem Pfaflfenplatze die 

Hauger Stiftskirche (Plan D, 2), 

ein stolzer Bau im Styl der italienischen 
Renaissance mit Doppelthürmen und 
hoher Kuppel, eines jener Gebäude, 
welches in der Physiognomie der Stadt 
bedeutsam heraustritt. 

Sie wurde auf Veranlassung Bischofs 
Philipp v. Schönborn von dem italienischen 



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Maasslab 1:13,40 



1 2 5 4 501 



217 



23. Route: Würzbnrg. 



218 



Architekten Petrini erbaut, 1671 eingeweiht 
und in allerjüngster Zeit mit aussergewöhn- 
lichem Aufwände von Vergoldungen in ihrem 
Styl restaurirt, deslialb, weil neu und strah- 
lend, von grossemEffekt undbesuchenswerth. 
Am 31. Mai 1868 schlug der Blitz in den 1. 
stehenden Thurni und zerstörte durch Brand 
alles Ingebäu. Auch er ist vollständig 
wieder hergestellt. 

Der Kirche gegenüber durch eine 
enge Strasse nach der Unteren Prome- 
nade, an welcher (1. das Hotel de Eus sie) 
r. das berühmte * JullllS -Hospital 
(PlanC, 2) steht. 1579 vom Fürst- 
Bischof Julius Echter von Ifespelbrunn 
(seine Bronze-Statue errichtet von König 
Ludwig I., anno 1847, gegenüber vom 
Eingang) gegründet, (vom ursprüng- 
lichen Gebäude steht nichts mehr; das 
gegenwärtige datirt von 1791) ist es 
eins der grössten und reichsten in ganz 
Süd - Deutschi and. 

Es besitzt in 205 Ortschaften des baye- 
rischen Frankenlandes und Badens ca. 300 
Gebäude, 18,000 Morgen Waldungen, 25 Do- 
mäuengüter mit 7900 Morgen Garten-, Acker- 
usd Wiesenland und verfügt über ein Ver- 
mögen von 5V3 Mill. fl. In 34 grossen 
Krankensälen, 100 Zimmern und einer Menge 
von Kammern werden fortwährend ca. 600 
Personen verpflegt. Die Kranken-Frequenz 
im Jahre 1868 betrug in Summa 4287 Per- 
sonen. Die Zahl der untergebrachten all- 
gemeinen, geisteskranken und epileptischen 
Pfründner ergab im gleichen Jahre 243 Per- 
sonen. Die medizinische Leitung ist gegen- 
wärtig den Professoren und Hofräthen 
V. Baraberger und v. Linhart unterstellt. — 
Hiermit verbunden ist das unter der Direk- 
tion des weit berühmten Geheimrathes, 
Professor Dr. v.Scamoni stehende, 1853 bis 
J855 neu-erbaute Enthindtingshans. Das 
Spital dient der medizinischen Fakultät der 
Universität (S. 223) als Klinik und ärztliche 
Bildungsanstalt. — Vorm. von 8 bis 12 
Uhr und Nachm. von 2 Uhr bis zur Däm- 
merung kann man umhergoführt werden 
'Meldung beim Hausmeister) und auch die 
an verfälschten Spitalweine von den besten 
l,agen (vergl. S. 215) probiren. 
■ üeber dem Portal ein grosses Sand- 
itein-Kelief, die Stiftung darstellend. — 
in den grossen Spitalgarten, jetzt nur 
ien Rekonvalescenten gewidmet, stösst 
ller neue Botanische Garten mit dem 
'larin liegenden neuen Anatomiegebätcde. 

L. am Dominikanerplatz die Dominikaner- 
(irche, ohne Interesse. 

Fast die ganze linke Seite der Pro- 
aenade besteht aus Restaurationen und 
•Veinstuben. Geradeaus an den Main: 



sehr schöner Standpunkt mit Aussicht 
auf den jenseits des mit Schiffen be- 
lebten Stromes gelegenen Stadtthell 
,,MainvierteV\ die stolze Festung und 
die steinerne Brücke (S. 221). L. oben 
das Zollamt. Nun einige hundert 
Schritte stromaufwärts, gegen die Brücke 
zu (aber nicht bis hin) und 1. durch das 
Holzthor und die enge Marhtgasse 
(Gasthof zitm Adler) auf den 3Iar7ct. — 
Hier die gothisch reich dekorirte , von 
Verkaufsbuden umnistete *]}Iarien- 
kajjelle (PL C, 3), Würzburgs sty- 
listisch- schönste Kirche, 1377 bis 1478 
an der Stelle einer bei der grässlichen 
Judenverfolgung von 1348 zerstörten 
Synagoge erbaut, mit Statuen und Skulp- 
turen des Bildhauers Tillman Riemen- 
schneider reichlich geziert, seit 1844 
nach den Plänen Heideloffs stylmässig 
durchaus restaurirt. Das Innere, ein 
zierlicher , dreischiffiger Hallenbau, 
bietet an Einzeln -Interessantem wenig, 
Beachtenswerth sind die Reliefs über 
den beiden Portalen. 

Als 1868 längs dieser Kirche ein Kanal 
gegraben wurde, fand man in der Tiefe 
von etwa 16 F. unter der Oberfläche Reste 
von Gegenständen, wie sie aus den Pfahl- 
bauten der Schweizer Seen (keltischer Zeit 
angehörig) zu Tage gefördert wurden , die 
auf Ansiedelungen in vorhistorischen Zeiten 
schliessen lassen. — Hinter der Kirche das 
Privathaus zum Falken mit blühendster 
Eococo -Dekoration. 

Nun quer über den Markt, durch die 
enge , belebte Schustergasse in die 
schöne breite Domstrasse und in diese 
1. einschwenkend zu dem quervor 
stehenden Dom (PI. C, 3), einem von 
vier Thürmen flaukirten grossenKirchen- 
bau, ursprünglich 862 gegründet. Das 
gegenwärtig noch stehende Gebäude 
mag in seinen Hauptmassen jener im 
romanischen Style errichtete Dom sein, 
der 1189 eingeweiht und 1240bedeutend 
verbessert wurde. Das Gepräge dieser 
Zeit tragen die beiden schönen hinteren 
Thürme und die Absis. Um die Mitte 
des 15. Jahrh wurde der jetzt noch 
sehenswerthe gothische Kreuzgang an- 
gebaut, — aber mit dem 17. Jahrh. be- 
gann eine Reihe von zoptigen Verun- 
staltungen, die das grossartige Gebäude 



219 



2r?. Route: WÜrzburg. 



220 



seiner majestätischen Einfachheit be- 
raubten und zu einer üeberladung , na- 
mentlich der inneren Dekoration mit 
Stukkaturen , geschmacklosen Fresken 
und vergoldetem Schnörkelwerk wider- 
lichster Art führten. Besonders beach- 
tenswerth sind die zahlreichen Grab- 
monumente in Marmor der hier be- 
erdigten Bischöfe, die zum Zeichen ihrer 
Fürstenwürde ausser der in der linken 
Hand getragenen Inful, in der rechten 
noch das Schwert halten. 

Unter diesen namentlich auf der rechten 
Seite das des geistreichen Lorenz v. Bibra 
(1495 bis 1519) und des greisen Rudolf 
V. Scherenberg, beide von Tillm. Kienien- 
scLneider skulptirt. — Die schlafende Ala- 
basterfigur des Eitters Sebastian v. Mespel- 
brunn mit sehr ausdrucksvollen Gesichts- 
zügen, — Der sehr alte Denkstein Gott- 
frieds V. Pisemburg (1184bis 1189). — Am Fusso 
der Kanzel das Denkmal des letztverstor- 
benen Bischofs Gross v. TroJcau (Porträt- 
äbnlichkeit), skulptirt von Halbig. — An 
der linken Seite das in Erz gegossene 
Tavfbecken vom Jahre 1279 und der Grab- 
stein des Bischofs Gottfried v. Hohenlohe 
(1314 bis 1322). — Im Kreuzgange das sehr 
beschädigte Kenotaphium des Obristen 
Bauer v. Eiseneck, der mit seinen Würz- 
burger Truppen die Schlacht am Weissen 
Berge bei Prag am 8. Nov. 1620, und damit 
das Schicksal der Protestanten in Böhmen 
entschied. 

L. vom Haupteingange, im Marien- 
chörlein , ein prächtiges Schnitzwerk 
Eiemenschneiders , ein ,,Tod Maria"-, 
die daselbst aufgestellten beiden merk- 
würdigen Säulen ,,Jachin" und „Boas" 
entstammen wahrscheinlich einer der 
alten geheimnissvollen Bauhütten des 
11. Jahrh. 

Neben dem Dom, durch einen freien 
Platz geschieden, steht die Neutnüfl- 
Sterkirche (PI. C, 3), ursprünglich ein 
romanischer Bau aus dem Jahre 1000 (?), 
der sich über der Stätte erhob, an wel- 
cher der heü.Kilian und seine Gefährten 
den Märtyrertod erlitten hatten, seit 
Anfang des vorigen Jahrhunderts durch 
An- und Aufbauten der entarteten Re- 
naissance mit einer rothen Fa^ade und 
einem mächtigen Kuppelgewölbe ver- 
ballhornt. In der Krypta ruhen die Ge- 
beine der erschlagenen Glaubenshelden. 

Walther von der Vogel« eido (f 1230), 
der lieblich« altdeutsche Minnesänger, war 
nach eigenem Willen im Kreuzgange dieses 



Kollegiatstiftes begraben worden. Zu Leb- 
zeiten hatte er ein Vermächtniss gemacht, 
folge dessen täglich den Vögeln, seinen 
Freuaden, Futter in einem ausgehöhlten 
Steine an der Kirche für ewige Zeiten ge- 
streut werden sollte. Die Kollegiatherren 
fanden später die Einrichtung für über- 
flüssig, zogen das dafür ausgesetzte Kapital 
ein, und wandelten es in eine Spende zu 
ihrem eigenen Gunsten um. Der historische 
Verein Hess 1843 durch Bildhauer Halbig 
einen neuen Denkstein an der Aussenwand 
der Absis anbringen, welcher Vögel aus 
einer Schale fresseud, darstellt; darunter die 
ursprünglichen lateinischen Hexameter und 
eine beigefügte deutsche Inschrift von 
König Ludwig I, von Bayern. — In der 
Kirche die Grabmäler des gelehrten Abtes 
Trithemius (skulptirt von Riemenschneider) 
und des Mathematikers Adrian Romanus 
(t 1597), sowie zwei Bilder von Michael "Wol- 
gemut (Dürers Lehrer). 

Auf dem Platze, zwischen beiden 
Kirchen ein in Stein skulptirterOelberg 
unter einem Tempelüberbau , abermals 
eine Missgeburt zopfiger Phantasie. — 
Folgt man vom Domplatze der breiten 
Hofstrasse (also östl.), an der 1856 bis 
1858 erbauten *i¥aa;-/S'cÄMZe (Real-Gym- 
nasium, Kreis-Gewerbschule und Schule 
des Polytechnischen Vereins ; Kunst- 
verein und Sammlungen des Historischen 
Vereins) vorbei, so gelangt man auf den 
grossen Hofplatz, dessen östl. Seite die 
Residenz einnimmt. Sie wurde in 
den Jahren 1720 bis 1744 unter der 
Regierung des Fürst - Bischofs Philipp 
Franz v. Schönborn im französischen 
Geschmacke des vorigen Jahrhunderts 
von dem deutschen Baumeister Balthasar 
Neumann vollendet , enthält 1 Kirche, 
5 Säle, 312 Zimmer und 25 Küchen, 
war 1816 bis 1825 Wohnung des dama- 
ligen Kronprinzen Ludwig I. und ist 
gegenwärtig (mit Ausnahme des Haus- 
personals) unbewohnt. 

üeber der Haupt-Freitreppe Plafond- 
Fresken von Tiepolo. — Im ersten Stock- 
werk der Kaisersaal, von 20 korinthischen 
Säulen getragen; Deckengemälde von Tie- 
polo , den Einzug Friedrich Barbarossa's 
und seiner Braut Beatrice in Würzburg 
darstellend. In der Gemälde- Sammlung Bilder 
von Van Dyck, Paul Veronese u. A. — In 
der Schlosskirche Statuen von Canova. — 
Der Schlosskeller mit 228 Fässern (25,275 
Eimer) birgt, nächst dem Keller des Julius- 
Spitals, die feinsten und edelsten Cres- 
cenzen der Frankenweiae, und mag wohl 
einer der gröbsten Kellerräume von ganz 
Deutschland sein. 



221 



23. Eoiite: Würzburg. 



222 



Zu beiden Seiten der Fa9ade sind 
Kolonnaden von je 18 gekuppelten 
dorischen Säulen angeordnet, welche 
mit je einer 103 F. hohen, freistehenden 
Kolossalsäule schliessen. Hinter diesen 
und hinter der Residenz (also letztere 
zu beiden Seiten einschliessend) dehnt 
sich der ^Hof garten aus, theils in 
französischem, theils in englischem Ge- 
schmacke angelegt , für Jedermann ge- 
öffnet, der Lieblings -Spaziergang der 
Würzburger. Während der Sommer- 
monate in den Mittagsstunden der Sonn- 
tage öffentliche Koncerte der Regiments- 
musiken. ' 

Fürst Pückler- Muskau, der voUgiltigste 
Kenner und Beurtheiler gartenkünstlerischer 
Anlagen, erklärt, „in Deutschland in diesem 
Style nichts gesehen zu hahen , was das 
Ensemble des Würzburger Hofgartens über- 
trefife". Er stuft sich allmählig bis zu den 
ehemiligen Festungswerken hinauf und ge- 
stattet von dort aus Durchblicke, die bei 
günstiger Beleuchtung von grosser und 
überraschender Schönheit sind. 

ß^^ Wer einem Besuche der Stadt 
nur wenige Stunden widmenkann, wird 
vom Schlosse aus seinen Rückweg durch 
die Theaterstrasse (in derselben r. der 
alte Bahnhof, jetzt Filialpost und Lokal 
des Bürgervereins , sowie des Seeger- 
schen Töchter-Erziehungsinstituts) nach 
dem Bahnhofe nehmen. 

Eine zweite , einige Stunden bean- 
spruchende Wanderung gilt den Würz- 
burg beherrschenden Höhen jenseits des 
Maines. — In westl. Fortsetzung der 
Domstrasse gelangt man auf die 600 F. 
lange, steinerne Maitlbrücke , 1476 
im Bau begonnen und erst 1607 voll- 
endet; sie ist mit 12 kolossalen, 
theatralisch- verzückten Heiligenfiguren, 
Bildwerke aus dem Anfang des vorigen 
Jahrhunderts, ausgestattet, und auf ihr 
wurden in früheren Zeiten nach alter 
fränkischer Sitte die Brückengerichte 
gehalten und die Gottesurtheile voll- 
zogen. In die erste Strasse 1. ein- 
schwenkend zur Burhardshirche mit 
schönem romanischen Portal; unter dem 
gothischen Chor läuft die Fahrstrasse 
durch einen thor- artigen Unterbau, an 
dem neuen Zuchthause (r. und 1.) vor- 
bei, durch das zu den Festungswerken 



gehörende lange, gewölbte Burkardsthor 
(r. oben die Festung Marienberg) zur 
Stadt hinaus. Etwa 300 Schritte jen- 
seits des Brückenkopfes schwenkt r. ein 
Weg ein zum *Nikolaiisberg , auf 
dessen Höhe, weithin sichtbar, das 
St. Nikolaus -Kirchlein (Wallfahrtsort) 
oder auch nur das Kfipelle genannt, 
steht. Es ist ein Kalvaiienberg gröss- 
ten Styles mit den üblichen Stations- 
kapellen (in Summa 14), welche auf fünf 
von prächtigen Platanen beschatteten 
grossen Terrassenplateaus aufgestellt 
sind. 

Die Stations -Gruppen, vom Hofbild- 
hauer Wagner in lebensgrossen Sandstein- 
Figuren (leider oft auch in affektirten Stel- 
luDgen) meisterhaft ausgeführt, 1867 vom 
Bildhauer Arnold in Kissingen restaurirt, 
stellen die Leidensgeschichte Christi von 
seiner Verurtheilung vor dem ßichterstuhle 
des Landpriegers bis zu seiner Kreuzigung 
und Grabes -Einsenkung dar. Trotz des 
nicht guten Geschmackes in der Komposition 
dieser Stationsbilder lässt die Anordnung 
des Ganzen, unter dem mitwirkenden Ein- 
flüsse der prächtigen Umgebung, dennoch 
bedeutende poetische Eindrücke auch beim 
Nicht -Katholiken zurück. 

Das Kapelle (Kapellchen) ist übri- 
gens eine ganz ^'respektable Kirche mit 
sehr grosser Seitenkapelle und zugleich 
der Kulminations- Punkt des in Würz- 
burg durch Kuppel- und Wand -Pin- 
seleien, Stukko-Verschnörkelungen und 
übergoldete Phantasie- Verirrungen so 
beispiellos wuchernden Barockstyles. 
Höchst lohnend ist die Aussicht auf die 
gegenüberliegende Festung, auf diet^u 
Füssen sich ausbreitende Stadt und üblfc 
einen Theil des Mainlaufes. ^ 

Die Festung Marieilberg- wird 
weniger von Fremden besucht; man be- 
darf dazu der Erlaubiiiss der Komman- 
danlschaft. Der Berg, welcher seinen 
Namen von einer früher droben gestan- 
denen Kapelle führt, erhebt sich 400 F. 
über dem Mainspiegel. Anfänglich war 
es ein befestigtes Schloss, in welchem 
die Fürst- Bischöfe residirten; 1650 
wurde mit den Fortitikationeu der Stadt 
aui'h der Marienberg in umfassenderer 
Weise ausgerüstet. Sehr oft wurden die 
Gebäude belagert und ein Raub der 
Flammen, — in jüngster Zeit bei der 



223 23. Route: Eisenbahn v. Würzburg n. Gunzenhausen u. Münclien. 224 



Beschiessung am 27. Juli 1866 durch die 
Preussen, welche vom sogen. Hexen- 
hruch aus operirten. 

Letztere Anhöhe führt ihren Namen von 
den unglücklichen Opfern, die daselbst hin- 
gerichtet wurden; merkwürdig ist die Stelle 
namentlich dadurch, dass hier, am 21. Juni 
1749, der letzte Hexen -Prozess in Deutsch- 
land an der Subpriorin des Klosters ünter- 
zell, Maria Renata Singer, vollzogen wurde. 

An den südl. steilen Abhängen der 
Festung, die ,, Leiste'' genannt, wächst 
der feuerige Leisten wein. 

Es erübrigt noch einen Blick auf die 
Julius 'Maximilians - Univer- 
sität zu werfen , die den Schwerpunkt 
des wissenschaftlichen Lebens von 
Würzburg bildet. Sie wurde 1582 ge- 
gründet und excellirte vorherrschend 
in der medizinischen Fakultät. Berühmte 
Lehrer wirkten an derselben, wie der 
Historiker Mannert., der Philosoph 
Schelling , der protestantische Theolog 
Paulus, die Mediziner Schönlein, Siebold, 
Marcus, Textor u. A. — Zu den hervor- 
ragendsten Kräften der Gegenwart ge- 
hören die Theologen Benzinger (Dog- 
matiker)^ Hergenröther (Kirchenrecht 
und Kirchengeschichte) und Hettinger 
(Apologetik), die Mediziner Kölliher 
(Anatomie und Mikroskopie), Scanzoni 
von Lichtenfels (Geburtshülfe) , v. Bam- 
herger (Pathologie und Therapie), 
«. Linhart (Chirurgie) und v. IVöltsch 
(Ohrenheilkunde), die Philologen ür- 
lichs und Grasherger, der Geologe Sand- 
herger, der Jurist Edel, der Technologe 
Mud. Wagner, der Nationalökonom 
Oerstner u. A. — Die Summe der Studi- 
renden variirt zwischen 700 und 800 
Zuhörern, 

Mit der Universität sind bedeutende 
Sammlungen verbunden, von denen die 
Bibliothelc an den Wochentagen von 9 bis 
12 und Mont. und Freit, von 2 bis 4 ühr 
geöffnet ist. In derselben wird noch das 
Missale des heil. Kilian aufbewahrt. — 
Das Antiquarische Museum und das 
V. Wagnersche Institut sind Donnerst, 
von 9 bis 1 ühr, das Kupferstich -Kabinet 
Mont. und Mittw. von 9 bis 12 Uhr, — das 
Technologische Kabinet Mittw. von 10 
bis 12 ühr, — die Zoologische Samndunxf 
Sonnabd. von 9 bis 11 Uhr, — die Minera- 
logische Sammlung Mittw. und Sonnab. 
von 2 bis 4 ühr geöffnet. — Den Botani- 
schen Garten kann man tägl. von früli 



8 bis Abds, gratis besuchen. Sternwarte 
Sonnabd. von 2 bis 4 Uhr, 

Spaziergänge: Der Hutlensche Garten, 
ein kleiner Prater vor dem Sander -Thor, 
in welchem die Regiments -Musiken kon- 
certiren. — Die Keesburg mit Aussicht. — 
Der Platzsche Garten^ vor dem Rennweger 
Thor, mit Sommertheater. — Smolensh, 
wegen guten Kaffee und Backwerk von 
Damen besucht. — Der Letzte Hieb, Aussichts- 
Punkt. — Köhlers und Reuters Bierheller. ■— 
Die Aumuhle, Dienst, und Sonnt. Musik. — 
Der Veitshöchheimer Garten, im Sommer sehr 
besucht. 



Eisenbahn von Yfürztmrg nach Heidel- 
berg, K. 25. 

Eisenbahn von Würzburg nach Bam- 
berg, R. 21. 



Eisenbahn von Würzburg nach 
Gunzenhausen. 

Tägl. 4 Züge bis München, Courierzug 
in 7 St. Taxe: I. 14 fl. 3 kr, TI, 9 fl. 24 kr. 
— Postzug in 101/2 St. I. 11 fl. 42 kr. 
II. 7 fl. 48 kr. — Nach Augsburg Courier- 
zug 51/2 St. I. 11 fl. 3 kr. IT. 7 fl. 24 kr. — 
Postzug 8 St. I. 9 fl. 12 kr. IL 6 fl. 9 kr. 

In grossem Halbbogen umkreist der 
Schienenweg die Stadt, r. schöne Blicke 
auf dieselbe und die Festung eröffnend, 
überbrückt den Main und zweigt dann 
von der nach Heidelberg (R. 25) laufen- 
den Linie südl. ab, dicht an dem linken 
Ufer des Maines stromauf folgend. Fol- 
gen die Stat. Heidingsfeld, Winterhausen 
und die alte Stadt Ochsenfurt. An der 
über den Main führenden schönen Stein- 
brücke lässt deutlich sichtbar das Stück 
neuen Einbaues sich erkennen , welches 
in Folge der Sprengung während des 
Krieges 1866 nöthig wurde. — Weiter 
kommt die Stat. MarJdhreit; hier ver- 
lässt die Bahn den Main und wendet 
sich südösti. über Herrenhergtheim, 
Uffenheim, Ermetzhofen nach Steinach. 

Exkursion nach Rotenburg an der Tauber 
tägl. 3mal Stellwagon in 2 St. Dieses durch 
seine mittelalterliche Bauart für Freunden 
der Kunst und landschaftlichen Architektur 
höchst anziehende alte Reichsstädtchen 
(Gasth, Schwan. — Hirsch) ist seit dem Bau 
der Eisenbahn ganz verwaist zur Seite ge- 
schoben und verödet; seine gothische 
St. Jakobskirche und der ganze Aufbau ver- 
dienen Beachtung. 



225 2r3. Route: Eisenbaliii V. Würzbnrg n. Gunzenhausen u. München. 226 



Zwischen den Stat. Burgbernheim 
lind Oberdachstetten überwindet die 
Bahn einen Höheiücken, die Hohe Steig 
genannt. L. immer weite Aussicht ins 
Flachland, da die Linie meist oben an 
den Abhängen des Steigerwaldes hin- 
läuft. — Ueber Bosenbach und den 
Marktflecken Lehrberg (viel Israeliten) 
lach 

Ansbach (früher Onolzbach). 

Gasthöfe: Stern oder Post. — *Löwe. — 
Goldener Zirkel. — Im Drexelgarten gute Aus- 
sicht und gelobter Kaffee. 

Die an der Rezat liegende Stadt, 
n^ährend des 15. bis 18. Jahrh. Residenz 
1er Markgrafen gleichnamigen Fürsten- 
:humes, kam 1791 anPreussen, welches 
iasselbe 1805 durch Vertrag an Frank- 
reich abtrat, von dem es freiwillig 1806 
m Bayern überging, ist mit 13,000 
Einw. (2160 Katholiken) jetzt Kreis- 
lauptstadt von Mittelfranken und 
J^lavallerie- Garnison. Die Sehenswür- 
iigkeiten sind von minderer Bedeutung. 
Der Dichter August v. Platen wurde 
lier am 24. Okt. 1796 geb. (an seinem 
jreburtshause ominöser Weise ein älteres 
Jelief, einen zur Sonne schwebenden 
idler mit der Inschrift: Phoebo auspice 
iurgit, darstellend) und 1859 ihm auf 
lern Ludwigsplatz einDenkmal (tl835) 
;rrichtet. In Ansbach wurde ferner der 
äthselhafte Kaspar Hauser am 14. Dez. 
1833 im Schlossgarten ermordet ge- 
unden; an gleicher Stelle errichtete 
Tian ihm ein Denkmal: „Hie occultus 
)CCulto occisus"; sein Leichnam ruht 
luf dem Johanniskirchhofe ; auf dem 
Grabsteine heisst es: Hie jacetC. Hauser 
xenigma sui temporis, ignota nativitas 
icculta mors". — Das ehemalige 
üesidenzschloss der Markgrafen 
/on Ansbach -Baireuth, ein grosses 
V'iereck im Geschmack italienischer 
Renaissance, wurdcl732 erbaut und mit 
itatuen geziert (die aber jetzt recht ver- 



wittert aussehen). Die innere Einrich- 
rung wurde im Statu quo belassen und 
gibt ein gutes Bild vom Wesen einer 
Fürstenwohnung des vorigen Jahr- 
hunderts. Im Audienz-Zimmer lebens- 
grosses Bild Friedrich d. Gr. von 
Preussen, von Therbusch gemalt. Besuch 
gestattet; Meldung beim Schlossdiener 
im Pagengange. — In der Johannü- 
oder Stadthirche (1406 erbaut) unterm 
Chor die Fürstengruft mit zinnernen 
Särgen. — Die Stiftskirche des 
heil, Gtmibertiis mit drei gothi- 
schen Thürmen birgt in ihrer schönen 
St. Georgenritter - Kapelle , welche dem 
von Kurfürst Friedrich II. von Branden- 
burg 1443 gestifteten Schwanenorden 
als Konventskapelle angewiesen worden 
war, 12 Grabdenkmäler von Rittern 
und Frauen dieses Ordens. — Für die 
Katholiken der Stadt baute König Lud- 
wig I. 1827 die nach ihm genannte 
Kirche und stattete sie mit Glocken 
aus , die aus dem Metall türkischer , in 
der Schlacht bei Navarin erbeuteter 
Kanonen gegossen wurden. — Im Hof- 
garten noch ein Denkmal des Dichters 
Uz (t 1796). 

Weiter auf hohem Damm im Retzach- 
Thal , 1. die Festung Lichtenau (Straf- 
anstalt) durch den Mährischen Wald und 
einen tiefen Felseinschnitt nach Stat. 
Winterschneidbach. Steigung. — Lu 
liegt das Dor£ Escheribach ^ Geburtsort 
des mittelalterlichen Dichters Wolfram. 
V. Eschenbach (f 1228), dem 1861 ein 
Denkmal gesetzt wurde. — Durch den 
königlichen Park von Tricsdorf (Obst- 
baumzucht), dann durch den Mihichstoald 
und das freundliche Ältmühl-Thal nach 
Stat. Altenmuhr (mit Schloss) und auf 
hohem Damm nach 

GfUnzenha«sen,Eisenbahn-Knoten- 
punkt(S. 49) derLudwigs-Südnord-Bahn- 

Verbindungsbahn über Treuchtlingea 
und Ingolstadt (S. 49) nach Münclieil. 



Berlepsch' Süd- Deutschland. 



227 



24. Route: Eisenbahn von Würzburg nach Nürnberg. 



228 



24. Route: Eisenbahn von Wüpzbupg nach Nürnberg. 



Tägl. 7 Züge, davon 2 Courierzüge mit 
2 bis 21/2 St. Fahrzeit. I. 5fl.3kr. II. 3 fl, 
22 kr. — und 1 Postzug in 3V2 St. I. 4 fl. 
12 kr. II. 2 fl. 48 kr. HI. 1 fl. 54 kr. Die 
4 anderen sind Güterzüge mit Waggon 
II. und III. Klasse. In Nürnberg ziemlich 
direkte Anschlüsse nach Prag, Regensburg 
und Wien. 

Von Würzl)urg (S. 213 bis 223) 
läuft die Bahn anfangs neben der Bam- 
berger (S. 202) östl. bis Stat. Rottendorf, 
zweigt dann r. steigend ab, über die 
Haltestelle Dettelhach (der Ort liegt 
1 St. von der Bahn) nach 

Kitzingen (Stern. — Schwan)^ leb- 
hafte Handelsstadt am Main, renommirt 
dum» ihren Weinhandel und ihr Ver- 
sandtbier. Im Zeughause liess 1525 
Markgraf Kasimir 7 Bürger wegen Theil- 
nahrae am Bauernkriege hinrichten und 
58 blenden. Eine schöne 800 F. lange 
Brücke verbindet das Vorstädtchen 
jEtwasAaMSc/i mit Kitzingen. Die Bahn 
überbrückt ebenfalls den Main und läuft 
in fast schnurgerader, südöstl. Richtung 
bis nach Nürnberg. — Folgen die Stat. 
Mainbernheim j Iphofen, MarM- Einers- 
heim, MarM- Bihart, Langenfeld und 
Neustadt an derÄisch, lauter blühende, 
gewerbthätige und handeltreibende 
Städtchen und Orte, ohne spezielles 
Interesse für den Reisenden. — Bei Stat. 
Emshirchen ein 125 F. hoher Viadukt 
über das Thal der Kleinen Aurach. — 
Dann folgen Hag enbüchach, Siegelsdorf, 
Burgfarnhach , eine grosse Brücke über 
die Rednitz und 



Stat. Fürth mit 22,500 Einw. 

Gasthöfe: Eisenbahn - Hotel. — Hotel 
Kütt. — Eötel Bauer. 

Die bekannte Schwesterstadt Nürn- 
bergs , mit letzterem ausser der Staats- 
bahn und der ausserordentlich belebten 
Chaussee (1 St.) noch durch eine andere, 
die älteste Eisenbahn Deutsch- 
lands verbunden, gehört zu den indu- 
striellhervorragendsten Städten Bayerns 
und producirt wie Nürnberg die gleichen 
Manufaktur - Artikel ; namentlich be- 
stehen daselbst grosse Brillenschleife- 
reien u. Spiegelglas-Fabriken. Fürth ver- 
dankt sein Entstehen und rasches Auf- 
blühen den engherzigen Massnahmen 
mittelalterlicher Exklusivität, welche bis 
in die jüngste Zeit keinem Juden die An- 
sässigkeit in Nürnberg gestattete. Vor 
noch nicht langer Zeit wohnten über 
7000 Israeliten daselbst, jetzt nur noch 
etwas über 3000. — In der Michaels- 
Tcirche ist ein 34 F. hohes Sakraments- 
häuschen von Adam KrafFt sehenswerth. 
— Neue Synagoge , 1834 reich in gothi- 
schem Styl erbaut. Das hoch gelegene 
schöne neue Rathhaus ist schon von 
Ferne sichtbar. Die benachbarte alte 
Veste bei Zirndorf, einst Wallensteins 
Lager, erschliesst eine umfassende Aus- 
sicht. — Nun parallel mit der alten 
Ludwigs - Eisenbahn , vor der Stat. 
t'ürther Kreuzung über den Kanal und 
am Kanalhafen r. vorbei , in weitem 
Bogen um die Stadt nach Nürnberg 
(S. 94). 



25. Route 



Eisenbahn von Würzburg nach Heidelberg und die 
Zweigbahnen. 



(Vergl. beikommende Karte.) 



211/2 Meli. Badische Staatsbahn. 
Tägl. 5 bis 6 durchgehende Züge aller 3 Klas- 
sen, davon 1 Schnell- (Nacht-) Zug Würzburg- 
Ileidelberg mit 41/4 St. Fahrzeit. Die Ordinär- 
Züge 51/2 St. Taxe: Von Würzburg nach 
Lauda I. 1 fl. 45 kr. II. 1 fl. 12 kr. III. 45 kr. 

— Nach Osterburken I. 3 fl. 12 kr. 11. 2 fl. 
12 kr. III. 1 fl. 24 kr, — Nach Meckesheim 
I. 5 fl. 45 kr. II. 3 fl. 57 kr. III. 2fl.20 kr. 

— Nach Heidelberg I. 6 fl. 33 kr. II. 4 fl. 



30 kr. in. 2 fl. 51 kr. — Nach Mannheim 
I. 7 fl. 21 kr. II. 5 fl. III. 3 fl. 12 kr. 

Von WÜrzburg- (S. 213) läuft die 
Bahn in östl. Richtung aus, lässt dann 
die bamberger Linie 1. abzweigen, um- 
läuft in grossem Bogen die Stadt, mit 
(r.) guter Aussicht auf die Festung und 
den Kapellen -Berg, überbrückt den 



229 



25. Route: Eisenl)aliii von Würzburg nach Heidelberg. 



230 



Main und erreicht in südl, Richtung 
Stat. Heidingsfeld. Hier zweigt (1.) 
südöstl. die Bahn nach Ansbach und 
Ounzenhausen (R. 23) ab. — Ueber die 
Stat. Reichenhe7-g , Geroldshausen und 
Kirchheim , bayerisch -badische Grenze, 
im Thale des Grünbaches über Wittig- 
hausen und Zimmern nach dem Städt- 
chen Grünsfeld, welches 1861 fast zur 
Hälfte abbrannte, an dem freundlichen 
Marktflecken Gerlachsheim (guter Wein- 
bau) vorbei, in dasquervor sich öffnende 
Tauberthal nach 

(5% Meil.) Lauda, Bahn -Knoten- 
punkt; gute Bahnhof- Restauration. 
Hier zweigt nördl. die Bahn nach Wert- 
heim am Main ab. 

Zweigbahn nach Wertheim 43/io Meil., 
tägl. 5 Züge in 1 bis 11/4 St. I. 1 fl. 18 kr. 
II. 54 kr. m. 33 kr. im Tauber- Thale ab- 
wärts über die Stat. Distelhausen, die Amts - 
Stadt Tuuberhischofsheim mit 2600 Einw., 
Hochhausen (Weinbau), Gamburg (mit Schloss 
auf rundem Bergkegel) , Bronnbach (alte 
Abtei, in der gothiscben Klosterkirche 
Grabsteine der Familie von Löwenstein 
»ind üislgheim; lange Zeit Wohnsitz Dom 
IMiguels, des Herzogs von Braganza , von 
1«28 bis 1834 Kegent von Portugal, Schwager 
des Fürsten von Löwenstein), Eeicholzheim 
nach Wertheim (Löwensteiner Hof. — *H6lel 
Held, neu mit Gartenanlagen und schöner 
Aussicht, dicht am Main gelegen), Eesidenz 
des Standesherrn Fürste von Löwenstein ; 
;>lte, iinregelmässig gebaute Stadt mit 3800 
Einw., iu einem engen tief- eingeschnittenen 
Thale und auf der Ecke, welche durch die 
Mündung der Tauber in den Main gebildet 
wird. Sehenswerth ist die grosse Schloss- 
ruine (im 30jährigen Kriege zerstört), male- 
risch gelegen, nächst der Heidelberger die 
umfangreichste in Süd -Deutschland. 

Post von Wertheim nach (4 Meil.) 
Miltenberg tägl. 2mal für 1 fl. 3 kr. 

Zweigbahn von Lauda nacli Mergent- 
heim zum Anschlu ss an die Würtembergische 
Staatsbahn nach Crailsheim, OVo 51eil., tägl 
6 Züge bis Mergentbeim, von da nur 4 bis 
Crailsheim, in Summa 3 bis 3Va St. Bahn- 
Beschreibung sehe man R. 63, 

Von Lauda im freundlichen breiten 
Tauber -Thale aufwärts bis 

(6V,o Meil.) Stat. Köuigshofeu, 

uraltes Städtchen, dessen schon Urkun- 
den aus den Karolinger Zeiten gedenken. 
Eine traurige Berühmtheit erlangte es 
im Bauernkriege. — Nun folgen auf der 
ganzen Linie viele Tunnel. 

Hier setzten sich 1525 fast 8000 Bauern 
mit 47 Kanonen gegen Georg Truchsess 



V. Waldburg zur Wehre, wurden aber bald 
von den kampfgeübten Gegnern überwanden 
und niedergemetzelt. Die Rache der Sol- 
dateska war eine greuliche; man stach den 
Wehrlosen die Augen aus, verstümmelte sie, 
aber Hess sie am Leben. Von den Bürgern 
des Ortes blieben nur 15 übrig. 

L. zweigt die Bahn nach Mergent- 
heim ab. Die Linie verlässt das Tau- 
ber-Thal und steigt im Grunde des 
Umpferhaches an , zeitweise recht 
freundliche, wenn auch landschaftlich 
bescheidene Gegenden durchschneidend. 
Vielfach sieht man an den Bergen wall- 
artig hinauf gehende Steinhaufen, ein 
Zeugniss vom Fleisse des Landmannes, 
der durch das Zusammenlesen der 
Steine seinen Boden zu verbessern 
sucht. — Ueber Unterschüj)f nach Stat. 
Boxherg- Wölchingen; ersteres freund- 
liches Amtsstädtchen am Fusse des 
Schlossberges gelegen. In dem Schlosse 
(1490 bis 1547 erbaut) wohnte das 
gleichnamige Adelsgeschlecht; an der 
äusseren Schlossmauer skulptirte Steine 
mit Figuren, welche auf die Erbauung 
des Schlosses Bezug haben. In der 
evangelischen Kirche des r. von der 
Bahn liegenden Dorfes Wölchingen viele 
Grabsteine der Ritter von Rosenberg 
(aus dem 14. und 15. Jahrh.) in voller 
Rüstung. — Die ganze Gegend r. von 
der Bahn (also nördl.) wird das Bau- 
land genannt. — Weiter über die Stat. 
Rosenberg im Kirnach - Thal nach 

(10 V2 Meil.) Osterburken, Bahn- 
Knotenpunkt; altes Städtchen mit 1200 
Einw., auf der Stelle, wo einst ein 
römisches Kastell stand. 

Zweigbahn nach Heilbronn, Anschluss 
an die Würtembergische Staatsbahn (nach 
Stuttgart) 6^lt Meil., tägl. 5 Züge in 13/. 
bis 2 St. 

Taxe: L 1 fl. 59 kr. n. 1 fl. 20 kr. 
III. 53 kr. — Bahn-Beschreibung vergl. R.65 

Weiter im Kirnach-Thal hinab nach 
Stat. Adelshcim, Städtchen, einst Sitz 
des Ritterkantons Odenwald ; alle hier 
von Zeit zu Zeit herantretenden freund- 
lichen Waldparzellen und Wicsenthäler 
sind Ausläufer des Badischen Oden- 
waldes. Die eben genannte Verbin- 
dungsbahn nach Würtemberg zweigt 
hier erst 1. ab, während die Badisohe 



231 



20. Route: Die Doiiau. 



232 



Bahn, nördl. sich wendendjim Thal der 
Sechach ansteigt und über die Stat. 
SecJaach, Schefflenz, Auerbach, Ballau 
und Neckarhurlcen (das aber nicht am 
Neckar liegt) im Elz - Thal nach 

(14'/,o Meil.) Mosbach (Restau- 
ration, nicht besonders) läuft. Hier 
gewöhnlich 5 bis 10 Min. Aufenthalt. 
Das Städtchen mit nahezu 3000 Einw. 
ist sehr alt (urkundlich 976 genannt), 
hat viele Mühlen, Papier-Fabriken, stark 
besuchte Märkte und liegt (527 F. 
üb. M.) zwischen ziemlich ansteigenden 
Bergen. — Bei der nächsten Stat. 
NecTcarelz tritt die Bahn für eine kurze 
Strecke in das NecTcar • Thal. 

^^=' Wer Neckar - abwärts eine Dampf- 
boot-Tour nach Heidelberg machen will, 
muss hier aussteigen; man erkundige sich 
jedoch zuvor, ob das Schiff geht und wann. 

Hier ist eine der schönsten Stellen 
der Bahn; sie setzt auf hoher Brücke 
über den Neckar (Blick auf- und ab- 
wärts) , durch einen kurzen Tunnel und 
r. schöne Aussicht ins Neckar - Thal, 
namentlich nach dem tief unten liegen- 
den Binau, das vom Neckar in grossem 
Bogen umschlungen wird. — Tunnel. 
— Ueber ^sSacÄ^ Aglasterhausen, Helm- 
stadt durch ziemlich einförmige Gegend 
des Elsenzgaues nach 

(17% Meil.) Stat. Waibstadt, Städt- 
chen, das 1847 und 1848 fast ganz ab- 
brannte; neue Kirche. — Im Schioarz- 
bach'Thal hinab über Stat. Neidenstein 
mit Schloss gleichen Namens und Glas- 
malereien in der Kirche, durch flache, 
agrikole Gegend nach 



(i8Vio Meil.) Stat. Meckesheim, 

Bahn - Knotenpunkt (gute Restauration). 
Zweigbahn üb. Jaxtfeld nach Heilbronn; 

Tägl. 6 Züge, 13/4 St. bis 2 St. Taxe: 1. 1 fl. 
59 l<r. n. 1 fl. 20 kr. UI. 53 kr. über 
Zuzenhausen , Eoffenheim, Sinsheim (alte 
Gräberfunde), Steinsfurt, Grombach, Babstadt, 
Jiappenau nach Wimp/en im Neckar-Thal und 
Jaxtjeld. Weitere Beschreibung der Bahn 
sehe man R. 66. 

Weiter im Elsenz - Thal über Mauer, 
Bammenthai nach 

(20V5 Meil.) Neckargemiind und 

ins schöne romantische Neckar- Thal, 
die befriedigendste Strecke der ganzen 
Linie; altes betriebsames Städtchen 
ohne Sehenswürdigkeiten. Die Bahn, 
den Wendungen des Neckar folgend, 
der zu beiden Seiten mit prächtigen 
hohen Laubwaldbergen eingefasst ist, 
aus denen rothe Sandsteinbrüche her- 
vorleuchten, wendet sich nun dem 
Ausgange zu. — R. Dorf Ziegel- 
hausen, 1. Stat. Schlierbach, Ver- 
gnügungsorte der Heidelberger. Drüben 
r. Stift Neuburg, einst Benediktiner- 
Nonnenkloster , dann im vorigen Jahr- 
hundert Eigenthum der Jesuiten, jetzt 
des Bankiers Bernus in Frankfurt a/M., 
unten die Stiftsmühle mit Wirthschafts- 
garten. Zu beiden Seiten prachtvolle 
Nussbäume, Villen, 1. das alterthümlich 
geschmückte Gut des Fabrikanten Metz 
und endlich 

(21V2 Meil.) Stat. Heidelberg- 
Karlsthor, wo man aussteigt , wenn 
man in die obere Stadt will; zum 
grossen Bahnhof für Anschlüsse 
nach Karlsruhe, Frankfurt, Mannheim 
muss man noch den grossen Tunnel 
passiren. 



Die Donau. 
26. Route: Dampf bootfahrt von Donauwörth nach Linz. 



Die kleinen Dampfschiffe gehen von 
Donauwörth Morgens im Anschluss an die 
ersten ankonimende'i Babnzüge (meist nach 
8 Uhr Vorm.), bei günstigem Wasserstande 
während der Monate März, April und Mitte 
Sept. bis Ende Okt. je am zweiten Tage 
(die Tage geraden Datums), im Sommer 
tägl., nach (28Va St. Entfernung) Regensburg 
iu 8 bis 9 St. 



Fahrtaxe. Von Donauwörth nach Kel- 
heim I. 3 fl. 30 kr. H. 2 fl. 21 kr. — Nach 
Eegensburg I. 5 fl. 15 kr. n. 3 fl. 33 kr. — 
T. d'h. auf dem Schiff 1 fl. 12 kr. — Billets 
für das Dampfschiff sind im Bahnhöfen Do- 
nauwöithzu haben; Hafen unweitdesselbeo. 



Die Donau fahrt hat ihre 
landschaftlichen Glanzpunkte einerseits 



233 



26. Route: Dampfbootfahrt von Donauwörth nach Linz. 



234 



zwischen Ingolstadt und Regensburg, 
andererseits zwischen Passau und Linz. 
Will man dieselbe daher von Süden aus 
machen, so fährt man am zweck- 
mässigsten mit der Eisenbahn von 
München nach Ingolstadt und besteigt 
dort erst das Schiff; die Strecke 
zwischen Donauwörth und Ingolstadt 
ist langweilig und bietet kaum Sehens- 
werthes. — Auf der kürzlich eröffneten 
Eisenbahn von Pleinfeld (S. 49) nach 
Ingolstadt können die aus Norden 
kommenden Reisenden das Gleiche 
thun. — Anzurathen ist ferner, die 
Strecke von ßegensburg bis Passau mit 
der Bahn zu fahren und hier erst wieder 
das Dampfboot zu benutzen. 

DieDonau, nächst der russischen Wolga 
der längste uud mächtigste Strom Europa's, 
und zugleich der einzige unter den Haupt- 
flüssen unseres Erdtheils, dessen Lauf von 
West gen Ost gerichtet ist, entspringt 
auf dem Badischen Schwarzwalde aus den 
beiden Quellen -Flüsschen Brieg und Breg. 
Von Donaueschingen an führt sie ihren 
eigentlichen Namen. Bei Ulm (Route 54), 
1426 F. üb. M., wird sie bei einer Breite 
TOD 200 F. und einer mittleren Tiefe von 
nur 10 F. schiffbar. Bis dahin rechnet 'man 
das obere Donaugebiet. Ihr mittlerer Lauf, 
durch die Bayerische Hochebene und zum 
Theil durch gebirgiges Terrain, geht bis 
Theben an der ungarischen Grenze, wo sie 
bis zu 900 F. Breite und 19 F. Tiefe ange- 
wachsen ist. Von dort an durcheilt sie 
Ungarn, die Walachei, wird Grenzfluss 
zwischen Serbien und Bulgarien (resp. gegen 
die Türkei) und ergiesst sich eine Meile 
oberhalb Tullscha mittelst einer Menge von 
Mündungsarmen durch ein 47 Q.-Meil. grosses 
Deltaland in das Schwarze Meer. Ihre ge- 
sammte Stromlänge in gerader Linie beträgt 
220 Meil.; rechnet man die Krümmungen 
aber mit, 385 Meil. Das Wasser der Donau 
ist fast immer trüb und lehmig. An ein- 
zelnen Durchbruchstellen ist die landschaft- 
liche Ufer -Dekoration voll eigenthümlicher 
Reize, die durch zalilreiche Ruinen, pracht- 
volle Klosterbauten und weiche, warme Be- 
waldung der umgebenden Höhen noch ge- 
hoben werden; an solchen Punkten kon- 
kurrirt der malerisclie Effekt mit den 
schönsten Rheinlandschaften. In den grossen 
Flussbecken dagegen sind die Ufer höchst 
monoton und für das Auge ermüdend. Feste 
Brücken von Bedeutung hat die Donau 
nur bei Ulm, Donauwörth (Eisenbahn), 
Ingolstadt, Regensburg, Passau, Linz, Wien 
(einige) und zwischen Pest und Ofen. 

Von Donauwörth (S. 51) in flach 
gebügelter Gegend vorherrschend östl. 
Richtung vorüber an i 



1. Leitheim, mit dem darüber hoch 
gelegenen Schloss Schönleithen ; nahe- 
bei Ruine Krischbach ; — r. Mündung 
des von Augsburg kommenden Lech. 

L. Marhsheim. Weiterhin 1. Ber- 
toldsheim, dann Stepperg mit Schloss 
der Grafen Arco - Stepperg. Von hier 
an treten die Ufer etwas näher zu- 
sammen. 

L. Dorf Oberhausen , bei welchem 
das Denkmal des hier am 27. Juni 1800 
gefallenen „Ersten Grenadiers von 
Frankreich", Theophile Malot de Latour 
d'Auvergne. 

Er war 1743 zu Carhaix im Depart. 
Finistere geboren, wurde Grenadier- Haupt- 
mann der alten Armee und zeichnete sich im 
pyrenäischen Feldzuge so aus, dass er 1794 
zum General befördert werden sollte, was 
er jedoch ablehnte. Konsul Bonaparte be- 
schenkte ihn mit einem Ehrensäbel, und 
ernannte ihn , da er jedes höhere Avance- 
ment zurückwies, zum „Ersten Grenadier 
von Frankreich". Nach seinem Tode wurde 
sein, in eine silberne Kapsel geschlossenes 
Herz lange Zeit der Kompagnie voran- 
getragen, in der er gedient hatte. 

R. Neuburg (Gasthaus zur Post), 
ehemalige Residenz der Herzoge von 
Pfalz-Neuburg, wohlgebaute Stadt auf 
einem Hügel mit 8200 Einw. Bei dem 
Schlosse befindet sich ein Park mit 
Einrichtungen für Wasserkünste. — 
Von hier bis Ingolstadt dehnt sich r. 
das Donau- Moos, eine weite , 20 St. im 
Umkreis messende Moorgegend aus, 
welche kanalisirt vielfach mit Erfolg 
urbar gemacht wurde. 

L. Ingolstadt (Gasthof Zum Gol- 
denen Adler). Hauptfestung Bayerns 
mit 12,500 Einw. — Von 1472 bis 
1800 berühmte Universität, die in der 
zweiten Hälfte des 16. Jahrh. bis zu 
4000 Studenten zählte und Hauptsitz 
der jesuitischen Theologie war: Räuch- 
lin , Aventinus, Geltes und andere wis- 
senschaftliche Notabilitäten lehrten an 
derselben. Im Jahre 1800 wurde die 
Hochschule nach Laudshut(S. 154) und 
1826 nach München verlegt. Hier 
starb am 30. April 1632 der kaiserliche 
Feldmarschall Tilly (vergl. S. 51), 
während Gustav Adolf von Schweden 
die Stadt belagerte. Letzterer zog erst 
am 4. Mai unverrichteter Sache -wieder 



235 



26. Rollte: Die Donau, 



236 



ab, als ihm sein Pferd bei einem Re- 
kognoscirungsritt unter dem Leibe er- 
schossen worden war. Im Zeughause 
wird der ausgestopfte Grauschimmel 
noch gezeigt. — Zur Besichtigung der 
sehr interessanten Festungswerke be- 
darf man der Erlaubniss; den Erbauern 
wurden Standbilder errichtet, den 
älteren, Graf Eeinhard Solms v. Mün- 
zenberg und Daniel Spollte, über dem 
Kreuzthor, — den neuesten, den Gene- 
ralen Streiter und Becker, über dem 
Feldkirchenthor. — In der Stadt die 
grosse gothische Liebfrauenkirche (er- 
baut 1439), deren feste übereckgestellte 
Thürme abgedeckt und mit Geschütz 
armirt werden können. In der Kirche 
gute Glasmalereien von 1527 und die 
Grabdenkmäler berühmter Personen, 
wie des bekannten Dr. Job. v. Eck, des 
wüthenden Gegners der Reformation, 
und Luthers (f 1543), Tilly's, des 
Grafen Mercy, Feldmarschall im Heer 
der Ligue (f 1645), und einiger Herzoge. 
— Die neue protestantische Kirche 
wurde nach Heidelofs Plänen erbaut. 

Eisenbahn von Ingolstadt nach München, 
llMeil., Staatsbahn, tägl. 5 Züge in 2%^^., 
Taxe: I. 3 fl. 18 kr. II. 2 fl. 12 kr. III. 1 fl. 
30 kr. — Durch ganz flache Gegend über 
die Stationen: Beichertshofen , Wolnzach, 
Pfaffenhofen, Beichertshausen , Peter shausen, 
Böhrmoos, Dachau und Allach. — Anderseits 
Fortsetzung dieser Linie nach Norden über 
Eichstädt an der Altmühl, ehemals Resi- 
denz des Herzogs von Leuchteuberg, jetzt 
Sitz eines Bischofs, mit sehenswerthem 
alten Dom, der interessanten Walpurgis- 
Elosterkirche und ausgezeichnetem brasilia- 
nischen Naturalieukabinet , 7300 Einw. nach 
Gunzenhausen und Pleinfeld, dieselbe kann 
für den Verkehr von München mit dem 
mittleren Nord -Deutschland von grosser 
Bedeutung werden. 

Das Dampfboot fahrt nun in einer 
kanalisirten Strecke der Donau und 
muss , um unter der Brücke, welche bei 
Vohburg über die Donau führt , durch- 
fahren zu können, den Schlot herunter- 
lassen ; um nun nicht durchräuchert zu 
werden, thut man wohl, für einige Mi- 
nuten auf den 2. Platz zu gehen. R. ein 
altes Schloss, in welchem Herzog 
Albrecht III. von Bayern seine Flitter- 
wochen mit der schönen Agnes Ber- 
nauer verlebte (vergl. S. 175). — L. J 



W acTcer stein , Landeplatz für das vom 
Schiff nicht sichtbare Dorf Tföring, bei 
welchem Ruinenreste des alten römi- 
schen Epona sich vorfinden; überhaupt 
bietet die ganze hiesige Gegend reich- 
liche Spuren der einstigen Römer -An- 
siedelungen. 

So wurde z. B. in dem drei Stunden 
nördlich von Ingolstadt gelegenen Dorfe 
Westerhofen jener berühmte Mosaik -Fuss- 
boden gefunden, der jetzt eine Zierde des 
National -Museums in München ist. 

Von hier an folgt nun eine Reihe 
sehr schöner landschaftlicher Uferbilder. 
Zunächst 1. oberhalb Irnsing Reste 
einer Römerschanze, von der aus west- 
lich eine Römer -Strasse über Ettling 
und Theissing nach Kösching lief; dann 
r. Reste eines Römer -Kastells bei dem 
Dorf Eining. Weiter hinab hinter 
Bienheim beginnt dicht an der Donau 
die sogen. Teufelsmauer^ ebenfalls eine 
alte römische Befestigung, die einst bis 
zum Rhein reichte, und die Kaiser 
Probus noch durch Thürme und Kastelle 
verstärken Hess , welche in nordwestl. 
Ricihtung bis Gunzenhausen (S. 49) 
deutlich sich verfolgen lässt. — Bald 
darauf verkündet ein Böllerschuss die 
Einfahrt in die Weltenbwger Klause, 
eine Partie von grossartiger ernster 
Schönheit. An der Ostseite, r. die ur- 
alte Benediktiner -Abtei Weltenburg, 
vom Bayern-Herzoge Tassilo im 8. Jahr- 
hundert gegründet, dann lange Zeit säku- 
larisirt, darauf von König Ludwig I. 
restaurirt und von Neuem dem Orden 
wiedergegeben. Die Lage der aus 
gelbem Marmor (in der Nähe gebrochen) 
erbauten Kirche, sowie die des Klosters, 
das auf der Stelle des römischen Va- 
lentia erbaut wurde , auf der von drei 
Seiten umspülten Landzunge, hinter 
welcher schroffe Felsenwände aufragen, 
ist eine äusserst malerische. Die Kalk- 
schroffen steigen so unmittelbar bis zu 
400 F. Höhe aus den Donaufluthen bei- 
nahe senkrecht empor , dass für eine 
Strassenverbindung zu Lande nächst 
dem Ufer kein Raum bliebe. Um nun 
die Kahnschifffahrt stromauf zu ermög- 
lichen, wurden an den Felsenwänden 
eiserne Ringe eingetrieben , mit Hülfe 



237 



26. Route: Dampfboottalirt von Donauwörth nach Linz. 



23^ 



deren die Schiffer ihre Fahrzeuge der 
Strömung entgegen schieben oder ziehen 
können. Wie auch in anderen Gegen- 
den taufte die Volksphantasie die in 
grotesken Formen emporstarrenden, ver- 
witterten Felsen und verflocht allerhand 
Sagen mit denselben 5 der sogen. 
y, Hohen Rinne" folgt die ^, Lange Wand'', 
dann kommen die ,,Drei Brüder", 
yjBas Rabenloch'*, ,,Die Jungfrau", 
„Die Lutherische Kanzel" , ,, Peter und 
Paul" etc. Abenteuerlich romantisch 
liegt 1. das ganz in eine Felsen- 
höhle hineingebaute „Klösterl" , 1450 
vom Bruder Anton de Septem Castris 
gegründet. Das Schiff fährt durch diese 
Stromschlucht leider zu rasch um das 
Auge genügend zu sättigen ; nach kaum 
10 Min. erblickt man am Ende des wil- 
den Engpasses 1., hoch oben, den ge- 
waltigen Bau der Befreiungshalle. 

L. Stat. Kelheim. 

Gasthof: ^Teutscher Hof, in Nähe des 
Kanalhafens, mit Aussicht auf die Befieiungs- 
halle und nach dem Donau- und Altmühl- 
Thal. Zimmer 24 kr. bis 1 fl., Frühst. 15 kr.; 
sehr besucht, empfohlen. 

Das freundliche Städtchen (3000 
Einw.) am Ausfluss der Altmühl und 
des Ludwigs -Kanals (vergl. S. 46) in 
die Donau, mit schöner Brücke (nach 
Pauli'schen oder dem sogen. Fisch- 
bauchsystem) über dieselbe, wird seiner 
reizenden Lage und Umgebung, sowie 
seines milden Klimas wegen von Frem- 
den gern als temporärer Sommeraufeot- 
halt benutzt. 

In der Stadt die *Standbilder der 
Könige Ludzeig I. und Maximilian II. 
in kelheimer Marmor skulptirt, von 
Halbig in München. — Das hier ge- 
braute Waizenbier hat bedeutenden Kuf. 

In einer Viertelstunde gelangt man 
durch Laub- und Nadelholz -Waldungen 
auf breiter bequemer Fahrstrasse zu der 
auf dem Gipfel des Michaelsberges ge- 
legenen* JBefreiUtlffSha He, von Kö- 
nig Ludwig I. zum Andenken an die 
gegen die Zwingherrschaft Napoleons I. 
gekämpften Kriege errichtet. — Die 
ursprünglich nach Gärtners Entwürfen 
im B.m 1842 begonnene, von Klenze 
1863 beendete Kuppel-Rotunda (204 F. 



hoch, 174 F. Durchmesser), erhebt sich 
auf einem 3stufigen, 18eckigen Unter- 
bau, an welchem eine doppelarmige, 
36 F. breite Freitreppe zum Eingang 
emporführt. Mächtige Kandelaber um- 
geben den Rundbau , auf dessen Strebe- 
pfeilern , in halber Höhe , 18 Victoria- 
Statuen stehen; diese halten Tafeln, 
auf denen die Namen derjenigen deut- 
schen Volksstämme genannt sind, welche 
gegen Napoleons Heere kämpften. Ein 
mit Relieftrophäen geschmücktes Erz- 
portal führt ins Innere, das sein Licht 
durch die Kuppel erhält. Rings im 
Kreise, je paarweise die Hände sich 
reichend, stehen 34 beflügelte Jung- 
frauen (nach Schwanthalers Modellen 
in cararischem Marmor gearbeitet), 
welche eherne Schilde (aus eroberten 
französischen Geschützen gegossen) 
halten •, auf letzteren sind die bedeu- 
tendsten Schlachten von 1813 bis 1815 
verzeichnet, Ueber den Schildjung- 
frauen die Namen der Feldherren , die 
im Befreiungskampfe kommandirten. 

Feldmarschall Schwarzenherg. — Feld- 
marschall Blücher von Wahlstatt. — Fürst 
lVrede{Ba,yern). — Feldmarschall-Lieutenant 
üadetzky. — General v. Sckarnhorst. — Ge- 
neral Gneisenau. — Wilhelm, Kronprinz von 
Würtemberg. — lFi7Äe?m, Herzog von Braun- 
schweig. — Friedrich von Hessen- Homburg. 

— York von Wartenburg. — General Graf 
Klenau (Oesterreich). — Bülow v. Dennewitz. 

— Graf Gyulai. — Kleist von Nollendorf. — 
Gx&i Colloredo. — Graf TaueHsie». — General 
V. Ziethen. — Feldmarschall - Lieutenant 
Bubna. 

Noch weiter oben die Namen der 18 
deutschen Hauptfestungen , welche die 
alliirten Truppen den napoleonischen 
wieder abrangen. — In Mitte des Mar- 
mor-Fussbodens liest man die eingelegte 
Inschrift: ,, Möchten die Teutschen nie 
vergessen, was den Befreiungskampf 
nothwendig machte und wodurch sie ge- 
siegt". — Die 72 Säulen des Gebäudes 
(zu dem kein Stückchen Holz verwen- 
det wurde) wurden aus Fichtelgebirgs- 
Granit gehauen. Bemerkenswerthe 
Akustik. Trinkgeld nach Belieben. 

Exkursionen: Ins ■^' Altmühl -Thal , bis 
zun» Marktfli'c k Riedenhurg \ St. Am linkeu 
Ufer hinauf, 1 St., das Schüler Loch, »•iiio 
interessante Stalaktitenhöhle, in welcher 
sur Zeit der Einführung dosChristenthumc» 



239 



26. lioute: Die Donau. 



240 



eine Druidenschule heimlich bestanden 
haben soll. Man kann beinahe 2 St. tief 
eindringen. Weiter hinauf im Thal die 
üuinen Randegg, Babenstein, Drachenstein 
und Pi-unn, 

Das Donau - Thal erweitert sich , 1. 
Herren - Saal und weiter oben auf der 
Höhe Kapfeiberg, wo einst Hans 
Trautskirchen hauste. 

Eine alte Schrift sagt von ihm, er habe 
„in siebzehn Treffen mannlicli gestritten, 
wurde aber in. vorgeschrittenen Jahren gar 
seltsam, hat ungern bezahlt und böse Händel 
geführet. Ist vielmal um schlechter Ursach 
willen über die ganze Donau geschwommen, 
bis er endlich darin ersoffen". 

R. Felsenpartie mit Monument 
(34 F. hohe Tafel von 2 kolossalen 
Löwen bewacht) zu Gedächtniss der 
hier durchgebrochenen Fahrstrasse. 

K. Abbach; einst das umfangreiche 
Römer-Kastell ^5^t<Z^acMm^ dann gewal- 
tige Bergveste, von der sich ein aus 
Quadern erbauter runder Thurm, der 
Heinrichsthurm genannt, erhalten hat; 
in demselben wurde am 6. Mai 972 
Kaiser Heinrich H. geboren. Ausser- 
dem quillt hier ein alkalisch - salinisches 
Schwefelwasser, welches einst den 
Kaiser Karl V. vom Podogra kurirte. 
Weiter hinab auf gleicher Seite der Ort 
Oberdorf, wo 1209 der Reichsmarschall 
Heinrich Calatin, die Reicbsacht voll- 
streckend, meuchlings den Pfalzgrafen 
Otto von Witteisbach erschlug, um den 
an Kaiser Philipp von Schwaben in 
Bamberg verübten Mord (vergi. S. 79 
und 254) zu rächen. 

Weiter hinab, unterhalb Ilading 
treten 1. wieder Felsen an die Donau 
heran. — Folgen 1. Sinzing und r. 
Gross - Prüf ening , dem gegenüber an 
der Mündung der braungefärbten Nab 
die Kai varienberg- Kirche Maria- Ort 
liegt. Hier wird abermals der Schlot 
niedergelassen. 

Im Blicke r. über das flache, wiesen- 
reiche Ufer die prachtvollen Gebäude 
der einst berühmten Karthause Prüll 
und in der Ferne die Thürme von 

r. Reg-ensburg", wo der Dampfer 
oberhalb der Brücke landet. 

Stadt-Beschreibung s. R. 18. 

g^^ Die Dampfer von Regensburg bis 
Linz fahren täglich. Dringend anzurathen 



ist jedoch , das Danipfboot erst wieder von 
Passau aus zu benutzen, wo die herrliche 
Wald- und Berg- Einsamkeit der Donau 
eigentlich erst beginnt. Die Eisenbahn- 
Route von Regensburg nach Linz siehe 
R. 19. — Die Donaufahrt von Regensburg 
bis Passau ist einförmig, ermüdend und 
lohnt die darauf verwendete Zeit nicht. 

Von Passau ab tägl. Dampfschiff- 
fahrt (Taxe nach Linz L 4 fl. II. 2 fl. 
65 kr. Österr.). Das Boot verlässt 
Nachm. 2 Uhr Passau. Gepäckrevision 
bei Abgabe der Fahr - Billets. Gleich 
unterhalb der Stadt wird das Ufer r. 
österreichisch; das linke Ufer bleibt 
bayerisch bis Engelhardtszell. Der 
Strom durchläuft eine Reihe von Wald- 
bergen, die an malerischer Schönheit, 
aber auch an Einsamkeit und melan- 
cholischem Ernst ihres Gleichen suchen. 
— R. Schloss Krevipelstein auf hohem 
Felsen gelegen; österreichische Grenz- 
wache. 

L. Obernzeil , der letzte bayerische 
Ort, mit bedeutender Töpferwaaren- . 
Industrie. 

R. Schloss Viechtenstein , ehemals 
den Grafen v. Wasserburg gehörig. 
Im Strome 1. der Jochenstein, alte 
Grenzmarke zwischen Oesterreich und 
Bayern. 

R. Engelhardtszell (Gasth. zum 

Hirsch), säkularisirtes Benediktiner- 
Kloster. Von hier an werden beide 
Ufer österreichisch ; das Boot legt beim 
Mauthhause an ; '/^ St. Aufenthalt und 
Kontrolle der Gepäck- Revision. Die 
Ufer werden noch bergiger und die 
Donau muss sich in vielen grossen 
Krümmungen durchwinden. 

L. Bannariedl an der Mündung des 
Ranna - Thaies, in welchem das Schloss 
Falhenstein liegt ; dann 1. Marsbach mit 
altem Schloss. 

R. gegenüber der Markt Wesenur- 
fahr und später die malerische Ruine 
Wesenstein. Das Schiff fährt um eine 
1. sich ausdehnende lange Landzunge, 
auf welcher das von Kaiser Maxi- 
milian I. zerstörte Schloss Hayenbach 
liegt; man bekommt dasselbe von der 
Südseite und bald darauf auch von der 
nördlichen Rückseite zu sehen. Die 



241 



21. Route: Eisenbahn von München nach Ulm. 



242 



bis zu 1000 F. Höhe ansteigenden Fel- 
senufer nöthigen durch vorspringende 
Gebirgs- Ecken den Strom in so ent- 
gegengesetzten Richtungen seinen Aus- 
weg zu suchen, dass man den Kompass 
fortwährend zur Hand haben müsste, 
um je nach wenig Minuten zu wissen, 
welcher Weltgegend man zufährt. Man 
ist in dem landschaftlich - grossartigsten 
Theil der Donau- Strombilder einge- 
treten; nach beiden Seiten öffnen sich 
lauschige Wald - Schluchten , aus denen 
kleinere Seiten- Gewässer in den Haupt- 
fluss münden. 

L. Obermühl mit der Ruine Parten- 
stein am Ausgange des Kleinen Mühel- 
Thales. Wiederum grosse felsige Land- 
zungen , dann 1. Mündung des Grossen 
Mühel- Thaies. — Nachdem 1. das grosse 
Schloss Neuhaus passirt ist , einst dem 
nun ausgestorbenen Geschlechte der 
Grafen Schaumburg gehörig, erschliesst 
sich plötzlich , aber nur auf kurze Zeit, 
ein überraschend schöner Blick auf die 
Salzburger Alpen. Endlich erreicht 
5 Uhr Nachm. das Schiff den Ausgang 
aus dem engen Defile bei 

Aschach ^ mit den Trümmern der 
Schlösser Stauf \xndi Schaumburg. Die 
Berge treten weit zurück , die Donau 



breitet sich, in dem grossen Thalkessel 
viele kleine Inseln bildend, behäbig aus 
und dem Auge bieten sich andere neue 
Bilder dar. L. im Vorblick der Pöst- 
lingsherg bei Linz und grosse pano- 
ramische Rundsicht auf die Steyerischen 
und Salzburger Alpen , aus denen na- 
mentlich r. der Traunstein am be- 
deutendsten hervortritt. Leider wird 
das herrliche Bild nur allzu rasch durch 
bewaldete sich vorschiebende Auen dem 
Blicke entzogen. 

Aschach war im Jahre 1626 Haupt- 
quartier der gegen Ferdinands n. bHrbarische 
Massnahmen aufständischen oberösterreichi- 
schen Bauern, welche die Donau mitKetten 
abgesperrt hatten , um die Bayern zu ver- 
hindern, den in Linz eingeschlossenen 
österreichischen Statthalter Grafen Herber- 
stein zu entsetzen. 

R. der Thurm des alten Städtchen 
Efferding , im Nibelungen -Liede er- 
wähnt, wo Chrimhilt rastete, als sie zu 
den Hunnen zog. 

L. Ottensheim, von Weitem sicht- 
bar; und weiterhin r. die Cisterzienser- 
Abtei Wilhering und Schloss Buchenau. 

L. der PöstUngsherg und die eigen- 
thümlich gestalteten Festungswerke von 
Linz, r. der Kalvarienberg. 

6V2 Uhr legt der Dai 
Donaubrücke in LillZ an. 



Das Bayerische Schwabenland. 
27. Route: Eisenbahn von München nach Ulm. 



20 Meil. Staatsbahn; Hauptverbindungs- 
glied der direkten Linie Wien — Paris. — 
Zwischen Miinchen u. Stuttgart tägl. 5 Züge; 
davou 1 Courier- (früh b^l\) und 2 Schnell- 
zöge (Abds. und Nachts) in 31/4 St. Fahrz. 
nach Ulm u. 5Va St. nach Stuttgart (231/* St. 
nach Paris). Gewöhnliche Züge nach Ulm 
6V4 St., nach Stuttgart 11 St. 

Taxen der gewöhnlichen Züge: I. 5 fl. 
57 kr. II. 3 fl. 57 kr. III. 2 fl. 39 kr. - 
Schnellzüge I. 7. fl. 9 kr. II. 4 fl. 45 kr. 

Von Müliclien durch den langen 
Staats-Bahnhof •, r. zweigt die Bahn nach 
Ingolstadt (S. 235) und bei Stat. Pasing 
1. diejenige nach dem Starnberger See 
(R. 34) ab. Folgen in ganz flacher 



Gegend die Stat. Lochhausen, Olehing, 
Maisach, Nannhof en, Uaspelmoor, Alt- 
hegnenherg , Mering und Stierhof, bei 
denen allen die Schnellzüge nicht an- 
halten. 

(8V2 Meil.) Augsburg (vergl.S. 138 
bis 150). 

Wenn nichtverspätet, halten die Schnell- 
züge 5 Min., die Postzüge ca. Va St. — 
NB. Erkundigung, oh mau umsteigen muss. 

Bei der Weiterfahrt zweigt r. die 
nach Nürnberg und Bamberg laufende 
Linie (R. 10) ab, während die Ulmer 
Bahn westliche Richtung einschlägt. 



243 



28. Route: Die Bayerische Hochebene. 



244 



L. Dorf Kriegshaber mit viel Israeliten, 
Uhren- und Instrumentenmachern; 
weiter vorwärts Steppach. L. oben der 
hochgelegene Wallfahrtsort Kobel(MB,ua, 
Loretta), viel von Augsburgern besuch- 
ter Ausflugs-Punkt mit guter Aussicht. 
R. die Dörfer Ottmarshausen und da- 
hinter Aystetten. Die Bahn steigt im 
Schmutter-Thal an. — Stat. Westheim, 
wohin, wie namentlich nach Hainhof en 
und dessen renommirten Felsenkeller, 
„das Schwäbische Himmelreich" ge- 
nannt, die Augsburger im Sommer, des 
guten Bieres halber, scbaarenweis 
ziehen. Folgen die Stat. Diedorf, 
Gessertshausen (über die Schmutter) 
durch Torfland, nach Mädishofen und 
durch das Auwäldchen nach (12 Meil.) 
DinTcelscherhen , schöner Marktflecken. 

— R. Ruine Wolfsherg und Marktflecken 
Zusmarshausen (Bezirks-Armen-Spital). 

— Qahelbachgreuth. Die umliegenden 
Waldungen, meist Eigen thum des Frei- 
herrn V. Stauffenberg, sind sehr wild- 
reich; im Herbst grosse Jagden. — 
Stat. Jettingen ^ der Ort selbst liegt 
y2 St. 1. — Nun tritt die Bahn aus ihrer 
bisherigen engen Umgebung in das 
breite fruchtbare Mindel- Thal, 1. hoch- 
liegend, malerisch 

(I4V2 Meil.) Stat. Burgau, Städt- 
chen mit 2100 Einw. und ehedem stark 
befestigten schönem Schlosse. 

Aus einem Fenster desselben stürzte, 
damals Edelknabe des Markgrafen v. Burgau, 
der nachmals berühmte Held und Feldherr 
(im 30jährigen Kriege) Albrecht von Wallen- 
stein, ohne im mindesten Schaden zu 
nehmen. 

Durch das Mindel-Thal und bei Stat. 
Offingen (Post nach [3 Meil.] Dillingen, 
24 kr.) in das mit dichtem Gesträuch 
(namentlich Korbweiden) bewachsene I 



Donau- Thal. Die Bahn läuft im ehe- 
maligen Flussbett der Donau, welcher 
man beim Bahnbau ein geregelteres 
Rinnsal gab. — L. auf der Höhe die 
Schlösser Landsirost (grosse Land- 
wirthschaft des Freiherrn v. Freiberg) 
und Reisenburg (des Baron v. Ried- 
heim). 

Stat. Grünzburg (Gasth. Bär), male- 
risch auf einem Hügel, am Ausfluss der 
Günz gelegen, alte, freundliche katho- 
lische Stadt (3200 Einw.), früher Resi- 
denz der Markgrafen von Burgau. Hier 
soll die nach Regensburg projektirte 
Bahn (über Donauwörth S. 51) nördl. 
abzweigen. — Auf einer Gitterbrücke 
über die Günz; r. jenseits der Donau, 
das würtembergische Städtchen Lan- 
genau, nach Stat. Leipheim (grosser 
Export von Kübelbutter nach Nord- 
Deutschland). 

Auf den Feldern 1. erlitt während der 
Bauernkriege das Volksheer eine mächtig© 
Niederlage, bei welcher über 2000 auf der 
Wahlstatt blieben , 1500 in der Donau ertran- 
ken und der Eest gefangen genommen 
wurde. Die Gegend heisst heut© noch da» 
Todtenfeld. 

Stat. Nersingen und jenseits der 
Donau am Bergabhange Dorf JElchingen^ 
einst Benediktiner -Abtei. 

Hier schlug am 13. und 14. Okt. 1805 Mar- 
schall Ney die Oesterreicher unter Mack, 
nachdem er sie umgangen hatte und wurde 
folge dieses Sieges zum Herzog von 
Elchingen ernannt; am 20. Okt. nahm Na- 
poleon Ulm mit Sturm; 25,000 Mann mussten 
das Gewehr strecken. 

Ueber Neu -Ulm, letzter bayerischer 
Ort an der Donau, mit starker Garnison, 
Befestigungen und grosser Kaserne und 
über eine 460 F. lange Eisenbahn- 
Donaubrücke (1852 bis 1854 erbaut) 
nach 

(20 Meil.) Ulm. Weiteres B. 54. 



28. Route; 



nach 



Die Bayerische Hochebene. 

Die Ludwigs -Süd -Nordbahn von Augsburg 
Lindau. 

(Vergl. beikommendes Kärtchen.) 

26 Meil. Bayerische Staatsbahn. (Fahrzeit, und 1 Postzug in 73/4 St. "Pahr- 
Tägl. im Winter 4 Züge, von denen ein zeit. Ausserdem gewöhnlich im Sommer 
Sclinellzug (Vorm. 7 bis 12 Uhr) in 5 St. I noch ein Schnellzug. 



f< 



245 28. Route: Die Ludwigs-Süd - Nordbalm von Auffslburffu. Lindau. 24G 



Taxen der gewöhnlichen Züge: Nach 
Kempten I. 4 fl. 12 kr. II. 2 fl. 48 kr. 
III. 1 fl. 54 kr. — Nach Immenstadt I. 5 fl. 
6 kr. II. 3 fl. 24 kr. III. 2 fl. 18 kr, - 
Nach Lindan I. 7 fl. 48 kr. II. 5 fl. 12 kr. 
III. 3 fl. 3ükr. — Schnellzug u'.ych Lindau 
I. 9 fl. 24 kr. II. 6 fl. 15 kr. - Gewöhn- 
lieh er Zug nach Zürich I. 12 fl, 54 kr. 
n. 9 fl. 6 kr. III. 6 fl, 15 kr. Schnellzug 
20 Proc. theurer. 

Diese Bahn darf zu den an Ab- 
wechslung reichsten, und bei hellem 
Wetter landschaftlich-schönsten in Süd- 
Deutschland gezählt werden. Die Be- 
schaffenheit des Bodens , welchen sie 
durchläuft, ist höchst verschieden ; An- 
fangs, bis in die Gegend von Kauf- 
beuren, durchzieht sie eine weite Ebene, 
die zum Theil zu den besten Getreide- 
Gegenden Bayerns zählt. Bemerkens- 
werth ist auf dieser, zwischen dem Lech 
und der Wertach gelegenen grossen 
Hochebene, die Eigenthümlichkeit der 
Feldwirthschaft und des Länderbesitzes, 
welch letzterer grösstentheils aus lan- 
gen, schmalen Ackerriemen, von nur 
10 bis 30 F. Breite, aber 6000 bis 
7000 F. Länge besteht. Diese Gegend 
ist die am mindesten unterhaltende. 
Daran schliesst sich ein von Wald und 
Wiesenparzellen durchflochtenes Hügel- 
land , das durch den fortwährenden 
Wechsel anmuthiger Scenerien, durch 
die vielen Kurven und Schwenkungen 
der Bahn , durch reich belebte Ansiede- 
lungen weithin über die Halden zer- 
streuter Häuser und durch den Ausblick 
auf die langgedehnte Kette der Bayeri- 
schen Alpen anregend unterhält. Diese 
Landschaft erstreckt sich bis in die 
Nähe von Immenstadt, Dort tritt die 
Bahn für die Strecke von etwa 3 Meil. 
dicht an den Fuss der Voralpen und 
beschäftigt bei hellem Wetter die Augen 
desNaturfieundes ununterbrochen. Zum 
Schluss der Tour kommt abermals 
buntes Hügelland mit öfteren , immer 
schöner sich entfaltenden Durchblicken 
auf den Bodensee und die Ostschwei- 
zerischen Alpen. Während des Winters 
bis in den Frühling hinein hat man hier 
reichlich mit Schnee überdeckte Partien 
zu passiren : die Luft ist in der Regel 
rauh und scharf. Um so überraschen- 



der ist es, bei dem bedeutenden Fall 
hinunter gegen den Bodensee, je näher 
man Lindau kommt, durch grüneWiesen 
zu fahren und in mildere klimatische 
Regionen zu gelangen. 

Von Aug-Sburg (S. 138) schlägt 
die Bahn sofort direkt südliche Rich- 
tung ein, nachdem die Linie nach 
Müi.chen 1. abgezweigt hat, und passirt 
die Stat. Inningen , Bobingen (grosses 
Dorf mit 1800 Einw. und renommirter 
Kunstmühle), Gross- Äitingen (1. Dorf 
Graben, mit grünem Spitzthurm; hier 
ein Bauernhaus, das Stammhaus der 
nachmals so berühmt gewordenen Fa- 
milie Fugger, welche von Kaiser Karl V. 
in den Fürstenstand erhoben wurde. 
Weiteres s. S. 145) nach 

(3 Meil.) SchwabmÜUchen, grosser 
Marktflecken mit 2500 Einw. , von den 
Sueven und Alemannen gegründet, im 
8. Jahrb. Mantichingen genannt. In 
der golhischen MarienTcirche eine flache 
Holzdecke, die zu den schönsten und 
reichsten Arbeiten gehört, welche die 
mittelalterliche deutsche Tischlerei her- 
vorgebracht hat. 1 St. östl, Dorf ünter- 
Meitingen mit Schloss und dem als 
Wallfahrtsort stark besuchten Franzis- 
kaner-Kloster Lechfeld. 

Auf dem zwischen Augsburg und dieser 
Gegend sich ausdehnenden ziemlich sterilen 
Lechfehle schlug am 10. Aug. 955 König 
Otto I. von Deutschland jene furchtbare 
Schlacht, welche das Heer der eingefallenen 
Ungarn völlig vernichtete. 

Durch torfige Gegend über Wester- 
Eringen nach 

(öV^ Meil.) Stat. Buchloe. 

Posi: 'iägl. 2mal nach (3 Meil.) Mindel* 
heiiii, in 21'* St., 30 kr., am Fusse desÄecA- 
bergex. In der hiesigen Pfarrkirche das 
Grabmal des ritterlichen Georg v. Frunds- 
berg, bekannt durch seine den Kaisern Älaxi- 
mllian I. und Karl V, geleisteten vortreflf- 
licheri Kriegsdienste. 

Posi: Tag). 2mal nach (P/* Meil.) Lftnds- 
bercr, mlVaSt., 2lkr. ; alterthümliche Stadr 
am Lech, bekannt durch die Schönheit 
ihrer Fiauen, von denen man erzählt, dass 
sie zu Zeiten des 30jährigen Krieges lieber 
den freiwilligen Tod wählten, um nicht 
Opfer der brutalen Soldateska zu werden. 
— _ Von Buchloe über Landsberg nach 
Münclien einerseits, und über Mindelhoim 
nach Blemniingen anderseits, soll eino 



247 



28. Route: Die Bayerische Hochebene. 



248 



direkte Eisenbahn nach der würtembergi- 
schen Grenze gebaut werden. 

Post: Tägl. Nachm. nach (4Va Meil.) 
Schongau, in 5Va St., 1 fl. 3 Ur., von wo gute 
Fahrstrasse über Feiting und Roltenbuch nach 
Oberammergau (vergl. R. 36). 

Eisenbahn weiter über Pforzen, 
im Wertach- Thal, r. die hochgelegene 
ehemalige Benediktiner - Reichsabtei 
/rsec(ürsinum), j etzt Kreis-Irrenanstalt. 
Auf einem Damme und steinerner Brücke 
über die Wertach zur 

(8 Meil.) Stat. Kaufbeuren, 2300 F. 

üb. M. (Gasthöfe: Sonne. — Hirsch), 
ehemalige Reichsstadt mit 4850 Einw. 
und bedeutender Baumwollensptnnerei, 
Kattun- und Leinwand - Fabrikation. 
In der 8t. Blasühirche gothi scher Altar 
und altdeutsche Gemälde. — L. er- 
schliesst sich der Blick auf die Berge 
des Bayerischen Oberlandes. 

(9 Meil.) Stat. Biessenhofen. 

Post: Tägl. Vorm. nach (5 Meil.) Füssen 
(Hohenschwangau , vergl. S. 255), in 53/4 St., 
1 fl. 30 kr. 

Ueber Buderatshqfen (grosse Torf- 
magazine) steigt die Bahn im Kirnach- 
Thal, in entschieden westlicher Rich- 
tung zur Stat. Äitrang , wo man vom 
Waggon aus 1. einen prachtvollen Blick 
auf das ausgedehnte Panorama der 
Bayerischen Alpen von der Zugspitz 
an, über den Säuling bis zu den Algäuer 
Bergen bei Immenstadt hat. Hier er- 
reicht die Bahn ihren höchst gelegenen 
Punkt, 2717 F. üb. M. 

Von Augsburg bis hieher steigt die 
Bahn 1070 F.; bis nach Lindau hat sie 
1281 F. Fall, Es ist überhaupt der höchste 
Punkt, welchen irgendwo in Bayern die 
Eisenbahn erreicht. 

Stat. Günzach mit grossartigem 
Oekonomiegut, bedeutender Brauerei 
und schönem Viehstande, Nun fällt 
die Bahn stark in das Leibas- Thal , r. 
bewaldete Höhen, wiederum mit male- 
rischen Durchblicken auf das Gebirge. 
— Jenseits der Stat. Wüpoldsried 1. 
auf einer Anhöhe die geringen Ruinen- 
reste der WolJcenburg, r. des ehemaligen 
Schlosses Wagech. — Stat. Bezigau; an 
dem Bachtelweier vorbei ; von r. her 
mündet die Ulmer Illerbahn (R, 29) und 
beide gehen auf hoher Brücke über die 



Hier (schöner Niederblick) und laufen 
in grossem Bogen auf den Bahnhof von 

(14V2 Meil.) Kempten. 

Gasthöfe: Strauss. — JJase. — Krone. — 
Älgäuerhof, gegenüber vom Bahnhof.- 

Eisenbahn : Nach Ulm tägl. 3 Züge, vergl. 
R. 29. — Nach Lindau I. 3 fl, 36 kr. II. 2fl. 
24 kr. in, 1 fl. 36 kr. — Nach Augsburg 
I. 4 fl. 12 kr. n. 2 fl, 48 kr. III. 1 fl, 51 kr. 

Post: Tägl, Vorm. nach (5 Meil.) Füssen 
(Hohenschwangau) über Nesselwang (vergl. 
Ö. 255), in 6V4 St., 1 fl. 36 kr. — Nach Inns- 
bruck über Reutte (nur im Sommer) ganz 
früh Morg,, in 18 St,, 6 fl. — Nach (3i/a Meil.) 
Isny, in 4 St., 1 fl. 6 kr. 

Das alte Campodunum war eine 
Römerveste auf der heutigen sogen. 
Burghalde, die im grauen Mittelalter zu 
einer wahrhaften Alemannenburg, Hilar- 
mont (vielleicht eigentlich Iller-Mont) 
genannt, umgewandelt wurde, um welche 
sich das heutige Kempten ansiedelte. 

Kaiser Karl d, Gr. weilte oft auf dieser 
Burg, welche seine Gattin Hildegard ihm 
als Brautschatz zugebracht hatte. Später 
schenkte die fromme Kaiserin diesen Sitz 
an die Geistlichkeit, welche ein Kloster 
daraus machte, dessen Abt mit der Zeit 
ein gefürsteter Regent wurde, während die 
Stadt im 14, und 15. Jahrh. in hohe 
Blüthe gelangte und bis 1801 freie Reichs- 
stadt war. 

Kempten zählt 11,000 Einw., hat 
grossartige Spinnfabriken und 21 Braue- 
reien, sowie bedeutenden Speditions- 
handel. Die Stiftskirche, mit hoher, 
weithin sichtbarer Kuppel, 1652 vom 
Fürst - Abt Giel in italienischem Ge- 
schmack erbaut, — die Bildnisse der 
Aebte im Fürstensaale der Residenz, — 
die Statue der Kaiserin Hildegard (s. 
oben) auf dem grossen Residenzplatze 
und das mittelalterliche Rathhaus sind 
die Haupt- Sehenswürdigkeiten. 

Sehr lohnende Aussicht vom *JIarieu- 
berge (l Sl)., ähnlich wie die vom Peissen- 
berge, die von den Alpen des Bayerischen 
Hochlandes und des Algäu (den Grünten 
im Vordergrunde) über die Vorarlberger 
Alpen hinaus bis zum Säntis im Kanton 
Appenzell in der Schweiz sich erstreckt. 

Da Kempten Kopfstation ist, so 
wird die Lokomotive an das bisherige 
Ende des Zuges gekoppelt und wer 
einen Sitz vorwärts hatte , fährt nun 
rückwärts. Man suche jetzt einen 
Fensterplatz auf der linken Seite des 
Waggons zu bekommen. Anfangs 



249 28. Route: Die Ludwi^s-Süd-Nordbalm von Augsburg n. Lindau. 250 



bietet die Bahn wenig Interesse, einige- 
mal I. Blicke auf die Hier. Wie man 
die Stat. Waltenhofen (in der Kirche 
reichgeschmückter gothischer Taufstein 
und andere Skulpturwerke) passirt hat, 
öffnet sich 1. ein liebliches Landschafts- 
bild: Im Vordergrunde der aus meh- 
ren Becken bestehende idyllische Sont- 
hofner See, hinter dem das Pfarrdorf 
Nieder - Sonthofen mit einer der statt- 
lichsten Kirchen des Algäu malerisch 
am Fusse des 8taffelherges (3500 F. 
hoch) hingelagert ist. Eingsum zeigt 
sich schon alpine Ausstattung der 
Landschaft ; flache braune Holzhäuser 
im Gebirgsstyl , die Dächer mit Steinen 
belastet , sind weithin über die Halden 
zerstreut. Diese Effekte steigern sich 
nun von Minute zu Minute ; der Grün- 
ten, dieser Rigi des Algäu's, rückt immer 
näher; hinter Stat, Oberdorf erblickt 
man r. oben die Ruine Werdenstein und 
die Pfarrkirche von Eckarts, in welcher 
mittelalterliche Grabmäler und schöne 
Glasmalereien sich befinden. Die Bahn 
tritt dicht an das linke Ufer der Hier, 
ein imposanter Einblick in das Sont- 
hofner Thal, von den mächtigen Ge- 
birgszacken der Algäuer Alpen ("Nebel- 
horn, Daumen, Mädelergabel, Trettach- 
spitzfUllF. etc.) umstanden, erschliesst 
sich binnen wenig Minuten im Blicke 1. 
aus dem Waggon , und der Zug erreicht 

(17 Meii.) Stat. Immenstadt, 2475 
F. üb. M. 

Gasthöfe: Hirsch. — Adler. 

Eisenbahn: Gewöhnlicher Zug nach 
Lindau I. 2 fl. 51 kr. ü. 1 fl. öd kr. III. 1 fl. 
18 kr. — Nach München I. 7 fl. 30 kr. 
II. 5 fl. III. 3 fl. 21 kr. - Schnellzug 
nach Lindau I. 3 fl. 21 kr. II. 2 fl, 15 kr. — 
Nach München I. 9 fl. II. 6 fl. 

Post:Tägl. nach5'on(Ao/'en2mal, inli/4St., 
15 kr. — Nach (3 Meil.) 'Obersdorf Inial, in 
4 St,, 39 kr, — Nach (2 Meil,) Hindelang 
Imal, in 21/* St., 27 kr. 

Das kleine 1860 Einw, zählende 
Städtchen liegt ungemein malerisch 
am Fusse der Algäuer Voralpen und ist 
Ausgangs-Punkt für Touren in dieselben 
(vergl. R. 31). Sehenswürdigkeiten 
hat der Ort nicht; den norddeutschen 
Reisenden interessirt vielleicht der Be- 
such des Kapuzinerklosters. Kirche im 



romanischen Styl; auch ein protestan- 
tisches Bethaus. 

Exkursionen: 1) Auf den »Grünten 

(5364 F.) 21/2 St. Näheres vergl. S. 267. - 
2) Auf den «Stuiben (5431 F.) 3 St. mit 
Führer. Der Weg (festgenagelte Schuhe) ist 
stellenweise sehr rauh, jedoch nirgends ge- 
fährlich, läuft durch das Sleigbach-Thal zu 
der Alpenhütte Ehrenschwang , von wo man 
in 1 St. den Gipfel erreicht. Aussicht noch 
unifassender, als vom Grünten. Feste Berg- 
gänger nehmen den Rückweg an der Alp 
Seifemooa vorüber. 

Die Bahn hält nordwestl. Richtung 
ein , r. schöne Landsitze des Grafen 
V. Rechberg und Baron v. Giese ^ dar- 
über Burgruine Rothenfels , 1. der be- 
waldete steile Immenstadter Berg mit 
der Windelgund- Älp. Wie die Bahn 
für eine kurze Strecke entschieden 
nördl. Richtung einschlägt, 1. auf kleiner 
Anhöhe das Dörfchen Bühl mit zwei 
Kirchen , von denen die eine zur Gat- 
tung der Doppelkirchen gehört. R. zu 
den Fenstern hinaus nochmals schöner 
und letzter Blick auf den Algäuer 
Alpenkranz. L. erschliesst sich plötz- 
lich der Ausblick auf den Älp - See, 
seiner ganzen Länge nach (V3 St. lang, 
6000 F. breit, — 2200 F. Üb. M.). Die 
Bahn umläuft, zum Theil auf Stein- 
mauer-Unterbauten, dicht am Ufer die 
ganze östl. und nördl. Seite derselben, 
fortwährend prächtige Blicke 1. gegen 
die steil aufsteigende Gebirgskette des 
Rindalpenhornes (5599 F.) und der 
davor liegenden Hohesckicand- und 
Eggalp erschliessend, und steigt durch 
das schöne breite Konstanzer Thal, 
welches mit Dörfern und einzelnen 
Häusern und Hütten übersäet ist , dem 
Laufe des Ach -Flusses entgegen nach 
Hinter - Staufen an. Diese Strecke ist 
bei sonnenhellem Wetter die schönste 
der Bahn und für den, welcher die 
Alpen aus früheren Reisen noch nicht 
kennt, eine prächtige Einleitungsstrophe- 
— Durch einen kurzen Tunnel und un- 
mittelbar darauf reizender Pei spektive- 
blick 1. in das tiefabsinkende Weissach- 
Thal. 

Stat. Oberstaiifen (2674 F. üb. M.), 

sehr malerische Lage. Einfache bäuer- 
liche, aber in der Regel mit famosem 



251 



29. Eoute: Die Illerthal - Bahn. 



252 



Bier ausgerüstete Wirthshäuser. — Sta- 
tions - Punkt für bescheidene Touristen. 

Exkursionen: 1) Durch das Weissach- Thal 
in 21/2 St. nach dem österreichischen Dorf 
Sulzberg und den dahinterliegendeu gleich- 
namigen *Ausslchts-Punkt (3110F.); Kund- 
bild: Die Algäuer und Appeuzeller Alpen, 
der Bodensee mit dem Bregenzer Walde 
und die Ebenen des gesegneten Schwaben- 
landes. — 2) Auf den Hochgrat (5633 F.) 
mit Führer 3i/a St., für kräftige Touristen. 
Aussicht in die Tyroler, Algäuer, Vorarl- 
borger und Ostschweizerischen Alpen, gross- 
artiges Panorama. Proviant ist mitzu- 
nahmen. 

Bier-Reise für Gambrinus-Fr eunde 
über ••'Sinimerberg (Brauerei zum Adler) 
und Scheidegg (Engel, Sinimerberger Bier) 
nach Lindau, zu Fuss 6 St. 

Von hier ab fällt die Bahn ununter- 
brochen anfangs hördl. Kichtung inne- 
haltend über die Stat. Harhatzhofen, 
dann in ausserordentlich grossen Kurven 
über den grossen Bahndamm (191.5 F. 
lang, 118 F. hoch, 90 Mill. Kubikfuss 
Erde) bei Rentershofen vorherrschend 
westl. Richtung annehmend nach dpn 
Stat. Böthenbach , das obere Laihlach- 



Thal umgehend, Stat. Hergatz, dann in 
südwestl. Richtung direkt auf den 
Bodensee zu über Schlachters (einige 
Mal Durchblicke nach den Appenzeller 
Alpen) , dann wieder in enormen Win- 
dungen über Oherreitnau. 

1 St. nördlich von hier die preussische 
Enklave Schloss Achberg, deren humo- 
ristische Eroberung im Jahre 1866 einen 
Lindauer Advokaten und seine Freunde 
vor das Schwurgericht führte. 

R. und 1. Weinberge, dann r. voller 
freier Ausblick über den Bodensee und 
zuletzt Brücke in denselben hineinge- 
baut nach der Endstation und Inselstadt 

(26 Meil.) Lindau (Weiteres S. 281). 

Der Hafen , in welchem die Dampfboote 
zur Weiterreise über den Bodensee liegen, 
ist nur einige hundert Schritt vom BahD> 
hofe entfernt. 

Direkt eingeschriebenes Gepäck nach 
schweizerischen Orten wird gratis auf die 
Dampfboote befördert. — Zoll-Bevision 
findet in Lindau nur für diejenigen Reisen- 
den statt, die mit dem Schiff ankommen. 
Die Dampfboote nach Brpgen/, Rorschach, 
Romanshorn und Konstanz fahren in der 
Regel 1/4 St. nach Ankunft der Züge ab. 



Die Illerthal -Bahn. 
29. Route: Von Ulm nach Kempten. 



(12Meil.) Bayerische Staatsbahn. 
Tägl. 3 Züge aller 3 Klassen. 

Taxe: Von Ulm nach Kempten I. 3 fl, 
36 kr. II. 2 fl. 24 kr. III. 1 fl. 36 kr. — 
"Von Ulm nach Lindau I. 7 fl. 12 kr. II. 4fl. 
48 kr. in. 3 fl. 12 kr. 

Die Bahn läuft grösstentheils im Thale 
der Hier, dieses wilden, regellosen Gcbirgs- 
stromes , welcher hinter Oberstoif in den 
Algäuer Alpen am Didamskopf und Widder- 
stein entspringt, und bei Ulm in die Donau 
fällt. Für eine lange Strecke bildet dieser 
Fluss zugleich die Grenze für Bayern und 
Würtemberg. 

Von Ulm (R. 54) läuft die Bahn 
über die schöne Donaubrücke nach 
Neu- Ulm, zweigt hier von der nach 
Augsburg führenden Maximilians-Bahn 
(R. 27) bei Offenhausen ab und v^^endet 
sich r. (südl.) durch das sogen. Ulmer- 
oder Bauern- Ried dem eigentlichen Iller- 
Thale zu. R. auf der Höhe liegt Ober- 
Kirchberg , ein prächtiges Schloss, dem 
Fürsten Fugger -Kirchberg gehörig. 



lieber die Stat. Senden, Vöhringen 
und Bellenberg nach 

(3V2 Meil.) IllertiSSen, schöner 
Marktflecken mit 1400 Einw. (Gasthof 
zum Hirsch , billig). — Das über dem 
Ort liegende stattliche Schloss , im 
Mittelalter Burg Tissen genannt, soll 
einst eine Römer - Station ,,Damasia" 
gewesen sein; jetzt benutzt der Staat 
die Räumlichkeiten desselben. — Ueber 
der Stat. Altenstadt (Marktflecken mit 
vorherrschend jüdischer Bevölkerung) 
erhebt sich das prächtige, gut erhaltene 
Schloss /ZZereicTiere, mit grosserBrauerei 
und Schweizerei ; auch hier sollen Fun- 
damente von Mauerwerken eine ehe- 
malige römische Niederlassung nach- 
weisen. Aussicht sehr schön. — Auch 
die nächste Stat. Kellmünz war eine 
römische Niederlassung^02?75itfMm(7o<;Zms 
mons). — In der Pfarrkirche ein kunst- 



253 



30. Route: Yon München ins Obere Lech- Thal. 



254 



volles Monument des 1604 gestorbenen 
Freiherrn v. Rechberg. — Ueber die 
Stat. Fellheim und Heimerdingen, in 
sehr freundlicher Gegend , nach 

(7 Meil.) Memmin^en {Bayerischer 
Hof. — * Goldener FalJ:e , empfohlen). 
— Grösstentheils mit Mauern umgebene 
hübsche Stadt mit 7100 Einw. ; Sto.nd- 
hild des Chronisten Zingg (hier um 1396 
geb.) aus weissen kelheimer Stein, 
vonLeeb in München skulptirt. Wallen- 
stein erhielt während seines hiesigen 
Aufenthaltes die Urkunde seiner ersten 
Absetzung. — In der Umgegend bedeu- 
tender Hopfenbau. 

Durch die nen zu erbauende direkte 
Bahn, von München über Landsberg und 
Buchlo« zur würtembergischen Grenze, wird 



Memniingen ein Haupt-Knotenpunkt für eine 
neue Verbindung zwischen Wien und Paris 
werden. 

Stat. Grönenbach am Fasse eines 
Berges , auf dem ein Schloss steht. In 
der erhöht liegenden Pfarrkirche alte 
Grabsteine; in der Nähe die Ruinen des 
alten Schlosses Kahlen welches einst, 
jenem Reichsmarschall von Kallenthin 
gehörte , der den Pfalzgrafen Otto VII. 
von Witteisbach (welcher 1208 den 
Kaiser Philipp von Schwaben in Bam- 
berg erschlagen hatte, vergl. S.79)meuch- 
lings in Oberdorf (S. 239) ermordete. 
— Die Bahn hat ihren höchsten Punkt 
erreicht und fällt, bei hellem Wetter 
prächtige Ausblicke auf die Bayerischen 
Alpen erschliessend. über Dietmannsried 
und Häusing nach Kempten (s. S. 248). 



Füssen und Hohenschwangau. 
30. Route: Von München ins Obere Lech -Thal. 

(Vgl. das Kärtchen bei Eoute 36 und 37). 



Zwei Hauptwege führen vonXorden 
her nach Füssen. 

1) Eisenbahn von Mimchen bis 
Peissenberg-, R. 36. 

Tägl. 3 Züge, in 234 St., I. 2 fl. 33 kr. 
II. 1 fl. 42 kr. ni. 1 fl. 9 kr. Auf dem 
Bahnhofe in Unter -Peissenberg täglich 
Mittags sechssitziger Post- Omnibus mit 
beschränkter Personen-Aufnahme, iu 7' 2 St., 
für 1 fl. 57 kr. nach Füssen. — Fussgänger 
brauchen von Unter- Peissenberg bis Pei- 
ting 2 St. - Steingaden 3i a St. — Trauch- 
gau 2Va St. — Hohenschwangau SVa St. — 
In Summa llVa St. 

Vom Dorf Unter - Peisseuberg 

(R, 36) steigt die Poststrasse, stets 1. 
der Hohe Peissenberg in malerischer 
Umgebung (1. Tannenwald) mit wachsen- 
der Aussicht im Rückblick zur Höhe 
der Strasse , wo daim die Aus- 
sicht beschränkt wird. Bei (l' 4 St.) 
Hausen, im Vorblick auf einem Felsen- 
hügel des Lech -Ufers das Städtchen 
Schongau fPost. — Kastclbräv) mit 
Ringmauern und Thürmen, 1700 Einw. 
— Man geht jedoch nicht hinüber, son- 
dern hinab nach Peitingen, Pfarrdorf, 
1550 Einw. (PoatJ, einstiger Weifensitz 



Pitingowe, und von da südwärts. Land- 
schaft ohne besonderes Interesse; über 
Kurzenried, und Ilgen nach 

(5' 2 St.) Steingaden (* Post), grosses 
altes Pfarrdorf mit behäbigen Stein- 
häusern, königlichem Militärfohlenhause 
und bedeutender Brauerei. — Die Aus- 
sicht gegen das Gebirge erschliesst sich 
nach und nach mehr, namentlich auf 
den Trauchherg und dessen bedeutendste 
Erhebung, die Hohe Bleiche (guter Pano- 
ramen-Punkt, 3018 F.). Ueber Dorf 
Trauchgan und am gräflich Dürkheim- 
schen Hüttenwerke Halblech vorbei, 
immer ziemlich am Fusse der 1. liegen- 
den Vorberge; r. der Bannicald - See 
nach Dorf Schicangau , wo die Str.isse 
gabelt: r. gehts nach (t St.) Füssen, 
!. direkt (1 St.) nach HolieilSChwan- 
gau (S. 257). 

2j Eisenbahn von Angsburgr bis 

Kempten ^S. 24G bis 248). 

Man benutze den Morgenzug. I. 4 fl. 
9 kr. II. 2 fl. 4i kr. HI. 1 fl. 51 kr. Vorm. 
9»'4 übr fahrt ein Post- Omnibus. Taxe 1 fl. 



255 



30. Route: Füssen und Hohenschwangaii. 



256 



36 kr. in 6^4 St. nach Füssen. Fussgängern 
ist zu empfehlen, mindestens bis (6 Post-St.) 
Nesselwang Fuhrwerk zu benutzen. Von 
da (noch 5 Post-St., gut in 4 St. zu gehen) 
ist die Gegend unterhaltend und sehr schön. 

Vom Kemptner Bahnhof gehen 

Fussgänger, ohne die Stadt zu berühren, 
über die Hier auf die Landstrasse-, 
Postreisende müssen in die Stadt und 
passiren hier die Hier. Die Chaussee 
läuft über (1 St.) Durach, Eizisried (wo 
man 1. geht), dann durch Wald zum 
Zollhaus, 1. der kleine Schwarzenherger 
See zum Kirchdorf 02/. Hier erschliesst 
sich ein *prächtiges Panorama derLech- 
thaler Alpen, aus denen der 6273 F. 
hohe , pyramidal sich darstellende Säu- 
ling vor allen anderen auffällt. — Ueber 
die Wertach nach NeSSelwan^^Pos«.— 
Brauerei zum Bär) , Marktflecken mit 
1600 Einw. — Von hier an wird die 
Landschaft immer reicher, unterhalten- 
der. R. der Alpspitz (4833 F.) und 
Edelsberg (5008 F.). Ueber die Kirch- 
dörfer >FawÄ; , Kappel nach Weisshach. 
Hier gabelt die Strasse: r. geht es nach 
der weitzerstreuten , malerisch - gele- 
genen, aus 13 Dörfern bestehenden Ge- 
meinde Pfronten (Frons Eaetiae) , von 
wo die Chaussee weiter ins Oesterrei- 
chische nach dem Städtchen Vils und 
nachReutte imLech-Thal führt, — 1. im 
rechten Winkel einbiegend läuft die 
Füssener Strasse über Kreuzeck. Ueber 
1 St. kein Dorf. Im Vorblick auf 
stotzigem isolirtem Bergkegel Euine 
Falkenstein. In grossem Bogen steil 
abfallend senkt die Strasse sich zu dem, 
über V2 St. langen, stillen, an seiner 
Südseite von ernsten schwai n Wäl- 
dern umgebenen Weissen-See, an dessen 
nördl. Ufer auf einer Hügelkuppe Kirche, 
Pfarr-und Schulhaus des gleichnamigen 
zerstreuten Dorfes stehen. Nun fast 
ganz eben noch 1% St. (etwas er- 
müdend) nach dem mittelalterlichen 

Füssen am Lech. 

Gasthöfe: Post. — Daneben ■"Slohr, zu- 
gleich Brauerei, einfach aber recht gut und 
sehr billig; vortreffliches Bier. 

Das kleine, freundliche, uralte Städt- 
chen (einst ad fauces alpium Juliarum 
genannt, woher dann das mittelalter- 



liche Fauzen , später Fügen) , überragt 
von der hochgelegenen, zinnengezackten 
Burg, ehemals bischöfliche Residenz, 
jetzt Sitz staatlicher Behörden , nimmt 
in der Kirchengeschichte einen hervor- 
ragenden Rang ein. Sanct Magnus, 
einst Gefährte des heil. Gallus, kam im 
7. Jahrh. als Glaubensbote in diese Ge- 
gend, gründete Klöster, von denen sich 
rings Kultur verbreitete, und heute 
noch zeigt man in der Stiftskirche die 
angebliche Stola, den Stab und Kelch 
dieses Apostels. Die „Mangkrypta*^ 
ist nächst jener zu Augsburg wohl das 
älteste christliche Bauwerk (10. Jahrh.) 
in Bayern. Auf der Lechbrücke male- 
rische Aussicht. Daneben die mit un- 
geheuerlichen Fresken bemalte Spital- 
kapelle, welcher gegenüber das statt- 
liche St. Mangenkloster, einst Benedik- 
tiner-Abtei, jetzt im Privatbesitz. Die 
Stadt ist Standquartier für sehr lohnen de 
zahlreiche 

Exkursionen: l) zum Bad Faulen- 
hach (Schwefelquelle) und zum kleinen 
(V4 St.) Alat-See. — 2) St. Mangentritt 
(Y4 St.) über die Lechbrücke, dann r. 
der Strasse folgend, unten r. eine grosse 
Seilerwaaren-Fabrik. Bei der 1. stehen- 
den grossen Kapelle führt der Weg 
zumKalvarienberg hinan; an derselben 
vorbei noch einige hundert Schritt auf 
der nach Reutte (R. 38) führenden 
Chaussee weiter zum Lechfall , male- 
rischerBlickin eine tiefe Felsenschlucht, 
durch welche der Lech brausend sich 
windet. Oberhalb derselben in einer 
Felsennische Kolossalbüste des König 
Maximilian II. von der „dankbaren 
Stadt Füssen 1866" errichtet. Dabei 
an der Strasse r. ein niederer Felsen- 
kopf (mit eisernem Kreuz), wenige 
Schritte hinauf zum St. Mangentritt, 
einer Vertiefung in der ebenen Felsen- 
platte, wie eine Fussstapfe, die von dem 
Ortsheiligen herrühren soll, als er, voa 
einem urthümlichen Ungeheuer ver- 
folgt, einen kühnen Sprung wagte. — 
V4 St. weiter (auf der Strasse), jenseits 
der tyroler Grenze, das ,, Weisse Haus", 
eine frequentirte Weinwirthschaft. — 

3) Auf den *KalYarienherg (V4 St.)j 



257 



30. Route: Von München ins Obere Lech -Thal. 



258 



wie bei Nr. 2) über den Lech und bei 
der Kapelle unter respektabelen Felsen 
1. hinauf. Steiniger Weg, ziemlich steil, 
an vielen Stationskapellen mit kunst- 
werthlosen Bildern vorbei; anfangs 
ohne Schatten, dann durch Wald zum 
Gipfel des Kalvarienberges , auf dem 
drei kolossale Kreuze stehen. Sehr 
lohnende *Aussicht von der auf hohen 
Substruktions- Bauten liegenden Platt- 
form : zu Füssen das Städtchen, darüber 
hinaus Blick ins Land und auf den 
Weissen- und Hopfen-See, dann strom- 
auf und ab auf den breiten, versandeten 
Lech, im Rücken die bewaldeten steilen 
Häupter des Schwarzberges und Kitz- 
berges , darunter der stille Schwan -See 
und hoch darüber der hier doppel- 
gipfelig erscheinende Säuling (S. 264), 
dann aus dem Walde hervorragend die 
beiden Schlösser Hohenschwangau ixnd 
Schwanstein (im Bau, S. 262) ; und über 
diesen der hohe Straussberg (5937 F.), 
und die zerzackte Kette der Tegelberger 
Alpen. Den Hinabweg nimmt man an 
der Eückseite des Berges. Unten an- 
gekommen (Rückblick nach den Sub- 
struktions - Bauten des Kalvarien- 
Gipfels) erreicht man nach etwa 20 Min. 
den stillen, dunkelgrünen, waldumhegten 
Schwan- See längs dessen Ufer gute 
Kiespfade hinlaufen, so dass der See r. 
bleibt. Am Ende des Sees Wege- 
scheide; entweder r. in den Wald, und 
bald darauf an den Alpen- See ^ in 
V4 St. zum Gasthof zur Alpenrose 
(bei Kispert, gutes Bier und Essen, 
Sitze im schattigen Garten am See), 
— oder den schattigen Parkweg 1. 
verfolgend (V4 St. weiter) an einer 
Felsenwand hin (der Schlossberg r.) und 
bald in die 1. von Füssen und vom 
Dorfe Schwangau herkommende, mit 
Pappeln besetzte breite Fahrstrasse und 
auf derselben r. um den Schlossbcrg 
herum zu den Oekonomie- Gebäuden, 
Wohnungen der Schlossbediensteten etc. 
zum Gasthofe. Von hier führen ver- 
schiedene Wege auf 

*Schloss Hohenschwangau , ge- 
genwärtig Sommersitz der Königin- 
Bcilepsch' Süd-Doutschland, 



Mutter (Marie, geborene Prinzessin von 
Preussen). 

Es ist eigentlich die dritte ritterliche 
Veste , welche auf diesem Felsen malerisch 
sich erhebt. Schon im 12. Jahrli. stand 
hier eine Burg, welche 1191 durch Kauf aus 
dem Besitz der Weifen in den der Herzoge 
von Schwaben, hohenstaufischen Stammes, 
überging. Hier nahm der löjäbrige Konradin 
Abschied von seiner Mutter Elisabeth, um 
sein, von Karl von Anjou ihm vorentlialto- 
nes väterliches Erbe Neapel und Sicilien 
mit Hülfe seiner Edlen zurückzuerobern,— 
dem Ausgange nach aber um 1268 den 
Henkerstod zu sterben. Dann kam das 
Schloss, welches im Mittelalter ,,Schwan- 
stein" hiess, an die Schyren, das tapfere 
Urgeschlecht der Wittelsbacber und des 
jetzigen Königshauses und später in der 
Zeit der Reformation an die augsburger 
Patrizierfamilie Paumgartner, welche die 
baufällig und alt gewordenen Gebäude 
niederreissen und 1538 bis 1547 ein neues 
Schutz- und Trutzwerk errichten Hess, 
dessen Hauptmauern heute noch den wesent- 
lichen Grundstock des jetzigen Gebäudes 
bilden. Es war zu Anfang unseres Jahrhun- 
derts bereits zur halben Ruine geworden, als 
1832 der damalige Kronprinz Maximilian (der 
letztverstorbene König) von der pracht- 
vollen Lage bezaubert, den Wiederaufbau 
im Geiste des ritterlichen Mittelalters unter 
Leitung des Architektur -Malers Domenico 
Quaglio anordnete und ihm den Namen 
„Hohenschwangau" verlieh, welchen bisher 
ein liöher, oberhalb der Pöllatschlucht 
(S. 262) gelegenes Schloss geführt hatte. 

Besichtigung des Innern ist während 
der Anwesenheit des Hofes alle Nach- 
mittage von 3 bis 5 Uhr gestattet, wäh- 
rend welcher Zeit die Königin auszu- 
fahren pflegt. 

Schattige Fusspfade und eine breite 
Fahrstrasse durch den waldigen Schloss- 
Park führen entweder zum Haupt- 
Doppelthor, welches mit den Wappen 
Bayerns und der Rheinpfalz , sowie 
einem fahnentragenden gemalten Ritter- 
paar geschmückt, das gezahnte l\Iauer- 
wcrk durchbricht, — oder durch eine 
Nebenpforte in den, die eine Hälfte der 
Burg umgebenden Schlosshof. Dem 
Namen- verleihenden heraldischeuThicre 
dieses Schlosses, dem Schwan, begegnet 
man nun in sehr verschieden fa eher 
Dekorativ -Anwendung, zunächst hier 
im Linden-Schatten unter dem Schutze 
einer (von Glink) aufs Mauerwerk ge- 
malten ^Madonna als wasser-spendcndcr 
Brunnen-Figur. — Die andere Hälfte 
y 



259 



30. Route: Füssen mid Holienscliwaiigali. 



260 



des Gebäudes umgibt ein zwar kleiner, 
aber auf das sinnig- geschmackvollste 
angelegter Blumen- und Kunstgarten, 
auf dessen Terrassen -Vorsprung eine 
kräftige Fontäne ihren 36 bis 40 F. 
hohen Strahl emporwirft; die wieder 
zurückfallenden Wassergarben sammelt 
eine kolossale Steinschale, die (unver- 
kennbar nach dem maurischen Vorbilde 
der Alhambra zu Granada komponirt) 
von vier Schwanthalerschen Löwen 
getragen wird. Sowohl die unmittel- 
bar nächste arboreske und architek- 
tonische Umgebung, als auch der dunkel- 
farbige, durch die jäh aufsteigenden 
Berge gebildete Hintergrund gestalten 
ein landschaftliches Ensemble, wie es 
in seiner fast märchenhaft -schönen 
Harmonie kaum irgendwo wieder ge- 
funden wird. — Im Garten ist auch 
noch der Eingang zu einem in den 
Felsen gehauenen, durch Purpurscheiben 
rosig beleuchteten Badegemach, in wel- 
chem zwei reizende Schwanthalersche 
Kymphen den Badenden belauschen. 

Auf breiter, flacher Treppe ins 
säulengetragene Erdgeschoss, das 
durch aufgestellte Rüstungen und em- 
blematisch - gruppirte Streitwerkzeuge 
zur mittelalterlichen , von gemalten 
Glasfenstern magisch-erhellten Woffen- 
Tialle eingerichtet ist. Den Abschluss 
dieses Langraumes bildet, den zweiten 
Hauptfaktoren des Mittelalters an- 
deutend, der den kirchlichen Bedürf- 
nissen geweihte, kapellenartig eingerich- 
tete Theil, der von ersterem nur durch 
ein unbedeutendes Gitterwerk getrennt 
wird. 

Das erste Stockwerk umfasst 
die mit Fresken reich geschmückten 
Empfangs- und Gesellscliofts- Säle , so- 
wie die Wohngemächer der königlichen 
Burgfrau. 

Im ScJiwanritter - Saal vier en- 
kaustisclie Wandbilder nach Zeichnungen 
von Rüben, durch Nelier und Lorenz Quaglio 
Kcmalt, Scenen aus der (Lohengrin-) Sage 
vom Clevischen Sc liwanen -Kitter 
darstellend, wie er 1) von seinen Eltern sich 
verabschiedet, 2) dem Kaiser durch Ilorn- 
ruf sein Nahen anzeigt, um die Unschuld 
der böswillig angeklagten Herzogin von 
Bouillon zu beAveisen, — 3) mit deren Ver- 



läumder (dem Telramund der Oper) zu 
kämpfen und zum Lohn seiner Ritterlich- 
keit 4) die minnigliche Maid als Gattin in 
Nymegen heimzuführen. — Die Glasgemälde 
von Keller in Nürnberg stellen dar den 
Kaiser Maximilian, wie er dem Albrecht 
Dürer die Leiter hält und St. Sebaldus 
(S. 116). 

Den ScJiyren-Saal schmücken 8 histo- 
rische Fresken von Wilh. Lindenschmitt l 

1) -'-Markgraf Luitpold (der Stammvater 
des Geschlechtes der Schyren) stürmt 
(892) das Normannen- Lager bei Löwen. — 

2) Herzog Christoph (S. 319) hebt bei dem 
Hochzeits- Turnier zw Landshut ^475) den 
polnischen Prahler Lublin aus dem «attel. 
— 3) Der Geschichtschreiber der Boju- 
varen, Joh. Aventinus (eigentlich Thur- 
mayr, f 1534 zu Ilegensburg). — 4) Herzog 
Ludwig rettet (1221) im vierten Kreuzzuge 
das Heer aus den anschwellenden Fluthen 
des Nils. — 5) Die schlaue Gräfin LudmiUa 
von Bogen lässt (1204) den Herzog Ludwig 
vor drei (vermeintlich) gemalten (dann aber 
lebend aus der Wand tretenden) Rittern als 
Zeugen das Gelöbniss der Ehe ablegen. — 
6) Versöhnung Kaiser Ludwig des Bayern 
(1325) mit seinem Gegner Friedrich den 
Schönen von Oesterreich. — 7) =^ Siegesmahl 
nach der Schlacht bei Ampfing, 1322 (vergl. 
S. 344). — 8) Kaiser Friedrich I. wird (1155) 
in eiuem Aufstande zu Rom von Otto von 
Witteisbach geschützt. — In des Saales 
Mitte ein runder Tisch mit reich gravirter 
Platte aus kelheimer Marmor, 1591 für 
Herzog Wilhelm V. gefertiget. 

Das Orient- Zimmer mit Landschaften 
von Scheuchzer, Erinnerungen an die Reise 
König Maximilian Tl. nach Smyrna, Troja, 
Mitylene, den Dardanellen, Konstantinopel 
und Bujukdere etc. Ausstattung ganz 
morgenländisch, meist Geschenke des Gross- 
Sultans. 

Südlich vom Schwanritter - Saal ein 
Erker -Zimmer mit Lindenschmittschen 
Wandbildern aus der Lokal- 
geschichte der Burg und deren Um- 
gebung, darunter auch eins, welches 
Lutliers gastliche Aufnahme auf Schwan- 
stein darstellt, als er um 1518 unter dem 
Schutze des Patriziers Langenmantel (20. Okt. 
1518) Augsburg heimlich flüchtend (S. 150) 
verlassen hatte, wie Kardiual Cajetan ihn 
gefangen nehmen und nach Rom ausliefern 
wollte. — Daneben 

das Bertha- Zimmer , welches in 
Fresken von Moritz v. Schwind die aben- 
teuerliche Sage von der Herkunft Kaiser 
Karl d. Gr. verherrlicht. Der Franken- 
könig Pipin hatte seinen Marschall ab- 
gesandt, die Tochter eines mächtigen 
Fürsten im Osten Europa's für ihn als 
königliche Braut einzuholen. Dieser, ein 
Fuchs, beschliesst, sein eigenes Kind als 
Prinzessin unterzuschieben und die wahre 
Braut ermorden zu lassen. Der Plan ge- 
lingt, nur mit dem Unterschiede, dass die 
mit der Ermordung beauftragten Knechte 
Mitleid mit der bildschönen Jungfrau haben, 



261 



30. Boute: Hoheiischwanffau. 



262 



sie leben und in die Wildniss entfliehen 
lassen. Diese ächte Bertba findet Asyl in 
der Keismühle im Würmthal (R. 34) und 
wird Magd des Müllers. Der Franken- 
herrscher auf der Burg eines seiner Edlen, 
dem jetzigen Weihenstephan bei Freising 
(2?. 156), weilend , verirrt sich auf der Jagd 
zur Ileismühle, findet dort das Fürstenkind 
am Webestuhl, verliebt sich in sie, erwirbt 
deren höchste Minnegunst und in einer 
Superlativ-zärtlichen Stunde erkennt er an 
einem Ringe seine ursprüngliche veritable 
Braut. Nun Geständnlss, Untersuchung, 
strenges Gericht mit blutiger Bestrafung 
des Betrügers, Einsperrung der Pseudo- 
Königin , während welcher Zeit die ächte 
Bertlia noch im Versteck bleibt , bis Alles 
klar am Tage und geordnet ist, indessen 
Mutterschaft und Frucht jener Minnestunde, 
eines prächtigen Kuaben, aus welchem mit 
der Zeit Karolus Magnus wurde und end- 
lieh Heimkehr des glücklichen Paares. 

Daneben das Burgfrauen - Zhnnier, 
Scenen aus dem Leben, Wirken und Streben 
Wittelsbachscher Frauen , auf Leinwand 
gemalt. — -^Prächtige Aussicht auf den 
Alpensee. 

Im zweiten Stockwerk der Ban- 
kett- (Helden-) Saal und andere Ge- 
mächer, zum Theil von KönigLudwig II. 
bei seiner Anwesenheit auf Hohen- 
schwangau bcM'obut und deshalb reser- 
virt, — un besuchbar. 

Den Helden-Saal, der die ganze 
Länge des Stockwerkes einnimmt, schmücken 
16 Darstellungen von Moritz v. Schwind 
ausder nordischen (isländischen) Wilkyn a- 
Saga (der dem Nibelungenliede voraus- 
gehende Sagen -Cyklus). Die Bedeutung 
der einzelnen Bilder hier aufzuzählen, 
würde für die grosse Summe Derjenigen, 
die mit dem etwas vielgliederigeii Stoffe 
dieses Heldenbuches nicht bereits vertraut 
sind, kaum zu näherem Verständniss dienen. 

— R. daneben 

der Mohenstaufen- Saal mit 6 Bildern 
von Lindenschmitt, darstellend: 1) Bar- 
barossa's Sieg (1190) bei Iconium ; — 

2) Konradin 1268 auf der Flucht ergriffen ; — 

3) König Enzio (1270) in Bologna gefangen; 

— 4) B»rbarossa empfängt 1229 die Schlüssel 
von Jerusalem; — 5) die aufrührischen 
Mailänder (1162) durch Barbarossa go- 
demüthigt und — G) Barbarossa's Tod in 
den Fluthon des Seleph. 

Das Tasso - Zhntner enthält Scenen 
aus dem „befrei ten Jerusalem", und 
zwar die Episode des Rinaldo und der 
Armida, komponirt von Schwind; wird aber 
nicht geöffnet, — R. vom Heldensaal 

das Weifen- Zimmer mit 6 Bildern 
von Lindenschmitt , Scenen aus dem Leben 
Heinrich des LöM'en. — Daneben 

das Axitharis-Zimmer, Darstellungen 
ans dem Leben des Longobardenfürsten An- 
tharlsundder Prinzessin Theudelindo, nach 



ISIoritz von Schwinds Entwürfen von Glink 
gemalt. — Das letzte ist das ,,Ritterle b en 
im jNIittelalter" überschriebene Zimmer. 
Prächtigste Aussicht über den Alpensee und 
auf die kahlfelsigen Kernspilz, Höklenspilz 
und Schlicke. 

Gegenüber auf dem Berzenhopfc 
stand einst die wirkliche Burg Ilohen- 
schwangau; seit einigen Jahren lässt 
der gegenwärtige König umfassende 
Fundamental -Bauten zur Errichtung 
eines neuen Bergschlosses auf diesem 
isolirt vor dev Föllat - Schlucht hervor- 
springenden Felsenkegel ausführen. 
Eine vortreffliche neue Bergstrasse führt 
durch den Wald empor zu dem Aus- 
sichts-Punkt die *Jugeiid. 

Ein näherer Fussweg traversirt die 
neue Strasse; Steinblöcke mit Inschrift 
dienen als Wegweiser; es ist ein steiler 
W£ildweg, mitunter Knüppel -Treppe. 
Nach 25 Min. ist dieEuhebank erreicht. 
Aussicht ungemein lohnend. 

Wenige hundert Schritte 1. , den 
Fahrweg steil ab zu dem Neubau. Man 
suche beim Bauführer um Eriaubniss 
nach, hinaufgehen zu dürfen. Wenn das 
Schloss einst vollendet sein wird, 
dürfte es in Deutschland kaum ein 
zweites bewohntes geben, von dem aus 
der Blick so grossartige Gegensätze un- 
mittelbar neben einander darb-etet, wie 
hier IVeu - ScIlWailSteill. Die Südost - 
Seite des ßergkegels wird von einem 
mächtigen *Felsenkessel eingeschlossen, 
der an grossartig -öder Wildheit, in den 
tausendfachen Spuren der Zerstörung 
durch entfesselte Naturkräfte die kühn- 
sten Phantasie- Gebilde übertrift't; der 
Blick in diese Irümmer-erfülKe ]Mün- 
dung der dahinter sich öftncnden 
Schlucht ist ein wahrhaft beängstigen- 
der, ungeheuerlicher. Dem klaffenden 
Felsenriss entwindet sich in grünschäu- 
mendeni Falle die Püllat , ein frischer 
Gcbirgsstrom , und in schwindelnder 
Höhe, 300 F. über dem Abgrunde, 
schwebt wie ein Spinngewebe die aus 
Eisengitterwerk zierlich konstruirte 
*Mnri€nbriicle. Wendet man dann den 
Blick gen Norden und Westen hinaus, 
30 hat das Auge Raum, Weite, Frieden, 
Ruhe, — es übersch weift das vielgc- 



263 



31, Boute: Das Algäu, 



264 



staltige Hügelland, welches der Lech, 
seine Gebirgsheimat verlassend, in 
breit versandetem Bett durchirrt. L. 
im tiefbewaldeten Vordergrunde der 
Schwan- und Alpensee und zwischen 
beiden auf tannbewachsener Felsen- 
zunge Schlüss Hohenschwangau ; da- 
hinter die schon genannten zackigen 
Felsenhörner. — Auf dem Rückwege 
die Fahrstrasse ansteigend bis dahin, 
wo der zweite Fussweg 1. abzweigt und 
wo die Tafel ,,nach Ettal und Ober- 
ammergau etc." zeigt. Hier 200 Schritt 
durch den Wald zur *Marienbrücke. 
Blick tief hinab in die Pöllat- Schlucht 
und auf das neu zu erbauende Schloss. 
Wer noch mehr herum klettern will, 
gehe den ,,Oberen Pöllat- Weg'' in die 
Schlucht selbst hinein. 

Nach Ettal (R. 36) durchs Pöllat -Thal 
2um Jägerhaus und durch das Graswang- 



Thal 8 bis 9 St. sehr einsamer Weg (4 St. 
lang keine menschliche Wohnung). 

Von Füssen nach Eeutte (S. 276) vor- 
treffliche Fahrstrasse, 4 St., anfangs am 
rechten Lechufer, beim St. Mangentritt 
vorbei, ins Oesterreichische, dann vor 
Nieder -Pinzwang über den Lech ans linke 
Ufer und hier über Musau (prächtiger Bück 
auf den Säuling) und Ober - Lotze nach 
Am Lech und Beutte. — Fussgänger können 
3/4 St. profitiren, wenn sie den ehemaligen 
Kniepass übersteigen, und von da über 
Pflach und Mühl nach Reutte gehen. 

Auf den Säuling (6434 V. üb. M., oben 
ein grosses Kreuz), nur für geübte Berg- 
steiger , mit Führer in 4 St. zu erreichen. 
Man geht entweder vom Gasthause zur 
Alpenrose bei Hohenschwangau oder von 
Pflach aus hinauf. Bei ersterem Ausgang 
steigt man über die Jugend zum Jelpele, 
von wo an der Pfad steiler wird. In der 
Höhe von .5500 F. über die Gemswiese und 
von hier Kletterpartie über den Saulinggral 
zur Spitze. Aussicht sehr lohnend. 

Auf den Tegelberg und den Braud- 
schroffen (5716 F. üb. M.), 3 St., nur für 
klettergeübte Berggänger in Begleitung 
guter Führer. 



Das Algäu. 
31. Route: Touren von Immenstadt ins liier -Thal. 



Das Algäu wurde im weiteren Sinne 
der von den Vorbergen der Alpen bedeckte 
Landstrich des alten Schwabens genannt, 
welcher sich von der Hier und dem Boden- 
see bis an den Lech, und vom Inu bis an 
die Donau erstreckte. Gegenwärtig bezeich- 
net man jedoch damit nur den südwest- 
lichsten Theil des bayerischen Regierungs- 
bezirkes Schwaben mit einigen angrenzen- 
den Parzellen von Würtemberg, Vorarlberg 
und Tyrol. Das Centrum des Algäu's neh- 
men die bayerischen Landgerichte Sonthofen 
und Immenstadt ein, deren gleichnamige 
Hauptorte nächst Oberstdorf (S. 268) zugleich 
Touristen- Standquartiere für Ausflüge in 
die Algäuer Alpen sind. Letztere bergen 
eine Fülle von prachtvollen Natur-Scenerien, 
die sicli in vielen Beziehungen mit be- 
suchten Lieblingsgegenden der Schweiz 
messen dürfen. Die einzelnen Gebirgs- 
ludividuen steigen bis zu 8100 par. F. an 
und schliessen eine Menge prächtig wilder 
Schluchten, schön gelegener Bergseen und 
interessanter Wasserfälle ein. — Viehzucht 
und Käsobereituijg sind die Haupt-Erwerbs- 
zweigo des Algäuer Oberlandes und das hier 
gezüchtete Hornvieh gehört zum besten, 
welches die Alpen im Allgemeinen ernäh- 
ren. Das Volk, vorherrschend katholischer 
Konfession, ist einfach, gastfreundlich und 
noch ziemlich unberührt von der modernen 
Ueberkultur; ziemlich allgemeiner Wohl- 



stand ist unverkennbar und der Komfort 
ein bäuerlich- behäbiger. Hotels giebt es 
noch nicht, aber die Gasthäuser sind 
wohnlich, gemässigt in ihren Preisen und 
meist sauber gehalten. Vorläufig gehört 
das Algäu noch zu den wenigen an wirk- 
lichen Naturschönheiten reichen Gegenden 
Deutschlands, in denen man billig reist. 
Zuverlässige Führer, die freilich nur deutsch 
sprechen, finden sich in jedem Orte; Berg- 
pferde zum Reiten sind iu Obersdorf zu 
haben. 

Haupt-Eintritts-Punkt für 
alle aus Deutschland kommende Rei- 
sende ist die Bahnstation ImmeilStadt 
(S. 249). 

Post: Tägl. früh Morg. vor 6 Uhr und 
Vorm. 11 Uhr nach (1 Meil.) Southofen, 
in 11/4 St., 15 kr. 

Von ImmeilStadt führt die gute 
Fahrstrasse am linken Ufer der Hier, 1. 
die Kirche von Eauhenzcll und das 
Schloss des Hrn. v. Pajms über (1 St.) 
Blaichach (Gasth. zum Goldenen Kreuz) 
mit ansehnlichen Fabrik -Gebäuden, 
immer im Blick auf den prachtvollen G e- 
birgskranz der Algäuer Alpen, unter 



265 



31. Route: Das Alffau. 



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♦i .las st ab 1 ; 200,000 



Knrto vom Algäu. 



267 



31. Boute: Das Algäu. 



2C8 



denen das Nebelhorn (6583 F.), der 
Daumen (6996 F.) und besonders die 
Mädeli- Gabel (8117 F.) am prägnan- 
testen hervortreten. 

Auf den Grünten (s. unten) zu gehen, 
kann man hier schon 1. abschwenken, indem 
man über das Dörfchen Burgberg den Weg 
einschlägt. Zweckmässiger ist es, die Partie 
von Sonthofen aus zu machen. 

Auf der Strasse weiter über die 
Hier nach 

Soatliofen (Gasthöfe: Engel. — 
Hirsch. — Ochs, zugleich Brauerei; 
Bier in der Eegel gut). Marktflecken 
mit 2600 Einw. , in sehr freundlicher 
Lage, rings umgeben von prächtigen 
Wiesen. Die Viehraärkte dieses Ortes 
bestimmen in der Regel die geltenden 
Preise im ganzen Algäu; vom Kal- 
varienberge herrlicher Blick über den 
ganzen Thalkessel. — Vg St. entfernt 
liegen die ausgedehnten Fabrik-Gebäude 
eines königlichen Ilüttenamtes , welches 
jährlich ca. 15,000 Ctnr. Eisenwaaren 
liefert. 

Exkursion auf den Orünten 3 St., ohne 
Führer zu finden ; auch für Damen leicht 
ausführbar. Feste Schuhe wüuschenswerth. 
Da ein grosses Wirthshaus droben steht, 
so ist der Besuch dieses Höhepunktes, 
zum Zweck, den Sonnen -Unter- und Auf- 
gang zu sehen, sehr zu empfehlen. Der 
Weg läuft über prächtige Wiesen in 3/4 St. 
nach Burgberg, wo man Pferd oder Führer 
im Wirthshaus zum Löv}en bekommen kann. 
Hier beginnt das Steigen ; streckenweise 
sehr rauher Weg (zum Theil durch Wald), 
der WHiter oben besser wird und nicht leicht 
zu fehlen ist. Sowie man die Matten der 
Gundalp betritt, wird das Steigen wesent- 
lich erleichtert; mau sieht bereits oben in 
der Einsattelung das grosse Berg -Gasthaus 
des Herrn Hirnbein (650 F. unter dem Gipfel). 
Der Gipfel des Grünten hat zwei Haupt- 
Aussiclits- Punkte : Die Hochwart und das 
mit elüem Vormessungs - Signal versehene 
Nebelhorn, höchster Punkt 5358 F. üb. M. 
Waldung steigt in einzelnen Eaumgruppen 
bis auf den Gipfel. Die Aussicht erstreckt 
sich westlich über den Bodensee, die Appen- 
zeller Alpen (mit dem 7708 F. hohen Säntis) 
bis zum freilich nicht immer sichtbaren 
Finsteraarhorn im Borner Oberlande. Den 
Mittelgrund nimmt das freundliche Iller- 
Thal ein, zuvörderst Sonthofen, hinten am 
Schluss Oberstdorf mit vollem Einblick in 
das Rai)penalper-Thal, hinter dem die 
Mädclergaliel hoch aufragt. Oestlich die 
Wettersteingruppo mit der Zugspitze. 

Von Soiltliofeil kann man zwei 



Wege einschlagen , um nach Oberstdorf 
zu fahren: 

a) Ueber ÄUstätten und SchöUang 
am rechten Ufer der Hier in 2 St. oder 

b) wer von Immenstadt ohne Sont- 
hofen zu berühren , direkt fahren will, 
über das stattliche Dorf Fischen und 
dann erst über die Hier nach 

Oberstdorf, 2500 F. üb. M. (Gasth. 
zum Mohren y gute Küche. — Sonne), 
stattlicher Marktflecken mit 1773 Einw., 
im Jahre 1865 grösstentheils niederge- 
brannt. Die Lage des Ortes ist reizend 
und mehre norddeutsche Bergfreunde 
haben hier sich Landhäuser erbaut, in 
denen sie einen Theil des Sommers zu- 
bringen. Der bekannte Historien- und 
Heiligenmaler Joh. ScJiraudolph (der 
mit Hess u. A. die Fresken in die Ba- 
silika und Allerheiligen -Kapelle in 
München, vergl. S. 354, und auch die- 
jenigen im Dom zu Speyer malte), — 
sowie sein Bruder Claudius und der 
Glasmaler Jos. Ant. Fischer (Fenster 
in der Aukirche zu München S. 357, — 
und mehrere prächtige Glasgemälde im 
Kölner Dom) sind gebürtig aus Oberst- 
dorf. — Viele Häuser wurden zur Auf- 
nahme von Pensions -Fremden ein- 
gerichtet. 

In den Kessel von Oberstdorf mün- 
den direkt und mittelbar eine Menge 
Thäler koncentrisch aus, unter denen 
die Spielmanns- Au, äieBirgs-Au und das 
Walser-Thal die hauptsächlichsten sind. 
Diese entsenden auch die drei Quellen- 
bäche Trettach , Stillach und Breitach, 
welche vereintdielUer bilden. Der Um- 
stand dieser reichen Gebirgsspaltung in 
viele Thalgründe ist die Ursache , dass 
Oberstdorf ausserordentlich reich an 
naheliegenden prachtvollen Exkursions- 
zielen ist*). £ 

Exkursionen: 1) Nach dem Faltenbacher ^ 
Wasserfall, nächste Partie, 1/2 St., auch l 
für schwache Fussgänger erreichbar; fast 



'■') Für einlässlichere Information und 
zum Zweck längeren Aufenthaltes sind s-u 
empfehlen: Die Algäuer Alpen bei Oberst- 
dorf und Sonthofen; 1856, Verlag von i^ro«« 
in München (sehr genau und gut geschrie- 
ben). — Jos. Bück, Handbuch für Reisende 
im Algäu, Lech -Thal und Bregenzer Wald, 
Vorlag Tobias Dannheimer in Kempten. 



269 



31. Baute: Touren von Immenstadt üis Hier- Thal. 



270 



von jedem Fenster des Dorfes aus erblickt 
man denselben in der Tiefe der schwarzen, 
bewaldeten Schluclit, welche den Schatten- 
berg vom Rulihorn trennt. Man kann am 
rechten Dfer zu einem durch Geländer ge- 
schützten Fels hinaufsteigen, von dem aus 
man in den Kessel des oberen Falles hinab- 
schaut. Nach dem Volksglauben wurden 
die Seelen böser Geizhälse und tyrannischer 
Vögte von Kapuzinern hierher verbannt. 

2) Zum Freibergsee ist., mit Führer; gut 
zugängig. Der Weg führt über St. Loretto. 
Die Lage dieses stillen, einsamen Gebirgs- 
sees, 3800 F. üb. M., mitten im Walde, ist 
eine höchst poetische. Man kann hinauf 
gegen das Joch steigen , wo man den See 
zu seinen Füssen, ihm gegenüber die steilen 
Wände des gemsenreichen Eimmelsschroffen 
und weiter hinein nach Süden die grauen 
Spitzen der Mädeligahel erblickt. Auch zum 
Gipfel des Freiberges ist leicht hinanzu- 
steigen; überraschende Aussicht. Echo 
Unterweges. 

3) Nach dem Hölleutobel oder Genisen- 
grab, 11/2 St. mit Führer. 1 St. weit bis an 
den Fuss des HöUentobels kann man 
fahren. Fussgänger gehen durch die 
Kimbergstaige und durch den Gruben näher 
nach dieser in einem Seiteueluschnitte 
der Spielmanns -Au liegenden Schlucht mit 
ihren Wasserfällen. Es ist eine senkrechte 
schwarze Spalte, durch welche ein Wildbach 
herabtobt. Ein bequemer Fusspfad führt 
zu einem durch feste Geländer geschützten 
Vorsprung, von dem man in das HöUen- 
tobel hinabschaut; biszum'oberen Fall 1/4 St. 
Ein Gemsenjagd- Abenteuer, welches man 
sich vom Führer erzählen lassen mag, gab 
diesem Schlünde auch den Namen Gemsen- 
grob. Abermals eine starke 1/4 St. höher liegt 
das Dörfchen Gerstruhen mit guter Fernsicht 
in die Berge des Bregenzer Waldes. Droben 
Erfrischung mit Milch, Butter, Käse, Honig. 

4) Nach dem Zwingsteg und der 
Walser Sclianxe IV2 St., mit Wogen zu 
machen, geht aber fortwährend bergauf. 
Die Strasse, welche nach dem Vorarlberger 

Walser- Thal führt, steigt an den Aus- 
läufer des Söllers bergan zu der Höhe beim 
Schwarzen Kreuz (3-il F. üb. M.). Jenseits 
dieses Punktes das österreichische Zollamt 
und ein Wirthshaus mit gutem Tyroler 
Weiu. Zum Ziciugsiege führt etwa 1/4 St. vor 
der Grenze ein Weg r. ab gegen die Tiefe 
zu. Dort hat irgend ein erdumgestaltendes 
Ereiguiss eiuen langen tiefen Riss in den 
Felseukörper gemacht und dadurch eine 
gähnende schauerlich enge Schlucht ge- 
staltet, in deren Tiefo von mehr als 200 F. 
die Breitach schäumend und tobend hin- 
durchbraust, lieber diese umnachtete Spalte 
ist der Zwingsteg geschlagen , von dem man 
in den Abgruud sicher hinunterblicken kann. 

5) Nach der Sccnlp IVa St. Morgens zu 
unternehmen, um schattig zu gehen. Der 
stark betretene Weg ist ohne Führer zu 
finden. In der grossen wohnlichen Senn- 
hütte erhält man, wenn sich Vieh auf der 
Seoalp befindet, frische, fette Milch, — 



Touren, welche einen halben oder 
ganzen Tag in Anspruch nehmen. 
6) Die*Spielmaiins-Au. Die Grossartig- 
keit des 4 bis 5 St. langen, durchweg fin- 
steren Spielmanns -Äuer Thaies resultirt aus 
dessen Enge und aus der Höhe und Steil- 
heit der zu beiden Seiten ansteigenden 
Felswände. Es sind die höchsten Spitzen 
der Algäuer Alpen, welche in fast senk- 
rechtem Abstürze den Hintergrund scbliessen 
und von perennirenden Schneelagern über- 
lastet sind. Beim Eingange liegt der kleine 
Christeies -See, dessen grünen, krystallklaren 
Spiegel prächtige Ahornbäume umsäumen 
und der sehr gute Lachsforellen birgt. Des 
Thaies Tiefe schliesst die prächtige Mädeli- 
gabel, deren höchste Zacke die Trettachspitze 
(8105 par. F., zum ersten Mal 1852 von dem 
Botaniker Prof. Sendtner erstiegen) ist und 
in deren Furchen der Schv:arzmilch-Gletscher 
sich gelagert hat. Ziemlich im Hinter- 
grunde, fast 3 St. von Oberstdorf, liegen 
die zerstreuten Häuser des Weilers Spiel- 
mannsau, in dessen Wirthshaus ein ganz 
anständiger Kaffee gebraut wird. Der Ein- 
druck der Umgebung ist ernst und düster. 
Im Winter wird der Verkehr dieser Ein- 
samkeit oft wochenlang durch Lauinen- 
Barrikaden abgesperrt. Geht man über den 
Weiler hinaus und steigt am rechten Ufer 
der wild herniederbrausenden Trettach em- 
por bis zur Sperrbachbrüche und zum Unteren 
Knie (3810 F.), so blickt man in die schauer- 
liche Wiege des Flusses , die Schieferwand 
des Joches zwischen Mädeli und Kratzer, 
die Schivarze Milz genannt; von hier aus 
geht durch das Sperrbachtobel und über die 
Alp Ober - Mädeli ein sehr frequenter Pass 
(Passhöhe 6027 par. F.) nach Elhingenalp 
im Tyroler Lechthal. Wer Elemente 
aus dem Schreckensarsenal wilder Hoch- 
gebirgsnatur kennen lernen will, findet in 
diesem Tobel Gelegenheit. 

7) Ins Oy-Tlial. Hin und zurück 5 Weg- 
stunden. Führer unnöthig, wenn man nicht 
überHöffats-Sattel den Rückweguehmen will. 
Wagen anwendbar bis vor die zweite Thal- 
hälfte. Es ist ein Seitenthal des Trettach- 
Thales (Spielmanns- An), im Winter unbe- 
wohnt, von grossartiger Einsamkeit. Der 
Weg ist anfangs derselbe, wie nach der 
Spielmanns - Au; dann biegt er 1. ab um 
den südlichen Fuss des Schattenberges. Der 
Eingang ist idyllisch -lieblich und lässt die 
vordere Thalhälfte überschauen: r. der 
JiiefenkopJ mit Fichten, Buchen und Ahor- 
non bewaldet und die Liigemdp, im Hinter- 
grunde nebeneinander der finstere Wilden 
und der seltsam gestaltete Schnecken, — 1. 
die Adlerwand und die von zahlreichen 
Wasserstürzen belebten Seeirände. Hier 
horsteten bis in die jüngste Zeit grosse 
Steinadler, welche die Schaf- und Ziegen- 
herden räuberisch decimirten. Wenn kühne 
Bursche an langen Seilen in das Nest eines 
solchen Raubvogels, über Abgründen schwe- 
bend, und von seitwärts aufgestellten 
Schützen sokundirt, sich hinablassen, um 
die Brut dos Ilerdeuwürgers vor dem Flügge- 



i71 



31. Botite : Das AMiu. 



272 



werden auszunehmen, so ist dies ein Volks- 
fest für alle anstossenden Thalschaften, 
unter dem Namen der Adlerfang im ganzen 
Algäu bekannt. — Gelangt man tiefer in 
das Thal hinein, bis zu jener Kehre, wo es 
plötzlich rechts einbiegt, so verändert sich 
auch die ganze Scenerie auffallend ; wilde 
Ilochgebirgsnatur tritt ziemlich unvermittelt 
an die Stelle des bisherigen Waldthal-Charak- 
ters. In Mitte des Hintergrundes schäumt 
der Stuiben, ein stattlicher Wasserfall von 
der Käseralp auf die Gutenalp in zwei Armen 
lierab. Jähe stotzige Berge: die Hintere 
Wilden, die Höllen- Homer , das Bauheck, 
die scharf zugespitzte Höffats u. a. schliessen 
den grossartigen Thalkessel. In früher 
Morgenstunde sind Gemsen nicht selten 
hier zu sehen. — Berggänger, die einen 
zuverlässigen Führer , Proviant und feste 
Bergschuhe von Oberstdorf mitnahmen, 
können den Kückweg über den .54G0 1\ 
hohen Sattel, zwischen Bauheck und Höffats 
hinab durch das Dietersbacher Thal und 
das Höllentobel (S. 269) nehmen; in Summa 
8 tüchtige Wanderstunden. Ein anderer 
Pass führt zwischen dem Nebelhorn und 
Himmelhorn über Wengenal^ in das Hinter- 
Steiner Thal (S. 274). — 

8) Die Birgs-Äu für Fnssgänger ohne Füh- 
rer,4St. insThal hinein. Mit Wagen gut fahr- 
bar nur bis zum Weiler Birgs- Au. Weiter hinten 
wird es das Rappe n alper-Thal genannt, 
aus welchem der Hochschroffen-Pas s 
(5155 F.) hinüber nach dem vorarlberger 
Dörfchen Warth führt. — Der Eingang ins 
Thal der Birgs-Au ist waldig und eng, 
dann, nach der ersten Wanderstunde öffnet 
sich bei St. Wendelin im G'schlief plötzlich 
das Thal zum prächtig ausgeweiteten Alpen- 
grunde, welchen r. die kahlen Griesgundköpfe 
und der grüne Schlappolt, 1. das Schmalhorn 
und Wildegunäkopf , im Hintergründe aber 
die nackten Dolomitzacken der wild durch- 
furchten Mädeligabel, das zerrissene Bock- 
kahr, der pyramidale Linkerskopf und der 
Biberkopf schliessen. Vor Allem fällt aber 
dem Wanderer hoch droben auf dem Grat 
im Hochlicht ein isolirt eniporragendes Na- 
turgebilde auf, das Wilde Manndli genannt. 
In schwacher Steigung zieht sich die Strasse 
bis zu dem im schönen Thalkessel gelegeneu 
Weiler Birgs-Au, wo ein Wirthshäuschen 
einige Erfrischung bietet. Von hier auf 
breitem, bequemen Fusssteg' am Rande einer 
tiefen engen Schlucht aufwärts zur Ein'öds- 
hacher Zvnng, und zwar zu einem durch 
starkes Geländer geschützten Vorsprung, 
von dem aus man ungefährlich in die tiefe 
Klamiri hinabschauen kann, durch welche 
die Stillach schäumend und tobend sich 
durcharbeitet. Noch einige Schritte weiter 
kommt man zu der die Abgeschiedenheit 
seiner Lage im Namen tragenden letz- 
ten, perennirond- bewohnten Häusergruppo 
Einödsbach, deren Bewohner im Winter un- 
geachtet aller Mühseligkeiten undLauinen- 
Gefaliren, jeden Sonntag nach Oberstdorf 
zur Kirche kommen. Von Einödsbach gehe 
man am rechten Ufer dos Baches noch Va Ht. 



weiter, bis zur innersten Thalmulde hinein, 
wo man dicht an den Fuss der riesig sich 
aufbauenden Mädeligabel gelangt. Hier im 
Hochsommer noch fester Lauinenschnee und 
ein schöner von hoher Felswand in eine 
Eisgrotte hinabstürzender Wasserfall. Rück- 
weg mag über die Sennenalpe Buchenrainen 
genommen werden, die prächtige Ausblicke 
erschliesst. Von da kostbarer Bergwaldweg 
hinab nach Birgs-Au. 

9) Das Breitach - Thal gehört politisch 
nicht zum bayer. Algäu, sondern zum Öster- 
reich. Bregenzer Walde u. wird durch die drei 
Gemeinden Eietzlern, Hirschegg und Miltelberg 
mit etwa 1600 Einw. ziemlich dicht bevölkert. 
Die ganze Länge dieses mattenreichen, sehr 
belebten Hochthaies beträgt bis xum Starzel- 
joch etwas über 3 St. Die Käserei ist in 
demselben zu einer Vollkommenheit gelangt, 
wie man sie nur noch in den renommirtesten 
Gegenden der Schweiz wiederfindet. Für 
Feinschmecker und Delikatessensucher sind 
die im Thal gefangenen Forellen von be- 
sonderem Werth. Diese Tour ist entweder 
Denjenigen als Exkursionsziel zu empfehlen, 
welche sich längere Zeit in Oberstdorf auf- 
halten, — oder Denen, welche bei ihrem 
Verlassen dieses Alpendistriktes den Weiter- 
weg durch den Bregenzer Wald nach dem 
Bodensee (S. 281.) nehmen wollen. Eine 
gute Fahrstrasse führt in des Thaies Hinter- 
grund. Die erste Weghälfte ist die gleiche, 
wie die oben nach der Walser Schanze (sub 
Nr. 4) beschrieben. Von da.V* '^l^- thal- 
einwärts nach Rietziern, dessen helle Thurm- 
kuppel von Weitem entgegenblickt. — ^4 St- 
weiter liegt das Dorf Hirschegg (gutes ein- 
faches Wirthshaus), dessen saubere, freund- 
liche, mit einem Schuppenpanzer von klei- 
nen Schindeln überdeckte Häuser (ähnlich 
wie im schweizer Kanton Appenzell) 
weithin über die leuchtend grünen Wiesen- 
halden des Schlappold zerstreut liegen, an 
dessen Fuss die Strasse hinläuft. K. drun- 
ten in tiefem , von dunklen Tannenwäldern 
umstandenen Tobel rauscht einsam die 
Breitach, so dass dieses Thal eigentlich 
keine Thalsohle hat. R. ragt der Eoch-Iffeu 
(6664 F. üb. M.), ein in seinen oberen 
Partien sehr zerklüfteter Berg, empor, unter 
dem die sogen. Verwunschene Alp, eine wüste, 
schauerliche Geröllhalde, ohne alle Vege- 
tation liegt. Im Vorblick 1. steigt der lange 
wilde Kamm des Widdersteines (7781 F. hoch) 
auf. Wer den Hoch-Iffen besteigen will, 
mag sich hier mit einem Führer versehen. 
— Das letzte Pfarrdorf ist Mittelberg (3816 
F. üb. M.) mit sehenswerther Kirche. Ganz 
am Ende des Thaies liegt der Weiler Bad 
mit einer schwachen früher für Kurzwecke 
benutzten Schwefelquelle, einem kleinen 
Kirchlein nebst der Benefiziaten - Wohnung 
und noch einigen Häusern. Von hier aus 
steigti ein beschwerlicher Pfad zum Starzel- 
joch empor, unter dem r. oben liegenden 
Didamskopf vorbei, der nach Schoppcran ins 
Thal der Bregenzer Ach (vergl. S. 281) führt. 

10) Auf die Mädeligabel. Nur für 
beherzte kniefoste Bergsteiger. 8 St. bis 



273 



31. Boute: Toureii voii Immeiistadt ins Hier -Thal. 



274 



hinauf. Führer, Lebensmittel, Bergstock 
und Steigeisen sind mitzunehmen. Man 
geht am Nachmittag vorher durch die Spiel- 
manns-Au (S. 270) bis zur Sennhütte auf 
Aev Ohermädelialp (5652 F. üb. M.), 5 St. von 
Oberstdorf, übernachtet hier und setzt am 
anderen Morgen vor Tagesanbrach den noch 
3 St. Zeit erfordernden, strengen und mühe- 
vollen Weg fort. Für den nicht geübten 
Bergsteiger ist das sogen. Joch eine etwas 
difficile Partie. Gen Osten sinkt ein tüch- 
tiger Gletscher vom obersten Gipfel hinab. 
Die Aussicht von diesem (8117 F. üb. M. 
gelegenen) höchsten Punkte ist eine enorm 
ausgedehnte. Das äusserste östliche Ende 
des Panorama's begrenzt die Zugspitz 
und das Karwendel -Gebirge, hinter denen 
noch r. bei hellem Wetter Theile der Tauern, 
mit dem Gross - Glockner und Venediger, 
dann die Pusterer Tauern hervorragen. 
Näher im Südosten die Stubayer Alpen, 
vor denen ziemlich noch die Oberinnthaler 
Berge von Imst und Landeck liegen. Noch 
mehr r. hinter diesen das von Schnee und 
Eis überdeckte Oetzthaler Gebirge mit dem 
Weisskogel, daun direkt gegen Süden die 
Samuauner Berge mit dem Fimberspitz und 
die ganze grwsse Silvretta-Gruppe mit dem 
Piz Linard; noch melir r. im Mittelgründe 
der Arl oder Adlerbcrg, hinter dem die 
Montafuner Alpen und die mächtige Rhäti- 
konkette aiifsteigen , welch letztere der 
Grenzkamm zwischen dem schweizer Prät- 
tigäu und dem österreichischen Vorarl- 
berg bildet. Im Südwesten Scesaplana und 
davor das grosse Gewirr, welclie das 
Walser- Thal einfassen. Noch mehr r. die 
Alpen des St. Galler Oberlandes und des 
bündnerischen Vorderrhein -Thaies , an 
welche dann das mächtige glarnerischo 
Tödimassiv sich anschliesst. Im halben 
Mittelgrunde der Säntis im Appenzell und 
ganz in der Tiefe, aber niir bei sehr günsti- 
ger Beleuchtung, die Finsteraarhorn-Gruppe 
des Berner Oberlandes. Gegen Nordwest 
breitet sich der Bregenzer Wald aus und 
hinter demselben erblickt man fast den 
ganzen Bodensee , jenseit dessen das 
schwäbische Flachland im Nebel ver- 
schwimmt. Gen Norden die auf den letz- 
ten Seiten mehrfach genannten Gebirgs- 
gipfel und Thäler des Algäu und hinter 
diesen Durchblicke nach dem Bayerischen 
Scbwabenlande und der Hochebene. 

11) Das Nebelhorn (6583 F. üb. M.) ist der 
nördlichste Hauptstock in der Thalwaud 
der oberen lileralpen und weit leichter und 
völlig gefahrlos zu ersteigen , während die 
Aussicht jener von der Mädeligabel ziemlich 
nahe kommt. Hier braucht man keine Steig- 
eisen und kann sogar bis etwa 1 St. unter 
den Gipfel reiten. Die Ersteigung fordert 
je nach den Kräften und FähigUeitcn 4 bis 
5 St. Zeit. Ein Führer, oder doch minde- 
stens ein Träger, ist schon wegen des 
mitzunehmenden Proviantes unerlässlich. 
Ebenso sind gut genagelte Bergscliuhe sehr 
zu empfehlen. 



Von Soll thof eil nach Reutte 9 V2 St. 

Durchaus Fahrweg, theilweise ziemlich 
primitiv. Die Post geht blos bis (2 St.) 
Hindelang. Für einen Einspänner bis Keutte 
bezahlt man 6 fl. 

Die Strasse steigt dem Laufe des 
Ostr ach- Baches entgegen , denselben 
überbrückend nach dem schönen Markt- 
flecken Hindelang (Brauerei %. Hasen, 
auch Gasth.), mit etwa 2000 Einw., 
Schloss, in welchem sich ehedem der 
Kurfürst Clemens Wenzeslaus von 
Trier während des Sommers aufhielt. 
Schöner Thalkessel. Im Weiler Ober- 
dorf viel Nagelschmiede. Hier wurden 
die beiden tüchtigen Bildhauer Franz 
und Konrad Eberhard (vergl. München; 
geboren. 

Südlich ist der Eingang zu den_ an 
p)ttoresi?en Formen reichen '''Hintersteiuer 
Thal, in welchem namentlich die Aueles- 
Wdiide und die Eisenbreche (FelsenlUamnien, 
älinlich wie der Zwingsteg S. 269) vielfach 
besucht werden. Auch der Daumen, ein 
Berggipfel von 6996 F. üb. M., wird von 
hieraus erstiegen. Eine andere Exkursion 
führt in das durch seine Felsgebilde inter- 
essante Eettenschwanger Thal. 

Von hier an wird die Strasse schlech- 
ter und windet sich in vielen Krüm- 
mungen durch waldiges Terrain am 
Jochberg hinan. Fussgänger können 
abkürzende Wege bis zu dem ärm- 
lichen (% St.) Weiler Vorder joch ein- 
schlagen, wo das bayerische Zollhaus 
steht. Nun über eine einförmige Hoch- 
ebene mit öden Moorstrecken und 
feuchten Wiesen zur eigentlichen (V^ St.) 
Passhöhe (3574 F. üb. M.). L. Blick 
ins Vils-Thal, welches drunten, nordöstl. 
bei Pfronten (S. 253) sich öffnet. Nun 
ziemlich steil hinab. Grenzpfähle, Ein- 
tritt in Österreich. Gebiet u. gute Strasse. 
(74 St.) Weiler VUsrain, öster- 
reichische Pass- und Zoll- Visitation; 
hier Eintritt in das schöne Thannheimcr 
Thal, das bis zu seinem Ende beim 
Gaichtpass 4 St. lang ist. — 5 Min. 
weiter Dorf Schattvald , anmuthig in 
grünen Wiesen am Fusse des Pontcn- 
hopfes gelegen (3441 F. üb. ]\r.). Gutes 
Bad und Gasthaus bei Lederer. • — 
(V4 St.) folgt das kleine D or i Zohehixm 
schönen, breiton Wiesenthaie. In der 
Ferne die schöngestaltcte Rotheßüh. L. 



275 



32. Boute: Der Bodensee und seine Ufer, 



276 



der Felskegel des Einsteines (5745 F.) u, 
die schroffe Spitze des Aggensteines. — 
Nach Yg St. koinmt der Hauptort des 
Thaies, Thaiinlieim (Gasth. zum Wil- 
den Mann, mit guten Forellen). — (Ent- 
fernung: von Sonthofen A}/^ St., — von 
Weissbach 3 St., — nach Reutte 5 St.) 

Exkursion in das Vilsalper Thal. Bis 
zum '^Yilsalpsee 1 St., sehr besuchenswerth, 
rings von hohen Bergen eingeschlossen. 
Von hier entweder mit Führer unterm 
Gaisberg vorbei übers Gebirge in das 
Hintersteiner Thal, — oder über die Luchs- 
spitze in 5 St. ins Lech -Thal. 

L. ab von der Strasse liegt das 
Dörfchen Kren, von dem ein einsames 
Strässchen durch die Enge hinaus nach 
Pfronten (2V2 St.) führt. — Nach Va St. 
kommt der Weiler Haldensee und un- 
mittelbar dahinter das gleichnamige 
Binnengewässer, aus dessen Spiegel die 
jähen Flühen des Littnisschroffen und 



der Grünspitze aufsteigen. Die Wald- 
landschaft von leicht melancholischem 
Anfluge wird von Schritt zu Schritt 
schöner, bis sie (% St.) beim Dorf 
Nesselwängle ihren Höhenpunkt er- 
reicht. Bedeutende Kalkwände, viel- 
fach zerspalten und verwittert, ragen 1. 
vom Wege auf, es sind die Bothenßuh, der 
Gimpel, Hahnelcamm und die Gacht- 
spitze. Hier scheidet der Fussweg von 
der Fahrstrasse; ersterer, unter den ge- 
nannten Felsenwänden vorüberführend, 
erreicht in zwei kleinen Stunden das 
Lech - Thal und den Marktflecken Reutte. 
Die Fahrstrasse wendet sich südlich 
abfallend durch das herrliche Waldthal 
der Gacht und erreicht bei dem Dörfchen 
Weissenhach das Lech- Thal und von 
hier nördl. in demselben fort, den End- 
punkt dieser Tour, das bereits genannte 
Reutte. Weiteres R. 38. 



Der Bodensee und seine Ufer. 
32. Route: Bregenz — Lindau — Friedrichshafen — Constanz. 

(Vgl. beikommendes Kärtchen.) 



Der Bodensee, von den Römern 
lacus Brigantinus (d. i. Bregenzer See), 
um das 9. Jahrh. lacus Podamicus , im 
Mittelalter Bodam- oder Bodmensee 
(nach dem bei Ueberlingen gelegenen 
Schloss Bodmann) und vom 16. Jahrh. 
an auch der See von Constanz und das 
,, Schwäbische Meer" genannt, wird von 
Oesterreich, Bayern, Würtemberg, 
Baden und der Schweiz begrenzt und 
ist für die Vermittlung des lebhaften 
internationalen Verkehrs, vorzüglich 
seit Eröff"nung der badischen, baye- 
rischen und würtembergischen Staats- 
Eisenbahnen und der von Romanshorn, 
Rorschach und SchafFhausen ausgehen- 
den Schweizer-Linien von grosser Wich- 
tigkeit. Gegenwärtig werden seine 
Fluthen von 26 Dampfschiffen, mehren 
hundert Segclschiff'en und Lastbooten u. 
seit Anfang 1868 von den neuerbauten 
grossen, 300 Pferdekraft starken schwei- 
zerisch - würtembergischen Trajekt- 
Dampfern und 2 Trajekt - Schilfen 



durchschnitten, welche jedes 14 be- 
lastete Eisenbahnwagen auf einmal von 
Friedrichshafen nach Romanshorn über- 
setzen kann. 

Obgleich der grösste Theil der reich 
mit Städten , Dörfern , Schlössern und 
Villen geschmückten, 53 St. im Umkreis 
messenden Ufer des Sees flach aus- 
läuft und die pittoresken Felsenformen 
fehlen, welche z. B. den Vierwald- 
stätter und Wallensee umgeben, so 
ist der See dennoch, sowohl durch die 
imposante an das Meer erinnernde 
Wasserfläche (97^ Q.-M.), als durch die 
im Hintergrund sich erhebende gigan- 
tische, mit Schnee gekrönte Alpenkettc, 
von den Algäuer Höhenzügen bis zu 
den glänzenden Firnen von Appenzell, 
Glarus und Schwyz unbestritten der 
grossartigstc aller deutschen Seen. Seine 
Längenausdehnung von SO. gen NW. 
ist so bedeutend, dass man bei Bregenz 
(S. 279, am österreichischen Ufer) den 
entgegengesetzten, 14 St. entfernten 




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32, Route : Der Bodensee und seine Ufer. 



278 



Endpunkt, die Gegend bei Liidwigs- 
hafen (S. 285) in Baden, nicht zu er- 
kennen vermag. Dieser Länge ent- 
spricht die respektable Breite von 4 St. 
zwischen Friedrichshafen (S. 285) und 
Arbon (S. 296). Dennoch ist der Boden- 
see ungefähr 2Q.-Meil. kleiner als der 
Genfer See. — Die Höhenlage über 
dem Meeresniveau beträgt 1225 F. und 
entspricht somit der mittleren Höhe, 
-welche die Spitzen des Teutoburger 
Waldes, des Weser- Gebirges und der 
fränkischen Berge erreichen. Dennoch 
ist das Klima — vorzüglich am deutschen 
Ufer — ausserordentlich mild. Nur 
fünfmal im Laufe von 4 Jahrhunderten, 
1477, 1572, 1596, 1695 und 1830 fror 
der See vollständig zu. — An seinen 
Ufern reift die gute Kastanie (castanea 
vesca), grünt der Lorbeer im Freien 
und wächst der bekannte gute Seewein. 
Die grösste Tiefe beträgt zwischen 
Friedrichshafen undRomanshorn 964 F. 
Der verengte Theil bei der Stadt Ueber- 
lingen (S. 289) wird auch Ueberlinger 
See, der kleine Theil zwischen Kon- 
stanz und Stein mit der Insel Reichenau 
Unter- oder Zellersee (S. 293) genannt. 
Ausser dem Rhein, welcher bei Fussach 
einmündet, den ganzen See durch- 
schneidet und ihn bei Stein (S. 294) 
unterhalb Konstanz wieder verlässt, er- 
giessen sich noch an bedeutenderen 
Flüssen in denselben: die Aache, die 
Argen , der Schüssen, die Goldach , und 
eine Unzahl kleinerer Bäche und Ge- 
wässer. 

Der schon vor Christus von den 
Römern gekannte und an seinen Ufern 
vielfach gegen die andrängenden Ale- 
mannen undRhätier mitfestenlvastellen 
besetzte See gehört in geognostischer 
Beziehung der Tertiärformation an und 
hatte früher unstreitig eine grössere 
Ausdehnung gegen Süden, die der sich 
aufhäufende erdige Niederschlag des 
Rheins und der Bregenzer Aache immer 
mehr beschränkt und bewirkt hat, dass 
Rheineck im 4. Jahrh. noch am See ge- 
legen, jetzt durch eine stundenbreite 
Landzunge davon getrennt ist, Obst- 
gärten, reiche Getreidefluren, üppige 



Wiesen und duftige Waldungen um- 
gürten den See, welcher vielfach , wenn 
auch nicht in dem Maasse wie der 
Genfer, zu poetischen Ergüssen veran- 
lasste, z. B. von Gust. Schwab besungen 
worden ist und den ersehnten Zielpunkt 
unzähliger Touristen - Wanderungen 
bildet. In seinen Fluthen spiegeln sich 
zwei Inseln, das köstliche Maincni und 
die umfängliche Reichenau. 

Die Ueberfahrt ist gänzlich gefahrlos 
und prompt; nur wenn bei starkem 
Föhn das Grundgewelle besonders hoch 
geht , schwanken die Schiffe , dass em- 
pfindliche Personen trotz der kurzen 
Strecken von einem Uferort zum an- 
dern von einer förmlichen Seekrankheit 
befallen werden. Bei grösseren Stür- 
men, vorzüglich im Winter, verlassen 
die Dampfschiffe den Hafen nicht. 1824 
befuhr das erste Dampfschiff den See 
und seitdem ist nur der ,, Ludwig" in 
fürchterlicher Stui-mnacht am 10. März 
1861 mit 14 Personen und der ,,Jura" 
am 12. Febr. 1864 untergegangen. Der 
letztere liegt noch auf dem Grund, der 
erstere aber wurde vor ca. vier Jahren 
glücklich von Wilh. Bauer gehoben, ist 
aber fast arbeitsuntüchtig und liegt als 
Dampfer „Rorschach" im gleichnamigen 
Hafen, nur selten benutzt. 

1856 wurde zur grossen Erleichte- 
rung des Verkehrs zwischen Friedrichs- 
hafen und Romanshorn und im Jahre 
1867 zwischen Lindau und Rorschach 
ein Telegraphen -Kabel gelegt. 

Der See ist von ca. 50 Arten Möven, 
Wasser- und Sumpfvögeln, seine Tiefen 
von einer reichen Fauna Fische bevöl- 
kert. Es werden Welse und Lachse 
bis zu 1 Ctnr. Gewicht, Hechte bis zu 
50 Pfd. und Blaufelchen im Sommer 
oft tägl. an 3000 Stück gefangen. Am 
schmackhaftesten sind die Grundforellen 
(salmo lacustris, bis 40 Pfd. wiegend), 
die Lachsforellen (salmo trutta) und die 
Trischen (Iota vulgaris). Einen beson- 
deren Handelsartikel bilden die im Un- 
tersee bei Constanz und Ermattingen 
im Herbst in enormen Massen vorkom- 
menden Gangfischli (3jährige Blau- 
felchen), welche geräuchert und mari- 



279 



32. Route: Der Boden see imtl seine Ufer. 



no 



nirt versandt werden. Längs der schwei- 
zer Ufer ist die Angelfischerei völlig 
freigegeben und verschafft dem Lieb- 
haber manche Unterhaltung. Am deut- 
schen Ufer ist die Erlaubniss an eine 
kleine Abgabe geknüpft. 

Von besonderer Schönheit und Pi-acht 
sind die verschiedenen Licht -Effekte 
und Färbungen auf dem See und seinen 
Ufern, vor Allem bei Sonnen-Auf- und 
Untergang. Die herrlichsten Farben- 
töne vom zartesten Karminroth bis zum 
goldschimmernden Braun , Grün oder 
Blau spielen auf Berg und Flur, auf 
den Gletschern und über den See , von 
Minute zu Minute wechselnd, in einan- 
der übergehend und verschwimmend. 
Diese Schönheiten, sowie die zahlreichen 
Hotels, Bade- und Kuranstalten laden 
zum Verweilen ein , beleben seine Ufer 
und bieten Genüsse in reichster Fülle. 

I. OesterreicMsche Seite: 

Breg'enz, Kreishauptstadt der 
österreichischen Grafschaft Vorarlberg, 
mit 3500 Einw. Das Brigantium der 
Kömer, am obern Ende des Sees. 

Gasthöfe: ■•'Oesterr eichischer Hof, dicht 
nm See, mit schöner Aussicht. Zimmer von 
1 bis 2 fl., T. d'h. 1 Uhr, 1 fl. 10 kr., Frühst. 
30 kr., Service 30 kr., Bougiea 24 kr. — 
■•'Schwarzer Adler, daneben, billiger. — Gol- 
dener Adler (Post), in der Stadt, gut und 
billig. — Krone etc. 

Cafe und Bierwirthschaffen: Caß Kirch- 
ner, Billard, guter Ungarwein. — Brandet 
und Gemeinde)' , Biergarten am See. — 
Bchützengarten (gute Wirthschaft, schöne 
Aussicht). — Lesekasino. — Molkenkuranstalt. 
— Seebäder. 

Dampfschiffe: Tägl. 6mal nach Lindau 
und 5mal nach allen übrigen Uferstationen 
des Bodenseos. 

Post: Nach (43/4 Meil.) Feldldrch, in 3^/4 
St., 2 fl. 14 kr. ~ (283/4 Meil.) Innsbruck, in 
251/2 St., 12 fl. 94kr. — (I73/4 Meil.) Landech, 
in ICV4 St., 8 fl. — (11/4 Meil.) Lindau, tägl. 
2mal in 11/4 St., 32 kr.— (21/2 Meil.) St. Mar- 
(/arethen im St. Galler Rbein-Thal, tägl 2mal 
in 11/4 St., zum Anschluss an die Bahn. 

Die Stadt liegt romantisch, von 
ernsten Waldbergen eingeschlossen, ist 
aber wenig belebt und besitzt keine be- 
sonderen Merkwürdigkeiten. Sehens- 
werth sind die Sammlungen des Vorarl- 
berger Museums -Vereines und die rö- 
mischen Grab-Anticaglien in der Villa 



Gülich letztere sämmtlich an Ort und 
Stelle ausgegraben; die 8b. Oallus- 
Tfarrkirelie auf einem Hügel in der 
obern Stadt (kürzlich restaurirt) mit 
einigen schönen Gemälden und ge- 
schnitzten Chorstühlen; der Kirchhof 
mit einigen sonderbaren Grabschriften 
und dem Monument des Dr. Schneider, 
Waffenbruders von Hofer und Speck- 
bacher; die 8t. Georgenkapelle am See, 
zum Andenken an eine im Jahre 1408 
gegen die Appenzeller gewonnene 
Schlacht erbaut. 

Exkursionen: Nach der Bregenzer Klause 
(Grerenreuths Etüie), 1/4 St. an der Strasse 
nach Lindau. Spuren altrömischer Befesti- 
gungen. Kleiner Tempel mit Säuleuhalle, 
interessante Aussicht, vorzüglich bei Sonnen- 
untergang. — Biedernhurg, auf einem Hügel, 
1/2 St. an der Strasse nach Fussach, früher 
Schloss im italienischen Geschmack, seit 
1853 Erziehungsinstitut für adelige, katho- 
lische Fräulein unter Leitung der Schwestern 
vom heiligen Herzen Jesu. — Gebhardts- 
berg', schattiger Waldweg, ä/4St., Ruine der 
ehemaligen Bergveste Hohenbregenz mit 
Wallfahrtskirche und Wirthsliaus. Am 
27. August „Gebhardtsfest" mit Kapuziner- 
predigt im Freien, Weite Aussicht auf deu 
ganzen langgestreckten See, das Rhein- 
Thal, die Appenzeller und St. Galler Alpen- 
kette. Etwas höher ntit vollkommenerem 
Rundblick die Fluh, ländliches Wirthshaus. 
Am ausgedehntesten jedoch zeigt sich das 
See- und Oebirgs-Panorama auf dem 33C0 F. 
hohen PfJimller (2153 F. über dem See). 
Man verfolgt vonBregenz aus den Fussweg 
neben der alten Kaserne, 1/2 St. lang durch 
Wiesen, dann 1. im Wald 1 St. steil bergan. 
Oben ländliches Wirthshaus, in der Nacht 
vom 16. auf den 17. Okt. 1867 völlig nieder- 
gebrannt, aber wieder aufgebaut. Hier 
überblickt man ausser den oben angegebe- 
nen Bergen noch die Zugspitz, Mittagspitz, 
Scesaplana, Kalanda, Tödi, die ganze Sentis- 
Gruppe und die Tyroler und Graubündner 
Alpen bis zur Bernina. Der Bregenzer Wald 
mit seinen Hügeln, Klüften und Matten 
und das fruchtbare Algäu (S. 263) liegen 
zu den Füssen des Beschauers. 

Von Bregenz läuft südwärts die 
österreichische Militärstrasse auf dem 
rechten Rheinufer über Dornbim (1 St. 
langer, sauberer, industrieller Markt- 
flecken), HolieuemS (Schloss des 
Fürsten Waldburg -Zeil, die Burgen 
Alt- und Neu-Hohenems; viele Juden, 
Poststation), Gützis (Ruinen Montfort- 
scher Sclilösscr) nach Fcldkircll (4 St.) ; 
docli wird seit Eröffnung der Rhein- 
thal-Bahn diese Tour wenig mehr be- 



281 



32. Boute: Der Bodensee (Lindau). 



282 



nutzt. Sehr interessant und bei länge- 
rem Verweilen warm zu empfehlen 
ist eine Exkursion in den BrCgenzei* 
Wald, das wildromantische^ac/ie- Thal, 
Wolfurt, Wallfahrtskirche 3farie Bild- 
stein, Sciuoarzach (Löwe), Langen, 
Bad Reuthe und Schoperait (S. 272). 
Dampfboot in 20 Min. nach 

n. Deutsche Seite: 

Lindau mit 5600 Einw. und schönem 
neuen Hafen. 

Gasthöfe: *- Bayerischer Hof, schöne Lage 
am Hafen und Bahnhof, prächtige Aussicht. 
Zimmer 48 kr. bis 2 fl., T. d'h. 1 fl. 12 kr., 
Frühst. 30 kr., Service 24 kr., Bongies 12 kr. 

— '''•Krone, freundliche, billige Bedienung, 
etwas geringere Preise als im vorigen. Pen- 
sion pr. Woche 12 bis 15 fl. — Bölel Weiss 
(Caf6), gute und billige Bedienung. — Äonne, 
ebenfalls Fremdenpension 10 bis 12 fl. — 
Deutsches Haus, am Hafen, billig. — Goldenes 
Lamm, Bier im Hause. — Helvetia, Hotel 
gaini, Bierbrauerei, Garten , gut und billig. 
Für ganz bescheidene Ansprüche, — Sechof 
(früher Gans) und Engel. 

Wirihschaften: Schützengarten (städtisch), 
vom Balkon herrliche Aussicht, schattige 
Anlagen, Bier (Eiskeller), öfters Koncert. 
Im Sommer früh 6Uhr frischeZiegenmolken. 

— Bahnhof- Restauration. — Stift. — ScMechters 
Brauerei. — Bier wir thschaft zum Storchen. — 
Sünfzen, zur reichsstädtischen Zeit Junker- 
trinkstube. DerAVirth ist zugleich Traiteur 
der Harmonie-Gesellschaft, welche ein Lese- 
zimmer hält und Fremden Zutritt gestattet. 

— Weinivirthschaft von Beuteviann. 

Eisenbahn: 



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DannpfschifFe: Tägl. nach Bregen- 5mal 
[21 kr.] 15 kr. — Nach Constanz 5mal [l fl. 
bl kr,] 1 fl. 18 kr. — Friedrichshafen omal 
[.^7 kr,] 3i1 kr, — Ludwigshafen Imal [2 fl. 
m kr.] 1 fl, 45 kr, — Meersburg 4mal [l fl. 
42 kr.| 1 fl. 6 kr. — Romanshorn 5mnl (1 fl. 
6 kr.] 42 kr. - Rorschach 5nml [45 kr.] 
30 kr. *■ ■■ 



i^=' Die eingeklammerten [] Dampf- 
scüifffahrts- Preise gelten hier wie in der 
Folge stets für den L, die nicht einge- 
klammerten für den IL Platz. Die Dampf- 
schiffkurse stehen an sämmtlichen Ufer- 
plätzen mit den ankommenden und ab- 
gehenden Bahnzügen und Posten in 
Korrespondenz. Sonntags berechtigen auf 
dem ganzen See die einfachen Preise auch 
zur Rückfahrt, 
Seebäder: Für Männer am Inselweg» 
für Frauen am Quai des Weinmarktes. 
(Erwachsene 4 kr., Kinder 2 kr., Douche 
9 kr.) Auch Schtvimmanstalt. — Warme Bäder 
im ,, Schwefelbad" bei der Pulvermühle, 

Dienstmänner und Kofferträger: Vom 
Bahnhof oder Hafen in die innere Stadt, 
oder vice versa mit 35 Pfd, Gepäck 3 kr. 
Nach dem äusseren Stadtbezirk ß kr. Mit 
Wagen oder 100 Pfd, Gepäck ß und 9 kr. 
Für 1 St. mit Tragkorb 9 kr., mit Wagen 
15 kr. 

Die Stadt liegt auf drei, jetzt ver- 
einigten, zusammen 100 bayerische 
Morgen grossen Inseln im See, war ur- 
sprünglich (wie man behaupten will, 
schon 15 V, Chr,) ein römischer Wacht- 
posten, wurde im 2, Jahrh. zur Stadt 
erweitert und ist mit dem Festlande 
durch eine 1200 F. lange Holzbrücke 
und den 3mal so langen Eisenbahndamm 
verbunden. Diese Lage hat ihr auch 
die Bezeichnung „schwäbisches Vene- 
dig" eingetragen, Sie ist noch theil- 
weise mit alten Thoren und Bastionen 
versehen ; doch wurden die meisten 
Wälle in schöne, schattige Promenaden 
umgewandelt. Von diesen hat man 
nach allen Seiten, vorzüglich nach den 
grossartigen Gebirgszügen Vorarlbergs 
und des Rhein -Thals die herrlichste 
Aussicht. — Lindau war bis 1802 freie 
Reichsstadt, dann kurze Zeit fürstlich 
Bretzenheimsches und österreichsches 
Besitzthum, seit 1806 bayerisch, Sonn- 
abends grosser, vielbesuchter Getreide- 
markt; Hauptausfuhrplatz nach der 
Schweiz. Zollamt am Landungsplatz, 
wo man die Effekten der aus der 
Schweiz kommenden Passagiere sehr 
nachsichtig untersucht. Die Stadt hat 
sich in neuerer Zeit bedeutend gehoben 
und wird dies nach ErötVnung der pro- 
jektirten Bodensee- Gürtelbahn nocli 
mehr der Fall sein. Der starke Frem- 
denverkehr, die schöne gesunde Lage 
und zahlreiche lohnende Aussichts- 



283 



S2. Bonte: Der Bodeiisee (Liiiclau), 



284 



Punkte in der nächsten Umgegend 
fesseln den Touristen. 

Sehenswerthes: Neuer Hafen, 
am Eingang 1. , 105 F. hoher Leucht- 
thurm, r. Bayerns Hoheitszeichen, ein 
drohend blickender, kolossaler Löioe. 
Am Landungsplatz Monument König 
Max 11.^ im Hubertus -Ritterkleide mit 
dem Königsmantel, auf Piedestal von 
schwarzem Syenit, nach Halbigs Modell 
vom Giesserei- Inspektor v. Miller in 
München (S. 395) gegossen und inau- 
gurirt am 12. Okt. 1856. — Das im 15. 
Jahrh. erbaute, kürzlich restaurirte 
Rathliaus mit einigen Fresken und 
hübschen Holzvertäfelungen. T>Qr Diehs- 
thurm^ ein zu der ältesten Fortifikations- 
linie der Stadt gehöriges massives 
Bauwerk, zeichnet sich durch vier Eck- 
thürmchen malerisch aus und diente 
früher als Stadtgefängniss. Das Stift^ 
weitläufiges Gebäude mit grossem Gar- 
ten, einst freiweltliches Damen Stift, jetzt 
Sitz der verschiedenen Stadt- und Kreis- 
ämter. Die Heidenmauer^ beim Schützen- 
garten , alter römischer Wachtthurm, 
nach der Tradition schon unter Tiberius 
erbaut. 

Seltsamerweise besass die Warte weder 
Thür noch Fenster, so dass der Eintritt 
nur mit Hülfe eines verschiebbaren Quaders 
zu bewerkstelligen war. Auf der Plattform 
hatten 5 i'ömische Bailisten Platz. Jetzt 
ist ein Gärtchen oben und am Thurm eine 
Gedenktafel angebracht worden. 

Maximüians-Bo^unnen Si^{ demM-urkt 
vor der Hauptwache mit einer guss- 
eisernen Statue des Neptun geschmückt. 
Die Tcatholische Stifts- und protestan- 
tische Stephansldrche in friedlicher 
Nachbarschaft. Die letztere hat eine 
der schönsten Orgeln. — In der ehe- 
maligen gothischen Dreifaltigheitslcirche, 
unmittelbar neben der Geioerbeschule 
die Stadthibliotheh, 12,000 Bände stark, 
und namentlich in der theologischen 
Sektion werthvoll. 

Die Burg, alte Bastion, früher 
römisches Kastell, bewundernswerth 
wegen der cyklopischen Fundamente. 
Hier befand sich bis vor Kurzem das 
Jakobskirchlein, auf den Euinen eines 
Heidentempels erbaut. Jetzt Holz- 1 



magazin. Umfassender Aussiehts-Punkt. 
Bei dem Rundgang durch die Stadt ver- 
säume man nicht, die vielfältig noch 
vorhandenen alten Giebelhäuser der 
Patrizier- Familien aus der reichs- 
städtischen Blüthezeit zu beachten. 

Spaziergänge: Die nächsten Ufergelände 
sind mit zahlreichen glänzenden Villen 
(darunter die des Grossherzogs von Toskana, 
des Prinzen Luüpold von Bayern, des Grafen 
von Würtemberg, Villa Spiegier, Allwinden, 
Amsee, Lotzheck, Giebelbach), mit freundlichen 
Dörfern, Gärten und Weinbergen geschmückt. 
Sehenswertb: der Rebhügel Hoyersberg (3/4 
St.), an der Landstrasse nach Friedrichs- 
bafen. SchönsterAussichts-Punkt der ganzen 
Umgegend. Die Höhe ist durch ein Bel- 
vedere gekrönt. — Lindenhof (Villa Griiber), 
herrlicher, 1 St. entfernter Privatgarten mit 
Gewächshäusern, Parkanlagen, Burgruine 
und Schwanenteich am Seegestade, gegen 
Langenargen zu. Dienst, und Freit, freier 
Eintritt. An den übrigen Wochentagen 
30 kr. (zum Armenfond). — Schacheiilbad 
(Schwefelquelle) mit der vielbesucliten 
Wix'thschaft zum Schlösschen , hart am See. 
Umfassende Fernsicht. Teleskop. Kähne 
zu Lustfahrten. — Schönbühl, 2/4 St., Felsf-n- 
keller, herrliche Rundsicht. — Wasserburg, 
Städtchen (2500 katholische Einw.). Grab 
des Komponisten Lindpaiutnoi', -j- 1856. Gute 
ländliche Wirthschaft am See, — Gasthaus 
zum Köchlin, an der Strasse nach Kempten. 
Viel besucht. — Egghalden, I1/2 St., ange- 
nehmer Weg über Streiteläfiugen. Schöne 
Aussiclit , vorzüglich nach dem Pfändler 
und den Vorarlberger Höhen. Auf dem 
Rückweg kann man das im 9. Jahrh. erbaute 
Schloss (jetzt Kloster) Gvjiggen berühren^ 
einen Punkt, der ebenfalls weite Blicke 
auf See und Gebirge gestattet. — Aeschach, 
Sommeraufenthalt vielerFremden, Chambres 
garnies. — Schloss Höfen mit Ruine, am 
Fuss des Pfändler, der von hier aus be- 
quem ei'stiegen werden kann. — Unweit 
Ruine Halhenstein und die Ruggburg. Rück- 
weg über Lochati auf der Bregenz -Lindauer 
Chaussee. 

Exkursionen: Nach dem 21/2 St. ent- 
fernten, In stillerWaldeseinsamkeit, an der 
rauschenden Argen gelegenen Laimiinuer 
Bad, ,,BadhüUen" genannt (würtembergisch). 
Mineralquelle, reich an salzsaurem Natron. 
Kaltwasser-Heilanstalt. — Angenehmer Weg 
über (Sc/iö«aM^ Hirrnbach, Eggalsweiler, durch 
den Wald nach der Hörbolzmühle, am nördl. 
Ufer des fischreichen Degersees und am 
Schieinsee entlang, nach Oberlangenau 
(Klosterruino) und über den Steg der Argen 
nach dem Bad. Gutes Plötel. — Nach Ach- 
berg (preussische Enklave, vorgl. S.254) und 
Neuravenshnrg. Ueber Oberreitnau tmd J?8se- 
ratsweiler {G oldenes Krcuz)z\im\\ochg,G\Qgenen 
Schloss Acliberg, früher Jagdschloss der 
Grafen von Montfort, später Kommende 
des Deutschordens; von den Zinnen die 
prächtigste Aussicht. Weiter über den 



285 



32. Route: Der Bodeiisee (Priedrichshafen). 



28ß 



nahen Weiler Ried nach der interessanten 
Schlossruine Neuravensburg. Im Städtchen 
gutes, ländliches Wirthshaus. Das Schloss 
wurde zur Zeit der Karolinger erbaut, im 
Bauernkriege eingeäschert und 1C09 neu 
hergestellt. Jetzt gehört es zu Würtemberg. 

— Nach Gattnau {Rössli) , mit schönen Um- 
gebungen, 3 St. 

Langenargen , Marktflecken mit 

1200 Einw. 

Gasthöfe: --Schiff, gut und hillig, herr- 
liche Aussicht vom Altan. —Z^rone. — Löwe. 

— Engel. 

DampfschiflF: Tägl. mehrmalsnach Lindau, 
[36 kr.] 24 kr. - Friedrichshafen [21 kr.] 
15 kr. — Rorschach [39 kr.] 27 kr. — i^omoHS- 
horn [36 kr.] 24 kr. 

In der Pfarrkirche Gemälde des hier 
verstorbenen Malers Brugger. Früher 
lag hier auf einer Landzunge im See 
die weithin sichtbare prachtvolle Ruine 
des Schlosses Montfort. Jetzt ist die 
Euine abgetragen und an ihrer Stelle 
ziert eine grossartige, im italienischen 
Styl erbaute, dem Königshaus Wür- 
temberg gehörige Villa das Ufer. Wäh- 
rend des Sommers Aufenthalt der Kö- 
nigin- Wittwe. Im hier mündenden 
Schüssen wird die Triesche (Gadus 
Lota) zahlreich gefangen, welche schon 
römische Schriftsteller als Leckerbissen 
rühmen. Der Ort wird viel von Bade- 
gästen besucht, welche Ruhe und länd- 
liche Abgeschiedenheit lieben. Man 
badet meistens in schirmbedeckten 
Karren. 

Friedrich shafeu mit 2500 Einw., 

Haupt -Zollamt. Badeort. 

Gasthöfe : *Deu(sches Haus (Post), dicht 
am Bahnhof, Garten am Set', prächtige Aus- 
.sicht auf das ganze schweizer Ufer und die 
Säntisketto. — Schwan, in der Stadt, zwi- 
schen dem Dampfschiff-Ländeplatz und dem 
Bahnhof. Ebenfalls Restaurations-Garten am 
See. — Krone, mit Garten am See, in welchem 
öfters Koncerte stattfinden. Restauration 
im Parterre. Gutes Bier. — - König von 
Würtemberg, auf einer Anhöhe bei dem 
königlichen Schloss gelegen, mit herrlicher 
Aussicht von der grossen Plattform aus. — 
Drei Könige und Grüner Baum, in der Innern 
Stadt, bescheiden, aber gut und billig. — 
Viele Privatwobnungen. — Pensionspreis 
wöchentl. 10 bis 15 fl. 

Der eigentliche Bahnhof ist 5 Min. vom 
Hafen, aber der Zug fährt zum Ilnfen. 

DampfschifF: Tägl. nach Bregen:: Imal 
[1 fl. 15 kr.] 51 kr. — Constanz 5mal [1 11. 
C kr.] 42 kr. - Lindau 5mal [57 kr.] 3!i kr. 
— Lvdwigshafen 2mal [1 fl. 48 kr.] 111. 12 kr. 



— Meersburg 4mal [48 kr.] 30 kr. —Romans- 
harn 4mal [33 kr.] 21 kr. — Rorschach 5mal 
[54 kr.] 36 kr. 

Eisenbahn : 



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Gewöhnliche Züge 


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I. 


II. 1 in. 






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kr. 


fl. 


kr. 


14 


Ulm 


4 


12 


2 


48 


1 


52 


25V?. 


Augsburg . . 


7 


42 


5 


9 


3 


30 


34 


München . . 


10 


12 


6 


48 


4 


36 


2G3/4 


Stuttgart . . 


8 


-■ 


5 


20 


3 


33 


371/10 


Bruchsal . . 


11 


6 


7 


15 


4 


54 


481/4 


Heidelberg . 


12 


27 


8 


9 


5 


30 


533/s 


Frankfurt . . 


16 


— 


10 


30 


7 


3 



Zwischen Ulm, München kursiren im 
Sommer und Winter in jeder Richtung 3 Eil- 
züge tägl. Tag. und Nacht -Gourierzüge 
zwischen Stuttgart (Frankfurt), Friedrichs- 
hafen im Sommer, Fahrzeit 51/2 St. 

Bäder: Im See, nahe dem Garten zur 
Post,von einer Aktien-Gesellschaftgegründet, 
sehr zweckmässig eingerichtet. 

Molkenkuransiali: Leitung: Hofrath 
Dr. Faber. Warme Seebäder, Mineralbäder, 
Sturz- und Sprudelbäder, irisch -römische 
Bäder in der Stadt. — Grosser, schön ange- 
legter Kurgarten am See, mit herrlichen 
schattigen Ruheplätzen und neu erbautem 
Kursaal, dem Sammelplatz aller anwesenden 
Fremden. 

Lesegesellschaft: Museum. Fremde haben 
Zutritt. 

Das ausserordentlich aufblühende 
Städtchen mit der Physiognomie einer 
kleinen Residenz hiess ursprünglich 
,,Buchhorn" und trägt, in Verbindung 
mit dem ehemaligen Kloster Höfen, 
— jetzt Schloss und Sommer -Residenz 
des Königs von Würtemberg, — erst seit 
1810 den jetzigen Namen. Die Stadt 
besitzt einen neuen räumlichen Hafen 
mit Leuchtthurm, ist Endpunkt der 
Würtembergischen Staatseisenbahn und 
in der Saison mit Fremden überfüllt. 

Friedrichshafen ist der bedeutendste 
Badeort am Bodensee und hat ähn- 
liche Etablisscmentc in anderen Orten 
am See weit überholt. Zugleich ist es 
der beste Standpunkt am See für eine 
umfassende Ansicht der Ostschweize- 
rischen Alpen. 

Der Fremde kann sich in der Alpen« 
kette leicht orientircn. Er suche am gegen- 
üborliogenden Ufer Rorschach auf, kenntlich 
am grünen, bewaldeten Berg (Rossbülil). 
Alles, was zunächst daran r. liegt, sind 
Appenzeller Alpen, aus denen die Säntis- 
kotto am gewaltigsten hervortritt, daneben 



287 



32. Boute: Der Bodeiisee (Friedrichshalen ~ Jüeerslbiirg). 



288 



kommen dann die Toggenburger Berge und 
die Glarner Alpen, letztere wiederum aus- 
gezeichnet durch den breiten, schneebe- 
deckten Glärnisch. Noch weiter r. oberhalb 
Romanshorn dieSchwyzer undUnterwaldner 
Hörner, die Mythen, der Rigi und Pilatus 
und endlich in blauen, verschwimmenden 
Umrissen, unterhalb Romanshorn die Berner 
Alpen mit Jungfrau undMönch. L. dagegen 
vonRorschach bauen sich die Rhätikonkette 
mit der stolzen Scesaplana, dann die Monta- 
funer Berge (aus denen die Zimpaspitze be- 
sonders hervorragt) und noch weiter 1. die 
Gebirge Vorarlbergs auf. 

Unter den hervorragenden Gebäu- 
den ist vor Allem das, mit der Stadt 
durch eine schattige Allee verbundene 
ScJllOSS mit grossem Garten und 
Laubengängen am See entlang, bemer- 
kenswerth. Früher ein Kloster, lOÖO 
durch den heil. Konrad, Bischof von 
Constanz, gegründet, 1802 aufgehoben, 
ist es jetzt Sommer-Residenz des Königs 
von Würtemberg. Der Garten ist 
Fremden stets geöffnet. Beim Schloss 
eine protestantische Kirche und in dem- 
selben einige gute Bilder von Gegen- 
baur, Hess und Deschwanden. Die 
hatholische PfarrTcirche wurde 1750 neu 
erbaut; das alte Spital mit einer kleinen 
Kapelle hat eine Inschrift aus dem 
Jahre 1284. Auf der Landseite des 
Städtchens sind noch die Ueberreste 
alter Thore und Mauern sichtbar. Vor- 
mittags versäume man nicht, das neue 
Trajektschiff im Hafen zu besichtigen. 

Spaziergänge: Das ,,Biedle", 10 Min., 
schattiger Fahrweg, herrlicher Waldpark 
von hübschen Fahr- und Fusswegen durch- 
schnitten , mit Ruheplätzen und prächtigen 
Aussichts-Punkten. Von der Königin Olga 
von Würtemberg angekauft, wurde es vor 
6 Jahren in der jetzigen angenehmen Um- 
gestaltung dem Publikum zur Benutzung 
übergeben. — Dahinter Dorf JBergr, mit hoch- 
gelegener, freundlicher Kirche. Schöner 
Aussichts-Punkt. Gutes Bierhaus. — Manuell, 
königliches Landgut, 1/2 St. vom Schloss, 
grossartige Schweizerei-Gebäude im Bern er 
Styl aufgeführt, ausgezeichneter Viehstand. 
— Durch den cn. 20 Min. von der Stadt 
und nur einige Tausend Schritt vom See 
entfernten Seewald (gegen 1000 Morgen 
gross) führen in zwei Richtungen die 
Strassen nach Tettnang und Langenargen, 
mit schattigen Bäumen besetzt. Auch in 
diesem Buchen- und Tannenwald finden 
sich viele mit Geschmack angelegte Falu- 
und Fusswege, nebst Ruhe -Punkton mit 
herrlicher Aussicht. 

Ausserordentlich reich ist die Auswahl 
von Waldparticn in der nächsten Um- 



gebung. Schloss Kirchlberg, am See (alte 
Holzgemälde), Sommer-Residenz des Prinzen 
Wilhelm von Baden, anmuthig gelegen. Im 
Garten prächtige Aussicht. Alter Buchen- 
wald mit Lusthäuschen. — Lochbrücke, Dill- 
manshof und OberraderacJi , 1 bis I1/2 St. 
entfernt, sind vielbesuchte Orte mit land- 
schaftlichen Reizen, verbunden mit billiger, 
zuvorkommender Bedienung. 

Mittelst Eisenbahn nach MecTcenheuren 
und nach Tettnang (1400 Einw., Oberamt), 
Hauptort der früheren Montfortschen Herr- 
schaft. Grossartiges, neues Schloss, 1758 
nach dem Brand wieder hergestellt, mit 
sehenswerther Sohlosskapelle. Bacchussaal 
mit trefflichen Gemälden (mehre von 
Angelika Kaufmann), hübschen Gärten und 
interessanten alten Grundmauern. Das 
Herrlichste ist hier jedoch die umfassende 
Aussicht von den Altanen des Schlosses, 
welches gegenwärtig Sitz der Behörden 
ist. — Rückweg über die gute Brauerei 
,, Schaf erhof". 

Meersburg (Sch-iff. — Bär. — 

Löioe), romantisch gelegenes, durch 
Felsenschlösser bewachtes, sehr altes 
badisches Städtchen, angeblich von 
König Dagobert gegründet , später Zu- 
fluchtsort und Lieblings -Residenz der 
Bischöfe von Konstanz , zuletzt des 
Fürst-Primas Karl Theodor v. Dalberg. 
Johannes Heugelin , Pfarrer aus Serna- 
tingen wurde, ein Opfer des Glaubens- 
fanatismus, im Jahre 1527 lebendig 
hier verbrannt. 

Das ulte Schloss, wahrscheinlich 
von den Franken erbaut, war 1838 bis 
1855 Wohnsitz des berühmten Germa- 
nisten Freiherrn v. Lassberg; seine 
kostbaren antiquarischen Schätze kamen 
durch Kauf nach Heiligenberg. Das 
neue Schloss, vom alten durch eine 
tiefe Schlucht getrennt, 1750 von Bag- 
nato erbaut, diente früher als bischöf- 
liche Residenz. In demselben Pracht- 
zimmer mit vergoldetem Täfelwerk und 
Gobelins; schöne Aussicht nach Con- 
stanz und über den ganzen See bis 
Bregenz. Auf dem Friedhof Gräber 
des Magnetiseur Mesmer ^ des Freiherrn 
V. Lassberg und der Dichterin Annette 
V. Droste - Hülshoff. Beraerkenswerth 
noch : das JcathoUsche Schullehrer - Se- 
minar mit schöner Kirche und grossen 
Gärten. 

Das weithin sichtbare Glänzen der vielen 
Treibhausfenster erzeugte die sprüchwört- 
liche Redensart: „Es glänzt wie Meersburg" 



289 



32. Route: Der ßodensee und seine. Ufer. 



290 



Kathhaus mit geräumigem Saal. — 
Dominikaner- Fr auenhloster (jetzt Brau- 
haus) und das uralte Getreidehaus am 
See, vor Allem aber die -weitläufigen, 
herrschaftlichen Weinlceller mit kolos- 
salen Fässern voll der besten Weine zu 
billigen Preisen. — Badeanstalten. — 
Dampfschifffahrten nach allen Ufer- 
stationen täglich mehre Male. 

Exkursionen: Nach dem umfangreichen 
Gebäudekoniplex des ehemaligen freien 
Reichsstifts Salem mit merkwürdigem Mün- 
ster, vielen Gemälden und Antiquitäten; 
den grossen Kaisersaal im Rococogeschmack 
zieren lebensgrcsse Statuen sämmtlicher 
deutscher Kaiser. — Nach Heiligenberg, 
prachtvolles fürstlich Fürstenbergsches 
Schloss mii alter Kapelle, berühmtem Ritter- 
saal uud werthvollen Sammlungen, einer 
der schönsten Punkte des ganzen Bodensee- 
Ufers. Herrliche Rundschau bis zu den 
Schneegipfeln des Berner Oberlandes von dem 
Schlossbau (2400 F, üb. M.). — In der Nähe 
die grosse Freundschaf tshöJde , Ruine AU- 
Heiligenberg "uil Heinrichsquelle. 

Üeberling-en, badisches Städtchen 
auf Sandfelsen, 4000 Einw. 

Gasthöfe: Löwe, am See, mit Caf6. — 
Krone. 

Bäder: See - Badeanstalt mit Schwimm- 
bassin, gut bewirthschaftet, sehr billig; im 
Sommer starke Frequenz. — 3Iineralbad in 
der Vorstadt mit Garten am See. 

Dampfschiffe : Tägl. mehrmals nach allen 
Ufer- Stationen des Sees u.bis Schaflfhausen. 
Berühmt durch den heroischen 
Muth der Bürger während einer Be- 
lagerung im 30jährigen Kriege, zeigt 
das Städtchen heute noch ein ehren- 
festes, mittelalterliches Aeussere und 
besitzt an Sehenswerthem : die gross- 
artige MünsterJcirche, fünfschiffig, 
gothisch, die herrlichste Kirche am 
Bodensee, mit der grossen klangreichen 
Glocke Osanna; 12 Kapellen, reich 
verzierter Hauptaltar und gut in 
Sandstein gearbeiteter Oelhcry vor der 
Kirche. — Bathhaussaal mit Schnitz- 
werk uud Porträts der deutschen 
Kaiser. — Heiligengeist- S^ntal mit gothi- 
scher Kapelle. — Das Reichlin- Mel- 
deggsche Haus von 1462. — Die Jo- 
hanniter- und Maltheser-Kommende St. 
Johann über der Stadt gelegen. — Der 
a,\ie Pfennigthur m liehen dem Kathhausc 
mit dem städtischen Archiv uud die 
reiche Leopold- und Sophienhibliothch 
im alten Zeughaus. 

Bcrlcpsrh' Süd -Deutschland. 



Exkursionen : Nach dem viel besuchten 

St. Leonhard (V2 St.;. Sehenswerthe Kapelle 
von 1437. Gute Wirthschaft mit schönen 
Aussichts-Punkten. — Nach der Ruine Alt- 
Birnau und dem Eeiden'keller (Bierbrauerei). 
— Neii-Birnan und Mauraeh. Eisteres be- 
sitzt ein Schloss und eine berühmte Wall- 
fahrtskirche. — Nach Goldbach; — Schlöss- 
chen Spechtshard mit Restauration und den 
Heidenlöchern, verschiedenen Höhlen, Kam- 
mern und Nischen im Molassesandstein, 
der Sage nach von den ersten Bekennern 
des Christenthumes hiesiger Gegend zu 
Versammlungs - und Zufluchtsorten benutzt. 
LudwigSliafen {* Adler), früher 
Sernatingen genannt, badischer Spedi- 
tionsplatz, am äussersten Ende des 
Ueberlinger Sees gelegen. Dampf - 
schffe von und nach allen Uferstationen. 
Gegenüber (V2 St. mit Kahn 24 kr.) 
Schloss Bodmann, früher königliche 
Pfalz , in welcher Ludwig der Fromme, 
Karl der Dicke, Kaiser Ludwig III. 
(das Kind genannt) und König Konrad I. 
residirten. Zu den sehr interessanten 
Ruinen der ¥e\senhurg Karg egg IV2 St. 
Fussweg von Bodmann. 

Exkursionen: Nach S<ociacÄ (Eisenbahn- 
station), dem romantisch gelegeuen Schloss 
Langenstein und der Ruine Homburg. 

{3== Wer in einer zusammenhängenden 
Tour die Ufer des Bodensees bereisen 
will, wird von Ludwigshafen mit < der 
tägl. Vorm. und Nachts abgehenden Post 
nach der Eisenbahnstation (1 Meil.) 
Stockach, Taxe 12 kr., und von dort 
mit der Bahn nach Radolfzell (I. 45 kr. 
II. 30 kr. III. 18 kr.) fahren. 
Radolfzell am Untersee, Station 
der Badischen Staatsbahn (R. 73) 
f* Krone. — Hirsch), Städtchen mit 
Thoren, Mauern und Thürmen von 
mittelalterlichem Ansehen. Bedeuten- 
der Fruchtmarkt. Ein Baudenkmal 
romanischen Styles ist die katholische 
Pfarrlcirchc mit einer Krypta unterm 
Chor und dem Grabmal des 874 hier 
gestorbenen heil. Ratoldus. — Unter- 
iialb der Stadt die 1 St. lange Erdzungo 
im See, Mattnau genannt, mit Wein- 
bergen. Von der Spitze derselben 
kann man leicht mit einem Kahn die 
nahe gelegene Insel Reichenau (S. 295) 
erreichen. 

In dor Nähe auf einer Anhöhe, den See 
beherrschend, die empfehlensworthe Pcn- 
sions- und See -Badeanstalt ScliloSsi Marbacll 
mit 22 Zimmorn, 2 grossen Sälen, Belvedere, 
guter Bedienung uud billigen Preisen. 
10 



291 32. Route: Bregenz — Lindau — Friedriclishafen -- Oonstanz. 292 



Constanz. 

Gasthöfe: --'ffecht, am Fiscbmarkt, Aus- 
sicht. — ''f Adler, an der Marktstätte, der 
nächste beim Bahnhof; schattiger Garten 
mit Platanen, Restauration mit Cafe und 
Bier. — Hotel Halm, nahe am Hafen. — 
''•'Badischer Hof, Paulsstrasse, gut, billig, em- 
pfohlen. — Krone. — ■•'Falke, Kreuzlinger 
Vorstadt, neugebauter, sehr guter Gasthof, 
mit billiger, recht guter Pension. 



Cafe - Restauranis : Duttlinger, am oberen 



Dietrich, bei der 



Hager mit 
Schwanen. 



Markt ("Barbarossa). 
Post. — " Bahnhof. 

Bier: Sonne mit Garten. 
GarteD. — Kees. — Steinbock. 
— Vollmar. 

Eisenbahn: Endstation der Badischen 
Südbahn. Täglich kommen 9 Züge an und 
ebenso viel gehen ab , von diesen 3 durch- 
gehende Züge bis Heidelberg und weiter. 
Die Verbindungsbahn mit Eomanshorn 
wird nächstens vollendet; die Strecke E.o- 
manshorn — ßorschach (S. 298) ist bereits 
eröffnet. 



Taxen: 



!*;•- 



Von Constanz nach 



Personenzuj 



In fl. und kr. 



I. Kl. |II. Kl. IUI. Ki. 



Schnellzug 



In fl. und kr. 



I. Kl. III.KI. 



6,8 
7,2 
19,5 
27,9 
43,2 
46,1 
52,5 
56,0 



Schaffhansen . . . . 
Neubausou (Rheinfall) 

Basel 

Freiburg 

Baden ...... 

Karlsruhe 

Heidelberg .... 
Manuheim 



Dampfschiff: Tägl. 4mal nach Biegeng; 
f2 fl. 12 kr.] 1 fl. 27 kr. — Friedrichshafen 
5mal [l fl. 6 kr.] 42 kr. — Lindau 4mal 
[1 fl. 57 kr.) 1 fl. 18 kr. — Bomanslwrn 3mal 
154 kr.] 36 kr. — Rorschach 'im&l [1 fl. 30 kr.] 
1 fl. — Ueberlingen 3mal [36 kr.| 24 kr. — 
Schaffhausen tägl. früh [1 fl. 24 kr.] 

Post: Tägl. nach Eomanshorn (33/4 St.) 
in 21/4 St., 2 Fv. 15 G. — St. Gallen (Si/s St.) 
in 7 St. per Amrisweil, 3 Fr. 95 C, per 
llomansliorn in 5 St., 4 Fr. 25 C. 

Seebäder : Am Hafen , sehr gut orga- 
nisirte Einrichtung mit Douche und Dampf- 
bädern. 

Constanz, Hauptstadt des badischen 
SeekreisGS (seit 1805), in fruchtbarer, 
schöner, gesunder Gegend am Ausfluss 
des Obersees in den Untersee gelegen 
und mit den gegenüberliegenden Vor- 
städten Petershausen (früher Reichs- 
abtei) und Neuhausen durch eine Brücke 
(herrliche Aussicht auf die Alpen und 
das Hegau) verbunden, ist Sitz eines 
Kreis- und Hofgerichtes, Landeskom- 
missärs, Haupt -Zollamts und Garnison 
eines Infanterie -Regiments. — Alter- 
thüinlich gebaut und lange verkümmert, 
zählte Constanz zur Zeit des grossen 
Kirchenkoncils über 40,000, jetzt 9260 
Einw., meist Katholiken (1400 Prote- 
stanten, 150 Juden), die von Landbau, 
Handel, Spedition, Schifffahrt und Fa- 
brikation leben. — In den letzten 



2 


6 


1 


24 


_ 


2 


12 


1 


30 


_ 


5 


57 


4 


3 


2 


8 


30 


5 


48 


3 


12 


45 


8 


42 


5 


14 


6 


9 


36 


6 


16 


18 


11 


6 


7 


17 


6 


11 


39 


7 



9 3 
14 3 

14 30 

15 39 

16 18 



Jahren ist durch ungewöhnliche An- 
strengungen der Gemeindebehörden und 
Bürger sehr viel zur Hebung der Stadt, 
für ihre Verschönerung durch öffent- 
liche Anlagen und für den Komfort der 
immer zahlreicher sich einfindenden 
Fremden geschehen. 

Stadtgeschichte. Gegründet vpahrscheiu- 
lich als römisches Kastell des Constantius 
Chlorus um 304, vpurde Constanz 553 
Bischofssitz und vielfach Aufenthalt der 
Könige und Kaiser, z. B. Karl d. Gr., 
Karl des Dicken (828) , Arnulf, Konrad I. 
(912), Otto I. (965), Otto III. (1000), Kon- 
rad II. (1025), Friedrich Barbarossa's. 
Fürstentage 1153, 1183 und 1358. Juden- 
verfolgung 1348 bis 1425 (Halevy's Oper: Die 
Jüdin). Grosses Koncil 1414 bis 1418, auf 
dem die Gegenpäpste Johann XXIII., Gre- 
gor XII. und Benedikt XIII. abgesetzt und 
Martin V. gewählt, Johannes Hus am 8. Juli 
3415 und Hieronymus von Prag 1416 zum 
Tode verurtheilt und verbrannt wurden 
(Ursache der Husitenkriege). Anwesend wa- 
ren: Kaiser Sigismund,Papst Johann XXIII., 
25 Kardinäle, 4 Patriarchen, 2 Kurfürsten, 
23 Herzoge, 5 Fürsten, 19 Erzbiscliöfe, 
300 Bischöfe, 100 Prälaten und 3800 Priester. 
Entnervende Unzucht und Schlemmerei. 
(1500 „fahrende Dirnen".) Der Kaiser 
musste seine Schätze versetzen, um ab- 
ziehen zu können. Dieselben blieben Jahr- 
liunderte lang im Versatz, und als man die 
Kisten öfi"nete, war Plunder und Steine 
drin. Constanz hatte 1523 die Reformation 
angenommen, wurde aber 1548 durch Karl V. 
zur Rückkehr unter die Herrschaft des 



29.^ 



:r2. Route: Der Bodensee und seine Ufer. 



294 



Papstes gezwungen. 1740 Uebergabe an die 
Franzosen unter Clermont. — 1785 veran- 
lasste Kaiser Joseph II. die üebersiedlung 
von genfer Fabrikanten. Im französischen 
Revolutionskriege 1796 und 1799 von fran- 
zösischen Truppen besetzt, fiel Constanz 
1806 an das Grossherzogthuni Baden. 1827 
wurde der alte Bischofssitz nach Freiburg ini 
Breisgau verlegt. (Ausführlicheres in der 
geschichtlichen Topographie von Marmor.) 

Der Doiilf Säulen -Basilika, ur- 
sprünglich romanischen Styls (11. 
Jahrb.), mit Gruftkirche (Krypta) unter 
dem Chor , mit späteren Ergänzungen 
im gothischen Styl ; grösste Kirche am 
See; restaurirt. Hauptportal mit Eichen- 
holz - Skulpturen (Leidensgeschichte) 
von Lerch, 1470. Im Chor 72 ge- 
schnitzte Domherrenstühle von hohem 
Kunstwerth. Altarblatt am Nepomuks- 
Altar. Hochaltar mit grossen silbernen 
Statuen. Die Welsersche Kapelle mit 
dem Grabmal des 1490 verstorbenen 
Bischofs Otto IV. Ueber dem Haupt- 
portal Madonna von Reich und am 
nördl. Seitenportal Statuen von Hans 
Baur. Eeiche Schatzkammer. Die 
skulpturenreiche Treppe im Thomas- 
Chor. Kapelle des heil. Konrad. In 
der heiligen Grabkapelle Marmor -In- 
schrift aus Vitoduruni (Römerzeit). Im 
mittleren Gange die Steinplatte, auf 
welcher Hus vor dem Verbrennen der 
geistlichen Würden entkleidet -wurde. 
Viele Grabmäler von Bischöfen und 
Grossen des 14. und 15. Jahrb., dar- 
unter Wessenbergs Denkmal. Dem 
Küster 24 kr. Trinkgeld. Auf dem 
;Münsterthurme (202 F.) prächtige Rund- 
sicht über die Stadt, das Land, den See, 
die Alpen und ins Hegau ; gutes Fern- 
rohr. Stephanshirche, gothlscher Bau 
mit schönen Glasgemälden, Chorstühlen 
und guten Reliefs. AugustinerJcirchc 
mit Altarblatt von Marie Ellenrieder. 
Im KailfJiaUSe (am See) neu restau- 
rirter Saal mit Holzgetäfel, der sogen. 
Koncümms - Saal , worin 1417 das Kon- 
klave der Kardinäle tagte. Fresken 
aus der constanzer Kulturgeschichte 
von Fr. Pecht und Schwörer; Entree 
Sonnt. 3 kr., an den Wochentagen G kr. 
Sammlung von Antiquitäten und Kurio- 
sitäten. Eintritt24kr. — Vincents Samm- 



lung naturhistorischer und antiqua- 
rischer Gegenstände in einem schönen 
gothischen Saale neben dem Dom über 
dem Kreuzgang. Eintritt 28 kr. 

Im Lyceum Sammlung Oenioger Petre- 
fakten. — Wessenberghaus ; Sammlung von 
Oelgemälden (Eigenthum des Grossherzog.s) 
und Kupferstichen, sowie Funden ans den 
Pfahlbauten. — Städtisches Kanzleigebäude, 
Florentiner Renaissance, Fresken von Wag- 
ner, Glasgemälde von Spengler. 

Das Wohnhaus von Hus in der 
Paulsstrasse mit dessen Brustbild und 
das frühere Dominihaner - Kloster (jetzt 
Fabrik) auf der Genfer Insel , wo Hus 
gefangen sass. Das Duttlingersche 
Kaffeehaus ,, Barbarossa" mit der In- 
schrift: curia pacis constantiae. Anno 
M. C. L. XXXIII., in welchem Friedrich 
Barbarossa mit den lombardischeu 
Städten Frieden schloss. — Hafen mit 
LeuchttMirm. — GlocJcengiesserei von 
Rosenlächer. — Museum, Zeitungslokal, 
in das man eingeführt werden kann. 
Auf dem Brühl (Vorstadt Paradies) 
Hus-DenTcmal , erratischer Block mit 
Inschrift auf der Stelle, wo Hus und 
Hieronymus von Prag verbrannt wurden. 

Exkursionen auf der badischen 
Seite: '•'i^rieJric/is/iö/ie, ausgedehnte Fern- 
sicht über den ganzen Bodensee und die 
Alpen von Vorarllierg bis in den Kanton 
Schwyz. — St. LorettO- Kapelle mit herr- 
licher Aussicht, lioch über dem Dörfchen 
Staad. Gutes Wirthshaus am See mit Aus- 
sicht auf den Ueberlinger See und die 
Mainau. Nahebei der Almannsdorfer Kirch- 
hof mit ausgedehnter Fernsi' ht (45 Min.). 
Insel 3Iainau, IV2 St. (Fussweg durch den 
Katharinen-\\ ald) Eigenthum und Sommer- 
sitz des Grossherzogs von Baden, herrliche 
Terrassen-Insel mit Schloss, früher Deutsch- 
herren-Kommende. Ordenssaal, W;ippen- 
schilde der Komtbure im Treppenhausc. 
Grosse Gärten. Eintritt gestattet. Wirtli- 
schaft zun) Jal.ob ; schöner Fussweg durch 
den Loretto- Wald oder Gondelfahrt und 
Gang über den Leopoldsplatz in Hinter- 
hausen. 

Tabor, l.^Sl F. (50 Min.), bei WoUinft- 
tingen ; schöner Gang durch Wald und Aus- 
sichts-Thurm. 

Nach Aliensbach, zweite Bahnstation 
(S. 73), nett gelegenes Porf, Irüher bofostig- 
tes Städtchen, im 30jährigon Kriope zer- 
stört. Merkwiirdig durch das Auffinden von 
Grabhügeln mit menschliclien Gebeinen, 
alten Wnffen uud J^chuuuUgeRen.''tnniien. 
Wahrscheinlich war hier in vorhistorischen 
Zeiten eine alemannischo Kolonie. 
10* 



295 32. Route: Bregeiiz — Lindau — Eriedrichsliafen — Constauz. 296 



Schweizer Seite: Schloss Castel 

(1697F.) mit Garten an lagen und wildschönem 
Tobel; Scliloss Wolfsberg fl^/iSt.); Areiien- 
berg (S. 2%) (2 St.) und nahebei die Schlösser 
Eugensberg, Salenstein, Hardt. — Besraer 
mit dem nahegelegenen Gute Schroffen 
(3/4 St.). — Berg (21/4 St.) mit herrlichem 
Blick ins Thnr- Thal und auf die Alpenkette, 
und Birwinken (Amtsbezirk Weinfelden), 
21/2 St. Terrasse oberhalb Nagelsliausen. 

Dampf bootfahrt auf dem Unter- 
oder Zellersee und Ehein : 

Tägl. 2 Kurse zwischen Constauz und 
Schaffhausen in 4 St. [1 fl. 24 kr.J 54 kr. 
Retourbillete (ca. I1/3 einfacher Preis) 2 Tage 
gültig. 

L. Schloss Gottliehen (Gasthof zur 
Krone) , dem Grafen Beroldingen ge- 
hörig, 1250 erbaut, von Kaiser Louis 
Napoleon, als er politischer Flücht- 
ling in der Schweiz war, bewohnt und 
restaurirt. In dem östlichen Thurm, 
oben unter dem Dach Gefängniss , in 
welchem Hus und Felix Hämmerlin 
darbten. Auch der Papst Johann XXIII. 
sass drei Tage hier gefangen. Weiter 
hinten an der Höhe die Schlösser Castel 
und Pflanzberg (prachtvolle Aussicht). 

L. Ermattingen ^^cZZer. —Krone), 
grösste Fischerei am Untersee und 
Handel mit Gangfischli (S. 278) und 
Wasservögeln. — Unterhalb Schloss 
JEfarcZimitkostspieligenGewächshäusern 
und Parkanlagen. Höher Schloss Wolfs- 
herg , jetzt klimatische irMrawsteZi des 
Herrn Bürgi - Ammann (früher Wirth 
auf Kigikulm) mit Einrichtung für 36 
bis 40 Personen. Bäder , Molken, 
Pension, tägl. 5 bis 6 Fr. Gelobt. Auf 
dem Hohenrain lohnender Aussichts- 
Punkt. — Villa Zappi. 

K. Insel Reiclienau, 1V4 St. lang, 

V2 St. breit (mit 3 Dörfern, Ober-, 
Mittel- und Unterzell und der Schloss- 
ruine Schopfein) , einst reiche Benedik- 
tiner-Abtei, 724 von Karl Martell 
gestiftet, deren Mönche (Winfried 
Strabo, Berno, Heinr. v. Klingen- 
berg etc.) sich vom 9. bis ins 16. Jahrh. 
grosso Verdienste um die Wissenschaf- 
ten erwarben. In der Klosterkirche 
Grab Karl des Dicken. Mancherlei 
Kuriositäten, z. B. ein 28 Pfd. schwerer 
Smaragd (nur Glasfluss) Karl d. Gr. ; 



grosser Pokal etc. Schönster Aussichts- 
Punkt die ,,Hochioacht''. 

L. Arenenber^, in den 30er Jahren 
Wohnsitz der ehemaligen Königin von 
Holland, Hortensie und ihres Sohnes, 
des jetzigen Kaisers Napoleon III., 
dessen Eigenthum es gegenwärtig noch 
ist. Man erzählt dort heute noch viel 
Anekdoten von ihm. Die Königin 
starb hier am 5. Okt. 1837. Das Schloss 
birgt viele Kunstschätze, meist Erinne- 
rungen an die Napoleoniden. — Schloss 
Eugensberg , einst dem Vicekönig von 
Italien, Eugen Beauharnais, gehörig. — 
Auf hohem Fels Schloss ^Salenstein, 
mittelalterlich, früher der Patrizier- 
Familie Muntprat in Constanz gehörig. 

L. Berlingen und Steckboi'U, thur- 
gauer Orte mit Fischerei und Wein- 
handel. Schloss Sandegg (älteste Burg 
am Untersee). Der See wird immer 
schmäler und nimmt nach und nach 
Flusscharakter an. Am rechten Ufer 
die petrefaktenreichensSteinbrüche bei 
Oehningen im tertiären Süsswasserkalk. 
Besitzer Barth hat immer Sammelstücke. 

L. Kloster Feldbach ; weiter Glarisegg, 
dem Fürsten von Waldeck gehöriger 
Landsitz. Dann am Waldeshang Euine 
Neuenbürg und darunter Dorfil/ammerw^ 
Kaltwasser-Heilanstalt des Dr. Freuler. 
Schloss Liebenfels, früher dem Deutsch- 
Patrioten Follenius gehörig. Daneben 
Wallfahrtsort-2'Zzn^ew;<;eZZ. Tiefer Schloss 
Freudenfels , dem Kloster Einsiedeln 
gehörig. Bei Eschenz fliesst der See 
als Ehein aus. Eheininsel : ,,Im Word". 

E. Stein am Bliein (Schwan), sehr 
altes Städtchen, brannte am 27. Aug. 
1863 beinahe zur Hälfte ab. Darüber 
das im 9. Jahrh. erbaute Schloss J^oAen- 
Tclingen, gut erhalten. 

Endlich Schaffhausen (E. 73) , End- 
punkt der Dampfschifffahrt. — Nahe: 
Gasth. zum Schiff und Trambaur zur 
Post (beide gut). 

III. Schweizer Seite: 

Kreuzling-en (*H6tel und Pension 
Helvetia, mit Seebädern, Gartenwirth- 
schaft und Molkenkur, gut und billig; 
Pension 4 bis 5 Fr. tägl. — Löioe). 



297 r32. lioute: Breoreiiz — Lindau — Friedriclisliafen ~ Constanz. 298 



Fast unmittelbar vor den Thoreu 
von Constanz, 936 gestiftete Augu- 
stiner-Chorherrenabtei, im Schwaben- 
und 30jährigen Kriege geplündert und 
niedergebrannt, später reuovirt, jetzt 
thurgauer Kantonal - Lehrer - Seminar 
und landwirthschaftliche Schule. In 
der Kirche grosses Holzschnitzwerk, 
Leidensgeschichte Christi, ca. 1000 Fi- 
guren. In der Nähe an der Strasse 
nach Romanshorn auf einer Anhöhe die 
ehemalige Benediktiner - Frauenabtei 
Milnsterlingen (jetzt treffliche Irren - 
Heilanstalt). 

Die Eisenbahn von Constanz nach 
Romanshorn ist im Bau. 

Romanshorn. 

Gasthöfe: ■'•üolel Bodan, unmittelbar 
hinter der Eiusteighalle, recht gut; empfoh- 
len. — Rbmcrhorn, billiger, 200 Schritt vom 
Bahnhof. 

Eisenbahn: Tägl. 5mal nach Winlerihur, 
Schaffhausen, Zürich und weiter. 
Taxen: 



nach 



Basel 

Bern 

Freiburg (Scliweiz^ 

Genf 

Glarus 

Lausaune . . . . 

Luzcrn 

Neuenburg . . . 

Ölten 

Schaffhauseu . . . 
Solothurn . . . . 

Thnu 

Vivis (Vevey) . , 
Waldshut ." . . . 
Winterthur . . , 
Zürich 



I. 



75 



n. 



III. 



Direkte Personen- utul Rundreise-Billets 
nach allen übrigen Uauptstationen der 
scliweizerischen , sowie der süddeutschen 
Bahnen. 

Dampfschiff: Tägl. 4mal nach Bregenz 
[2 Fr. !»0 C] 1 Kr. 95 C. - Constanz 3mal 
[I Fr. 95 C.J 1 Fr. 3Ü C. — Friedrichshafen 
4mal [1 Fr. 10 C] 75 C. — Lindau 5mii\ [2 Fr. 
35 C] 1 Fr. 50 C. - liorschach 4mal [l Fr. 
40 C] 85 C. 

Romanshorn, (das römische cornu 
Romanorum), thurgauer, sehr belebter 
Ort, seit Erbauung der Eisenbahn be- 
deutend aufgeblüht; neuer Hafen, der 
grösste und zweckmüssigstc am Boden- 



see. Bedeutendster Koramarkt. Ge- 
treide-Einfuhr in die Schweiz über hier 
und Rorschach wird auf jährlich 2 Mill. 
Ctnr. veranschlagt. — Ausgedehnter 
Bahnhof unmittelbar am See. Aktien- 
Badeanstalt. 



Von hier Eisenbahn längs 
des See-Ufers mit prächtiger 
Aussicht nach Rorschach über 
nachfolgende Stationen : 

Arbon, römischen Ursprungs (arbor 
felix). 

Gasthöfe: Zum Kreuz, schöne Aussicht. 

— ■'■Hirsch mit Garten am See, Billige 
Pension. — Krone , bester Wein. 

Hier starb der beil. Gallus. Schloss- 
thurm aus Merovinger Zeiten. Letzter 
Aufenthalt Konradins von Schwaben 
(vergl. S. 155 und 258). Schöne restau- 
rirte Kirche mit Glasgemälden. 

Horn (Stern. — Sonne) , Seebäder, 
Molkenkur; billiger Sommeraufenthalt 
für Fremde. AVohnsitz des berühmten 
Palästina - Reisenden und Topographen 
Dr. Titus Tobler. — Villa Seefeld (Som- 
mersitz der verwittweten Königin von 
Würtemberg). Reizende Umgebungen. 
In 5 Min. per Bahn nach 

RorSCliacll (Kanton St. Gallen). 

Gasthöfe: '■'■Seehof , gelobt, schöne Aus- 
sicht, Pension. — ''-'Hirsch, neu gebaut, mit 
dem Lesezimmer der Museums-Gesellschaft. 

— Anker, beste Weine. — Krone. — Schiff, 
billig. — Grüner Baum. 

Möblirte Zimmer bei Wittwe Lindenmann, 
schöne Lage am Hafen, gute Betten ; 
empfohlen. 

Bier und Restaurants: CaU Knöpf er, im 
Seehof, mit Garten am See, Killard, sauber 
und nett. — FaUers Bierhaus am Hafen. 

— -'Restauration von SchiffsUapitän Stierlin, 
mit guter Aussichts -Plattform, am neuen 
Bahnhof. 

Bäder: AJitie7i - See - Badeanslalt für 
M:iunei und Frauen, vor der Stadt. Bad 
ohne Wäsche 20 C. , mit Leintuch und 
Sclnvimmluisü 10 C. 

DampfschifF: Tägl. 5mal nach Bregenz 
[2 Fr. 5 C] 1 Fr. 40 C. - 3mal nach Con- 
stanz [3 Fr. 20 C] 2 Fr. 15 C. - 4mal nach 
Friedrichshafen [l Fr. ;>5 C] 1 Fr. 30 C. — 
7mal nach Lindau [1 Fr. GO C] 1 Fr. ^ C. — 
2mal nach Mecrslmrn [3 Fr. 10 C] 2 Fr. 5 T. 

— 2mal nacli Ueberl'ingen [4 Fr. 20 C] 2 Fr. 
SO C. ^ 



299 



33:Boute: Miinchen (Uasthöfe). 



300 



Eisenbahn -Taxen: 



nach 

Basel (via Eontanshorn) . 

Bern 

Chur 

Genf(viaRomanshorn-Bern) 

Glarus 

Luzern (via Romanshorn) 

Eagatz 

Eappersweil 

ScliHffhausen (viaRomansb.) 

St. Gallen 

Stuttgart 

Thun (via Romanshorn) . 

Walleustadt 

Wesen 



Winterthur (via Romansh.) 
Zürich 



11. 



III. 



Kleines Handgepäck frei. Rundreise- 
Billets für 5 Tage. Direkte Billets für die 
Hauptstationen der süddeutschen tmd fran- 
zösischen Bahnen. 

NB. Reisende, welche nach Zürich 

wollen, fahren jetzt nicht mehr über 

St, Gallen, sondern über Romanshorn 

mit der Nor dost -Bahn, weil man um die 

gleiche Pahrtaxe 2 St. früher ankommt. 

BesteHötelsin Zürich : I. R a n g e s : 

■•'Hölel Baur, au Lac, vortrefflich, volle 

Aussicht. — ■■•-Hotel Baur, in der Stadt, 

sehr gelobt. — ''-^ Rötel Bellevue , Aussicht 

über den See. — ■'■Schwert. — II. Ranges: 

Züricher Hof. — * Storch (gut). 

Rorschach hat keine lokalen Sehens- 
w^ürdigkeiten , wird aber seiner reizen- 
den Umgebungen halber von Fremden 
gern zum Badeaufenthalt gewählt. In- 



dessen hat dieser, seit Friedrichshafen 
so grosse Anstrengungen macht, merk- 
lich abgenommen. JDer Flecken ist 
städtisch gebaut , hat 2600 katholische 
Einw. und einen bedeutenden Korn- 
markt. Jetzt wird ein neuer Bahnhof 
(wegen der Verbindungsbahn mit Eo- 
manshorn u. Constanz , S. 298) gebaut u. 
der Hafen erweitert. Neuerbaute prote- 
stantische Kirche. 

Spaziergänge: Kloster Mariaberg ober- 
halb der Stadt (jetzt Realschule und Lehrer- 
Seminar), schöne Aussicht über den See. 
Etwas höher St. Anna- Schloss, halb Ruine, 
die Aussicht umfassender, und noch 3/4 St. 
höher der Hossbühl mit vollem Umblick 
über See und Säntiskette. Zum Marlcgräjler- 
Häuschen 3/4 St. — Schloss Wartensee und 
und Wartegg. 

Exkursion nach Heiden (Omnibus oder 
angenehmer Fussweg über das Markgräfler- 
Häuschen). Bekannter, hocbgelegener , ge- 
suuder Kurort, besonders Augenkranken 
empfohlen, ganz neu aufgebaut. Herrliche 
Rundsichten in der Nähe. (Kayen 3442 F.) 

Für Touren ins Rhein - Thal nach 
Ragatz, Pfäffers und Chur oder in die 
Viamala, — nach Zürich, an den Vier- 
waldstätter See und auf den Rigi oder 
ins Berner Oberland, sehe man Ein- 

lässiiches in Berlepsch' „Schweiz", 
6. Aufl. Ausgabe I. mit Stahlstichen, 
Ausgabeil. ohne Stahlstiche u. indessen 
kleinerem ,, Wegweiser durch die 
Schweiz". 



München. 
33. Route: Die Stadt und ihre Umgebung. 

(Vergl. beikommonden Stadtplan.) 



Gasthöfe : I. Ranges: * Vier Jahres- 
zeiten (A. Schimon), in der Maximilians- 
strasse, nahe beim Theater und National- 
Museum (PI. 26, F4) und unweit des Eng- 
lischen Gartens. 200 Zimmer von 1 fl. 
aufwärts. Schön ausgestattete kalte und 
warme Bäder. Elegante Einrichtung der 
Zimmer. Lese- u. Rauchsalon mit Bibliothek. 
Restaurant itnd Cafe mit Billards. — ■•^Baye- 
rischer Hof (HerrE- Lorch), am Promenade- 
platz Nr. 11) (PI. 15, E4). In beiden Hotels 
T. d'h. 1 Uhr, ohne Wein 1 ti. 24 kr.; 
5 Uhr 2 fl., Service 24 kr., Kaffee oderThee 
von 24 kr. an. Omnibus vom und zum 
Bahnhof ohne Gepäck 18 kr. — *H6tel Belle- 
vue (Munkerl), am Karlsplatz. Sehr freund- 
liche Bedienung, mehrfach empfohlen. — 
'•■IJölel Leinfelder, Karl.splatz (PI. 20, D 4), be- 



sonders als Familien -Hotel viel frequentirt. 

— Marienhad-Höte.l (J. Kopp), Barer- 
strasse Nr. 4 (PL 21, D3), mit warmen Bä- 
dern und Garten; — letztere beide auch 
Hotels garnis. 

II. R a u g e s : Englischer Hof (frühev Blaue 
Traube), Dionersg., massige Preise. — Hölel 
ßetzer (früher Maulik), Kaufinger Strasse Nr. 
2Z. — OherpoUinger, Neuhauser Strasse (PI. 2:j, 
D4), nahe dem Karlsthor. Diner a la Carte. 
Gut und billig. Abds. oft Koncerte im 
Restaurant. —ITtf/eZ Maximilian, Maximilians- 
strasse Nr. 2G (PI. 22, F4) , mit grossem Restau- 
rant. — Goldener Bär , Fürstenstrasse Nr. 5. 

— Augsburger Hof, 'Schützenstrasse Nr. 21 
(PI. 14, D4), beim Bahnhof, stark besucht: 
Verzehrung unabhängig vom Logis.— *^Iihei- 
nischer Hof, Bayer - Strasse (PI. 24, C 4), 







1 Jc€idjejrviif'^S^.tLei* Kvjuttje - 
2 /I ff'uä^'.rt H . TamboKl. 
K lldhnliöfr,Vrj-ci.nilitr 

4 BihUoOirh .Jlafu.SUiaU 

K,n;a«iJ,oi. 

7 Briglus,epvi,Egl.. 

10 Giismata'ei .Vgl 



HEK 







l.„dw1g_F,R<wtrr,lat.ir Ü5 54 TW«»«' ES i 6« Thr«t,^.t,f« Jt^iJ. 

Miurinullan.KuHp'^.ltft.rrM.'RZ I SS Polyt,fh.,ir„,„ K^l . D« 61 Th^t^.r^ia 



n 



301 



33. Jtoute: München (Restaurants und Bier), 



302 



das nächste Hotel beim Bahnhof; gut; stark 
besuchter Mittagstisch. 

E i n f a c h e r : Goldenes Kr euz(H.6te\ garni), 
Kaufinger Strasse Nr. 28. — Deutsches Haus, 
Dienersgasse Nr. 20 (früher Schaffroth), 
Künstlerkneipe. — Stachusgarten , am Karls- 
platz (PI. 25, D4). — Bamberger Hof, Neu- 
hauser Strasse Nr. 26. 

Möblirte Zimmep gibt es in grosser 
Auswahl in last allen Gegenden der Stadt; 
am meisten zu empfehlen sind die in den 
nördl. und westl. neuen Stadttheilen. Die 
|Strassenecken enthalten geschriebene Aner- 
'bietuDgen in Menge; auch an den Thüren 
solcher Häuser, wo Wohnungen zu ver- 
miethen sind, kleben Zettel. Ausserdem er- 
scheint ein Lokalblatt: „Der Quartiergeber". 
— Monatl. zahlt man für ein möbl. Zimmer 
mit Bett, je nach Ausstattung und Lage, 
7 bis 12 fl.; für Bedienung gewöhnlich 1 fl. 
' Wein -Restauranis: ■■'Schleich, Brienner- 
strasse Nr. 8, VI. Eingang. Heine Weine, 
jsehr gute Küche. — '■•'Grodemange , Resi- 
denzstraase Nr, 19 (PI. E, 4), sehr reale 
Weine, vortreflFliche Küche. Von höheren 
Offizieren und auch Mitgliedern des Hof- 
theaters besucht. — Zur Trinkstube hei Neu- 
ner, Herzog -Spitalgasse Nr. 20 (PI. D, 5), in 
gothischem Styl ausgestattetes gemüthliches 
Lokal; gute Küche, gelobte Ungarweine. — 
\Adam., Promenadeplatz Nr. 10 (PI. E, 4), 
jviel Künstler. — ßlittnacht, Fürstenstrasse 
INr. 2 (PI. E, 3), gute Weine. — Junemann, 
' Rindermarkt Nr. 2 (bei der Peterskirche, PI. 
B, 5), vortreffliche Pf älzer Weine. — Queroy, 
j Austernsalon und Delikatessen. — Alle bis 
jetzt genannten halten kein Bier. — Cafe 
\National, Max-.Josephstrasse (PI, D, 3), vergl. 
1 „Gartenwirthschaften". 

Bier -Restaurants: Zunächst sämmtliche 
'Gasthöfe II. Ranges. — ■■■•Cafe Maximilian, 
I Maximiliansstrasse Nr. 26 (PL Nr, 22, F, 4), 
'sehr empfohlen, immer Hofbräuhaus- Bier, 
j gute Küche bei etwas höheren Preisen; 
j elegant. 4 Billards. Sehr viele Zeitungen. 
1 — Cafe de VOpera, Maximiliansstrasse Nr. 23 
I (PI. F, 4 und .5), grösstes Lokal. — Cafe 
I Lorenz, Maximiliansstrasse Nr. 18 (PI, F, b), 
beim National-Museum; wöchentl, einigemal 
Gungl - Koncert. — Caf^ Holzinger, JMaximi- 
liansstra-ise Nr. 6c (PI. G, h) , beim Regie- 
; rungsgebäudo ; elegant. — Cafd Max Emanud, 
Promenadeplatz Nr. 7 (PI. E, 4). — DalV 
\Armi, Frauenplatz Nr. 6 (PI. E, 5), gute 
! Küche, Mittags stark besucht; das bessere 
Lokal im ersten Stock; Abds, von 8 Uhr au 
geschlossen. — Englisches Cafe, Maxlmilians- 
1 platz Nr. 1 (PI, D, 4), mit Garten , im Som- 
1 mer beinahe jeden Abend Musik; stark be- 
sucht. — Westendhalle , Sonuenstrasso Nr, 8 
(PI. D, 5), mit grossem Saal, in welchem 
Sonnt. Volksbälle, in der Woche Koncerto 
stattfinden. Hübscher Garten. — Deutsches 
Haus, Dienersgasse Nr. 20 (PI. E, 5) (früher 
SchaftVoth), Lokal der Künstlersesellschaft 
in gothisch dekorirten Räumen; Einführung 
I durch Mitglieder. — Zum Achatz, am Dult- 
platz Nr. 8, enorm besuchter Mittngstisch, 



gut und billig, für bescheidene Ansprüche 
zu empfehlen. 

Cafe's , eigentliche , ausser den bereits 
genannten: '••C. P)-oZ)s<, Neuhauser Strasse Nr. 
45 (PI. D, 4), Billard; Mittags viel Künstler. 
— Tambosi, am Odeonsplatz unter den Ar- 
kaden (PI. E, F, 3), im Sommer sehr be- 
sucht, wegen des geräumigen Platzes unter 
den Bäumen des Hofgartens; renommirte 
Glaces. — Danner, am Karlsthor, Neuhauser 
Strasse Nr, 40 (PI, D, 4). Diese drei Cafe's 
werden Abds. nach 7 Uhr geschlossen; 
Speisen daselbst zu gemessen, ist nicht ge- 
bräuchlich; Morg. das Glas Kaffee mit oder 
ohne Brod 6 ki-. — Ungerer , Odeonsplatz 
(Eingang Brienner Strasse) Nr. 1 (PI. E, 3), 
4 Billards ; Journale. — Perzel , Frauenplatz 
Nr. 6, viel 'Zeitungen. — ■■'■Caf6 National 
(Maxstrasse PI. D, 3), grosses Lokal mit 
Garten und schöner Veranda. 

Bierhäuser: In den meisten derartigen 
Lokalitäten bekommt man billiges, derb zu- 
bereitetes, warmes Essen in reichlicher 
Quantität. Münchner Bier ist weltberühmt, 
und in Nichts ist der Bewohner dieser 
Residenz kritischer als im Bier; darum ist, 
je nach der Güte und Feinheit des Stoffes, 
auch der Besuch der verschiedenen Loka- 
litäten ein ungemein wechselnder. In den 
ächten Bierhäusern wird das Getränk meist 
aus steinernen Masskrügen (etwa 3 Schoppen 
enthaltend) je nach dem zeitweilig geltenden 
Preise von 7 — 10 kr. getrunken. Alle 
Volksklassen sitzen durcheinander. Es fällt 
durchaus nicht auf, wenn man Essen (Käse, 
Schinken, Wurst, Brod) mitbringt; Papier 
und Ueberreste wirft man, wie Andere es 
zuvor thaten, unter den Tisch, Zu den 
spezifisch münchnerischen Attributen guter 
Bierhäuser gehört während des Sommers 
das ,,Radiw6i", d, h, die Rettigverkäuferin, 
welches in der Regel auch das zur Präpa- 
rirung nöthige Salz in einem Papierl lie- 
fert, — An der Spitze aller dieser Institute, 
als die Quelle des unantastbar reinsieu und 
vortrefflichsten Getränkes, für das der ächte 
Bier - Gourmand leidenschaftlich schwärmt, 
steht das königliche '^//o/iräi^^a»«, ein altes 
Gebäude am Pläizl (Pl.Nr. 13, F, 5), getrennt 
in dasjenige, in welchem Weissbier (Nr. 8) 
und in das , in dem Braunbier (Xr, !t) ver- 
abreicht wird. In letzterem ist der Besuch 
am grössten, namentlich während des Som- 
mers, von früh bis tief in die Nacht be- 
lagert. Der Fremde, welcher nur einiger- 
massen Blicke ins münchner Bierleben thun 
will, muss dasselbe besuchen (Damen nur 
im Sommer in Begleitung von Herren); er 
darf sich durch das dort herrschende sum- 
marische Verfahren u. den daselbst herkömm- 
lichen Sauberkcitsgrnd nicht abschrecken 
lassen. Im Sommer wird nicht servirt, 
man versorgt sich selbst, indem man einen 
Steinkrug zu erobcin sucht, und denselben 
an» laufenden Brunnen ausschwenkt. Nun 
merkt man genau die auf dem Zinndeekel 
gravirto Nummer und drängt sich mit dem 
abgezählten Gelde (für 1 Liter) zum Zapfen : 
1 dort nimmt ein Br.iukuecht Krügol und Geld 



303 



S3. Route: München (Bier. — Grärten. — Droschken). 



i04 



in Empfang und ruft nach etwa einer Minute 
dieNuramem der eingelieferten, nun gefüllten 
Masskrüge laut aus, indem er dieselben mit 
einem Schneller auf den Tisch vorschiebt. 
Wer nicht resolut zufasst, riskirt Krügel 
sammt Inhalt zu verlieren, Reklamationen 
werden nicht beachtet. Wer nicht Freund 
solcher drastisch-volksthümlicher Scenen ist, 
kann achtes , veritabeles Hofbräuhaus - Bier 
gemächlicher in der originellen Wirthschaft 
,, Hotel Leberwurst", vis-ä-vis vom Hofbräu- 
haus, oder im ,,Orlando di Lasso" und an 
anderen Orten gemessen, wenn es nämlich 
überhaupt eins gibt, was manchmal, in be- 
sonders durstigen Jahren, Monate lang nicht 
der Fall ist. — Daneben, am Platzl Nr. 7, 
ist der Bockheller , der aber sein berühmtes 
schweres Bier nur wenige Wochen in der 
ersten Hälfte des Mai und am Frohnleich- 
namstage (zweiten Donnerst, nach Pfingsten) 
verzapft. Mehre Bierwirthe haben jetzt 
fast das ganze Jahr hindurch Bock aus an- 
deren Brauereien. Das Bocktrinken beginnt 
schon Fastnacht. Vorläufer desselben und 
noch stärker ist das vom Zacherlbräu (Ge- 
brüder Schmederer), in der Vorstadt Au 
(OhlmüUerstrasse Nr. 11, sehenswerthes 
Etablissement), während des März verzapfte 
■••Salvatorbier (zuerst von den Paulaner Mön- 
chen unter Kurfürst Maximilian I. gebraut). 
— Empfehlenswerth sind von den Stadt- 
bi-auereien ausserdem "^ Augustinerbräu, Neu- 
hauser Strasse Nr. 16 (PI. D, 5). — Pschorr, 
Neuhauser Strasse Nr. 11 (PI. E , 5), grosse 
Lokalitäten, berühmt wegen seines Export- 
bieres. — Spatenbräu, Neuhauser Strasse Nr. 
4. — Sterneckerbräu, im Thal Nr. 55 (PI. F, 
5). — Franziskaner, Residenzstrasse Nr. 9, 
gegenüber der Post (PI. E, 4). — Zum Kappler, 
Promenadenstrasse (PL E, 4). 

Bierkeller , nur im Sommer, fast alle 

ausser der Stadt: *.Knorrkeller, am Marsfeld 

(PI. B, 3), gehört dem Augustinerbräu, von 

Fremden stark besucht. — Eirschkeller , 

Herbststrasse , an der Augsburger Bahn (PI. 

B, 4), burgartig hoch gelegen, stark besucht. 

8:3=* Schöne Abende, die man im Freien 

zubringen kann, sind in München nicht 

häufig; deshalb versäume man nicht, 

TJeberröcke und Plaids mitzunehmen, und 

bleibe nicht zu lange sitzen, — auf den 

Kellern werden die meisten Erkältungen 

geholt. 

Gesellschaftsgärien mit Restauration, die 
von anständigen Damen besucht werden 
können : '•'CaJ4 national, Max - Josephstrasse 
(PI. D, 3), von Fremden stark frequentirt; 
Koncerte von Koch. — Cafe lieibl, Königin- 
strasse Nr. 12, am Englischen Garten (PI. 
F, 2). — Dianabad, am Englischen Garten 
(PI. Nr. 6, G, 2), zugleich Bäder. — Eng- 
lisches Cafe, am Maximiliansplatz, sehr be- 
sucht, Koncerte. — Zoologischer Garten. — 
Volksgärten: Schiessstältexx. Bavariakeller, 
beide auf der Theresienhöhe (PI. A,G), u. a. 
Konditoreien: Wie in Norddeutschland 
liegen Zeitungen auf. Kafi'ee bekommt man 
nicht, dagegen Thee, Chokolade, Gefrorenes. 
Jiottenhöjer, Residenzstrasse Nr. 26 (Pl.E, 4), 



Hoflieferant und Chokoladen - Fabrikant. — 
Hof, Promenadeplatz Nr 6 (PI. E, 4). — 
Gampenrieder , Arkaden am Hofgarten (PI. 
F, 3), renommirtes Gefrorenes. — Fodbertsky, 
Karlspiatz Nr. 2, guter Grog. 

Badeanstalten: ■•'Marienbad, im Hotel gl. 
N. , Barerstrasse Nr. 4 (PI. Nr. 21, D, 3), 
sehr komfortabel mit schönem Garten. — 
Bianabad, im Englischen Garten (PI. G, 2), 
mit warmen Bädern, Wellenbad, Schwimm- 
bassin, Douchen im Freien, Quellwasser im 
Wintergarten etc. — Hiemersches Bad, Was- 
serstrasse Nr. 2 (PI. E, 7), Isarwasser, mit 
Einrichtung für Schwimmer. — Schaitler, 
Müllerstrasse Nr. 45, u. a. — Bruhnthal und 
Thalkirchen , Kaltwasser - Heilanstalten. — 
Flussbäder in der Wurm (dem Abfluss 
des Starnberger Sees, R. 34), weich; man 
fährt mit der Eisenbahn nach Stat. Pasing. 

Zeitungen. Die münchner periodische 
Presse macht wenig in grosser Politik. Das 
grösste Blatt ist die Süddeutsche Presse, 
national-liberal, Aufl. 3000, wöchentl. 13mal. 
— Die Neuesten Nachrichten, unscheinbar 
in 8"., jeden Abend erscheinend, 28,000 
Exemplare Auflage, national -liberal, un- 
gemein verbreitet und von bedeutendem 
Einfluss. — Der Bayerische Landbote, täg- 
lich 5000 Auflage, national-liberal — Der 
Bayerische Kurier, täglich in 12,.500 Auf- 
lage, ultramontan. — Der Volksbote, täg- 
lich in 7800 Auflage, excessiv ultramontan, 
lesenswei'tli wegen seiner Virtuosität im 
Schimpfen. — Fliegende Blätter, das welt- 
bekannte illustrirte Witzblatt. Alle diese 
Blätter werden Abends in den Cafe's und 
Restaurants einzeln ä 1 bis 3 kr. von Ver- 
käufern angeboten. 

Fiaker und Droschken. Einspänner 
(Droschken) vom oder zum Bahnhof, 1 oder 

2 Pers. 15 kr. — Zweispänner (Fiaker) 
vom oder zum Bahnhof, 1 oder 2 Pers. 18 kr., 

3 oder 4 Pers. 24 kr., 5 oder 6 Pers. 30 kr. 
Kofi"er bis 50 Pfd. 6 kr., darüber 12 kr. 
Ausserdem bei Fahrten vom Bahnhof 6 kr. 
Wartegeld. Für Beleuchtung bis 10 UhrAbds. 
3 kr. pr. V* St , später doppelte Fahrtaxen. 

Zeitfahrt von Zweispännern: 



Fahrzeit 


1 oder 2 
Pers. 


3 od. 4 
Pers. 


5 od. 6 
Pers. 




fl. 


kr. 


fl. 


kr. 


fl. 


kr. 


1/4 Stunde 




18 


— 


24 


— 


30 


V2 





36 


— 


48 


1 


— 


3/4 





54 


1 





1 


12 


1 


1 


12 


1 


12 


1 


24 



Für Fahrten ausserhalb des Stadt- 
gebietes besteht ein nach den Abfahrts- 
plätzen sehr verschieden angesetzter Tarif 
(vom 1. Aug. 1869), mit dem man sich be- 
kannt machen muss. 

Jede weitere V* St. 15, 18, resp. 21 kr. 
mehr. 

Zeitfahrt von Einspännern, jede 
angefangene 1/4 St. 12 kr. 

Stadt -Omnibus: 3 Linien, fährt alle V2 St., 
a 3 kr. 

1) Bahnhof — Marienplatz — Thal — Au. 

2) Bahnhof — Maximiliansstrasse. 



iOü 



33. Boute: Müncheu (Eisenbahn), 



30G 



3) Bahnliof — Marieupiatz — Gärtner- 
platz — Reichenbachbrücke — Au. 

4) Sendlingerthor — Ludwigs- uudThe- 
reBienstrasso. 

Die Bahnhöfe (PL C, 4) befinden sich alle 
in einem zusammenhängenden Gebäude, 
nur ist darauf zu achten, dass es für 5 ver- 
schiedene Richtungen auch 5 verschiedene 
Kassen, Gepäckbureau's und "Wartesäle gibt. 

1) Links von der Restauration 
nach: 

a) Rosenheim — Innsbruck — Brenner. 

b) Rosenheim — Salzburg — Wien. 

c) Holzkirchen — Miesbach — Schliersee. 

2) Auf der linken Seite des neuen 
Bahnhofes provisorische Expedition nach : 

a) Haidhausen — Rosenheim. 

b) Simbach — Wien. 



3) Rechts von der Res taurat Jon nach: 

a) Starnberg — Penzberg und Weilheim 
— Peissenberg. 

b) Augsburg — Lindau und der Schweiz. 

c) Augsburg — Ulm — Stuttgart — Paris. 

4) Auf der rechten Seite des inne- 
ren Bahnhofes provisorische Expedition 
nach : 

a) Ingolstadt — Treuchtlingen — "Würz- 
burg — Frankfurt — Mainz. 

b) Ingolstadt — Nürnberg — Bamberg. 

5) Im Ostbahnhof, ganz am rechten 
Flügel, nacli : 

a) Regensburg — Amberg — Nürnberg. 

b) liegensburg — Eger — Leipzig. 

c) Regensburg — Prag. 

d) Passau — Linz — AVien. 

e) Regensburg — Baireuth. 



Eisenbahn- Taxen direkter Billete: 








Von München nach 


Personenzüge 


Schnellzüge 




I. Kl. 1 II. Kl. 1 III. Kl. 


I. Kl. 1 II. Kl. 



Aachen pr. Mannheim . . . 

Antwerpen 

Baden-Baden 

Bamberg 

Basel via Lindau 

Baireuth pr. Ostbahn . . . 

Berlin via Eger 

Bern 

Braunscliweig 

Bremen 

Brüssel 

Darmstadt 

Dresden pr. Ostbahn . . . 

Eisenach 

Elberfeld 

Ems via Ansbach 

Frankfurt a. M. via Ansbach 

Gotha 

Hannover 

Harburg boi Hamburg . . . 

Heidelberg 

Innsbruck 

Karlsruhe 

Kassel 

Koblenz 

Koburg 

Köln 

Kreuznach 

Leipzig pr. Ostbahu . . . . 
Linz via Salzburg . . . . 
London pr. Calais . . . . 
London pr. Ostende . . . . 

London pr. Kehl 

Luzern 

Magdeburg 

Mailand pr. Korschach . . 
Mainz pr. Mannheim . . . 

Ostonde 

Paris pr. Strassburg . . . 

Paria pr, Mainz 

PvÄK 

Ragatz 

SchaShauson 

Strassburg 



51 



18 



45 



21 



307 



33. Boute: München (Uebersicht des Sehenswerthen). 



308 



Von München nach 


Personenzüge 


Schnellzüge 




I. Kl. 1 II. Kl. 1 III. Kl. 


I. Kl. 1 II. Kl. 


Stuttgart 


9 


42 


6 


21 


4 


15 


11 


39 


7 


39 


Weimar via Lichtenfels 


27 


27 


18 


12 


13 


36 


30 


3 


19 


57 


Wien via Salzburg 


24 


h?, 


18 


2.Ö 


12 


36 


29 


49 


21 


56 


Wiesbaden pr. Ansbach 














22 


51 


15 


1^ 


Wildbad 


13 


16 


9 


4 


6 


28 


15 


43 


10 


43 


Zürich 


15 


24 


10 


48 


7 


21 


16 


36 


11 


33 



Kofferträger am Bahnhof: Vom "Wa- 
gen zur Expedition oder aus dem Bahnzug 
in die Droschke (ohne Rücksicht auf Stück- 
zahl) bis 1 Ctr. Gewicht 6 kr,, bis 2 Ctr. 
12 kr., darüber 18 kr. — Vom Bahnhof 
in die Stadt kleines Gepäck 6 tr. , 3 und 
mehr Stück unter 1 Ctr. 12 kr., bis 2 Ctr. 
24 kr. 

Post. Expeditionen sind geöffnet 
von früh 7 bis Abds. 8 Uhr. 

Haupt • Postamt im Postgebäude am Max- 
Josephplatz (Plan Nr. 50, E, 5). — Post 
res tando -Briefe im Hintergebäude über 
den Hof. 

Am Bahnhof, linker Flügel (PI. C, 4). 

In der Vorstadt Au, Mariahilf- Platz (PI. 
F, 8). 

Briefmarken sind in denjenigen Läden 
der Stadt zu haben, wo aussen blau und 



weiss angestrichene Briefkasten hängen. 

Vergnügungen : 

Theater: Hof -undNational- Theater 
und Residenz-Theater, meist in 
beiden jeden Abend Vorstellungen. Vergl. 
S. 411. 

Volkstheater, bisher jeden Abend, 
siehe S. 412. 

Koncerte: Vergl. S. 412 u. S. 413. 

Volksbälle : Vergl. S. 412. 

Volksfeste: Vergl. S. 414. 

Kirchenmusik: Vergl. S. 413. 

Sammlungen U.Sehenswürdigkeiten: 

Antikensaal der Akademie der Künste, 
Neuhauser Strasse Nr. 51 (S. 396). Tägl. 
Meldung beim Hausmeister. 

Antiquarium, königliches (S. 396). 
Mont. und Freit, von 9 bis 1 Uhr. 

Arkaden des Hofgartens mit den Rott- 
mannscüen Fresken italienischer Gegenden 
und den historischen Fresken (S. 325). Fort- 
während offen. 

'f^Jiavai'ia mit der liuhmeshalle (S. 
415), auf der Theresienwiese, 20 Min. von der 
Stadt. Jeden Tag. 

=•■ liibliothek, königliche, Ludwigsstrasso 
Nr. 23 (S. 405), an jedem Wochentag. Lese- 
saal von 8 bis 1 Uhr. Umherführen von 

10 bis 1 Uhr. 24 kr. 

Botanischer Garten mit ■•'JPahnen- 
Jiaus (S. 341), Sophienstrasse. Von 8 bis 

11 Vorm. und 2 bis 5 Uhr Nachm. 

Chemisches Laboratorium, Arcis- 
strasse Nr. 1 (S. 341). An den Wocheu- 
tagen. Meldung beim Hausmeister. 

* E7'Z{ßiesserei i königliche, mitModell- 
Sainmluug (S. 395) , Nymphenburger Strasse 



Nr. 14, gegen Eintrittskarten ä 12 kr., an 
Wochentagen Nachm. 1 bis 6 Uhr., Sonnt, 
von 12 bis 2 Uhr. 

'^Ethnographisches Museum (S. 408) 
in den Arkaden. Dienst., Donnerst, und 
Sonnabd. 9 bis 1 Uhr. 

Gemälde-Gallerie siehe IHnakothek. 

Gemälde -Gällerie in Schieissheim 
(S. 420). Tägl., excl. Mont.. und hohe Pest- 
tage. 

Gemälde-Gallerie des Hrn. v. Schuck 
(S. 381). Tägl. Nachm. von 3 bis 5 Uhr, 

Getvehr- und Sattel -Kammern (S. 
410), Marstallplatz. Tägl., excl. Sonn - und 
Feiertage, Vorm. 9 bis 11 Uhr. 

Glasmalerei -Anstalt f königliche (S. 
341), Louisenstrasse Nr. 18. Tägl., excl. 
Sonn- und Festtage, Vorm. 10 bis 12 Uhr. 
24 kr. Trinkgeld. 

■-Glyptothek (S. 382), Königsplatz. Im 
Sommer: Mont. und Freit. Vorm. 8 bis 12 
und Nachm. 2 bis 4 Uhr, Mittw. von 8 bis 
1 Uhr. — Im Winter: Mont. und Freit, von 
9 bis 2, Mittw. von 9 bis 1 Uhr, 

KaulbacJis Atelier im Akademie -Ge- 
bäude, Tägl. von 12 bis 1 Uhr, nach vorheriger 
(S. 343) Anfrage. 

Kunstanstalt für kirchliche Arbeh 
ten, Stlgelmayrplatz Nr. 1. 

Kupferstich- Knbinet (S. 372), 

''National- Museum (S. 397), Maximi- 
liansstrasse, gratis Sonnt, und Donnerst, v. 
9 bis 2 Uhr; Dienst., Mittw., Freit, und 
Sonnabd. von 10 bis 2 Uhr gegen 30 kr. — 
Mont. geschlossen. 

■Finakothek, AlteiS. 358), Barerstrasse 
Nr. 10. Tägl., excl. Sonnabd. im Sommer von 
9 bis 3 Uhr, im Winter von 9 bis 2 Uhr, 
gratis. 

*JPinakothek , JVewe (S. 373), neben der 
Alten Pinakothek, gratis Sonnt., Dienst., 
Donnerst, und Sonnabd. im Sommer Vorm. 

8 bis 12, Nachm. 2 bis 4 Uhr, im Winter von 

9 bis 1 Uhr. 

I'orzeUangemälde - Sammlung (S. 
381), in der Neuen Pinakothek, gratis wie 
die Neue Pinakothek 

Jfropgläen (S. 337), am Königsplatz. 

'JResidenz (S. 318). Tägl. Vorm. 11 Uhr 
gratis die zugängigen Zimmer der alten 
Residenz und der Festsaal -Bau; um 12 Uhr 
die Nibelungen- und Odyaseus-Säle. Trink- 
geld dem Führer. 

l*olytecJinikum (S. 334), Gabelsberger- 
strasse. Tägl. 9 bis 12 und 2 bis 5 Uhr. 

Schwunthaler - Museum (S. 393) 
Schwanthalerstrassc Nr. 90, gratis Dienst, 
und Freit, von 11 bis 2 Uhr. 



i 



309 33. Route: Miüiclien (Tageszettel der Sehenswürdigkeiten). 3io 



ITicater, hönigliches (S. 327), Be- 
sichtigung der Maschinerie und der Bühne 
Mont., Mittw. und Sonnabd. Nachm. 2 Uhr. 

Vasen- Kab in et, im Erdgeschoss der 
Alten Pinakothek (S. 397), gratis Sonnt., 
Dienst., Donnerst, von 9 bis 1 Uhr. 

Zoologischer Galten (S. 417), am Eng- 
lischen Garten; jeden Tag, 12 kr. 

Kirchen: 

* Allerheiligen- Ho fkir che (S. 353), 
hinter der Residenz ; EinganganSonn - u. Fest- 
tagen vom Marstallplatz, an den Wochen- 
tagen you der Residenzstrasse aus durch 
den Brunnenhof (vergl. Plänchen S. 319), aber 
nur Vorm. — Nachm. mit Führer. 

*Basiliha- oder Bonifaziuskirche (S. 
352), in der Karlsstrasse, den ganzen Tag 
geöffnet. 

* Frauenkirche (S. 348), am Frauen- 
Platz, den ganzen Tag geöffnet. 

*ZudicigskircJie (S. 355) mit Cornelius, 
grosser Freske: „Das jüngste Gericht", 
Ludwigsstrasse, Sonnt, den ganzen Tag, in 
der Woche nur Vorm., und dann Nachm. 
4 Uhr beim Rosenkranz -Gottesdienste. 

*MariahUjkirche (Auerkirche), in der 
Au (S, 356), den ganzen Tag geöffnet. 

*MichaeIskirche (S. 350) , Neuhauser 
Strasse, Sonnt. (11 Uhr Militär, musikalisches 
Hochamt) bis Nachm. 4 Uhr, in der Woche 
blos früh bis 12 Uhr. 

Theatiner Hofkirche (S. 351), den 
ganzen Tag geöffnet. 

j:S^ Nicht selten treten Aenderungen 
heziiglich der Tage und Stunden ein, an 
und in denen obengenannte Gebäude und 
Sammlungen geöffnet sind; man betrachte 
deshalb vorstehende Angaben nicht als un- 
fehlbar, — vielmehr möge der Fremde 
vorher im Gasthofe oder in einer Kon- 
ditorei das Anzeige - Blatt des laufenden 
Tages, in welchem die für jeden Tag zu- 
gängigen Sehenswürdigkeiten notirt sind, 
vergleichen. 

Tageszettel. 

Täglich können gratis besucht wer- 
den: Alle Kirchen, die Arkaden, ßavaria, 
der Botanische Garten (8 bis 11 und 2 bis 5 
Uhr) und die Friedhöfe. 

Täglich mit ^Meldung, Karten oder 
gegen Entrü e : 
Antiken -Saal (ö. 3%). 

Bavaria und Ruhmeshalle. Inneres. Trinkg. 
Erzgies.scrci (8. 395), 12 kr., 1 bis 6 Uhr. 
Gemälde-GallerieiuSchleis3heim(exl.Mont.), 

Trinkgeld. 
Gemälde-Gallerio des Hrn. v. Sch.nck (S. 381) 

Nachm. 3 bis 5 Uhr. 
Gewehr- und Sattel- Kammer (oxcl. Sonnt.) 

9 bis 11 Uhr. 
Glasmalerei (S. 311, excl. Sonnt.) 10 bis 12 

Uhr, 12 kr. 
Residenz (S. 318) Vorm. 11 bis 12 Uhr. 
Schwantlialer- Museum (8. 393), 12 kr. — 

Dienst, und Freit. 11 bis 2 Ulir, gratis. 
Zoologischer Garten, 12 kr. 



Sonntags: 
Alte und Neue Pinakothek 9 bis 1, resp.2 bis 

4 Uhr (vergl. S. 358 u. 373) , gratis. 
National. Museum 9 bis 2 Uhr, gratis (S. 397). 

Montags: 
Glyptothek (S. 382) 9 bis 2, resp. 8 bis 12 

und 2 bis 4 Uhr, gratis. 
Alte Pinakothek (S. 358) 9 bis 2 Uhr, gratis. 
Vasen -Sammlung ebendaselbst. — Hoftheater- 
Maschinerie Nachm. 2 Uhr (S. 327). 
Antiquarium (S. 396) 9 bis 1 Uhr, gratis. 

Dienstags : 
Bibliothek (S. 405) 9 bis 12 Uhr Vorm., 

Trinkgeld. 
Ethnographisches Museum (S. 408) 9 bis 1 Uhr, 

gratis. 
National - Museum (S. 397) 10 bis 2 Uhr. 30 kr. 
Alte Pinakothek (S. 358) 9 bis 2, resp.' 3 Uhr 

gratis. 
Neue Pinakothek (S. 373) 8 bis 12 und 2 bis 

4, resp. 9 bis 1 Uhr, gratis. 
Porzellan -Gemälde -Sammlung (S. 381) wie 

Neue Pinakothek. 
Kupferstich- und Handzeichnungen- Kabinet 

9 bis 1 Uhr, gratis (S. 372). 
Mittwochs: 
Bibliothek (S. 405) 9 bis 12 Uhr Vorm., 

Trinkgeld. 
Glyptothek (S. 382) 8, resp. 9 bis 1 Uhr, 

gratis. 
National- Museum (S. 397) 10 bis 2 Uhr, 

30 kr. 
.\lte Pinakothek (S.358) 9 bis 2, resp. 3 Uhr, 

gratis. 
Hoftheater - Maschinerie (S. 827) Nachm. 

2 Uhr, Trinkgeld. 
Paläontolog. Sammlung (S. 409) 10 bis 1 Uhr, 

gratis. 
Donnerstags: 
Bibliothek (S. 405) 9 bis 12 Uhr Vorm., 

Trinkgeld. 
Ethnographisches Museum (S. 408) 9 bis 1 Uhr, 

gratis. 
National -Museum (S. 397) 9 bis 2 Uhr, gratis. 
Alte Pinakothek (S. 358) 9 bis 2, resp. 3 Uhr, 

gratis. 
Neue Pinakothek (S. 373) 8 bis 12 und 2 bis 

4 resp. 9 bis 1 Uhr, gratis. 
Porzellan -Gemälde -Sammlung (S. 881). 

Freitags: 
Bibliothek (S. 405) 9 bis 12 Uhr Vorm., 

Trinkgeld. 
Antiquarium (S. 396) 9 bis 1 Uhr, gratis. 
Glyptothek (S. 382) 8 bis 12 und 2 bis 4, resp. 

9 bis 1 Uhr, gratis. 
National-Museum (S. 397) 10 bis 2 Uhr, 30 kr. 
Alte Pinakothek (S.358) 9 bis 2, resp. 3 Uhr, 

gratis. 
Kupferstich- und Handzeichnungen -Samm- 
lung (S. 372) 9 bis 1 Uhr, gratis. 
Vasen-Kabiuet 10 bis 1 Uhr (S. 397). 

Sonnabends: 
Bibliothek (S. 405) 9 bis 11 Uhr Vorm., 

Trinkgeld. 
Ethnographisches Museum (S. 408) 9 bis 1 Uhr, 

gratis. 
N.ational-Museum (S. 397) 10 bis 2 Uhr, 30 kr. 
Neue Pinakothek (S. 373) 8 bis 12 und 2 bis 

4, re^p. 9 bis 1 Uhr, gratis. 



311 



33. Botite: Münclieii (Orieiitiruiigs- Fahrt). 



312 



Hoftheater - Maschinerie (S, 327) Nachm. 

2 Uhr. 
Paläontologische Sammlung (S. 409) nur im 

Sommer 2 bis 4 Uhr Nachm., gratis. 
Zoologisch -Zootomische Sammlung (S. 409) 

nur im Sommer von 10 bis 12 Uhr Vorm. 
Porizeliangemälde - Sammlung (S. 381) 9 bis 

12 Uhr, gratis. 
Marstall, königlicher, von 11 bis 1 und von 

2 bis 5 Uhr. 

Zeiteintheilung. 

Drei Tage in München. 

1. Tag Vorm.: Arkaden; Morgenkaffee 

bei Tambosi im Hofgarten, — Theatiner- 

kirche (S. 351) und Feldherren- Halle (S. 331). 

— Durch die Zudwigsstrasse (S. 332) bis zum 
Siegesthor. Zurück in die Ludwigskirche 
(S. 355). Nach 9 Uhr in die Bibliothek fS. 
405). — Durch die Theresienstrasse zur Alten 
oder Neuen Pinakothek (je nachdem die eine 
oder andere geöffnet ist). An der Polytech- 
nischen Schule und den Propyläen (S. 337) 
vorbei in die Bonifaziuskirche (S. 352). 

Nachm.: Schwanthaler - Museum (S. 393). 

— Auf der Thercsienwiese zur Bavaria und 
Euhmeshalle (S. 415). — Gegen Abend Spa- 
ziergang oder Fahrt im Englischen Garten 
(S. 417). — Abends Theater oder Biergarten. 

2. T ag : In däe Frauenkirche (S. 348). Ueber 
den Marien -Platz. Rathhaus. Mit Droschke 
durchs Thal und das Isar-Thor (S. 346) 
hinaus in die Vorstadt Au zur Mariahilf- 
kirche (S. 356). Zurück durch die Neuen 
Anlagen längs der Isar zum Maximilianeum 
(S. 330) und über die 3laximilians-Brücke durch 
die MaximilianssLrasse (S . 328) zwc Allerheiligen- 
kapelle (S. 353). 11 Uhr Residenz: Festsaal- 
Bau, Nibelungen - Säle etc. (S. 322). 

Nachm.: Fahrt zuv Frzgiesserei (S. 395), 
dann nach Nymphenhurg (S. 419). Spaziergang 
im Park. Abends Theater oder Koncert. 

3. Tag: Vorm. (wenns Mont., Mittw. 
oder Freit, ist) Glyptothek (S. 382), — oder (wenn 
Sonnt. , Dienst., Donnerst, oder Sonnabd.) 
Neue Pinakothek. — Glasmalerei - Anstalt 

— Zwischen 10 und 2 Uhr (wenns nicht 
Mont. ist) National- Museum (S. 397). 

Nachm.: (im Sommer) Glyptothek oder 
Neue Pinakothek (wenn es am Vorm. nicht 
ging). — Kunstverein, — Alter und Neuer 
Friedhof (S. 418). 

Eine Orientirungsfahrt, d. h. die 
Benutzung einer offenen , bequemen 
Droschke oder Fiaker (Zeitfahrt S. 304) 
auf dem nachstehend angedeuteten 
Wege, ist das vortrefflichste Mittel, den 
mit der Stadt gänzlich unbekannten 
Fremden rasch und orientirend in die 
schönsten Partien derselben einzu- 
führen und ihn mit den bedeutendsten 
Gebäuden, Strassen und Monumenten 
oberflächlich bekannt zu machen. Fol- 
gender Weg möchte der geeignetste 
sein. Es wird der Karlsplatz als 



Ausgangs -Punkt genommen, v.eil in 
der Nähe desselben viele besuchte Gast- 
höfe liegen. NB. Die gross gedruckten 
Gebäude oder Strassen rufe man dem 
Kutscher jeweilen als nächstes Ziel zu. 

Vom Karlsplatz (PI. D, 4) 

fahren durchs Karlsthor und die Neil- 
hauser Strasse^ 1. Micliaelskirche 
(S.350),aussteigen,besehen, — r.Pschorrs 
Bierbrauerei. — L. durch die Frauen- 

strasse zur Frauenkirche (S. 348), 

aussteigen. — Zurückfahren durch die 
Kaltfinger Strasse auf den jyTarietl' 
platz (S. 344), xtdt Rathhaus nnü Fisch- A \ 
hrunnen (S. 344). Weiter durchs Thal" • 
und Isar-Thor (PI. F,6), S. 346, 
über die Ludioigs - Bj'ücJce in die Vor- 
stadt Au zur Mar iahilf kirche 
(S. 356), aussteigen. — Zurückfahren 
durch die Neuen Anlagen an der Isar, 
r, Haidhauser Kirche^ am 31axi~ 
Tnilianemn (S, 330) vorbei, r. das 
neue Regierungs-Gehcmde (S, 329), 1. 

das National- Museum (S. 397). 
Wenn es nach 10 Uhr Vorm. und nicht/- 
Montag ist , den Wagen entlassen und 
Gang durch das Museum. — Zu Fuss' 
oder zu Wagen durch die 3faximilians- 
Strasse (1. in einer Seiten -Strasse ist, 
das Hof bräuhaus ^ S, 302) ; — r. das- 
Hofcheater, auf den Max- Josephplatz, 
(S. 326), 1. Postgebäude, y. Königsbau 
(S. 323), der Residenz. Monument Max 
Josephs. — Durch die Residenzstrasse 
V. Residenz (S. 318), \. Feldherren-' 
Halle (S. 331). Aussteigen! wenn 
man Wagen hat, L, in die Theatiner- 
hirche (S. 351), dann unter die r. A.r- 
kaden (S, 325). Fahren durch den 
Hof garten ^ r. der Saalbau (S. 322) der 
Residenz, in den Englischen Gar- 
ten (S. 417) bis zum Chinesischen 
Thurm. Von da ans Ende der Ludwigs- 
strasse zum Siegesthor (S. 334), 
dann durch die Ludioigsstrasse (S. 332) 
herein, r. Universität(S. 333), 1. Alum- 
neuni; r, das Sali^ien - Gebäude , 1. die 
Ludwigskirche (S. 355); aus- 



steigen 



das Blinden- Instittit und 



Damenstift, 1. die Bibliothek (S. 332) ; 
aussteigen, blos das Vestibüle besehen. 
— R. Kriegsministerium, • — Durch die 



II 



13 



33. Route: München (Stadt- Geschichte). 



314 



Theresienstrasse (PI. E, 2) zur r. Alten 
(S. 358), ]. Neuen Finakothek 

(S. 373). Dahinter die Polytechnische 
Schule (S. 334). Durch die Barerstrasse 
(PI, D, 3) auf den Karolinenplatz 
(S. 334). Durch die Brieuner Strasse 
auf den Königsplatz (S. 334), 1. das 
Ausstellung s-GeI)äude (S. 338), r. die 
ßlyptotliek (S. 382), geradeaus die 
"Propyläen (S. 337). Durch letztere 
hindurch in die Louisenstrasse und 1. 
einschwenkend in die Karlsstrasse zur 
BasiliJM- oder JBonifaziuskivclie 

(S. 352). Aussteigen! Dann durch die 
Arcisstrasse zum Glaspalast (S. 341), 
um denselben herum durch die Sophien- 
strasse wieder auf den Karlsplatz als 
Ausgangs -Punkt oder ins Hotel. 

Historisches. TVeil die Mönche v. Schäft- 
larn (die eigentlichen Kultivatoren des Baye- 
rischen Hochlandes im und vorm 12. Jahrb.) 
die Gegend, in welcher jetzt München liegt, 
als zum forum ad monachos (zvtm Gericht 
der Mönche) gehörig, besassen, nannte man 
aller Wahrscheinlichkeit nach aitch den 1157 
von Heinrich dem Löwen neu gegründeten, 
mit einer Brücke über die Isar ausgestatte- 
ten Ort „Mönichen". Diese Annahme 
wird auch durch das noch heute gebräuchliche 
Stadtwappen, welches ein Mönchlein als 
heraldische Figur führt, unterstützt. — Der 
Handel nahm seinen Weg über die neue 
Villa Munichen und nach der Aechtung 
Heinrich des Löwen erstand 1180 der ge- 
deihlich aufblühenden jungen Ansiedelung 
im Pfalzgrafen von Witteisbach ein kräftiger 
Schirmherr, welcher ihr dazu verhalf, dass 
sie zur Stadt erhoben und mit Rechten 
(Marktfreiheit, Münze, Zölle etc.) ausgestat- 
tet wurde. Nach Otto des Erlauchten Tode 
(1253) machte dessen Sohn Ludwig der Strenge 
Müuchen zu seiner Residenz und erbaute 
zu diesem Zwecke den alten Hof (S. 318). 
Eine neue Aera brach für die Stadt an, als 
1314 Ludwig der Bayer (S. 31-1) deutscher 
Kaiser geworden war und die Bürger von 
München durch ihre Tapferkeit wesentlich 
zum Siege über den Erzherzog von Oestcr- 
reich beigetragen hatten. Wie innig das 
Verhältniss zwischen dem Kaiser und der 
Stadt sich gestaltet hatte, geht unter Anderem 
daraus hervor, dass, als Ludwig der Bayer 
mit dem Banne belastet, 1347 plötzlich auf 
einer Jagd bei Fürstonfeld vorschieden war, 
dennoch die Bürger ihn feierlich einholten 
und trotz des päpstlichen Fluches in ihrer 
alten Francnkirche (S. 349) ehrfurchtsvoll 
beisetzten. Er namentlich war es gewesen, 
der dem , .alten München" nach dem grossen 
Brande von 1327 seine bis in die jüngste 
Zeit bewahrte Gestalt verliehen hatte. — 
Unter den späteren Regenten tritt erst Kur- 
fürst Albrecht V. (1550 bis 1579) bedeutsam für 



Münchens Entwickelung hervor ; an ihn er- 
innert heute noch die Hofbibliothek (S. 405), 
welche ergründete (seine Statue von Schwan- 
thaler daselbst) und zu den heutigen Kunst- 
schätzen sammelte er die ersten Anfänge. 
Auch den grossen Tonkünstler Orlando di 
Lasso (S. 347) berief er nach München und 
errichtete die ersten bedeutenden Schulen. 
Wesentlich weitere Schritte zur Verschöne- 
rung der Stadt that Kurfürst Maximilian I. 
(1597 bis 1651) ; er erbaute die jetzige ,,aUe 
Residenz" (S. 318), das Josephs- und Herzogs- 
Spital und Hess zahlreiche Denkmale aus 
Stein und Erz nach den Plänen des genialen 
Feter Candicl errichten. Von letzterem sieht 
der Fremde in der Frauenkirche das dem 
Kaiser Ludwig errichtete Grabdenkmal (S. 
349) und die zum Danke für den Sieg am 
Weissen Berge bei Prag (durch Feldmarschall 
Tilly, S. 331) aufgestellte i>/a)-ie?2säzt?e (S. 344) 
am Marienplatz. — Sein Nachfolger Fer- 
dinand Maria (1651 bis 1679) Hess die 
Theatinerkirche ( S. 351 ) und Schloss 
Nymphenhurg (S. 419) erbauen und vermehrte 
die Sammlungen; aber wiederum dessen 
Nachfolger, der kriegerische 2Iax II. Emanuel, 
der Eroberer von Belgrad , dessen Statue 
auf dem Promenade -Platz (S. 347) steht, that 
nicht nur Nichts für seine Residenz, sondern 
stürzte sein Land in Schulden. 

Wie Bayern als Gesammtstaat seineu 
ersten eigentlichen und gedeihlichen Auf- 
schwung unter der segensreichen Regierung 
des 1806 sich selbst zum Könige erhebenden 
Maximilian I. Joseph (S. 326) nahm , so 
München, das bis dahin aus engen und 
düsteren Strassen bestanden hatte, unter der- 
jenigen seines kunstliebenden Sohnes (von 
1825 an) ludvny I. Dieser ist der Gründer 
des neuen München. Schon als Kronprinz 
hatte er den Bau der Ghjptothek (S. 382) 
unternommen , um den von ihm gesammelten 
Schätzen der Antike einen Aufbewahrungs- 
ort zu bereiten, wie ihn würdiger keine 
Stadt des Kontinentes aufzeigen kann. Dieser 
folgten alle die grossartigen Architektur- 
werke , welche heute Münchens Glanz er- 
höhen: die Alte (S. 358) und Xeue Finaknthek 
(S. 373), das Ausstellnngsgebäude (S. 338), 
die Propyläen (S, 337), fünf neue Kirchen 
(S. 352), der Königs- und der Fe^tsaal - Bau 
an der Residenz (S. 322), die öffentlichen 
Plätze wurden mit Denkmalen (S. 395) ge- 
ziert und ganz neue Stadttheile, breit, hell 
und gesund erstanden nach allen Seiten hin. 
Die Liidwigsstrasse (S. 332) mit ihren Palast- 
bauten, die Max -Ludwigs- und Isar -Vorstadt. 
Bliinilicu wurde die INIetropole der Kunst in 
Deutschland und überstrahlte alle rivalisiren- 
dcn Städte ; auf des Königs Einladung kamen 
die grössten Kleister jener Zeit: Cornelius 
(S. 3S9), Jlotimayin (S. 325), Sch7iorr (S. 324), 
ScJavind, Hess (S. 3.M), Schicanthaler (S. 393) 
u. A. hierher, die Prachtbauwerko zu 
schmücken, welche Leo v. Klenze (S. 337) 
und Gärtner (S. 332) hier aufführten; die 
längst vergessene Kunst der Glasmalerei 
(S. 341) kam unter Ludwig L rticgo zu 
neuer Rlüthe, die Kunst der Lithographie 



315 



33. Boute: München. 



316 



wurde von Sennefelder unter seiner Förde- 
rung erfunden und zu einem der grossartig- 
sten Kunst -Erwerbszweige erweitert und 
auch das Aufblühen wissenschaftlichen Le- 
bens wurde durch die Verlegung der Uni- 
versität von Landshut nach München, sowie 
durch die Berufung ausgezeichneter Lehrer 
gefördert. Freilich wirkte dann die, den 
Revolutionsstürmen von 1830 folgende 
Reaktionsperiode unter dem Ministerium 
Abel tödtlich erkältend auf das frische, freie 
Emporblühen der Stadt, bis die Zeitströmung 
von 1848 den König Ludwig I. veranlasste, 
freiwillig seine Krone niederzulegen, weil 
5, eine neue Zeit beginne, in die er als Herrscher 
nicht passe". — Ihm folgte König Maxi- 
milian II. (1848 bis 1864), von wahren Pa- 
trioten, die seinen Werth erkannten, „der 
Unvergessliche" genannt. Er hob Bayern 
aufs Neue und umgab sich mit Männern, 
welche namentlich auch seiner Hauptstadt 
neuen Lebens - Odem einzuhauchen die 
regenerirende Kraft hatten. Sein berühmtes 
Wort: „Ich will Frieden mit meinem Volke 
haben", kennzeichnet den edlen, milden und 
doch energischen Herrscher für alle Zeiten. 
In München erinnern den Fremden speciell 
an diesen Fürsten die Gründung des National- 
Museims (S. 397), die Stadt-Erweiterung durch 
Anlage der Maximiliansstrasse (S. 328), des 
in derselben errichteten Regierung sgeh'dudes 
und des noch im Bau befindlichen Maxi- 
milianeums (S. 330). Seine Hauptthaten aber 
prunken weniger durch augenfällige Monu- 
mente, als durch solche, die er mittelst Er- 
weiterung der wissenschaftlichen Anstalten 
und Pflege für des Volkes Wohl sich setzte. 
— Mit seinem Ableben im Jahre 1864 über- 
nahm sein Sohn, der gegenwärtige König 
Ludwig IL, im Alter von 19 Jahren die Krone 
Bayerns, zu einer Zeit, in welcher Deutsch- 
land die bekannten inhaltsschweren, jüngsten 
Jahre seines begonnenen Neugestaltungs- 
Prozesses zu durchleben hatte. Die Haltung 
dieses geistig reich begabten, jungen Mo- 
narchen war bis jetzt eine durchaus re- 
servirte. 



München^ Bayerns schöne Haupt- 
und Residenzstadt (bei der Frauen- 
kirche 1597 B\ üb. M.), liegt an der im 
Karwendel-Gebirge entspringenden Isar, 
am Südende einer 7 Quadratstunden 
grossen , ziemlich unfruchtbaren Ebene 
(oft nur 2 F. Humus über Geröll), 1598 
par. F. üb. M., und umfasst nach der 
Zählung von 1867 die Summe von 
10,572 Gebäuden (von denen 8222 be- 
wohnt sind) mit gegenwärtig etwa 
175,000 Einw. Die hohe Lage in Mitte 
eines nach allen Seiten hin freien, den 
Winden offenen Hoch -Plateaus (Baye- 
rische Hochebene) gestaltet das Klima 



zu einem verhältnissmässig rauhen und 
durch die Nähe der Alpen (ca. 10 St.) 
ist das umgebende Luftmeer grellen und 
raschen Witterungs - Veränderungen 
öfter unterworfen als dies bei vielen an- 
deren Städten der Fall ist. Dieser Um- 
stand hat wohl hauptsächlich dazu bei- 
getragen , der münchner Luft jenes un- 
heimliche Renommee zu verschaffen, 
das als mündliche Tradition von Ge- 
schlecht zu Geschlecht sich vererbt, 
trotzdem von Seite der medizinischen 
Erfahrung gegen diesen Wahn ange- 
kämpft wird und trotzdem statistische 
Erhebungen und Vergleiche auf das 
Schlagendste beweisen, dass München 
unter allen Hauptstädten von gleicher 
oder noch bedeutenderer Grösse weit- 
aus die gesundeste ist. Eine wahrhaft 
kindische Furcht herrscht auswärts vor 
dem münchner Typhus. Der Fremde 
verwahre sich ordentlich gegen die 
raschen Temperatur- Wechsel und gebe 
sich nicht allzureichlichem Biergenusse 
hin, so wird er in der erfrischenden 
reinen Luft dieser Hochebene ein Wohl- 
behagen und eine erhöhte Stimmung 
des gesammten Organismus empfinden, 
der jeglichem Genüsse zu Statten 
kommt. 

Seit durch die unter König Lud- 
wig I. geweckte Baulust und durch 
den mächtig hebenden Einfluss melirer 
hier mündender Eisenbahnen die Stadt 
in ungeahnten Progressionen sich zu 
erweitern begann und seit namentlich 
unter König Maximilian IL gesegneter 
Regierung freieren geistigen Strebungen 
genügend Raum zur Entwickelung 
schlummernder Kräfte gegeben wurde, 
hat das alte München seine traditionelle 
Physiognomie fast gänzlich verloren 
und dem Ausdruck einer Grossstadt 
unserer Zeit wesentlich Platz gemacht. 
München hatte seinen Zopf lange be- 
wahrt, länger als viele andere Städte 
von ähnlicher Bedeutung; jetzt ist er 
fast ganz verschwunden. Nichts desto- 
weniger ist noch viel Eigenthümliches 
geblieben, das dem aus dem Norden 
kommenden Fremden anregend unter- 
hält. Früher war der Münchner für 



S17 



33. Route: München (Alte Residenz). 



318 



hurt -hölzern -grob verschrien, — heute 
wird man so viel Freundlichkeit und 
wohlwollenden Ton, der durch das 
Naive des Dialektes noch gehoben wird, 
als irgendwo anders finden. Solchen 
brutalen Pöbel -Excessen wie z. B. in 
Berlin , wo das Huteintreiben florirt, 
ist man in München nie ausgesetzt, und 
auch die öffentliche Unsittlichkeit hat 
nicht im Entferntesten jene traurige 
Höhe erreicht, wie sie leider in Berlin 
iedemFremden sofort ihre Anträge stellt. 

München ist unter allen grösseren 
Städten Deutschlands unbedingt die 
billigste. DerEinzelne, welcher vorüber- 
gehend einige Monate daselbst sich auf- 
halten will, kann (Theater, Wagen und 
Luxus -Ausgaben abgerechnet) monat- 
. lieh mit 36 bis 40 fl. (20 bis 23 Thlr.) 
recht anständig leben. 

Das eigentliche München, d. h. die 
wirkliche Stadt, liegt am linken Ufer 
der Isar, deren sehr breites Flussbett 
einen Begriff davon gibt, zu welcher 
Wassermenge dieser hellgrüne, lebhaft- 
fliessende Gebirgsstrom im Frühjahr 
bei der Schneeschmelze oder nach an- 
haltendem Regenwetter anschwellen 
kann; jenseit dieses Flusses breiten 
sich in weit bescheidenerer Anlage die 
(ursprünglich Dörfer, jetzt) Vorstädte 
Haidhausen (PI. H, 5, 6), Au (PI. 
F, G, 7,8) und Giesing und noch 
weiter östl. das erst in neuester Zeit 
von der Stadt inkorporirte Ramers- 
dorf aus. Der ursprüngliche Stadt- 
kern des alten München wird von dem 
jetzt in Mitte der Häusermassen stehen- 
den Isar- (PI. F, 6), Sendlinger- 
(Pl. D, 6) und KarUthor (PI. D, 4), 
der Feldherren- Halle (PI. 8, E , 4) und 
der neuen ßlaximiliansstrasse abge- 
grenzt und ist sofort am Habitus der 
Gassen und Häuser zu erkennen. Da- 
rum dehnen sich in geradlinigen 
Strassen die neue Maximilians- 
Vorstadt (in welcher die beiden Pina- 
kotheken, Polytechnikum, Glyptothek, 
Ausstellungs- Gebäude etc. liegen), die 
Ludwigs- Vorstadt südl. von der 
Eisenbahn (in welcher die protestan- 
tische Kirche, Spitäler, Anatomie und 



Gottesäcker liegen), sowie die zum Theil 
noch einzelne ältere Elemente in sich 
schliessenden Isar-, St. Anna- und 
Schönfeld- Vorstadt aus. 



Oeffentliche Gebäude u. Monumente. 

Der alte Hof (PI. E, F, 5), ur- 
sprünglich 1253 von Ludwig dem 
Strengen (S. 313), dann aber, als er 
abgebrannt war, 1327 von Kaiser Lud- 
wig neu erbaut, jetzt zum Theil für ver- 
schiedene amtliche Bureaus verwendet, 
war das älteste Residenz -Gebäude 
Münchens. — Im 16. Jahrh. erbaute 
sich Herzog Wilhelm V. die Herzog- 
Max bürg (PI. 40, D, 4), welche in- 
dessen nur kurze Zeit den Herrschern 
von Bayern als Wohnung diente. Jetzt 
ist dieselbe durchaus restaurirt und 
Lokal der Staatsschulden- Tilgungs- 
Kasse. Beide wird nur deijenige 
Fremde besichtigen , welcher sich 
längere Zeit in München aufhält. . 

Die **Königliche Hesidenz 
(PI. 60, F, 4; umstehend Special-Plan) 
besteht aus drei verschiedenen grösseren 
Theilen: dem Neuen Königsbau 
am Max- Josephplatz (S, 323), der 
eigentlichen alten Residenz (S. 318) 
und dem stolzen Festsaal-Bau (S. 
322} am Hofgarten. 

Die alte Residenz, nach den 
Plänen Peter Candids durch Kurfürst 
Maximilian I., von 1600 bis 1616 er- 
baut, liegt in Mitte der beiden durch 
König Ludwig I. ausgeführten Neu- 
bauten. Früher für ein Wunderwerk 
gehalten, macht sie heute von Aussen 
einen ziemlich bescheidenen Eindruck. 
Dagegen birgt ihr Inneres alten schweren 
Luxus und Kleinodien von unschätz- 
barem Werthe. 

Zur Besichtigung ist nur ein Tlieil der 
Räumo für Fremde zugänglich. Tägl. Mit- 
tags von 11 bis 13 Uhr weiden die reichen 
und Kaiser -Zimmer der alten Hesideuz und 
die oberen Prachtlok.ile dos Festsaal -Baues 
(S. 322), — von 12 bis 1 Uhr die Nibelungcn- 
(S. 324) und Odysseus - Säle gratis (man gibt 
aber 18 bis 24 kr. Trinkgeld) gezeigt. Man 
tiiide sich Punkt 11 Uhr bei der in obigem 
IMänchen mit Q bczeichucten Ticiiiie ein. 



319 



.33. Route: München (Residenz). 



320 



Die verschiedenen Flügel und An- 
bauten des ganzen Gebäude- Komplex 
umschliessen vier grössere und drei mit 
Garten- Anlagen ausgestattete kleinere 
Höfe. Die grössten sind der Kaiser- 
und der Küchenhof an der nördl. Seite, 
Durch den schmalen langen Kapellen- 
Äo/ (Eingang von der Residenzstrasse) 
gelaugt man zu dem vcn Pfeilern ge- 



ein Stück weit schleuderte. Darüber sind 
in der Wand drei Nägel eingeschlagen ; der 
äusserste, 12 Fuss über dem Boden, bezeich- 
net die Stelle, welche der ebengedachte 
herkulische Herzog im SpruHge gegen die 
Wand erreichte. 

Die reiche Kapelle und die Schatz- 
kammer, welche in Nähe des G-rottenhofes 
sich befinden, werden blos auf besonders 
eingeholte Erlaubniss des Hofmarschall- Amtes 
gezeigt. Beide enthalten Pretiosen , deren 
Weich viele Millionen Gulden erreichen. 



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Grundplan der königlichen Residenz in München. 



tragenen hallenartigen Durchgang 
(PI. Q, F), dem zur Seite r. der barock 
ausgestattete, musivisch mit Konchylien 
und tropfsteinartigen Gebilden ver- 
zierte Grottenhof oder Residenzgärtel 
(Plänchen C, einst mit tropischen 
Pflanzen besetzt, Lieblings -Plätzchen 
der Bettina v. Arnim) liegt. 

Hier auch, in dem Durchgange, befindet 
sich der durch eine eiserne Klammer be- 
festigte, 364 Pfund schwere Stein , welchen 
im Jahre 1490 Herzog Christoph (ein Sohn 
Albrecht III.) aus freier Hand aulhob und 



Berühmt in letzterer sind der 36 Karat 
wiegende Haue Brillant im goldenen Vliesa- 
Orden, femer die sogen. Pjälzische Perle 
(halb weiss, halb schwarz), die Kronen Kaiser 
Heinrich des Heiligen und seiner Gemahlin 
Kunigunde (S. 78), die böhmische Kdnigs- 
krone Friedrich IV. von der Pfalz, die Uaus- 
kronen Kaiser Karl VII. und seiner Ge- 
mahlin, nebst Scepter und Reichsapfel, — 
diejenige König Maximilian I. nebst übrigen 
Kröuungs - Insignien etc. ; eine goldene 
Reiterstatuette des heil. Georg, mit Edel- 
steinen reich garnirt; eine vom Goldschmied 
Valadier gefertigte Nachbildung derTrajans- 
Säule in Rom, ein Resultat 20jährjger 
Arbeit, etc. 



321 



33. Route: München (Residenz). 



322 



Hinter dem gedachten Durchgange 
befindet sich der achteckige Brunnen- 
hof , so genannt nach einem in Mitte 
desselben aufgestellten Brunnen, der 
reich mit Gebilden früherer Erzgiesser- 
kunst und namentlich mit einer Statue 
Otto V. von Witteisbach (des Gründers 
des bayerischen Fürstenhauses, vergl. 
S. 313) geschmückt ist. 

Diese Statue, die mythischen Figuren 
(Vulkan, Neptun, Juno und Ceres), welche 
die vier Elemente repräsentiren und die 
persouificirten vier Hauptflüsse Altbayerns 
(Isar, Inn, Donau und Lech), umgeben von 
Tritonen- Gruppen, sowie überhaupt die 
ganze Anordnung des Monumentes, wurden 
nach Zeichnungen des Peter Candid (S. 350) 
gefertigt. 

Unter Führung eines Schlossdieners 
(S. 318) steigt man ins erste Stockwerk 
empor zu den Kaiserzimmern, 
welche Karl VII. (als deutscher Kaiser) 
und später auch König Max I. bewohn- 
ten. Nacheinander folgen derSpeise-Saal^ 
der Audienz- Saal und der ursprüngliche 
Thron- Saal mit Bildnissen römischer 
Imperatoren, angeblich von oder nach 
Tizian gemalt. In der anstossenden 
Grünen Gallerte (welche hinüber zum 
neuen Königsbau führt) eine Kollektion 
von Bildern italienischer und nieder- 
ländischer Meister. — R. folgen die 
sogen, reichen Zimmer, von denen 
das erste, ein ehemaliges Wohnzimmei- 
der Kurfürsten, prachtvoll brodirte 
Goldbrokat- Tapeten , das zweite, ein 
* Schlaf Tcabinet ^ jej^e kolossale Bett- 
stelle mit den berühmten goldgestickten 
Sammet- Gardinen und Decken bergen, 
welch letztere in der Schwere des 
darauf verwandten edlen Met alles (der 
Goldwerth soll 800,000 fl. sein) wohl 
kaum von einer ähnlichen Luxus- 
Stickerei erreicht werden. 

Als Napoleon I. in diesem Zimmer über- 
nachtete, weigerte er sich, in diesem Botte 
zu schlafen, wahrscheinlich um der Gefahr 
zu entgehen, durch die Gardinen erschlagen 
werden zu können. 

Das daran stossende Spiegelzimmer 
verdient wegen seiner reichen und origi- 
nellen Dekoration mit Gläsern, Vasen 
und edlen Geschirren besondere Beach- 
tung. Der Elfenbein - Kronleuchter soll 
von Maximilian I. geschnitzt worden 

ßi-rlepsch' Süd -Deutschland. 



sein. Das letzte ist das Miniaturen- 
Kahinetj angefüllt mit zierlichen kleinen 
Kopien berühmter Bilder; unter diesen 
Nr. 206, ein heil. Hieronymus, Original 
von Albr. Dürer. 

Sämmtliche andere Räumlichkeiten 
der alten Residenz sind für Fremde un- 
zugänglich; die Charlottenzimmer be- 
wohnt Prinz Otto (Bruder des gegen- 
wärtigen Königs), die Kurfürstenzimmer 
Prinz Adalbert etc. 

Der Festsaal-Bau (vergl. Plän- 
chen), 1832 bis 1842 im Style des Pal- 
ladio von Klenze erbaut, 800 F. laug, 
kehrt seine brillante Fa9ade dem Hof- 
garten zu. Wie schon sein Name an- 
deutet, ist er ausschliesslich für Fest- 
lichkeiten bestimmt. Die zu diesem 
Zweck gehörigen Säle und Appartements 
befinden sich sämmtlich im 1. Stock- 
werke, an welche, in gleicher Fronte 
gegen den Odeonsp-latz zu , die vom 
gegenwärtig regierenden Könige im 
Winter bewohnten Zimmer stossen. Die 
Räume des Parterre sind für Gastzim- 
mer bestimmt. 

Bei der Pühi-ung Mittags 11 Uhr wird 
man aus den Kaiser- und reichen Zimmern 
über einen langen Gang des ersten Stock- 
werkes sofort in die oberen Räume des 
Festsaal-Baues geleitet. 

Aus dem grossartigen Treppenhause 
betritt man die Vor- und Empfangs- 
Zimmer. — An diese stösst der Ball- 
Saal (Plänchen N, 4), Tänzergruppen 
und Reliefs von Schwa»ithaler, die 
Gallerien von jonischen Säulen ge- 
tragen. — Daneben r. (Plänchen N , 3) 
Spiel-Zimmer, in denen die bekannte, von 
König Ludwig I. gegründete, meist vom 
Hofmaler Stieler gemalte Schönheiten- 
Gallerie (Porträts von Damen aus allen 
Ständen), 36 Bilder, aufgehangen ist. 
Abermals daneben r. der Bankett- oder 
Schlachten- Saal (Plänchen N, 2), so ge- 
nannt nach den in demselben von Mon- 
ten , Adam, Hess u. A. auf die Wände 
gemalten 14 Schlachtenbilder; dieser 
nimmt den östl. Eck -Pavillon ein. — 
Nun wieder zurück durch den Ball-Saal 
in die drei '^'Kaiser -Säle (PlsincheiiN, 5, 
6 und 7"), berühmt durch ihre grossen 
historischen Fresken nach Kartons von 
11 



323 



33. Route: München (der neue Königsbau). 



324 



Jul. Schnorr v. Karolsfeld (dem jetzigen 
Direktor der Dresdner Akademie). 

Der erste Saal zeigt einen Cyklus 
von 19 Darstellungen aus dem Leben 
Karl d. Gr.; — der zweite solche, die 
Thaten Kaiser Friedrich Barbarossa's 
verherrlichend; — der dritte vier grosse 
Wandbilder von Schnorr und einen rund- 
umlaufenden Fries von Moritz v. Schwind, 
sämmtlich Motive aus dem Leben und den 
Zeiten Rudolphs von Habsburg. 

Aus dem letzten Kaiser- Saal in 
den "^Thron-Saal (Plänchen N, 8), ein- 
fach nur in Weiss und Gold dekorirt 
und blos für den Thron - Baldachin 
die Purpurfarbe verwendet. Er ist 
112 F. lang, 77 F. breit und wird von 
20 korinthischen Säulen getragen, 
zwischen denen 12 Erzstatuen (im 
Feuer vergoldet) der berühmtesten 
Fürsten aus dem Stamme der Witteis- 
bacher stehen , sämmtlich nach Mo- 
dellen Schwanthalers von Stiglmayr 
gegossen. Am Piedestal jeder Statue 
ist die Person genannt, welche siereprä- 
sentiren soll. 

Hier wird man vom ersten führenden 
Hofdiener durch eine Nebenthür entlassen 
und geht hinab zu dem barock verzierten 
Grottenhof (siehe S. 319 und Plänchen 
E u. C), um durch einen anderen Diener 
entweder in den neuenKönigsbau durch 
die Nibelungen-Säle oder zuvor noch 
im Festsaal -Bau in die Odysseus-Säle 
begleitet zu werden. 

Im Erdgeschoss des Festsaal-Baues 
die sechs Odysseus-Säle ^ enkaustische 
Wand -Gemälde nach Schwanthalers 
Zeichnungen von Hiltensperger ausge- 
führt, Scenen aus dem grossen home- 
rischen Epos darstellend. Jedes Zim- 
mer umfasst gewöhnlich 4 Gesänge der 
Odyssee. 

Die Führung und die mündliche Er- 
klärung des begleitenden Dieners sind in 
der Regel so drängend rasch, sowohl in 
diesem als den früher genannten Sälen, 
dass man nicht Zeit hat, die grossen Kom- 
positionen der Wandbilder in ihren Einzel- 
heiten zu betrachten. 

Der neue Königsbau, das dritte 
Gebäude - Glied der Residenz (Plänchen 
S. 319), ein ebenfalls auf Befehl Lud- 
wig I. durch L. v. Klenze 1826 bis 
1835 errichteter Palast, steht am Max- 
Joseph-Platz und hatte gleich ursprüng- 
lich die (den Zwecken des Pestsaal - 



Baues entgegengesetzte) Bestimmung, 
ein mit königlicher Pracht im Innern 
ausgestattetes Wohngebäude abzugeben. 
Die 430 F. lange Fa9ade wurde in ihrem 
architektonischen Aeusseren zwar stola, 
durchaus positiven Charakter bekun- 
dend gehalten, aber dabei einfach ohne 
allen Dekorativ -Apparat. Man glaubt, 
dass dem Erbauer dabei der Palazzo 
Pitti in Florenz als leitende Idee ge- 
dient habe. In diesem Theile der 
Residenz wohnte und starb Maxi- 
milian II. Fast alle Gemächer sind 
reich mit Wandgemälden nach Zeich- 
nungen von Schnorr, Schwanthaler, 
Zimmermann, Kaulbach, M. v. Schwind, 
Lindenschmitt, Rottmann etc. ge- 
schmückt, und zwar diejenigen, welche 
der König bewohnte mit solchen, deren 
Darstellungen Themata aus den Dich- 
tungen der griechischen Klassiker (Ana- 
kreon, Hesiod, Pindar, Aeschylos, So- 
phokles, Aristophanes und Theokrit) 
behandeln , — die der Königin mit 
Scenen aus den grossen Werken 
deutscher Klassiker (Walther von der 
Vogelweide, Wolfram v. Eschenbach, 
Bürger, Klopstock , Wieland, Goethe 
Schiller und Tieck), — aber sie sind zur 
Zeit unzugängig. Einzig und allein 
werden in diesem Bau jetzt gezeigt die 
* fünf Nibelungen- Säle, welche Schnorr 
V. Karolsfeld mit seinen grossartigen 
Fresken, die Hauptmomente aus dem 
grössten deutschen Heldengedichte be- 
handelnd, schmückte. Sie gehören zu 
den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten 
Münchens. 

,1) Eingangs-Saal: Das Personal des 
Nibelungenliedes: Chriemhild und Siegfried, 
Brunhilde und Günther, Frau Uote und ihre 
beiden Söhne Gernot und Gieselher, Sig- 
raunt und Sigelinde, Etzel und Rüdiger 
V. Bechlarn , Theoderich und Hildebrand, 
Hagen, Volker und Dankwart. — lieber der 
Thür: Heinrich v. Ofterdingen. 

2) Der Hochzeits- Saal: Siegfrieds 
Rückkehr aus dem Dänenkampfe; — Günther 
führt Brunhilden heim, begrüsst vonChrieni- 
hilden. — Siegfrieds Vermählung mit Chriem- 
hilden. — Siegfried vertraut Chriemhilden 
das Geheimniss des der Brunhilde abge- 
nommenen Gürtels an. — Mehrere kleinere 
episodische Darstellungen in Lünetten. 

3) Saal des Verrathes^ Streit der 
beiden Königinnen vorm Dom zu Worms; — 



325 



33. Route: München (Arkaden). 



326 



Hagen tödtet den auf der Jagd an einer 
-Quelle sich labenden Siegfried meuchling3; 
— Chriemhild findet den Leichnam ihres 
Gatten vor der Palastthür; — Siegfrieds 
Leiche im Dome zu Worms ausgestellt, fängt 
bei Hagens Näherung aufs Neue an zu 
bluten. — Viele kleinere Dai-stellungen. 

4) Saal der Rache: Hagen und Volker 
verweigern, vor der Schlossthür zuBechlarn 
sitzend, Chriemhilden den Achtungsgruss ; — 
Kampf auf den Treppen des brennenden 
Schlosses; — Dietrich v. Bern ringt mit 
Hagen; — Chriemhilde tödtet den in Ketten 
gefesselten Hagen, wird aber dafür von 
Hildebrand erschlagen. 

5) Saal derKlage: Die Todten werden 
beweint und aus dem Blutsaal getragen; — 
Heimkehr der Boten und Erzählung des 
tragischen Endes. 

Dernördl. an die Residenz stossende 
RofgaTten, ein sehr grosser mit 
Kastanien- und Lindenbäumen be- 
pflanzter, schattiger, öffentlicher Pro- 
menade- Platz, trägt heute noch seinen 
Namen von einem im 17. Jahrh. hier 
angelegt gevresenen Garten, der damals 
freilich lediglich für die residirenden" 
Herrschaften bestimmt war. Während 
der schönen Sommertage haben der 
Cafetier Tambosi und der Konditor 
Gampenrieder hier eine Anzahl von 
Tischchen und Stühlen stehen und ser- 
viren der eleganten Welt ihre Ei*- 
frischungen. — Eingeschlossen wird 
der Hofgarten (durch den eine öffent- 
liche Fahrstrasse läuft) an der Südseite 
durch den Festsaal-Bau (S. 322), an der 
Nord- und Westseite durch die A.V- 
kadeUf lange, von Säulen getragene 
offene Hallen (bei ungünstigem Wetter 
trockener Spaziergänger - Corso) , deren 
Wandseiten mit Fresken bemalt wur- 
den. Die 12 Bilder in dem dem 
Schlosse zunächst gelegenen Theile 
stellen Scenen aus der Geschichte Bayerns 
dar, wurden 1827 bis 1829 unter Cor- 
nelius' Leitung ausgeführt und erklä- 
ren durch Unterschriften die Bedeutung 
der Komposition. An der Decke die 
Wahlsprüche bayerischer Fürsten, In 
Fortsetzung derselben kommt eine 
Reihefolge von 28 landschaftlichen 
Darstellungen, Oegenden aus Italien^ 
von Karl Rottmann (vergl. S. 378) ge- 
malt , die aber leider zum Theil schon 
sehr verdorben sind; auch diese tragen 



Unterschriften. Oben, über denselben, 
apostrophiren Distichen von der Hand 
Ludwig I. die klassischen Orte. Die 
Nordseite der Arkaden i^t mit kleinen 
Bildern aus dem griechischen Be- 
freiungskampfe nach P. Hess von Nil- 
son dekorirt. Am Ende dieses Ganges 
in 7 Kolossal- Statuen die Thaten des 
Herkules nach P. Candids Zeichnungen 
in Holz geschnitzt von Roman Boos. 
Im gleichen Arkaden - Flügel der Ein- 
gang zum Ethnographischen Museum 
(S. 408) und Kunstverein (S. 338). Be- 
achtenswerth ist schliesslich noch die 
Schioanthalersche Brunnen - Nymphe im 
Hofgarten. 

In dem vor einem Theile der Ar- 
kaden gelegenen Bazar haben Tam- 
bosi (S. 302) und Gampenrieder (S. 304) 
ihre Thee-, Chokolade- und Süssig- 
keits-Lokale und mehre Magazine ihre 
Lager aufgeschlagen. 

Vor dem neuen Königsbau (S. 323) 
liegt der Max- Jo sephp latz (PI. 
E, 4), dessen Mitte das grosse JMLonU- 
ment für König Maximilian 

tfosephl, schmückt. Architektonisch 
wurde dasselbe von Klenze angeordnet, 
modellirt wurde es von Rauch in Berlin, 
in Erz gegossen von Stiglmayr und 
die Kosten der Herstellung deckte 
die Bürgerschaft Münchens. 1835 
stellte man es auf. Der König streckt 
(sitzend auf einem Imperatoren -Stuhl) 
segnend die Rechte aus. Die beiden 
Figuren am Postament zwischen den 
Löwen personificiren die öffentliche 
Wohlfahrt und die Bavaria. Auf den 
vier Relief- Tafeln des Postamentes wer- 
den die segensvollen Wirkungen der 
Eigenschaften und Massnahmen dieses 
von den Münchnern hochverehrten 
Monarchen durch allegorische Gruppen 
dargestellt; in derjenigen dem Post- 
gebäude gegenüber sind u. A. die Por- 
träts von Klenze und Cornelius mit an- 
gebracht. Das ganze Monument ist 
34 F. hoch. — Die Ostseite scliliesst 
das Königliche TTof- und Natio- 
nal- Theater f nach dem Brande 
von 1823 durch Fischer erbaut, in 
seiner Fahnde ein von 8 gewaltigen 
11* 



327 



33. Moute: München (Holtheater). 



.32B 



korinthiachen Säulen getragener Por- 
tikus, zu welchem eine grosse breite 
Freitreppe hinaufführt. Das Giebel- 
feld sowohl des Peristyls als des eigent- 
lichen Hauses wurde mit buntfarbigen 
Malereien ausgestattet, die bereits ziem- 
lich verwittert sind. 

Das ganze Gebäude misst 354 P. in der 
Tiefe, 195 F. in der Breite und 150 F. in 
der Höhe. In seinen Parterre -Räumen und 
den 5 Logen -Emporen und Gallerien, kann 
rlas Auditorium 2500 Per»onen fassen. Mehr ala 



hat. In demselben werden hauptsäch- 
lich feinere Lustspiele und Operetten 
gegeben, für welche der Bühnen -Raum 
im Hoftheater zu gross sein würde. 
Durchschnittlich spielt man wöchent- 
lich 6mal in diesem Bühnen- Apendix. 
— Die dritte Seite des Platzes nimmt 
ein hallenartiger Flügelbau des JPost- 
Gebäudes e\r), der im Fond dunkel- 
roth grundirt mit darauf gemalten 
ßussebändiger - Gruppen im pompe- 




Plan des Kbnigl. Hoftheaters in München. 



2000 Gasflammen erleuchten das Haus. Die 
Bühne hat 100 F. Oefifnung, von der jedoch 
nur 54 P. sichtbar sind. Einer Besichtigung 
werth sind die Maschinerien und scenischen 
Einrichtungen, Man kann Mont., Mittw. 
und Sonnabd. Mittags 2 Uhr durch den 
Portier die Konstruktion sich zeigen lassen. 
12 kr. Entr6e pr. Pers. — Ueber die sce- 
nischen Leistungen und Preise der Plätze 
sehe man S. 411. 

Unmittelbar daran stösst das könig- 
liche Residenz- Theater , 1754 bis 
1760 erbaut, in den jüngsten Jahren im 
Style des überschwänglichsten Rococo 
wieder restaurirt, ein Muster-Kuriosum, 
das in Deutschland nicht seines Gleichen 



janischen Geschmack vorherrschend 
Dekorativ -Zwecke gehabt zu haben 
scheint. 

Die eigentlichen mit dem Publikum 
verkehrenden Post - Bureaus befinden 
sich in einem älteren , der Residenz- 
strasse zugekehrten, im italienischen 
Palast -Styl des vorigen Jahrhunderts 
aufgeführten Gebäude. 

Die Maximilians - Strasse, 
welcJie neben dem Hoftheater auf den 
Max-Joseph Platz mündet, ist eins der 
allerneuesten Bauresultate Münchens, 
eine Schöpfung der letzten beiden De- 



ä29 



33. Route: München (Maximilians -Strasse). 



330 



cennien,undwirdalsdie schönste Strasse 
der Residenz bezeichnet. 

Auf Anregung des letzt- verstorbenen 
Königs begonnen, würde sie dies Epitheton 
nach demReichthume ihrer luxuriös aus- 
gestatteten Magazine und Schaufenster und 
durch ihre breiten Trottoirs und die boule- 
vard- ähnliche Besetzung mit Bäumen als 
sehr belebte Promenadenstrasse unfehlbar 
verdienen, wenn die bei ihrer Erbauung 
thätig gewesenen Architekten (keine der 
gefeierten niünchner Namen) nicht versucht 
hätten, das Problem zu lösen, einen moder- 
nen neuen Baustyl zu schaffen. Bei allem 
EflFekte des Totaleindrtickes der Strasse 
selbst, sind die Bauobjekte einzeln betrachtet, 
meist als höchst missglückte Versuche zu 
bezeichnen. 

Meim Eintritt in die Strasse, dem 
Theater gej^enüber, r. die Arkaden des 
neuen Münzj^ebäudes, unter denen auch 
der Eingang zu dem schönen Cafe 
Maximilian (reichlich assortirter Zei- 
tungstisch) sich befindet. Weiterhin 
1. das Höfel zu den Vier Jahreszeiten 
(PI. P , 5), und wo die Strasse sich zu 
einr!.i mit Squares - ähnlichen Anlagen 
ausgestatteten Platze (dem sogen, 
„forum") ausweitet: 1. das neue Me- 

gieriings- Geb lude (PI. F, G, 5) für 

Oberbayern , in gemischtem , gothisch- 
romanisireiidem Ueschmacke von Fr. 
Bürklein in Backsteinbau mit Terracott- 
Verzierungen aufgeführt. Das Ge- 
bäude ist 600 P. lang, 110 F. hoch und 
enthält gegen 250 Lokalitäten, welche 
lediglich für Zwecke der hier koncen- 
trirten Behörden benutzt werden — 
Diesem gegenüber das bayerische l^d- 

tional- Museum {V\. F,G, 5), 1858 

bis 18G3 auf Anordnung König Max II. 
nach den Plänen des Intendanzrathes 
E. Riedel erbaut und von der unab- 
hängigen Kritik als Monumental- Bau 
einmüthig verurtheilt (Ausführlicheres 
steht S. 397 bis 405). In den zwischen 
diesen Gebäuden angepflanzten freund- 
lichen Anlagen stehen die Bt'oiize-Statuen 
des grossen deutschen Philosophen Fr. 
Wilh. Jos. 0. Schelling (geb. 1775 zu 
LeonbtMg, fin Ragatz am 20. Aug. 1854, 
weiland Lehrer des Königs Max II.), 
modellirt von Brugger; — des Generals 
Deroy (geb. 1742 zu Mannheim, f in 
der Schlacht zu Potolsk 1812 als 
Führer des bayerischen Hülfskorps), 



modellirt von Prof. Halbig; — des 
Grafen Benjamin Thompson v. Rumfort 
(geb. 1753 in New-Hampshire, f 1814), 
und des berühmten Optikers Joseph 
V. Fraunhofer (geb. 1787 in Straubing, 
t 1826), sämmtlich in der königlichen 
Erzgiesserei (S. 395) unter Direktion 
des Hrn. v. Miller in Erz gegossen. — 
Ueber die am Ende der Maximilians- 
strasse quer vorbeifliessende Isar führt 
die neue, 1858 bis 1863 vom Ingenieur 
Zenetti erstellte schöne breite Maxi- 
milians - Brüche zu dem, die ganze bau- 
liche Anlage, der ursprünglichen Idee 
nach grossartig abschliessenden hoch- 
gelegenen Maxiniilianeum (PI. 
H, 5). Der verstorbene König wollte 
ein erhabenes Athenäum in diesem Ge- 
bäude stiften, das als Erziehungs- In- 
stitut für besonders befähigte Jünglinge, 
die dem bayerischen Staatsdienste sich 
widmen wollen , bestimmt wurde. Ein 
gekrönter Preis -Entwurf des Archi- 
tekten Zumbusch konnte leider nicht 
zur Ausführung kommen, weil er ein 
Baukapital von etwa 100 Mill. Gulden 
in Anspruch genommen hätte. Ober- 
baurath Bürklein wurde deshalb mit 
Anfertigung eines minder kostspieligen 
Planes beauftragt, nach dessen Vor- 
lagen, zum Theil modificirt durch Pro- 
fessor Sempers Korrekturen , dieses 
grossartige Werk gebaut wurde. Im 
Inneren sollen Gemälde von kolossaler 
Grösse, Haupt- Akte der Weltgeschichte 
vorführend, aufgestellt werden, von 
denen bereits die ,, Schlacht bei Sala- 
mis", gemalt von W. v. Kaulbach, auf 
der grossen internationalen Kunst-Ans- 
stellung (München , Sommer 1869) die 
Aufmerksamkeit der Besucher lebhaft 
in Anspruch nahm. — Zu beiden Seiten 
des Maximilianeums dehnen sich neue 
Pflanzungs- Anlagen aus, eine land- 
schaftliche Zierde , wodurch sich König 
Max II. ein monnmentnm aiMe peren- 
nius gesetzt hat. 

Das zweite, den Fremden inter- 
essironde, neue grosse Bau-Quartier von 
München, einige Jahrzehnte älteren 
Datums, erstreckt sich von der Resi- 
denz aus nördl . gegen das Stadtende zu 



331 



33. Route: München (Ludwigs -Strasse). 



332 



und erhält seinen vornehmsten Ausdruck 
durch die stolze breite Ludwigs - 
Strasse. Diese hat ihren inneren 
Abschluss in der (gegenüber von der 
alten Residenz) 1841 bis 1844 auf 
König Ludwig I. Intentionen von Fr. 
V. Gärtner erbauten *Feldherren- 
halle (PI. E, 4), einen 117 F. breiten, 
39 F. tiefen und 58 F. Üohen, nach drei 
Seiten hin offenen gewölbten Hohlraum, 
bestimmt, die Erzstatuen grosser baye- 
rischer Heerführer aufzunehmen, Sie 
ist eine freie Wiedergabe der Loggia dei 
Lanzi in Florenz und sieht vorläufig 
noch ein wenig öde aus , in dem nur die 
beiden Standbilder, l) des aus dem 
30jährigen Kriege in schreckhaftem An- 
denken stehenden kaiserlichen Gene- 
ralissimus Johann Tzerhlas Grafen 
V. Tilly (dem Verwüster Magdeburgs), 
gefallen in der Schlacht auf dem Lech- 
felde (S. 51) und gestorben zu Ingol- 
stadt (vergl. S. 234) und 2) des baye- 
rischen Feldmarschalls Fürst Karl 
Wrede (geb. 1767 zu Heidelberg, wo 
gleichfalls ein Monument steht, f 1838), 
beide nach Modellen Schwanthalers 
(vergl. Museum S. 393) von Ferd. 
V. Miller in Erz gegossen, darin auf- 
gestellt wurden. Mittags bei der Pa- 
rade dient die Halle den ßegiments- 
Musiken als Koncert- Lokal. — Diesem 
Bau westl. zur Seite steht die Thea- 
tiner Hofkirche (PI. E, 4), deren 
nähere Beschreibung (S. 351) nachzu- 
lesen ist. 

Einige Hundert Schritte von diesen 
Gebäuden und vor dem Eingange zu 
den Arkaden (S. 325) und in den Hof- 
garten öffnet sich das Quadrat des 
Odeonplatzes, so genannt nach 
dem die eine Seite desselben begren- 
zenden Odeon, einem 1826 durch L. 
v. Klenze erbauten, für Koncert- Auf- 
führungen (S. 412) bestimmten Ge- 
bäude mit grossen, durch Kaulbach und 
Eberle'sche Fresken und Marmorbüsten 
berühmter Komponisten geschmückten 
Sälen , in denen die berühmten Kon- 
certe der musikalischen Akademie 
stattfinden, eine Zeit lang Sitz der 
Wagner- Bülowschen Musikschule. In I 



Mitte des Platzes das Reifer -Stand- 
bild König Ludwig I,, den 

König im Krönungs- Ornat mit erhobe- 
nem Scepter darstellend, begleitet von 
zwei Pagen, welche des Monarchen 
Wahlspruch „Beharrlich und gerecht" 
auf Tafeln tragen. Am Piedestal die 
Bronze- Statuen der Poesie und Re- 
ligion , der Kunst und Industrie. Das 
Modell führte nach einer von Schwan- 
thaler angeregten Idee der Bildhauer 
Prof. Widnmannaus; die Aufstellung 
erfolgte noch zu Lebzeiten des Königs 
am Ludwigstage (25. Aug.) 1862, und 
wie die Inschrift sagt: ,, Errichtet aus 
Dankbarkeit von der Stadt München". 

— Dem Odeon gegenüber das Prinz 
Luitpold-Palais (ursprünglich dasjenige 
des Herzogs von Leuchtenberg , vei gl. 
S. 351), erbaut von Klenze, unzugäng- 
lich für Besichtigung des Publikums. 

Hinter dem Odeon platze liegt ganz nahe 
der Witteisbacher Platz, auf welchem die 
Reiterstatue Kurfürst Maximilian I. 
nach Thorwaldsens Modell, von Stiglmayr 
in Erz gegossen, 1839 durch Ludv\ig I. er- 
richtet wurde. 

Die von hier sich ausdehnende , 60 
Schritte breite, aristokratisch - ruhige 
Ludwigs - Strasse f an ihrem Ende 
durch das Sieges thor (S. 335) ge- 
schlossen, ist ausschliesslich ein Werk 
Ludwigs I. und in seinen Hauptgebäu- 
den der vornehmste Wirkungskreis des 
Architekten Fr. v. Gärtner (vergl. 
S. 347), des Gründers der romanischen 
Baurichtung in der Civil -Architektur 
Münchens. Die bedeutendsten dieser 
Paläste und palastartigen Häuser sind: 
L, das Herzog Max-Palais (1830 von 
Leo V. Klenze noch in der vor-gärt- 
nerschen Zeit erbaut) mit reich deko- 
rirten Zimmern; von dem herzoglichen 
Zweige der bayerischen Regentenfamilie 
bewohnt; nur bedingter Weise für 
Fremde bisweilen zugängig. — R. das 
Kriegs- Ministerium (auch noch ein 
Klenze'sches Werk von 1824 bis 1830). 

— Daneben die grosse königl Hof- 
und Staats-Bibliothek (PI. F, 2), 
ein in altflorejitinischem Styl 1832 bis 
183^: errichteter Kolossalbau, in dessen 
hochgelegenen Erdgeschossen das all- 



333 



33. Route: München (Ludwigs -Strasse). 



334 



gemeine Reichsarchiv , — in den oberen 
Stockwerken die Bibliothek sich be- 
findet. Weiteres sowohl über das Ge- 
bäude als dessen Schätze sehe man 
S. 405. — Gegenüber, also 1., das 
Damenstift und daneben das von Lud- 
wig I. reich dotirte Blinden-Institut (auf 
vorherige Anfrage beim Direktor zu- 
gängig). — R. die doppelthürmige aus 
weissem kelheimer Kalkstein 1829 bis 
1843 von Gärtner erbaute *Ludwigs- 
kirche, in welcher das grösste existi- 
rende Bild: das jüngste Gericht von 
Cornelius sich befindet (nur Vormitt. 
geöffnet) , umgeben von einer garten- 
artigen, bäum -beschatteten, gegen die 
Strasse zu von Säulen- Arkaden abge- 
schlossenen Anlage, in welcher rundum 
Stations- Kapellen mit Bildern von 
Fortner aufgestellt sind (Ausführlicheres 
sehe man S. 355 bis 356). — Schräg- 
über von der Ludwigskirche die könig- 
liche Salinen- Vericaltung (PI. F,2),ein 
schöner, dunkelrother Backsteinbau von 
gelungenen Verhältnissen. 

G-eo logen wird hier auf besonderem 
Wunsch eine gut geordnete, alle Schichten 
und Lagerungen von ganz Bayern umfassende 
Gesteine- Sammlung gezeigt.* 

Nun weitet sich die Ludwigsstrasse 
zu einem regelmässig quadratischen 
Platze aus, den 1. das Uni versi t ä ts- 
Gebäude (PI. F, 1), r. das Alumnenm 
oder Priester- Seminar (Georgianum) 
und das Maximilians - Erzieh n nys - In- 
stitut em^renzen, sämmtlichvon Gärtner 
in den Jahrenl835 bis 1840 in italienisch- 
romanischem Style erbaut, zum Theil 
von düsterem Eindruck trotz der hellen 
Farben des Anstriches. 

In Mitte des Platzes zwei schöne 
Fontänen -Brunnen von bronzirtem 
Eisen. 

Die I^ttdififf -Mnjcitnilians- Univer- 
sität, ursprünglich zu Ingolstadt 1472 von 
Ludwig dem Reichen nls Studium generale 
gegründet (vergl. S. 234) , dann um ISOö 
nach LandÄhut verlegt, und erst durch Ver- 
ordnung Ludwig I. vom 3. Okt. 1826 nach 
München berufen , hat durchschnittlich ein 
Lehrer -Personal von etwa 60 ordentlichen 
und ausserordentlichen Professoren und eine 
Frequenz von ca. 1100 Studironden. Die 
protestantisch - theologische Fakultät fehlt. 
Von Jeher wirkten ^läuner von hohem wis- 
senschaftlichen Rufe hier; Celebritäten der 



jüngst vergangenen Zeit waren, resp. sind 
es noch: der Theolog Stiftspropst Döllinger 
(der geistreiche und gelehrte Vertreter der 
wahren Interessen des Katholicismus gegen 
die Anmassungen der römischen Kuriej, — 
die Rechtslehrer Bluntschli (in Heidelberg), 
Arndts (in W ien), Windscheid undv. Bayer , — 
der Archäologe und Philologe Thiersch,— der 
Mineraloge t;.Ä'o6eZZ, der Geologe Schaf häuü, 

— die Chemiker v. Liehig und Pettenkojer, 

— die Naturforscher v. Martins (f) u. v. Schu- 
bert (f), — die Mediziner Pjeufer (t) , Siebold, 
Harless, — der Aesthetiker J/or. Carrikrexi.A.. 

Die Universität besitzt eine Bibliothek 
von 300,000 Bänden; die grosse Aula ist mit 
Medaillons von Schwanthaler geziert, und 
sehenswerth ist das schöne Stiegenhaus. 

Den Schluss der Strasse bildet das 
den Verhältnissen des Triumphbogens 
des Konstantin zu Rom frei nachgebil- 
dete * Siegesthor {l^i. F, l), 81V2 ^^ 

breit, 70 F. hoch, ^^Dem bayerischen 
Heere" (Feldseite) ., Erbaut von Lud- 
wig I., König von Bayern MBCCCW 
(Stadtseite), unter Gärtners Leitung 
1844 begonnen, nach dessen Tode von 
Metzger 1850 beendet. Die in dasselbe 
eingelassenen Relief - Skulpturen (den 
Kriegerstand in allen seinen Waffen 
und Obliegenheiten illustrirend) nebst 
mehren allegorischen Figuren wurden 
nach Martin Wagners Entwürfen in 
Marmor gearbeitet. Die bedeutendste 
Zierde ist der von 4 Löwen gezogene 
Siegeswagen mit der stehenden Bavaria, 
nach den Modellen von Martin Wagner, 
Bmgger und Halbig durch F. v. Miller 
in Erz gegossen. Totalgewicht 900 
Ctnr.; Original -Modell im Treppen- 
hause der neuen Pinakothek (S. 374). 

Gegenüber der Bibliothek durch die 
schnurgerade Theresienstrasse, an der 
(1.) kolossalen Infanterie -Kaserne vor- 
bei, kommt man zu den beiden Pina- 
kotheken, den ausschliesslich für die 
Aufstellung älterer und neuerer Ge- 
mälde, Kupferstiche und Handzeich- 
nungen bestimmten grossen Gebäuden, 
deren einlässlichere Beschreibung S. 358 
bis 381 steht. — Hinter diesen das 
neue Polytechnikum , mit einer 800 F. 
langen Facjade, erst seit 1869 von der 
Lehranstalt bezogen. — Durch die 
Barer Strasse auf den runden Karu- 
linen-Platz, in dessen Centralpunkt 
ein 100 F. hoher Obelisk (Erzguss 



337 



33, Route: München (Königs -Platz). 



338 



von Stiglmayr, Zeichnung von Klenze) 
steht, welchen Ludwig I. den 30,000 
unglücklichen Bayern errichtete, die als 
Kontingent der grossen Armee (mit 
welcher 1812 Napoleon I. nach Russ- 
land ging) dort elendiglich umkamen. 

Unfern dieses Platzes, mit seinen Zinnen 
und Thürmen noch über die Bäume herüber- 
schauend, steht der ■' Witteisbacher Palastf 
in mittelalterlichem Spitzbogenstyl aus orange- 
farbenen Backsteinen nach Gärtnerschen 
Plänen 1843 erbaut, imd zwar mit der Be- 
stimmung, dass dies die Residenz des je- 
weiligen Kronprinzen sein sollte. Seit 
seiner Abdankung bewohnte ihn jedoch 
König Ludwig selbst, bis zu seinem in 
Nizza erfolgten Tode. Sehenswerth ist der 
Hof und das seiner Zeit dem Könige ge- 
widmete Künstleralbum, und ein von den 
Handwerkern geschenkter gothischerSchrank. 

Von hier durch die Brienner Strasse 
zu Münchens stolzester Zierde auf den 
von drei Pracht - Bauten umstandenen 
Köuigsplatz (PI. D, 3). Die*J^ro- 
pyläetl, das in dorischem Styl, nach 
dem gleichnamigen Vorbilde auf der 
Akropolis zu Athen, von Leo v. Klenze 
erbaute, herrliche griechische Thor hat 
man schon von Weitem in der Strassen- 
Perspektive gesehen. Es wurde von 
1854 bis 1862 als ein grossartiges 
Denkmal der heldenmüthigen Be- 
freiungskämpfe in Griechenland (wäh- 
rend der Jahre 1821 bis 1830) und der 
Gründung eines neuen Königreiches im 
alten Hellas durch die Person des 
bayerischen Prinzen Otto L, Sohn des 
König Ludwig L , von letzterem er- 
richtet. Das dazu verwendete Material 
ist grösstentheils untersberger Marmor. 
Der geöftnete Giebelbau wird nach den 
Aussenseiten von dorischen , im Innern 
von korinthischen Säulen getragen. Die 
daneben errichteten 110 F. hohen 
Thürme sind mit Reliefs nach Zeich- 
nungen des Prof. Hiltensperger geziert, 
welche Scenen aus der Erhebung der 
Griechen und ihie Land- und See- 
kämpfe gegen die Türken darstellen; 
die Gruppen in den Giebelfeldern, 
welche den bereits errungenen Sieg und 
die Bildung des neuen Staates durch 
Bayerns Vermittelnng zeigen, sind älter 
und noch Komposition Ludw. Schwan- 
thalers. An den Innenwänden sind in 



griechischen Uncialbuchstaben die Na- 
men derjenigen hellenischen Helden auf- 
geführt welche in den Kämpfen am be- 
deutenasten sich auszeichneten. Die 
ersten Wagen , welche dieses Thor pas- 
sirten, waren jene, welche die Ludwigs- 
Statue (S. 332) aus der Erzgiesserei 
(S. 395) nach dem Odeonsplatze be- 
förderten. Die Erbauungskosten sum 
mirten auf 718,810 fl. — Den Propy- 
läen zur rechten Seite steht die* Glyp- 
tothek f ein einstöckiger Prachtbau 
mit Säulen jonischer Ordnung, ebenfalls 
von L. V. Klenze (1816 bis 1830) er- 
richtet und gleich anfänglich bestimmt, 
die von Ludwig I. in Italien und 
Griechenland gesammelten grossen 
plastischen Kunstschätze des klas- 
sischen Alterthums aufzunehmen. Eine 
einlässlichere Beschreibung des Ge- 
bäudes und seiner Sammlungen steht 
S. 382 bis 389. — Diesem gegenüber 
erhebt sich das dritte Glied dieser an- 
tiken Bauforraen- Trias, das KUflSt- 

Ausstelltings- Gebäude, welches 

Ziebland (der Architekt der Basilika, 
S. 352) als Gegenstück der Glyptothek 
mit einem von korinthischen Säulen ge- 
tragenen Tempel -Prostylos, 1838 bis 
1848 herstellte. Wie schon sein Name 
andeutet, wurde es vorherrschend zu 
dem Zwecke erbaut, den Künstlern und 
Kunstsammlern geeignete Räume zu 
bieten , in denen diese die Schöpfungen 
ihres Genius oder die Schätze privaten 
Besitzes von Zeit zu Zeit in grossen 
Ausstellungen dem Genüsse des Publi- 
kums und der Kritik der Kunstwelt 
preisgeben. Einen Theil des Ge- 
bäudes hat in jüngster Zeit das A n ti - 
quarium (vergl. S. 396). die den 
Zweck der Glyptothek ergänzende Ab- 
theilung der Kleinkünste eingenommen. 
Nicht zu verwechseln sind mit den hier 
zeitweise stattfindenden Ausstellungen, 
jene des KttiistvereiHes , der für seine 
Zwecke ein eigenes Gebäude am östl. Ende 
der Arkaden (S. 326) errichten liesF, in 
welchem eine Winter und Sommer ununter- 
brochene, durch fast täglich neue Zugänge 
wechselnde Ausstellung siatt hat. - Fremde 
haben nur, durch ein Mitglied eingttlihrt, 
Zutritt zu den Ausstolhmgon des Kunst- 
vereines; das Lokal ist von 10 Uhr Vorm. 
bis 6 Uhr Abds. geötTuet. — Ueberbauj.t ist 



341 



33. Route: München. 



342 



München an Lokalen für grosse Exposi- 
tionen so reich, wie keine zweite Stadt in 
Deutsehland; man vergl. unten die Notizen 
über den Glaspalast, und S. 397 das National- 
Atuseum. 

Gleich ausserhalb der Propyläen, 
wenige Schritte r., in der Louisenstrasse 
Nr. 18, steht die königliche Glasmalerei- 
Anstalt (PI. D, 2), ein Institut, welches 
in Folge der grossartigen Schöpfungen 
Ludwigs T. entstehen musste, um die 
unter seinem Protektorat vestaurirten 
und neu erbauten Kirchen (Regens- 
burger Dom S. 162, — Münchner 
Frauenkirche S. 348 , — Mariahilf- 
kirche in der Au, S. 356 etc.) mit der 
Farbenpracht neuer Glasgemälde zu 
zieren. Bisher stand die Anstalt unter 
Max Ainmüllers Leitung. Eine Samm- 
lung von Kabinetsbildern wird gegen 
das Entree von 24 kr. gezeigt; in die 
Säle der Maler hat der Fremde keinen 
Zutritt. 

Durch die Propyläen gerade hinaus, 
über den Stiglmayrplatz (PI. C, 2) und die 
Nymphenburger Strasse, gelangt man zu der 
königlichen Erzgiesserei (PI. B, 1), 
deren Thätigkeit und Museum auf S. 395 und 
396 beschrieben werden. 

Vom Königsplatz (PI. D, 3) durch 
die Arcis- oder Louisenstrasse 1., in 
südlicher Richtung und dann in die 
Karlsstrasse (die erste quer vorüber 
laufende) einbiegend, kommt man in 
wenigen Minuten zur *ßasUihu oder 

Bonifaziuskirche (PI. D, 3), von 

Weitem kenntlich an ihrem rothen 
Backstein -Material, den ganzen Tag 
gratis geöffnet. Specialbeschreibung 
ist S. 352 und 353 nachzulesen. — 
Gegenüber die Gebäude des Bota- 
nischen Gartens, difesen 60 F. hohes 
Palmenhaus sehenswerth ist. 

Hinter diesem, an der Ecke der Sophien- 
und Arcisstrasse Nr. 1 das Chemische 
lAnboratovinni f in welchem der beri Ini.te 
Chemiker Professor v. Liebig seine Vor- 
lesungen hält , zu denen Leuten von Fach 
oder Freunden der Naturwissenschaften der 
Zutritt gern gestattet wird. 

Weithin sichtbar ist der GlflS- 
palcist oder das Ttidustvie- Aus- 
stellung s- Gebäude (PI. D, 4X 
mehr durch die immensen Raumverhält, 
nisse und die Eigenartigkeit seiner Er- 
scheinung, als durch schöne Formen 



seiner architektonischen Konstruktion 
auffallend, in iNtitte der zwei Hälften 
des Botanischen Gartens gelegen. Es 
entstand in Folge der im Jahre 1854 an- 
geordneten grossen allgemeinen In- 
dustrie-Ausstellung, überdeckt 134,000 
Quadratfuss Fläche, ist 800 F. lang, 
760 F. im Transsept breit und nur aus 
Glas und Eisen erbaut. Den grösseren 
Theil des Jahres steht es unbenutzt, 
wird aber allsommerlich bald zu land- 
wirthschaftlichen und gärtnerischen, 
bald zu industriellen Ausstellungen ver- 
wendet; im Sommer 1869 fand hier die 
erste grosse internationale Kunst- Aus- 
stellung statt. 

Von der Gegend des Odeonsplatzes 
(PL E, 3) oder vielmehr von dem daran- 
stossenden Witteisbacher Platz (S. 332), 
schlingt sich um den Kern der alen 
Stadt eine Reihefolge bi-eiter, freier 
Räume , die ehemalige Umwalliing ein- 
nehmend, und zwar: der I^Iaximilians- 
oder Dultplatz (PI. D,E, 4), auf wel- 
chem die Dulten oder Jahrmärkte ab- 
gehalten werden, der Karlsplatz 
(PI. D, 4), auf dem Axe protestantische 
Kirche (S. 357) steht und die baum- 
bepflanzte, schattige breite Sonnen- 
strasse, von der r. dieSelnvanthaler- 
strasse (Schwanthaler- Museum S. 393) 
abzweigt, — an welcher die neue präch- 
tige Gebär- Anstalt und mehrere dem 
Vergnügen der unteren Klassen gewid- 
mete Ball -Lokale (vergl. S. 415) sich 
befinden. Der Seudlinger -Thor- 
platz (mit dem alten gleichnamigen 
Thore) Jchliesst diesen Ring, den jeder 
Fremde beim Karlsplatz passiren muss. 
— Am Anfang und Ende des Maxi- 
miliansplatzes sind Statuen von 
Schiller und Goethe ^ beide nach Widn- 
vianns Modellen in Erz gegossen , auf- 
gestellt, von denen letztere durchaus 
nicht zu den gelungenen Arbeiten dieses 
Bildhauers gehört. 

Aerzte, welche hiesige .\nstalten be- 
suchen wollen, finden in der Nähe desSend- 
linger Thores das Aüijrmeine Krankenhaus 
(PI. C, 6), die Anatoiiiii- , das Ueilitj«- 
Geist - Spital und die (•'ebäranstalt. — Das 
Mililärkrankenhans ist drausseu , nördl. 
von der Nymplienburger Strasse. — Die 



543 



33. Route: MünchM. 



^44 



neue Kreis ^Irrenanstalt hinter der Vorstadt 
Au (PL G, H, 8). 

Um die Sehenswürdigkeiten im 

Stadt »Innern zu absolviren, geht man 
am zweckmässigsten vom Karls- 
platz (PI. D, 4) oder in umgekehrter 
Ordnung vom Max- Josephplatz 
(PI, E, 4) aus. Die grössten Pulsadern 
im Strassen - Verkehr der innern Stadt 
sind die Neuhauser und Kaufinger 
Strasse (PI, D, E, 5), der Marienplatz 
(S. 344), das Thal (PI. F , 5), die Thea- 
tiner Strasse und die mit dieser parallel- 
laufende Dienersgasse und deren Fort- 
setzung, die Residenzstrasse (PI. E , 4). 

Beim Eintritt durch das alterthüm- 
liche gut restaurirte KavlsthOT (PI. 
D, 4) in die Neuhauser Strasse kommt 
1., nächst den besuchten Cafe's Danner 
und Probst (S. 302), sowie dem fre- 
quenten Ober-Pollinger (S. 300), der 
Bürger -Saal, eine 1710 erbaute, saal- 
ähnliche Kirche (nur in den Morgen- 
stunden geöffnet), — r. der famose 
Augustiner- Bräu (vergl. S. 303 das 
über die Bierhäuser Gesagte) und 1. das 
Akademie- Gebäude (Nr. 51), das 
ehemalige Jesuiten-Kloster, in welchem 
1) die Gypsotheh oder der Antiken- Saal 
der Gypsabgüsse (S. 396) und sämmt- 
UcheNatmwissenschaftlicheSammlungen 
(S. 409) aufgestellt sind. Auch dieLehr-, 
Zeichnen- und Maler- Säle der Akade?nie 
der bildenden Künste unter dem Direk- 
toriat des Malers Prof. W. v. Kaulbach 
(dessen Atelier gleichfalls im Gebäude 
sich befindet) sind hier etablirt. 

Um das Eine oder Andere zu sehen, 
oder junge, hier studirende Maler und Bild- 
hauer zu erfragen, wende man sich an den 
Hausmeister. 

Daneben die Michaels - Hof- 
kirche (PL D, 4, Weiteres S. 350) und 
wenige Schritte weiter die Mauthhalle 
(ehemalige Augustinerkirche) , neben 
welcher die enge Augustinergasse zum 
Frauenplatz führt, auf dem Münchens 

Kathedrale, die Frauenkirche fS. 

348), steht. Durch irgend ein Seiten- 
gässchen gelangt man wieder auf die 
Kaufinger Strasse und auf den Marien- 
platz (PL E, 5), iu dessen Mitte die 
zum Andenken des Sieges der katho- 



lischen Mächte (unter Komtnafido des 
Kurfürsten Maximilian I.) über die 
Protestanten in der Schlacht am Weissen 
Berge bei Prag errichtete hohe Ma- 
rien - Säule steht. 

An den Ecken des Sockels vier gegos- 
sene Erzgruppen, die Landplagen des 
17. Jahrh. : Pest , Hungersnoth , Ketzerei 
und Krieg darstellend. Das schöne Stand- 
bild der Maria, der „Patrona Bavariae", 
soll nach einem Modell des Hans Krumper 
gegossen worden sein. Als die Cholera 
1854 in München grässlich wüthete, wurden 
die öffentlichen Marienandachten an dieser 
Säule wieder eingeführt, und man g«ht selten 
vorbei, ohne auf der Strasse kniende Beter 
am Gitter der Säule zu sehen. 

Der Marienplatz ist der Krystalli- 
sations-Kern der ältesten Stadt, das 
„forum ad Monachos" (vergl. S. 313), 
bis zum Jahr 1854 der Markt- und 
Schrannenplatz, längs dessen, noch 
Reste aus alten Bauverhältnissen, ge- 
wölbte Lauben in den Erdgeschossen 
der Häuser hinlaufen, in denen sich ein 
Boutiker-Handel fest eingenistet hat. — 
An der Nordseite des Platzes das 
prächtige Neue RathhauSf gothi- 
sirende Konstruktion, und vor dem» 
selben der * Fischhrunnen, ein rei- 
zendes neues Bildwerk des Bildhauers 
Knoll y an welchem alljährlich am Fast- 
nacht-Montag der sogen. Metzgersprung 
(vergl. S. 414) dem Volke zum Besten 
gegeben wird. Die Ostseite des Platzes 
schliesst das mit zinnengezacktem 
Treppengiebel und der Statue Kaiser 
Ludwig des Bayern gezierte Alte 
RathhaUS und das danebenstehende 
thurmhohe , malerische Thalburgthor 
ab. — Durch letzteres in das Thal, 
einem recht alten Stadttheil , an dessen 
Strassen-Ende das schütz- und trutzge- 
rüstete, schöne alte Isar-Thor steht, 
1314 erbaut, 1833 restaurirt und von 
Bernh, Neher mit einer grossen , leider 
schon sehr verwitterten Freske, den 
,, Einzug Kaiser Ludwig des Bayern" 
nach der Schlacht bei Ampfing (S. 313) 
darstellend, geziert. Wer geradeaus 
geht, kommt mittels der Ludwigs- 
Brücke über die Isar nach der Vorstadt 
Au, in welcher die M ariahilfkir che 
(PL P, 8, vergl. S. 356) jedenfalls zu 
besuchen ist. 



347 



33. Boihte: München (Frauenkirche). 



348 



Eine Seitenwanderung, vom Marienplatze 
aus südwärts, führt noch mehr in das eigent- 
liche alte München, wo indessen nichts be- 
sonders Interessantes zu sehen ist. Die 
St. Peterhirche am Rindermarkt (PI. E, 5), 
1330 bis 1365 erbaut, hat einige beachtens- 
werthe Bilder. — Am Viktualienmarkte steht 
die seit dem Herbst 1853 im Gebrauche be- 
findliche Getreidehalle (Schrannenhalle), 
Eisenkonstruktion aus den Maschinenfabriken 
von V. Gramer - Klett in Nürnberg und von 
Mafiei in München, 1477 F. lang und 
95 F. breit, von vier Reihen gusseiserner 
Säulen getragen, in welcher Sonnabds. Korn- 
markt abgehalten wird. Im Ganzen wurden 
30,000 Ctnr. Eisen verwendet; die Kosten 
erhoben sich auf 926,000 fl. ; Leitung durch 
Stadtbaurath Muffat. — Durch die 1. ab- 
zweigende Uzschneiderstrasse auf den runden 
Gärtnerplatz, welchen die Statuen der 
beiden bedeutendsten Architekten Münchens, 
die Leo v. Klenze's (Erbauer der Glyptothek, 
der Propyläen (S. 337), der Ruhmeshalle 
(S. 415), des Festsaal-Baues (S. 322), der 
Walhalla bei Regensburg (S. 170) etc. , 1784 
bei Hildesheim geb., f 1864) und Friedrich 
V. Gärtners (geb. 1792 in Koblenz, 11847 als 
Direktor der Akademie in München, Erbauer 
fast der ganzen Ludwigsstrasse (S. 332), der 
Feldherrenhalle (S. 331) , der Ludwigskirche 
(S. 355), des Witteisbacher -Palastes (S. 337) 
schmücken. — Auch das Yolhstheater, 
von einer zu Grunde gegangenen Aktieu- 
gesellachaft erbaut, von König Ludwig II. 
erkauft und jetzt im besten Betriebe, befindet 
sich hier. 

Es erübrigt nur noch im Stadt- 
Inneren auf den schönen Promenade- 
platz (PL E, 4) zu verweisen, an 
welchem das Hotel zum Bayerischen Hof 
(S. 299) liegt, und der für seine schmale 
Grösse überreich mit fünf Kolossal- 
Statuen ausgestattet wurde. — Die 
mittelste derselben stellt den Eroberer 
von Belgrad dar, den Schwert -schwin- 
genden Kurfürsten Max Emanuel (vergl. 
S. 314) nach Bruggers Modell. Ihm 
zur Rechten und Linken zwei Männer 
des Friedens und der Harmonie, die 
Komponisten Willibald v. Qluch (weil 
er ein 1714 gebor Der Bayer, aus Wei- 
denwang in der Oberpfalz, war, •\ 
1787 in Wien) und Orlando de Latre, 
genannt di Lasso (geb. 1520 im Henne- 
gau , Kammermusik - Direktor in Mün- 
chen). An den beiden äussersten 
Enden : Lorenz v. Westenrieder (geb. 
1748 in München, Professor der Rhe- 
torik und bayerischen Landeskurfte) 
und der Rechtsgelehrte Alois Wigalüus 
V. Kreitmayer {geh. 1705, Geheimraths- 



kanzler und Konferenzminister, -|-1790), 
nach Schwanthalers Modell. Den Guss 
sämmtlicher Statuen besorgte der In- 
spektor V. Miller (S. 395). 

Viele andere im Stadt -Inneren gelegene 
öffentliche und Staatsgebäude, wie mehre 
Klöster, das bürgerliche Zeughaus , die Mini- 
sterien, das Ständehaus an der Prannerstrasse 
Nr. 19 (PI. E, 4) und mehre architektonisch 
unbedeutende Kirchen ermangeln genügenden 
Interesses für den Fremden. 



Kirchen. 

Keine zweite Stadt Deutschlands 
bietet eine so instruktive Auswahl von 
Kirchen wie München, die als leitende 
Exempel für die Hauptepochen der 
Kirchenbaukunst gelten könnten. An 
der Spitze der älteren steht, dominirend 
durch ihre Grösse und als Kathedrale 
die Frauenkirche oder der Dom 
(PI. Nr. 29, E, 5), ein kolossaler Ziegel- 
bau, weit über alle umgebende Gebäude 
emporragend und schon von der Feme 
gesehen , in ihren beiden 336 F. hohen 
Kuppelthürmen. Sie wurde in den 
Jahren 1468 bis 1488 von Jörg Gang- 
kofer von Halspach an Stelle einer 
früheren Kirche erbaut und ist bei ihrer 
lebendigen, gebräunten Naturfarbe ohne 
Uebertünchung ein achtes Produkt alt- 
bayerischer Gothik. — Das Aeussere 
der Kirche ist trocken und ausdrucks- 
los ; nur die Thürme haben einen flachen 
Leistenschmuck, der aber nicht geeignet 
ist, das Massengefüge des Ganzen wirk- 
sam zu beleben. Um so bedeutender 
ist der Eindruck des 316 F. langen und 
123 F. breiten Inneren, durch seine 
von 22 schlanken Säulen getragenen 
hohen Hallen u. das dieselbe schliessende 
Netzgewölbe. 

Die 30 (je 70 F. hohen) Fen- 
ster sind fast alle mit Glasmalereien 
aus dem 15. und 16. Jahrh. geschmückt, 
zwischen denen jedoch nicht nur ein- 
zelne fehlende Theile durch neue Glas- 
bilderersetzt, sondern auch Bruchstücke 
aus den Fenstern der alten ehemaligen 
Frauenkirche mit eingeschaltet wurden. 

Der Kimstbarbarismus hatte ai^fc 
in diesem Gebäude gräulich gehaust 



349 



33. Route: München (Frauen - und Micliaelskirche). 



350 



und im 17. Jahrh. Alles, was nicht 
grund- und baufest war, mit über- 
ladenen Zopfgebilden verunstaltet. Erst 
eine seit 1858 unternommene gründliche 
Restaurirung im Style des Gebäudes 
versöhnte das beleidigte Auge wieder 
einigermassen. 

Dieser neuesten Umwandlung ge- 
hören fast sämmtliche Altäre , der 
bischöfliche Thron und die reichver- 
zierte Kanzel, im gothischen Style des 
15. Jahrh. ausgeführt, an. 

Den Hochaltar (und beinahe alle die 
anderen neuen Altäre , Kanzel etc.) lieferte 
der Bildhauer Sickinger , die Figuren der 
Holzschnitzerei Professor Knahl und die 
Gemälde des Flügel - Hochaltares (Geburt 
Christi) Moritz v. Schwind. — Alt und 
original sind nur noch einige Altäre des 
Polygons (hinter dem Hochaltar im Umgang) 
und der Andreas -Altar zwischen den beiden 
Sakristei - Thüren. 

Das ehemalige Hochaltar-Ge- 
mälde, eine Himmelfahrt Maria, von 
dem im 16. Jahrh. in München allseitig 
beschäftigten Peter Candid, ist jetzt an 
der Wand des nördl. Seitenschiffes über 
der einen Sakristeithür aufgehangen. 

DasChorgestühl ist mitApostel-, 
Propheten- und Heiligen- Gestalten an 
der Rück- und Vorderseite, ernst, nüch- 
tern , kräftig, ohne entstellende Phan- 
tasiebeigabe verziert und wurde wahr- 
scheinlich um 1512 geschnitzt. 

Das bedeutsamste Monument ist 
das über der Ruhestätte Kaiser Lud- 
wig des Bayern (-{-1347) vordem 
Chore, im Mittelschiffe der Kirche 
durch Kurfürst Maximilian I., 1662 er- 
richtete schwarzmarmorne Grabdenk- 
mal, mit Bronzefiguren von Hans Krurn- 
pcr aus Weilheim geziert. Es ist ein 
ijjrosser, katafalk - artiger, ziemlich 
schwerfälliger Bau im Renaissancestyl 
(I6V2 F- l"ng, 13 F. hoch), auf dessen 
unteren Körper der 1438 aus rothem 
Marmor kunstreich skulptirte Original- 
Leichenstein liegt, den Kaiser im Ornat 
auf dem Throne darstellend. 

Lieber dieser nic])t gut sichtbaren 
Grabesplalte erhebt sich ein durch- 
brochener Aufsatz mit der Kaiserkrone 
und den symbolischen Figuren der 
Weisheit und Tapferkeit. An den Ecken 



des mit Gitterwerk eingefassten Sockels 
knien vier geharnischte lebensgrosse 
Ritter als Wächter des Grabes und 
zwischen je zweien derselben an den 
Langseiten stehen die kolossalen Bronze- 
figuren der Herzoge Albert V. und Wil- 
helm V. im herzoglichen Ornat. — Zu 
den Kuriositäten gehört eine unterm 
Orgelchor im Fussboden ausgehauene 
Fussstapfe, von welchem Standpunkte 
aus man kein einziges Fenster der 
grossen Kirche sieht. 

Die Michaels- Hof kir che (PI. 
D, 4) an der Neuhauser Strasse wurde 
für die Jesuiten 1583 bis 1595 von Her- 
zog Wilhelm V. errichtet. Die Fa9ade 
ist stockwerkartig gegliedert und ent- 
behrt des eigentlich kirchlichen An- 
sehens, ohne darum schon jenen Typus 
zu repräsentiren , welchen man später 
ausschliesslich „Jesuitenstyl" nannte. 
Bis hinauf in den mit Voluten verzierten 
Giebel buchten sich Nischen in die 
Wand ein, in denen Statuen römischer 
und deutscher Kaiser und bayerischer 
Herzoge, aus weissem Stein skulptirt, 
stehen Zwischen den beiden aus 
rothem Marmor gearbeiteten Eingangs- 
thüren bekämpft St. Michael den zu 
seinen Füssen liegenden Satanas. 

Der Eintretende wird augenblicklich 
von dem grossen, einschiffigen, freien 
und offenen Innenraume überrascht, 
den ein einziges kühnes Tonnengewölbe 
von 114 F. Spannung und 284 F. Tiefe 
überdeckt. Die Verzierungen sind in 
Stukko spät -italienischen Geschmackes 
ausgeführt. 

Mehre der A 1 1 arbild er sind von 
Feter Candid. Eins derselben gibt 
ein sehr ähnliches Original -Porträt des 
Ignaz von Loyola (Stifter des Jesuiten- 
ordens). — In einer Seitenkapelle r. 
vorn befindet sich ein silberner mit 
Edelsteinen verzierter Reliquieu- 
schrdin, gothischen Styls (die Ge- 
beine der Heiligen Kosmas und 
Damian bergend), welcher etwa um 
I4i'0 in Bremen von Haus lliinliny ge- 
fertigt wurde. — Im linken Flügel des 
Querschiffes steht die vornehmste 
Sehenswürdigkeit der Kirche, das dem 



asi 



33. Boute: Mimchen (Theatinerkirche. — Basilika). 



Herzog Eugen von Leuchten- 
berg 1824 errichtete Monument, von 
Thorwaldsen in carrarisehen Marmor 
gearbeitet. 

Es stellt den Helden, seiner Macht- 
Attribute entkleidet, an der Pforte einer 
Gruft dar, die Linke ans Herz gepresst, in 
der Rechten den Lorbeerkranz haltend, mit 
der Inschrift „Honneur et fiddlite". Ihm zur 
Seite verzeichnet Kilo seine Thaten in die 
Annalen der Geschichte, zur anderen Seite 
stehen der Todesengel und der Genius der 
Unsterblichkeit. 

In der Charwoche kommen hier alte 
Kirchenmusiken von Orlando di Lasso. 
Palestrina und Pergolese (Stabat mater) 
zur Aufführung. Die Kirche ist nur 
Vormittags geöffnet. 

Unter den Bauwerken aus der Zeit 
des Rococo - Geschmackes steht die 
Theatiner Hofkirche (PL E, 4), 
gegenüber der Residenz, oben an. Sie 
wurde unter dem Kurfürsten Ferdinand 
Maria (ex voto für die Geburt des 
Thronerben) zwischen 1661 und 1675 
angeblich nach dem Muster von St. Peter 
in Rom ausgeführt, aber erst 1767 
durch Frangois Couvillier vollendet, 
welcher die Fa9ade ansetzte. 

Der ganze Bau in seiner Kreuzanlage 
seiner prächtigen Kuppel, seinen Doppel 
thürmen, besonders aber die schönen Ver- 
hältnisse und die malerische Wirkung des 
Inneren mit ihrem Gepräge positiver Soli- 
dität machen, trotz der geschmacklos ge- 
häuften Stukkaturen und Gesimse, doch einen 
grossartigen Eindruck, und lassen den Nach- 
hall der römischen Renaissance erkennen. 

An der Fa^ade stehen in Nischen 
die Kolossalstatuen der Heiligen Cajetan 
(dem die Kirche geweiht ist) , Maximi- 
lian, Adelheid und Ferdinand Das 
Hauptaltarblatt, von Zanchi gemalt, 
stellt die Kurfürstin Adelheid mit ihrem 
Gemahl (Porträts) im Dankgebet zum 
heil. Cajetan dar für die Geburt des 
Prinzen Max Emanuel; zur Seite 1. steht 
der junge piemontesiscbe Arzt Simeoni, 
den die Kuifürstin mit aus Turin ge- 
bracht hatte und der bei ihr in grosser 
Gnade stand. 

Beachtenswerthistnoch ein (ursprünglich 
für flen Hochaltar bestimmtes) grosses Ge- 
mälde von Carlo Cignani , die thronende 
Jungfrau mit dem Jesuskinde darstellend, 
umgeben von Joseph, Anna, Joachim, Eli- 
sabeth, Zacharias und dem kleinen Johannes, i 



Unter der Kirche die Fürstengruft 
der Wittelsbachschen Herrscher (in Summa 
33 Särge), unter denen Max Emanuel (f 1726), 
Kaiser Karl VII. (tl745), König Maximilian I, 
(t 1825), König Maximilian II. (tl864)u. A. 

Im Querschiff r. das Marmordenk- 
mal der im Kindesalter von 10 Jahren 
verstorbenen Prinzessin Josephe Maxi- 
miliane, von Eberhard skulptirt. 

Unter den neuen im Auftrage König 
Ludwig I. gebauten Gotteshäusern 
nimmt die ßonifaziuskirche in 
der Karlsstrasse (PI. Nr. 28, D, 3) den 
ersten Rang ein , weil sie die älteste 
christliche Kirchenbauform, die der 
römischen SasUika repräsentirt. Sie 
wurde aus des Königs Privatmitteln 
(mit einem Kostenaufwande von 670,000 
Gulden, ohne die 50 bis 60,000 Gulden 
für die Malereien) in den Jahren 1835 
bis 1840 nach Plänen des Architekten 
Ziehland erbaut. Der einfache edle 
Bau aus dunkel naturfarbenen Back- 
steinen öffnet sich in der Fa^ade, fast 
seiner ganzen Breite nach, durch eine 
Vorhalle, deren acht Säulen, Archivolte, 
Pfeiler und Kranzgesimse aus weissem 
Kalkstein kbnstruirt wurden. — Vier 
Reihen polirter Marmorsäulen (gelblich- 
grau , die Kapitale und Basen von 
weissem Marmor) tragen den prachtvoll 
geschmückten Innenraum, dessen Be- 
dachung, statt gewölbt zu sein, nach 
Art der alten Basiliken mit ihrem ge- 
sammten vergoldeten Balken-, Hänge- 
und Sprengwerke (Fond blau mit gol- 
denen Sternen) dem Blicke des Be- 
schauers blossgelegt ist. Das Längen- 
Ende schliesst eine halbrund-überwölbte 
Chornische, in welcher der freistehende 
Hochaltar auf dem durch zwölf Stufen 
erhöhten Presbyterium sich erhebt. 

Der erste Eindruck ist ein durchaus 
fremdartiger, aber mächtig ergreifender. 
Ernste Pracht, eine reiche bedeutungs- 
volle Farbenwelt, leuchtet von den Gold- 
grund-Wänden. Das ganze grosseBilder- 
Epos im Mittelschiff der Kirche ver- 
herrlichet einerseits das Leben und die 
Thaten des grössten Apostels der 
Deutschen, desheil.Bonifazius, illustrirt 
aber auch überhaupt die V'erbreitungs- 
geschichte des Christenthumes in 



353 



33. Route: München (Allerheiligen -Hofkapelk). 



354 



Deutschland. Die Malereien der Chor- 
nische sind im altchri.stlichen , streng- 
symbolischen Kunst - Typus gehalten ; 
Goldgrund deckt die ganzeWand ; darauf 
in der Mitte der thronende Christus als 
Haupt der triumphii enden Kirche, neben 
ihm Maria mit dem Lilienscepter und 
Johannes der Täufer. Darunter die 
feierlich ernsten Gestalten der ersten 
Christenthums - Verbreiter in Deutsch- 
land mit dem Ordensstifter, dem heil. 
Benedikt von Nursia, alle zwischen 
Palmbäumen. 

Das Bild des Seitenaltares r. vom 
Eingang stellt die Steinigung des heil. 
Stephanus , — jenes des Seitenaltares 1. 
eine Adoratio Mariae dar; beide von 
H. Hess komponirt und gemalt. — 
Unter dem Presbyterium in seiner gan- 
zen Ausdehnung befindet sich nach 
romanischem Gebrauch eine Krypta, 
eine halbunterirdische Begräbniss- 
kapelle und unter den Sakristeien die 
Grüfte zur Beisetzung der Geistlichen 
des anstossenden Benediktiner- 
Klosters, zu welchem die Bonifazius- 
kirche gehört. 

Das Kloster wurde von König Ludwig I. 
im Jahre 1844 gegründet und 1850 bezogen; 
mit demselben wurde das Kloster Andechs 
(9 St. von München) vereiniget. 

Unter dem einfachen, hellgrauen 
Marmor - Sarhophag beim Eingange r. 
sind die irdischen Ueberreste des könig- 
lichen Bauherrn Ludwig I. (9. März 
1868) und seiner protestantischen Ge- 
mahlin Therese (seit 1857) beigesetzt. 
— Um die architektonische Einheit des 
Innern nicht zu beeinträchtigen, wurde 
die Kanzel mit ihrem Unterbau auf 
Eisenbahnschienen gestellt, so dass sie 
nach Belieben in den Hintergrund oder 
in die vordere Pfeilerreihe geschoben 
werden kann. 

Die Allerheiligen - Hofka- 
pelle (PI. 27, F 4) am Marstallplatze, 
einen Theil der neuen Residenz (S. 322) 
bildend, wurde von Leo v. Klenze (dem 
Glyptothek -Architekten) 1826 bis 1837, 
also noch vor der Basilika (S. 3.52) er- 
baut. Hinsichtlich ihres Styles schliesst 
sie sich jener an, d. h. repräsenliit 
gewissermasscn die nächstfolgende 

Berlepsch' Süd -Deutschland. 



Periode des Byzantinismus, wie dieser 
sich im 11. Jahrb. in Italien ausbildete. 

Acht Monolithsäulen von polirtem 
rothen Marmor und vier Pfeiler tragen 
die für die königliche Familie und den 
Hof reservirten Emporen , wodurch zu- 
gleich eine Art dreischiffiger Anordnung 
des 80 F, hohen, 165 F. langen und 
100 P. breiten Raumes sich ergibt, der 
mit einer halbrunden Abside schliesst. 
Die * Dekorativ - Ausstattung erreicht 
eine solche Höhe aussergewöhnlicher 
Pracht, dass man dieselbe überladen 
nennen würde, wenn sie nicht durch 
den byzantinischen Styl gerechtfertigt 
erschiene und wenn nicht der ganze, 
ausschliesslich in die oberen Räume des 
Gebäudes gerückte, symbolische Bilder- 
schmuck in seiner Komposition so er- 
haben-einfach und voll tiefer, biblischer 
Innigkeit wäre. 

Ein ganz besonderer Effekt wird 
namentlich noch dadurch erzielt, dass 
das Einfallen des Lichtes durch die 
Fenster nicht sichtbar ist, man also 
unten vom Schiff aus überhaupt gar keine 
Fenstersieht, Dashierdurch entstehende 
magische Halbdunkel erhöht die Wir- 
kung der vollbeleuchteten Malereien 
ausserordentlich. 

Die Decke der Kapelle wölbt sich 
in zwei Kuppeln, Während (wie bei der 
Basilika) die unteren Wände theils mit 
wirklichem, theils mit Stukkomarmor über- 
kleidet sind, deckt die oberen Wände durch- 
aus Goldgrund, aus dem die von H. v. Hess 
und seinen Schülern gemalten Fresken her- 
vortreten. Der Bilderschmuck des aiusik- 
chores enthält nur allegorisch- symbolische 
Figuren der Künste und Wissenschaften in 
Beziehung auf das religiöse Gebiet: der- 
jenige der ersten Kuppel und ihrer beiden 
Sciteulogen Gestalton und Akte des Alten 
Testamentes, während die zweite Kuppel 
und die Wandbilder der Logen das Neue 
Testament verherrlichen. 

Die Ni seh e des Hochaltares endlich 
zeigt die Verklärung beider Testamente in 
der triumphirenden Kirche und in ilen Wir- 
kungen des Erlösungswerkes durch den 
heil. Geist. 

Zu erwähnen ist noch, dass die.se Kirche 
während des Gottosdionstos von der Strasse 
aus unzugänglich ist, und man dann nur 
durch den limimenfio/ dos Residenz- Kom- 
plexes (S. 31!>) eintreten kann , und fornor, 
dass bei don hohen Festen (Ostern und 
Weihnachton) klas.sische Musikstücke hier 
zur ^AiitfiiUrung kommen, b<-'i denen die 
12 



355 



33. Boute: München (Ludwigs- und An- Kirche). 



356 



vortrefflichsten Kräfte der königlichen Hof- 
Oper mitwirken. 

Dem gleichen Cyklus der durch 
König Ludwig I. im Style der vor- 
gothischen Architektur neugegründeten 
Gotteshäuser gehört auch die Lud- 
tvigskirclief Ludwigsstrasse (PI. 30, 
F 2) an. Sie wurde von Friedrich 
V. Gärtner (S. 332) 1829 bis 1843 im 
italienischen Rundbogenstyle des 14. 
Jahrh. aus weissem kelheimer Kalk- 
stein erbaut. 

Grundform ist das lateinische Kreuz ; 
seiner Tiefe nach gliedert sich der Bau 
aus einer Vorhalle mit zwei daneben 
stehenden Thürmen (die Fa^ade) , dem 
Schiff mit seinen Seitenkapellen, und 
endlich dem Presbyterium (anstatt des 
hohen Chores) , in welch letzlerem der 
berühmte Fresken-Cyklus von Cornelius 
sich befindet. — Zwischen den beiden 
in vier senkrechten Absätzen (220 F.) 
aufsteigenden Thürmen liegt die Giehel- 
xoand der eigentlichen Kirchen -Fa9ade 
(110 F. hoch). Das untere Geschoss 
derselben nimmt die von zwei Säulen 
getragene Vorhalle ein, welche ihrem 
Totaleindrucke nach jenseits der 
Thürme in zwei offenen Säulengalle- 
rien von je fünf Arkaden fortsetzt, ob- 
gleich letztere direkt gar nicht zum 
Kirchenbau gehören , sondern den das 
Gotteshaus umgebenden Baumgarten 
gegen die Strasse hin abschliessen. Im 
Mittelgeschoss die Kolossal - Statuen, 
Christus und die vier Evangelisten, 
nach Schwanthalers Modellen und im 
Oiebelgeschoss eine grosse Fenster- 
Rosette, sowie die Standbilder der 
Apostel Petrus und Paulus. Das 
Innere schmücken die riesigen *Fre s- 
ken Cornelius', deren unverkümmer- 
ter Genuss freilich durch Mängel in 
den Beleuchtungs - Dispositionen des 
Architekten sehr beeinträchtiget wird. 

tCl^ Es ist deshalb dringend zu em- 
pfehlen, die Ludwigskirche nur an sonnen- 
hellen Vormittagen zu besuchen. 

Dem gesammten Bilder -Cyklus lie- 
gen die drei Hauptmomente des christ- 
lichen Glaubens an Gott den Vater, 
Gott den Sohn und Gott den heil. Geist 
zu Grunde. Im Bandgewölbe über dem 



Chor ist der erste Glaubenssatz durch 
die Weltenschöpfung und durch die 
figürliche Darstellung der göttlichen 
Eigenschaften repräsentirt. — Die 
beiden Seitenchöre illustriren den zwei- 
ten Glaubenssatz, das Erlösungswerk, 
durch die Bilder der *Geburt und 
Kreuzigung Christi (nebst der voraus- 
gehenden Verkündigung Maria, und dem 
der Auferstehung folgenden noli nie 
tangere, — sowie in den Deckengewöl- 
ben der Figuren der vier Evangelisten 
und vier Kirchenväter. — An der Rück- 
wand des Hauptchores endlich befindet 
sich das Hauptbild: *das jüngste Ge-. 
rieht, die grösste Schöpfung der neueren 
Malerei und (bei 63 F. Höhe und 39 F. 
Breite) das grösste bis jetzt überhaupt 
auf unserem Erdkörper existirende Bild. 
Cornelius malte es ganz allein in dem 
kurzen Zeitraum von vier Jahren (1836 
bis 1840). 

Michel Angelos jüngstes Gericht in der 
Sixtinischen Kapelle zu Rom, welches vorher 
als das grösste Bild galt, deckt nur den 
Raum von 1800 Q.-F. und wurde in 7 Jahren 
beendet. 

Die ganze Anordnung ist eine 
streng - stylistische , künstlerisch - tief- 
durchdachte. Unter den Verdammten 
befinden sich Judas mit dem Silber- 
lingsbeutel und der Vaterlands - Ver- 
räther Segest, — in der Schaar der 
emporschwebenden Seligen, der Dichter 
der göttlichen Komödie, Dante im 
rothen Kleide und Fra Beato Angelico 
da Fiesole (der Maler des Paradieses) 
im Dominikanerkleide. Auch König 
Ludwig mit einem Lorbeerkranze ge- 
krönt befindet sich unter ihnen*). 

Die vierte endlich dieser neu er- 
stellten Kirchen ist die * Maviallilf- 
kirche in der Au (PI. 31, F 8) , ein 

wackerer gothischer Ziegelbau , ent- 
worfen und aufgeführt von Ohlmüller, 
und nach dessen Tode vollendet von 
Ziebland. Sie gilt als eins der besten 
Werke der modernen Gothik, obgleich 
ihr der Vorwurf gemacht wird, dass 



♦) Für näheres Studium der Cornelius- 
schen Werke ist zu empfehlen : Riegel, 
„Cornelius, der Meister der deutschen 
Malerei*'. Hannover, bei Rümpler erschienen. 



357 



33. Route: Mimchen (Kirchen). 



358 



der Thurm nicht aus einem eigenen 
Fundament aufsteige, sondern scheinbar 
dem Dache aufsitze. Die äusseren 
Längsseiten des Gebäudes haben , weil 
der Grundriss nicht auf die Kreuzform 
konstruirt wurde, etwas Nüchternes. — 
Portal, Fenster-Rosetten, alle grösseren 
Ornamente und die durchbrochene 
Spitze des 270 F. hohen Thurmes sind 
aus hellgrauem Sandstein skulptirt. 
Ueber dem Portal eine Madonna von 
Schwanthaler. 

Von mächtiger, edelster Wirkung 
ist das Innere der 235 F. langen, 
85 F. hohen, dreischiffigen Hallenkirche, 
die von schlanken, stolzaufstrebenden, 
geschmackvoll - profilirten Säulen ge- 
tragenen Räume, frei von dem üblichen 
Stuhl werk, werden durch das gebrochene 
Licht gemalter Glasfenster beim Sonnen- 
scheine goldig warm erhellt. Letztere 
wurden nach Kartons von Schraudolph^ 
Röchlj Jos. Fischer und Ruhen in der 
königlichen Glasmalerei-Anstalt (S. 341) 
unter AinmülJers Leitung (ein Geschenk 
König Ludwig I.) gefertigt. Vom Ein- 
gange aus gesehen stellen sie linkerseits 
das Leben Maria . — r. das Leben Jesu 
dar und gipfeln sich im Mittelfenster 
des Chores durch die Darstellung der 
Krönung Maria. 

Von untergeordneter Bedeutung sind : 
die gar keinem Styl angehörende pro- 
testantische KiV che (PI. 34, Do), 
am Karlsplatz (S. 312), ein länglich- 
rundes Gebäude vom Ansehen eines 
Reitercirkus, 1827 bis 1833 vonPertsch 
erbaut mit Plafondfreske (Himmelfahrt 
Christi) von Hermann, und Altarblatt 
von J.v. Schnorr; — die griechische 
(ehmalige Salvator-) Kirche seit 
der Thronbesteigung König Otto I., für 
die seiner Zeit sehr oft in München sich 
aufhaltenden Griechen eingerichtet, mit 
Bilderschmuck und Kirchengeräthen, die 
grösstentheils ein Geschenk des Kaiser 
Nikolaus von Russland sind; — die 
kleine St. Johannlskirchef in der 
Sendliuger Strasse' (PI. D, 5), ein 
Muster überschwänglicher Barockzeit, 
1733 bis 1746 von den Gebrüdern Assam 
aus eignen Mitteln erbaut; — dieP/arr- 



kirche zutn heil, Geist im Thal, 

eigentlich Münchens älteste, aber auch 
durch Ein- und umbauten und allerlei 
Pinseleien Münchens verpfuschteste 
Kirche ; — die Peterskirche am 
Rindermarkt (PI. 33, E 5), deren Thurm 
man besteigen kann, um von da aus eine 
*prachtvolle Aussicht auf die Alpen zu 
haben, u. a. m. — Die Synagoge ist ein 
einfaches, im Jahre 1826 nach den 
Plänen des Baurathes Motivier vollen- 
detes Gebäude. 



Sammlungen. 

München ist seinen Kunstschätzen 
und Museen nach nicht nur die erste 
Stadf Süd - Deutschlands, sondern es 
darf mit Berlin und Dresden in dieser 
Beziehung rivalisiren und überragt in 
manchen seiner Sammlungen (National- 
Museum (S. 397), paläontologische 
Sammlung (S. 409) sogar Paris. 

Man hat deu ungeli eueren Reichthum 
des seit Jahrhunderten Zusammengetragenen 
in folgenden öffentlichen Gebäuden geordnet 
untergebracht : 

Gemälde älterer Meister in der Alten 
Pinakothek (S. 358 bis 373), 

Gemälde neuerer Meister in der Neuen 
Pinakothek (S. 373 bis 381). 

Gemälde in der Privat- Sammlung von 
v. Schack (S. 381). 

Gemälde in der Gallerie zu Schleiss- 
heim (S. 420). 

Skuljituren, grosse, des klassischen 
Alterthums und der Neuzeit in der Glypto- 
thek (S. 382 bis 393). 

3Iodelle von Bildwerken neuerer Zeit: im 
Museum der königl. Erzgi3sserei(S. 395) 
und im S c h vv a n t h a 1 e r - M u s e u m (S. 393). 

Gijps - Abgüsse yon Bildwerken älterer 
Zeit im A n t i k e n - S a a 1 der Akademie (S.396). 

Kleinkünste des Alterthums im Anti- 
quarium (S. 396). 

Vasen des Alterthums in der alten 
Pinakothek (S. 397). 

Killt ufffeschicJitliche Gegenstände, 
hauptsächlich in Bayern gesammelt, im 
National-Museum (S. 397). 

MUnz-Satnnilung im Akademie -Ge- 
bäude (S. 405). 

Bibliothek im Bibliothek - Gebäude 
(S. 405). 

ynturwissenschaftliche Satnmlun- 
gen im Akademie- Gebäude (S. 409). 

Ethnogvaphisclie Sammlung unter 
den Arkaden (8. 40S!. 

Die *Alte rimikothek (PI. 

Nr. 52, D, E,2| an der Barerstrasse um- 
fasst den Gemäldeschatz älterer Meister. 



359 



33. Boute: München (Alte Pinakothek). 



360 



Geöffnet: Tägl. (mit Ausnahme des 
Sonnabds.) gratis, im Sommer von 9 bis 
3 Uhr, im Winter von 9 bis 2 Uhr. 

Katalog von Professor Rud. Marggraff, 
2. Aufl. , 1 fl. 24 kr. 

Dieses kolossale Gebäude (520 F. 
lang, 92 F. breit), ringsum freistehend, 
wurde im Styl der römischen Renais- 
sance auf Anordnung König Ludwig I. 
(vgl. S. 314) von Leo v. Klenze wäh- 
rend des Decenniums 1826 bis 1836 er- 
baut. Es ist ein dreitheiliger Langbau 
mit vorgelegten Querflügeln; der Mittel- 
theil, der im oberen Stock die Säle für 
die grossen Bilder enthält, empfängt 
seine Beleuchtung von Oben durch 
grosse in der Decke angebrachte Glas- 
kuppeln; die Nordseite wird von 23 
Kabinetten mit Seitenfenstern flankirt, 
während die ganze Südseite des oberen 
Stockes für eine prächtig ausgestattete 
Gallerie (Loggien) reservirt wurde. 
Die Zinne über dem Konsolen - Gesims 
dieser südlichen Langseite ist mit 24 
Bildniss-Statuen der berühmtesten deut- 
schen, spanischen, französischen und 
italienischen Maler von Joh. van Eyck 
bis Claude Lorrain nach Modellen 
Schwanthalers geschmückt. 

In den Sälen des Erdgeschosses der 
Nordseite ist das Kup f er stich- und 
Handzeichn ungen-Kabinet (S. 
372), und im westlichen Querbau die 
Vasen-Sammlung (S. 397) unter- 
gebracht. 

Die Gemälde - Sammlung im 
oberen Stockwerk, gegenwärtig fast 
1400 Nummern umfassend, entstand 
während der Zeit von fast 300 Jahren 
ans der Vereinigung des sogen, alten 
Bildersaales, der vorzüglichsten Bilder 
des Schleissheimer Lustschlosses (S. 
420), der Mannheimer, Zweibrücker und 
(1805) Düsseldorfer Sammlungen und 
guter Blätter, die den aufgehobenen 
Klöstern entnommen wurden. Beson- 
dere Bedeutung gewann sie noch 1827 
und 1828 durch den Ankauf der Bois- 
serde'schen und fürstlich Wallerstein- 
schen Sammlungen. Der Schwerpunkt 
ihres Werthes liegt in der Reichhaltig- 
keit ihrer Werke aus der ober - und 
niederdeutschen Schule (I. und zum 



Theil II. Saal und 1. bis 8. Kabinet, 
S. 360 und 366), über aOOBilder, also in 
einer N ollzähligkeit , wie sie keine 
andere Gallerie aufzuweisen hat , — 
dann aber auch in ihrer Rubens-Samm- 
lung (IV. Saal und 12. Kabinet, S. 362), 
bestehend aus 89 Gemälden und Skizzen 
aller Gattungen, Perioden und Manie- 
ren dieses grossen niederländischen 
Meisters*). 

Zur Verhütung von Missverständnissen 
ist zu beachten, dass die ganze Sammlung 
in zwei grosse Abtheilungen, in die der 9 
Säle und die der 23 Kabinette geschieden 
ist, und dass jede derselben ihrer eigenen 
mit Nr. 1 beginnenden Nummerirung folgt. 
— Mit der Nr. 690 beginnt der Katalog- 
Nachtrag. 

Saal der Stift er (Eintritts-Saal) 
mit den sechs lebensgrossen Bildern 
von Joh. Wilhelm, Kurfürst von der 
Pfalz (dem Stifter der ehemaligen 
Düsseldorfer Gallerie um 1690) an bis 
auf Ludwig I. , den Gründer der Pina- 
kothek, gemalt von Stieler. — Das 
Fries unter dem Hauptgesims enthält 
Relief - Darstellungen aus der bayeri- 
schen Geschichte nach Entwürfen 
Schwanthalers. 

I. Saal (oberdeutsche Schulen und 
Niederländer des 15. und 16. Jahrb.). 
R. vom Eingang Nr. 1 bis 3 Dürer, 
der sogen. Baumgärtner - Altar, mit den 
Bildnissen der beiden Stifter, der nürn- 
berger Patrizier Stephan (Nr. 1) und 
Lucas (Nr 3) Baumgärtner. — Darüber 
Nr. 6 Holbein sen. , Mariens erster 
Tempelgang. — Nr. 7 Schaffner , Eng- 
lischer Gruss,— und Nr. 9 Holbein 
sen., Geburt Christi.— Nr. 44 *ilfaWnMs 
V. Roymerswalen , Ein Sachwalter den 
Inhalt einer Urkunde einem Bauer er- 
klärend. — Nr. 71 und 76 * Dürer , Die 
vier Apostel (Johannes, Petrus, Paulus 
und Markus), berühmtes Bild. — Dar- 
über Nr. 4 Marinus v. Roymerstoalen, 
Geldwechsler und seine Frau. — N-. 63, 
68, 69, 70 und 75 Grunewald, Tafeln 
eines Altarwerkes von 1518. Nr. 65 

Hans Burgkmair , Johannes auf Patmos 

*) Einlässlichere Beschreibung der Pina- 
kothek mit verbindenden kunsthistorischen 
Notizen findet man in „JJerlepsch, München," 
Verlag von Fr. Bruckmann, 



361 



33. Route: München (Alte Pinakothek II. und III. Saal). 



362 



das Buch der OflFenbarung schreibend. 

— Nr. 62 und 67 Hans Holbein jun., 
Bildnissfigur des Patriziers Konr. Reh- 
lingen und seiner Kinder zu Augsburg 

— Nr. 66 * Schule des Quintin 3Ietsys, 
Pietä,. — Nr. 55 und 61 Kopie des 
Michiel Coxcyen , nach dem grossen 
Genter Altarwerke der Grebrüder van 
Eych (von dem sich sechs Original- 
Tafeln im Berliner Museum als einer 
der grössten Schätze befinden). — Da- 
zwischen Nr= 45 Horebout, Anbetung 
der drei Könige. — Darüber Nr. 54 
und 60 Holbein sen. , Anbetung der 
drei Könige und Darstellung des Jesus- 
kindes im Tempel. — Nr. 56 *Luc, 
Cranach ^ Ehebrecherin vor Christo. — 
Nr. 39 und 34 Michael Wolgemut^ 
Auferstehung u. Kreuzabnahme Christi. 

— Nr. 35 Feselen ^ Die von Jul. Cäsar 
belagerte Stadt Alexia (massenhaft 
ausgeführte Figürchen). — Nr. 692 
Kölnische Schede ^» Vorgänge aus den 
Legenden der Eremiten Antonius und 
Paulus. — Nr. 27 und 22 Michael 
Wolgemut, Kreuzigung und Christus 
am Oelberg. — Nr. 16 bis 18 Holbein, 
sen., Die heil. Barbara, das Martyrium 
des heil. Sebastian und die heil. Elisa- 
beth von Thüringen. 

II. Saal (spätere Meister der deut- 
schen und niederländischen Schulen), 
enthalt mit Ausnahme der Eintritts- 
wand viel Mittelmässiges , was dem- 
nächst entfernt werden soll. — R. vom 
Eintritt Nr. 77 *Neuchätel (lebte vor 
1600 zu Nürnberg), Porträt eines 
Mannes. — Darüber Nr. 80 *Quintin 
Met.sys, Die beiden Steuereinnehmer (in 
mehreren Museen, wie in Leipzig, Dres- 
den, Antwerpen ähnliche Wiederholun- 
gen). — Nr. 94 Dürer, Abnahme vom 
Kreuz.— Darüber Nr. 93 Dürer, Selbst- 
mord der Lucretia (höchst naives Akt- 
bild). — An der gleichen Wand, jenseit 
der Thür, Nr. 97 Holbein jun., das 
sogen, Bildniss „mit der schönen 
Hand". — Nr. 340 '^Jan Wenix., Grosses 
WiUipretstück. — Nr. 311 *Ein grosses 
Familien- Porträtstück . vielleicht von 
Martin Pepyn (nicht von Franz Hals). 

— Nr. 701 Mar (Hofmaler Kaiser 



Karl V.), Brustbild eines bärtigen 
Mannes. — Nr. 228 B er ehern , Hirten- 
landschaft. — Nr. 120 *Neuchdtel, 
Brustbild des Mathematikers Neudorfer, 
der seinem Sohn Unterricht gibt. — 
Nr. 161 Bildniss der spanischen Kö- 
nigin Maria Anna in ihrer Wittwen- 
tracht. 

III. Saal (Niederländer des 16. 
und 17. Jahrb.). Nr. 175 *Änt. van 
Dych , Maria mit dem Jesuskinde. — ^' 
Nr. 707 Rembrandt , Heil. Familie. — 

Nr, 242 Du Jardin , Mädchen mit einer 
Ziege. — Nr 207 *van Dych , Jugend- 
liches Selbstporträt. — Nr. 196 Rem- 
brandt, Selbstporträt. — Nr. 181 *Jor- 
daens, Das Bohnenkönigsfest. — Nr. 231 
de Vos, Familie van Hütten. — Nr. 225 
Everdingen , Wasserfall. — Nr. 206 
*van DycTi , Porträt des Thiermalers 
Snyders. — Nr. 209 van Dych , Porträt 
des Kupferstechers Malery. — Nr. 193 
van Dych^ Porträt des Organisten Liberti 
zu Antwerpen. — Nr. 221 *van Dych, 
Susanna im Bade. — Nr. 'il2*vanDyck, 
Leichnam Christi. — Darüber Nr. 215 
van Dych, Martyrertod des heil. Se- 
bastian. — Nr. 214 Adr. van der Werff, 
Büssende Magdalena. — Nr. 213 Flink 
(Schüler Rembrandts) , Isaak ertheilt 
Jakob den Segen. — Nr. 224 van der 
Helst , Porträt des Admirals Harperts 
Tromp. — Nr. 203 van Dych, Leichnam 
Christi im Schooss der Jungfrau. — 
Nr. 711 Rubens , Versöhnung zwischen 
Esau und Jakob. — Nr. 198 van Dych, 
Älartyrium des heil. Sebastian. — 
Nr. 208 W ouv ermann , Hirsch jagd. — 
Nr. 190 Maas, Porträt. — Nr. 174 
Ckampaigne , Porträt des General-Feld- 
marschall Henri de la Tour d'Auvergne, 
Vicomte de Turenne. — Nr. 217 *van 
Dych, Porträt des Malers Jan de Wael 
und seiner Grttin 

IV. *Rubens-Saal (der grösste 
und brillanteste von allen). R. ange- 
fangen : Nr. 291 De Raub der Töchter 
des Leukippos durch Kastor und Pollux. 
— Nr. 292 Märtyrertod des heil. Lau- 
rentius. — Nr. 'J90 Ausgicssung des 
heil. Geistes. - Nr. 286 *Ein Schäfer 
umarmt seine Geliebte. — Nr. 281 *Das 



863 33. Boute: München (Alte Pinakothek V. und VI. Saal). 364 



„apokalyptische Weib", allegorische 
Darstellung des Sieges der christlichen 
Religion über Abgötterei und Laster. — 
Nr. 279 Helene Proment und ihr Söhn- 
chen (Rubens Gattin). — Nr. 277 *Por- 
trät eines Franziskaner - Mönchs. — 
Nr. 278 Susanna im Bade. — Nr. 275 
Porträt der Helene Froment. — Nr. 271 
Meleager mit dem kalydonischen Ebers- 
kopf. — Nr. 273 Das im Ueberfluss der 
Friedens - Segnungen glückliche Men- 
schenleben von Minerva gegen Mars in 
Schutz genommen. — Nr. 272 **Die 
heil. Dreifaltigkeit (ehemals Altarblatt 
der Augustinerkirche in München). — 
Nr. 269 Kindermord zu Bethlehem. — 
Nr. 267 Porträt des Doktor van Thul- 
den. — Nr. 263 *Nackte Knaben ein 
Gehäuge von Früchten und Blumen 
tragend. — Nr, 261 ^Christus empfängt 
nach erlittenem Kreuzestod die reuigen 
Sünder. — Nr. 265 Der trunkene Silen 
von Satyren mühsam aufrecht erhalten. 

— Nr. 258 **Das grosse jüngste Ge- 
richt (eins der berühmtesten Rubens- 
schen Gemälde, meist aber von seinen 
Schülern vollendet; hat auch sehr ge- 
litten). — Nr. 255 Gefangennehmung 
Simsons. — Nr. 252 Geburt Christi und 
Anbetung der Hirten (für die Jesuiten- 
Hofkirche zu Neuburg an der Donau 
gemalt). — Nr. 250 Höllensturz der 
Verdammten durch St. Michael. — 
Nr. 246 Petrcis und Paulus. — Nr. 245 
*Löwenjagd. 

V. Saal (Niederländer). Nr. 323 
Remhrandt ^ Bildniss des Malers Flink. 

— Nr. 297 *8nyders j Zwei Löwinnen 
verfolgen ein Reh. — Darüber Nr. 338 
Hontho7'st ^ Cimon zum Hungertode 
verurtheilt, wird von seiner Tochter 
Brustmilch ernährt. — Nr. 315 und 313 
Änt. van Dyck ^ Lebensgrosse Bildnisse 
(stehende Figuren) eines Bürgermeisters 
von Antwerpen und seiner Gattin, — 
Nr. 345 vfin Dych ^ Der Herzog Wolf- 
gang Wilhelm von Neuburg. — Nr. 347 
van Dych, Herzog Karl Alex, von Croi. — 
Nr. 333 van Dych , Genofeva v. Urph^, 
Gemahlin des Vorigen. — Nr. 340 Weenix^ 
Jagdstück (Stillleben). - - Nr. 303 
Schalken, Büssende Magdalena. — 



Nr. 296 Schalken, Ein Burscb sucht 
einem Mädchen das Licht auszublasen. 

— Nr. 339 Jan Fyt , Schweinehetze. — 
Nr. 341 Fyt, Todtes Geflügel und Jagd- 
hund. — Nr. 320 und 332 Weenix, 
Stillleben. — Nr. 331 *A. van Dyck, 
Frau des Bildhauers Collyns de Nole. 

— Nr, 324 Jordaens^ Ein Satyr beim 
Landmann als Tischgast. — Nr. 306 
Lievens, Alter Mann. — Nr. 321 van 
Dyck, Porträt des Bildhauers Collyns 
de Nole. — Nr. 328 Honthor st , Ceres 
ihre Tochter Proserpina suchend , wird 
in einer Hütte mit einem Trünke ge- 
labt. — Nr. 319 Wynants, Abendland- 
schaft. — Nr. 316 '^Ant. van Dyvk, 
Flucht nach Aegypten. — Nr. 317 
*8nyders, Schweinehatz. — Nr. 314 de 
Grayer , Die thronende Jungfrau mit 
dem Kinde, von Heiligen umgeben. — 
Nr. 346 Millet, Italienische Landschaft, 

— Nr. 309 Wynants, Morgenlandschaft. 

— Nr. 336 Peeters, Seesturm, — Nr. 312 
Flink, Holländische Wachtstube. — 
Nr. 305 *Snyders, Eine Löwin erlegt 
ein Wildschwein, — Nr. 342 Honthorst, 
Der verlorene Sohn in Gesellschaft 
zweier Dirnen. 

VI. Saal (Spanier und Franzosen 
des 17. und 18, Jahrb.), Nr, 375 Ve- 
lasquez (?) , Geharnischter Krieger. — 
Nr. 349 *il/z(rz7Zo_, Gassenbuben Melonen 
essend. — Nr. 373 Zurbaran, Der heil. 
Franziskus mit dem Todtenkopf. — 
Nr. 355 Ribera, Scharfrichter das Haupt 
Johannes des Täufers zeigend. — 
Nr. 377 Ribera, Archimedes. — Nr. 376 
*Murillo, Eine Alte durchsucht reinigend 
den Haarwuchs eines Bettelbuben. — 
Nr. 357 *Murillo, Würfelnde Bettel- 
knaben. - Nr, 351 * Zurbaran , Maria 
und Johannes von Christi Grab heim- 
waudehid. — Nr. 354 Ribera, Der ster- 
bende Seaeca. — Nr, 371 "^Murillo, 
Der heil. Franziskus heilt einen Gicht- 
brüchigen. — Nr. 348 *Murillo, Sevil- 
laner Bettelknaben, Früchte essend, — 
Nr. 368 Murillo, Mädchen als Trauben- 
Vei'käuferin. — Nr. 363 * Ribera, Der 
Leichnam des heil. Andreas wird vom 
Marterkreuz genommen. — *Nr. 360 
Ribera, Der heil. Hieronymus. — Nr. 416 



366 



38. Route: München (Alte Pinakothek VIT. bis IX. Saal). 



366 



Claude Lorrain , Landschaft mit Meer. 
— Nr. 407 Claude Lorrain, Morgen- 
landschaft. — Nr. 415 Poussin, An- 
betung des Christkindes. — Nr. 398 
Vivien, Porträt des Erzbischofs Fenelon. 

VII. Saal (Italiener aus dem 16. bis 
18. Jahrh. und aller Schulen, bunt 
durcheinander; das Beste im Saal gehört 
jedenfalls den Venetianern an). R. vom 
Eintritt Nr. 440 Annib. Carracci , Su- 
sanna im Bade. — Nr. 450 Tizian 
Vecellio, Maria in Verehrung des Kindes 
umgeben von Heiligen. — Nr. 737 
Tizian, Geisselung Christi (sehr mit 
Schmutz überzogen). — Nr. 477 Annib. 
CaiTacci, Der bethlehemitische Kinder- 
mord. — Nr. 467 * Tizian. Bildniss 
eines Mannes in schwarzer Kleidung. — 
Nr. 470 Barbarelli (Giorgone da Castel- 
frauco), Die Eitelkeit des Irdischen 
unter dem Bilde eines schönen üppigen 
Weibes (sehr verdorben). — Daneben 
Nr. 452 (angeblich von) Buonvicino, ge- 
nannt il Morctto da Brescia , Bildniss 
eines Geistlichen. — Jenseit der Durch- 
gangsthür Nr. 436 Caliari (Paul Vero- 
nesej j Porträt einer Frau, — und an 
der entgegengesetzten Wand Nr. 432 
*Procaccini , Maria unter einem Apfel- 
baume hält den Jesusknaben , daneben 
Elisabeth mit dem Johannisknaben. — 
Daneben Nr. 426 , vom gleichen Maler, 
zeigt nochmals in anderer Komposition 
das nach dem Apfel greifende Jesuskind. 

Der Vm. Saal wurde neuerdings 
durch eine Querwand in zwei Hälften 
getheilt. Die Abtheilung beim Eintritt 
1. enthält nicht viel Bemerkenswerthes. 
Nr. 527 Guido Beni, Himmelfahrt 
Maria (bekanntes Bild , auf seidenen 
Stoff gemalt). — Nr. 515 Caliari (Paul 
VeroneseJ , Der gläubige Hauptmann 
bittet kniend vor Christus um Heilung 
seines Knechtes, — und Nr. 513 (von 
demselben), Die Ehebrecherin vor Chri- 
stus, beids Bilder sehr verdorben. — Da- 
zwischen Nr. 514 Cignani, Himmelfahrt 
Maria , eins der grössten Bilder der 
Gallerie. — In der anderen (nörd 
liehen) Abtheilung befinden sich 
mehre Tizian; so (an der Wand, 
gegenüber vom Fenster) Nr. 492 Ein 



schwarzgekleideter Mann mit Pretiosen 
auf dem Tisch (wie man glaubt eine 
Jugendarbeit des Meisters ; hat gelitten). 
— Nr. 524 (an der üächsten Wand; Venus 
im Begriff ein'^ junge Bacchantin durch 
Entschleierung einer Priapusnerme in 
die Geheimnisse des bacchischen Dien- 
stes einzuweihen. — Die vcät ,,Piaphael*' 
bezeichnete Sta. Cäcilia ist eine Kopie 
aus dem 17. Jahrh. — Nr. 587 * Tizian, 
Maria mit dem Jesuskinöe. — Nr. 48» 
angeblicher Tizian, Porträt. — Nr. 591 
Derselbe, Heilige Jungfrau in abend- 
licher Landschaft. — Nr. 496 *Ganze 
Figur Kaiser Karl V. , von Tizian 1548 
auf dem Reichstage zu Augsburg ge- 
malt, wohin er berufen worden war. 

IX. Saal. Hier befinden sich die 
werthvollsten Bilder der italienischen 
Schulen, allerdings eben auch wieder 
alle Perioden bunt durcheinander. — 
Nr. 549 Mantegna, 'M.a.xi& mit dem Kinde 
umgeben von zwei Bischöfen und zwei 
Franziskanern. — Nr. 592 Giulio Po- 
mano (?), Johannes der Täufer als Jüng- 
ling in der Wildniss. — Nr. 585 Pa- 
i>ÄaeZ^ Jugendliches Brustbild des Biudo 
Altoviti in violettem Kleide. — Nr. 534 
*Raphael, Die heil. Familie aus dem 
Hause Canigiani. — Nr. 582 *Palma il 
«;ecc/uo_,Selbstporträt. — Nr. 577 '^Paibo- 
lini (Francesco Francia) , Madonna im 
Rosenhag (eins der Hauptwerke dieses 
Meisters). — Nr. 561 *Pictr. Vannucci 
(il Perugino) , Die heil. Jungfrau er- 
scheint dem heil. Bernhard. — Nr. 547 
*Raphael , Madonna della Tenda (la 
vierge ä la croix). — Nr. 548 '^Andrea 
del Sarto , Heil. Familie. — Nr. 555 
Alessandro P'ilijpcpi (Botticelli), Leich- 
nam Christi im Schoosse seiner Mutter. 

Nun zur Besichtigung der 23 Ka- 
binette. Wer mit den altdeutschen t?clmlen 
wieder anfangen will, muss bis zum I. Sar.l 
zurückgehen; wer gleich aus dem Saal IX 
in das Kabinet 23 eintreten will, kann mit 
den Italienern fonfahrta. 

1. K ab inet: Gemälde der sogen 
ersten Kölnischen Schule aus der Zeit 
vor den Gebrüder van Eyck. last >ämmt- 
lich (mit Ausnahme Nr. 13 und 14) aut 
Goldgrund. Kunsigoschichtlich be- 
deutend ist Nr. 15 *Schweissiuch der 



367 33. Moute: München (Alte Pinakothek 2. bis 9. KaMnet). 368 



heil. Veronika vom sogen. Meister Wil- 
helm (Maler des Kölner Dombildes), 
und Nr. 745 Stephan Lochner^ Madonna 
im ßosenhag. 

2. Kabinet (fast nur kölnische 
Werke vom Meister der Lyvershergschen 
Passion f durch Verputzung und Ueber- 
malungs beeinträchtiget, alle auf Gold- 
grund) : Nr. 23 Vermählung Josephs 
und Maria. — Nr. 22 Mariens erster 
Tempelgang im Beisein ihrer Eltern. — 
Nr. 21 Joachim und Anna begegnen 
sich an der Goldenen Pforte. — Nr. 33 
Krönung Maria. 

3. Kabinet mit den vortrefflichen 
Bildern des *Rogier van der Weyde des 
Aelt. : Nr. 37 *Darbringung im Tempel, 
Nr. 36 * Anbetung der drei Könige und 
Nr. 35 * VerkündigungMariä (zusammen 
ein Altarwerk bildend). — Vom Meister 
des Boisseree' sehen Bartholomäus sind 
Nr. 38 Die heil. Christine mit dem 
Mühlstein. — Nr. 39 *St. Bartholomäus 
mit Buch und Messer und heil. Agnes 
und heil. Cäcilia. — Nr. 40 Johannes 
Evangelista und St. Margaretha, wieder 
gemeinschaftlich ein Altarwerk. — 
Nr. 42 *Bogier van der Weyde, der 
Evangelist Lucas die Madonna 
zeichnend. 

4. Kabinet: Nr. 55 Dierih Bouts ^ 
Melchisedeck der greise Priesterkönig 
bringt dem Patriarchen Abraham Wein 
und Brod. — Nr. 48 *Hans Memling^ 
Johannes der Täufer im rothen Mantel. 
— Nr. 49 Derselbe , Anbetung der heil, 
drei Könige (miniatur - artig fein). — 
Nr. 50 Der heil. Christophorus trägt 
das Christkind (alle drei bilden einen 
Plügelaltar). — Nr 44 *Dierih Bouts, 
Die Israeliten sammeln das Manna. — 
*Nr. 58 Derselbe, Gefangennehmung 
Christi. — Nr. 63 *Hans Memling , Die 
sieben Freuden Maria (in Mitte die Stadt 
Jerusalem). 

5. Kabinet: Nr. 69 bis 71 Vom 
Meister des Todes Maria, die *Dar- 
stellung dieser Scene. — Nr. 755 Gerard 
David, Vermählung der heil. Katharine 
mit dem Jesuskinde. Darüber (noch 
ohne Nummer) *Michael Wolgemut, 
Auszug der Apostel. 



6. K a b i n e t : Nr. 95 Bruyn, Kaiser 
Heinrich der Heilige und die heil. 
Helena. — Nr. 97 Eine Kreuzigung 
(Mittelblatt eines Flügelaltars). — 
Nr. 102 Eine Mutter Gottes von einem 
unbekannten westphälischen Meister. — 
Nr. 105 Memling, Johannes der Täufer. 

7. K ab in et: Nr. 120 Alb. Dürer, 
Bildniss des Oswald Krell. — Nr. 124 
*Selbstporträt Alb. Dürers — Nr. 151 
Lucas van Leyden, Jungfrau Maria und 
Maria Magdalena. — Nr. 123 Dürer, 
Heil. Joachim und Joseph und Nr. 127 
dessen Simeon und Bischof Lazarus 
(beide Flügelbilder eines Altars). — 
Nr. 132 H. Äsper , Porträt eines Herrn 
Haller. — Nr. 139 * Dürer, Porträt des 
Mich. Wolgemut (Dürers Lehrer). — 
Nr. 764 und zwei andere ohne Nummer, 
Lucas Cranach, Brustbilder Luthers, 
Kurfürst Friedrich des Weisen und 
Melanchthons. — Nr. 146 Mart. Schon- 
gauer, Selbstporträt. — Nr. 147 Dürer, 
Bildniss eines jungen Mannes. — Nr. 149 
Holbein der Jung., Porträt des Joh. von 
Carandolet. — Nr. 150 H. Burghmair, 
Porträt der Prinzessin Jakobäa von 
Baden. 

8. Kabinet: Nr. 166a Holbein jun., 
Porträt des Derich Born in London. — 
Nr. 158 Schafiner , Porträt des Mathe- 
matikers Peter Appian. — Nr. 155 Melch. 
Feselen, Belagerung der Stadt Rom 
durch Porsena (mit mehr als 1000 aus- 
geführten Figuren). — Nr. 164 Cranach 
der Aelt., Jungfrau Maria. — Nr. 169 
Altdorf er , Sieg Alexander d. Gr. über 
Darius in der Schlacht bei Arbela, 
einst Lieblingsbild Napoleon I. — Dann 
eine bedeutende Sammlung von feinen 
Kabinetsstücken der holländischen 
Schule: Nr. 188 Netscher, Dame mit 
Papagei. — Nr. 185 Dessen, Musika- 
lische Unterhaltung. — Nr. 175 und 
187 Denner, Porträt eines alten Mannes 
und einer alten Frau (unendlich minutiös 
aber geistlos). 

9. Kabinet (Holländer): Nr. 
212 und 193 * Dav. Teniers jun., 
Bauernscenen. — Nr. 199 *Brouioer, 
Karte - spielende Bauern. — Nr. 197 
Saftleven, Rheingegend. — Nr. 221 



369 33. Route: München (Alte Pinakothek 9. bis 15. Kabinet). 370 



Broutoer ^ Geige - spielender Bauer. — 
Nr. 202 *JanBreughel, Blumen- und 
Pruchtgehänge. — Nr. 205 Dessen^ 
Dorf - Markttag an einem Flusse. — 
Nr. 207 Brouwer ', Spanische Soldaten 
Würfel spielend. — Nr. 195 Dav. Te- 
niers jun. , Katzen- und AflPenkoncert. 

— Nr. 210 Derselbe, Bauernscene in 
der Schenke, — Nr. 211 Derselbe, 
Rauch- und Trinkgesellschaft von Affen. 

— Nr. 188 Com. de Heem , Blumen, 
Früchte und Lebensmittel. — Nr. 783 
Waterlo, Waldlandschaft. — Nr. 177 
*Davidsze de Heem , Pflanzen , Früchte, 
Insekten, Kupferkessel etc. — Nr. 784 
Derselbe , Aehnliches Frucht - und Blu- 
menstück. 

10. Kabinet (Flamänder und 
Holländer): Nr. 241 Hendr. van 
Baien und Jan Breughel, Olympisches 
Göttermahl im Walde. — Nr. 25ü *Jan 
Steen, Schlägerei beim Kartenspiel. — 
Nr. 173 *Jan Both, Italienische Herbst- 
landschaft in glühender Abendbeleuch- 
tung. — Nr. 248 *Dav. Teniers jun., 
Tanzende Bauern. — Nr. 249 Derselbe, 
Bauernhochzeit. — Nr. 252 Derselbe, 
Flamändische Zechstube. — Dazwischen 
Nr. 189 Sxuanevelt, Italienische Land- 
schaft bei Sonnenuntergang. — Mehre 
Höllen- und Sammet- Breughel (nament- 
lich Nr. 230, Landschaft) und Still- 
lebenstücke. 

*11. Kabinet (Rembrandt und 
seine Schule) : Nr. 280 *Ger. Dov, Alte 
Frau einem Knaben den Kopf reinigend, 

— Nr. 288 Derselbe, Mittagsmahl der 
Spinnerin. — Nr. 285 Slingeland, Frau 
und Kind in der Wiege. — Nr. 255 bis 
260 *lievibrandt , Sechs Darstellungen 
aus dem Leben Christi. — Nr. 448 
Frans v. Mieris der Aelt. , Der Künstler 
überreichteinerDamefrisclie Austern auf 
einem silbernen Teller. — Nr 263 Jan 
Steen, Kranke Frau und Puls -fühlender 
Arzt. — Nr. 266 Dov, Oemüsehändlerin 
(vergl. Nr. 289), — Nr. 269 *Slinge- 
land , Schneiderwerkstätte. — Nr. 2G8 
ÄemÄmn<Zf,Herbstland.scliaft bei Abend- 
beleuchtung. — Nr. 277 Dov , Dame in 
gelbem Atlaskleide von ihrer Zofe 
frisirt. — Nr. 281 Derselbe, Betender 



Eil, Siedler. — Nr. 282 Adr. v. Ostade, 
Raufende Bauern. — Nr. 284 '^Dov, 
Marktschreier. — Nr. 286 A. v. Ostade, 
Bauerngesellschaft. — Nr. 287 *Fr. v. 
Mieris der Aelt. , Eine in Ohnmacht 
sinkende Dame und ihr Arzt. 

12. K ab inet (kleiner Rüben s - 
Saal): Nr. 323 Christophorus trägt 
das Jesuskind durch den Fluss, — 
Nr. 297 *Das sogen, kleine jüngste Ge- 
richt (ausgeführte Skizze). — Nr. 292 
Zwei Satyre mit Trauben und Wein 
schlürfend. — Nr. 309 Sanheribs Heer 
wird auf seinem Zuge gegen Juda durch 
das Himmelsfeuer vernichtet. — Nr. 328 
*Porträt der Helene Froment , Rubens 
zweiter Gemahlin. — Die Nummern 294 
bis 297, 299 bis 304, 310 bis 312, 314, 
315, 319, 320 und 326 sind Skizzen zu 
der grossen berühmten Suite der 21 
historisch - allegorischen Bilder, mit 
denen Rubens das Leben der Maria 
V. Medici verherrlichte und welche sich 
in der Grande Galerie des Louvre in 
Paris befinden. — Nr. 325 *Die Ama- 
zonenschlacht. — Nr. 316 Auferstehung 
der Gerechten (Skizze). — Nr. 317 Be- 
kehrung Sauls. — Nr. 305 Porträt von 
Rubens Mutter (?). 

13. Kabinet (Flamänder und 
Holländer des 17. Jahrb.): Nr. 396 
Miens, Der Künstler im Gespräch mit 
der Wirthineines Gasthofes, bekannt als 
„Stiefel des Mieris", — Nr 437 *T€r- 
borch, Knabe mit einem Hunde. — 
Nr. 343 van Dyck , Porträt des Malers 
Snayers. Ausserdem noch viele van 
Dyck'sche Porträts — Nr. 353 *Miens, 
Selbstporträt. — Nr. 455 Jac. Rnysdarl, 
Waldgrund mit Jägern. — Nr. 361 
Wouvenna7i, Reiter mit Schimmel. — 
Nr, 375 Wynants. 

14. Kabinet: Hauptsächlich ]Vou- 
vennansche Bilder und unter diesen 
besonders die Nr. 403, *397, 404, *428 
(Schlacht bei Nördlingen) und 424. 
Dnnn noch Nr. 422 J//cWö-, Inneres einer 
Bauernstube. — Nr. 415 und 417 Der- 
selbe, Damen in braunseidenenKleidern. 
— Nr. 423 *DerseU)e, Aehnliches Bild. 

15. Iva bin et : V'orlierrscliend Jiiii/s- 
daelsche Landschaften, namentlich 



371 33. Route: München (Alte Pinakothek 16. Ms 23. Kabinet). 372 



Nr. 453 Sparsam mit Bäumen bewach- 
sener Hügel. — Nr. 474 *Waldlancl- 
schaft. — Nr. 322 * Wasserfall zwischen 
Felsen und Nr. 446. — Dann Nr. 451 
van de Velde jun. , Gewittersturm zur 
See, — und Nr. 461, Ruhige See mit 
Fregatte. — Nr. 466 *Mieris ^ Grepan- 
zerter Krieger , rauchend. — Nr. 465 
Adr. Brouioer , Dorfarzt. — Nr. 470 
T erhör ch , Dame in Atlaskleid, der ein 
Trompeter einenBrief bringt. — Nr. 444 
Hohbema, Landschaft. 

16. Kabinet: Ausschliesslich vaw 
der Wtrffsche Bilder von Porzellan- 
malerei-ähnlicher Glätte. Beachtens- 
werth sind die Nr. 480, 485, 496, 
493 und 500. 

17. Kabinet: Nr. 505 du Jardin, 
Hirtenknabe mit einer Ziege und ruhen- 
den Schafen. — Nr. 515 Adr. ßrouwer^ 
Singende Bauern. — Nr. 511 Paul 
Pott er ^ Eine alte Frau lehrt einem 
Kinde das Gehen. — Nr. 530 *Pieter de 
Hoog, Holländische Bauernstube. — 
Nr. 529 *Metsu, Bohnenkönigsfest. — 
Nr. 533 *Dav. Teniers jun _, Bauern- 
stube. — Nr. 526 Wynants, Landschaft. 

— Nr. 527 Brouwer, Dorfchirurg unter- 
sucht die Fusswunde eines Bauern. 

18. Kabinet (älteste Italiener): 
Nr. 613, 612 und 616 da Fiesole, Dar- 
stellungen aus den Legenden der heil 
Cosmas und Damian und gegenüber 
vom gleichen Künstler Nr. 615, Eine 
Pietä. 

19. Kabinet (viele unbedeutende 
Werke und Fälschungen älterer Ita- 
liener): Beachtenswerth sind Nr. 551 
Taddeo di Bartolo , Reizender kleiner 
Altarmit Seitenflügeln (wohl von 1390?), 
eine Himmelfahrt Maria. — Nr. 556 
und 560 Qiotto di Bondone, beide ächte 
Bilder, aber schlecht erhalten. — Nr. 567 
Eine Anbetung der drei Könige aus der 
Florentiner Schule. 

20. Kabinet (Italiener): Nr. 581 
Raphael (Jugendarbeit) , Taufe Christi. 

— Nr. 588 *Baphael, Kopf des Erz- 
engel Michael. — Nr. 602 Bazziil Hod- 
doma, , Heil. Familie. — Nr. 593, noch 
eine Jugendarbeit Raphaels (lediglich 
von historischem Interesse). — Nr. 628 



Carlo Dolce , Ecce homo (wegen der 
täuschenden Thränen immer bewun- 
dert). — Nr. 606 Lanfranco , Die 
schmerzhafte Mutter Christi. — Nr. 603 
Garofalo (?) , Selbstporträt des Künst- 
lers (?). — Nr. 601 Schule des Bellini, 
Heil. Familie. — Nr. 604 * Giovanni 
Bellini, Vortreffliches Selbstporträt. — 
Nr. 587 Raphael (?), Porträt eines 
jungen Mannes. — Nr. 600 Carlo Dolce, 
Jesus als Knabe (bekanntes Bild). — 
Nr. 608 Cima da Conegliano , Jungfrau 
mit Jesuskind. 

21. Kabinet: Nr. 619 Paris Bor- 
done, Porträt eines Mannes. — Nr. 614 
* Raphael, Madonna di Tempi (berühm- 
tes, anmuthiges Bild). — Nr. 618, 617, 
621 und 622 Canaletto der Aelt., Kanal- 
Ansichten aus Venedig. 

22. Kabinet (Veneti aner): 
Nr. 646 Tizian , Jupiter und Antiope. 

— Nr. 635 Pulzone, Porträt einer jungen 
Dame. — Nr. 631 *Tintoretto, Porträt 
des berühmten Anatomen Andr. Vesalius. 

— Nr. 632 *Paul Veronese, Anbetung 
der drei Könige. 

23. Kabinet: Nr. 671 und 679 
Zwei ächte Salvator Rosa , Landschaf- 
ten. — Nr. 684 Gasp. Poussin (Dughet), 
Italienische Landschaft. — Nr. 660 
Carracci, Leichnam Christi und Nr. 661, 
Desselben Künstlers eigenes Bildniss. 



Das Kupfer'stich- und Mandzeich- 
nungen- Kahinet befindet sich im Erdge- 
schoss der Alten Pinakothek. 

Geöffnet: Dienst, und Freit, von 9 bis 
1 Uhr gratis. 

Die Sammlung umfasst mehr als 300,000 
Drucke, sowohl die ältesten Holzschnitte, 
wie Stiche in geschi'otener Manier, Niello- 
drucke und Blätter bis in die neueste Zeit. 
Eine Anzahl derselben ist unter Glas zur 
Besichtigung ausgestellt. — Im ersten Zimmer 
sind eine Suite Kreide-, Kohle-, Röthel- und 
Bleistift - Zeichnungen und Aquarelle aller 
Zeiten und Schulen aufgelegt, von denen 
das Kabinet über 9000 besitzt , darunter 
werthvolle von A. Mantegna, Raphael , Fra 
Bartolomeo, Holbein, Dürer, Burgkmair und 
besonders viele Rembrandte. Auch die Hand- 
zeichnungen von Cornelius zu den Loggien 
der Pinakothek und die Reiseskizzen des 
verstorbenen Moritz Rugendas aus Brasilien 
(über 3000 Studien in 20 Mappen) werden 
hier aufbewahrt. 



373 



33. Boute: München (Neue Pinakothek). 



374 



Schliesslich sind in diesem Gebäude 
noch die an der Südseite des oberen 
Stockwerkes nach den Entwürfen des 
P. V. Cornelias von mehren seiner 
Schüler gemalten Loggien, ein langer 
Korridor mit 25 Wölbungs -Abtheilun- 
gen, sehenswerth. Die ersten 13 sind 
den italienischen Städten gewidmet , in 
denen einst die Kunst blühte ; die 
übrigen 12 anderen Städten Deutsch- 
lands , Hollands und Frankreichs , die 
Pflegerinnen der Künste waren. Je#- 
weilen ist über dem betrefleuden Städte- 
namen in der Lunette eine Gruppe von 
Künstlern dargestellt, die den Ruhm der 
Stadt verherrlichen halfen. 



Die Keue Pinakothek (PI. 53, 

E, 1, 2) steht nördl. von der alten und 
wurde auf Köni^ Ludwig I. Befehl als 
Museum für die Künstler des 19. Jahrb. 
von 1846 bis 1853 nach den Plänen des 
Oberbaurathes v. Voit (368 F. lang. 
101 F. breit, 90 F. hoch) erbaut. In 
ihrer architektonischen Gliederung ist 
sie viel einfacher als ihre ältere 
Schwesterbaute. Wie diese besteht sie 
aus einem hohen Erdgeschoss und 
einem oberen Stockwerke , dessen süd- 
liche Langseite fensterlos, grosse 
Wandflächen darbietet, die, wie auch 
zum Theil die anderen Aussenwände, 
mit Fresken nach Kaidbachscken Vor- 
lagen (vergl. S. 378) von Nilson ge- 
schmückt wurden. 

Fresken der Aussenwände. 1) S chmale 
Frontseite: Allegorische weibliche Figu- 
ren, Repräsentantinnen der Künste. 2) Süd- 
liche Langseite, 7 grosse Bilder; Erstes: 
Kampf der neueren Kunst (Winckeliuann mit 
dem Tintenfass , Thorwaldsen mit dem 
Hammer, Carstens mit dem Schwert und 
Schinkel mit dem Winkelmaass , alle von 
1., — Cornelius mit der Geissei , Ovorbeik 
mit einer Prozessionsfahne und Veit auf 
einem Pegasus) gegen das Bollwerk der 
Zopfzeit , in dessen Verliess die Grazien 
gefangen liegen von einem Perücken-Cerberus 
bewacht. — Zuieites: Deutsche Künstler stu- 
direu römisches Volk und Leben (unter 
ihnen Kaulbach selbst), — Drittes : Künstler 
(Cornelius, Schnorr, Klenze und Gärtner) 
mit dem Studium der Antike beschäftiget, 
werden von einem Boten überrascht, der 
Bestellungen vom damaligen Kronprinzen 
(nachmaligem König Ludwig L) von Bayern 



bringt. — Viertes: Ludwig von Bayern als 
Sammler von Kunstschätzen, — Fünftes: 
Den von König Ludwig I. beschäftigten 
Malern (Cornälius , Schraudolph , Hess, 
Monten, Rottmann, Adam) bringt ein Hof- 
diener Orden und Ehrengaben. — Sechstes: 
Die von Ludwig für seine Bauwerke er- 
korehen Architekten (Gärtner, Leo v. Klenze, 
Ziebland, Ohlmiiller u. A.). — Siebentes: 
Bildhauer aus Ludwig I, Zeit (Schwanthaler, 
Thoiwaldsen, Schadow , Rauch, Rietschel 
u. A,) — 3) Schmale Rückseit e: Erz- 
giesserci (Stiglmayr mit dem Haupt der 
Bavaria, vergl. S. 415, Miller, vergl. S. 395), 
Glasmaler (AinmüUer, vergl. S. Ml, H. Hess, 
vergl, S. 354 etc.) und Porzellanmaler (Eug. 
Neureuther). — 4) Nördl, Fensterseite: 
Am einen Ende empfängt Ludwig I. am 
Tage der Jubiläumsfeier seiner 25jährigen 
Regierung die Huldigung der Künstler, — 
am anderen Ende ein Künstlerfest den Kampf 
zwischen Oel - und Freskomalerei um den 
Vorrang darstellend. Zwischen den Fen- 
stern Porträt -Figuren der bisher genannten 
Künstler. 

Geöffnet: Sonnt., Dienst., Donnerst, und 
Sonnabd., im Sommer von 8 bis 12 u. 2 bis 
4 Uhi-, im Winterhalbjahr von 9 bis 2 Uhr. 
Man sehe Jedoch in den Tagesblättern nach. 

Katalog der Gemälde- Sammlung 36 kr. 

Im Vestibüle des unteren Stock- 
werkes kolossales Modell eines von 
vier Löwen gezogenen Siegeswagens. — 
Zur Treppe hinauf: 

Entree - Saal: *Lebensi;rosses 
Bildniss König Ludwig I. im Kostüm 
des bayerischen Hausordens vom heil. 
Hubertus, gemalt von Kaxdbach. 

II. Saal : Nr. IJ". ^. Fischer, Leich- 
nam Christi von Maria, Johannes und 
den heil. Frauen zu Grabe getragen. — 
Nr. 3 Veryneersch , Ein Kanal in Vene- 
dig. — Nr. 4 Gugel^ Familien-Scene. — 
Nr. 5 Riedl , Neapolitanische Fischer- 
familie. — Nr. 7 * Kirchner , Verona iu 
glühender Sonnenbeleuchtung. — Nr. 
9 und 10 AinmüUer, Innen -Ansichten 
aus der Westminster- Abtei zu London. 
Nr. 11 Pilot y , Der Astrolog Seni vor 
der Leiche des ermordeten Wailenstein. 
— Nr. 12 *Schorn, Die SündÜuth 
(grÖsstes Gemälde der Sammlung, un- 
vollendet, weil der Künstler über der 
Ausführung starb). 

III. Saal (1. beim Eintritt): Nr, 15 
Ileinlein, Der Ortler in Tyrol beim auf- 
ziehenden Gewitter. — Nr. 17 ./. Ja- 
cobs, Schitfbruch des Schiftes Floridian 
auf der Bank von Longsand an dei 



liiiiiiiiiiilfiiiiiiiilij 



iiiiiiiiiiiiiiiiiii 



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877 



33. Boute: München (Neue Pinakothek). 



378 



Küste von Essex am 28. Febr. 1848. — 
Darüber ohne 'iünm.mer Figer^ Büssende 
Magdalena. — Nr. 20 BöcTcUn, Pan im 
Schilfe Flöte spielend. — Nr. 22 Lange^ 
Der Gossausee. — Nr. 23 *Fr Voltz^ 
Heimkehr einer Heerde an einem 
Herbstabende. — Nr. 24 Kaulhach, 
Bildniss des Malers Heinlein in der 
Maske des Ritters v. Schelleuberg beim 
Künstlerfest 1840. — Nr. 25 *Kaul- 
hachj Die Zerstörung Jerusalems (Ori- 
ginal des im Treppenhause des Neuen 
Museums zu Berlin wiederholten grossen 
Fresko-Gemäldes. — Nr. 26 Flüggen, 
Im Vorzimmer eines Fürsten. — Nr. 27 
Kaulbach, Bildniss des Schlachtenmalers 
Monten als Hauptmann der Lands- 
knechte bei einem Maskenzuge. — Nr. 
23 Lange , Der Grossausee mit Bergen 
im Alpenglühen (Pendant zu Nr. 22). 

IV. Saal: Nr. BOKohell, Schlacht 
bei Hanau (30. Okt. 1813). — Nr. 31 
Achenhach, Ein Seesturm. — Nr. 26 
Schrauclolph , Maria und Magdalena 
gehen mit Johannes nach Golgatha. — 
Nr. 32 H. V. Hess, Das Abendmahl 
(unvollendet). — Nr. 33 * Schraudolph, 
Fischzug Petri. — Nr. 35 P. v. Hess, 
Einzug des König Otto v. Griechen- 
land in Nauplia (6. Febr. 1833) mit 
Erklärungstafel der Porträts. — Nr. 38 
* Schraudolph , Christus heilt die Kran- 
ken. — Nr. 42 * Zimmermann , Winter- 
Landschaft. 

V. Saal: Nr. 49 Schraudolph, Him- 
melfahrt Christi. — Nr. 50 Derselbe, 
Maria mit dem Jesuskinde. — Nr. 55 
und 56 *Zwengauer, Gebirgs -Land- 
schaft bei Abendlicht und ebene Land- 
schaft bei Sonnen-Untergang. — Nr. 54 
Navez, Die Spinnerinnen von Fondi. — 
Nr. 52 und 59 C. Miliner, Alpenland- 
schaften (die Hohe Kampe) bei Abend- 
beleuchtung. — Nr. 60 Overbeck^ Maria 
und Elisabeth mit dem Jesuskinde. — 
Nr. 61 jET. V. Hess, Die thronende Maria 
umgeben von den vier Kirchenlehrern 
Gregorius, Ambrosius, Augustin und 
Hieronymus; grosses Altarblatt. — Nr. 
45 Adam, Hirschjagd. — Nr. 44 Zfaa^ew, 
Musieirende Gesellschaft im Garten. 

VL Saal enthält ausschliesslich die 



berühmten 23 * Rottmannschen Land- 
schaften aus Griechenland, enkaustisch 
auf die Wand gemalt ; über einer jeden 
steht der Name des Orts oder der 
Gegend, welche das Bild darstellt. 

Nun zurück in den V. Saal und hier 
r. in den 

1. Seitensaal:Nr. 69*PF.P/ei/er, 
Alter Bauer vor einer Vogelscheuche. 

— Nr. 74 Stange , Venedig im Monden - 
lichte. — Nr. 75 Weller , Italienische 
Feldarbeiter heimziehend. — Nr. 78 
Fischbach , Der Watzmann und der ün- 
tersberg bei Salzburg. — Nr. 79 Haus- 
hof er , Ein Gebirgssee. — Nr. 81 
*Kirner, Eine Kartenschlägerin. — Nr. 
82 *Verboechhoven, Schafstall. — Nr. 83 
Eugen Hess , Ritter bei Dominikanern 
als Gast. 

2. Seitensaal: Nr. 87 Coignet, 
Tempel zu Pästum. — Nr. 88 Moritz 
Müller, Bauernhochzeitbei Fackelschein 
über einen Bergsee heimfahrend. — 
Nr. 89 Albr. Adam, Erstürmung der 
Düppel er Schanzen. — Nr. 92 Stefan, 
Hochalpen -Landschaft. — Nr. 94 W. 
Schoen, Ein behorchtes Liebespaar. — 
Nr. 96 P. -4<fam, Französische Kürassiere 
in Moskau — Nr. 95 *Zimmermann, 
Vorleser in einer Wirthsstube. — Nr. 97 
Schleich, Alpenbild. — Nr. 100 * Riedel, 
Eine Mutter mit ihrem Kinde. — Nr. 99 
Gallait , Ein Mönch Arme speisend. — 
Nr. 103 Rhomberg, Der Schiitteu- 
schnitzer. — Nr. 105 Morgenstern, Die 
Haide von St. Hypolit am Fusse der 
Vogesen. 

3. Seiten 8 aal enthält ausschliess- 
lich die von W. v. Kaulbach in Oel- 
farben gemalten Original-Skizzen, nach 
denen die an der äusseren Mauerfläche 
der Neuen Pinakothek befindlichen 
Wandbilder (S. 373) ausgeführt wur- 
den ; Erläuterungstafeln nennen die 
Namen. 

4. Seitensaal: Nr. 126 R. Zivi- 
viermann, Winterlandschaft mit einer 
Schmiede. — Nr. 128 Alb. Adam, Die 
Schlacht von Custozza (25 Juli 1848). 

— Nr. 129 Diday , Gebirtjslandschaft. 

— Nr. 130 Alb. Adam , Die Schlacht 
von Novara (23. Mai 1849); eine Er- 



379 



33. Boute: München (Neue Pinakothek). 



380 



klärungstafel nennt die Namen. — Nr. 
132 Max Zimmermann ^ Landschaft mit 
Eichenbäumen. — Nr. 138 * Jacquard, 
Zigeuner vor Gericht. — Nr. 141 Mali, 
St. G-eorgio in Verona. — Nr. 142 Bam- 
berg er , Felsenschlucht bei Cuenca in 
Spanien. — Nr. 143 Baade , Marine im 
Mondenlicht. 

5. Seitensaal: Nr. 144 Marho, 
Landschaft im vollen Sonnenlicht. — 
Nr. 145 Ächenbach , Ein Herbstmorgen 
in den Pontinischen Sümpfen. — Nr. 
146 Geyer , Concilium medicum. — Nr. 
148 Rhomherg , Schulknaben Cigarren 
rauchend. — Nr. 149 Overhech , Italia 
und Germania (zwei weibliche Gestal- 
ten). — An der Querwand 13 Porträts 
von Personen des bayerischen Königs- 
hauses, in der Mitte. — Nr. 160 Stieler, 
Bildniss der Königin Therese im Krö- 
nungsornate. — Nr. 172 Schrotzberger , 
Porträt der Kaiserin Elisabeth von 
Oesterreich. — Nr. 154 i2. Zimmermann, 
Winterlandschaft. — Nr. 155 Biedel, 
Bildniss der Feiice Beraldi in Albano 
bei Rom. — Nr. 156 '^ Biedel, Judith 
mit dem Schwert. 

j:^=*Durch denEntr^-Saal gerade 
hinüber in das 

1. Kabinet: Nr. 174 "^Camp- 
hausen , Eine gefangene englische Fa- 
milie von puritanischen Soldaten eskor- 
tirt. — Nr. 177 Schendel, Nächtliche 
Marktscene. — Nr. 180 Schmidt, Nie- 
derländische Schulstube. — Nr. 185 
*Schleissner, Ein Brief lesen der alter 
Kupferschmied. — Nr. 186 Bottmann, 
Der Hohe Göhl bei Berchtesgaden. 

2. Kabinet: Nr. 201 *WilMe, Er- 
öffnung eines Testamentes. — Nr. 195 
Maes, Römisches Landmädchen betend. 
— Nr. 404 Löffler, 22 Oelskizzen aus 
dem Morgenlande. 

3. Kabinet: Nr. 215 Beveren, 
Beichte eines kranken Mädchens — 
Nr. 221 Enhuber, Grossvater und Enkel 
mit hölzernen Soldaten spielend. 

4. Kabinet: Nr. 224 Vermeersch, 
Thor einer italienischen Stadt. — Nr. 
234 Stieler, Goethes Porträt. — Nr. 226 
*Rottmann, Ansicht des Aetna von 
Taormina aus. — Nr. 233 Bräkeler, 



Bettelmusikant in einer niederländischen 
Bauernstube. — Nr. 235 H. v. Hess, 
Bildniss Thorwaldsens. — Nr. 236 
de Kayser, Mönch im Klostergange. 

5. Kabinet: Nf. 241 *Ärtaria, 
Kirchgang zur Christmette. — Nr. 244 
Wittmer , Leichnam der heil. Katha- 
rina von Engeln zu Grabe getragen. — 
Nr 245 *van Knyck, Inneres eines 
Pferdestalles. — Nr. 247 Alb. Adam, 
Fuhrmannspferd mit Arbeitern. — Nr. 
250 Derselbe, Pferdestall. —Nr. 251 
* Rasenclever , Hieroijymus Jobst im 
Examen. — Nr.253 * Benno Adam, Schim- 
mel, Katze und Ziegen in einem Stalle. 

6. Kabinet: Nr. 259 Simonsen, 
Rauchender Matrose. — ~^r.2Q0* Schleiss- 
ner , Geflügelhändler. — Nr. 264 Dn- 
huber, Bildschnitzer-Werkstätte. — Nr. 
266 Mor. Müller, Sceneaus dem Tyroler- 
kriege. — Nr. 270 Becher, Schnitter im 
Felde gewahren den Ausbruch eines 
durch Gewittereinschlag entstandenen 
Brandes (Farbenskizze zu dem grossen 
Bilde im Städelschen Museum in Frank- 
furt a/M.). — Nr. 27 1 Riedel, Porträt der 
Römerin Nazarena Trombetti. — Nr. 
272 Laar , Eine Tochter ihren Vater 
um Vergebung anflehend. 

7. Kabinet: Nr. 280 P. v. Hess, 
Zug griechischer Landleute am Meeres- 
strande. — Nr. 286 LucTcXy Alte Spitzen- 
klöpplerin und Mann, der Garn windet. 
— Nr. 290 Vennemann, Niederländische 
Bauernscene. — Nr. 275 Hasenclever, 
Mann und Frau schmollend. 

8. K ab i n e t : Nr. 304 * Kirner, Frei- 
schärler im Schwarzwalde. — Nr. 313 
Haier, Spielgesellschaft. 

9. K ab inet: Nr. 326 Hundert- 
pfund, Porträt des Hofmaler Wolff. 

10. Kabinet: Nr. 199 * Bamberger, 
St. Jeronimo im Quaderama- Gebirge 
in Castilien. — Nr. 339 Bilrkel , Platz- 
regen. — Nr. 350 Schnitzler, Reb- 
hühner. 

11. Kabinet: Nr. 206 Neher, 
Kloster Lichtenthai bei Baden-Baden. 
Nr. 372 Derselbe, Die St. Martinskirche 
in Braunschweig. 

12. K ab inet: Nr. 374 Btriebel, 
EineAbschieds-Scene. — Nr.376/8'«anpe, 



381 



33. Route: München (Gremälde nnd Maler). 



382 



Venedig begräbt seinen Dogen. — Nr. 
379 *Eherle , Schafheerde mit Hirt. — 
Nr. 375 Mechlenhurg^ Meer beim Mond- 
schein. 

13. Kabinet: Nr. 385 bis 387 
Kirchner ^ Euinen -Fa9aden des Heidel- 
berger Schlosses 

14. Kabinet: Nr. 391 *Eug. Hess, 
Der schwedische General Wrangel wird 
auf der Hirschjagd im Dachauer Moor- 
grunde von den Bayern überfallen, — 
Nr. 396 Sehast. Zimmermann, Inneres 
eines Gemaches im Schlosse zuSchleiss- 
heim. — Nr. 397 *Stange , Landschaft 
im Mnndenlichte. — Porträts ehemaliger 
Mitglieder der königlichen Oper. — Nr. 
390 Bischof, Grossvater mit seinen 
Enkeln im Schnee. 

Die *v, Schacksche Geniälde- 

Sammltinff f Aeussere Brienner 
Strasse (ausserhalb der Propyläen das 
dritte Hau8 ]., PI. C, 2). 

Geöffnet für gebildete Fremde jeden 
Naclini. von 3 bis 5 Uhr. 

Kataloge, gedruckt, liegen in mehren 
Exemplaren auf. 

Sie enthält nur neue Bilder (184 
Nummern), namentlich von Feuerbach, 
Genelli in Weimar, A. Böchlin und vor- 
treflfliche Kopien von Lenbach nach 
Tizian, van Dyck, Giorgione, Rubens, 
Velasquez u. A. 

Jyie Porzellangetnülde - Sanrmhing 
ist in einigen Parterre- Zimmern der Neuen 
I'inakothek aufgestellt und kann an den 
gleicheu Tagen , an denen die Neue Pina- 
kothek geöffnet ist, gratis besehen werden. 
Es sind ausschliesslich Kopieen der be ühm- 
testen Gemälde der Alten Pinakothek und 
der Schönheiten -Gallerie (S. 322) in der 
Residenz, und ein Theil derselben, nament- 
lich die auf Teller gemalten, sind kaum des 
Ansehens weith. 

Katalog 18 kr. 



Die köniffliche .4kademie der Künste 

(Im ehemaligen Jesuiten -Kollegium , Neu- 
hauserStrasseNr. 51, PI D, 4) entfaltete sich 
aus der, zur Zeit Äfaximilian Joseph III., 
im Jahre 1770 gegrüudeten Zeichner-, Maler- 
und Bildhauerschule. 1808 wurde die jetzt 
bestehende Akademie eingerichtet. Man 
schätzt die Summe der in München lebenden 
Künstler auf etwa Tausend. — Hervorragend 
und sehr bekannt sind: 

Im historischen Fach: Wilhelm 
V. Katdbach (Direktor der Akademie); — 
MoriU V. Schwind (Bilder im Opernhause in 



Wien^ Fresken auf der Wartburg, in Hohen- 
schwangau, S. 260 etc.); —Phil. i^'oZ^ (General- 
Direktor der Gallerien, einer der früheren 
Haupt - ßepräsentanten) ; — Karl v. Filuty 
("VVallenstein und Seni in der Neuen Pina- 
kothek, S. 374, Nero, dem Grafen Palfy 
gehörend, Cäsar u. a.) namentlich als Leh- 
rer von grossem Ruf; — A. v. Bamberg 
(Illustrationen zu Hermann und Dorothea, zu 
Schillers Gedichten, Hofhaltung Friedrich II. 
zu Palermo im National - Museum ) ; — 
W, Lindenscltmitt (Lutherbilder , überhaupt 
solfhe aus der Reformationszeit); — Viktor 
Müller (Shakespeare -Figuren); — Fraiu 
Adam gilt jetzt als der erste Schlachtenmaler ; 

— V. Kotzebue , russischer Hofmaler (die fa- 
mosen Bilder von den Feldzügeu Suwarows 
in der Schweiz); — und Theodor Borschelt 
(Bilder aus dem Kriegsleben im Kaukasus). 

Religiöses Fach: J. v. Schraudolph 
(Fresken im Dom zu Speyer und in meh- 
ren Münchener Kirchen). 

Genre -Maler: L. v. Hagn (Neue 
Pinakothek); — Ad. Eberle ; — Wilh Dietx ; 
Anton Seitz; — Eeinh. Sehast. Zimmermann; 

— Beischlag; — Spitzv;eg. 

Landschafter: Eduard Schleich (Re- 
präsentant der koloristischen Richtung in 
München); — .^^cZoZ/'ä /vfer (meist Stimmungs- 
bilder, anspruchslose Motive); Bich. Zimmer- 
mann (Winterlandschaften); — S^<'/"a?MAipen- 
bilder); — Hennings (Mondschein -Stoffe); — 
Gustav Closs (sehr bekannt als Illustrator); 

— Miliner (Gebirgslandschaften); — Bam- 
berger (spanische Gegenden); — Ebert; — 
Langko. 

Porträt-Maler: Lenbach (vortreti'- 
liche Kopien in der Gallerie des Herrn 
V. SchackjS. 381); — Fuessli; — Correns. 
IT h i e r - M a 1 e r : Friedr. Volz ; - Braith ; 

— Ludio. Hart mann ; — HoJ'ner; — Klein. 

Ar chitektur - Maler : Kirchner; — 
Keher; — Eduard Gerhard. 

Bildhauer: Zum Busch; — Halbig; 
Widnmann; — U'agmilller; — Knoll (BMsch- 
brunnen S. 344). 

Ein gemeiiisames Zusammenwirken der 
Künstler wie in Düsseldorf, findet zur Zeit 
nicht statt. Das Künstlerlokal im Deutscheu 
Haus (früher SchaÖVotli) wird .schwach be- 
sucht. 

Mehre der obengenannten Künstler 
gestatten gern Besuche in ihren Ateliers 
nach vorherigerAnfrage oder Anmeldung. 

Eine per niaiie7iteAiisste/ft(ii{/ 

7ieuer Uilder bei Stadtrath Ilumptl- 
meyer, in der Briennerstrasse (zum 
Zwecke des Verkaufes). 



Die * Glyptothek (PI. 12, D, 2; 

iim Königsplatz), auf Anordnung 
Ludwig I. (damals nocli Kronprinz) 
nach den Entwürfen des Architekten 
Leo v. Klenze in den Jahren 1816 bis 



383 



33. Route: München (Glyptothek). 



384 



1830 erbaut (königliches Privateigen- 
thum), ist das Gallerie- Gebäude für 
Skulptur- Originalwerke. 

Geöffnet gratis Mont., Mittw. und Freit., 
im Sommer Vorm. 8 bis 12 und Nachm. 2 bis 
4 Uhr (Mittw. blos Vorm.) , im Winter von 
9 bis "2 Uhr. 

Katalog: Kleiner 9 kr. — Zu empfehlen 
ist: Brunn, Beschreibung der Glyptothek, 
1868. 1 fl. 12 kr. 



Das regelmässig - vierseitige Ge- 
bäude, von je 230 F. Flügellänge, er- 
hebt sich einstöckig auf einem Unter- 
bau von drei Kolossalstufen und ist an 
der Front und den beiden Nebenseiten 
nach klassischer Anordnung ohne 
Fenster; an Stelle derselben erblickt 
man 18 Nischen, in denen über-lebens- 
grosse Figuren stehen. Ihr Licht em- 



w 


Ym 


Hintere 


IX 


X 


KioMden 


Götter- 


Yor- 


Trojan.er- 


Eeroen- 


Saa.1 


Saal 


Ealle- 1 


Saal 


Saal 










.' — ^i 


TL 










BaccKus- 










Saal 










V 








XI 


A^oHo- 




Kof 




Rom er - 


Saal 








Saal 


IV 










Ae^eten- 
Saal 








1, — ii 


Asiryriscli. 


IE 


n 


Vor- 


xm 


XII 


IiiCTma.1) eJn- 
Saal 


Ae;gjpt.- 
Saal r~ 


Eale 


1 Saal der 
H NeucTen 


Faxlige 
Büdw^erke 



1 



Ein^aji^ 

Grundriss der Glyptothek in München. 



Das Gebäude ist äusserlich streng | 
in den klassischen Formen hellenischer 
Architektur gehalten, von denen jedoch 
durch Anwendung gewölbter Decken 
beim Ausbau der Innen -Räume abge- 
gangen werden musste, um dieselben 
gegen F'euersgefahr verlässlicher zu 
sichern und dem Zwecke entsprechend 
effektreichere Säle zu schaffen. Diese 
Doppeltaufgabe hat der Architekt mit 
verständnissvoller Oewandtheit gelöst. 



pfangen die Innen -Räume grössten- 
theils von einem ;iusgesparten Hof- 
raume. Nur die Rückseite des Ge- 
bäudes, die gegen Garteuanlagen hinaus- 
geht, ist mit Fenstern versehen. Die 
Hauptfa9ade (untersberger hell - gelb- 
licher Marmor) wird von einem präch- 
tigen Portikus jonischer Ordnung ge- 
ziert, dessen 8 Säulen in ihren Kapi- 
talen vereinfachte Nachbildungen jener 
reichen des Erechteioiis in Athen sind. 



3.85 



33. Route: München (Glyptothek, I. bis III. Saal). 



386 



üeber denselben ruht der hervor- 
ragendste Schmuck, das durch eine 
Gruppe von 9 Figuren belebte Giebel- 
feld, entworfen von Martin Wagner, 
ausgeführt von den Bildhauern Bändel, 
Leeb, E. Mayer, Sanguinetti und Ludw. 
^chwanthaler. 

Die Giebelfeld-Gruppe zeigt in 
der Mitte die Minerva mit dem Oel- 
zweige als Beschützerin der plastischen 
Künste; ihr zur Rechten der Thon- 
Modelleur, der Toreut mit Hammer und 
Eisen, der Ornamenten-Bildner, gestützt 
auf ein Kapital und der Statuenmaler, 

— zur Linken der Erzgiesser, der Stein- 
bildhauer, der Holzschnitzer und der 
Töpfer, beschäftigt eine Vase zu malen. 

Die Figuren in den Nischen der 
Aussenwände stellen dar , r. von der 
Säulenhalle: Hadrian, den Beschützer 
der Kunst unter den Römern, Prome- 
theus, den Menschenbildner u. Dädalus, 

— 1. Perikles mit dem Helm, der Kunst- 
beförderer bei den Griechen , den Bild- 
hauer Pliidias und Vulkan mit Hammer, 
Zange und Ambos. — An der linken 
Seitenwand (gegen die Propyläen zu) 
die Bildner der Renaissance - Zeit : Ghi- 
berti, Donatello, PeterVischer (alle drei 
modellirt von Brugger), Michel Angelo, 
Benvenuto Cellini und Giovanni di Bo- 
logna, alle in Marmor von Lossow. 

— An der rechten Seitenwand die 
Meister der Neuzeit: Canova mit dem 
Pariskopf, Thorwaldsen (nach seiner 
eigenen Skizze), Rauch , skulptirt von 
Widnmann, Tenerari, Gibson und 
Schwanthaler (mit dem Modell der Ba- 
varia), in Marmor von Lossow. — Die 
Baukosten betrugen in Summa 1,207,000 
Gulden. 

Durch die Eingangshalle in den 
I. Assyrischen Saal: Er ent- 
hält an eigentlichen Antiken nur 7 
Reliefplatten von grauem Alabaster, 
geflügelte Menschen -Gestalten, theils 
mit bärtigen Menscheiiköpfen, theils 
mit Falkenköpfeu , Opferkörbe in der 
linken Hand, darstellend Sic stammen, 
wie die quer über die Figuren laufenden 
Keilschriften besagen, vom Palaste Sar- 
danapals III. in der damaligen Haupt- 
Berlepach' Süd-Deutscliland. 



Stadt Kalah (in der Bibel, 2. Buch der 
Könige, 18. Kap. 11. Vers, '„Larissa" 
genannt), und mögen also etwa 850 
Jahre vor Chr. Geb. gefertigt worden 
sein. Jedenfalls dienten sie zur Beklei- 
dung grosser Wandflächen. Da solche 
Figuren meist als Begleiter der Könige 
(auf anderen grösseren Reliefs) erschei- 
nen, so glaubte man, dass sie Schutz- 
geister oder Dämonen darstellen. Da- 
zwischen moderne Wandmalereien in 
assyrischem Geschmack. 

In der Reihefolge nach 1. weiter 
n. Aegyptischer Saal: Nr. 5 
und 6 (einander gegenüber) Priester- 
statuen aus schwarzem Marmor. — Nr. 
7 und 8 Liegende Sphinxe , aus grün- 
lichem und schwarzem Basalt. — Nr. 

13 Statue des Sonnengottes Ra mit 
einem Sperberkopfe (schwarzer Gra- 
nit); in der linken Hand das Lebens- 
zeichen, der sogen. Nilschlüssel. — Nr. 

14 Männliche Porträt - Statue (aus 
schwarzem Granit). — Nr. 15 *Statue 
des Antinous (aus Rosso antico , aus- 
gezeichnete Politur), bewundernswerth- 
schöne anatomische Ausführung. — Nr. 
16 Gruppe eines sitzenden Ehepaars 
(bemalter weisser Sandstein) ; die mit 
dem dunkelrothen Gesicht ist die Frau. 
— Nr. 17 Statue der Isis (schwarzer 
Granit). — Nr. 18 Priesterstatue (halb- 
rother Syenit). — Nr. 23 ^Statue des 
Horus (schwarzer Marmor). — Nr. 25 
Vierfacher Kopf des Brahma (graue 
Lava), aus Java stammend. — Nr. 29 
Kopf des Buddha, ebendaher. — Nr. 30 
Statue eines ägyptischen Hohenpriesters 
(weisser Kalkstein), auf dem Boden zu- 
sammengekauert sitzende Figur. Nach 
der auf der Rückseite befindlichen hiero- 
glyphischen Inschrift war der Mann, 
den diese Figur personificiren soll, 
unter Ramges II. Sesostris (ca. 1400 
Jahr V. Chr.), zugleich Oberbaumeister 
der Thebais. — In Mitte des Saales 
Nr. 31 Syenit- Obelisk (kein Monolith), 
Wühl aus römischer Zeit. 

III. I neun ab ein- Saal, bestimmt 

zur Aufnahme solcher Werke, welclu- 

die griechische Kunst in ihren ersten 

i Anfängen zeigen; darunter Nr. 40 Kopf 

13 



387 



83. Route: München (Glyptotlielf, III. bis VII. Saal). 



388 



eines Kriegers (wahrscheinlich aus den 
Zeiten der äginetischen Giebel - Gruppen, 
s, unten). — Nr. 41 * Apollo von Tenea 
rpentelischer Marmor), gefunden am 
Fusse von Akrokorinth, eins der be- 
rühmtesten Stücke der Sammlung (aus 
der Mitte des 6. Jahrh. v. Chr.). — 
Nr. 44 Dreiseitiger Bronze-Kandelaber- 
fuss, gefunden bei Perugia. — Nr. 45 
Statue derSpes (hymettischer Marmor), 
das Gewand noch in den konventio- 
nellen ägyptischen Falten. — Nr, 47 
und 48 Etruskische Aschenkisten mit 
sehr lebendigen Kompositionen in 
Relief; auf dem Deckel die Figur des 
Verstorbenen. — Nr. 50 Statue eines 
bärtigen Bacchus. 

IV^. A egineten- Saal. Die in 
diesem Saale aufgestellten, für die 
Kunstgeschichte ausserordentlich werth- 
vollen Gruppen (aus parischem Mar- 
mor) wurden 1811 auf der Ostseite der 
Insel Aegina bei den Ruinen eines 
Tempels aufgefunden, von dem da- 
maligen Kronprinzen Ludwig ange- 
kauft und unter Thorwaldsens Beirath 
stylgemäss restaurirt. Sie waren be- 
stimmt, die beiden Giebelfelder des 
Tempels zu schmücken, was aus der 
pyramidalen Form der Aufstellung her- 
vorgeht. Eigenthümlich ist bei allen 
Figuren , auch bei denen Verwundeter, 
ein stereotypes Lächeln. 

Die Gruppe des aus 10 Figuren be- 
stehenden (besser erhaltenen) W e s t - 
Giebels stellt den Kampf zwischen den 
Hellenen und Trojern um den Leichnam 
des Achilles (Nr. 60) dar, welch Letzterer 
vor der in der Mitte stehenden Minerva 
(Nr. 59) tödtlich verwundet niedergesunken 
ist. Dann (Nr. 61) Ajax der Telamonier, 
(Nr. 63) Ajax Oileus, (Nr. 62) Teulccr und 
(Nr. 64) ein verwundeter Grieche. — Linke 
Seite: (Nr. 58) Statue eines Trojaners, (Nr. 
65) Aeneaa, (Nr. 67) Ein speerwerfender 
Trojaner, (Nr. &(o) Paris und (Nr. 68) Ein 
verwundeter Trojaner. — Die O.^t-Gieb el- 
Gruppe stellt den Kampf düs Herkules nnäi 
Telamon gegen Laomedon dar. 

V. A p o 1 1 o - S a a 1 : Nr. 90 Kolossal- 
Statue des Apollo Küharödos (aus dem 
Palazzo Barborini in Rom) , römische 
Kopie. — Nr. 89 *Kop/ einer Muse, 
eins der vortrefflichsten Werke dieser 
Sammlung, t- Nr. 79 ^/Statue der Ceres, 
römische Marmorkopie eines Bronze- 



Originals. — Nr. 82 Vase von Rhodos. — 
Nr. 88 Attische Grabvase. — Nr. 83 
Kopf eines Athleten. — Nr. 91 Mars-r 
Kopf. — Nr. 92 Kolossalbüste der Mi- 
neroa (bei Tuskulum gefunden). — Nr. 
93 Statue der Diana. 

VJ. Bacchus -Saal: Nr. ^^ Eirene 
und Plutos (früher Ino Leucothea ge- 
nannt), römische Kopie eines grie- 
chischen Originals. — Nr. 95 * Schla- 
fender Satyr (in Mitte des Saales), vor- 
treffliche griechische Originalarbeit, 
gewöhnlich ,,der barberinische Faun" 
genannt. — Nr. 115 *Die Hochzeit des 
Neptun und der Amphitrite , grosser 
Fries, wahrscheinlich ein Werk des 
Skopas. — Nr. 98 Statue eines Silen, 
römische Kopie einer griechischen 
Bronzefigur. — Nr. 99 Kopf eineslachen- 
den Satyr. — Nr. 102 Kopf eines jugend- 
lichen gehörnten Pan. — Nr. 105 und 
1Q<6 Satyr- Statuen. — Nr. 110 Kolossal- 
kopf einer Venus (bei Cumä gefunden). 

— Nr. 113 * Statue einer Diana (Ar- 
temis), durch Thorwaldsen irrigerweise 
als Oeres restaurirt, unstreiiig eine der 
edelsten Gewandstatuen des Alter- 
thiimes. — Nr. 114 Silen mit dem 
Bacchus -Kinde. 

Vn. Niobiden-Saal: Nr. 128 
'* Medusen-Mashe, die berühmte ,, Medusa 
Eondanini'' , Hochrelief in parischem 
Marmor. — Nr. 131 Römische Kopie 
der weltberühmten Knidischen Venus des 
Praxiteles. — Nr. 135 Parishopf mit 
phrygischer Mütze, aus guter römischer 
Zeit. — Nr. 136 Schmückimg einer 
Herme, Relief in attischem Marmor. — 
Nr. 138 Weibliche Gewand -Statue, 
durch Thorwaldsen als Klio restaurirt. 

— In der Mitte: Nr. 140 Knabe mit 
einer Gans ringend, römische Marmor- 
kopie nach einem Erzguss (vielleicht 
des Boethos). — Nr. 141 Statue eines 
sterbenden Niobiden, römische Kopie 
nach einer Figur der berühmten Nio- 
biden -Gruppe (des Skopas?). — Nr. 
142 *Der berühmte Torso (ohne Kopf 
und Arme) des liioncus , als Rest vor- 
trefflich erhaltene griechische Original- 
Arbeit in parischem Marmor, aus der Zeit 
der ersten Generation nach Praxiteles. 



I 389 



33. Monte: München (Glyptothek, VII. bis X. Saal). 



390 



„Gemäss der Vortrefflichkeit der Arbeit 
(die alle florentinischen etc. Figuren weit 
übertrifft) ist es vielleicht ein ächter Be- 
standtheil 'der Original - Niobiden - Gruppe. 
(Burckhardt Cicerone II.) Die ganze Niobiden- 
Gruppe, eine der grossartigsten Kompositio- 
nen des klassischen Alterthumes, welche im 
Giebelfelde des Tempels des Apollo Sosianus 
atand, wurde 15S3 (15 Statuen) in einem 
Weinberge vor der Porta San Giovanni in 
Rom ausgegraben, lag lange unbeachtet und 
wurde dann als eines der bedeutendsten 
Werke im Museum zu Florenz aufgestellt. 

„Von der linken Seite tritt die Vollendung 
des Schenkels, der Fiisse, des Rückens in 
das schönste Licht, und die Linien aller 
Glieder in ihren Biegungen und Wendungen 
entfalten sich zur schönsten Harmonie." 
(Brun.) 

Jetzt folgen die F e s t s ä 1 e mit der 
Vorhalle, sämmtlicli mit Gemälden von 
Peter v. Cornelius geziert, anerkannt 
die besten Arbeiten dieses grossen 
Meisters. Die Darstellungen sind dem 
homerischen Götter- und Heldenkreise 
entnommen und danach werden auch 
die beiden Säle genannt. Ausser den 
Fresken befindet sich nichts in den 
Sälen. 

VIII. Gott er- Saal (beendet 1826). 
Wondffemälde desselben. Wand 
gegenüber dem Fenster: Das üeich des 
Neptun; Amphitrite und Poseidon fahren 
auf einem von Seerossen gezogenen Aluschel- 
wagen: im Vordergrunde Arion auf einem 
Delphin , dessen Leierspiel die Nereiden 
(Wassergötter) bezaubert. Darüber im Wöl- 
buDgsvicrtel Aurora und die Hören (Morg-en). 
— Flachrelief von Schwanthaler an der W«nd : 
Geburt der Venus. — Ueber der Thür 
des Niobiden- Saales: Die Unterwelt; 
Pluto auf dem Thron, neben ihm dietrauernde 
Proserpina. Orpheus erfleht, mit der Harfe 
singend, die Rückkehr seiner Gattin Eury- 
dice, die schmachtend hinter Proserpina 
steht. — Darüber Flachrelief: Pluto raubt 
Proserpina aus der Mitte ihrer Gespielinnen. 
^ Darüber im Wölbungsviertel: Nyx auf 
dem Eulenwagen, in den Armen die Genien 
des Schlafes und des Todes (Nacht). — Von 
diesen beiden Kompositionen sind vortreff- 
liche Stahlstiche im Verlage des Bibliograph. 
Instituts in Hildburghausen erschienen. — 
Ueber dem Fenster im Wölbungsviertel: 
Luna, die Mondgöttin zieht aufdämmerndem 
Gewölke in einem von zwei Rehen gezoge- 
nen Wagen herauf; zur Seite ihr: Hesporus 
und die Abendstunden (Abend). — Wand 
über der Thür zur Vorhalle: *Der 
Olymp; Götter • Versammltmg ; .Jupiter und 
Juno auf dem Throne , hinter dem die drei 
Grazion. Zu Füssen des Herrschers tränkt 
Ganymed den Blitzbündel- wahrenden Adler. 
Zur Seite der Juno: der alte Vulkan trin- 
kend, und Venus mit Amor, dann Mars, 



hinter diesem Merkur, den Becher hoch- 
hebend, und Ceres; — vorn Bacchus und 
Ariadne; am Boden der trunkene Silen. 
Zur Seite Jupiters : Neptun mit dem Dreizack, 
Diana und Minerva; weiter vorn Apollo mit 
der Leier, umgeben von den Musen. Ganz 
im Vordergrunde tritt Herkules in den Kreis 
der Götter, und Hebe kredenzt ihm den 
Pokal. — Im Thür-Giebel; Relief von 
Schwanthaler: *Amor und Psyche sich um- 
schlingend. — Darüber im Wölbungsviertel : 
Helios der Sonnengott im goldenen Wagen 
mit dem Viergespann, die Hören streuen 
Blumen (Mittag). — Flachrelief (weiss auf 
Gold) Sturz der Giganten. 

Durch die IX. Vorhalle (Mittel- 
bild: Prometheus mit dem von ihm ge- 
bildeten Menschen, und Minerva; — 
und die Skulptur- Köpfe des [Nr. 147] 
Marc Aurel und [Nr. 148] Hadrian) 
in den 

X. T ro j ane r - S a a 1 (beendet 1830). 

Wandgemälde. Ueber der Thür, 
durch welche man (aus der Vorhalle) 
eintrat: Zorn des Achilles. Vor einem Tempel 
(1.) Menelaus und (r.) Agamemnon , den 
Arm befehlend ausgestrecki gegen den heran- 
stürmenden schwertziehenden Achilles (letz- 
terer von der schwebenden Minerva zurück- 
gehalten). L. im Vordergrunde der Priester 
Chryses kniend um die Rückgabe seiner 
Tochter flehend; hinter ihm Odysseus auf 
einen Stab gestützt, im Gespräch mit Ther- 
sites. Im Hintergrunde die Opfer der Pest. 
— Darüber in der Wölbung: r. Paris am 
Boden durch Venus und Amor gegen Mene- 
laus geschützt; — daneben 1. Zeus bei der 
schlafenden Juno sendet den bewaft'ueten 
Traumgott zum schlafenden Agamemnon, 
ihn zum Kampfe aufzumuntern. — Ueber 
dem Fenster im Wölbungsviertel: 1. 
Achilles in weiblichen Kleidern bei den 
Töchtern des Königs Lycomedes vom suchen- 
den Odysseus gefunden: — r. Venus und 
Mars vom steineschleudernden Diomedes 
verwundet. — Gegenüber vom Fenster: 
Kampf um die Leiche des Patroklos , von der 
Heldengestalt Ajax des Telamoniers gebleckt 
gegen den andringenden Hektor. Darüber 
in der Wölbung: 1 Ajax hat im Zweikampfe 
den Hektor niedergeworfen , — r. Diomedes 
und Ulysses schlafend, werden von Nestor 
und Agamemnon geweckt — Ueber der 
Thür zum H eroen -Saal: *f'> Die Zerstörung 
von Troja (die grossartigste Komposition); 
im Vordergrunde liegt der greise Priamus 
und sein Sohn Polites von Neoptolemus 
ermordet; letzterer will Hektors Sohn, den 
kleinen Astyanax , über die Mauern schleu- 
dern; Andromacho in Ohnmacht gesunken, 
lehnt ihr Haupt an die in siierer Verzweif- 
lung dasitzende alte Heknba. Menelau,*? 
(mit dem Spiess) will die Polyxena ergreifen. 
Helena umklammert eine Säule. Im Mittol- 
grunde die Seherin K.-is.-sandra, der Aga- 
memnon wehren will, den SchreckiMi.sfluch 



391 



33. Route: München (Glyptothek, XI. und HL Saal). 



392 



über das Haus der Atridea auszusprechen. 
Im Hintergrunde das brennende Troja, aus 
dessen Flammen Aenäas seinen Vater 
Anchises trägt. — Darüber in der Wölbung 
1. der alte Priamua erfleht die Auslieferung 
der Leiche Hektors vom behelmten Achilles ; 

— r. Hektors Abschied von Andromache*). 

XI. Heroen-Saal. Nr. 149 Herme 
des Demosthenes (gefunden im Cirkus 
des Maxentius bei Rom). — In Mitte 
des Saales Nr. 151 Statue des San- 
dalen-bindenden Hermes (gefunden in 
der Villa Hadrians bei Tivoli), römische 
Marmorkopie, stark ergänzt. Eine 
gleiche Kopie ist als Jason im Karia- 
tyden-Saal des Louvre in Paris auf- 
gestellt. — Nr. 153 Statue Alexander 
des Grossen^ parischer Marmor, voll- 
kommen gut erhaltener Kopf. —iTfciTr. 154 
(angeblich) Kopf des HannibaV. — Nr. 
155 (angeblich) Kopf des Hippohrates; 
die griechische Inschrift ist neu. — 
Nr. 156 Statue eines Jägers (Kopf, Hals 
und rechter Arm neu). — Nr. 157 
Hermenbüste des Perihles (in Athen ge- 
funden). — Nr. 158 Statue des Do- 
mitian. — Nr. 159 Büste des Thcniisto- 
hles. — Nr. 160 Statue eines griechischen 
Königs (?) — Nr. 161 (angeblich) 
Büste des Xenophon. — Nr. 162 *Statue 
des Diomedes (vortrefllich gegliederter 
und kräftig durchgebildeter Körper), 
Kopie eines Bronze -Originals. — Nr. 
164 Kopf eines Athleten. — Nr. 166 
Hermenbüste des Sohrates (mittel- 
mässige Ausführung). 

XII. Römer -Saal. Der grösste 
von allen (130 F. lang, 42 F. breit), 
dem allgemeinen dekorativen Charakter 
entsprechend, architektonisch am reich- 
sten u. prächtigsten (weiss u. Gold) aus- 
geschmückt. Er enthält nur Arbeiten der 
römischen Kaiserzeit, fast nur Porträt - 
Büsten berühmter Männer, wie Nr. 172 
(angeblich) Marius, durch die Aehnlich- 
keit einer mit der Wirklichkeit wett- 
eifernden Behandlung des Fleisches, der 
Hautfalten und Augenbrauen auffallend. 

— Nr. 175 Porträt -Büste der älteren 



='•*) Ausführlicheres über diese Wand- 
gemälde, wie über die Glyptothek überhaupt 
in: Berlepach, München; seine Kunstschätze 
und Sehenswürdigkeiten. Münclien bei Fr. 
B ruckmann. 



Agrippina, Gemahlin des Germaaikus 
und Mutter des Caligula, sehr sorgfältig 
durchgeführt. — Nr. 177 (angeblich) 
Kopf des Cicero. — Nr. 178 (angeblich) 
Kopf des Germanikus. — Nr. 180 Büste 
des Lucius Veras, sehr sorgfältige Aus- 
führung. — Nr. 181 Kopf des Nero, 
charakteristisch , aus den früheren 
Jahren seiner Regierung. — Nr. 183 
Augustus, sehr gutes Bild dieses Kai- 
sers in den mittleren Lebensjahren. — 
Nr. 186 Fesposza?iMS^ im Hauptcharakter 
gut. — Nr. 192 Statue des Septimius 
Severus , sicheres Bildniss. — Nr. 193 
Kopf des Marc Aurel, sicheres und sehr 
gutes Bild im jugendlichen Alter. — 
Nr. 195 (angeblich) Kopf des L. Aelius 
Cäsar , vortrefflich erhalten. — Nr. 196 
Kolossal-Kopf des Trajan (zum Ein- 
setzen in eine Statue bestimmt). — Nr. 
198 Büste des Antonius Pius, den mil- 
den Charakter vortrefflich ausdrückend. 

— Nr. 199 Kolossal-Kopf des Titus. — 
Nr. 200 Büste des Septimius Severus. — 
Nr. 202 Kolossal-Kopf des Nero in 
seinen letzten Lebensjahren. — Nr. 203 
Büste des Apollodorus, berühmten Archi- 
tekten der vorzüglichsten Bauten Ha- 
drians. — Nr. 208 (angeblich) Elaga- 
balus. — Nr. 209 Statue des Augustus. 

— Nr. 210 Caligula oder Marcellus. — 
Nr. 211 (angeblich) Kopf des i/aecewas. 

— Nr. 214 (angeblich) Claudius. — 
Nr. 216 (angeblich) *Kopf des Cicero 
in lebensvoller Auffassung und vortreff- 
licher Ausführung. — Nr. 217 Büste 
des Hadrian, vortrefflich erhalten, — 
Nr. 219 *Kopf des Augustus , mit der 
Bürgerkrone von Eichenlaub , in zarter, 
lebendiger und geistreicher Ausführung. 

— Nr. 221 (angeblich) Kopf des Junius 
Brutus von düsterem Ausdruck, aber 
scharf und charakteristisch. — Nr. 236 
Büste des Tiberius (sicher). — Nr. 238 
(angeblich) Büste des Vitellius. — Nr. 
239 Bömerhopf (so modern aussehend 
als ob er bei Königgrätz mitgekämpft 
hätte). — Nr. 249 Statue des Domitian. 

— An der Wand Nr. 206 Fries-Relief der 
opfernden Viktorien. — In der Mitte 
und zwischen den Statuen Karyatiden, 
Aschenkisten, Grabvasen, Kandelaber, 



893 



33. Roiitis: München (Schwanthaler-ÄIuseumj. 



394 



Opferaltäre und andere dekorative Ar- 
beiten. 

i. XIII. Saal der farbigen Bild- 
Werke: In der Mitte Nr. 293 Eine 
Mosaik. — Nr. 298 (angeblich) Ceres- 
Statue, Körper weiss, Gewand schwarz 
fron feinen Formen. — Nr. 299 und 
ä02 Satyrköpfe, vortreffliche Erz- 
arbeiten. — Nr. 301 Relief einer länd- 
lichen Scene, feine Arbeit. — Nr, 306 
Porträtstatue aus Bronze (angeblich 
Alexander). — Nr. 304 Statuette eines 
Mädchens, Gewand von schwarzem Mar- 
mor. — Nr. 305 Aechter etruskischer 
Kandelaber. — Nr. 310 und 313 Ge- 
;aprenkelte Porphyr -Köpfe. 

I XIV, Saal der neueren Bild- 
werke: Nr. 318 und 322 Paris, von 
Canova. — Nr. 319 Die Sandalenhin- 
derin, von Schadow. — Nr. 320 Na- 
foleon. — Nr. 321 König Ludwig I. 
von Bayern als Kronprinz, von Alb. 
Thorwaldsen. — Nr. 326 Admiral 
Tromp , von Rauch. — Nr. 337 Barba- 
rossa,, von Tieck. — Nr. 329 Ifland, 
von G. Schadow. — Nr. 334 Katha- 
rina IL von Russland. — Nr. 335 
*Adoni8, von Thorwaldsen. 



Das Schwanthaler- Museum, 

Schwanthalerstrasse Nr. 55 (PI. 63, D 5), 
ist ein Vermächtniss des 1848 gestor- 
benen Bildhauers gl. N. an die könig- 
liche Akademie der bildenden Künste. 

Geöffnet: Tägl. gegen Eintritt von 12 kr. 
— Gratis: Mont., Mittw. und Freit, von 
9 bis 2 Uhr. 

Katalog 12 kr. 
. Nach Art des Thorwaldsen-Museums 
in Kopenhagen und des Rauch-Museums 
zu Berlin, umfasst dasselbe einen grossen 
Theil der vom Künstler selbst gesam- 
melten Original -Modelle seiner bedeu- 
tendsten Werke. Das Gebäude , in 
welchem die Sammlung- in drei Sälen auf- 
gestellt ist, war Schwanthalers Atelier. 

I. Arminias - Saal. Nr. 1 Die 
*Hermannsschlac?it, eine Gruppe von 15 über 
lebensgrossen Figuren. Dieselbe befindet 
eich, in Marmor ausgeführt, im llück- 
Giebelfelde der Walhalla bei Regensburg 
(vergl. S. 171). - Nr. 2 und 3 Kolossale 
Victorien, wie sie für die auf dem Michaels- 
berge bei Kelhelm (S. 238) erbaute Be- 



freiungs - Halle in Marmor ausgeführt wurden. 

— Nr. 4 Nym^phe und Jäger (letzte Arbeit 
Schwanthalers), Marmorgruppe, im Besitze 
des Herzogs von Devonshire. — Nr. 6 Jaros- 
law von Sternberg. — Nr. 7 Kaiser Maxi- 
milian II. mit dem Toleranz - Edikt. — 
Nr. 8 St. Wenzeslaus , ein Märtyrer. — Nr. 9 
Bohuslaw V. Lobcowicz, der Böhmen Historio- 
graph. — Nr. 10 Johannes Bus, der Re- 
formation skämpfer. — Nr. 11 Zisha, der 
Husiten- Feldherr. — Nr. 13 Kaiser Bu- 
dolf IL — Nr. 14 Bischof Parduhic. 

II. Bavaria-Saal: Nr. 17 »Kolossal- 
Kopf der Bavaria (18 F. hoch) , wie solche 
in Erzguss (54 F. hoch) auf der Theresien- 
wiese (S. 415) aufgestellt wurde. — Nr. 18 
Herzog Albrecht V. von Bayern (S. 405), 
und Nr. 19 König Ludwig I. von Bayern (S. 
314), beide in Marmor skulptirt im Treppen- 
hause der Staatsbibliothek (S. 406). — 
Büsten: Nr. 21 W. v. Kaulbach. — Nr. 22 
König Ludwig I. — Nr. 23 Ludw. v. Schwan- 
thalcr. — Nr. 24 Sulpice Boisserie (S. 359). 

— Nr. 38 bis 41 Verschiedene Skizzen zur 
Bavaria. — Nr. 42 Skizze zu einer Reiter- 
statue des Königs Matthias Corvinus von 
Ungarn (nicht ausgeführt, gab aber die Idee 
zum Ludwigs - Monument auf dem Udeous- 
platze, S. 332). — Nr. 45 * Tafel- Auf satz mit 
Figuren aus der Nibelungen - Sage," in ver- 
goldeter Bronze ausgeführt (im Schloss 
Hohenschwangau , S. 258). — Nr 74 bis 85 
*Zwölf Statuetten als Modelle der in ver- 
goldeter Bronze ausgeführten Standbilder der 
Ahnen des bayerischen Regentenhauses , im 
Thronsaale der Residenz ('S. 323). — Nr. 89 
*Herkulesachild, nach Hesiods Beschreibung. 

III. Goethe- Saal: Nr. 93 *■' Standbild 
Goethes, nebst den dazu gehörenden (Nr. 
94 bis 97) Reliefs am Postament. — Nr. 98 
Erster Entwurf zum Goethe- Denkmal nach 
den Ideen der Bettina v. Arnim. — Nr. 107 
und 108 Tänzerinnen, für den Koncert-Saal 
des Schlosses zu Wiesbaden. — Nr. 109 
Statue Jean Paxils , in Baireuth. — Nr. 110 
Melusine , aufgestellt im Marmorbade auf 
Hohenschwangau (S. 259). — Nr. 111 
Elisabeth, Königin von Böhmen, Mutter 
Karls IV. — Nr. 112 König Podiebrad. - 
Nr. 113 König Ottokar II. von Böhmen. - 
Nr. 114 *Libussa, die Gründerin von Prag. — 
Nr. 115 Ernst I., Her/.og von Koburg iKrz- 
guss; in Koburg). — Nr. 116 Kaiser Franz I. 
von Oestcrreich (Brouzeguss; in Franzens- 
bad). — Grossherzog Karl Friedr. von Baden 
(Erzguss ; in Karlsruhe). — Nr. 123 Friedr. 
Alexander, Markgraf von Brandenburg, 
Gründer der Universität Erlangen (Bronze- 
Statue daselbst). — Nr. 124 Modell des 
Austria- Brunnens auf der Freiung in Wien, 
mit den Einzelstatuen — Nr. 125 Austria. 

— Nr. 126 Po. — Nr. 127 Donau. — Nr. 128 
Weichsel. — Nr. 129 Elbe. — Nr. 132 Karl A'/T., 
Joh. Bernadotte , König von Schweden 
(Bronze -Statue in Norköping^. — Nr. 139 
^Sitzende Statue Kaisers Jitidolfs von Habs- 
bürg (im Speyrer Dom). — Nr. 140 ''Loreley. 

— Nr. 141 ISllg (bronzene Figur in der 



395 



;iS. Route: M.üncheTi (Brzgiesserei). 



396 



Feldherrenhalle, S. 331). — Nr. 142 Fürst 
Wrede (ebendaselbst). — Nr. 154 Mozart 
(Bronze -Statue in Salzburg, R. 45). 

Die ^königliche Erzgiesserei 

(PI. 7, B 1), unweit der Nympheuburger 
Strasse, enthält ein werthvolles Modell- 
Museum. 

GeöflFnei: Tägl. Nachm. mit Ausnahme der 
Sonntage von 2 bis 6 Uhr. 

Eintrittsgeld 12 kr. zum Besten der 
Arbeiter -Umerstützungs- und Wittwen- und 
Waisenkasse. 

Direktor: Inspektor Ferdin. v. Miller. 

Die königliche Erzgiesserei wurde 
1824 unter Leitung Stiglmayrs ge- 
gründet als mitwirkendes Institut für 
die grossartigen Kunstunternehmungen 
König Ludwig I. Nach des ersten 
Vorstehers Tode (1844) übernahm sie 
dessen Neffe, der gegenwärtige Direktor 
V. Miller und hob sie zu solcher Höhe, 
dass sie jetzt als eine der ersten unserer 
Erde dasteht und Aufträge aus allen 
Welttheilen erhält. Den grösslen 
Triumph ihrer Leistungen feierte sie in 
der Herstellung der kolossalen Bavaria- 
Statue (S. 415). Ein Besuch dieser 
Anstalt, eine Wanderung durch die 
Former-, Giess-, und Ciselirer- Werk- 
stätten und durch das schöne Museum 
der Modelle, welche bereits hier in Erz- 
guss ausgeführt wurden, gehört zum lu- 
teressante&ten , was München aufzu- 
weisen hat. Im Ganzen sind bis jetzt 
aus den Ateliers hervorgegangen, ausser 
der Bavaria und der Quadriga auf dem 
Siegesthor (S. 334) die 13 im Feuer 
vergoldeten Statuen des Throusaales 
(S. 323), 6 kolossale Reitergruppeu , 8 
ehrene Thore, 6 Brunnen und 138 
Standbilder. 

Sammlung der Original -Modelle: 
I. Schweden- Saal: Gustav Adolph in 
Bremeu, vou Fofjelberg. — D&sKarl-Johann- 
JJen/cmal von demselben Meister; — und 
Quarnströms Herzelius , beide in Stockholm 
aufgestellt. 

IL Washington -Saal: Washington, 
Patric Henry uud Jefferson , Statuen des 
grossen Washington -Denkmals \n liichmond 
nebst anderen dazu gehörenden F'iguren. — 
Grabdenkmal der Fräulein Mannlich, von 
Stigimayr. 

III. Bolivar-S aal: Kolossales Äeifer- 
bild (lessüdamerikatiischen Befreiers Bolivar, 
Modell von Tadolini , in Lima errichtet. — 
Heinhai da, Ri^izendes Blumenmädchen. — 



Herder • Statue, von Schaller in Weimar. — 
Wieland, von Gasser modellirt, ebenfalls in 
Weimar. 

IV. Saal: Enthält die Perle der Samm- 
lung, die Goethe • und Schiller - Gruppe , von 
Rietschel (vor dem Theater in Weimar). — 
Die HusMsson- Statue, vom engl. Bildhauer 
Gibson in Liverpool. 

V. Saal: Das Thor för das Kapital in 
Washington, von Rogers, ein Werk, das an 
die berühmten Thore des Gbiberti erinnert 
und in vielen Reliefs die Entdeckung 
Amerika's darstellt. — Schiller-Statue in Mann- 
heim, v. Cauer. — Die Woronzof- Statue in 
Odessa, von Brugger, — Eine ■'■Tänzerin, 
Bronzeguss nach Schwanthaler. 

VI. Saal: Das Reiterbild Eberhardts im 
Bart, im Schlosshof in Stuttgart , vom Bild- 
hauer Hofer. — Feldmarschall Wrede in 
Heidelberg. — Iffland- Statue in Mannheim, 
von Widnmann. — Schiller- Statue in München 
(S. 342) , von Widnmann. 

VII. Saal; Die ßavaria - Hand , die 
riesige Grösse dieses Kolosses bekundend. 
Die Unterschrift darunter sagt aus, dass 
128,453 Pfund Metall zum Gusse verwendet 
wurden, und dass die Oberfläche des Werkes 
ausgebreitet 9500 Q.-F. messen würde. — Die 
Frankfurter Schiller - Statue , von Dielmann 
(im Ganzen sind in diesem Museum 4 Schiller- 
Statuen; es wurden aber 5 in derselben 
gegossen, nämlich noch die von Thorwaldsen 
in Stuttgart). — Das König Ludwig -Denkmal 
(S. 332) , von Widnmann. — Die in Pest auf- 
gestellte Palatin- Statue, vonÜAlhig. — Zwei 
Statuen von Tenerany etc. 

Viele Modelle, nicht minder in- 
teressant, harren zur Zeit noch auf die 
nothwendige Vergrösserung dieses, einzig 
in seiner Art existii enden Museums. 
— Gegenwärtig sind zwei reiche Brun- 
nen und drei grössere Denkmäler für 
Amerika, eine Statue für Ungarn und das 
grosse National- Denkmal für München 
(in Summa 35 kolossale Figuren) in 
Arbeit. 



Der Antiken-Saal befindet sich 
in dem Akademie -Gebäude, Neuhauser 
Strasse Nr. 51 und enthält Gyps- Abgüsse 
berühmter Meisterwerke der antiken 
Bildhauerkunst, wie man sie in der- 
artigen Gypsotheken aller grösseren 
Städte findet. 

Das königliche Antiqua^ 

riunif in einem Theile des Kunst- 
auvsstellungs - Gebäudes am Königs- 
platz (S. 338, PI. 48, D 3), gegenüber der 
Glyptothek aufgestellt, umfasst die 
Denkmäler der Kleinkünste bei den 
Griechen, Römern und Aegyptern in 



397 5,?. i?ow«e; München (Antiquarmm. — S'ational- Museum). 398 



Metall und Thon und bildet gleichsam 
eine Ergänzung der Glyptothek. 

Geöff'net: Mont. und Freit, von 9 bis 
1 Uhr gratis. 

Konservator: Prof. Dr. Christ. 

I, Saal: Statuetten und Geräthe von 
Bronze und Silber aus dem griechisch- 
römischen Altertham. — Eine •'•'Schale mit 

1 Darstellung der Einnahme Troja's. — *Henkel- 
becher mit dem Centauren - Kampf. 

II. Saal: Werke der etrurischen Kunst; 
Werke der Goldschmiedekunst der Griechen. 
— Eine altgriechische bronzene Rüstung. 

in. Saal: Terracotten. — Nachbildung 
römischer Bauwerke des Alterthumes, in 
Kork ausgeschnitten. 

IV. Saal: Gegenstände von Glas, na- 
' mentlich ein römischer Becher mit durch- 
I brochener Arbeit und Glasbruchstücke aus 
den Katakomben. 

Letzter Saal: Äegyptische Alter- 
thümer: Mumien mit Kasten , Schmuckgegen- 
stände, Papyrusfragraente, Götzenbilder aus 
Thon , Bronze und Sykomorus. 

Die Vasen-Sanimliinff im Erd- 

geschnss der Alten Pinakothek (S. 358). 

Geöffnet: Gratis Sonnt. , Dienst, und 
Donnerst, von 9 bis 1 Uhr. 

Sie wurde durch König Ludwig I. 
erworben und umfasst eine reiche Kol- 
lektion von alten korinthischen, späte- 
ren jonischen und italienischen Vasen, 
welche meist in etrurischen Gräbern 
gefunden wurden. Berühmt ist die 
kolossale Canossa - Vase. 



Das *Bayerische Natioiial- 

Museutn beüadet sich in dem eigens 
zu diesem Zwecke, unter der Regierung 
Maximilian II. in der Maximiliansstrasse 
(S. 329, PI. 49, F 5), in der styllosen 
Misch -Architektur dieser Strasse nach 
den Plänen des Hof- Baurathes Riedel er- 
richteten Gebäude. In der Attika des 
Mittelbaues steht die königliche Wid- 
mungs-Inschrift „Meinem Volke zu Ehr 
und Vorbild"; darüber eine Bavaria 
mit dem Löwen in Zinkguss. Die 
Karyatiden , welche vor den Arkaden 
des Einganges den Balkon tragen, sollen 
alteBojuvaren darstellen, und sind nach 
Modellen Walkers gefertigt. 

Als Gründer und Sammler dieses 
grossartigen, in Deutschland einzig] 
dastehenden Mnseums sind auf Veran- [ 
lassung Maximilians II. der Geschichts- I 
torscher Karl Maria v. Aretin (f 1868) I 



und dessen Nachfolger, der gegenwärtige 
Direktor Dr. v. Hefner- Alteneck anzu- 
sehen , welche gemeinschaftlich auf 
Reisen einen Theil der hier aufgehäuften 
Schätze sammelten. Einen anderen 
wesentlichen Theil bilden die früheren 
sogen. ,, Vereinigten Sammlungen". 

Geöffnet: Gratis Sonnt, und Donnerst- 

— Gegen 30 kr. Entr6e: Dienst., Mittvv., 
Freit, und Sonnabd. — Mont. geschlossen. 

— Vom 1. Mai bis Ende Sept. von 9 bis 
2 Uhr, — vom 1. Okt. bis Ende April von 
10 bis 2 Uhr. Das Eintrittsgeld wird er- 
hoben, damit die Arbeitenden und Studiren- 
den nicht durch zu grossen Andrang gestört 
werden. Künstler und Gelehrte können sich 
Karten zu freiem Eintritt (bei längerem 
Aufenthalte) erwerben. 

Katalog, verfasst von den Herren Kon- 
servatoren Professor Mesmer und Dr. Kuhn, 
21/2 fl. 

Direktor: Dv.v. Hefner- Alteneck, General- 
Konsei'vator der Kunstdenkmale Bayerns. 
^^ Die definitive Aufstellung der Kunst- 
gegenstände ist noch nicht vollendet, 
woraus es zu erklären ist, wenn die fol- 
gende Eintheilung mit der Wirklichkeit 
nicht immer Im Einklang steht. 

Zur Orientirung! Es finden sich 
aufgestellt : 

I. Im Erdgeschoss: Alterthümer 
der römischen und germanisch -keltischen 
Zeit, sowie des Mittelalters. 

II. In den 30 Sälen des ei-sten 
Stockwerkes: die ihren Entwickelungs- 
Perioden nach geordneten Sammlungen : 1) 
zur Geschichte , der Bewaffnung und des 
Kostüms; — 2) zur Geschichte der Gewebe 
und Nadelarbeiten; — 3) der Keramik (ge- 
brannten Erdarbeiten) bis auf die neueste 
Zeit ; — 4) der Erzeugnisse der Scbniiedekuust 
vom 14. bis ins 18. Jahrb.; — und 5) zur 
Geschichte der Musikinstrumente. 

III. Im obersten Stockwerk : Gegen- 
stände der Reuaissauce, des Rococo und aller 
Zwischeuphasen bis auf die neueste Zeit. 

i:^ Zu gleicher Zeit sind auf Anord- 
nung König Ludwig II. in den Parterre- 
räumen Kopier sä le eingerichtet worden, 
in denen, um die Schätze dos National- 
Museums für die Kunst -Industrie der Gegen- 
wart nutzbringend zuuiaclien und Anregung 
zu neuen Ideen zu geben, Gewerbetreibende 
des In- und Auslandes entweder sell)si, oder 
durch zuverlässige Leute Gegenstände der 
Sammlung können abzeichnen oder abmalen 
lassen. — .■Xueh sollen die vorzüglichsten 
Kunstwerke photograplii-soh vervielfältigt und 
diese Abbildungen zu äusserst billigen Preisen 
verkauft werden. 

Im gothisch - gewölbten, von Säulen 
getragenen Vestibulum bronzirte Gyps- 



399 



33. Boute: München (National -Museum). 



400 



Statuen von bedeutenden Herrschern der 
bayerischen Dynastie. 

I. Erdgesch os s,l. (vom Eingang). 

I. Halle: Römische Alterthümer. 

IL Halle: *Mosaik-Fussboden aus einem 
römischen Gebäude bei dem heutigen Dorfe 
Westerhofen , Landgericht Ingolstadt , aus- 
gegraben. 

III. Halle: Römische Thongefässe, Ur- 
nen etc. — Ringe, Fibeln, Nadeln etc. der 
keltisch -gennanischen Zeit. 

IV. Halle: Mittelschrank mit einem 



Nebenhalle: Folter- und Straf*verk- 
zeuge des Mittelalters. — Russische Alter- 
thümer. 

II. Erdgeschoss, r. (vom Ein- 
gang). Grothik. 

I. Saal (13. Jahrb.): * Fresken aus dem 
Kloster Rebdorf. — Glasmalereien aus liloster 
Seligenthal (bei Landshut) — *Glaspokal, 
damascenische Arbeit, aus der Zeit der 
Kreuzzüge. 

II. Saal (14. Jahrb., kirchliche Halle): 
Gypsabgiisse von Statuen, Sarkophagdeckeln 



2. Stock. 



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Iteji,aissaiLce 



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Grnndrfss des bayerischen National - Museums. 



♦Schmuckkästchen (9. Jahrb.), angeblich der 
heil. Kunigunde. — *Goldener Schildbuckel 
(9. Jahrh). — Bronzehelm (7. Jahrb.). — 
Schmuck, Beinkämme, Perlen und Gold- 
bijoux, grösstentheils aus den Germanen- 
gräbern zu Nordendorf bei Augsburg. — 
'■•'Elfenbeintafel (6. Jahrh.), noch vor- byzan- 
tinisch. 

Romanische Skulpturen: Fi-eisingerKryp- 
tensäule. — Löwe aus dem Kloster St. Zeno 
bei Reichenhall. — Kapitale und l.*") Figuren 
aus dem Kloster Wesaobrunn (vergl. S. 407). 

V. Halle: Die '^Tunicella (seidener ge- 
stickter Ueberwurf) Kaiser Heinrich IL — 
Kirchliche Geräthschaften von Bronze, ver- 
goldet und emaillirt, aus dem 12, Jahrh. — 
Eine '^Mitra (Bischofsmütze), aus dem 12. 
Jahrh., mit Goldstickerei. 



und Ornamenten aus Nürnberg und Regens- 
burg. — Die '^Glasgemälde in diesem Saal 
wie in den folgenden, stammen sämmtlich 
aus dem Dome zu Regensburg (S. 162). 

IIL Saal (Schluss des 14. Jahrb.): Pla- 
fond, Original-Holzdecke aus dem ehemaligen 
Rathhause zu Augsburg (von 1385). — Gyps- 
abgüsse von den grossen Reliefs derFrauen- 
und Sebalduskirche in Nürnberg (S. 113). — 
-'Flügelaltar aus der Kapelle des Schlosses 
Pähl. — Im Mittelkasten prachtvolle Elfen- 
beinschnitzereien, 

IV. S a a 1(1. Hälfte des 15. Jahrb.): «Modell 
des Grabmales Ludwig des Gebarteten, fein 
in solenhofner Stein skulptirt. — Flügelaltar 
aus der Franziskanerkirche zu Bamberg von 
1429. — Eine der ältesten existireuden Land- 



401 



33. Route: München (National- MnseUm). 



402 



kanen, 1426 von Battista Ircharius zu Genua 
gezeichnet. — ^Glasmalereien. 

V. Saal (2. Hälfte des 15. Jahrh.) : Pla- 
fond und Wandbekleiduiig aus dei* Amts- 
stube des Weberhauses zu Augsburg von 
1457. — Schränke und Truhen. 

VI. Saal (Schlussdeslö. Jahrb.): Origi- 
nal-Holzdecke aus dem Deutsch- Herren- 
Gebäude zu Nürnberg. — *Teppich, fland- 
rische Arbeit, Anbetung der Hirten und An- 
kunft der lieil. drei Könige in Bethlehem 
darstellend, den Bildern Hans Memlings in 
der Alten Pinakothek 4. Kabinet Nr. 49 und 
63 nachgebildet (vergl. S. 367). — Gyps- 
abguss des Schreyerscheu Denkmales von 
Adam Kraft't an der Sebalduskirche in Nürn- 
berg (S. ll.*)). — Im Fensterkasten: '■■•Original- 
Urkunde des Schwäbischen Städtebundes (zu 
Esslingen 1488), 

VII. Saal (Schluss des 15. Jahrh.) : *Thür- 
bekleidung und Holzdecke (eine der schönsten, 
die noch existiren) sind Original aus der 
Veste Oberhaus bei Passau. — Grosse Wand- 
schränke mit reicher Holzschnitzerei. — 
Gothisch- verzierte Bettstellen (Möbel von 
grosser Seltenheit), eine mit der Jahrzahl 
1470. — An den Wänden aufgehangene 
Gemälde aus der Salzburger Schule. — Sil- 
berner Pokal des Bürgermeister Glatze von 
Ingolstadt. — Im Fensterkasten "Miuiatur- 
bilder und Gebetbücher. — Perlmutter- 
Schnitzereien und silberne Amulett -Bijoux, 
darunter eine '^ßotnuss. 

VIII. Saal (Schluss des 15. Jahrh.): 
Eichene Treppe aus Neu - Oetting, ursprüng- 
lich ein Chorgestühl. 

IX. Saal oderkirchlicheHalle(An- 
fang des 16. Jahrh.): Reich ausgestattet in 
7 Wölbungen abgetbeilt. Die Wände sind 
mit Gypsabgüssen der Kraflftschen Stationen 
zu Nürnberg (S. 130) und der Apostelstatuen 
aus der Hofkirche zu Blutenburg ausge- 
schmückt. Glasmalereien aus der Karthause 
PrüU bei Regensburg. - Gypsabguss des im 
Kloster Heilsbronn (bei Ansbach) aufgestellten 
Grabmales der Herzogin Anna vonBranden- 
burs (f 1512). — Uhrkasten mit der Figur 
eines auf einem Löwen reitenden Todten- 
gerippes, das bei jeder Stunde mit einem 
Knochen auf den Löwen schlug, der dann 
Gebrüll ausstiess. — Gypsabguss vom Denk- 
mal Kaiser Heinrich II. und seiner Gemahlin 
Kunigunde im Dom zu Bamberg (S. 78). — 
Grosses Schnitzwerk , Tod der heil. Jung- 
frau, aus dem Spital zu Ingolstadt. — Da- 
neben zwei '^Prozessionsstangen der Fischer- 
zunft zu Ingolstadt. — Au der Wand 
♦Flügelaltar aus Botzen (Tyrol) mit vorzüg- 
lichen Schnitzereien von Michael Pacher. — 
Chorgestühl aus Tegernsee von 1450. 

X. Saal (Uebergang von der Gothik 
zur Renaissance): "^Grosser, kostbarer gold- 
durchwirkter Teppich. — •> Ausgezeichnet 
schöner Flügelaltar aus Unterfranken, mit 
vortrefflichen Schnitzarbeiten. 

Eine breite steinerne Treppe führt in 
III. Erstes Stockwerk. 
Ueberhaupt ist die Aufstellung der 



Gegenstände , soweit solche bereits er- 
folgt ist, nur eine provisorische, die mehr- 
fach verändert werden dürfte. 

Die 29 Säle sind mit 143 grossen 
Wandmalereien, Sceuen aus der baye- 
rischen Geschichte darstellend, über- 
deckt, deren jedesmalige Bedeutung 
durch Unterschriften erläutert ist. 

Im Frühjahr 1870 befanden sich darin 
aufgestellt: 

Eintritts-Saal: Plastisches Modell 
(in Holz geschnitzte Häuschen) der Residenz 
München. 

R. Saal 1 bis 7: Historische Sammlung 
von Rüstungen, Waffen und Kleidungs- 
stücken, chronologisch geordnet, in welcher 
eine hervorragende * Kollektion von Rad- 
schlossbüchseu. Als Kuriosa sind beachtens- 
werth: die riesige Turnierlanze zum Rennen 
im Kröuling. — Der Sammtrock des Feld- 
marschall Tilly. — Rothe Kleider, welclie 
di«- Königin Therese bei festlichen Gelegen- 
heiten trug, mit daran befindlichen Erläute- 
rungszetteln von der Hand König Ludwig I. 

Die folgenden Säle: Eine reichhaltige 
Sammlung musikalischer Instrumente. — 
••'•Eisenwerke und Ornamente der Schmiede- 
kunst (darunter ein Schlüssel, der zugleich 
Zunft- Pokal war). — Eine Sammlung von 
gebrannten irdenen Arbeiten, Majoliken, 
Fayencen und Porzellan. — Dazu kommt 
ein Museum gewebter Stoffe, welche die 
Geschichte der Weberei in ihren Entwicke- 
lungsstadien ungemein reich illustriren wird. 

IV, Das zweite Stockwerk um- 
fasst die Geschichte der Renaissance von 
ihrem Uebergangsstadium aus der Gothik 
bis in die letzten traurigen Geschmacks- 
verirrungen des entarteten Zopfes , der 
gegenwärtig theilweise wieder zur 
Herrschaft gelangt. Die 19 Säle zeich- 
nen sich hauptsächlich aus durch ihre 
Holzplafonds aus dem Schlosse zu 
Dachau (im Treppenhause und 1. bis 3. 
Saal), demgräflich Fuggerschen Schlosse 
zu Donauwörth (4. bis 6. Saal) und aus 
nürnberger Häusern, — dann durch den 
wahrhaft seltenen Reichthum meist 
vortreft'iich gehaltener *Haute-lisse- 
Tapeten und Gobelins nach Ra- 
phatlschen Kartons (Saal 1 bis 3 , Ge- 
schichte des heil. Paulus), — aus Lauin- 
gen (Saal 4, Pilgerfahrt dos Pfalz- 
grafen Otto Heinrich von Neuburg nach 
Jerusalem), — nach Orlcr/schtn Kartons 
aus Arras (Saal G und 7 , Geschichte 
Abrahams), — nach Zeichnungen des 
Peter CandUl (Saal 8 und 9, die zwölf 



403 



33. Route: München (^N'ational- Museum). 



404 



Monate des Jahres, — 10 und 11 , die 
Geschichte Otto's von Wittelshach dar- 
stellend), sämmtlich in München ge- 
webt (wie auch die in Saal 16 und 18), 

— und Wandteppiche französischer 
Fabriken (Saal 13, 14 , 15 und 19) bis 
auf die neueste Zeit. 

Aus dem wahrhaft verwirrenden Reich- 
thum an Kostbarkeiten und Prachtgegen- 
ständen, die meist einer neuen übersicht- 
licheren Aufstellung unter Leitung und nach 
Anordnung des Generaldirektors v. Hetner 
entgegengehen, mögen als hervorragend be- 
zeiehnet werden : 

I. Saal: Sammlung silberner, meist 
vergoldeter Becher ("aus dem Anfang 
des 16, Jahrh.) von höchst sonderbai-en 
Formen. — '•' Hausaltar aus zahlreichen 
Muscheln in Relief geschnitten, italienische 
Arbeit. — '•'•Schale aus einem Stück Rauch- 
topas geschnitten. — *Hagenauersche Holz- 
Medaillons. 

IL Saal: Bronzirter Gyps - Abguss des 
Sebaldus- Grabes zu Nürnberg (S. 115). — Die 
Brauttruhe der Herzogin Jakobäa von Bayern. 

in. Saal: Kopie derRaphaelschenDisputa 
in solenhofner Stein. — Ein Rationale (gold- 
gesticktes Kirchengewand). — Vortreffliche 
Glasgemälde. — Sammlung venetianer Gläser. 

TV. Saal: ='''-Der vergoldete silberne 
Hammer Papst Julius III. , nach Zeich- 
nungen Michel Angelo's. — Mosaik- Tische. 

— Urtheil des Paris , Relief in solenhofner 
Stein von Hans Aesslinger. — Im Schau- 
kasten '•'■ Ovale Kapsel von Elfenbein mit 
mythologischen Darstellungen in Korallen- 
Ringen. — Kleine Figürcheu in emaiüirtem 
Qold. — Zwei sehr schöne Holzbüsten. 

V. Saal: -"Freistehendes Kloset aus 
dem gräflich Fuggerschen Schlosse zu 
Donauwörth; darin kostbar geschnitzter 
Elfenbein- Rahmen mit Mosaik -Bild. — Mit 
Elfenbein -Ornamenten eingelegte Bettstelle. 

— An der Aussenseite des Klosets kleiner 
*Altar aus Buchsbaum geschnitzt. 

VI. Saal: Die ältesten in Europa 
bekannten chinesischen Porzellangefas.se 
(aus der 2. Hälfte des 16. Jahrh). — Mit 
Elfenbein eingelegte Ebenholzkästchen. — 
Reizendes Spinett aus mehrfarbigem Holz. 

— Ol iginal- Grabstein des Orlando di Lasso 
(S. 347). — Glaspokal des Pfalzgrafen Otto 
Heinrich. — Ein bemalter Relief- Ofen von 
1590. — Oelminiaturen. 

VII. Saal: Der Pfalz - Neuburgische 
Fürsteuschmuck (aus Gräbern). — Andere Bi- 
joux.darunterArbeiten vonWenzel Jaranitzer. 

VHI. Saal (Beginn des 17. Jahrh.): 
Zwei kostbare reich mit Schildpatt , Perl- 
mutter, Silber etc. eingelegte Schränke. — 
Elfenbein -Schrank mit Email -Arbeit von 
Angerniayer. — Ein Schränkchen mit Lapis 
lazuli oingeh'gt. — Kostbare Bergkrystall- 
Gefässe. — Elfenbein -Statuetten, Pokale, 
Prunk- und Fisch -Schüsseln von nicht zu 
schätzendem Werihe. 



fS^* Ueberhaupt bilden die **Elfen- 
bein-Schnitzereien, die von hier aus 
nun fast in alle Säle (je nach der Zeit, 
welcher sie angehören) einen der auserlesen- 
sten Schätze des Museums, eine Sammlung, 
wie sie in gleicher Menge, Auswahl und 
Vorzüglichkeit kein anderes Museum auf-, 
zuweisen im Stande ist. 

IX. Saal (Zeit des 30jähr. Krieges): 
Geschnitzte Refektorien - Tische aus dem 
Kloster Indersdorf. — Erzgusswerke von 
Hans Grumpper. — Feldkapelle Herzog 
Maximilian I. — Bettstelle vom Schloss 
Plassenburg. 

X. Saal (Mitte des 17. Jahrh.): «Fili- 
gran - Arbeiten in Silber. — -"Elfenbein- 
Reliefs von Flamingo, Spielende Kinder 
(Rarissima). — Das Göttermahl, Elfenbein- 
Relief von unbekanntem Meister. 

XL Saal: Holzschrank mit Karya- 
tiden. — Die Maratta'sche Madonna in röm. 
Mosaik -Nachbildung. — Bronzestatue nach 
Peter Candid. 

Xn. Saal: Bedeutende Elfenbein- 
Schnitzereien. — Eine grosse astronomische 
Uhr und zwei grosse silberne Uhren. — 
Möbel in Boule- Arbeit. — Geschliffene 
Gläser, Schalen etc. aus Bergkrystall. — 
Schmuckkästchen. 

XIII. Saal: Grosse Bettstätte mit 
silberdurchwirktem Baldachin. — Glas- 
gemälde in den Fenstern (Scenen aus dem 
Leben des heil. Bruno) aus der Karthause 
PrüU bei ßegensburg. — Feingeschnittene 
Holz-Reliefs von Ableitner aus München. — 
Zwei Scagliola- Platten, Landschaften. 

XIV. Saal: Plafond nach dem Muster 
eines Breughel - Zimmers im Schlosse zu 
Schieissheim. — Bronze - Reliefs von Pie- 
montini und Crebello. — Bronze - Denkmal 
des Kurfürsten Max Emanuel. — Eine 
Sammlung feiner Trinkgläser. ~ Miniatur- 
und Email -Porträts , namentlich von Petitot. 
— Elfenbein -Reliefs \on Igu. Elhafen. 

XV. Saal: Ueber der Thür Gobelin, 
Landschaft mit Schafen. — Alte Berchtes- 
gadener Holzschnitzereien, manirirt, aber 
famos gearbeitet. — Reiterstatuetten (Lud- 
wig XIV., August der Starke und Max 
Emanuel) in Bronzeguss. — Schmucktisch 
in vortrefflicher Boule- Arbeit. — Erd - und 
Himmelsgloben. — Grosses Planetarium auf 
Tycho de Biahes Anordnung gemacht von 
Geo. Adams in London. 

XVI. Saal (18. Jahrh.): Kleidungs- 
stücke und Geräthe, welche früher 
Friedrich d. Gr. gehörten. — Elfcnbein- 
Geräthe, zierlich in der Ausführung, aber 
gesucht, in unschönen Formen. — Denkmal, 
welches Karl Albert der Geneal' gie der ver- 
schiedenen Herrscherhäuser in Bayern setzen 
Hess, mit 63 Intaglios in blauem Bergkrystall 
und 2 Kameen. — In Elfenbein geschnitzter 
Bischofsstab in reichem Rococo. 

XVII. Saal; Meissener Porzellan. — 
Elfenbein -Schnitzereien von Simon Troger 
mit Holz -Gewandungen. 

XVIII. und XIX. Saal: Gegenstände 



405 



33, Route: München (Hof- und Staats -Bibliothek^ 



406 



aus dem Schlüsse des 18. und Anfang des 
19. Jahrh. 

In besondei-s dazu bestimmten 
Räumen des Erdgeschosses befinden 
sich Ausstellungs - Gegenstände einer 
photographischen und gypsforma- 
torischen Anstalt von den bedeutendsten 
Prachtstücken des Museums , welche zu 
enorm billigen Preisen käuflich abge- 
lassen werden. — Daneben Kopiersäle 
mit Vorkehrungen für Zeichner, Lieb- 
haber der Kunst und Fachleute, nebst 
Handbibliothek. 

Im projektirten Garten sollen 
Skulpturwerke grösseren Massstabes, 
Monumente und architektonische De- 
tails übersichtlich geordnet aufgBstellt 
werden. 



Das Münz- und Medaillen- Kah inet 

im Akademie -Gebäude (Neuhauser Strasse 
Nr. 51), von Herzog Albert V. gegründet und 
namentlich durch die Einverleibung der 
Mannheimer Sammlung bereichert, wird nur 
auf besonderes Verlangen Freunden der 
Numismatik und Forschern bereitwilligst 
vom Konservator geöffnet. 



Die königliche Hof- und 
Staats - Bibliothek (PI. 4 , P 2) in 
der Ludwigsstrasse. 

Geöffnet: Tägl. mit Ausnahme der 
Sonn- und Festtage von Morg. 8 bis Mittags 
1 Uhr (Sonnabds. nur bis 12 Uhr), gänzlich 
geschlossen vom 16. Aug. bis aO. Sept. 

Zu besichtigen unter Führung des Hans- 
meisters von früh 9 bis 12 Uhr, gegun frei- 
willige Entschädigung (mindestens 24 kr.). 

Direktor: Hr. Prof. Dr. Karl Felix Halm. \ 

Die Bibliothek wurde von Herzog 
Albrecht V. von Bayern (1550 bis 1579) 
gegründet, der den von seinen Vor- 
fahren ererbten Bücherschatz ansehnlich 
vermehrte. 

Albrechts Nachfolger sorgten nach 
besten Kräften für Vergrösserung. Den 
gedeihlichsten Aufschwung nahm sie 
unter Maximilian Josephs Regierung, 
besonders 18u3 durch Einverleibung 
eines Theils der Mannheimer Hof- 
Bibliothek und durch die Aufhebung 
der Stifte und Klöster, welche die kost- 
barsten und werthvollsten Handschriften 
geliefert haben. In neuerer Zeit erwarb 
sich Ludwig I. die grössten Verdienste 
um dieses ausgezeichnete Institut durch 



Aufführung des im altflorentinischen 
Style von Oberbaurath i^r. v. Gärtner 
(S. 347) 1832 bis 1834 errichteten 
Kolossalbaues (S. 332), der im 
hochgelegenen Erdgeschoss das all- 
gemeine Reichsarchiv , in den oberen 
Stockwerken die königliche Bibliothek 
birgt und durch sein würdiges, positives 
Aussehen eine der Hauptzierden der 
Ludwigsstrasse bildet. 

Zum Eingange führt eine Freitreppe, 
deren Brüstung von den vier sitzeüd 
dargestellten Statuen des Aristoteles, 
Thucidides, Hippokrates und Homer 
geschmückt wird. Aus dem Vestibulum 
steigt eine stolze Marmortreppe zum 
ersten Stockwerk empor, das im *Stiegen- 
hause eine von 16 Marmorsäulen ge- 
tragene Halle bildet, deren Wölbungen 
mit emblematischen Malereien von 
Nilson geziert wurden. Oben, zu beiden 
Seiten der Eiugangsthür des Expedi- 
tions - Saales , prangen die Statuen des 
Gründers Herzog Albrecht V. und des 
königlichen Hau^erbauers Ludwig I., 
beide von Schwanthaler. 

Das Gebäude wurde 1843 von den Samm- 
lungen bezogen. Die Summe der hier in 77 
Saleu aufgestellten Werke schätzt man auf 
800,000 Bände, und wiess ihr lange Zeit die 
zweit-überste Stelle unter allen existirenden 
Büchersaramlungen an. 

Einen der kostbarsten Bestandtheile 
der ganzen Büchermasse bilden die 
Handschriften (Codices manu- 
scripti), deren Summe sich etwas über 
25,000 erheben mag, eine Zahl, welche 
in Deutschland keine andere Bibliothek 
erreicht. 

Eine Auswahl des lür den flüchtigen 
Besucher Interessantesten wurde im 
sogen. Saal derCimelieu in ^chau- 
kästen unter Glas ausgestellt. 

I. Kasten gibt einen Ueberblick von 
den verschiedenen Materialien, die je nach 
Zeiten und Ländern für dio Kunst zu 
schreiben benutzt wurden. 

II. Kasten (lateinische und grie- 
chische Codices): Nr. 12 hreviarium 
Alan'ci, oder Gesetzbuch Theodüsius des 
Jüngeren, Halbuucialschrift aus «iem 6. oder 
7. Jahrh. — Nr. 13 (^luatnor Kvaiiyelia , in 
mehrtarbigcr Halbuncialschrifi , aus dem G. 
oder 7. Jahrh. , mit spätiren Cursiv - Rand- 
bemerkungen. — Nr. 14 Lectimir.s t'vamje- 
lionivi, in griechischer Uncialschrift. — 
Nr. 15 Dioscorides medicina , lateinische 



407 



33. Route: München (Hof- und Staats - Bibliothek). 



408 



üebersetzung mit lombardischer Schrift, aus 
dem 8. Jahrb. — Nr. 16 Homilien des heil. 
Augustin, irische Schrift {der Hand des heil. 
Corbinianus zugeschrieben), aus dem8. Jahrh. 

— Nr. 17 Excerpta ex Patribus, mit einem 
Runen-Alphabet am Ende. — Nr. 19 Chronica 
varia, zu Regensburg 1167 geschrieben, viel- 
leicht das einzige Buch in Deutschland, in 
welchem um diese Zeit schon arabische Zif- 
fern vorkommen. 

III. Kasten (älteste deutsche Hand- 
schriften) : Nr. 20 *Liber de inventione de 
St. Crucis, in welchem das sogen. Wesso- 
brunner Gebet (ein für die althochdeutsche 
Literatur äusserst wichtiges Sprachdenkmal 
des 8. Jahrh.) enthalten ist, geschrieben 814 
im ehemaligen Kloster Wessobrunn in Ober- 
bayern (vergl. R. 36). — Nr. 23 Der 
■fEeliand, ein altsächsisches Gedicht des 
9. Jahrh. , das in alliterirenden Versen die 
Geschichte Christi nach den Evangelien 
erzählt und deshalb auch die Altsächsische 
Evangelien- Harmonie genannt wird (fast das 
einzige erhaltene Denkmal dieser Mundart). 

— Nr. 24 Die althochdeutsche ''•' Evangelien- 
Harmonie des Otfried von Weissenburg , eben- 
falls einepoetische Bearbeitung der Geschichte 
Christi und zugleich das älteste deutsche 
Gedicht, in welchem der Endreim vorkommt. 

— Nr. 26 Die älteste bekannte Handschrift 
des Nibelungenliedes (sogen. Hohenemser 
Codex), aus dem 13. Jahrh. — Nr. 27 Tristan 
und Isolde, von Gottfr. von Strassburg (mit 
Miniaturen), aus dem 13. Jahrh. — iSTr. 28 
Parcifal und Titurel , Dichtungen Wolframs 
von Eschenbach (mit Gemälden) , aus dem 
13. Jahrh. 

IV. Kasten (merkwürdige Handschriften 
in anderen Sprachen) : Nr. 30 Die Evangelien 
in ungarischer Sprache, von 1466. — Nr. 33 
Altslavisches Psalterium, mit Malereien. — 
Nr. 34 Ein Koran, arabisch mit Gold ge- 
schrieben, einst Eigenthum des P^re La 
Chaise, Beichtvaters Louis XIV. von Frank- 
reich. — Nr. 35 Ein Koran, im miniatur.sten 
Format, das kleinste Buch der Bibliothek, in 
sehr deutlicher Schrift. — Nr. 36 Firdusi, 
Schach- Nameh, persisches Heldengedicht, 
reich ausgestattet. — Nr. 37 Nizami , persische 
Gedichte mit vieleu Malereien. — Nr. 37a 
Aethiopisohes Gebetbuch in Miniaturformat, 

V. Kasten: Nr. 38 *Ze livre de Jehan 
Bocace, mit prächtigen Miniatm-en von dem 
pariser Maler Fouqud ; ein non plus ultra, 
aus dem 15. Jahrh. — Nr. 39 Regnault de 
Montauban (die Haimonskinder) , mit herr- 
lichen Miniaturen, aus dem 15. Jahrh. 

VI. Kasten (ausgezeichneteMinia- 
turen): Nr. 41 -f Lateinisches Gebetbuch, mit 
16 vortreflFlichen Miniaturen von Hans Mein- 
ung , in künstlerischer Heziehnng das be- 
deutendste Werk der Bibliothek (zwischen 
1450 und 1490 gemalt). — Nr. 43 Chronique 
des Princes de Clkves , mit prächtigen Gold- 
arabesken um die schönen Miniaturen, deren 
eine die Sage vom Schwanenritter (Lolien- 
grin) darstellt, aus dem 15. Jahrh. - Nr. 46 
*Die Kleinodien oder Schmuckfstii cke Annans 
von Oesterreich, der Gemahlin Herzog Al- 



brecht V., mit Miniaturen von Hans Müelich, 
1552 gemalt. — Nr, 47 ■•' Lateinischer Kalender 
zu einem Gebetbuche mit (angeblich) vom 
Sammet-Breughel gemalten feinen Miniaturen. 
— Nr. 49 *Elogiwm metricum Margaritae 
Maximil. Caesaris filiae etc., geziert mit den 
Porträts Karl V., Karl II. von Spanien, 
Johanna's von Aragonien, Kaiser Maximi- 
lian I,, Philipp I., des Schönen von Spa- 
nien etc., wie man glaubt, von Adrian van 
der Werff gemalt. — Nr. 50 Ein auf Perga- 
mentgedrucktes Gebetbuch Maximilian I. mit 
Original-Randzeichnungen von Albr. Dürer. 

Via. Kasten im Fenster mit Nr. 51 
'^Prachtabschrift der von Orlando di Lasso 
(vergl. S. 347) in Musik gesetzten Buss- 
psalmen, überreich mit Aquarellen ausge- 
schmückt, von Hans Müelich, 1565 bis 1570. 

VIT. Kasten (berühmte alte Kir- 
chenbücher): Nr. 54 ''•'Evangelien - Peri- 
copen, aus dem Frauenstifte Niedermünster 
zu Regensburg, Prachtbandschrift aus dem 
11, Jahrh. , beachtenswerth wegen des 
mit Goldblech überzogenen Buchdeckel- 
ähnlichen Kastens. — Nr. 55 ■'■Codex aureus 
(11. Jahrh.), aus dem ehemaligen Reichsstift 
St. Emmeram (S. 166) zu Regensburg, die 
Evangelien enthaltend, im Jahr 870 auf 
Befehl Karl des Kahlen mit goldenen 
Uncialbuchstaben geschrieben. Für die 
Kunstgeschichte ist es eins der bedeutendsten 
überhaupt existirenden Werke. 

VIII. Kasten enthält die glanzvoll aus- 
gestatteten Kirchenbücher, mit denen 
Kaiser Heinrich II. seine Lieblings- 
schöpfung, den Dom zu Bamberg, zierte. 
Es sind 4 Evangelienbücher und 1 Missale, 
die sämmtlich in luxuriösen, mit Gold, Edel- 
steinen und Perlet! reich-geschmückten Ein- 
bänden prangen. 

IX. und X. Kas t en enthalten Tncunabeln. 

Durch die übrigen Säle wird nur der- 
jenige Besucher auf ausdrücklichen Wunsch 
geführt, der speziell für Bibliotheken sich 
interessirt. Sehenswerth ist in einem der- 
selben ein *Papyrus mit hieratischem Text, 
nahezu 36 F. lang, ein fast vollständig er- 
haltenes Exemplar des alt - ägyptischen 
Todtenbuches, welches König Ludwig I. der 
Bibliothek schenkte. 

Das Ethnographische Mu- 

semn unter den Arkaden (S. 326) 
Geöffnet (nur im Sommer) Dienst., 
Donnerst, und Sonnabd. von 9 bis 1 Uhr, 
gratis. 

enthält geographisch geordnet nach 
Welttheilen und Völkergruppen Gegen- 
stände der Länder- und Völkerkunde in 
7 Sälen aufgestellt , unter denen sich 
namentlich die von den Gebrüdern 
V. Schlagintweit - Sakünlünski gesam- 
melten buddhistischen Kultgegen- 
stände aus Tibet und die v. Sieboldsche 
japanesische Sammlung auszeichnen. 
Beigefügt ist ein Museum der ältesten, 



II 



409 ,?,?. i2oM«e; München (Naturwissenschaftliche Sammlungen). 4io 



menschlichen Artefakte, chronologisch 
geordnet nach den vorhistorischen 
Perioden. 

DieNatur wisse nschaftl ichen 
Sammlungen (mit Ausnahme der 
anatomischen und botanischen) befinden 
sich im Gebäude der Akademie, Neu- 
hauser Strasse Nr. 51. Den ersten Rang 
ihrer Bedeutung nach nimmt die I*a- 
läontologische Sammlung ein. 

Geöffnet für Jedermann Mittw. und 
Sonnabd. von 10 bis 1 Uhr; für Fremde und 
Fachmänner während des Sommers tägl. 
nach Anmeldung beim Konservator Profesvsor 
Dr. Ä'«eZ. — Eingang im Parterre 1. (Zimmer 
Nr. 3) neben der Aufgangstreppe ; Schellenzug. 

Sie ist eine der bedeutendsten ihrer 
Art in Europa, zu der durch die be- 
rühmte Privatsammlung des Grafen 
Münster und später durch die herzoglich 
Leuchtenbergsche der Grund gelegt 
wurde. 

In 5 Sälen des Erdgeschosses und eben 
so viel des ersten Stockwerks aufgestellt, 
besteht sie eigentlich aus 3 Sammlungen: 1) 
einer geologisch -botanischen Schausamm- 
lung; 2) einer nach den Formationen geord- 
neten Schausammlung (in den Sälen des 
ersten Stockes); und 3) einer gleichzeitig 
zoologisch - botanischen und chronologisch 
geordneten Hauptsammlung. 

Ihr Schwerpunkt beruht besonders 
in den vortrefflich erhaltenen Skeleten 
aus dem solenhofner Schiefer und 
schwäbischen Lias, und speziell wieder 
in den Raritätenstücken prächtiger Te- 
leosaurjer und Ichthyosauren, einem 
vollständigen Notidanus eximius, einem 
ünicum von Rhinoceros tichorhinus 
(bei Kraiburg in Oberbayern gefunden), 
dem ergänzten Skelet eines pferdeähn- 
lichen Tertiärsäugethieres Hipparicm 
gracile, zahlreichen Pterodahtyleu und 
Rhamphorht/nchen , sowie wundervoll 
erhaltenen Libellen und Medusen. 

Die Zoologische Sammlung 

im gleichen Gebäude des zweiten und 
dritten Stockes ist ausserordentlich 
reichhaltig ausgestattet. Von Bedeu- 
tung in derselben ist die der europäischen 
Schmetterlinge des Freiherrn v.Mulzer. 
Auch ein vergleichendes anatomisches 
Kabinet ist beigegeben. 

Die Sammlung anatomischer 
Präparate befindet sich im physio- 



logischen Institut (letzteres eins der be- 
deutendsten in Deutschland) in der 
Findlingsstrasse Nr. 3c und steht mit 
dem an der Schillerstrasse Nr. 24 er- 
bauten anatomischen Theater in Ver- 
bindung. 

Die Gewehr -Vindi Sattelkam,- 

mer am Marstallplatz Nr. 5, 1. von der 
Reitschule birgt nächst einer interessan- 
ten Kollektion von Schiesswaflfen auch 
die alten und neuen Hof- und Galla- 
Wagen, Pferdegeschirre etc. — Daneben 
der Königliche Marstall. 



Theater. Koncerte. Vergnügungen. 

Wenn gleich das Genussleben des 
münchner Volkes nicht minder zu einer 
keineswegs vortheilhaften Höhe sich 
ausgebildet hat, wie in anderen grossen 
Städten , und die Statistik der Pfand- 
Leihhäuser, sowie der unehelichen Ge- 
burten durch Zahlen ein progressives 
Steigen auf diesem Gebiete nachweist, 
so ist dennoch dasselbe in seiner Oeflfent- 
lichkeit anständiger, das Sittlichkeits- 
gefühl minder beleidigend, als wie dies 
bedauerlicher Weise in anderen grossen 
Residenzen und Städten der Fall zu 
sein pflegt. Institute ä la Mabille, Al- 
kazar, Eldorado und wie die verschie- 
denen Sinne-kitzelnden, mehr oder min- 
der grossartigen Nachbildungen der 
pariser Originale heissen , existiren in 
München selbst nicht einmal in 
schwachen Versuchen. Das Geuuss- 
leben der grossen Menge ist ein so 
durchaus hausbacken -materielles und 
die Receptionsfähigkeit des Volkes noch 
eine so naturwüchsig- derbe, gesunde, 
dass es keiner raffinirten Mittel zur 
Anregung bedarf, um den Appetit zu 
reizen. 

Die Spitze der guten und noblen 
Vergnügungen nimmt das königliche 

llof- lind National- Theater 

(S. 327) ein. Es steht nebst dem un- 
mittelbar daran gebauten kleineren 

Residenz- Theater (S. 327) unter 
Leitung des Intendanten Freihcrru 



411 



33. Route: München (Theater). 



412 



V. Perfall. Viel Lobenswerthes lässt 
sich über dasselbe sagen. 

Ein Vortheil von grossem Werth für den 
Fremden ist, dass der wucherische Billet- 
handel, der z. B. in Berlin allen Bemühun- 
gen der General- Intendantur Hohn spricht, 
in München gar nicht existirt, man vielmehr 
(mit Ausnahme sehr w^eniger Vorstellungen), 
vjrcnn man zeitig dazu thut , seine Sitze an 
der Tageskasse zu den festen Preisen erhal- 
ten kann. — Im Weiteren zählt zu den vor- 
trefflichen Anordnungen jene neueste , dass 
mit dem Beginn der Vorstellung alle Thüren 
für Späikommende geschlossen werden und 
somit das Publikum nicht ununterbrochen in 
seinem Genüsse durch Aufstehen und Platz- 
machen gestört wird. Ueberhaupt herrscht 
ein vortieflflicher Ton in dem das Theater 
sehr eifrig besuchenden Publikum; jenes in 
vielen Auditorien zur blasirten Sitte gewor- 
dene,, Sichbemerkbarmachen" hat im Münch- 
ner Hoftheater keinen Boden , ebenso wenig 
wie die bezahlte Claque. 

Spieltage: (gewöhnlich) Sonntag, Mon- 
tag, Dienstag, Donnerstag und Freitag im 
Hoftheater; — in den Zwischentagen Vor- 
stellungen im Residenztheater, — oft auch zu- 
gleich mit dem Hoftheater. 

Eintrittspreise, gewöhnliche: Galle- 
rte noble 1 fl. 30 kr. — Parquett (nummerirte 
Sitzplätze) 1 fl. 12 kr. — Parterre (Stehplätze) 
36 kr. Erhöhte Preise: Gallerie noble 
2 fl. - Parquett 1 fl. 30 kr. — Parterre 48 kr. 
■— Alle anderen Plätze (namentlich Logen) 
sind abonnirt oder weniger empfehlens- 
werth. 

Billet- Kassa: Vorm. von 9 bis 12 Uhr, 
und Nachm. von 3 bis 5 Uhr in der Maxi- 
miliansstrasse 1. 

Anfang der Vorstellungen meist 6V2 Uhr, 
— Feilen gewöhnlich Mitte Juli bis Mitte 
August. 

Mitglieder, hervorragende, in der Oper: 
Fräulein Stehle (=^Gretchen im Faust, Che- 
rubim in Figaro's Hochzeit etc.). — Nach- 
baur ( erster Helden - Tenor). — Vogel, 
(lyrischer Tenor). — Kindermann (Bass- 
Partien). 

Im Schauspiel: Fräul. Ziegler (hoch- 
tragische Rollen). — Frau Bahn- Hausmann 
(erste Liebhaberinnen). — Herr Rüthling (ju- 
gendliche Helden). — Herr Possart (Charakter- 
Rollen). ~ Herr Christen (fein komische 
Charakter -Partien). — Herr *ÄicÄ<er (Väter, 
Militärs, im Lustspiel vortrefi'lich). — Herr 
Lang (Komiker) u. A. m. — Die 

Gesannmt - Leistungen sind vortrefflich in 
der grossen (namentlich Wagnerschen) 
und in der komischen Oper , im modernen 
grossen Schauspiel (auch Sophokles, Racine, 
weniger in Schillerschen Dramen) und 
im feinen Lustspiel. Mit Freude miiss man 
die Reichhaltigkeit und die von der sorg- 
samsten Ueberwachung zeugende Wahl des 
Repertoirs anerkennen. 

jCS^ Der Besuch des Hoftheaters ist 
jedem in München weilenden Fremden warm 
zu empfohlen. 



Im Residenz -Theater (vergl. S. 337) 

werden nur feine Lustspiele , Konversations- 
stücke und leichte Spiel -Opern (auch ganz 
alte von Cimarosa , Dittersdorf etc.) gegeben. 
Das Personal ist das gleiche wie im Hof- 
theater. 

Das Königl, Volkstheater an^ 

Gärtner- Platz (PI. 67, E 7, vergl. S. 
347), ein schönes Gebäude mit einem 
sehr grossen Zuschauer -Raum, durch 
König Ludwig II. von einer zu Grunde 
gegangenen Aktiengesellschaft erwor- 
ben; steht unter Leitung des Schrift- 
stellers Dr. Herrmann Schmid. Das 
Repertoirsind bessere Volksstücke, Ope- 
retten etc. Sehr gut besetzt, gute Aus- 
stattung, billige Preise. — Ausserdem 
prosperirt von Jahr zu Jahr mehr ein 
grosses Marionetten-Theater, auf 
welchem der specifisch münchnerische 
Lokal - und Dialektwitz seine Raketen 
steigen lässt; Freunde eines derben ur- 
wüchsigen Humors können hier münch- 
ner Studien machen. 

Koncerte. Unter den Musik-Auf- 
führungen klassischer Kompositionen 
nehmen die im Odeon (S. 331) ge- 
gebenen Koncerte der musihalischen 
Alcademie und IcöniglicheH VoTcalhapelle 
unter WüUners Leitung nicht nur den 
ersten Rang in München , sondern wohl 
in ganz Süd -Deutschland ein; hier 
treten auch fremde Virtuosen von 
grossem Ruf auf. Dieselben finden 
hauptsächlich nur während des W^inter- 
halbjahres Statt. -— Ebenso zeichnen 
sich die Oratorien u. Kirchenmu- 
siken, namentlich in der Allerheiligen- 
Hofhapelle in den Passionszeiten aus. 
Im Cafe National finden mehrmals 
wöchentlich Koncerte unter Leitung des 
Kapellmeisters Koch Statt. — Neuerer 
Zeit haben die Freitags -Kon certe 
. der Kapelle unter Gungls Direlction in 
der Westendhalle bedeutenden Ruf be- 
kommen und ziehen gute Gesellschaft 
an. Gewöhnliche musikalische Allotria, 
Tyroler Jodler -Quartette und komische 
Couplet- Sänger produciren ihre Fähig- 
keiten ä la Cafe chantant bei billi- 
gem Eintrittsgelde jeden Abend massen- 
haft in allen Wirthschaften. Die Kon- 
certe in der Westendhalle (mit Aus- 



413 



33. Eoute: München (Koncerte. — Feste). 



414 



nahrae des Freit.) u. Inder Centralhalle 
sind von gemischtem Publikum zahh-eich 
besucht, — Garten - Musiken er- 
schallen im Sommer allenthalben ; den 
Nachmittags in München Ankommenden 
bumerassasat sofort der , dem Bahnhofe 
gegenüber liegende, stets dicht mit 
zechenden Gruppen hQ^QiziQ Sterngarten 
den Willkommen entgegen; es ist der 
Heerd der weltbekannt gewordenen 
münchner Bierkrawalle. 

Militär - Musik - Produktio- 
nen, tüchtige Leistungen, kann man 
jeden Mittag von 11 V2 bis 12 V2 Uhr in 
der Feldherren- Halle (S. 331), ferner 
im Sommer Mittw. Abds. von 6 bis 7 
Uhr im Hofgarten bei Tambosi, Sonnt. 
Abds. um die gleiche Zeit im Englischen 
Garten beim Chinesischen Thurme 
(S. 417) gratis anhören. 

Regelmässige Kirchenmu- 
siken hert man Sonnt. Vorm. 9 Uhr 
beim Hochamt in der Michaelskirche 
(Fl. D, 4, S. 343) und in der Basilika 
(PL D, 3, S.341), an den Advents- und 
Fasten-Sonntagen nur Vokal- Vorträge 5 
ferner sonntäglich 11 Uhr Militärmesse 
(an Festtagen 10 V2 Uhr) in der Michaels- 
kirche. In der Allerheiligen - Hof kapelle 
Vorm. 11 Uhr unter Mitwirkung des 
Hoftheater- Sänger-Personales. 

Kirchliche Festlichkeiten 
finden nicht mehr mit jenem ausser- 
ordentlichen Pomp statt wie früher, wo 
König Ludwig 1. grossen Werth auf 
dieselben legte. 

Am Charfreitag sind in allen 
katholischen Kirchen „heilige Gräber" 
mit bedeutendem Orangerie -Schmuck 
aufgestellt ; Abds. werden riesige Kreuze 
durch eine Unsumme von Flammen 
verherrlichet. — Das Frohnleich- 
nams-Fest(zehn Tagenach Pfingsten) 
und die mit demselben verbundene 
grossartige Procession lockt alljährlich 
Tausende von Fremden in die Stadt; 
die Strassen , durch welche sich der 
über 1 St. lange Zug bewegt, werden 
mit Brettern belegt, mit Blumen u. Gras 
bestreut, die Häuser dekorirt, das ge- 



sammte Militär muss ausrücken, man 
sieht Landestrachten aller Art , — die 
geistlichen Bruderschaften schreiten in 
allerlei Pilger- und Büsser - Kostümen 
einher und die Gegensätze der in lang- 
getragenen Rhytmen gesungenen Cho- 
räle gegen die in feurig-raschem Tempo 
hervorbrausenden Salutationen der an 
einzelnen Stationen aufgestellten Militär- 
Musikchöre mit den Tambouren beim 
Herannahen der Monstranz - tragenden 
Geistlichkeit sind so drastisch und selt- 
sam , dass sie jeden Fremden über- 
raschen. An diesem Tage wird das 
letzte Bockbier verzapft. 

Weltliche Feste sind für das 
münchner Volk die Eröffnung der Quelle 
des Salvator - Bieres auf dem Zacherl- 
Keller (S. 303) in der Au (die Saison 
dauert nur 14 Tage im März), die Hof - 
bräuhaus- Bock - Saison in den ersten 
14 Tagen des Mai (nur Vorm. im 
Hofbräuhaus-Bockkeller); — die Gross- 
hesselloher Kirchioeihe zu Pfingsten, und 
vor allen Dingen das Oktoherfest (vergl. 
S. 415) , alle mit grossen Ovationen im 
Bierkultus. — Schliesslich ist noch des 
alljährlich am Fastnacht-Montag Nach- 
mittags stattfindenden Metzger- 
Sprunges, eines alten Herkommens 
von unbekannter Entstehung zu geden- 
ken, bei welchem zuerst ein kostümirter 
Umritt einer Anzahl von Metzger - Ge- 
sellen durch mehre Strassen , dann Auf- 
stellung derselben auf einer improvisirten 
Tribüne beim Fischbrunnen (S. 344) vor 
dem Kathhause stattfindet. Hier wer- 
den einige Dutzend Gesundheiten auf 
den König, alle Prinzen und Prin- 
zessinnen, Behörden, Stadtrath etc. ge- 
trunken und etwa sechs stämmige 
Metzger -Lehrburschen, welche zu Ge- 
sellen avanciren sollen, in Felle ge- 
kleidet, springen , nachdem noch einige 
stereotype Redensarten gestiegen sind, 
in das Bruunen-becken und suchen mit 
hölzernen Schöpfkübeln das herum 
dicht gedrängte Publikum möglichst 
ingründlich durch hinausgeschüttete 
Wassermassen zu durchnässen. Man 
bemühe sich also ja nicht, allzunahe zu 
kommen. — Der B ö 1 1 c he r - T a n z mit 



415 



33. Route: München (Umgehnng). 



416 



Reifschwenken, eine ähnliche alte Ge- 
werks - Ceremonie, findet alle sieben 
Jahre statt. 

Volks-Bäll e (Tanz- Jux der un- 
teren Stände) fast allsonntäglich in der 
Centralhalle, Westendhalle etc. 



Nächste Umgebung. 

Münchens nächste Umgebungen 
bieten dem Fremden nicht viel; das 
ebene Hochland ist höchst einförmig. 
Bei hellem Wetter gewährt der Anblick 
der Bayerischen Alpen von einem geeig- 
neten Punkte ausserhalb der Stadt 
einigen Ersatz für den Mangel land- 
schaftlicher Scenerie. Zu empfehlen 
ist für diesen Zweck die Höhe bei 
Giesing oberhalb der Vorstadt Au*). 
Man übersieht dieselben vom Gaisberge 
bei Salzburg (R. 45) bis zum Grünten 
bei Sonthofen (S. 267). 

Jeder Fremde besucht die There- 
Sienwiese, einen an der Westseite 
der Stadt gelegenen ausserordentlich 
umfangreichen Rasenplatz, auf welchem 
seit 1810 alljährl. das eine ganze Woche 
dauernde Oktoberfest mit Frei- 
schiessen und Pferderennen, Menagerien, 
Glückshafenund grossen Budenkolonien, 
Ausstellung landwirthschaftlicher Pro- 
dukte und Geräthe etc. stattfindet. — 
Am Ende dieser Wiese steht die 
*Kolossal-Statue der Bavaria 

und die *JEtuhf¥ieshalle, Letztere im 
Auftrage König Ludwig 1. 1843 bis 1853 
nach den Entwürfen Leo v. Klenze's 
aus untersberger Marmor erbaut, bildet 
eine offene, von Säulen getragene 
Tempelhalle dorischen Styles und hat 
die von ihrem Gründer festgestellte Be- 
stimmung: Gedächtnissbilder in Büsten 
derjenigen Männer darin aufzustellen, 
welche entweder als geborene Bayern 
bedeutsam in ihrem Wirken hervor- 
traten, oder als Fremde für Bayern von 
Bedeutung wurden. Natürlich haben 
hierzu die jetzt bayerischen , ehemals 



*) Zar Orientirung ist empfehlenswerth 
das von Meermann gezeichnete „Panorama 
des Hochgebirges", München, Franzache 
Buchhandlung. 



freien Reichsstädte das grösste Kon- 
tingent gestellt. Gegenwärtig stehen 
etwas über 90 lebensgrosse Büsten in 
diesem Prachtbau, die mit dem Philo- 
logen Rud. Agricola (f 1485) beginnen 
und bis auf Künstler der letzten Jahre 
heraufreichen. Der ringsum laufende 
Fries enthält Darstellungen aus der 
Kulturgeschichte Bayerns, zum Theil 
nach Schwan thaler sehen Zeichnungen. 

Vor diesem besten Werke Klenze's 
steht auf einem 30 F. hohen grauen 
Marmor- Würfel das grösste Erzguss- 
werk unserer Zeit und überhaupt un- 
seres Erdkörpers, die 54 F. hohe Ko- 
lossal-Statue der Bavaria, in der 
hocherhobenen Linken den lohnenden 
Lorbeerkranz, die Rechte am Schwert, 
neben ihr der bayerische Löwe. Lud- 
wig V. Schwanthaler modellirte den Ko- 
loss während der Jahre 1838 bis 1845 
und Ferd. v. Miller (S 395) war der 
famose Meister, der den Guss besorgte. 
Im Schwanthaler-Museum (S. 393), so- 
wie im Museum der königlichen Erz- 
giesserei (S 395) befinden sich Bruch- 
stücke des Original-Modelles. Das 
Metall, 1284V2Ctnr., welches man dazu 
verwendete, stammt von türkischen Ka- 
nonen, die nach der Seeschlacht von 
Navarin aus dem Meere gehoben wur- 
den. Da die ganze Riesen- Statue hohl 
ist, kann man auf eisernen Treppen bis 
in den Kopf hinaufsteigen , in welch 
letzterem 6 bis 8 Pers. bequem auf 
2 Sopha's Platz nehmen und durch 
angebrachte OeflFnungen hinaussehen 
können. 

Detail -Maasse: Die Kopfhöhe ohne den 
Hals beträgt 6 F. 4 Z., — die Länge des 
Gesichtes 5 F. 3 Z., — die der Nase 1 F. 
11 Z., — die Breite des Mundes IbZ., — des 
Auges 11 Z., — der Zeigefinger ist 3 F. 2 Z. 
lang, — der. Arm mit der Hand 24 F. 9 Z. 
Unten ist die Statue ^jt Z., weiter oben nur 
1/2 Z. stark. — Dem Wächter , welcher diel 
Thür öffnet und Licht mitgibt, gebührt eii 
Trinkgeld von 12 kr. 

Unweit der Bavaria befindet siel 
die Schiessstätte (Schützenhaus), 
welchem Bier u, sonstige Erfrischunger 
zu haben sind. 

Nördl. von der Theresienwiese] 
jenseits der Eisenbahn liegt 



417 



33. Botcte : München und Umgebung. 



418 




1. 210.000 



Karte der ümgebong von München. 
Borlepsch' Süd-Denlschlnna. 



419 



33. Route: Münclieii Und UiTige})ung. 



420 



Marsfeld, der Exerzierplatz der 
garnisonirenden Truppen und an dem- 
selben die Sehens werthe Kraussche 
Maschinen - Fahrik. 

Am (der TheresienwieseJ entgegen- 
gesetzten nordöstl. Ende der Stadt 
breitet sich, hinter den Arkaden und 
der Ludwigsstrasse (S. 332) Isar- ab- 
wärts, der über 1 St. lange, 695 Tag- 
werke überdeckende prächtige Eng- 
lische Garten aus. Er vereiniget 
unter seinen hochstämmigen Bäumen 
nicht nur eine Fülle schöner landschaft- 
licher Veduten, sondern auch eine nam- 
hafte Zahl von Vergnügungsorten. 
Unter letzteren sind besonders hervor- 
zuheben das Etablissement Brunn- 
thal ^ jenseits der Isar, das sich neben 
seiner Eigenschaft als vielbesuchte 
Kaffeewirth Schaft (sehr gutes Trink- 
wasser) noch besonders Ruf als Natur- 
Heilanstalt erwarb , — das ganz ähn- 
lichenZweckengewidmeteD2ana5a(Z(mit 
Schwimm-, Regen- und Dampf-Bädern), 
Tivoli^ Kleinhesselohe ^Milchhäusel,Ohine- 
sische Thurm und am Ende des Gartens, 
fast 1 V2 St, von der Stadt, das als Wirth- 
schaft dienende Försterhaus beim Au- 
meister. Als Dekorativ -Punkte ver- 
dienen Erwähnung : Rumforts Denkmal, 
ein auf einem Hügel gelegener Tempel 
üfbnopferos (von Klenze erbaut, 42,000 
Gulden), Dianentempel ^ der Chinesische 
Thurm und weiter hinaus ein künstlich 
angelegter See mit einigen Monumenten, 
namentlich dem des Hofgarten -Inten- 
danten V. SJcell^ welcher der eigentliche 
Schöpfer des Englischen Gartens ge- 
nannt werden darf. — An der Südost- 
Seite des Parkes die umfangreiche Ma- 
schinenbau-Anstalt des Herrn v. 31affei^ 
die zu den ersten dieser Art in Deutsch- 
land zählt. — Der Zoologische Garten^ 
ein Privatunternehmen, gleichfalls am 
Rande des Parkes , hat nicht rentirt und 
befinden sich jetzt nur noch eine Bären- 
Familie und eine Anzahl Affen darin. 

Zu guten Erwartungen berechtigen 
die erst jüngster Zeit längs der Isar auf 
dem Gasteig ^ r. und 1. vom Maximi- 
lianeum u. vor der Vorstadt 7iaüZ//aMse?z 

angeordneten „neuen Anlagen", wo 



früher nur sandige Gestrüpp- Wüstungen 
lagen; sie zählen zu den Verdiensten 
König Maximilian H., der die Kulti- 
virung dieser Uferseite befahl. 

Zu den allernächsten Umgebungen 
Münchens gehören endlich noch die 
Kirchhöfe. Der eine derselben, an 
der nördlichen Stadtseite, in Nähe der 
Neuen Pinakothek (PI. E, 1), ist jüngeren 
Datums und bietet vorläufig noch 
wenig, was zum Besuche desselben ver- 
anlassen könnte. Um so sehenswerther 
sind die beiden grossen, durch einen 
Mittelbau verbundenen Kirchhöfe 
vordemSendlinger Thor. Der vor- 
dere, äZ^ere^ wimmelt thatsächlich von 
monumentalen Grabsteinen , die freilich 
zum Theil leider Zeugniss ablegen, 
dass der, München in so vielen Be- 
ziehungen durchströmende und befruch- 
tende künstlerische Geist nur sehr spo- 
radisch in die Werkstätten der orna- 
mentalen Bildhauerei gedrungen ist. 
Das Ende dieses vorderen Kirchhofes 
schliesst im Halbkreise ein Arkaden- 
Gang ab , der manche schön angelegte 
Familiengruft enthält. 

Beachten swerth sind: Erbbegräbniss der 
Familie v. Mannlich mit Büste des Gallerie- 
DirektorsChristianundder liegendenBronze- 
Figur der Fräulein Karolina (die, wie man 
behauptet, in Folge von Entkräftung starb,'] 
weil ihr in der That völlig abnormer Haar- 
wuchs alle Ernährungssäfte konsumirte); 
— Freiherrlich v. Lotzhecksche Gruft; — 
Sarkophag des Generals Grafen v. Bechers 
zu Westerstätten ; — Statue des Oberstall- 
meisters Freiherrn v. Kessling ; — Maria 
NarischJcin, princesse Czetwertynska , f 1854, 
Figur skulptirt von Halbig; — Maler Vogel 
V. Vogelstein, t 1868; — Kanonikus Laurent 
de Westetirieder , f 1829, u. A. — Wer sich 
Zeit zum Suchen nehmen will , findet noch 
folgende Grabstätten von Interesse: Das 
Denkmal der 1705 für Fürst und Vaterland 
gefallenen Oberländer Bauern; — Ruhestätte 
des Joseph v.Gorres (kleines Oelbild, Görres 
im blauen Fakultäts-Mantel vor der Madonna 
kniend) ; — der belgische Maler Vermärsdt 
und seine Frau, beide an einem Tage ge- 
storben; — Senef eider, Erfinder der Litho- 
graphie; — Botaniker v. Martins u. A. m. 

An die Arkaden -Rundhalle ist ein 
grosses Leichenhaus mit mehren Sälen 
angebaut, in denen fortwährend eine 
Anzahl zum Theil reich geschmückter 
Leichen ausgestellt sind, stets mit 
Angabe der Namen. 



II 



421 



33. Baute : München und TJmgelbiing. 



422 



Der neue Kirchhof, unmittelbar 
angrenzend, ein Campo Santo im mittel- 
alterlich- lombardischen Styl, 1845 nach 
den Plänen Gärtners in Bau und An- 
lage begonnen , ist 250 Schritte lang, 
220 Schritte breit, rings von einer 33 P. 
hohen, nach der Friedhofs -Seite hin ge- 
öffneten Halle umgeben und macht auf 
den Eintretenden einen ungemein feier- 
lichen und ernsten Eindruck. 

Unter den Arkaden, gleich r. und 1. vom 
Eingänge, schlummern viele der bedeutenden 
Männer, welche die Zierde der Regierung 
König Ludwig I. waren: der Bildhauer 
Ludwig v. Schwanthaler , 1 1848. — die beiden 
Architekten Leo v. Klenze, f 1864, und Friedr. 
V. Gärtner, f 1847, — die beiden Aerzte 
Fh, V. Walter und Heinr. v. Breslau, deren 
Grabstätten durch Kolossal - Statuen von 
Halbig geziert sind, u. A. — Freske: Er- 
■weckung der Tochter des Jairus, gemalt 
von Schraudolph. In der Mitte ein Christus 
crucifixus von Halbig, gute Ai-beit; — 
r. davon das Grab von Louise Geilel, Gattin 
des Dichters. 

Von Interesse ist ein Besuch der 
Friedhöfe am 2. Nov. (Allerseelen-Tag), 
an welchem alle Erbbegräbnisse ge- 
öffnet, alle Gräber reich mit brennenden 
Lampen und Guirlanden geschmückt 
sind und bezahlte Weiber laut betend 
an den Monumenten kauern. 

V2 St. südlich der jüdische 
Gottesacker mit dem Denkmal des 
Struensee - Dichters , Michael Beer 
(t 1833), Bruder des Komponisten 
Meyerbeer. 

Unter den Umgebungen, welche ihrer 
Entfernung halber mehre Stunden in 
Anspruch nehmen und mit Wagen be- 
sucht werden müssen, sind die be- 
surhenswerthesten: 

Xyiiiplieiibiirg-. 1 St. 

Omnibus ."xlle Stunden, Person 12 kr. 

Droschke: 2 Pers. 1 fl. 12 kr. — 3 oder 
4 Pors. 1 n. 27 kr. — Zeitfahrt vcrgl. Tarif 
S. 304. 

Dies 16G3 von Kurfürst Max Ema- 
nuel (seine Statue , Promenadenplatz 
S. 347) erbaute umfangreiche Lust- 
schloss, das Versailles von München, 
steht, seit König Maximilian Joseph 
1825 in demselben starb, ziemlich ver- 
einsamt. Ein adeliges Institut und 
eine Porzellan -Fabrik wurden in ein- 
zelnen Dcpendenzen des vielgliederigen 



Baues etablirt. Besuchenswerth sind 
die umfangreichen schönen Garten- 
anlagen , zum Theil im freien Parkstyl, 
zum Theil mit altfranzösischen Zopf- 
ßeminiscenzen, Statuen, Vasen, be- 
schnittenen Baumgängen etc. Zu den 
vornehmsten Zierden gehören die 
Wasseranlagen, und namentlich die 
armsdick 90 F. hoch emporstrahlendeu 
Fontänen , durch Maschinen forcirt. 
Dann im Parke zerstreut allerlei Salon- 
und Divertissements -Bauten, wie die 
Badenburg am grossen See, die Avialien- 
hirg ^ die Magdalena -Klause (mit einer 
äugen -heilkräftigen Quelle, von gläu- 
bigen Seelen benutzt) , die Pagodenburg 
am kleinen See, der Apollo- Tempel, die 
Marmorlcashade am Ende des Gartens etc. 
Rückweg durch den Hirschgarten , in 
welchem Hochwild gehegt wird, weshalb 
man keine Hunde mit hinein nehmen 
darf. 

Sclileissheim. 

Eisenbahn (Ostbahnhof} l^/g Meil., tägK 
4 Züge, die anhalten; I. 33 kr. II. 21 kr. 
Iir. 15 kr. 

Lustschloss, gleichfalls vom Türken- 
besieger Max Emanuel im Geschmacke 
spät -französischer Renaissance erbaut 
und von weitläutigen schönen Park- 
anlagen umgeben, am Rande des aus- 
gedehnten Dachaiier Moores gelegen, 
vom Hofe schon längst nicht mehr zum 
Landaufenthalte benutzt , Avird von 
Fremden der hier aufgestellten, ca. 1500 
Nummern umfassenden *Gemälde- 
Sammlung wegen besucht. 

Geöffnet: Tägl., excl. Sonntags. — Füh- 
rung durch Diener. Trinkgeld. 

Die grössere Mehrzahl besteht aus 
Schulbildern und Gemälden, welche 
einer sehr späten, dem höfischen und 
Tages -Geschmacke huldigenden Kunst 
angehören und deshalb von untergeord- 
netem Werthe sind. Aber es befinden 
sich auch manche vortretlliche Gemälde, 
namentlich Holländer und Oberdeutsche 
in den ;)9 Sälen, unter denen sich im 
oberen Stockwerke (wohin man zuerst 
geführt wird) auszeichnen : 

XXIX. Saal: Mohre (Genrebilder von 
Bvouwcr (N. 28(5. 287, 281 und 303); - 
Landschaften von Kverdiiujen (Nr. SOO) 
und Ruysdael (Nr. 2i)2 , 2!»3 und 2i)!)); — 

11* 



423 



Das Bayerische Oberland. 



424 



Jagd- und Pferdebilder von Wouverman 
(Nr. 278 und 285). 

XXI. Saal: Nr, 503 Kaspar de Crayer, 
Porträt des Herzogs von Olivarez. 

XVIII. Saal: Teniers , JBrouwer, Jor- 
daens, Breugkel, Hvysmann, v. d. Velde etc. 

XVir. Saal: Nr. 792 bis 806 Vaenius, 
Bilder aus der heil. Geschichte. 

Im Erdgeschoss namentlich die Säle 
37, 38 und 39 mit Bildern von Cranach, 
JBurgkmayr , Schaffner, Grien, Schäuffelin und 
anderen oberdeutschen Meistern. 

Im Vorsaal: Ahnenhalle des Hauses 
Wittelsbach. — Ausserdem befindet sich in 
Schieissheim eine königliche Muster- 
"wirthschaft für Landleute. 

Grossliesselolie — Schwaneck 

— Menterschwaige. Theils Eisen- 
bahn-, theils Fuss -Partie oder mit 

Wagen. 

Eisenbahn (Salzburger Linie R. 42) : Tägl, 
4mal in 20 bis 30 Min. nach Stat. Gto&s- 
hesselohe I. 18 kr. II. 12 kr. III. 9 kr. 

Droschken: Taxe vergl. S. 304. 

Die Eisenbahnfahrt nach Grross- 
hesselohe sehe man S. 531. — Ein 
Spaziergang, Summa 3 St., zu den ge- 
nannten Punkten ist am besten geeignet, 
die landschaftlichen Schönheiten des 
Isar- Thaies zu zeigen. Man gehe in 
München, Morgens, r. ab von der 



Reichenbach - BrücJce (PI. E , 8) , im- 
mer der rasch fliessenden Isar ent- 
gegen stromauf, durch die Anlagen, 
passire dann dieselbe und steige bei 
den netten Anlagen des Wasserwärters 
hinauf zur Menter Schwaige (Ein- 
kehr, East), schöne Aussicht nach 
München, Dann über die Pauly'sche 
Eisenbahn - BrücJce ^ von welcher sehr 
lohnende Ausblicke, Isar-abwärts nach 
München , — Isar - aufwärts gegen die 
Alpen sich öffnen. Nun durch herrlichen 
Buchenwald nach *Schwaneck, neuer 
Burgbau mittelalterlich- romantischen 
Styles, vom verstorbenen Ludwig- 
V. Schwanthaler in den vierziger Jahren 
als ländliche Sommerfrische errichtet, 
jetzt Besitz des Edlen von Meyerfels, 
der Besichtigung gern gestattet. Davon 
y^ St. Pullach mit schöner Fernsicht. 

— Rückfahrt von Stat. Grosshesselohe 
mit der Eisenbahn. 

Exkursionen : An den Starnberger See, 
siehe R. 34. — Auf den Peissenberg', vergl. 
R. 36. — Nach dem Kochel- und Walchen- 
see, R. 35. — Nach Oberammergau, R. 36. 

— Nach Tegernsee und Bad Kreut, R, 40. 

— Nach Schliersee und Miesbach, R. 41. 

— Nach Garmisch und Partenkirchen, 
R. 37, 



Das Bayerische Oberland. 



Die Kalkgebirge des Bayerischen 
Hochlandes, welche in wechselnder 
Breite sich ausdehnen, werden, ausser 
von vielen kleinen, hauptsächlich von 
zwei grossen Transversal - Thälern, 
denen der Isar (R. 39) und des Inn 
(R. 43) durchbrochen. Neuere Schrift- 
steller (namentlich Steub) haben nach 
diesen Cäsuren das Gebiet in Oster- 
und Westerland getheilt, wobei man 
unter Osterland das ganze Terrain 
zwischen Isar und Salzach (vom Inn 
wieder in zwei Hälften geschieden), — 
unter Westerland aber das zwischen 
Isar und Lech begriff. Volksthümlich 
oder allgemein gebräuchlich ist jedoch 
diese Eintheilung bis jetzt noch nicht 
geworden. Wenn der Bayer von seinem 
Hochlande spricht, so sagt er rundweg 



,,im Gebirg" und setzt höchstens den 
Namen des Hauptortes oder Landge- 
richtes hinzu. Die touristische Grup- 
pirungs - Eintheilung Loisach - Thal, 
Chiemgau etc. ist dem Bauern nicht 
mundgerecht und im Gegensatze zu 
Tyrol, wo jeder Thalwinkel seinen Kol- 
lektiv- Namen hat, begegnet man in 
Bayern nur bei der ,,Jachenau" (S. 499) 
undallcnfallsbeim ,,Isarwinkel" solchen 
arrondirenden Gegenden - Benennungen. 
Die durch die Querthäler in einzelne 
Gruppen geschiedenen Bergreihen er- 
heben sich , mit Ausnahme der im Ost 
und West aufragenden Schlussgruppen 
der Wetferstein- (S. 472) und Berchtes- 
gadener Alpen (R. 47), im Allgemeinen 
wenig über 5500 bis 6000 F. absolute 
Höhe und tr;igen daher vorherrschend 



425 



Das Bayerische 'Oberland. 



42S 



auch den Charakter der mittleren Alpen- 
region und den der Vorberge. Weit 
hinauf kräftig bewaldete, oben begraste 
Kuppen, zuweilen von Felsen wänden 
durchbrochen, waldreiche Schluchten 
mit unerschöpflichem Holzreichthum, 
ausgezeichnet gepflegte Staats -Forste, 
herrliche fette Alpweiden mit fleissi^ 
betriebener Milchwirthschaft und gut 
bebaute Thäler mit wohlhabenden 
Höfen und Dörfern, namentlich aber mit 
kleinen Kapellen völlig übersäet, davor 
die belebenden Wasserbecken der baye- 
rischen Seen, von deren Nordwand fast 
stets die prächtigste Aussicht auf reich 
gegipfeile Alpen -Panoramen sich er- 
schliesst, dies sind etwa die Elemente, 
aus denen die Bilder des Oberlandes in 
sehr malerischer Harmonie sich auf- 
bauen. Ein wesentlich anderer aber ist 
der Charakter der Hochgebirgswelt an 
den beiden Flügeln, der Gruppe des 
Wettersteins im Westen (S. 472) und 
der Berchtesgadener Gebirge (E. 47) 
im Osten. Dort entsteigen leere kahle 
Schroffen den obersten mit Trümmern 
und Felsenscherben überschütteten 
Grasböden, die hin und wieder von der 
Krummfölire (Laatsche) eingefasst oder 
sporadisch bedeckt werden, — mäch- 
tige, abenteuerlich- verwitterte und aus- 
gewaschene Felsen -Plateaus, sogen. 
Karreufelder, und umfangreiche Flächen 
perennireuden Schnees (in der Schweiz 
Firn genannt) geben diesen Theilen des 
Hochlandes einen scharf ausgeprägten 
alpinen Charakter. Vereinzele kom- 
men diese Erscheinungen wohl auch im 
inneren Bayerischen Gebirge vor , aber 
nie in dem Jlaasse, dass dadurch der 
Landschaft ein bedeutender physio- 
gnomischer Ausdruck verliehen würde, 
Avährend sie jenseits der tyroler Grenze, 
im Karwendel -Gebirge bei Mittenwald 
(S. 502) und im Kaiser- Gebirge bei 
Kufstein (K. 43), nicht selten sich lin- 
den. Anfänge von Gletscherbiidungcn 
zeigen sich hin und wieder, aber sie 
sind zu primitiv(M- Natur, als dass sie 
betont zu werden verdienten. 

Charakteristisch und lokal bezeich- 
nend für diesen Theil des Hochgebirges 



ist noch der bedeutende Höhen-Un^ 
terschied zwischen seinen aus den 
Vorbergen schroff aufsteigenden Gipfeln 
und den allerdings am Nordrande der 
Bayerischen Alpen verhältnissmässig 
tief liegenden Thalsohlen •, es ergibt 
Differenzen, wie sie in den deutschen 
Central - Alpen kaum gefunden werden. 
So beträgt z. B. der Höhen -Unterschied 
zwischen Mittemcald u. der Karte endel- 
spitze 4880 F., zwischen dem Niveau 
des Königssees und dem Watzmann 
6580 F., zwischen Garmisch und der 
Zugspitz 7000 F., — während die Ort- 
lerspitze über Sulden nur 4000 F., — 
der Gross- Gloclcner über der Pasterze 
nur 4150 F. sich erheben. 

Den Kalkalpen ins Gemein und 
denen Bayerns speciell eigen ist ferner 
die Bildung der ,,K1 ammen", enger 
Erosions -Schlünde, welche die Gewalt 
des Wassers, meist geringer Seiten- 
bäche, duJ-ch den Felsengrund der Vor- 
berge, oft in bedeutender Tiefe und fast 
unterirdisch ausgewaschen hat. Manche 
dieser Klammen sind bequem und ge- 
fahrlos zu begehen, weil zum Zwecke 
der Holztrift ein sicherer Steg hinab- 
führt; in manche blickt man nur von 
oben von einer Brücke oder von einem 
Vorhau hinab in die gähnende Tiefe. 

Der Reichthum des Gebirges au 
Mineral i en ist nicht besonders gross, 
doch werden Steinkohlen- (eigentlich 
Braunkohlen-) Lager fleissig abgebaut, 
namentlich bei Penzberg (S. 439), 
Peissenberg (S. 458) und Miesbach; 
auch Eisenerz wird in Achthal am 
Kressenberg und an anderen Orten 
mehrfach gefördert. Bedeutender da- 
gegen ist der Reichthum an M i ncral - 
quellen, unter denen diejenigen in 
Kreut (S. 514), Krankenheil (S. 497) 
und Heilbrunn (S.445^ die besuchtesten 
sind. Die Kochsalz -Quellen in Rcichen- 
hall und der Salzbergbau in Bcrchtes- 
gaden sind weit über Bayerjis Grenzen 
hinaus bekamit. 

Zu den grössten landschaftlichen 
Zierden des Bayerischen Obcrlamies 
gehören seine Seen, von denen die drei 
gi-össtcn : der Chiemscc (R. 4 2\ <le- 



427 



Das Bayerisclie Oberland. 



428 



Wurm- oder Starnberger See (S. 435) 
und der Ammersee (S. 453), freilich 
nicht im Gebirge, sondern im Vorlande 
liegen. — Von Touristen werden ihrer 
malerischen Lage und Umgebung wegen 
am meisten besucht der Tegernsee 
(S. 507), der Schliersee (S. 523), der 
Achensee (S. 518), der Kochel- und 
■ Walchensee (S. 445), der hochroman- 
tische * Eibsee (S. 477) und der pracht- 
vollste von allen, der grossartige * Kö- 
nigssee bei Berchtesgaden (R. 47), Die 
Fisch -Ausbeute dieser Gewässer ist 
namhaft. — Die Berge ernähren gegen- 
wärtig einen bedeutenden Wild stand 
an Gemsen, Hirschen undEehen, der 
durch die Fürsorge des verstorbenen 
Königs Max seit 1848 bedeutend ge- 
pflegt wurde. Reissende Thiere, früher 
ziemlich verbreitet, wie die vielen 
Bären -Namen z. B. am Wetterstein be- 
kunden , kommen gar nicht mehr vor. 
Als 1865 wieder einmal ein Bär von 
Graubünden aus die alte Heimath be- 
suchen wollte , erregte sein Erscheinen 
ein tolles Hailoh durchs ganze Land 
und Meister Petz verendete, vom Forst- 
wart von Graseck (S. 479) angeschossen, 
spurlos in einer der unbetretenen 
Schluchten des Gebirges. 

Die Thäler dieses Gebirgslandes 
werden von einem kräftigen Vol k e be- 
wohnt, das treu der Religion seiner 
Väter (der katholischen), dem leicht- 
blütigen Franken, selbst seinem Nach- 
bar, dem Schwaben, an Bildung, 
geistigen Fähigkeiten und industriellem 
Erwerbstriebe allerdings nachsteht, da- 
für aber wieder andere gute Eigen- 
schaften besitzt, die jenen abgehen. 
Die überschüssige Kraft, die vielen 
dieser Leute innewohnt, macht sich 
allerdings vielfältig noch in einer Weise 
Luft, die sie mit den Gerichten in Be- 
rührung bringen muss. An manchen in 
dieser Beziehung berüchtigten Orten ist 
eine mit Sdiemelbeinen und Maass- 
krügen dreinwetternde Rauferei bei 
jedem Feste ein selbstverständlicher 
Glanz -Moment. ,,Heut is's lusti", 
heisi^t es, wenn die Prügelei so ablief, 
dass keine kriminellen Folfren daraus 



erblühen, Avas leider selten der Fall 
ist. — Ein anderweiter Ausfluss eben 
dieses naturwüchsigen Vollgefühls 
bedeutender Kraft ist auch die aus- 
gesprochene Lust am Waidwerk und 
am Schützenwesen, die nun freilich in 
manchen Gegenden in Wilddieberei 
ausartet u, zu blutigen Trefien zwischen 
den Wilderern und den Jagd- oder 
Forstbeamteten führt. Gar Mancher 
büsste schon die Folgen solcher Wild- 
schützen-Konsequenzen mit langer, 
entehrender Zuchthausstrafe. 

Die seltsame Sitte des Haber 
f eldtreibens, eine nur den Ober- 
bayern eigene originelle Vehme oder 
Volksjustiz, steht auf S. 521 ausführ- 
licher beschrieben, existirt aber momen- 
tan nicht mehr , seit die Gemeinden für 
den Schaden haftbar gemacht wurden, 
der aus dieser Procedur entstand. — 
Höchst eigenartig ist der dem Volke 
innewohnende Trieb zur Musik und 
zum Gesänge, der sich zwar nicht über 
das so sympathisch stimmende, die 
innersten Herzens -Saiten berührende 
Zitherspiel und die originellen ,,S c hn a - 
dahüpfln" hinauswagt, aber den 
Fremden freundlich anmuthet. Schna- 
derhüpfln sind meist vierzeilige Im- 
provisationen, dienach einer bestimmten 
Melodie gesungen werden und in der 
Regel dasjenige feiern oder verherr- 
lichen, was dem Singenden lieb und 
theuer ist, die aber zugleich in der 
Schlussstrophe irgend eine epigram- 
matische Spitze verbergen, mitunter 
eine Zweideutigkeit oder sogar un- 
fläthige Zoten. Nicht selten gehen die 
Schnaderhüpfln in sogen. Trutz- 
g's angln über, mit denen zwei Par- 
teien sich so lange Anzüglichkeiten 
oder beissende Wahrheiten in poetischer 
Form an den Kopf werfen, bis die eine 
Partei die Segel streichen muss , wenn 
ihr der Witz ausgeht, oder bis dieser 
Sängerkrieg, was noch häufiger vor- 
kommt, in einer gloriosen Paukerei 
ihren Abschluss findet! Nachstehend 
einige Proben von Schnaderhüpfln: 

I wollt i war a Spicgl 
I krieget kein Spniug 



429 



Das Bayerische Oberland. 



430 



Und schaugest hundert Jahr h'nein 
I zeiget di jung. 

Deini Aug'u san Feusterln 
Da schaug i gern "nei 
Und da sich' i, wle's drin wird 
Im Herzkammerl sey. 

's Diendl lockt" n Tauba 
Da gibt se si' Müh' 
und i waar' leicht zun locka, 
Mi' lockfs aber nie. 

Der Pfarrer von Krailing 
Hat's dreimal verkünd't; 
Auf d'r Alm mit'n Dienei 
Is nie nix a Sund. 

Wenn d' "Wachtel amal schlagt 
Und da Aufvogel sehreit, 
Da Bua vom Diaudl geht 
Is da Tag nimnia weit. 

Und's Herz ist a Reh 
Und der Argwohn a Hund 
Der jagt's oft zun d'erbarma 
Und reisst's an diem wund. 

Au Echo dees hat scho' 
Meiuoad koa' guats Lehn, 
Wanu's an jedwedu Latin 
An' Antwort muass gebn. 

Du wirst es wohl wissu 
Wie hart dass ma' geschieht 
Bal'd' nix redst, wann i sag' 
Was i hotl", was i dicht 
Un dass mir a Wörtl 
Vo' dir besser g'fallt 
Als wie wann ma' dei "Vater 
A ganzi Red halt't. 

Der Volks-Dialekt wird dem 
aus Mittel- und Nord -Deutschland 
kommenden Fremden , je "weiter er in 
Bayern dem Gebirge sich nähert, desto 
schwerer verständlich werden, bis er am 
Fusse des ^^'ettersteines geradezu in 
ein Töne -Chaos sich zu verwirren 
scheint, das dem an die scharf syln- 
birenden Klänge der künstlich -geregel- 
ten Schriftsprache gewöhnten Ohr ge- 
radezu unverständlich wird; einige 
weiter unten gegebene Proben mögen 
als Bestätigung dienen. — Zunächst ist 
hervorzuheben , dass in den oberbaye- 
rischen Mundarten (ähnlich wie in den 
schweizerischen) ein Kern jener Spracli- 
laute und Sprachformen sich erhalten 
hat, wie solche unseren Vor-Vor- 
Aeltern des frühen Mittelalters zu den 
Zeiten eines Otfried und Nolkcr Ge- 
meingut waren und vom Kaiser und 
Kitter so gut wie vom Bürger und 



Bauern gebraucht "wurden. Die Doppel- 
laute ua, oa, ea, ia (guad für gut, — 
oanär für Einer, — klean für klein) 
fallen zunächst als alt ehrwürdige Re- 
liquien auf, denn in den Schrift -Denk- 
malen des 10. und 11. Jahrh. findet 
man durchgängig muot, bluot, guat für 
Muth, Blut, gut. wie es der Schweizer 
heute noch spricht. — Dann ist be- 
zeichnend das Verschlucken des r am 
Ende der Worte (worin bekanntlich 
auch der specifische norddeutsche ,,Be- 
aline" eine grosse verwandte Fertigkeit 
erlangt hat), wie z. B. in ,,Muäta , geh 
g'schwind hea" (Mutter geh geschwind 
her), — miä, diä(fürmir, dir) ,,i-ba-fi-än"' 
(überführen) , — sowie das kaum nach- 
ahmbare Entschlüpfenlassen des Kon- 
sonanten ,,1" dadurch, dass ein unklares 
„i" an dessen Stelle tritt, wie in ,,Gäid" 
(Geld), ,.Gepoita^' (Gepolter), .,Goid- 
guid'n" (Goldgulden), „g'füit" (gefüllt), 
„Büid" (Bild), oder wie gar in „drei 
Stiäi" (drei Stühle"), wo das „ü" in ,,iä" 
und das ,,hl" noch in ein ,,i" übergeht, 
während das ,,1" am Anfange einer 
Sylbe in seinem vollen Werthe bleibt. 
Auch das ,,d" vor den Endsylben „el, 
em und en" geht spurlos verloren , wie 
in ,.Nu'l'' (Xudel), ,,Kne'r' (^Knödel). 
Der Hauchlaut ,,h" geht häutig in den 
Gaumenlaut ,,g" über, — man sagt 
,,segn's" für ,, sehen Sie", — .,g'scheg'n" 
für „geschehen", oder es verschwindet 
ganz wie in ,,kimm eina ' (komm ein- 
her , d. h. herein), ,, schau äbä (schau 
abher, d. h. herab). — Da es nie Auf- 
gabe eines Reise - Handbuches sein 
kann , durchgeführte Abhandlungen 
über einen Gegenstand, wenn auch in 
noch so knapper Form seinen Spalten 
einzuverleiben, so möge es bei den 
wenigen hier angedeuteten Proben sein 
Bewenden haben*). 

Nachstehende Anekdote mag als 
Versuch zu Sprach -Uebungen dienen: 



■*) Fi'ir weitere Studien nu">go zunächst 
das vortroftlicho Werk: „Bnviiria. Laudes- 
uud Volkskunde des Köuigreiclis Bayern", 
I. Bd., 1. Abtljoil., Miuu-hcn, I.itorärisch- 
artistischo .\ustalt" — eit)pf.)lilcii soin, iKmm 
obij-ve Proben outlchut w\ndiii. 



431 



Das Bayerische Oberland. 



432 



Uiisä Spüiniä, da Passauä - Seppe , hat 
gestän weitä koau Vädrus gehabt! Wiä de 
Tauzmusi ausg'wes'i» is, um ä drei in da 
Friä, hat ä sei Geigug in da Wiärtsstubm 
aiifn Käst'u auffe g'Jegt und is ä Bissl 
sclilaff'n gauga. Wiä r-a um ä neine auf- 
stet, nimmt ä sei Geigng äbä, und was 
siälit ä! Zwoa Soat'n sand äg'sprunga, und 
de GeigDg is voi Schmilz. „Häggära", sagt' 
ä, ,,wear is mär iätz da dribäkemma? 's E 
is ä; 's A is ä a." 

Uebersetzung. Unser Spiel mann, der 
Passauer Joseph , hat gestern keinen 
schlecliten Verdruss gehabt! Wie die 
Tanzmusik ausgewesen ist, tim drei (Uhr) 
in der Früh liat er seine Geige in der 
Wirthsstube auf den Kasten (Schrank) 
liinauf gelegt und ist ein Bischen schlafen 
gegangen. Wie er um neun (Uhr) aufsteht, 
nimmt er seine Geige herab, und was sieht 
er! zwei Saiten sind abgesprungen und die 
Oeige ist voll Schmutz. 

,, Hagel!" sagt er, ,,wer ist mir jetzt tla 
drüber gekommen? Das E ist ab und das 
A (A- Saite) ist auch abgesprungen." 

Der Aberglaube hat in Ober- 
bayern noch fruchtbaren Grund und 
Boden. Der Glaube an zauberische 
Künste, an die Existenz von Hexen, an 
das Hereinragen dämonischer Gewalten 
nnd Wesen in das Leben des Erden- 
kindes durch Plagen, welche z. B. 
,,Truden" dem Schlafenden bereiten, 
wurzelt noch tiefer im Volke , als man 
€S Wort haben will. Dieser Aberglaube 
bat nun konsequenter Weise eine Fülle 
■von Sagen erzeugt, die sowohl in ferner 
Vergangenheit wurzelnd, als durch ver- 
meintlich übernatürliche Erscheinungen 
der Gegenwart konservirt, Dorf und 
Haus, Fels und Schlucht, Weg und 
Steg mit der sdiaurig- schönen Roman- 
tik ihres mysliscben Wirkens umspin- 
nen. Aeltere Jäger und Führer, Forst- 
warte und Holzknechte wissen, wenn 
man sie beim Glase zutraulich machen 
konnte, Iliaden von Ahnungen und Spuk- 
geschichten , von Scbatzgräbereien und 
Teufelssagen , von der Passauer Kunst 
sich hieb - und schussfest zu machen 
und von allerlei unheimlichem Gesindel, 
Avic Wicbteln, Hojemannli etc. zu er- 
zälden, — unterhaltender Stoff für 
Eegentcige. 

Die Nahrung des Volkes besteht 
grösstentlicils aus Mehl-, Milch- und 
Schmalz-Si)cisen , etwa mit einem Zu- 
i;atz von Gemüsen : — Fleisch kommt 



auch beim wohlhabenden Bauern nur 
selten auf den Tisch. Die zum Dienst 
in die Stadt eingezogenen Eekruten aus 
dem Gebirgslande glauben anfangs ver- 
hungern zu müssen , bis sie sich an die 
keineswegs schlechte, derbe Soldaten- 
kost gewöhnt haben. 

Zum ersten Frühstück gibts fast nir- 
gends Kaffee, sondern eine substantiöse 
Suppe, ein Milch- oder Mehlbrei, ein Hafer- 
oder Nachfeseu-Mus oder ein ,,Grieskoch", 
— dem um 9 Uhr ein zweiter Imbiss aus 
Brod und Kartofifeln oder Brod und Milch 
folgt. Das Mittagsmahl ist wieder eine 
Mischung von Milch, Mehl, Mais (oder 
Türken), Käse, Kraut, Rüben, Kartoffeln 
oder Dürrobst- Gerichten, bei denen die 
fetten ,, Kücheln, Dampfnudeln u. Krapfen" 
den Stolz der bäuerischen Küche in ganz 
Altbayern ausmachen. Im Gebirge dient 
fette Milch als allgemeines Getränk und 
unter den Schmalz -Speisen spielen die 
,,Iletzer' und ,,Schmarrn" eine namhafte 
Rolle. — Vesper (3 Uhr Nachm.) und Abend- 
bi-od sind mehr oder minder Repetitorien 
der Frühstücks -Gerichte. Der Genuss des 
Bi-anntweins nimmt in verderblicher Weise 
überhand. 

Die Volkstracht besteht jetzt, 
wo sie bei den Männern nicht bereits in 
die halbstädtische ,, Hausknechttracht" 
(wie Riehl bezeichnend die Moderni- 
sirung des Bauernkostüms durch lange 
Hose, Taillenjacke und Mütze oder Filz- 
hut nennt) überging, aus der so kleid- 
samen praktischen Joppe (deren Ge- 
burtsheimath Tyrol ist) aus Loden ge- 
fertigt (der fast in jedem Hause selbst 
gewoben wird) — aus der freilich mehr 
und mehr abkommenden, das Knie frei 
lassenden, kurzen Lederhose, zu welcher 
dickwollene Wadenstrümpfe ('Lofeln, 
Beinhöseln) getragen werden und dem 
in den verschiedenen Gegenden sehr 
verschieden geformten, aber fast immer 
spitz zulaufenden Filzhut. Unter letz- 
teren hat sich der Miesbacher oder 
Miesbäcker, dunkelgrün mit niederem 
Gupf und breitem Rand zu ziemlicher 
Herrschaft aufgeschwungen, während 
man am Wetterstein Mannshüte sieht, 
deren Gupf spitz -hoch ist und eine 
kaum fingerbreite Krampe zeigt. — Die 
Tracht der Weiber variirt so ausser- 
ordentlich, von der unförmlichen, aus- 
gepolsterten , faltenreichen dachauer 
oder gloner Tracht bis zu der liebens- 



433 



Das Baj-erische Oberland. 



434 



würdig - sittsamen , ungemein alpin - an- 
rauthenden am Tegernsee und im 
Berchtesgadener Lande, dass alle ihre 
bezeichnenden Mittel - und Zwischen' 
formen hier aufzuzählen, der Raum 
fehlt, vielmehr auf Felix Dahns ein- 
lässlich specialisirende vortreffliche 
Arbeit in der ,,Bavaria" (siehe Fuss- 
note S- 428) verwiesen werden muss. 
Als auffallend sind nur noch zu er- 
wähnen die Bärenmützen der Weiber 
im Isar- (R. 39) und Loisach-Thal 
(R. 37), welche an die Kopf- Bedeckung 
der Vorarlbergerinnen erinnern. 

Das Haus des G ebirgsb auern 
steht zu dem der Ebene von Ober- 
bayern in dem gleichen Gegensatze, 
welcher Land und Volk in zwei so ver- 
schiedene Gruppen trennt. Das Ge- 
birgshaus ist durchaus malerisch, be- 
steht im Erdgeschoss aus Steinbau, in 
den oberen Stockwerken aus Holzbau, 
dessen sehr weit vorspringendes ab- 
geflachtes Dach mit Steinen belastet im 
Frontgiebel ziemlich allgemein in zwei 
scheeren- ähnliche Holzhaken ausläuft, 
zwischen denen ein kleines Kreuz Jeder- 
mann schon von Ferne zuruft, dass 
hier eine sehr Christ -katholische Fa- 
milie haust. Eine Gallerie oder Laube 
mit zierlich ausgesägter Brüstung läuft 
um das obere Stock-werk. In manchen 
Gegenden zieren sinnige angemalte 
Sprüche die Giebelseite (wie z. B. in der 
Jachenau). Unten im Erdgeschoss ist 
Küche, Stube und Stall, im oberen 
Stockwerk die ,, Kammer", das Schlaf- 
und Prunkgemach des Hausvaters und 
seines Weibes und die Nebenkammern 
für Kinder und Gesinde, 

In der meist ganz mit Holz getäfel- 
ten Stube schwebt an einem Bind- 
faden in der Mitte von der Decke herab 
ein sogen, heiliger Geist in Form einer 
aus Papier geformten Taube. Eine 
Ecke des Zimmers nimmt (selbst in 
jedem Wirthshause) ein angebrachtes 
Kruzifix ein, das, je nach dem Grade 
der^ Gläubigkeit mehr oder minder de- 
korirt, zu einer Art Haus -Altar ausge- 
bildet erscheint. Bänke laufen ringsum 
an den Wänden. Neben der Thür darf 



das kleine Becken mit dem geweihten 
Wasser nicht fehlen , und an der Thür 
prangen die Aafangs- Buchstaben der 
heil, drei Könige C f M f B sammt der 
Jahreszahl mit Kreide gemalt, ein un- 
trügliches Schutzmittel gegen alles über 
die Schwelle eindringen könnende oder 
wollende Böse; gewöhnlich hängt 
darunter das auf Rollen gespannte 
Handtuch. Den Ahorntisch umgeben 
dreibeinige Stühle und um den Ofen 
laufen oben Trockenstangen. Daneben 
die ,,Ofenbruck", eine Lagerstätte im 
Winter für Kranke oder für niedere 
Gäste. Die Schwarzwälder Uhr mit dem 
Kuckuck, diverse Wandkasten und ein 
aufgehängter Kalender vollenden das 
Wohnliche dieses Zimmers, dessen 
Fenster in alten Häusern, nicht selten 
noch durch runde in Blei gefasste 
Gläser erleuchtet werden. — Wem es 
vergönnt wird, einen Blick in die 
,,Kammer" eines Hauses von altem 
Schrot und Korn zu werfen , findet dort 
eine zweischläferige Bettstelle des 
Ehepaares, in Form eines Himmelbettes 
überdacht und mit allerlei frommen 
symbolischen Zierrathen bemalt. Ein 
riesiger Schrank birgt die Schätze der 
Hausfrau an Linnen, ihre Festtags- 
kleider und den dazu gehörenden Silber- 
schmuck, und in einer grossen Truhe 
werden die Familien -Erbstücke von 
Zinn etc. aufbewahrt. Vor dem Hause 
darf der silberklar laufende Brunnen 
mit dem aus einem Baume gehauenen 
Tränktrog nicht fehlen, den hie und da, 
in den warm gelegenen Thälern, ein 
baumartiger Fliederbusch überschattet, 
und grüne Zäune grenzen das Haus- 
gärtchen ein, welches nach einer Seite 
der Wohnung sich anschmiegt. 

Viehzucht und AI i 1 c h p r o d u k- 
tion ist die bedeutendste Nahrungs- 
quclle des Gebirgsbaucrn, die den 
Ackerbau, trotzdem er vielfach mög- 
lich wäre, doch in bescheidene Grenzen 
zurückdrängt. Es ist eben der allen 
Alpcnvölkern gemeinsam innewohnende 
Hang zTir Lässigkeit, der hier den Aus- 
schlag gibt. Daneben ernährt nament- 
lich den ärmeren Theil des Volkes die 



435 



34. Route: Der Stamberfifer oder Wurm -See. 



43ß 



Kraft und Muth in Anspruch nehmende 
Waldarbeit des Holzfällens und 
Herabbringens in di« Thäler. Man 
sehe, was später in dem Abschnitt 
,, Salzkammergut" nach E. 44 über die 
Holzknechte bemerkt steht. Auf vielen 
Gewässern wird das Holz geschwemmt, 
eine kostspielige (aber oft die einzig 
mögliche) Art des Transportes , der 
vielen Triftbauten und der zur Triftzeit 
eintretenden Sperre der Wasserkräfte 
halber. 

Mit dem Eindringen der Eisen- 
bahnen in die Nähe des Gebirges zieht 
auch die Industrie immer näher an 
die stillen Thäler heran und schon hat 
sie einige stattliche Vorposten aus- 
gestellt , wie z. B. die Spinnerei 
Kolbermoor (S. 529), die chemische 
Fabrik in Heufeld und einige andere. 
Ein alter Erwerbszweig der Haus- 
Industrie ist die in Berchtesgaden 
(R. 47), Partenkirchen und besonders 
Oberammergau (S. 464) seit Jahr- 
hunderten heimische Schnitzerei in 
Holz, Bein und Hörn, die vielfach an 
die verwandte Lokal - Industrie der 
berner Oberländer am Brienzer See und 
im Hasli-Thal der Schweiz, sowie die- 
jenige im Schwarzwalde erinnern und 
einen Beweis für die dem Gebirgsbauern 
innewohnenden Fähigkeiten ablegt. Lei- 
der fehlt es zum Theil noch an genossen- 
schaftlicher Selbsthülfe der naturalisti- 
schen Künstler ; der Einzelne ist immer 
noch auf den „Verleger" (d. h. Gross- 



händler, Exporteur) und seine Preise 
angewiesen. Ganz lokal ist die in 
Mittenwald (S. 502) ausgeübte Kunst 
der Geigenmacherei, wozu der grosse 
Meister Stainer im benachbarten Tyrol 
gegen das Ende des 17. Jahrh. die Ver- 
anlassung indirekt gab. 

Die Geschichte weiss wenig vom 
Bayerischen Hochlande zu berichten, 
wo sie nicht ganz speciell an den alten 
Klöstern und Stiften (Tegernsee S. 509, 
Benediktbeuern S. 445, Chiemsee 
S. 537 etc.), Burgen und Wallfahrts- 
orten (wie Berg Andechs S. 456, Ettal 
S. 460) haftet. Die beiden äussersten 
Landestheile Berchtesgaden (R. 47) 
und Werdenfels (S. 476), jenes eine 
reichsunmittelbare gefürstete Probstei, 
dieses eine dem Hochstifte Prei§ing ge- 
hörige Grafschaft, kamen erst 1810 an 
Bayern. 

Das Urtheil eines viel gereisten 
Kenners von Ländern und Völkern, 
J. G. Kohls, eines Nord -Deutschen, 
möge diese einleitende Skizze schliessen ; 
er sagt in seinen Hundert Tagen auf 
Reisen in den österreichischen Staaten : 
„In der That, dies bayerische Alpen- 
volk ist ein derbes germanisches Kern- 
volk, auf das wir Deutsche stolz zu 
sein die grösste Ursache haben. Ich 
glaube, dass man eine solche Grund- 
bevölkerung nicht in vielen Staaten 
auf der Erdoberfläche wiederfindet. 
Wahrlich, der Himmel hat hier das 
Seine gethan". 



(i 



Der Starnberger oder Würm-See. 
34. Route: Von München nach Starnberg und Penzberg. 



(Vergl. das Kärtchen auf dem Plan von München S. 299.) 

— Hier zweigt dieStarnbergerLiniei 
1. in grossem Bogen ab, setzt über die] 
Wurm (den Ausfluss des Stkrnberger 
Sees) , die im Sommer viel von Münch- 
nern des Flussbades halber besucht 
wird (weil ihr Wasser weicher und 
wärmer, als das der Gletscher ent- 
schmolzenen Isar ist), und passirt Wal- 
dung und die 



I. Eisenbahnfahrt: 

Eisenbahn: P.aycriscli e Staatsbahn. 
Nach Äiarn^err/ 4 Moil., tägl. 4 Züge, in 1 St. 
5 Min. bis IVi St. I. 1 fi. 12 kr. II. 48 kr. III. 
33 kr. — Nach Penzherg 81/2 ]\Ieil , tägl. 
4 Züge, in 23/4 St. I. 2 fl. 33 kr. II. 1 fl. 
42 kr. III. 1 fl. 9 kr. — Nach Weilheim 
71/2 Meil., tägl. 4 Züge, in 21/2 St. I. 2 ü. 
15 kr. II. 1 fl. 30 kr. III. 1 fl. 3 kr. 

Von Miiiicheu nach Pasiii^(S. 241) 

die glciclic Bahn wie nach Augsburg. 



437 



34. Monte: Von München nach Starnberof und Penzher^. 



(2 Meil.) Stat. Planegg. Aus dem 
Fenster r. erblickt man das weithin be- 
rühmte Wallfahrtskirchlein Maria Eich. 

Das wunderthätige Marienbild wird \on 
dem Stamme einer Eiche umschlossen, deren 
Rinde um dasselbe herausgewachsen ist. 
Die Kirche überdacht den Stamm , dessen 
Zweige einst lustig darüber hinausragten, 
bis der Blitz sie zerschmetterte und man 
das Kirchendach schloss. 

An den Marienfesten zieht ganz 
München hinaus „in die Eich", und es 
entfaltet sich ein weltlich -frohes Leben 
im Walde und auf dem breiten Wiesen- 
plan vor dem Kirchlein. — Folgt Stat. 
Gauting , einst Aufenthaltsort des be- 
kannten wunderlichen Touristen Frei- 
herrn V. Hallberg, f 1864, der sich in 
seinen Schriften den Eremiten von 
Gauting nannte. Unmittelbar vor der 
nächsten Stat. Mitfilthal öffnet sich 1. 
ein Avahrhaft reizender Blick in die 
Waldeinsamkeit des grünen Würm- 
Thales; unten liegt malerisch an einem 
rauschenden Wehr die Reismühle , in 
welcher die Sage Karl d. Gr. geboren 
sein lässt (man vergl. S. 260 die bild- 
liche Darstellung dieser Sage auf Hohen- 
schwangau). Hinter der Station hat 
die Bahn die höchste Steigung erreicht 
und fährt nun rasch hinab zum Bahnhof 

(4 Meil.) Starnberg. 

Gasthöfe: --^Am See, elegant, neu. — 
Post. — Bei Pellet. — ■•' Tutzinger Hof. 

Dorf am Würmsee, der nach ihm 
jetzt mehr „Starnberger See" genannt 
wird, mit altem, weitläufigem Schloss, 
ehemals Burg der Starnberger , jetzt 
Sitz des Landgerichtes und Rentamtes, 
verdankt es seinen jetzigen Aufschwung 
der höchst freundlichen Lage, die es den 
Münchnern als Sommerfrische unent- 
behrlich macht. In der Tliat ist es im 
Hochsommer derartig überfüllt, dass 
trotz zahlreicher Neubauten und trotz- 
dem, dass Starnberg nicht so viel Reize 
bietet, als andere Orte am See, selten 
mehr Wohnungen zu finden sind. 

Fremden, dio einige Wochen an dem 
herrlichen See zubringen wollen, sind nach- 
stehende Punkte namentlich zu längorem 
Aul'enthalte zu empfehlen: 

1) am westlichen Ufer: Feld- 
afing (S. 444), Tatzing (S. 44:5) (Bern- 
ried ist schon einsam und still); 



2) am östlichen Ufer: Leoni 
(S. 441) und Ammerland (S. 442). 

In Starnberg ist häufig auf ein 
Nachtquartier nicht mit Sicherheit zu 
rechnen , wenn man nicht vorher ange- 
fragt. Wohnungen erfährt man bei 
Herrn Bürgermeister Rupprecht. 

Der Bahnhof liegt unmittelbar am 
See und man hat deshalb 1., gerade vom 
Bahnhof aus, einen herrlichen Blick über 
die ganze Wasserfläche , welche durch 
die Rieseumauer der Alpen abgeschlossen 
wird. Der Zug hält lange genug, um 
aussteigen und die Aussicht ruhig ge- 
niessen zu können. 

Das Dampfschiff landet dicht am Bahn- 
hof und fährt gewöhnlich nicht vor Ankunft 
des Zuges ab (vergl. S. 439). — Eine Dampf - 
boot fahrt um den See (S, 439) lässt sich 
mit einem etwaigen "Weiterfahrten- Projekt 
ins Gebirge über Penzberg (S. 445) oder 
Weilheim (S. 458) nicht gut verbinden , da 
man die Post- Anschlüsse an diesen Orten 
versäumen würde. Rathsamer ist es daher, 
dem See und seinen Ufern einen halben 
oder einen ganzen Tag zu widmen, Abends 
nach München zurückzukehren, und erst am 
nächsten Tage die Weiterfahrt per Bahu 
nach Peissenberg (S. 457) oder Murnau (S- 
470) anzutreten. 

Der Zug fährt unter der Villa des 
Prinzen Karl von Bayerii vorüber und 
verlässt das unmittelbare Ufer des Sees, 
an dem jetzt eine Reihe von Villen 
reicher Münchner liegen, von denen 
Noe in seinem Seebuche sagt: „Dieses 
Ufer sieht aus , wie das Schaufenster 
eines oberammergauer Spielwaaren- 
händlers. Wie aus Cigarrenkistchen 
zusammengeschnitzt stehen die win- 
zigen Wohnungen zwischen farbig an- 
gestrcuten Wegen, Moos, künstlich ge- 
zogenen Bäumchen und den unvermeid- 
lichen Kapellen und Einsiedeleien". 
]^[an sieht in die Gärton der Landhäuser 
hinein. Drüber hin blitzt zuweilen der 
breite blaue See herauf, au dessen öst- 
lichem Ufer Waldberge terrassenartig 
sich aufbauen. Da drüben liegt aucli 
Schloss Berg, Lieblingssitz des jetzt 
regierenden Königs Ludwig II. (^S. 441 ). 
Die Kirche oben auf der Höhe, wclclie 
die ganze Oegcnd beherrscht, lieisst 
„AuJ'kii-chcn^\ — Es ful>^on nun die 
Stat. Possenho/en (S. 441), IVJdnfhig 



439 



34. Route: Der Stanilberirer oder Wurm -See. 



440 



(S. 444) und Tutzing (S. 443) ; die Orte 
selbst, stets 10 bis 15 Min. von der 
Bahn entfernt, sind alle ausführlicher 
beschrieben in der unten folgenden 
Dampfbootfahrt. 

Hinter Tutzing zweigt r. die B ahn 
nach Weil hei na und Peissenberg ab 
(R. 34). Die Penzberger Linie 
läuft vom See entfernt über Bernried, 
an der Villa des Ministers v. d. Pfordten 
,, Seeseiten'-' vorüber nach 

(7 Meil.) Seesliaiipt(S. 443), wo sie 
den See verlässt, um durch ein sumpfiges 
Terrain, in w-elchem eine Masse kleiner 
Seen und Lachen das Vorhandensein 
eines einstigen grösseren Sees andeuten, 
über Staltach das Ende der Bahn: Penz- 
berg zu erreichen. 

(8V2 Meil.) Peiizberg" hat grosse 
Kohlenwerke, dem Baron v. Eichthal 
gehörig. Beim Aussteigen überrascht 
die Nähe der Alpen, in deren Vorbergen 
man sich bereits befindet. 

Weiterreisende mögen beförderlichst auf 
dem Bahnhof gleich die Billets nach Kochel 
lösen (siehe R. 35) und dann das Abfahren 
des Postomnibus ruhig, im Wirthshause 
frühstückend, abwarten. Der Omnibus fährt 
dort vorüber und hält, um die Passagiere 
aufzunehmen, an. 

li. Dampfbootfahrt: 

Das Dampfschiff „Maximilian", das 
beim Bahnhof in Starnberg (S.437) vor 
Anker liegt, macht im Hochsommer tägl. 
zwei Rundfahrten um den ganzen See, u. 
zwar im Anschluss an die von München 
kommenden Züge, so dass selbst Der- 
jenige, der München erst Mittags ver- 
lässt, noch die Rundfahrt um den 
ganzen See bequem machen und Abends 
wieder in München sein kann. Ausser- 
dem eine Vormittags- und eine Nach- 
mittagsfahrt an dem unteren See. 

Taxe der Rundfahrt: I. 1 fl. 24 kr. 
]I. 4S kr. Dauer 41/2 St. 

SchifTertaxen für Ruderboote: Von Starn- 
berg nach Jlerg (1 bis 4 Pcrs.) 24 kr. — 
Le.emi '6G kr. — Allmannshausen 48 kr. — 
Ammerland 1 fl. — Tutzing 1 fl. — FeXdafing 
48 kr, — Possenhofen .'Jß kr. lieber den'See 
nach gegenüberliegenden Punkten ISO kr. 

Ein Bad kostet kr., init Handtuch 
i) und 12 kr. Preise, die sich am ganzen 
See gleich bleiben. 



Ueber dem See, den man hier in 
seiner ganzen Länge (Sy, St.; Umfang 
13 V2 St., grösste Tiefe 840 Fiiss, In- 
halt 10,900 Tagwerk) übersehen kann, 
baut sich das Panorama der Alpen bei 
günstiger Beschaffenheit der Luft in 
wunderbarer Klarheit auf. 

Geradeaus im SW. sieht man, wie das 
mächtige Wetterstein - Gebirge (S. 472) 
in seiner höchsten Erbebung „der Zug- 
spitz" schroff abstürzt. Mehr 1. treten 
die Spitzen des Heimgartens und Her- 
zogenstandes (S. 450) hervor, an denen 
ganz deutlich das tiefe Thal, in welchem 
der Kochelsee (S. 447) eingebettet liegt, 
sich abzeichnet. Ebenso charakteristisch 
sind die schönen Linien der Benedikten- 
wand und die Einsattelung des Kessel- 
berges, hinter dem der Walchensee 
(S. 449) liegt, und die schroffen und 
furchtbaren Zacken des Karwendel- 
Gebirges, Das Gebirgspanorama bleibt 
übrigens während der ganzen Fahrt 
sich ziemlich gleich , dagegen bieten die 
in buntester Abwechselung folgenden 
Uferbilder die freundlichsten Ueber- 
raschungen. Das Schiff fährt am west- 
lichen Ufer des Sees hinauf an einer 
Anzahl von Villen reicher Münchner 
vorüber, deren vom Volkswitz gegebe- 
ner Spitzname ,, Protzenhausen" trotz 
der offiziellen Bezeichnung ,,Nieder- 
pöclcing'' immer noch sich erhält. 

Oben am Berge die Villa des Prinzen 
Karl von Bayern^ dann unten r, mehre 
Villen, von denen die des Advokaten 
Simmerly Professor v. Schwind (in ihrer 
Waldeinsamkeit wie aus dem Märchen 
der sieben Raben des Künstlers hin- 
gezaubert), Privatier v. Boyen, Hofmaler 
V. Kotzebue , Erzgiesserei - Inspektor 
V. Miller (S. 395) (eine der schönsten 
am See), Ritter Mayer v. Maycrfcls 
(überraschend durch die Fülle der 
gothischen Spielereien; hier hält dasJlj 
Dampfschiff an der sogen, Stat. Nicder'^\ 
iwclcinyj , Maler iJürlc und endlich des 
Kaufmanns Angclo Knoo-r , letztere mit 
prachtvollen Gartenanlagen, die be- 
deutendsten sind. 

Hinter dieser beginnt schon der 
Park des dem Herzog Max in Bayern 



i 



441 



34. T.oxdz: Der Starnber^rer oder Wurm- See. 



442 



gehörigen und von seiner Familie im 
Sommer immer bewohnten Schlosses 
Posseuhofeu , m^o die jetzige Kaiserin 
Elisabeth von Oesterreich und die Kö- 
nigin von Neapel (bekanntlich beide 
bayerische Prinzessinnen) ihre Jugend- 
jahre verlebten und auch noch jetzt 
häufig dort auf Besuch bei ihren Eltern 
verweilen. Vom See aus sieht man nur 
die Ringmauern; das alte aber statt- 
liche Gebäude selbst Hegt im Schoosse 
seiner Park - und G-artenanlagen etwas 
vom Ufer ab. — Prachtvolle alte Eichen. 

Aussteigende können von hier einen 
köstlichen Spaziergang entweder durch 
den Wald hinauf (durch die Wolfs- 
schlucht) nach Feldafing machen, wo 
das*6asthaus mit Terrasse die schönste 
Aussicht über den ganzen See bietet, 
oder durch die wohlgepflegten Anlagen 
gehen, welche von hier bis Tutzing sich 
erstrecken. (Man vergleiche, was Noe 
in seinem bayerischen Seebuch darüber 
S. 479 sagt.) 

Das Schiff verlässt das westliche 
Ufer und fährt quer über den See hin- 
über. Man sieht 1. vor sich das ScIlloSS 
Berg, den Lieblingssitz des jetzt regie- 
renden König Ludwig II., dessen 
reiche künstlerische Ausstattung leider 
nicht besichtiget werden kann (ein 
Salon z. B. ist •mit den berühmten 
Schiller-Kartons dckorirt, welche Kaul- 
bach allein für König Ludwig II. malte, 
und die nie ins Publikum gekommen 
sind). Bei Anwesenheit des Königs 
weht auf dem Schlossthurm die könig- 
liche Flagge. Hinter dem Schlosse 
das ,, Gasthaus zum Gemüthlichen bei 
Wiesmayer" mit prächtiger Aussicht 
auf den See und lobcnswerther Küche. 
Ueber Schloss Berg oben auf der Höhe 
der weithin schauende Kirchthurm des 
Wallfahrtsortes Avfkirchen (*Wirtlis- 
haus mit lohnender *Aussicht auf die 
Alpen). 

Das Schiff landet in 

Leoili (Wirthshaus), 1. ein langes 
niedriges Gebäude, die * Pension Schi- 
mon, Allen, welche einige Wochen in 
angenclimer Gesellscliaft und belmg- 



licher Umgebung am See verträumen 
wollen, zu empfehlen. 

Oberhalb Leoni die ''^' RottmamisliöhCf 
Lieblingsplatz des berühmten Land- 
schafters gl. N. (vergl. S. 378), 
mit ^Aussicht. Hier wurde 1858 jenes 
berühmte Fest der münchner Künstler 
gefeiert, das Hackländer in dem Roman 
Tannhäuser so schön geschildert hat. 
Wenn das Schiff Leoni verlassen hat 
und nun südlich steuert, sieht man die 
eben diesem Schriftsteller gehörige 
Villa Haidhaus , bei der stolz die 
würtembergische Flagge weht. Dann 
folgt ein Bauernhaus, dessen ländlichem 
Aeusseren man nicht ansieht, welche 
Kunstschätze es birgt. Es ist die ehe- 
malige von Himhselsche (jetzt Frommei- 
sche) Besitzung, deren Stiegenhaus 
durch prachtvolle Wandmalereien von 
Kauibach, Schorn, Rotlmann, Zimmer- 
mann, Dürk und Ascher ausgeschmückt 
wurde. — Folgt das dem Grafen v. 
Rambaldi gehörige Schloss Allmanns- 
hausen (Wirthshaus), dann das dem 
bekannten Dichter und Zeichner Grafen 
Pocci gehörige Schloss Ämnierlandj 
einst Asyl des Grafen v. Lavalette, der, 
ein treuer Anhänger Napoleons und 
einst sein Generaldirektor der Posten, 
hier Schutz vor der Rache der Bour- 
bonen suchte und fand. 

Dann Stat. Allimerlaud (vortreff- 
liches *Wirthshaus) und die Villa 
Daheim, deren Besitzer und Besitzerin- 
nen oft wechselten. 

Schon von der nächsten Stat. Äni- 
hach (im Wirthshaus gute Fische) ab 
werden die Ufer des Sees schattenlos 
und dürftig, Wälder und Hügel treten 
zurück und lassen trostlosen ]Moor- 
streckcn, hier ,, Filze" genannt, Raum. 
Dafür tritt aber das Gebirge im Hinter- 
grund immer mehr und mehr aus seinem 
duftigen Schleier heraus , die Züge 
werden formiger und gehenauseinandi i . 
die Umrisse des Ilcrzogenstand, Heini- 
garten und Ettnleruüuuil zeichnen sirh 
scliärfer ab, und au der Benediktenwand 
erkennt man ganz deutlich die Schiucli- 
ten und Runsen. Im Hintergrund der 
oberston Scebucht, welclie das Dampf- 



443 



:^4. Eoute: Der Starnberfirer oder Wurm -See. 



444 



schiff abschneidet, ruht in tiefer Ein- 
samkeit das Wallfahrtskirchlein St. 
Heinrich^ schon im 11. Jahrh. die Ein- 
siedelei eines Grafen Heinrich v. An- 
dechs-Wolfrathshausen. Der Dampfer 
landet in Seesliaupt (nahe am Ende 
des Sees; — Wirthshaus einfach) und 
wendet sich dann wieder nördlich, um 
am rechten (westlichen) Ufer unweit der 
Villa des ehemaligen Ministers v. d. 
Pfordten, Bernried zu erreichen, 
liier das Schloss eines anderen bayeri- 
sehenDiplomaten, desPreiherrn v.Wend- 
land, welches bis 1803 ein Kloster war, 
vor grauen Jahrhunderten berühmt als 
der Aufenthalt der sei. Klausnerin 
Herluca , der grössten Seherin und Ge- 
lehrten ihres Jahrhunderts, t 1142. Ein 
Kreuz im Kirchenpflaster bezeichnet 
noch heute den Kuhepiatz ihrer Ge- 
beine. Hinter Bernried passirt man 
den Karpfcmoinlcel ^ eine Ausbuchtung 
des Sees , der hier seine grösste Breite 
(1 V4 St.) erreicht; hier ist zugleich an- 
4;eblich die Geburtsstätte der manchmal 
recht schlimmen Stürme des Sees. 

Das Schiff landet bei 

Stat. Tutzingj einer uralten, bis ins 
11. Jahrh. dem Kloster Benediktbeuern, 
seit dem 30jährigen Kriege dem Grafen 
Vieregg gehörigen und in neuester Zeit 
an den Buchhändler Hallberger aus 
Stuttgart übergegangenen Besitzung. 
Eine kleine halbe Stunde oberhalb des 
Dorfes Oherzcismering liegt die sogen. 
*IlkasllÖIie (nach Grätin Ilka v. Vier- 
ogg, jetzige Fürstin Wrede, getauft), mit 
überraschender Aussicht auf See und 
Gebirge, einer der lohnendsten Punkte. 
Dann an dem Waldschlösschen Garats- 
limisen (Herzog Ijudwig in Bayern ge- 
hörig) vorüber und nun immer im An- 
gesicht der herrlichen Parkanlagen, 
welche der verstorbene König Maxi- 
milian H. lierst eilen Hess, um an dieser 
schönsten Stelle des Sees ein grosses 
Schlrss zu bauen. Unmittelbar bei der 
Koseilinsel, dem König gehörig und 
sein liebster Aufenthalt, die tiefste Stelle 
des Sees (840 F.). 

IJoi Anweseiihoit des Hofes in Berg ist 
zu derselben Jedermann der Zutritt ver- 



schlossen , und sonst auch nur gegen eigene 
vom Hofmarschall- Amt in München ertheilte 
Erlaubnisskarteu zugänglich. 

In frühesten Zeiten soll dort ein 
heidnischer Tempel gestanden sein, 
später eine hochberühmte Wallfahrts- 
kirche, deren Besuch so stark war, dass 
zwei Brücken von; Ufer her geschlagen 
werden mussten ; man sieht heute noch 
deren Ueberreste. Jetzt erhebt sich in 
Mitte der reizendsten Anlagen und eines 
seltenen Rosenflores eine kleine Villa 
im pompejanischen Styl, die man unter 
dem dichten Laubwerk kaum gewahr 
wird. Die Umgebung der Roseninsel 
ist angeblicher Ernfeplatz für Pfahl- 
bauten-Forscher. Auf der Höhe breitet 
sich die beliebteste Sommerfrische der 
Münchner , Dorf Feldaflll^ aus (vergl. 
S. 437). 

Das Gasthaus dieses Ortes mit 
seiner aussichtreichen Terrasse ist der 
Ausgangs- oder Endpunkt meist aller 
Partien , die am See gemacht werden. 
Unten zeigen sich die zinnengeschmück- 
ten Mauern von Possenhofen (S. 441); 
der Dampfer passirt dann wieder die 
lange Reihe von Villen Niederpöckings 
(S. 440), vor denen Abends meist 
ein reges Leben herrscht, und landet bei 
seinem Ausgangs -Punkt am Bahnhof 
in Starnherg (S. 437). Für Jeden, der 
den Starnberger See zum Erstenmal be- 
sucht , ist diese Rundfahrt im hohen 
Grad empfehlenswerth. 

Wer die Reize dieser Landschaft näher 
kennen lernen will und ein paar Stunden 
Wanderung nicht scheut, der kann einen 
Reisetag nicht schöner ausfüllen , als wenn 
er folgender Anweisung folgt: 

Mit dem ersten Zug von München nach 
Starnberg, Tour- und Rotourbillet und mit 
dem Dampfer oder Kahn nach Leoni. Von 
da zu Fuss zur Jiottmannsfiöhe (S. 442), wieder 
herunter und Bad im See , eventuell Früh- 
stück zu Leoni. — Dann unten am See hin 
vorbei an der Villa Ilackländer (S.442) zum 
Jlimbsel- Flaus (S. 442), dort wird man nach 
vorhergängiger Anfrage die Kaulbachschen 
Fresken besehen und weiter über Schloss 
AllmannsJiausen (S. 442) nach Ammerland 
(S. 412) gehen. Hier bestelle man sofort das 
Mittagessen und vergesse dabei die Renken 
nicht (eine sehr wohlschmeckende, dem Starn- 
berger See eigene Fischsorte). Man dinire 
womöglich am See im Freien und stosse 
sich nicht an die frühe Stunde (11 bis 12 Uhr), 



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445 35. noute: Alte Poststrasse von München nacli Innsbruck. 



446 



da man seine Zeit am Nachmittage vollstän- 
dig braucht. Unmittelbar nach Tisch fahre 
man hinüber nach dem Karpfenwinkel (S. 443) 
am Fuss der Ilkashöhe (S. 443), besteige 
diese und gehe von Tutzing in I1/2 St. durch 
die prachtvollen Anlagen nach Feldaflng 
(S. 444), VTö man den Kaffee oben auf der 
Terrasse nehmen kann. Dann in Va St. 



durcli den Wald nach Possenhofen und von 
da am besten im Kahn an den Villen 
von Niederpöcking vorbei , in einer kleinen 
halben Stunde nach Starnberg, wo man 
immer noch Zeit hat, vor Abgang des letzten 
Zuges nach München auf der Terrasse des 
„Hotels am /See" eine Erfrischung zu sich zu 
nehmen. 



35. Route: 



Der Kochei- und Walchensee. 

Alte Poststrasse von München nach Innsbruck, 



(Vergl. beikommend 

Von München Eisenbahn nach 
Penzberg (s. S. 436 bis 439). InPenz- 
berg kommt man (bei Benutzung des 
ersten von München abgehenden Zuges) 
gegen 9V2 Uhr Vorm. an, und fährt am 
besten, da der Weg von hier bis Kochei 
durchaus nicht lohnend zum Gehen ist, 
gleich mit dem Postomnibus in 2 St. 
über Eichel und Tost Lairagruben nach 
Kochei. Der erste Ort, den man auf 
der neuen ziemlich schlechten Strasse 
erreicht, nachdem man bei Rain über 
die hier sehr langsam fliessende Loisach 
gefahren, ist Dorf Bichel (Löwe)^ 
der sehr beliebte Aufenthaltsort für die 
Badegäste von Heilbrunn. Das Wasser 
der eine gute Stunde auf der Strasse 
nach Tölz entfernten, äusserst kräftigen 
Jodquelle (nicht zu verwechseln mit der 
zu Krankenheil, S. 495) wird zum Trin- 
ken und Baden jeden Morgen frisch 
hierher geschafft. 

Von Bichel nach Tolz: Poststrasse an 
Bad Heübrumi (der Besitzer, Herr v. Dehler, 
hat erst iinlängst eine Trinkhalle erbauen 
lassen) und dem unbedeutenden Slallauer 
See vorbei, in 31/2 St. nach Tölz, 1 St. vor 
Tölz das noch bedeutendere Bad Krankenheil 
mit einer der stärksten Jodquellen. (Näheres 
S. 495.) 

Von Bichel in Vg St. nach Bene- 
«liktbeuern (Wirthshaus Zur Post. — 
Zur Benediktenwand 1. von der Strasse 
abgelegeu). R. sieht man die Gebäude 
des uralten Klosters Bcncdiktbeuern, 
das 740 von den drei Grafen Landfried, 
Waltram und Eliland gestiftet wurde, 
und einen der llauptbrennpunkte bil- 
dete, von dem aus sich Christenthum 1 



Karte.) 

und Kultur über die damaligen 
Wüsteneien der Bayerischen Hochebene 
verbreiteten. — Das Kloster, nachdem 
es sich zu hohem Glanz und Reichthum 
erhoben hatte, wurde 1803 säkularisirt 
und von dem bekannten Jos. v. ütz- 
schneider zu seinem optischen Institut 
erworben , wo Reichenbach und Fraun- 
hofer Jahre lang die berühmten Gläser 
für optische Zwecke verfertigten. Nach- 
dem die Anstalt nach München (1819) 
verlegt worden war , richtete der Staat 
daselbst einen Fohlenhof ein und 1869 
wurde die Veteranenanstalt und das 
Invalidenhaus von Donauwörth und 
Fürstenfeld bei Brück ebenfalls dahin 
übergesiedelt. 

Von hier ist die Benedikteiiwand mit 
Führer in 4 bis 5 St. über die Koldstatt- und 
Hausstall - Alpe zu besteigen. Doch lohnen 
die benachbarten Aussichtä-Punkte, wie z.B. 
Herzogstand (S. 450) und Krottenkopf bei 
weitem mehr die Anstrengung. 

Hinter Benediktbeuern beginnen die 
grossen Moore des Haselmoos , welches 
allmählig in den Bohrscc und Kochel- 
see übergeht. Jedenfalls dürfte die 
ganze Gegend früher zum Bett des 
Kochclsees gehört haben. Diese 
Äloore sind für den Unkundigen sehr 
gefährlich und noch heute bedienen sich 
die Bauern, welche sie durchwandern 
müssen, eigenthümlicher Ilolzklappern, 
um das Ungeziefer (Kupfernattern etc.) 
zu verscheuchen (Xoe , VoralpcnJ. Aus 
dem Moor heraus schleicht träge und 
langsam die frülier so wilde Loisach, 
welche ihre ganze Ungebundenheit im 
Kochelsee vergessen hat. L. die Aus- 



447 



35. Route : Der Kochel - undWalchensee. 



448 



läufer der Benedikten wand ; die Berge 
des Kochelsees treten näher heran, 
und endlich wird (iV^ St.)Dorf Kochel 
erreicht , während man den See noch 
nicht sieht, weil ein Hügel zwischen 
ihm und dem Dorf liegt. 

Einfaches Wirthshaus von Firk. 5 Min. 
weiter das * Bad Kochel, ist lobenswerth 
(es ist eine natronhaUige Quelle mit schönen 
Bade- und Logirhäusern , auch Pension bei 
längerem Landaufenthalt). 

Der Kochelsee, 1863 F. üb. M. 
liegend, V/^ St. lang, 1 St. breit und 
252 F. tief, wird im Süden von den 
hohen Wänden des Jochberges, des 
Herzogstandes (5427 F. üb. M.) und 
des Heimgartens (5527 F.) umgeben u. 
läuft gegen Norden in den Rohrsee und 
die eben erwähnten Moorflächen aus. 
Er ist bekannt durch sein mildes, 
schönes Wasser. Seinen Zufluss erhält 
er durch die Schneewasser der Zugspitz, 
welche die Loisach in so wunderlicher 
Krümmung hineinträgt, dass schon die 
alten Benediktiner dieselben durch einen 
Kanal abschnitten, hauptsächlich des- 
halb, damit die grosse Masse des Trift- 
holzes , von der früher Tausende von 
Blöcken im See versanken, diese Krüm- 
mungen jetzt gar nicht mehr zu passiren 
braucht. Zwischen dem Jochberge und 
dem Herzogstande liegt der Eiegel des 
Kesselberges, über welchen die alte 
Poststrasse läuft. — Ein Blick auf 
diesen Pass wird es erklärlich machen, 
dass der Kesselberg eines von den 
Thoren ist, durch welche der Föhn mit 
rasender Gewalt sich ins Flachland 
stürzt und den sonst ganz harmlosen 
See so furchtbar aufwühlt, dass man oft 
schon den Wasserstaub der wüthenden 
Wogen für Rauch gehalten und geglaubt 
hat, das drüben über den See liegende 
Schlehdorf brenne von Neuem ab. Ur- 
sprünglich war dasselbe ein Augustiner- 
stift, das 907 von den Hunnen zerstört, 
1140 von Neuem erbaut, anno 1846 
gänzlich ein Raub der Flammen wurde. 
Das Dorf steht jetzt in modernen, land- 
schaftlich unschönen Häusern neuerbaut 
wieder da. 

Exkursionen von Kochel: AufdieWind- 
hütte, -woselbst instruktiver Ucberblick über 



den See. — In ^k St. über den See nach 
Schlehdorf. — Sehr beliebte Fahrt zum 
Müller am Joch, welcher durch den vor- 
springenden Felsen des Herzogstandes, ,,die 
Nasen" (Echo), ganz vom Nordufer des Sees 
abgeschnitten ist. — Ferner über (1 St.) 
Schlehdorf lohnender Weg zum Oekonomie- 
gut „Greut" und von da (4 St.) über 
Schwaiganger (kgl. Militär-Fohlenhof (S. 471) 
nach Ohlstadt (1 St.) und Eschenlohe (S. 471) 
auf die nach Partenkirchen führende Strasse. 
— Den Hohen Heimgärten (5527 F. üb. M.) 
kann man von den Schlehdorf er Felsenkellern 
in 4 St. mit Führer, beschwerlich durch die 
Haselrisslahn, oder über den Röttelstein, 
zwischen den merkwürdigen Thorsäulen 
durch zur Käser- Alpe, und von da in 1 St. 
zum Gipfel ersteigen. '''Aussicht über das 
ganze Flachland und die Wetterstein- und 
Karwendel-Gebirge. Hinunter entweder zum 
Walchensee (S. 449), oder über die Käser- 
Alpe und den Schwarzreingraben nach Ohl- 
stadt und 31urnau (S. 470) , oder aucli 
über den Grat hinüber (nur für Schwindel- 
freie) auf den Herzogstand (S. 450) und den 
bequemen Reitweg nach Urfeld hinunter. 

Wer den Postomnibus (der nach 
VaStündigem Aufenthalt weiter über den 
Kesselberg längs des Walchensees 
nach Mittenwald führt) nicht benutzen 
will, beginnt von Kochel aus seine 
Fusswanderung. Zum Kesselberg 
und Walchensee kann man viel ab- 
schneiden , wenn man entweder mittels 
des Fusspfades am Steinbruch vorbei r. 
vom Bad die grosse Biegung der Strasse 
vermeidet, oder noch besser unterhalb 
des Bades sich quer über den See setzen 
lässt (Schiffer im Bad mitzunehmen), 
wo man noch dazu ein Bild vom ganzen 
See erhält. , 

Die Strasse steigt zuerst in sanften 
Windungen den Kesselberg hinan. R. 
oben die schauerlichen Wände des Joch- 
berges. Bevor die Strasse sich hebt, 
zeigt 1. ein Wegweiser zu dem 5 Min. 
entfernten , ziemlich unbedeutenden 
Wasserfall eines vom Jochberge herun- 
terkommenden meist sehr kleinen 
Baches, der allenfalls nur durch die 
eigenthümliche Formation seiner Um- 
gebung Interesse hat. Die Strasse 
steigt zum Theil sehr steil in Win- 
dungen an; fortwährend schöne Rück- 
blicke auf den Kochelsee, die sich so- 
gar später bis zu dem in weiter Ferne 
schimmernden Starnberger See aus- | 
dehnen. — Bald kündet r. das Rauschen 



440 35. Heute: Alte Poststrasse von München nach Innsbruck. 



45a 



die hübschen Wasserfälle des Kessel- 
haches an, der, weiter oben in ziem- 
licher Stärke unmittelbar aus dem Boden 
hervorbrechend, ein Ausfluss des Wal- 
chensees sein soll, ähnlich, wie der 
Gollinger Wasserfall ein solcher Abfluss 
vom Königssee ist. Der Fusssteig r. 
führt zum untersten und vereinigt sich 
beim obersten Wasserfall wieder mit 
der Strasse, doch hat man von der 
Strasse fast das nämliche Bild der 
Fälle, y^ St. ruhigen Steigens bringt 
den Wanderer, nachdem das Rauschen 
des Wassers verklungen, zu einer stei- 
nernen Tafel, die die Geschichte dieses 
einst so wichtigen, jetzt verödeten 
Strassenbaues (vollendet 1492) in 
schlichten Reimen erzählt, welche 
schliessen : 

Von München Hainrich Part erdacht. 

Den s. m. (Saumweg) dadurch hart gemacht. 

Nun noch drei bequeme Steigungen 
des Weges und mau hat die Höhe des 
Kesselberges (2741 F.) erreicht, und 
befindet sich auf der sogen. Platte 
f, Absätz"; — nach wenigen Schritten 
erschliesst sich der Niederblick auf das 
gewaltige Becken des Walchensees, 
rings eingeschlossen von hohen, düstern 
Waldbergen, hinter denen im Süden 
noch die Zacken des Karwendel auf- 
steigen und das erhabene Bild ab- 
schliessen. Unmittelbar zu Füssen liegt 
der Weiler Urfeld; rasch hinab zu dem 
bequemen Pavillon des guten Wirths- 
hauses ,,Zum Jäger am See". Genuss- 
volle Aussicht. 

Der einsame Walchensee, eines 
der grossartigsten Gebirgsbilder im 
Bayerischen Hochland (2464 F. üb. AI , 
2 St. lang, 1V2 St. breit, 672 F. tief, 
7 St. im Umfang), liegt 600 F. über dem 
Kochelsee, von diesem nur durch den 
niedrigen Rücken des Kesselberges ge- 
trennt, woher auch die sagenhafte Be- 
fürchtung und Prophezeiung: „Der 
Walchensee werde ausbrechen und die 
ganze Niederung sammt München er- 
säufen". — Thatsächlich ist, dass 
früher in München in der heil. Grab- 
kapelle Gebe:e zur Abwendung dieses 

Beilepsih' Süd-Deutsclil(iud. 



Unglücks verrichtet wurden. L. un- 
mittelbar neben Urfeld sinkt der Esels- 
herg , ein Vorsprung des Jochberges, 
steil in den See ab ; r. hat die Strasse 
kaum so viel Raum, sich unter den Ab- 
hangen des Herzogstandes und des 
Heimgarten hindurch zu winden. (Bei 
einer Kahnfahrt sieht man, wie un- 
mittelbar das Ufer in unergründliche 
Tiefen abfällt.) Im Süden steigen übei- 
die stillen Höhenzüge des waldigen 
Altlachberges und HocKko'pfes , die den 
See vom Isar- Thal trennen, die schroffen 
Zacken des Karwendeis, dem sich mehr 
westlich das W^etterstein- Gebirg an- 
schliesst, von welch letzterem die Drei- 
Thor s'pitz deutlich hervortritt. Gerade- 
aus sieht man über den See hinweg die 
Häuser und das Kirchlein vom Dorf 
Walchensee an einer Seebucht liegen. 
Der von Süden kommende Wanderer 
ahnt nicht, welche ernste Majestät eines 
unvergleichlichen Alpenbildes hier am 
nördlichen Punkt sich erschliesst. Im 
Dorf Walchensee sieht man vom Kar- 
wendel gar nichts, wer also nicht weiter 
gen Süden wandern will, hat in Urfeld 
das Schönste gesehen, was der Walchen- 
see bietet. 

Exkursionen : Von Urfeld in die Jachenan. 

Fahrweg über Sachenhach in 2 St. Das lang 
hingestreckte Thal der Jachenau bietet Dem- 
jenigen, der Volksleben, Sitten undGebräuclie 
keunen lernen will, Interessantes, — dagegen 
dem landschaftlich -geniessendeu Touristen 
wenig. Der Weg durch die Jachenau (4 Sf.) 
nach Länggries (S. 408) ist ermüdend, und 
gewährt landschaftlich wenig. Dasselbe gilt 
von dem Reitwegr, der von Jachenau in 3 St. 
na.ch Vorder- Riss (S.500) insIsar-Thal führt. 
Dagegen geht ein anderer Weg von AUlach 
aus über den Hoch/copj (mit prächtiger 
Aus-iichi) ins Isar- Thal, der in ca. i St. in 
die Vorder • Riss führt. 

Auf den <* Uerzogstand (5583 F.) ohne 
Fübrer in 3 St. mit Proviant. Es ist der 
Haupt.aussichts-Punkt dieser Gegend und sein 
Hesuth dringend zu empfehlen. 10 Min. 
hinter dem Wirthshaus von Urfeld auf diT 
,,Al>sätz'\ der Stiasso über den Kessciborg, 
zeigt ein Wegwoieer 1. den Anfang dos 
königlichen Reitweges an. der bei ganz be- 
quemem Steigen zum Gipfel führt. Nnc-h 
V« St. eine Ruhebank mit herrlichem Blick 
auf den Walchensee, rückwäns ins Fladi- 
land und auf dessen Seen; dann weiter in 
eine Mulde, r. die mächtigen Felsenwände. 
in denen der Herzogstiind nach dieser Seito 
abstürzt. Der Reitweg führt in bequen:en 
10 



451 35. Eoute: Alte Poststrasse von München nach Innsbruck. 



452 



Windungen 1. über einen Kücken in das 
oberste Hoch-Thal, wo eine dürftige Alphütte 
steht. Am Ende des Hoch -Thaies erreicht 
man die königlichen Pürschhäuser (für Berg- 
Touristen nicht zugänglich; es wohnt zwar 
während des ganzen Jahres ein Jäger 
<iroben, bei dem aber nichts zu erhalten ist). 
Der nächste Weg führt beim Handweiser r. 
ab, in einer Menge von Windungen den mit 
Xiatscheu (Legföhren, Krummholz) bewach- 
senen Hang hinan , mit dem sich der Gipfel 
gegen das Hoch - Thal absenkt. Der Gipfel 
besteht aus einem kleinen, künstlich geeb- 
neten Plateau, auf dem eine verschlossene 
königliche Schutzhütte erbaut ist. Die Aus- 
sicht zählt zu den schönsten, welche über- 
haupt Höhepunkte der Bayerischen Vor- 
iilpen erschliessen. Sie umfasst den Kochel- 
iind Walchen-See zugleich; über den ersteren 
hinaus dehnt das Flachland in unabsehbarer 
Ebene gegen Norden sich aus. Der Starn- 
berger See glänzt hell herauf, alle Orte an 
demselben sind deutlich zu erkennen, selbst 
München, wenn es nicht vom Dunst zu sehr 
eingehüllt ist. Gegen Süden, zu Füssen, der 
Walchensee und darüber die gigantischen 
Mauern des Karwendel , an welche sich 1. 
die Gebirge der Riss (S. 500) und derer am 
Achensee (S, 518) anschliessen. R. ragt 
das starre Wetterstein -Massiv auf, und 
zwischen ihm und der Karwendel -Gruppe 
(im Tsar-Thal-Einschnitt) schauen ein Theil 
der Seirainer- und Stubayer- Ferner (Hoch- 
grindl etc.) im Tyrol herein. Selbst einige 
Gipfel der Tauern sind im Südosten sichtbar. 
Oestl. und westl. überblickt man einen 
grossen Theil des Bayerischen Hochlandes. 
Wer in dieser Gegend reist, sollte bei günstiger 
Witterung und hellem Horizont es nicht ver- 
säumen diesen, selbst schwächlichen Leuten 
gut zugänglichen Höhenpunkt zu ersteigen. 
— Den Hinabweg nach Schlehdorf (S. 447) 
findet man ohne Führer nicht; überdies 
gehören berggewohnte Gänger dazu. Vom 
Herzogstand über den schmalen Grat in 
1 St. auf den Heimgarten (S. 448) mag schwin- 
delfreien, eigentlichen Montanisten überlassen 
bleiben; Sonntagsgänger werden davor ge- 
warnt. Führer ist zu letzterem nöthig. Die 
Jöcher-Alm ist gleichfalls von Urfeld aus 
leicht und bequem zu besteigen, jedoch nicht 
ohne Führer. Der Grat, dessen Besteigung 
für mit Schwindel Behaftete nicht empfeh- 
lenswerth ist. fällt gegen Nordwesten fürch- 
terlich ab; von oben kann man über die 
JCoth-Aipe nach Kochel zurückkehren und 
auch ziemlich beschwerlich in die Jachenau 
(S. 4!)i)) liinabstoigen. 

Fusswanderer, welche in einem 
Tage von München bis Mittenwald 
gehen wollen (keine übermässig an- 
strengende Tour), können den Weg be- 
deutend abkürzen, wenn sie von Urfeld 
aus bis zur Mündung der Obernach oder 
doch wenigstens bis zuna „Zwergern'^ in 
ly^ St. sich über den See fahren lassen. 



Auf dem See in der Mitte desselben 
vollständigere Aussicht, hier auch auf 
die Zugspitz (S, 485). L. das un- 
bewohnte Eiland Sassau, Lieblings- 
platz des verstorbenen Königs Max von 
Bayern , der in diesen Gebirgen einen 
bedeutenden Wildstand unterhielt und 
oft hier frühstückte. Der jetzige König 
Ludwig IL jagt gar nicht, ist aber 
grosser Gebirgsfreund und kühner Ge- 
birgssteiger und Reiter. Der See ist 
berüchtigt durch die Lauinen seiner 
Berge und durch die Stürme , bei denen 
sich kein Schiffer hinaustraut und die 
jeden Nachen unfehlbar an den steilen 
Felswänden zerschellen würden. Es 
ist unglaublich, wie der Föhn auf diesem 
See wüthet. 

Die Poststrasse läuft unter den Ab- 
stürzen des Herzogstandes und des 
Heimgartens in 1 St. bis Dorf Walchen- 
see, das unendlich einsam und melan- 
cholisch an einer tief ins Land ein- 
schneidenden Seebucht liegt. Gegenüber 
das Klösterl, eine uralte Ansiedelung, 
ehemals eine Villegiatur der Bene- 
diktiner von Benediktbeuern; eine 
Volkssage lässt den Kaisermörder Jo- 
hannes Parricida dort gestorben und 
auf dem verwitterten Kirchhof begraben 
sein. Die Klausur des Klosters ist, 
wenn auch zerfallen, noch deutlich 
sichtbar. Unendlich trostlose Einsam- 
keit brütet über dem alten Gemäuer. 
Wer Zeit hat, wird im *Posthause gut 
übernachten und kann sich an den 
köstlichen Saiblingen oder Forellen, 
welche von den Klosterherren seiner 
Zeit in den Walchensee verpflanzt 
wurden, ingründlich delektiren. 

Von Walchensee (mit Führer) in 3 St- 
durch das Esclicn-Lahn-Thal nach Eschen« 
lohe (S. 471) auf die Parteukirchner Strasse. 
Im Eschen -Thale die fast noch unbekannte 
Klamm *„der jähe Tod", ,,eine der furcht- 
barsten Schluchten, welche man sehen kann. 
Wer einmal von einem Ahornbaum, den 
man fest umarmen muss, über den stiebenden 
Schlund sich gebeugt hat, geht zum zweiten 
Male nicht an diese Stelle". (Noe.) 

Ebenso ist der Heimgarten von hier j 
aus, aber nur mit Führer in 3 bis 4 St. be- 
schwerlich über der oberen Alpe zu ersteigen. 

Die Poststrasse steigt bald hinter i 
dem Dorf über den Rücken des KatzeU' 



453 



3G. Route: Der Amiuersee. 



454 



hopfes an; Fussgänger schneiden dieses 
unangenehme Stück Weges ab, wenn 
sie vom Posthaus aus um die Land- 
spitze des Klösterl sich herumfahren 
lassen und beim ^^Zicerger"' der zweiten 
Landspitze aussteigen, wo sie ein an- 
genehmer Fussweg in y^ St. wieder 
auf die vom Katzenkopf herunter- 
kommende Strasse bringt, die hier 
nochmals an den See herantritt , und 
über die Obernach^ einem aus den 
Schluchten des Simetshergea kommen- 
den Bach setzt (Echo). 

Die Strasse führt immer neben der 
Ohernach an dem einsamen Sachsensee 
vorüber; r. am Berge oben ein Wasser- 
fall , dessen Rauschen man schon lange 
vorher hört; in ca. l-^/g St. durch das 
menschenleere Thal nach Wallgau. 
Oberhalb des Dorfes schöner Blick auf 
das hier sich öffnende hx&iie, Isar - Thal, 



den riesigen Karwendel und den Wetter- 
stein. VonWaligau in VgSt. nachKrim 
(S. 502), woselbst ein Wirthshaus steht. 

Wer nach Partenkirclien (S. 473) 

will, geht von Wallgau aus am Barm- 
und Wagenbrech-See vorbei in 2 St. 
nach Gerold, an der Poststrasse ge- 
legen, welche von Mittenwald (S. 502) 
nach Partenkirchen führt. Nach 
längerem Regenwetter ist dieser Weg 
jedoch nass und sumpfig, deshalb ist 
es besser, die von Krün aus nach 
Klais auf die Par tenkirchen-Mit- 
tenwalder Poststrasse führende 
Chaussee zu benutzen. 

Vor Wallgau mündet die Poststrasse, 
welche aus dem menschenleeren Isar- 
Thal von Tölz (S. 496) und LänggHes 
heraufkommt, ein. 

Von hier bis Mittenwald noch 3 St. 
(vergl. K. 39) und weiter ins Inn-Thal. 



Ammersee — Oberammergau. 
36. Route: Peissenberg, Ammer- und Graswang-Thal 



Der Ammer see ist kein Tou- 
ristenziel, aber interessant und be- 
suchenswerth ; — das Dorf Ober- 
ammergau ist Reiseziel, vornehmlich 
alle 10 Jahre (beim Beginn jedes neuen 
.Decenniums), wenn daselbst an einer 
Reihe von Sommer - Sonntagen das 
weltberühmte Passions -Spiel (S. 465) 
zur Aufführung kommt. Beide Gegen- 
den können getrennt oder in Verbindung 
mit einander bereist werden. 

1) Der Ammersee, 

den das gegenwärtige Linien -Netz des 
Bayerischen Eisenbahn - Systems fast 
nusser allen Verkehr gesetzt hat, ver- 
dient diese Vereinsamung nicht, ob- 
gleich er seinen landschaftlichen Reizen 
nach, mit seinem Nachbar, dem Starn- 
berger See, freilich nicht konkurriien 
kann. IMan gelangt zum Animor- 

^^ee mit der Eisenbahn von München 
n^ch Stat. Maisach (S. 241). 

1 St. II. 39 ur. 111. 27 kr. Der Eilzug 
Ji.ilt uiclit. 



Von Maisach mit Postomnibus 
(12 kr.) in V2 St. nach 

Brück (Gasth. Zur Post. — 3Iarht- 
hräuj , das, gleich hinter dem Walde, 
freundlich an der Amper liegt. Der 
lebhafte wohlhabende Ort wird neuer 
Zeit seiner stärkenden Amperbäder 
wegen häufig als Sommer - Aufenthalt 
erwählt. — V4 St. weiter am rechten 
Ufer, fiussaufwärts, das Kloster Fürstcn- 
feldbrnck, früher Invaliden -Anstalt mit 
zopfig -dekorirter Kirche von 1718. 

Das 1803 säkulariairte Cisterzienser- 
Kloster vordaukte soiue Gründung dorn 
Bus3 -Gelübde Ludwig des Strengen, der 
seine Gattin Maria von Brabaut (125H) nn- 
schuldig in Donauwörth (S. 51) hatte liiu- 
richteu lassen. 

Unfern von Brück , auf dem sogen. 
Kaiser - Anger, eine einfache Pyramide 
aus Kttaler Marmor (S. 460) mit der 
Inschrift: „Hier starb in den Annen 
eines Bauern vom Tode überrascht am 
11. Okt. 1347 Ludwig der Bayer, 
1 römischer Kaiser". — Auffallend ist 



455 



36. Route: Der Ammersee (Berg Andechs). 



456 



die hässliche sogen. Dachauer- oder 
Gloner- Tracht der Bauernweiber. 

Im freundlichen Amper-Thale auf- 
wärts über Schöngeising (einst Ueber- 
gangs - Station einer Eömerstrasse über 
die Amper) , Wildenroth und Grafrath 
(altes Kloster, gestiftet von einem 
Grafen Basso, f 954, der hier begraben 
liegt, und dessen Gebeine als Reliquien 
verehrt werden. Vielbesuchter Wall- 
fahrtsort) nach 

Ilining 5 Kreuzungs - Punkt der 
München- LundsbeiJger Poststrasse, am 
nördl. Ende des Ammersees. Einige 
Minuten westl. vom Dorfe beim Weiler 
Stegen verlässt die Amper, als Aus- 
fluss des Sees , dessen Becken ; der aus 
dem Gebirge kommende Zufluss heisst 
die Ammer. Der Ammersee, 1661 F. 
üb. M., 47^ St. lang, 1 bis 1 Vg St. breit, 
264 F. tief, 10 St. im Umfange, liegt 
fast parallel mit seinem Nachbar , dem 
Starnberger See. In seinen stillen 
grünen Gewässern , auf denen selten ein 
Boot zu sehen ist, gedeihen die Renke 
und der Saibling (Forelle) nicht, da- 
gegen der Amaul, ein ganz delikater 
Fisch , welchen man in Andechs ver- 
suchen mag. Wegen seiner offenen 
Lage wird der See sehr von Stürmen 
heimgesucht. Die westl. Ufer wer- 
den , als die weniger anziehenden, 
selten besucht. 

Längs desselben liegen der hübsche 
Marktflecken Greifenlberg mit Schloss des 
Freiherrn v. Perfall, in welchem Orte 
neuester Zeit eine Bade-Austalt (eisenhaltige 
Lithiouquellen) für arsenhaltige Eisenoker- 
Bäder (Dr. Schleiffer, Badearzt) otablirt 
wurde, — darm Schondorf, Utting, Holxhausen, 
liiederau und Dicssen (oder Bayerdiesseu), 
M.arktflecken mit ehemaligem Kloster, 
jetzt Scliloss des Grafen Pestalozzi, hüb- 
schem Schlossgarten, Klosterkirche etc. Hier 
kreuzt die Poststrasse von Landsberg (S. 2i6) 
nach Weilheim. 

Eine Fusswanderung längs der östl. 
Seegestade führt zunächst zwischen 
diesen und dem 1. in stiller Wald- 
einsamkeit liegenden kleinen Wörthsee 
(auf dessen Inselchen ein vielbesuchtes 
W'irthshaus steht) hindurch nach See- 
feld am kleinen Pilsensee (Brauhaus). 
Wer Zeit hat, versäume nicht düs 
ßchloss (des Grafen Törring-Seefeld) mit 



schönen Anlagen zu besuchen ; Schloss- 
kapelle mit Marienbild, hübsche Waffen- 
sammlung und ein altes Theater. Im 
Park eine nette Spielerei, das Dorf 
Eintrachtshausen , zierliche Häuschen, 
früher im Sommer von der gräflichen 
Familie und ihren Gästen bewohnt. 

Nach Andechs benutzt man den 
Fahrweg, längs dem östl. Ufer des 
Pilsensees, über Hersching, dann durch 
eine recht schöne Waldschlucht des 
Kien - Thaies hinauf auf den 

Heiligen Berg Andechs (2415 F. 

üb. M.). Einst stand hier die Burg^ 
des uralten und mächtigen Geschlechtes 
derer von Andechs , die in ihrer Glanz- 
periode sogar Herzoge von Meranien, 
Kroatien und Dalmatien sich nannten, 
deren letzte Sprossen aber schon um 
1248 ausstarben. Die Burg war schon, 
vorher von Herzog Ludwig I. von 
Bayern zerstört worden , weil der Graf 
V. Andechs Theil genommen haben 
sollte an der Ermordung Kaiser Philipps 
von Schwaben (1208) durch Otto vou 
Witteisbach in Bamberg (S. 79). Im 
nächsten Jahrhundert (1388) hatten 
Klostergeistliche von Grafrath (S. 455) 
eine Menge von Kostbarkeiten und 
Reliquien in Bedrängniss der Kriegs- 
zeiten hier herauf geflüchtet und an 
einem verborgenen Orte vergraben, 
waren dann vertrieben worden, starben 
und Niemand wusste, wo die Kirchen- 
schätze und Heiligtliümer lagen. Da, 
so berichtet die Sage, sei während der 
Messe ein weisses Mäuschen am Altar 
hinaufgeklettert und habe dem Priester 
einen Zettel auf das Evangelienbuch 
gelegt, auf welchem genau Ort und 
Stelle der verborgenen Kleinodien ver- 
zeichnet gewesen sei; Nachgrabungen 
führten zum Fund, Nun brach eine 
glänzende Zeit an; Andechs wurde 
Wallfahrtsort ersten Ranges, und heute 
noch strömen Tausende von Pilgern 
aus dem katholischen Süd -Deutschland 
zur Verehrung der hier ausgestellten 
Reliquien herbei. Das Kloster, 1460 
von Herzog Albrecht III. gegründet, 
war 1803 radikal geplündert worden; 
König Ludwig I. liess es wieder her- 



I 



457 



',6. noute: Der Ammersee — Der Peissenberg. 



458 



stellen und gegenwärtig ist es Xovizen- 
haus für die Benediktiner in München 
(S. 353). Vom Thurme (Schlüssel beim 
Küster) umfassende Aussicht. Im 
Wirthslifiuse ist oft kein Platz, — dann 
suche man Unterkommen in dem etwa 
5 Min. entfernten Dorf Erlivg. 

Südlich weiter, Fahrstrasse über 
Fischen nach 

Pälll, freundliches Dorf, beliebter 
Sommerfrischort der münchner Künst- 
ler, mit Aussicht nach dem Gebirge, 
% St. nördl. von der Bahnstat. Wilz- 
hofen (S. 458). Oben, auf der Stätte, 
wo einst das alte Schloss Pähl mit 
einem festen viereckigen Thurme stand, 
an den sich schauerliche Sagen von 
heimlichenGerichten knüpften, stehtjetzt 
das originelle Landhaus des berühmten 
PhotographenHanfstängl„Hochschloss" 
genannt. Hinter demselben der * /So?!- 
nenhügel , von welchem prächtige Aus- 
sicht auf die Alpeuwelt und über einen 
Theil des Ammersees. Nahe beim Dorfe 
hiibsche Schlucht des Baches. 

Von hier entweder über Stat. Wilz- 
hofen (S. 458) nach Weilheim (S. 469) 
imd auf den Peissenberg (Panorama 
S. 458), — oder über (1 St.) Stat. 
Diemendorf (S. 458) an den Starn- 
berger See (R. 34). 

Von München auf Berg Andechs ist der 
kürzeste Weg: Eisenbahn nacli Starnberg 
(S. 435 bis 437); von da ordentliche Fahr- 
strasse über Söcking , Berchting und Land- 
stetten in SVa St. 

Von München nach Pähl, direktester 
Weg: Eisenbahn nach Fehbifing (S. 438), 
dann zu Fuss nach Traubhig über ein 
Moos in 2 St. 



2) Der Peissenberg. 

Der Peissenberg ist der Rigi des 
Münchner Hoch - Plateaus und deshalb 
während der guten Jahreszeit ausser- 
ordentlich vielfach besucht, namentlich 
seit die Eisenbahn bis an seinen Fuss 
führt. 

Eisenbahn: Tägl. S Züge von Miinolien 
n)«ch .Stat. Ptissenberg , iii 2^'t. St. 1. 2 fl. 
42 kr. II. 1 fl. 48 kr. 111. 1 fl. 12 kr. — 
Für Wtilheim gibt os Tagesbillets für toiir 
und rotour II, 2 11. 15 kr. III. 1 fl. 3Ü kr. 



Von Miinclieii bis Tutzing (S. 435 

bis 439). Hier zweigt die VV'eilheim- 
Peissenberger Bahn r. westl. ab. — In 
Tutzing 10 bis 15 Min. Aufenthalt. — 
Ueber die Stat. Memendorf und Wilz- 
hofen^ V. die Ammer und das Weilheimer 
Moos nach 

Stat. Weilheim (Post. — Bräu- 
tuastlj, freundliches Städtchen, südöstl. 
von der Bahn, mit 3130 Einw., im 
Jahre 1834 grösstentheils abgebrannt; 
Haupt-Ausgangs-Punkt für Post- 
un d Wagen - Fahrten nach Ober- 
ammergau (vergl, S. 459 bis 464) 
und durch das Loisach-Thal (R. 35) 
über Murnau (S. 470) nach Garmisch 
und Partenkirchen (S. 473 bis 474). 
Vorläufiger Endpunkt der Bahn ist die 

Stat. Unter -Peissenberg", wo die 

grossen Steinkohlenwerke, dem könig- 
lichen Staats-Aerar gehörig, ausgebeutet 
werden. Von hier entweder die in 
schöner Umgebung stark ansteigende 
Landstrasse hinauf bis (2 St.) Hotten 
und von da in % St. auf den Gipfel des 
Peissenberges, — oder was Fussgängern 
mehr zu empfehlen ist, nach Bad Sulz 
('2 St.) und von da in % St, bequemer 
Weg hinauf. 

g^ Unter - Peissenberg ist auch 
A US gangs- Station für die Tour 
nach Oberammergau über Pei- 
ting; vergl. R. c), S. 463. 

Der *Hohe Peissenberg (3ii5 F. 

üb. M.), rings mit bewaldeten Abhängen 
überdeckt, ist durch seine, ins Hoch- 
tiachland weit vorgeschobene , isolirte 
Lage einer der umfassendsten Aussichts- 
Punkte an den letzten Ausläufern der 
Bayerischen Voralpen und bei hellem 
Wetter sehr besuchenswerth. Auf 
seinem breiten Gipfel steht eine Wall- 
falirts-Kirche, ein Kloster, das Widdum 
(Pfarrhaus mit meteorologischer Station 
und Observatorium) und ein Wirths- 
haus zum Uebernachten, das sehr be- 
scheidenen Ansprüchen etwa genügt. Der 
Herr Pfarrer beherbergt Niemand, ge- 
stattet aberallcntalls den Zutritt zudem 
aussichtreichen Observatorium. 

Durch L. Steubs liöchst witzige Sohil- 
deruDg (in seinem präcbtigeu Buche, ,,L)aa 



459 



36. Route: OberammersraiL 



460 



Bayerische Hochland", S.545 u. s.f., hat das 
hier oben aufliegende Fremdenbuch Be- 
rühmtheit erlangt. 

Die Rtindsicht ist wahrhaft präch- 
tig: gegen Norden geht sie weit über 
Augsburg und München hinaus; das 
Fichtelgebirge (R. 11) und der Böhmer- 
wald schliessen als blaue Linien den 
Horizont ab. Das südl. Hemiorama 
füllen die Hunderte von Gipfeln und 
Zacken der Salzburg-Tyrol-Bayerischen 
Alpenwelt, zu deren Nominations -Auf- 
findung das beikommendePanoranaabe- 
hülflich sein wird. Hinabwege: a) 
Von der Kirche geht ein Weg durch 
den Wald hinunter ins Ammer -Thal 
über Böbing nach Rottenhuch , der aber 
bei oder nach anhaltendem Regen 
schwer zu passiren, überhaupt ohne 
Führer nicht gut zu finden ist. — b) 
Der beste Weg ist der über Bad Sulz 
wieder hinab, wenn man ins Ammer- 
Thal (Murnau, Oberammergau) will 
und wenn man Post oder Wagen zur 
Weiterreise benutzen will, zurück bis 
Weülieim (S. 458) , — oder c) für Fuss- 
gänger von Unter - Peissenberg (S. 4:5S) 
über die Ammer nach St. Wolfgang 
(bleibt 1.) und über Hausen und Hugel- 
fing gute Strasse auf die Weilheim- 
Murnauer Poststrasse. — d) Wer nach 
Füssen und Hohenschwangau (R. 30) 
will, geht nach Hotten (S. 458) hinab 
und auf der Strasse über Hausen nach 
(272 St.) Peiting (S. 253). 



3) Nach Oberammergau. 

Von München aus gibt es nächst 
noch anderen hauptsächlich vier ver- 
schiedene fahrbare Wege : 

a) Von Münclieil Eisenbahn nach 
Weillieim (S. 435 und S. 458), hier 
Vorm. d% Uhr und Abds. 8 Uhr Post 
durch wenig interessante Gegend über 
Ettingu. Spatzenhausen nach (2'/^ Meil.) 
Murnau (S. 470). Dann die westl. 
abzweigende Strasse durch hügeliges 
Terrain, 1. oben die Schönleite, Stieralp 
und das Hörnle (4531 F. üb. M.) nach 
(3 St.) Kohlgrub (Gasth. zum Schwar- 
zen Adler bei Fend, der auch als Lohn- 
kutscher für Reisen infe Gebirge Wagen 



vermiethet) und noch Vz ^t- hinaus 
nach Saulgruh auf die von Peiting 
(S. 463) durch das Ammer-Thal laufende 
Strasse (vergl. Weg c, S. 462). 

b) Von Müuchen über Weilheim 
und Murnau die gleiche Strasse wie bei 
dem Wege nach Garmisch und Parten- 
kirchen, R. 37 (S. 469 bis 471), bis 
Oberau. Hier muss man dem Fuhr- 
werk Valet sagen und zu Fuss den 
ziemlich steilen Weg über den Ettaler 
Berg , theils schön waldig, theils alpine 
Andeutungen in der Umgebung, hinaii- 
steigen. Schon von Weitem erblickt 
man die weitläufigen Kloster - Gebäude 
von Ettal^ einst Sitz einer weitberühm- 
ten Benediktiner-Abtei und Ritter-Aka- 
demie, seit 1802 säkularisirt. 

Kaiser Ludwig der Bayer, als er 
1330 aus Italien heimkehrte, führte ein lieb- 
liches Marienbild bei sich, dem er, einem 
Gelübde zufolge, ein Kirchlein und ein 
Kloster irgendwo bauen wollte. Als er nun 
den Ettaler Berg hinanritt, ward mit einem 
Mal, wie die Gründungs-Legende berichtet, 
das Bild in seinen Armen so centnerschwer, 
dass er nicht mehr weiter zu kommen vor- 
mochte. Er sah es als einen Wink des 
Himmels an, dass er hier sein Versprechen 
lösen solle, Hess die Waldung Ampferancf 
ausreuten und den Grund zum Kloster 
Ettal legen. Aber ein ganz neuer Orden 
sollte in demselben erstehen. Der Kaiser 
hatte Wolfram v. Eschenbachs grosses Ge- 
dicht ,,Titurel" gelesen und war von den 
mystischen Aufgaben und Bestimmtingeu 
des heil. Gral auf dem Berge Monsalvatsch 
so mittelalterlich - ritterlich eingenommen, 
dass das von ihm zu gründende Stift aucli 
einem geistlichen Ritterthume dienen sollte. 
Dass der Kaiser diese Idee auch auszu- 
füliren versuchte, dafür ist die Regel ein 
Beleg, welche den Insassen des Stiftes vor- 
geschrieben wurde, und die Eigeuthüm- 
liclikeit des Baues selbst, der freilich diircli 
spätere Ein- und Anbauten mehrfach beeiu- 
träclitiget wurde. 

Es ist eine Rotunde, die auf zwöl 
Chöre berechnet war; die Umgänge des 
Tempels , der Kreuzgang mit seinem 
schlanken Rippenwerk und den spitzen, 
stumpfen und rechten Winkeln im 
Grundriss zeigen noch deutlich die 
Zwölfzahl der Chor - Kapellen. Ein 
grosser Brand brachte 1744 dem Kloster 
grossen Schaden. Die zopfige Bau 
weise jener Zeit zog nun mit ihre; 
wohlmeinenden Verbesserungen in di 
alten höchst originellen Ueberreste ä 



i' 



1 

i 



461 



36. Route: 01)erainmergan. 



4g:j 



Original -Baues ein, Hess die in künst- 
lerischer Formentrunkenheit und blen- 
dender P^irbenbuntheit prangenden 
Deckengemälde 1779 von dem Tyroler 
Martin Koller malen und ausserdem 
die Kirche mit Stukkaturen , Schnitze- 
reien und Vergoldungen förmlich über- 
laden. In dieser Kirche wird noch das 
vom Kaiser gestiftete, aus weissem 
orientalischen Porphyr skulptirte Ma- 



und zur Seite desselben öffnet sich der 
Eingang in das Graswang-Thal(S. 468). 

Exkursion auf das Ettaler Manul (5591 F. 
üb. M.) '6 St. Ein auf der Höhe isolirt, fast 
senkrecht aufragender Felseukegel liat dem 
Berge deu Namen gegeben. ,,Mannl oder 
Mandel", d. h. ,,Mänuchen", werden im 
Gebirge auch noch jene aus Steinen aufge- 
bauten Pyramiden genannt, welche Berg- 
gäuger entweder als Richtungszeichen kon- 
struiren oder als Zeichen , dass der betref- 
fende Punkt bereits erstiegen sei, Linter- 




Eintritts- Routen nach Oberammergau. 



donnenbild (angeblich aus der Seliule 
des Andrea Pissnno), dessen Beschädi- 
gungen verdeckt werden, aufbewahrt. 
Die Orgel ist ein kolossales Werk. 
Jetzt dienen die Klostcrgcbäude einer 
grossartig - eingerichteten , dem Grafen 
Pappenheim gehörigen Brauerei. Rings- 
um dehnt sich ein lieblicher Wicscn- 
grund aus, eingerahmt von frischen 
Buchen- und Ahorn- Waldungen; gegen 
Nordwesten ragt die furchtbar steile 
Wand des Kofels auf, nur hie und da 
mit kleinem Strauchwerk überkleidet 



lassen. Die .\ussicht ist nicht genügend loh- 
nend, und steht liinter denen, welcho man 
vom Herzogeustaud (S. 450), Krottoukopf 
(S.484) etc. viel leichter-liabeu kann, zurück. 

Ins Gfiiswang-Tlial, vergl. S. 4(;8. 

Der Weg nach Oberamnicrgau, 
unvermuthet r. um die Felsen sich 
wendend , eröffnet plötzlich einen Aus- 
blick in das breitere, gegen Westen 
scheinbar mit der Ebene zusammen- 
hängende Thal, das von stattlichen 
Ortschaften belebt ist. In demselben 
liegt (^l St. von EttaO al.s Hauptort das 
stattliche Dorf Oberaminergau (S. 4G4). 



4G3 



36. Eoute: Oberammergau. 



4G4 



c) Von Miinchen Eisenbahn bis 

Unter ■ Peissenberg" (vergi. s. 436 

iind458}. Von hier Post nach (2y2Meil,) 
Schongau, Vorm. 8^/4 und Abds. 8 Uhr 
in 372 ^^- ' ^^ ^^- ^^'^ braucht aber 
nur bis Peiting" zu fahren. Von da 
zu Fuss oder mit Lohnkutscher weiter. 
Fortwährend herrliche Aussicht aufs 
Gebirge und malerische Veduten, die, 
beständig wechselnd, auf die tief unten 
brausende Ammer und auf ihre Thal- 
schlucht sich eröffnen. In letztere er- 
giessen sich von allen Seiten Wildbäche 
und gestalten so eine Reihe von Land- 
schaftsbildern, die diese allerdings 
sehr einsame Wanderung zu einer 
touristisch höchst genussvollen machen. 
Der Weg von Peiting (S. 253) läuft 
über Rottenhuch, ehemaliges Augustiner- 
Kloster, in dessen Nähe Ueberreste 
einer Römerstrasse zu erkennen sind 
(im Mittelalter ging die Handelsstrasse 
von Venedig, — ■ ,, Rottstrasse'' genannt, 
hier durch) , vor Escheisbach über die 
Ammer, am Bayersoyen und dem kleinen 
Soyensee vorbei nach Saulgruh , wo die 
von Murnau über Kohlgruh (S. 459) 
kommende Strasse a) einmündet. Der 
Weg tritt nun in entschiedeneres Berg- 
land ein, r. im Vorblick der Hoch- 
Schergen und die Felsenkette des Hohen 
Trauchhergs, l.ohQW das Vordere Hörnle, 
iin dessen Fuss die Fahrstrasse hinläuft ; 
geradeaus schliesst der Sonnenberg 
(5630 F.) und der Brunnberg , hinter 
denen das Graswang-Thal (S. 468) liegt, 
den Thal-Einblick. Bei Uuterammer- 
g'au (1. oben der Grosse und Kleine 
Au/acJcer, 4947 F. üb. M.) abermals 
über die Ammer, an deren linkes 
Ufer. Das nette freundliche Dorf 
wurde nach einem grossen Brande 
so aufgebaut, dass alle Häuser ihre 
Front der Sonnenseite zukehren; Bre- 
chen, Bearbeitung und Versenden der 
Mühl-, Schleif- und Wetzsteine, welche 
im Schleifmübltobel gebrochen werden, 
ist Hauptbeschäftigung der Einwohner. 
In 1 St. nach Oberammergau (S. 464). 

d) Von München Eisenbahn längs 
des Starnberger Sees bis an dessen 
Süd -Ende (S. 439) zur Stat. Staltacll 



und von hier mit (an Vorabenden deitAj 
Passions - Spieltage bereit stehenden}« | 
Omnibus oder anderer Fahrgel